LNCrawler

Unerwartet

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Unerwartet

Das metallische Kreischen der Blades in der Arena war ohrenbetäubend. Nami kämpfte mit einer Intensität, die Kai so noch nicht bei ihr gesehen hatte. Jedes Mal, wenn er versuchte, sie mit einer aggressiven Rotation in die Defensive zu drängen, konterte sie mit einer Präzision, die fast schon instinktiv wirkte.

Kai verbiss sich in die Lippen. Er merkte, wie sein Fokus flackerte. Jedes Mal, wenn Nami sich bewegte, wenn ihr langes, silbrig-weißes Haar bei einer schnellen Drehung mitschwang, stieg ihm dieser Duft von Lilien und Vanille wieder in die Nase. Er sah nicht nur den Blade; er sah die Entschlossenheit in ihren Augen, die Röte auf ihren Wangen und die Art, wie sie ihn herausfordernd anstarrte.

~Konzentration, Kai~, schalt er sich selbst innerlich. Doch es war zu spät.

Nami nutzte den Bruchteil einer Sekunde, in dem Kais Blade nach einem harten Aufprall leicht trudelte. „Jetzt!“, rief sie, und ihre Stimme klang wie ein Befehl an das Universum. Ihr Blade schoss in einem perfekten Winkel nach vorne, nutzte die Zentrifugalkraft von Kais eigenem Angriff und hebelte seinen Blade mit einer Wucht aus, die ihn hoch in die Luft katapultierte.

Mit einem hohlen *Klonk* landete Kais Blade außerhalb der Arena auf dem harten Boden und kam scheppernd zum Stillstand.

Stille legte sich über die Testhalle. Nur das leise Surren von Namis Blade, der noch immer einsam seine Runden in der Mitte der Arena drehte, war zu hören.

Kai starrte auf seinen Blade, der leblos am Boden lag. Er war für einen Moment völlig sprachlos. Er, der ehemalige Champion, war gerade in einem reinen Testlauf besiegt worden...und das nicht durch technische Überlegenheit, sondern weil er sich hatte ablenken lassen. Von ihr.

Nami trat einen Schritt näher, das herausfordernde Grinsen noch immer auf den Lippen, doch als sie Kais versteinerten Gesichtsausdruck sah, wich die Provokation einer aufrichtigen Neugier. „Und?“, fragte sie leise, während sie ihren Blade aus der Arena fischte. „Was sagen die Daten? War das konzentriert genug?“

Kai hob langsam den Kopf. Nami erwartete eine kühle Analyse ihrer Fehler oder zumindest eine schroffe Bemerkung. Doch stattdessen sah sie, wie sich seine Mundwinkel ganz leicht nach oben verzogen. Es war kein arrogantes Lächeln, sondern eines dieser seltenen, ehrlichen Zeichen von Anerkennung, die er fast nie jemandem gewährte.

„Du hast meine Unachtsamkeit genutzt“, sagte er, und seine Stimme war zwar fest, aber frei von der vorherigen Schärfe. Er trat vor, bückte sich und hob seinen Blade auf. Er betrachtete das Metall in seiner Hand, bevor er ihr direkt in die Augen sah. „Das war... beeindruckend, Nami. Du hast genau das getan, was ich verlangt habe. Du hast die Umgebung ausgeblendet und die Chance beim Schopf gepackt.“

Dass er seinen eigenen Fehler nicht explizit benannte, war klar...sein Stolz verbot es ihm noch immer..., aber das Leuchten in seinen Augen verriet ihr, dass er wusste, warum er verloren hatte.

Nami spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte, nicht vor Anstrengung, sondern wegen der Wärme in seinem Blick. Die aggressive Spannung des Kampfes war verflogen und hatte einer tiefen, gegenseitigen Achtung Platz gemacht.

„Ich lerne eben von den Besten“, erwiderte sie fast schon sanft.

Kai schnaubte leise, steckte seinen Blade weg und wandte sich dem Kontrollmonitor zu. „Gewöhn dich nicht dran. Das war das einzige Mal, dass du mich so erwischt hast.“

Er tippte einige Befehle in die Konsole, doch seine Bewegungen waren nicht mehr so gehetzt wie zuvor. Das „Gewitter“ war gereinigt. Als er kurz darauf die neuen Prototypen-Boxen sortierte, reichte er ihr eine davon, ohne sie anzusehen, aber seine Finger verweilten eine Sekunde länger an der Schachtel, als sie sie entgegennahm. Eine lautlose Übereinkunft, dass dieser Moment zwischen ihnen...so flüchtig er auch war...etwas verändert hatte.

Doch bevor sie das Schweigen vertiefen konnten, glitten die schweren Türen der Testhalle mit einem Zischen auf.

Hiro Tashiba trat ein. Er wirkte in seinem eleganten Anzug wie ein Fremdkörper zwischen den sterilen Maschinen, doch sein Lächeln war warm, als er auf die Arena zuging. „Ich denke, für heute haben die Server und eure Nerven genug geleistet“, verkündete er und warf einen Blick auf die Trümmer der Test-Prototypen, die noch am Rand der Arena lagen. „Die Daten von heute Nachmittag sind mehr als zufriedenstellend. Ich schlage vor, wir machen für heute Schluss.“

Nami atmete erleichtert durch und strich sich eine widerspenstige Strähne ihres silbrigen Haares aus dem Gesicht.

„Ich kenne ein ausgezeichnetes Unagi-Lokal hier in der Nähe“, fuhr Hiro fort und legte seiner Tochter kurz die Hand auf die Schulter. „Die machen den besten gegrillten Aal der Stadt. Wie sieht’s aus? Habt ihr beide Lust, mich zu begleiten?“

Kai, der bereits wieder in den „Business-Modus“ gewechselt war, schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich habe noch Berichte zu sichten“, entgegnete er sachlich. „Die Daten von Gudbrok müssen noch in das System eingepflegt werden. Vergnügt euch ohne mich.“

Namis Lächeln erlosch so schnell, dass es Kai fast körperlich wehtat. Sie hatte gehofft, diesen kleinen Sieg und die seltene Harmonie bei einem Essen ausklingen zu lassen. Nun fühlte sie sich plötzlich wieder wie die Schülerin, die nach getaner Arbeit nach Hause geschickt wurde, während der „Profi“ sich den wichtigen Dingen widmete.

„Oh... verstehe“, sagte sie leise und versuchte, ihre Stimme fest klingen zu lassen. „Klar. Dann gehen wir eben alleine, Papa. Ich verhungre sowieso fast.“

Sie griff nach ihrer Tasche und wandte sich zum Gehen, doch Kai sah ihren Blick. Er sah die kleine Falte zwischen ihren Brauen und das leichte Sinken ihrer Schultern. In seinem Kopf kämpfte der pflichtbewusste Champion gegen etwas Neues, Unbekanntes an, das ihn seit der Berührung vor einer Stunde nicht mehr losgelassen hatte. Er dachte an ihren Sieg vor wenigen Minuten, an den Duft von Lilien, der noch immer in seinen Sinnen haftete, und an die Tatsache, dass er den Abend eigentlich nicht in einem einsamen Büro verbringen wollte.

„Warte“, warf er ein, bevor sie die Tür erreichen konnten.

Hiro blieb stehen, die Hand bereits am Türöffner, und sah über die Schulter zurück.

Kai räusperte sich kurz und starrte so intensiv auf den schwarzen Bildschirm des Hauptrechners, als könne er dort die Zukunft lesen. „Die Berichte... sind nicht so zeitkritisch, wie ich dachte. Ein ordentliches Essen wird der Konzentration für die morgigen Tests vermutlich eher dienlich sein als eine Nachtschicht mit leeren Batterien.“

Nami drehte sich um. Ein strahlendes Lächeln brach sich Bahn auf ihrem Gesicht, so hell, dass Kai für einen Moment blinzeln musste. „Wirklich? Du kommst mit?“

„Ich sagte doch, es ist für die Konzentration“, wiederholte er barsch, doch er konnte nicht verhindern, dass sein Blick eine Sekunde zu lang an ihr hängen blieb.

Hiro Tashiba beobachtete den kurzen Austausch mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Er sah die Risse in Kais Fassade und die Art, wie seine Tochter auf den jungen Mann reagierte. Er hütete sich jedoch weise davor, einen Kommentar abzugeben, der Kais mühsam aufrechterhaltene Professionalität wieder zum Einsturz bringen könnte.

„Hervorragend“, sagte Hiro stattdessen schlicht und deutete in Richtung der Aufzüge. „Dann lasst uns gehen, bevor der Abendansturm das Lokal überrennt. Ich fahre.“

Während sie zum Ausgang gingen, spürte Nami Kais Präsenz dicht hinter sich. Er hielt noch immer diesen winzigen Sicherheitsabstand ein, doch die eisige Mauer schien für diesen Abend endgültig gefallen zu sein.

Das Unagi-Lokal war klein, traditionell und vom Duft nach über Holzkohle gegrilltem Fisch und süßlicher Sojasauce erfüllt. Die Atmosphäre war ein krasser Gegensatz zu den kühlen, neonbeleuchteten Hallen von Tachibey Industries. Kai saß Hiro gegenüber, während Nami neben ihrem Vater Platz genommen hatte. Das gedämpfte Licht der Papierlaternen warf warme Schatten auf das polierte Holz des Tisches.

Hiro brach das Schweigen, nachdem die erste Kanne Tee serviert worden war. „Sag mal, Nami“, begann er beiläufig, während er seinen Becher füllte, „warst du eigentlich schon in diesem neuen öffentlichen Freibad? Das in der Nähe des Parks.“

Nami nippte an ihrem heißen Sencha und spürte, wie die Wärme des Tees sie langsam entspannte. Sie schüttelte leicht den Kopf. „Nein, noch nicht.“

„Midori war erst gestern mit Noah dort“, erzählte Hiro weiter und ein amüsiertes Lächeln stahl sich auf seine Züge. „Sie meinte, Noah sei kaum aus dem Wasser zu kriegen gewesen. Es scheint wirklich schön dort zu sein.“

„Momoko hat mich auch schon gefragt, ob ich mit ihr hingehe“, fügte Nami hinzu und starrte auf die grünen Teeblätter am Boden ihrer Tasse. „Aber ich habe bisher immer abgelehnt.“

Hiro hob fragend eine Braue. „Und was genau ist das Problem? Du schwimmst doch eigentlich gerne. Ist es die Schule?“

Nami hielt inne. Sie spürte Kais Blick...ein Blick, der zwar vorgab, sich nur auf seinen Tee zu konzentrieren, aber dennoch jede ihrer Regungen registrierte. Das eigentliche Problem war simpel, aber schwer auszusprechen: Ein Schwimmbadbesuch bedeutete, einen Bikini oder einen Badeanzug zu tragen. Und Nami hatte keine Lust darauf, sich den Blicken der Fremden auszusetzen...oder der Tatsache, dass ihre Figur und ihre Erscheinung oft mehr Aufmerksamkeit erregten, als ihr lieb war.

Sie zögerte. Wollte sie das vor Kai wirklich so offen zugeben? Dass sie sich in ihrer eigenen Haut unter den Blicken anderer manchmal unwohl fühlte, obwohl sie nach außen hin immer so selbstbewusst wirkte?

Sie suchte nach einer Umschreibung, die nicht zu viel von ihrer Unsicherheit preisgab.

„Es ist nur...“, begann sie langsam und strich sich eine Strähne ihres silbrigen Haares hinter das Ohr. „Dort ist es mir im Moment einfach zu... exponiert. Die Atmosphäre in solchen öffentlichen Bädern ist oft so unruhig. Man wird dort zwangsläufig zu einem Teil der Kulisse, ob man will oder nicht. Ich verbringe meine Zeit lieber an Orten, an denen man nicht ständig das Gefühl hat, bewertet zu werden, sobald man sich bewegt.“

Kai setzte seine Tasse ab. Das leise Klacken auf dem Holz unterstrich die plötzliche Stille. Er sah sie nicht direkt an, aber seine Stimme war ungewöhnlich ruhig, als er das Wort ergriff.

„Öffentliche Plätze sind ineffizient für jemanden, der Ruhe sucht“, sagte er, und obwohl es wie eine seiner typisch kühlen Analysen klang, schwang ein Unterton darin mit, der fast wie Verständnis wirkte. „Die Leute dort haben nichts Besseres zu tun, als alles zu beobachten, was nicht in ihr gewohntes Bild passt.“

Nami sah überrascht zu ihm auf. Sie hatte mit Desinteresse gerechnet, aber seine Bemerkung traf den Kern ihrer Sorge erstaunlich genau.

Hiro schmunzelte und nippte an seinem Tee. „Verstehe. Vielleicht ist ein überfülltes Freibad tatsächlich nicht der richtige Ort dich.“

Nami lächelte dankbar, doch ihr Blick wanderte unwillkürlich zurück zu Kai. Er starrte bereits wieder auf die Speisekarte, doch sie bemerkte, wie er die Arme verschränkte...eine Geste, die sie mittlerweile als seine Art interpretierte, sich gegen Dinge abzuschirmen, die ihm zu nahe gingen. Sie fragte sich, ob er wohl verstanden hatte, was sie mit „exponiert“ wirklich meinte.

Sie starrte auf das dunkle Holz des Tisches und spürte die Last einer Rolle, die sie nie aktiv gewählt hatte.

Schon seit sie denken konnte, war ihre Schönheit wie eine gläserne Wand zwischen ihr und der Welt gewesen. Die Menschen sahen ihr silbrig-weißes Haar, den karamellfarbenen Teint und die ozeanfarbenen Augen und bildeten sich sofort ein Urteil. Sie gingen davon aus, dass sie die Komplimente wie Nahrung aufsaugte, dass sie das Bad in der Menge genoss. Doch in Wahrheit fühlte sich jede Bewunderung, jeder gierige Blick eines Fremden für sie wie eine Verletzung ihrer Privatsphäre an...als würde man nur die Hülle betrachten und den Kern, ihre Intelligenz und ihren Charakter, einfach ignorieren. Im Bikini unter Hunderten von Menschen zu stehen, war für sie die ultimative Form dieser Entblößung.

„Vielleicht“, warf Hiro plötzlich ein und stellte seine Tasse mit einem entschlossenen Klacken ab, „solltest du nicht mit Momoko gehen, sondern mit Kai.“

Nami verschluckte sich fast an ihrem Tee. Kai, der gerade seine Tasse erneut zum Mund führen wollte, hielt mitten in der Bewegung inne. Seine granatroten Augen weiteten sich um einen Millimeter.

„Als eine Art... Beistand?“, fuhr Hiro unbeirrt fort, während ein schelmisches Funkeln in seinen Augen trat. „Ich bin mir sicher, Momoko wäre ziemlich enttäuscht, wenn du dich dieses Jahr wieder zierst. Ich erinnere mich noch gut an das Sportfestival letztes Jahr. Sie wollte unbedingt hin, und du bist aus demselben Grund zu Hause geblieben. Das hat sie tagelang gewurmt.“

Nami spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. „Papa, das ist etwas völlig anderes...“

„Ist es das?“, konterte Hiro sanft. „Wenn Kai dabei ist, wird sich kaum jemand trauen, dich auch nur schief anzusehen. Er hat eine... sagen wir, sehr effektive Art, Leuten klarzumachen, dass sie Abstand halten sollten. Außerdem würde es euch beiden gut tun, mal etwas anderes zu sehen als die grauen Wände von Tachibey.“

Nami wagte es nicht, Kai anzusehen. Die Vorstellung, mit ihm...ausgerechnet ihm...in ein öffentliches Schwimmbad zu gehen, war so absurd wie elektrisierend zugleich. Sie stellte sich vor, wie er mit verschränkten Armen und seinem finstersten Blick neben ihrem Handtuch Wache hielt, während sie versuchte, die Blicke der anderen zu ignorieren.

Kai räusperte sich. Die Stille am Tisch war fast schmerzhaft. Er legte seine Stäbchen mit übertriebener Sorgfalt ab.

„Ich bin kein Bodyguard“, sagte er kühl, doch Nami bemerkte, dass er sie dabei nicht ansah. Er starrte stur geradeaus auf die gegenüberliegende Wand. „Und ich habe kein Interesse an überfüllten Schwimmbecken.“

„Es geht nicht um das Becken, Kai“, sagte Hiro ruhig. „Es geht darum, dass Nami sich sicher fühlt. Und ich kenne niemanden, der diese Aufgabe ernsthafter angehen würde als du...auch wenn du es 'ineffizient' nennst.“

Nami sah nun doch zu Kai hinüber. Er wirkte, als würde er innerlich mit einer gewaltigen Flutwelle kämpfen. Die Härte in seinem Gesicht war da, aber darunter lag dieses seltsame Zögern, das sie heute schon einmal bei ihm beobachtet hatte. Er wusste nun, warum sie nicht gehen wollte. Er wusste, dass sie sich „entblößt“ fühlte. Und Nami hatte das ungute Gefühl, dass genau dieses Wissen ihn mehr beeinflusste, als er jemals zugeben würde.

„Wir reden hier über einen Nachmittag“, setzte Hiro nach. „Kein Training, keine Daten. Nur... Beistand.“

Kai atmete schwer durch die Nase aus. Er warf Nami einen kurzen, fast flüchtigen Blick zu, in dem so viel ungesagte Verwirrung lag, dass sie fast Mitleid mit ihm hatte.

„Wenn es die Tests nicht verzögert“, presste er schließlich hervor, ohne das Wort 'Ja' wirklich auszusprechen.

Hiro grinste breit und hob seinen Becher. „Abgemacht. Nami, sag Momoko, dass sie die Taschen packen kann.“