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Das Haus des Patriarchen

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Das Haus des Patriarchen

Tala saß auf der Bettkante und sah mit einem süffisanten, hochgezogenen Mundwinkel zu, wie Lumina engagiert versuchte, sich aufzustellen. Sie glitt aus den Laken, stellte die nackten Füße auf den Teppich und wollte sich stolz aufrichten... doch kaum verlagerte sie ihr Gewicht, gaben ihre Knie schlagartig wieder nach.

Ein kurzes, keuchendes Lachen entkam ihr, als sie entgeistert feststellen musste, dass ihre Beine noch immer völlig nutzlos waren und sich anfühlten wie Wackelpudding.

Tala schnaubte tief durch die Nase... ein belustigtes, grollendes Geräusch... , stand in einer einzigen fließenden Bewegung auf und war mit zwei langen Schritten bei ihr.

„Siehst du? Sagte ich doch“, brummte er mit seiner tiefen, rauen Stimme. Noch ehe Lumina protestsicher den Mund öffnen konnte, griff er zielsicher unter ihre Kniekehlen und an ihren Rücken. Mit absoluter Leichtigkeit hob er sie vom Boden hoch und brachte sie mühelos auf die Beine... oder besser gesagt, in seine Arme.

Lumina schlang kichernd die Arme um seinen starken Nacken, strich sich das silbrig-weiße Haar aus dem Gesicht und blickte ihn aus ihren magentafarbenen Augen herausfordernd an.

„Die zwei Stunden von Daddy's Ultimatum laufen ab, Rotschopf“, sagte sie mit einer rauchigen, amüsierten Stimme. „Sein Sicherheitsteam steht unten mit ziemlicher Sicherheit Spalier. Aber wir hauen nicht ab. Du kommst mit mir nach Davies Manor.“

Tala hielt inne. Für einen Herzschlag verengten sich seine eisblauen Augen, während er sie musterte. Sich freiwillig in das Hauptquartier des unerbittlichen Patriarchen zu begeben... in das ehrwürdige, streng bewachte Anwesen mitten im Herzen der britischen Elite... , war kein Spaziergang. Es war eine offene Ansage.

Ein langes, raubtierhaftes Grinsen breitete sich auf seinen harten Zügen aus. Die ungezähmte Lust an der Konfrontation blitzte in seinem Blick auf.

„Du willst den alten Mann also direkt in seinem eigenen Revier herausfordern?“, knurrte er amüsiert und drückte sie noch ein Stück fester an seine breite Brust.

„Nicht herausfordern“, korrigierte Lumina keck und hob trotzig das Kinn. „Wir zeigen ihm einfach, dass wir uns von ihm nicht diktieren lassen, wann wir zu erscheinen haben. Außerdem... will ich sein Gesicht sehen, wenn du plötzlich neben mir stehst.“

Tala stieß ein tiefes Schmunzeln aus, das in seiner Brust vibrierte. „Von mir aus. Wenn der Patriarch eine Audienz will, soll er sie bekommen.“

Er dachte gar nicht daran, zu warten, bis ihre Beine wieder gehorchten. Tala zog sich kurz mit einer Hand seine Boxershorts und Hose über ehe er sich das Shirt überstreifte, während er Lumina sicher auf seiner Hüfte abgestützt hielt. Sie zog sich ihr Kleid glatt, ehe er sie kurzerhand komplett auf seine Arme nahm und sie wie eine selbstverständliche Kostbarkeit aus der Hotel-Suite trug.

Als die verglasten Türen des Luxushotels aufglitten und die kühle Londoner Nachmittagsluft ihnen entgegenschlug, bot sich auf dem Vorplatz genau das erwartete Bild: Zwei makellos polierte, schwarze SUVs blockierten die Auffahrt. Mehrere durchtrainierte Männer im Maßanzug... das elitäre Sicherheitsteam von Lord Eric Davies... standen straff aufgetreckt bereit.

Als die Leibwächter sahen, wie Tala Valkov aus dem Hotel trat... den unbeeindruckten, gefährlichen Blitz in den eisblauen Augen und die Tochter ihres Dienstherrn auf den Armen tragend, deren Beine schlapp über seinen Armbeugen baumelten... , erstarrte die gesamte Truppe.

Blicke wurden gewechselt, Münder blieben leicht offen stehen.

Lumina, die den Kopf entspannt an Talas breite Schulter gelehnt hatte, winkte den Männern mit einem zuckersüßen, unverschämten Lächeln zu.

Der Hüne von einem Sicherheitschef trat unsicher einen Schritt vor, blickte irritiert zwischen Lumina und dem Russen hin und her und versuchte, seine Fassung wiederzufinden.

„Miss Davies...“, stammelte er für einen Moment völlig aus dem Konzept gebracht, ehe er sich fing. „Lord Davies erwartet Ihre sofortige Rückkehr. Wir sind angewiesen, Sie—“

„Öffne einfach die Tür“, schnitt Tala ihm mit eiskalter, rauer Präzision das Wort ab. Seine tief vibrierende Stimme duldete nicht den kleinsten Einwand.

Der Sicherheitschef schluckte spürbar, warf einen Blick auf die muskulöse, unerschütterliche Aura des Bladers und trat ohne ein weiteres Wort zur Seite. Er eilte voran und riss die Tür des hinteren SUV auf.

Tala beugte sich leicht vor und setzte Lumina behutsam auf dem edlen Leder der Rückbank ab. Noch ehe er sich zurückziehen konnte, griff sie nach seinem Revers, zog ihn kurz zu sich herab und hauchte ihm einen tiefen, provokanten Kuss auf die Lippen.

„Steig ein, Rotschopf“, flüsterte sie mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen. „Zeit für einen Hausbesuch.“

Tala schnaubte trocken, glitt geschmeidig neben sie ins Fahrzeug und zog die schwere Tür mit einem satten Knall zu, während die Kolonne in Richtung Davies Manor anrollte.

Der Wagen glitt sanft und mit gedämpftem Motorengeräusch durch das geschäftige Treiben der Londoner Straßen, während die getönten Scheiben des SUVs die Welt draußen in ein kühles, silbernes Licht tauchten. Lumina lehnte sich auf der luxuriösen Lederbank zurück. Ihre Beine waren nach den intensiven Stunden in der Suite noch immer zu schwer und kraftlos, als dass sie an ein normales Gehen hätte denken wollen, doch die Erschöpfung wurde von einem tiefen, warmen Gefühl der Zufriedenheit überlagert.

Stumm wandte sie den Kopf und betrachtete Talas markantes Profil. Er saß aufrecht neben ihr, die harten Linien seines Kiefers angespannt, während sein Blick stoisch und unbewegt aus dem Autofenster auf die vorbeiziehenden Fassaden gerichtet war.

Plötzlich huschten seine eisblauen Augen zu ihr herüber, scharf und wachsam, als hätten sie ihre Blicke auf seiner Haut gespürt.

„Was ist?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, in der kein Hauch von Ungeduld lag, wohl aber die unverkennbare Aufforderung, mit der Sprache herauszurücken. „Warum starrst du mich so an?“

Lumina schmunzelte leise, ein weiches, fast verträumtes Funkeln in ihren magentafarbenen Augen.

„Weil ich dich gestern zum ersten Mal habe lächeln sehen“, gab sie offen und ohne Umschweife zu.

Tala hielt inne. Die winzige Bewegung in seinem Kiefer stoppte abrupt. Langsam drehte er ihr den Kopf zu, bis sein vollständiger, intensiver Blick auf ihr ruhte. In diesem Bruchteil einer Sekunde spürte Lumina, wie eine plötzliche, fast schüchterne Hitze in ihre Wangen schoss und ihre Haut erwärmte, während seine wunderschönen, kalten Augen jede einzelne Regung in ihrem Gesicht musterten. Die Luft im Wagen schien mit einem Mal um ein Vielfaches dichter zu werden.

„Du hast dich verguckt“, knurrte er schließlich dunkel und leise, obwohl seine tiefe Stimme jegliche Schärfe vermissen ließ. „Ich habe nicht gelächelt.“

Lumina grinste schief, unbeeindruckt von seiner typischen Abwehrhaltung. Ohne zu zögern, hob sie die Hand und griff nach seiner großen Hand, die auf dem dunklen Polster zwischen ihnen lag. Sie tat es in dem Bewusstsein, dass er diesen plötzlichen Impuls von Intimität früher sofort reflexartig abgeblockt hätte.

Doch diesmal zog er sie nicht fort. Er ließ es tatsächlich zu. Seine langen, kräftigen Finger wichen keinen Millimeter zurück.

Lumina strich mit dem Daumen über seinen Handrücken, während ihre magentafarbenen Augen seinen Blick festhielten und die Anspannung in der Luft in pure, knisternde Nähe umschlug.

„Dieses leichte Schmunzeln gestern im Pub war das allererste Mal, dass ich so eine Regung an dir beobachten konnte...“, hauchte sie leiser, und die Bewunderung und Zuneigung in ihrer Stimme waren unüberhörbar. „...und es macht dich nur... noch attraktiver.“

Tala schwieg für einen kurzen, dehnbaren Augenblick. Die eisblauen Augen verengten sich minimal, während der Schatten eines fast unmerklichen Amüsements über seine scharfen Züge glitt.

„Nach dieser Aussage überlege ich tatsächlich, zu lachen“, kommentierte er mit seiner typischen, absolut trockenen Rauheit.

Er machte es jedoch nicht.

Stattdessen trat eine fast greifbare Reglosigkeit in seine Haltung. Eine feine, subtile Nuance von Befangenheit glitt über sein Gesicht... ein seltenes Gefühl von emotionaler Entblößung, das seine sorgsam gehüteten Mauern für den Bruchteil einer Sekunde ins Wackeln brachte.

Lumina entging diese winzige Veränderung nicht. Sie spürte augenblicklich den zarten Schutzreflex, der sich in ihm aufbäumte. Um ihn nicht weiter zu bedrängen oder zu überfordern, lockerte sie vorsichtig ihren Griff und wollte ihre Finger sanft von seiner Hand zurückziehen.

Doch dazu kam sie nicht.

Bevor ihre Hand das kühle Leder des Sitzes berühren konnte, schlossen sich Talas lange, schwere Finger um ihre Handfläche. Seine Haltung war fest, unnachgiebig und frei von Zögern, während er ihre kleine Hand sicher in der seinen gefangen hielt.

Lumina hielt überrascht den Atem an und blickte blitzschnell zu ihm auf. Ihre magentafarbenen Augen weiteten sich leicht, verblüfft von dieser unaufgeforderten, leisen Geste der Zuneigung, die vollkommen ohne Worte auskam.

Tala schenkte ihr keinen weiteren Blick. Völlig unbeeindruckt ließ er seine Augen wieder aus dem getönten Fenster des SUVs über die vorbeiziehende Kulisse Londons gleiten, während sein Griff um ihre Hand warm, stur und vollkommen besitzergreifend blieb.

Der Wagen glitt in stetigem Tempo durch den nachmittäglichen Londoner Verkehr, während das gedämpfte Summen des Motors und das vorbeiziehende Grau der Straßen eine fast meditative Kulisse bildeten.

Plötzlich durchbrach seine tiefe, raue Stimme die Stille im Fond des SUVs.

„Ich war das.“

Lumina blinzelte überrascht. Sie wandte den Kopf zu ihm, doch Talas Blick blieb stoisch und unverwandt auf das getönte Autofenster gerichtet.

„Dieser... Instagram-Account, der dir seit Wochen gefolgt ist“, fuhr er fort, und in dem tonalen Tiefgang seiner Worte lag eine seltene, fast rohe Ehrlichkeit.

„Kai hat mir vor ein paar Tagen gesagt, dass du dir längst gedacht hast, dass ich es bin. Er meinte, ich solle dir nicht länger etwas vormachen. Also... ich wollte es dir hiermit offiziell bestätigen.“

Ein weiches, fast zärtliches Lächeln stahl sich auf Luminas Lippen, während sie ihn aus den Augenwinkeln musterte, ohne dass er den Blick zu ihr wandte. Sie hatte es geahnt, ja. Sie hatte es gespürt. Aber es aus seinem eigenen Mund zu hören... dieses unumwundene Geständnis... , ließ ihr Herz einen Aussetzer machen.

Tala schwieg für einen Moment, ehe er mit einem unverkennbaren, selbstanklagenden Unterton hinzufügte:

„Es war feige.“

Luminas magentafarbene Augen weiteten sich schlagartig.

Tala wandte den Kopf noch immer nicht, doch seine massiven Schultern spannten sich unter dem Stoff seiner Jacke an, als er das aussprach, was er sich selbst monatelang eingeredet hatte. Er gab offen zu, dass es feige gewesen war, den direkten Weg zu scheuen, sich in das dunkle Schweigen zu verkriechen und stattdessen im Stillen... verborgen hinter einem sinnbildlichen Bildschirm... ihr Leben, ihre Posts und ihre Reels zu verfolgen, weil die bloße Vorstellung, ihr gegenüberzutreten oder ihr zu schreiben, seine Mauern zu stark ins Wanken gebracht hatte.

Lumina schüttelte langsam den Kopf, während ein warmer, fast mütterlich anmutender Ausdruck in ihren magentafarbenen Augen aufblitzte.

„Du brauchst dich für absolut nichts vor mir zu rechtfertigen, Tala“, sagte sie leise und drückte sanft seine Hand, die ihre noch immer fest umschlossen hielt. „Aber sag mir... wie ist es dir eigentlich in den letzten Wochen ergangen? Ich habe mich so oft gefragt, was du tust, und musste viel daran denken, wie es dir geht.“

Talas Kiefer zuckte augenblicklich. Er hielt inne, und die schwere Stille im Wagen schien mit einem Mal greifbar zu werden. Bevor Lumina auch nur einen weiteren Gedanken aussprechen konnte, unterbrach er sie... rau, direkt und ohne jeden Schutzwall.

„Ich habe versucht, dich zu vergessen“, stieß er hervor. Seine tiefe Stimme klang tonlos, fast mechanisch, als koste es ihn physische Kraft, die Worte über die Lippen zu bringen.

„Ich habe versucht, mit anderen Frauen zu schlafen.“

Lumina stockte der Atem. Ihr Herz raste mit einem Mal wild gegen ihre Rippen, und wie von selbst senkte sie leicht den Blick, während sich ein kalter, schwerer Stein in ihrer Magengegend ausbreitete. Die Erwähnung anderer Frauen traf sie unvorbereitet, bohrte sich wie ein feiner Schmerz in die Brust. Doch sie zwang sich zu einer gefassten Maske, schluckte die plötzliche Eifersucht hinunter und versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.

„Das... das ist in Ordnung“, hauchte sie leise, vermied es, ihm in die Augen zu sehen, und versuchte, sich hinter einer kühlen Rationalität zu verstecken.

„Wir waren ja... wir waren ja nie offiziell ein Paar oder sowas...“

„Lumina.“

Talas Stimme schnitt scharf durch ihre Worte und erstickte jede weitere Ausrede im Keim. Mit einer abrupten, fast ungeduldigen Bewegung wandte er den Kopf und fixierte sie mit seinen eisblauen Augen, die vor einer rohen, ungeschönten Dringlichkeit brannten.

Er ließ ihr keine Sekunde Zeit, sich hinter ihrem Stolz zu verbergen.

„Es ging nicht“, sagte er rauchig und fest, während sein Blick tief in ihre magentafarbenen Augen drang. „Ich konnte nicht mit ihnen schlafen. Es ging einfach nicht. Ich habe es mehrfach versucht...“

Seine massiven Schultern hoben sich bei einem tiefen, rasselnden Atemzug.

„Sogar betrunken ging es nicht.“

Ein feines Zittern lief durch Luminas Körper, während seine Worte noch schwer im Raum hingen. Sie senkte den Blick, fixierte ihre eigenen Hände, die fest in ihrem Schoß lagen, und schluckte mühsam den Kloß hinunter, der sich plötzlich in ihrer Kehle gebildet hatte.

Sie wollte nicht schwach wirken. Sie war es absolut nicht gewohnt, ihre nackten, ungeschützten Ängste offenzulegen... sie, die sonst jede Provokation mit einem kühlen Lächeln konterte und die Fäden in der Hand behielt. Doch das Gewicht dieses Moments ließ sich nicht länger verleugnen.

„Ich habe Angst“, flüsterte sie schließlich, und ihre Stimme klang ungewohnt brüchig, fast tonlos. Sie hob den Kopf, suchte den Halt in seinen eisblauen Augen und gab den Kampf gegen ihre eigenen Gefühle auf.

„Ich habe Angst, dass du einfach wieder gehst... dass du es erneut versuchst. Dass du mich wieder aus deinem Leben löschst und versuchst, mich zu vergessen, Tala.“

Sie biss sich hart auf die Unterlippe. Sie wollte um jeden Preis verhindern, jetzt emotional zu werden, doch diese plötzliche, brutale Ehrlichkeit von ihm... diese zermürbende Wandlung in einem Mann, der sonst nur aus Kälte, Distanz und unerbittlicher Härte bestanden hatte... riss tief in ihrem Inneren alle Dämme ein.

Tala sagte zunächst nichts.

Er musterte sie. Sekunde um Sekunde hielt er ihren Blick fest, während der schwere, gleichmäßige Rhythmus des Motors sie durch das dichte Getümmel der Stadt trug. Seine massiven Hände veränderten kaum ihre Haltung, doch der Ausdruck in seinen Zügen wurde unendlich tief.

„War das...“, begann er mit seiner rauen, dunklen Stimme, die fast wie ein fernes Grollen klang, „...der Grund, wieso du wolltest, dass ich mit zu deinen Eltern komme?“

Lumina wich sofort aus. Sie wandte den Kopf ab, vermied seinen durchdringenden Blick und starrte stattdessen hinaus auf die regennassen Fensterscheiben, während die Röte ihr peinlich berührt in die Wangen schoss.

Tala atmete tief aus. Ein schweres, fast nachdenkliches Seufzen, das so gar nicht zu dem gefürchteten Russen passen wollte. Er lehnte sich minimal näher zu ihr herüber und musterte ihr abgewandtes Profil im Dämmerlicht des SUVs.

„Wir beide tragen sie also... “, sagte er leise, und in seinen eisblauen Augen lag ein unverkennbares Echo von tiefer, schmerzhafter Wiedererkennung. „Diese Masken. Wir tun nach außen hin so, als könnten uns Wände, Mauern oder ganze Armeen nichts anhaben... weil es verdammt noch mal einfacher ist, unerschütterlich zu wirken, als sich einzugestehen, wie leer und kalt alles ohne den anderen ist.“

Lumina hielt den Atem an.

Tala hob langsam die Hand und schob eine ihrer silbrig-weißen Haarsträhnen mit einer unerwartet sanften, fast zarten Bewegung hinter ihr Ohr, ehe sich seine langen Finger fest und geborgen um ihre Hüfte legten.

„Und nein“, fügte er hinzu, und seine Stimme klang mit jedem Wort fester, unumstößlicher.

„Ich gehe nirgendwo hin. Ich bleibe.“

Lumina wirbelte der Kopf herum, und ihre magentafarbenen Augen weiteten sich vor blankem Erstaunen.

Talas Mundwinkel zuckten in dieses schiefe, besitzergreifende Lächeln, das ihr den Boden unter den Füßen wegzog.

„Wenn auch nur für eine Woche“, schob er rau hinterher, während sein Blick an ihren Lippen hängen blieb. „Länger kann ich mir das nicht erlauben. Die Pflichten bei der RBA... sie lassen sich nicht ewig aufschieben. Aber für diese eine Woche gehörst du mir, Lumina. Und ich bleibe hier.“

Lumina sagte nichts mehr während Tala erneut aus dem Fenster blickte.

Er starrte fest auf die getönte Scheibe des SUVs, während die Konturen der nassen Londoner Häuserzeilen an ihnen vorbeizogen. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt, doch hinter seinen eisblauen Augen tobte eine stumme, zermürbende Realität.

Er war ein Mann, der sein gesamtes Leben darauf aufgebaut hatte, Kontrolle auszuüben. Kontrolle über seine Emotionen, über seinen Körper, über jede Person in seinem Umfeld. Nähe war für ihn, genau wie damals bei Kai, immer ein Risiko gewesen... eine Schwachstelle, die man ihm als Waffe gegen ihn auslegen konnte.

Doch mit Lumina hatte sich eine schleichende, verheerende Veränderung vollzogen.

Die sechs Wochen ohne sie waren kein Akt der Stärke gewesen, sondern ein verzweifelter, gescheiterter Selbstversuch. Er hatte geglaubt, er könne sie einfach auslöschen. Er hatte sich eingeredet, dass sie nur ein körperliches Berauschen war, ein flüchtiger Rausch, den man mit der nächsten Frau mühelos überschreiben konnte.

Doch sein eigener Körper hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Jedes Mal, wenn er versucht hatte, sich eine andere Frau zu greifen, um das Pochen in seiner Brust zu betäuben, war da diese unüberwindbare, eiskalte Wand gewesen. Sein Verstand hatte blockiert, sein Körper den Dienst verweigert. Selbst der Alkohol hatte diese mentale Blockade nicht brechen können. Es war eine zutiefst demütigende Erkenntnis für einen Mann wie ihn gewesen:

Sein zentrales Nervensystem hatte Lumina bereits als die einzige Konstante abgespeichert, bei der die unaufhörlichen Stürme und das Lärmen in seinem Kopf endlich schwiegen.

Die schweigenden Wochen waren nicht die Kälte eines Unbeteiligten gewesen, sondern die blanke Erschöpfung seiner Abwehrmechanismen. Er hatte das Instagram-Profil nicht aus Voyeurismus verfolgt, sondern weil sein Unterbewusstsein sich schlichtweg geweigert hatte, den Faden zu ihr abreißen zu lassen. Es war sein letztes, klägliches Ventil gewesen.

Und als sie eben im Auto ihre handfeste Angst aussprach, dass er wieder gehen könnte, bröckelte der allerletzte Rest seiner verharzten Rüstung.

Lumina war nicht wie die anderen. Sie forderte kein Mitleid, sie verlangte keine Romantik und sie versuchte nicht, ihn zu heilen. Sie stand ihm mit derselben unerschütterlichen, stolzen Härte gegenüber, die er an sich selbst so schätzte. Sie war sein eigener Spiegel. Und genau das erlaubte es ihm zum ersten Mal in seinem Leben, die Maske ein Stück weit fallen zu lassen... nicht, weil er schwach geworden war, sondern weil er bei ihr keine Bedrohung mehr sah.

Die schwere, verdunkelte Limousine der Sicherheitskolonne verließ allmählich das urbane, pulsierende Getümmel des Londoner Stadtzentrums und bog in die weitläufigen, exklusiven Außenbezirke ab. Je weiter der Wagen rollte, desto weitläufiger wurden die Straßen, gesäumt von uralten, mächtigen Eichen und schützenden Steinmauern, hinter denen sich die herrschaftlichen Anwesen der britischen Elite verbargen.

Tala, der noch eben tief in seine eigenen Gedanken versunken gewesen war, warf einen kurzen Blick aus dem Autofenster.

Selbst für einen Mann, der weltweites Prestige und den harten Luxus der modernen Metropolen gewohnt war, war dieser Anblick ein Schlag. Die aristokratischen, jahrhundertealten Herrenhäuser, die sich hier in makelloser Perfektion erstreckten, atmeten eine Geschichte von Macht, unermesslichem Reichtum und unerschütterlicher Tradition.

Der SUV bremste sanft ab, als er sich dem ultimativen Ziel näherte. Vor ihnen öffneten sich schwere, schmiedeeiserne Tore, die von steinernen Löwen flankiert wurden, und gaben den Blick auf Davies Manor frei.

Tala hielt für einen Moment den Atem an.

Das Anwesen war gigantisch. Ein riesiges, erhabenes viktorianisches Bauwerk, dessen stolze, dunkle Ziegelsteinmauern und steile Schieferdächer nahtlos mit der klaren, symmetrischen Eleganz und den gewaltigen Säulen des Klassizismus verschmolzen. Es wirkte nicht wie ein simples Wohnhaus; es war ein Festungsschloss mitten in England, ein architektonisches Monument von absoluter Dominanz.

Für einen kurzen, seltenen Moment war Tala tatsächlich beeindruckt von der schieren Größe und dem erdrückenden Erbe dieses Ortes. Erst in diesem Bruchteil schoss ihm der banale, aber messerscharfe Gedanke durch den Kopf, dass Lord Eric Davies den Titel eines Lords eben nicht nur zum Spaß trug. Dieser Mann regierte über eine Welt, die in Jahrhunderten aus Stein und Stahl gegossen worden war.

Lumina, die seine plötzliche Reglosigkeit bemerkte, wandte den Kopf zu ihm. Ein amüsiertes, fast herausforderndes Lächeln zuckte um ihre Lippen, während sie seine breite Schulter antippte.

„Eindrücklich, nicht wahr?“, flüsterte sie mit rauchiger, amüsanter Stimme. „Keine Sorge, Rotschopf. Du musst dir das Schloss nicht gleich unter den Nagel reißen. Es reicht völlig, wenn du heute Abend den Hausherrn an den Rand des Wahnsinns treibst.“

Tala wandte den Blick von dem monumentalen Anwesen ab, fixierte sie mit seinen eisblauen Augen und ließ ein tiefes, trockenes Schnauben hören. Die kurze Regung von Ehrfurcht war sofort wieder verflogen, ersetzt durch die eiskalte, unerschütterliche Härte, die ihn auszeichnete.

„Der alte Mann kann froh sein, wenn ich ihm nicht gleich die Einrichtung zerlege“, knurrte Tala dunkel, während der Wagen auf dem weitläufigen Kiesplatz vor dem Haupteingang zum Stehen kam und die schweren Türen aufschwangen.

Der SUV kam mit einem leisen Knirschen auf dem makellos geharkten Kies vor dem gewaltigen, säulengeschmückten Portal des Hauptgebäudes zum Halten.

Kaum war der Wagen zum Stehen gekommen, glitt die schwere Wagentür auf. Ein älterer Mann in einem perfekt geschneiderten, dunklen Frack stand stramm am Rand des Fahrzeugs. Mit einer fließenden, geübten Bewegung zog er die weiße Handschuhe gerade und neigte den Kopf in einer tadellosen, aristokratischen Verbeugung.

Tala trat aus dem Wagen und ließ seinen massiven Körper auf den Kies gleiten. Er blickte auf den Butler herab, und für einen Bruchteil einer Sekunde blitzte ein Hauch von Déjà-vu in seinen eisblauen Augen auf. Die Statur dieses Mannes, die absolute, fehlerfreie Haltung und die unerschütterliche Aura der absoluten Kontrolle besaßen eine verdächtige Ähnlichkeit zu Graham, Kais Butler... nur dass dieser vielleicht ein Jahrzehnt jünger wirkte, aber mit derselben steinernen Unbeugsamkeit ausgestattet war.

Der Butler richtete sich auf, strich den Stoff seines Anzugs glatt und fixierte Tala mit einem Blick, der pure, britische Diskursverweigerung ausstrahlte.

„Willkommen auf Davies Manor, Sir“, sagte er mit einer Stimme, die so trocken und formvollendet klang, dass sie jede Emotion im Keim erstickte. „Ich bin Brimsley. Persönlicher Butler von Miss Lumina.“

Brimsley warf einen kurzen, musternden Blick auf den groß gewachsenen Russen an seiner Seite, der rein äußerlich so gar nicht in das idyllische, edle Gefüge des Anwesens passen wollte, und fuhr mit eiskalter Höflichkeit fort:

„Ich nehme an, dass das unaufgeforderte Erscheinen von Mr. Valkov den Hausherrn durchaus überraschen wird. Ich werde Lord Eric umgehend über Ihre Anwesenheit unterrichten... und dafür Sorge tragen, dass Ihnen ein angemessenes Willkommen zuteilwird.“

Tala verzog keine Miene, während er die Hände tief in die Taschen seiner Anzughose schob und den Butler mit einem Blick musterte, der keinerlei Angst vor Konsequenzen verriet.

„Richte dem Lord aus, er soll sich keinen Stress machen“, knurrte Tala tief und rau. „Wir haben Zeit.“

Brimsley führte sie mit gemessenen, lautlosen Schritten durch die massiven Flügeltüren in die prunkvolle Eingangshalle. Marmorstufen schlangen sich in geschwungenen Bögen nach oben, während riesige Kristallkronleuchter ein warmes, geschliffenes Licht auf die wandhohen Ahnengemälde warfen.

Lumina wollte den Kopf hochhalten und mit der gewohnten, majestätischen Eleganz durch die Halle schreiten. Sie nahm die ersten zwei Stufen der Freitreppe... doch genau in dem Moment, als sie die halbe Höhe erreichten, versagten ihre überstrapazierten Muskeln erneut den Dienst. Ein kurzes, leises Keuchen entkam ihren Lippen, als ihre Knie nachgaben.

Noch ehe ihr Körper auch nur einen Zentimeter absacken konnte, war Tala da.

Ohne auch nur einen Bruchteil einer Sekunde zu zögern oder mit der Wimper zu zucken, griff er zielsicher zu. Mit einer fließenden, kraftvollen Bewegung hob er sie direkt auf der Treppe hoch in seine Arme. Lumina schlang kichernd und ohne jede Scham die Arme um seinen starken Nacken, während Brimsley auf der Treppenstufe über ihnen für einen mikroskopischen Herzschlag innehiet.

Der Butler hob eine meisterhaft geschulte Augenbraue, ehe er sich ohne einen weiteren Kommentar umwandte und seinen Weg fortsetzte.

Genau in diesem Augenblick erklang eine tiefe, eisige Stimme von der oberen Galerie.

„Es reicht.“

Lord Eric Davies trat an das kunstvoll geschmiedete Geländer. Er trug einen dunkelblauen, maßgeschneiderten Dreiteiler, das silbrig-weiße Haar perfekt zurückgekämmt, und seine magentafarbenen Augen brannten vor einer frostigen, aristokratischen Schärfe. Sein Blick glitt von seiner Tochter, deren Beine schlapp über Talas Armbeuge baumelten, zu dem Russen, der sie hielt wie eine selbstverständliche Trophäe.

„In die Bibliothek. Beide“, befahl der Patriarch mit einer Stimme, die keinen Raum für Diskussionen ließ, ehe er sich umwandte und in den Schatten des Obergeschosses verschwand.

Die schwere Eichentür der Bibliothek fiel mit einem dumpfen, satten Klacken ins Schloss.

Der Raum roch nach altem Leder, Bienenwachs und teurem Holz. Ein gewaltiger Kamin an der Stirnseite warf flackernde, goldene Schatten über die wandhohen Buchregale. Lord Eric stand vor dem Feuer, ein Kristallglas mit dunklem Single Malt in der Hand, und wandte ihnen langsam den Rücken zu.

Tala dachte nicht im Traum daran, Lumina vorsichtig abzusetzen. Er trug sie quer durch den Raum zu einem der schweren, tiefen Ledersessel nahe dem Kamin, setzte sie behutsam darin ab und lehnte sich dann mit verschränkten Armen direkt neben die Lehne.

Er pflanzte sich auf wie eine undurchdringliche Wand aus Muskeln und eisiger Dominanz.

Lord Eric nahm einen langsamen Schluck aus seinem Glas, ehe er sich umdrehte. Sein Blick war eiskalt, als er Tala fixierte.

„Ich muss zugeben, Mr. Valkov... Ihre Dreistigkeit ist von bemerkenswerter Natur“, begann der Lord mit flüssiger, messerscharfer Eleganz. „Sie ignorieren meine Fristen, dringen unaufgefordert in mein Anwesen ein und tragen meine Tochter durch mein Haus, als gehört Ihnen der Laden.“

Tala verzog keine Miene. Seine eisblauen Augen verengten sich minimal, während er dem Machtmenschen gegenüber standhielt, ohne auch nur einen Millimeter zu weichen. Ein trockenes, tiefes Schnauben drang aus seiner Kehle.

„Der Laden interessiert mich nicht, Lord Davies“, knurrte Tala rau und gefährlich leise. „Und was die Fristen angeht... wir sind hier, wenn wir es für richtig halten. Nicht, wenn Ihre Sicherheitsleute mit den Füßen scharren.“

Lord Eric zog spöttisch eine Braue nach oben und trat einen Schritt näher. Die Luft in der Bibliothek spitzte sich augenblicklich zu wie eine gespannte Sehne.

„Große Worte für jemanden, der sich wochenlang hinter einem schäbigen Social-Media-Account verstecken musste, nur um zu wissen, wie es meiner Tochter geht“, konterte der Patriarch mit treffsicherer, aristokratischer Giftigkeit und warf Lumina einen kurzen, vielsagenden Blick zu. „Sie sind ein außergewöhnlicher Athlet, Valkov. Aber in dieser Welt... spielen wir Schach, kein Schlägerei-Turnier.“

Lumina wollte gerade den Mund öffnen, um einzuschreiten, doch Tala legte eine schwere, große Hand auf ihre Schulter. Die Geste war ruhig, besitzergreifend und hielt sie sanft im Sessel zurück.

Ein kurzes, tiefes Schnauben entkam Talas Kehle. Das darke, gefährliche Amüsement in seinen eisblauen Augen trat deutlicher hervor.