Schachmatt
Schachmatt
„Schach?“ Seine raue Stimme klang fast höhnisch, während er sich langsam wieder aufrichtete und seine massiven Schultern kreisen ließ. „Glauben Sie etwa, Mr. Davies, wir sitzen hier an einem Brett? Glauben Sie im Ernst, Sie könnten die Figuren ziehen, während ich hübsch brav nach Ihren Regeln spiele?“
Lord Eric verengte seine magentafarbenen Augen zu schlitzen. Er musterte den Blader mit der eisigen, unerschütterlichen Arroganz eines Mannes, der es gewohnt war, dass jeder Eindringling vor ihm einknickte.
„In diesem Haus, Mr. Valkov, wird ausschließlich nach meinen Regeln gespielt“, konterte der Patriarch mit schneidender, makelloser Präzision. „Jeder Zug ist durchdacht, jede Konsequenz kalkuliert. Sie sind hier reingetrampelt wie ein wilder Stier im Porzellanladen, aber hier diktiere ich das Tempo.“
Lumina, die noch immer auf dem tiefen Ledersessel saß, lehnte sich bequem zurück. Ein süffisantes, fast raubtierhaftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Die Erwähnung des Schachspiels hatte einen perfekten Nerv getroffen... denn sie wusste genau, dass Tala strategisch weitaus gefährlicher war, als der alte Mann es sich in seinen kühnsten Träumen ausmalen konnte.
Tala machte einen einzigen, langsamen Schritt auf den Kamin und damit direkt auf Lord Eric zu. Die Anspannung im Raum verdichtete sich schlagartig zu einer greifbaren, harten Wand.
„Wissen Sie, was Ihr Fehler ist, Lord Davies?“, knurrte Tala dunkel, während er den Abstand zwischen ihnen verkürzte, bis er bedrohlich nah vor dem Lord stand und von oben auf ihn herabblickte. „Sie glauben, Figuren hätten keinen eigenen Willen. Sie glauben, Sie halten alle Fäden in der Hand.“
Er lehnte sich leicht nach vorn, die eisblauen Augen bohrten sich tief in Erics kalten Blick.
„Aber im Schach gibt es diesen einen Moment...“, fuhr Tala mit eiskalter, rauer Genugtuung fort, „...da merkt der Spieler zu spät, dass sein König längst im Schachmatt steht. Und wissen Sie, wer in diesem Fall das Brett einfach umwirft, wenn mir Ihre Regeln nicht passen?“
Lord Eric zuckte trotz seiner perfekten, aristokratischen Fassade für einen Bruchteil einer Sekunde zurück. Die absolute, furchtlose Dominanz dieses Russen ließ keinen Raum für leere Drohungen.
Lumina lächelte, stützte das Kinn auf die Hand und genoss das Bild dieser perfekten Konfrontation. Die Partie hatte gerade erst begonnen.
Für einen ausgedehnten, beklemmenden Augenblick herrschte absolute Stille in der Bibliothek. Das Knistern des Kaminfeuers war das einzige Geräusch, das die kühle Anspannung im Raum durchbrach. Lord Eric Davies fixierte den hünenhaften Blader ohne mit der Wimper zu zucken. Die Worte des Russen standen wie eine unumstößliche Drohung in der Luft.
Doch anstatt zu explodieren oder nach seinen Sicherheitsleuten zu rufen, glitt ein feines, eiskaltes Lächeln über die aristokratischen Züge des Patriarchen.
„Ihr Wortschatz an Metaphern ist durchaus amüsant, Mr. Valkov“, sagte Lord Eric glatt und stellte sein Kristallglas mit einem leisen Klack auf dem massiven Eichentisch ab.
„Aber große Reden schwingen kann jeder. Die wahre Kunst besteht darin, strategische Überlegenheit zu beweisen, anstatt nur mit roher Gewalt zu drohen. Es sei denn natürlich... Sie fürchten sich davor, dass Ihnen auf dem Brett die Argumente ausgehen.“
Lord Eric deutete mit einer knappen, eleganten Handbewegung auf einen schweren Mahagonitisch in der Ecke des Raumes, auf dem ein kunstvoll geschnitztes Schachbrett aus schwarzem Obsidian und weißem Marmor aufgestellt war. Die Figuren standen bereits in makelloser Formation.
Lumina, die sich im Ledersessel etwas aufgerichtete hatte, beobachtete das Geschehen mit wachsamen Augen. Ein feines, wissendes Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen. Ihr Vater glaubte tatsächlich, er könnte Tala hier auf heimischem Territorium mit einem intellektuellen Machtspiel vorführen und demütigen. Er hielt ihn für nichts weiter als einen stumpfen Athleten, einen Mann der Muskeln und der rohen Brutalität.
Was Eric Davies jedoch nicht wusste... und was kaum jemand auf dieser Welt ahnte... war die Tatsache, dass Tala ein exzellenter Schachspieler war. In den dunkelsten Zeiten seiner Jugend, in den isolierten Kaderschmieden Russlands, war Schach nicht nur ein Zeitvertreib neben dem Bladen gewesen; es war das fundamentale Werkzeug gewesen, um seinen Verstand auf absolute, eiskalte Taktik, emotionale Taubheit und vorausschauende Grausamkeit zu drillen.
Tala sah den alten Mann lange an. In seinen eisblauen Augen blitzte für den Bruchteil einer Sekunde eine raubtierhafte Belustigung auf.
Er stieß ein kurzes, tiefes Schnauben aus.
„Schwarz“, knurrte Tala dunkel, ohne mit der Wimper zu zucken.
Lord Eric hob erstaunt eine Augenbraue, ehe er mit einem spöttischen Zug um die Lippen zum Tisch hinüberschritt und sich auf einen der geschnitzten Stühle setzte. „Ganz wie Sie wünschen, Mr. Valkov. Weiß beginnt.“
Tala ging mit bedächtigen, schwerfälligen Schritten hinüber. Er zog sich den gegenüberliegenden Stuhl nach hinten und ließ seinen massiven Körper mit einer beängstigenden Gelassenheit auf dem Polster nieder. Er lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme vor der breiten Brust, während sein kühler Blick über das Brett glitt.
Lord Eric griff ohne zu zögern nach seinem Königsbauern und schob ihn präzise zwei Felder nach vorne.
„Ein klassischer Eröffnungszug“, kommentierte der Lord mit flüssiger Arroganz. „Mal sehen, wie lange Ihre Verteidigung hält.“
Tala verzog keine Miene. Ohne einen Herzschlag zu verschwenden, griff seine Hand nach seinem eigenen Bauern und parierte den Zug mit messerscharfer Genauigkeit.
„Ich verteidige nicht, Lord Davies“, entgegnete Tala mit einer rauen, eiskalten Gelassenheit, die den Raum augenblicklich einfrieren ließ. „Ich studiere nur, wie schnell Sie Ihre Figuren opfern werden.“
Lumina lehnte sich amüsiert zurück, stützte das Kinn auf die Hand und verfolgte das Duell.
Die schwarzen Obsidian- und weißen Marmorfiguren klickten leise, als das Spiel begann. Tala zog seinen nächsten Bauern mit einer schnellen, fast gleichgültigen Präzision nach vorne, während sein eiskalter Blick den des Patriarchen fixierte. Die Anspannung im Raum war greifbar... ein unsichtbarer, elektrischer Strom, der zwischen den beiden Männern floss.
Tala lehnte sich minimal vor, die massiven Schultern unter dem schwarzen Stoff angespannt, und musterte den älteren Mann aus halb geschlossenen Augen.
„Was kriege ich eigentlich, wenn ich gewinne?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die im dumpfen Raum wie ein entferntes Grollen klang.
Lord Eric hielt für einen Herzschlag inne, während seine langen, gepflegten Finger über dem Brett schwebten. Ein kühles, herablassendes Lächeln zuckte um seine Lippen, ehe er seine Figur mit einem satten Klack auf ein freies Feld setzte.
„Sie spielen hier schlicht und einfach um das Aufenthaltsrecht Ihres allerwertesten in diesen Hallen, Mr. Valkov“, erwiderte der Lord mit einer Mischung aus aristokratischer Arroganz und beißender Trockenheit.
„Lumina hat es sich sicher bereits in den Kopf gesetzt, dass Sie hier unter meinem Dach Ihre Nächte verbringen. Und glauben Sie mir... ich habe es längst aufgegeben, meiner Tochter Vorschriften darüber zu machen, wem sie sich zuzuwenden hat.“
Eric stieß ein leises, resigniertes Ausatmen aus, während seine magentafarbenen Augen über das Schachbrett wanderten.
„Sie hat ohnehin nie etwas auf meinen Rat gegeben“, fuhr er fort, und in seiner Stimme schwang der fast genervte Unterton eines Mannes mit, der einsehen musste, dass er gegen den Sturkopf seiner Tochter machtlos war. „Bestes Beispiel: Heute Morgen stand das Telefon nicht still. Ich durfte mir eine halbe Stunde lang das Gejammer von Henry Croft anhören, weil meine reizende Tochter gestern Abend in einem Pub offenbar seinen Sohn abserviert hat... und das mit einer Kälte, die selbst mir Respekt abringt.“
Ein helles, perlendes Lachen durchschnitt schlagartig die schwere Luft der Bibliothek.
Lumina, die sich im tiefen Ledersessel gerade gemütlich zurückgelehnt hatte, prustete lauthals los. Die Vorstellung, dass der alte Croft hysterisch bei ihrem Vater angerufen hatte, weil sein verwöhnter Sohn den filmreifen Korb nicht verkraftet hatte, war schlicht zu köstlich.
Doch im selben Bruchteil, in dem das Lachen ihre Kehle verließ, schnellten Lord Erics magentafarbene Augen herum wie Peitschenhiebe. Sie fixierten sie mit einer scharfen, durchdringenden Härte.
Lumina riss die Augen auf, biss sich hastig auf die Unterlippe und fing sich in letzter Sekunde. Sie wandte den Kopf demonstrativ zur Seite, starrte mit einem unschuldigen, völlig unbeteiligten Gesichtsausdruck auf eines der gigantischen Bücherregale und tat so, als ginge sie das ganze Gespräch absolut gar nichts an.
Tala, der das kleine Schauspiel aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, presste die Lippen aufeinander, um ein verräterisches, dunkles Amüsement zu verbergen. Ein schiefes, fast gefährliches Grinsen zuckte um seine harten Mundwinkel.
„Ein Mann mit Geschmack, dieser Croft-Junior“, brummte Tala leise und zog lässig einen seiner Springer vor. „Scheint, als hätte er verstanden, dass manche Frauen eben eine Nummer zu groß für ihn sind.“
Lord Eric Davies lehnte sich langsam in seinem schweren Stuhl zurück, während das flackernde Licht des Kaminfeuers über seine makellosen, silbrig umrahmten Züge tanzte. Ein feines, analytisches Lächeln umspielte seine Lippen, als er die Finger locker ineinanderlegte und das Schachbrett musterte.
„Oder lag das etwa weniger an Luminas charmanter Abfuhr, Mr. Valkov?“, warf der Patriarch mit einer fast süffisanten, messerscharfen Tonlage ein, während sein Blick kurz zu seiner Tochter glitt. „Sondern schlicht und einfach daran, dass Sie dort aufgetaucht sind und Ihren... Besitzanspruch vor versammelter Mannschaft mehr als deutlich gemacht haben?“
Tala zuckte nicht einmal mit der Wimper. Seine massiven Schultern blieben völlig entspannt, während seine eisblauen Augen über die geschnitzten Figuren glitten.
„Das war es wohl“, erwiderte Tala mit einer puren, ungerührten Trockenheit, die jede weitere Ausrede im Keim erstickte. Seine tiefe, raue Stimme klang beiläufig und doch von einer absoluten, unumstößlichen Schwere. „Es war notwendig. Jeder dort musste sehen, zu wem sie gehört. Erst Recht dieser schleimige Traumtänzer.“
Lumina, die das Gespräch aus ihrem tiefen Ledersessel heraus mit verfolgte, spürte, wie eine plötzliche, warme Hitze mit gewaltiger Wucht in ihre Wangen schoss. Ein heftiger, fast schmerzhafter Ruck ging durch ihr Herz, und ihr Puls beschleunigte sich spürbar. Sie war eine Frau, die sich zeitlebens von niemandem hatte einschränken oder definieren lassen... und doch entfachte dieses rohe, unmissverständliche Bekenntnis von Tala ein berauschendes, wildes Feuer in ihrer Brust.
Das Schachspiel nahm unerbittlich seinen Lauf.
Mit einer kühlen, fast mechanischen Präzision griff Tala nach einem seiner Läufer und zog ihn mit einem leisen Klack auf ein freies Feld, womit er Lord Erics Verteidigung an der Flanke empfindlich schwächte.
Lord Eric starrte auf das Brett. Seine aristokratiche Maske geriet für eine Zehntelsekunde ins Wanken, als er die Tiefe des Zuges realisierte. Doch anstatt panisch zu reagieren, hob er langsam den Kopf und fixierte den Russen aus schmalen, musternden Augen. Er versuchte, hinter diese undurchdringliche, eiskalte Fassade zu blicken.
„Soll das etwa heißen...“, begann der Patriarch mit einer schneidenden, leisen Betonung, während er die Finger über den Rand der Armlehne gleiten ließ, „...dass ein Tala Valkov tatsächlich so etwas wie eine... Bindung eingeht? Eine Beziehung?“
Tala blinzelte nicht einmal. Seine eisblauen Augen blieben unbewegt auf dem geschliffenen Obsidian und dem Marmor des Schachbretts fixiert, während die schwere, fast greifbare Stille der Bibliothek von dem leisen, stetigen Knistern des Kaminfeuers untermalt wurde.
Ein kurzes, trockenes Schnauben drang aus seiner Tiefe, ehe er den Blick hob und Lord Eric direkt, mit einer beängstigenden, unerschütterlichen Härte in den Augen musterte.
„Keine Ahnung, wie Sie das in Ihrer Welt nennen, Lord Davies“, brummte Tala mit seiner tiefen, rauen Stimme, die im Raum wie ein dunkles Echo hallte. „Für mich gibt es da nichts zu definieren. Sie gehört zu mir. Punkt.“
Lord Eric hielt inne. Die aristokratische Fassade des Patriarchen, die stets auf vollkommene Kontrolle und distanzierte Eleganz ausgelegt war, bekam in diesem Augenblick einen tiefen, sichtbaren Riss. Seine magentafarbenen Augen verengten sich zu scharfen Schlitzen. Er sah in diesem jungen Mann keinen unberechenbaren Hitzkopf mehr; er sah eine Naturgewalt, die sich einen Teufel um Konventionen, Titel oder ständische Schranken scherte und sich das nahm, was sie beanspruchte.
Lumina, die das Duell aus ihrem Sessel verfolgte, stockte der Atem. Die Härte in Talas Worten, dieser unmissverständliche, rohe Besitzanspruch, der so völlig frei von jeder romantischen Heuchelei und doch von einer abgrundtiefen Ernsthaftigkeit getragen war, traf sie bis ins Mark. Eine Welle aus purem, elektrischem Verlangen und tiefer, unerschütterlicher Gewissheit flutete durch ihren Körper. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihre Rippen.
Tala wandte den Kopf seelenruhig wieder dem Brett zu, ignorierte die frostige Fassungslosigkeit des Lords völlig und glitt mit den Fingern über eine seiner Figuren.
„Sie sind am Zug, alter Mann“, knurrte er leise und absolut siegesgewiss. „Mal sehen, wie lange Ihr König noch steht.“
Lord Eric starrte auf das Brett. Seine magentafarbenen Augen verengten sich scharf, während sein Verstand fieberhaft die verbleibenden Züge durchrechnete. Ein feiner, fast unmerklicher Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn... nicht wegen der Wärme des Kaminfeuers, sondern wegen der brutalen, mathematischen Präzision, mit der ihn dieser 21-jährige Russe Schritt für Schritt in die Enge trieb.
Mit einer mühsam aufrechterhaltenen, aristokratischen Ruhe griff Eric nach seinem Turm und schob ihn auf ein Feld, das seine Flanke sichern sollte.
„Ein verzweifelter Versuch, Ihre Läufer abzuschneiden, Mr. Valkov“, sagte der Lord mit frostiger Stimme, auch wenn die Mühelosigkeit in seinen Worten längst verflogen war. „Ihr Angriff ist überhasstet.“
Tala verzog keine Miene. Kein Grinsen, kein triumphierendes Funkeln. Nur diese eiskalte, absolut emotionale Taubheit, die ihn in der Bey-Arena wie am Schachbrett so gefährlich machte.
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, griff seine Hand nach seinem Damenläufer. Er führte die schwarze Figur mit einem harten, satten Klack direkt in das Herz der weißen Stellung... und opferte sie scheinbar ohne Sinn und Verstand.
Lord Eric stutzte. Für einen Bruchteil einer Sekunde blitzte ein Hauch von Hoffnung in seinem Blick auf. Er griff zu und schlug Talas Läufer.
„Ein fataler Fehler...“, begann Eric, doch das Wort blieb ihm im Halse stecken.
Tala zog bereits die nächste Figur. Sein schwarzer Springer glitt mit eiskalter Flüssigkeit auf die verbleibende Lücke.
Das Feld war dicht. Der weiße König hatte kein einziges Ausweichfeld mehr. Die scheinbar unzusammenhängenden Bauernzüge der ersten Minuten, die das Opfer des Läufers erfordert hatten... alles bildete mit einem Mal ein lückenloses, tödliches Netz.
„Schachmatt“, brummte Tala mit seiner tiefen, rauen Stimme, die wie ein Urteil durch die Bibliothek hallte.
Ein bedrückendes, absolutes Schweigen legte sich über den Raum.
Lord Eric fixierte das Brett. Seine Hand verharrte mitten in der Luft. Er rechnete. Einmal, zweimal, dreimal. Es gab keinen Ausweg. Kein Blockieren, kein Schlagen, kein Ausweichen. Der gefürchtete Patriarch der Familie Davies war in seinem eigenen Haus, auf seinem eigenen Brett, von einem Mann geschlagen worden, den er als stumpfen Kraftklotz abgetan hatte.
Lumina lehnte sich im Ledersessel zurück und ließ ein leises, raubtierhaftes Schmunzeln über ihre Lippen gleiten. Ihre magentafarbenen Augen sprühten vor unbändigem Stolz und Belustigung.
Langsam, fast mechanisch, zog Lord Eric seine Hand zurück. Mit zwei Fingern griff er nach der Spitze seines weißen Königs. Mit einem leisen, schmerzhaften Kippen legte er die Figur auf das Holzbrett.
„Ein... bemerkenswertes Spiel, Mr. Valkov“, presste der Lord heraus. Jedes einzelne Wort schien ihm wie Gift auf der Zunge zu liegen. Er richtete sich stramm auf und glättete die Revers seines Maßanzugs.
„Ich halte mein Wort. Sie haben sich Ihr Aufenthaltsrecht unter meinem Dach für diese Woche erspielt.“
Tala lehnte sich unbeeindruckt zurück, verschränkte die Arme vor der breiten Brust und musterte den älteren Mann aus schmalen, eisblauen Augen.
„Ich brauche Ihre Erlaubnis nicht, Lord Davies“, erwiderte Tala mit vollkommener Trockenheit. „Aber es ist beruhigend zu wissen, dass Sie Ihre Niederlagen wie ein Gentleman einstecken.“
Lord Eric hob den Blick, fixierte die beiden mit einer Mischung aus aristokratischer Distanz und eiskalter Feindseligkeit und strich sich abwesend das Revers seines Maßanzugs glatt.
„Da die Verhältnisse nun geklärt sind, Mr. Valkov... möchte ich Ihnen noch eines für die Dauer Ihres Aufenthalts mit auf den Weg geben“, begann der Lord mit schneidender, flach getakteter Stimme. „Ich würde es überaus begrüßen, wenn Sie beide sich unter meinem Dach zumindest ansatzweise zu benehmen wissen.“
Er wandte den Kopf langsam zu Lumina, deren magentafarbene Augen ihn noch immer voller Herausforderung und spöttischer Genugtuung musterten.
„Das Anwesen mag zwar groß sein“, fuhr der Patriarch mit unverhohlener Schärfe fort, „aber es ist alt. Und damit ausgesprochen hellhörig. Ganz zu schweigen davon, dass hier rund um die Uhr Angestellte unterwegs sind. Ich erwarte von Ihnen beiden, dass Sie mir und der Würde dieses Hauses den nötigen Respekt entgegenbringen.“
Tala verzog keine Miene. Ein dunkles, unverschämtes Amüsement blitzte in seinen eisblauen Augen auf, doch er würdigte den Lord keiner verbalen Antwort... er lehnte sich lediglich mit verschränkten Armen zurück und schenkte ihm ein trockenes, schiefes Grinsen, das Bände sprach.
Lord Eric spannte den Kiefer an. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte er sich ab, schritt mit gemessenen, aristokratischen Schritten zur schweren Eichentür und verließ die Bibliothek. Das Klacken der Klinke hallte im Raum nach, ehe wieder absolute Stille einkehrte.
Lumina, die den Atem bis eben angehalten hatte, lehnte sich tief in den Ledersessel zurück und ließ ein leises, rauchiges Lachen ertönen, während sie Tala provokant anstrahlte.
Tala verschwendete keinen Gedanken mehr an den Patriarchen. Mit einer selbstverständlichen, fließenden Bewegung hob er Lumina wieder hoch, ignorierte ihren leisen, amüsierten Laut der Überraschung und trug sie hinaus aus der dumpfen, elektrisierten Luft der Bibliothek.
Brimsley, der diskret im schattigen Flur gewartet hatte, setzte sich lautlos in Bewegung und führte sie durch den labyrinthischen Trakt des gewaltigen Anwesens, hinauf in den privaten Westflügel, wo die Korridore mit dicken Teppichen ausgelegt waren und die Luft nach altem Bienenwachs und feinstem Zedernholz roch.
Die schweren Flügeltüren gaben den Blick auf Luminas private Räumlichkeiten frei. Es war kein einfaches Schlafzimmer, sondern eine palastartige Suite: Monumentale, bordeauxrote Samtvorhänge schirmten die raumhohen Fenster gegen das graue Londoner Licht ab, das massive Himmelbett thronte in der Mitte des Raumes wie ein Relikt vergangener Jahrhunderte, und durch einen breiten, offenen Rundbogen war das angrenzende, in edlem Carrara-Marmor gehaltene Badezimmer zu erkennen, dessen freistehende Wanne und goldene Armaturen puren Luxus ausstrahlten.
Tala trug sie quer durch den Raum und setzte sie behutsam auf der weichen Kante der Matratze ab. Er selbst blieb stehen, breitbeinig und mit verschränkten Armen vor der Brust, während sein kühler Blick den Raum musterte, als würde er nach potenziellen Schwachstellen oder Fluchtwegen suchen.
Lumina strich sich das silbrig-weiße Haar aus dem Gesicht und blickte zu ihm auf. Die harten, elektrisierenden Spitzen des Duells mit ihrem Vater schienen in der warmen, gedämpften Atmosphäre des Zimmers ein wenig von ihr abzufallen, und in ihren magentafarbenen Augen legte sich ein weicherer, fast nachdenklicher Schatten nieder.
„Weißt du...“, begann sie leise, während ihre Finger über die schwere, brokatbesetzte Tagesdecke strichen, „...er ist eigentlich gar nicht so unausstehlich, wie er sich heute wieder gegeben hat.“
Tala stieß ein kurzes, trockenes Schnauben durch die Nase aus, sagte aber nichts. Er schien genau zu wissen, wohin das führte.
„Ich liebe ihn wirklich“, fuhr Lumina fort, und in ihrer rauchigen Stimme schwang ein unverkennbarer, ehrlicher Ton von Zuneigung mit. „Er ist mein Vater. Aber er ist eben ein strenger Aristokrat durch und durch... konservativ, unnachgiebig und völlig besessen davon, was sich gehört. Vor allem, weil ich das einzige Kind meiner Eltern bin. Die gesamte Last und jede unausgesprochene Erwartung dieser Familie lasten auf meinen Schultern.“
Sie lehnte sich ein Stück nach hinten, stützte sich mit den Händen auf der Matratze ab und musterte den Russen aus halb geschlossenen Augen, während sich ein feines, fast schelmisches Lächeln auf ihre Lippen stahl.
„Meine Mutter wird sich zu dieser Stunde wahrscheinlich im blauen Salon aufhalten, Teeprogramme studieren oder in den Archiven blättern“, fügte sie hinzu. „Du wirst sie heute Abend beim offiziellen Abendessen kennenlernen. Und ich warne dich... sie ist charmant, aber sie durchschaut jeden, der auch nur versucht, eine Maske zu tragen.“
Tala verlagerte sein Gewicht. Ein dunkles, gefährliches Amüsement flackerte in seinen eisblauen Augen auf, als er einen Schritt auf sie zu trat und sich leicht zu ihr herunterbeugte.
„Lass sie nur versuchen, mich zu durchschauen“, knurrte er dunkel und rau, während seine Blicke auf ihren Lippen hängen blieben. „Ich habe heute schon ganz andere Kaliber überlebt, Prinzessin.“
Ein klares, perlendes Lachen entkam Luminas Kehle, und das Geräusch verflog leise in der imposanten Höhe des Zimmers. Sie warf den Kopf leicht nach hinten, sodass ihr langes, silbrig-weißes Haar wie ein schimmernder Wasserfall über ihre Schultern glitt, und blickte ihn aus ihren magentafarbenen Augen verschmitzt an.
„Prinzessin?“, wiederholte sie amüsiert und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Wieso nennst du mich plötzlich wieder so? So hast du mich ganz am Anfang genannt, als wir uns kennengelernt haben.“
Tala verzog keine Miene. Er drehte sich einmal langsam um die eigene Achse, ließ seinen kühlen, eisblauen Blick noch einmal über die gewaltigen Samtvorhänge, die vergoldeten Verzierungen an der Decke und das Ausmaß dieser monumentalen Suite gleiten, ehe seine Blicke wieder bei ihr hängen blieben.
„Schau dich doch um“, sagte er mit einer puren, ungerührten Trockenheit. „Dieses Schloss hier ist wohl ein verdammt guter Grund dafür.“
Er schob die Hände tief in die Taschen seiner dunklen Hose, verengte leicht die Augen und trat einen halben Schritt näher an das massive Himmelbett heran.
„Habt ihr irgendwas mit der Queen zu tun?“, fragte er rau und direkt.
Lumina lachte erneut... diesmal ein herzliches, tiefes Lachen, das die verbliebene Anspannung im Raum vollends auflöste.
„Nein, Tala, absolut gar nichts“, antwortete sie und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Wir haben überhaupt nichts mit dem Königshaus zu tun. In England gibt es schlicht und einfach noch immer den alten Adel, der nie ganz aufgelöst wurde. Die Linie der Davies besteht schon sehr, sehr lange... und bringt eben gewisse Titel und Besitztümer mit sich.“
Doch das spöttische Lächeln auf ihren Lippen verblasste langsam. Ihr Blick wanderte für einen kurzen Moment abwärts zu den geschwungenen Holzverzierungen des Parkettbodens, und ein spürbarer, nachdenklicher Schatten glitt über ihre feinen Züge. Die rauchige Note in ihrer Stimme wurde leiser, fast behutsam.
„Mein Vater war damals ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht, als ich kein Junge wurde“, gestand sie offen und sah wieder auf, um seinem intensiven Blick standzuhalten.
„Der Titel, das ganze Erbe, die Verantwortung... in den Augen eines traditionellen Lords gehört so etwas in die Hände eines Stammhalters. Aber...“
Sie hielt für einen Herzschlag inne. Ihre Lippen formten sich zu einem feinen, etwas wehmütigen Lächeln, als sie eine tiefere, persönlichere Wahrheit aussprach, die sie nur sehr wenigen Menschen je anvertraut hatte.
„...meine Eltern hatten damals enorme Probleme damit, überhaupt Kinder zu bekommen. Es war ein jahrelanger, harter Kampf für die beiden. Und genau das ist auch der Grund, wieso ich am Ende ein Einzelkind geblieben bin. Sie waren froh, dass sie mich hatten... auch wenn Daddy eine Weile gebraucht hat, um zu akzeptieren, dass seine Erbin eine Tochter ist, die sich von absolut niemandem etwas vorschreiben lässt.“
Tala schwieg. Seine eisblauen Augen hielten ihren Blick unerschütterlich fest. Es lag kein Mitleid in seiner Miene... das hätte Lumina auch zutiefst verabscheut... , sondern eine tiefe, stumme Anerkennung für die Last, die auf ihren schmalen Schultern lag.
Tala verschränkte die Arme vor der breiten Brust und nickte leicht in Richtung der Flügeltür.
„Eines gibt es da allerdings noch“, brummte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, während seine eisblauen Augen über den prunkvollen Raum glitten. „Mein Gepäck steht noch im Hotel. Und die Suite dort hatte ich eigentlich für eine ganze Woche gebucht.“
Lumina hob schmunzelnd eine Augenbraue, griff nach dem kleinen, vergoldeten Rufelement neben dem Nachtisch und betätigte den filigranen Knopf. Nur wenige Sekunden später ertönte ein zweimaliges, dezentes Klopfen an der schweren Eichentür, ehe Brimsley mit gerader Haltung und lautlosen Schritten das Zimmer betrat.
„Sie haben gerufen, Miss Davies?“, erkundigte sich der Butler mit makelloser Förmlichkeit.
Lumina lehnte sich entspannt zurück und deutete auf Tala. „Brimsley, Mr. Valkovs Sachen befinden sich noch im Luxushotel in der Innenstadt. Er hat dort eine Suite für die Woche reserviert. Wir müssten veranlassen, dass sein Gepäck abgeholt wird.“
Brimsley veränderte keinen einzigen Muskel. Seine Miene blieb absolut undurchdringlich, als er die Hände hinter dem Rücken verschränkte und seinen stoischen Blick zu Tala wandte.
„Das wird nicht nötig sein, Miss Davies“, erwiderte der Butler gewohnt trocken und glatt. „Mr. Valkovs Gepäck steht selbstverständlich bereits im Erdgeschoss und wird im Laufe der nächsten Stunde von den Hausangestellten hier heraufgetragen und entsprechend eingeräumt.“
Tala verengte leicht die Augen, schweigsam und überrascht von der Effizienz des Hauspersonals.
„Was das Hotelzimmer betrifft...“, fuhr Brimsley mit aristokratischer Gelassenheit fort, „...so wurde die Buchung vor etwa zehn Minuten mit einer äußerst freundlichen Geste des Hauses vollständig storniert, nachdem wir uns gegenüber der Geschäftsführung als Vertretung des Hauses Davies zu erkennen gegeben haben. Die gesamten Kosten wurden selbstverständlich bereits wieder auf das Konto von Mr. Valkov zurückerstattet.“
Lumina konnte sich ein leises, amüsiertes Prusten nicht verkneifen und warf Tala einen vielsagenden Blick zu.
Tala verzog keine Miene, doch ein schiefes, fast gefährliches Schmunzeln zuckte um seine harten Mundwinkel. „Der Service hier ist ja erstaunlich aufdringlich, Brimsley.“
„Wir nennen es vorausschauende Gastfreundschaft, Mr. Valkov“, entgegnete Brimsley ohne mit der Wimper zu zucken, verneigte sich leicht und trat genauso lautlos wieder aus dem Zimmer, wie er es betreten hatte.
Als das leise Klicken der Tür das Ende der äußeren Welt markierte, ließ Tala den Blick zu Lumina schweifen.
Sie saß noch immer auf der Kante der Matratze, das silbrig-weiße Haar fiel ihr schwer über die Schultern, und ihre magentafarbenen Augen hielten seinen Blick mit einer Intensität fest, die fast greifbar war.
Tala machte zwei langsame, schwere Schritte auf sie zu, bis seine Knie die Matratze berührten. Er beugte sich ein Stück nach vorn, stützte eine Hand neben ihren Oberschenkel auf das Samt und musterte sie von oben.
„Eine Woche“, brummte er mit seiner tiefen, rauen Stimme leise, fast wie ein Versprechen, das nur für ihre Ohren bestimmt war. „Dein Vater hat sein Schachspiel verloren. Jetzt gelten meine Regeln.“
Lumina lachte nicht. Kein spöttisches Aufblühen, kein kühles Abblocken.
Stattdessen glitt ein weiches, fast verletzliches Funkeln in ihre magentafarbenen Augen, während sie die Hand hob und langsam über die harten Linien seines Kiefers strich... eine Berührung, die von einer tiefen, ungesagten Vertrautheit sprach.
„Deine Regeln, Rotschopf?“, hauchte sie so leise, dass die Worte fast im Raum verwehten. Sie rutschte ein Stück nach vorn, schloss die verbleibende Distanz und legte die Arme fest um seinen Nacken. „Ich warte schon den ganzen Tag darauf, dass du sie mir diktierst.“
Tala verlor jede Zurückhaltung. Seine große, schwere Hand schloss sich sicher um ihre Taille, zog sie mit unnachgiebiger Kraft an seinen Körper, während er sich zu ihr herabsenkte. Als seine Lippen die ihren trafen, lag darin keine Sanftheit... es war der raue, kompromisslose Ausdruck von allem, was sie in den letzten Wochen verschwiegen, bekämpft und in sich hineingefressen hatten.
Eine lautlose Bestätigung dafür, dass sie gewonnen hatten. Gegen die Distanz. Gegen die Zeit. Und gegen die Mauern, die sie sich selbst erbaut hatten.
Ein leiser, zitternder Hauch entkam Luminas Lippen, als sie die Hände flach gegen seine breite, harte Brust legte und ihn mit einem überraschenden, aber entschlossenen Druck ein Stück von sich wegdrückte. Sie atmete flach und unregelmäßig, die Brust unter dem feinen Stoff ihres Kleides gehoben und gesenkt, während ihre magentafarbenen Augen wild und fordernd zwischen seinen eisblauen, funkelnden Augen hin und her wanderten.
„Tala... warte“, brachte sie mit heiserer, überschlagener Stimme hervor, während sie kurz den Blick zur schweren Eichentür der Suite wandte. „Du hast meinen Vater gehört. Das Anwesen mag riesig sein, aber es ist alt... und verdammt hellhörig. Jedes Geräusch trägt sich durch diese Flure.“
Sie schluckte mühsam, hielt seinen intensiven Blick fest und versuchte, ihre Fassung wiederzuerlangen, auch wenn ihr eigener Körper ihr in diesem Moment etwas völlig anderes signalisierte.
„Und abgesehen davon...“, fuhr sie mit einem leisen, fast ungläubigen Lachen fort, das mehr wie ein unruhiger Seufzer klang, „...wir hatten gestern Abend und heute Morgen in der Suite erst ziemlich viel... du weißt schon.“
Tala wich keinen einzigen Zentimeter zurück.
Seine massiven Schultern blieben starr, während er über ihr thronte. Die harten Linien seines Kiefers zuckten, und in seinen eisblauen Augen lag dieser unverkennbare, dunkle Glanz, der keine Widerrede duldete.
„Ich küsse dich doch nur“, knurrte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die in der stillen, schweren Luft der Suite vibrierte und jede rationale Einwendung mit einer mühelosen Selbstverständlichkeit wegwischte.
Er lehnte sich noch ein Stück weiter vor, sodass sein warmer Atem ihre empfindliche Haut streifte, während seine großen, schweren Hände ihre Hüften mit einem unnachgiebigen, besitzergreifenden Griff umschlossen hielten.
„Und außerdem... dein Körper sagt gerade ganz andere Dinge als dein Mund, Lumina“, fügte er mit einer dunklen, beiläufigen Arroganz hinzu, die ihren Puls sofort wieder in wilde Unruhe versetzte.
„Du kannst ja leise sein. Wenn du willst. Wenn du... es schaffst.“
Sein Blick bohrte sich tief in ihren, schwer von einer ungeduldigen, brodelnden Dringlichkeit, die sich jahrelang angestaut hatte.
„Ich habe sechs Wochen lang auf dich verzichten müssen“, stieß er rau hervor, und in dem tonalen Tiefgang lag eine nackte, ungeschönte Wahrheit, die keinen Raum für Ausreden ließ.
„Mein Drang nach dir ist noch lange nicht gestillt.“