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Das Bröckeln der Mauer

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Das Bröckeln der Mauer

Zwanzig Stunden waren seit dem explosiven Videoanruf und dem faden Beigeschmack von Kais letztem, eiskalten Spruch vergangen.

Es war kurz nach ein Uhr nachts gewesen, als Lumina und Tala sich an jenem Abend schließlich von Elias verabschiedet hatten, um in das ehrwürdige Davies Manor zurückzukehren.

Doch natürlich hatte Tala erneut nicht im Traum daran gedacht, sich an die strenge, unmissverständliche Warnung von Lord Eric Davies zu halten, auf die berüchtigte Hellhörigkeit des alten klassizistischen Gebäudes Rücksicht zu nehmen. Seine kompromisslose Natur kannte eben keine Rücksicht auf architektonische Eigenheiten, und das Manor hatte dementsprechend laut und unmissverständlich widerhallt.

Die Quittung dafür war am nächsten Morgen beim Frühstück gefolgt. Lord Davies hatte mit tiefen, unverkennbaren Schatten unter den magentafarbigen Augen am Kopf der langen Mahagonitafel gesessen... ein Bild des aristokratischen Familienoberhaupts, dessen Geduld nach einer schlaflosen Nacht entgültig strapaziert worden war... , während Lady Emily direkt neben ihm saß und sich ein amüsiertes, kaum verhehltes Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Das Ergebnis dieser leidenschaftlichen Nachtruhe war prompt und unbarmherzig ausgefallen: Lord Eric hatte die beiden für den Rest der Woche kurzerhand aus dem Hauptanwesen ausquartiert.

Ihr neues Domizil war Davies Hall gewesen... ein etwas kleineres, wunderschönes viktorianisches Anwesen, das nur durch einen rund zwei Kilometer großen, im Winter kahl daliegenden Rosengarten vom Manor getrennt war und offiziell als exklusives, privates Gasthaus geführt wurde.

Doch wer glaubte, dass sie sich dort in aller Abgeschiedenheit von den Strapazen erholen würden, kannte Lumina schlecht.

Nun war es exakt acht Uhr abends am Folgetag. Die winterliche Dämmerung hatte sich längst schwer über London gelegt, und Tala fand sich... trotz all seines tiefen, murrenden Widerstands und der finsteren Falten auf seiner Stirn... einmal mehr dabei wieder, wie er sich von Lumina mitten in das pulsierende, lärmende Chaos des Winter Open Pub-Festivals in Soho ziehen ließ. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, den allerletzten Abend des Festivals unter keinen Umständen zu verpassen.

Die Luft auf dem Hauptplatz schmeckte nach gebrannten Mandeln, schwerem, gewürztem Punsch und dem kalten Rauch der Kamine, die aus den umliegenden historischen Gassen aufstiegen. Lumina lief federnden Schrittes dicht an seiner Seite; ihr silbrig-weißes Haar, das ihr bis zum Gesäß herabfiel, fing das grelle Neonlicht der Festbeleuchtung ein, und in ihren magentafarbenen Augen tanzte der pure, ungezähmte Übermut.

Tala zog den schweren Kragen seines Mantels etwas höher, während sein eisblauer Blick mit gewohnter, messerscharfer Wachsamkeit über die feiernden Menschenmassen glitt. Jeder, der es auch nur wagte, einen Schritt zu nah an Lumina heranzutreten, fing sich erneut einen Blick ein, der so unbarmherzig und frostig war, dass die betreffenden Gestalten augenblicklich erschrocken die Straßenseite wechselten.

Plötzlich durchbrach ein helles, aufgeregtes Kreischen den permanenten Lärmteppich des Festivals. Ehe Tala auch nur ansatzweise reagieren oder seine schwere Hand schützend um Lumina legen konnte, schossen zwei weibliche Gestalten wie aus dem Nichts aus dem dichten Gedränge hervor und stürzten direkt auf sie zu.

Lumina stieß einen ebenso hellen, überraschten Freudenschrei aus, riss die Arme hoch und schloss die beiden Neuankömmlinge stürmisch in die Arme.

„Brittany! Adeline!“, rief Lumina strahlend, während sie sich nach einer herzlichen Umarmung kurz voneinander lösten und sich lachend in die Augen sahen.

Vor ihnen standen ein lebhaftes, rothaariges Mädchen, dessen Gesicht von unzähligen charmanten Sommersprossen geziert wurde... und Adeline, deren tiefes Brünett wunderbar mit ihren auffälligen, bernsteinfarbenen Augen harmonierte. Die beiden sprühten nur so vor Energie und plapperten sofort wie ein Wasserfall durcheinander.

„Du glaubst gar nicht, wo wir die letzten zwei Tage gesteckt haben!“, rief Brittany und gestikulierte wild mit den Händen. „Fast die ganze Zeit im Mirage! Es ist einfach der Wahnsinn da, die Musik pumpt die ganze Nacht und die Drinks sind mit Abstand immer noch die besten im ganzen Viertel. Wir haben uns schon die ganze Zeit gefragt, wo du steckst, weil du dich dort bisher noch überhaupt nicht blicken hast lassen!“

Adeline nickte eifrig zustimmend, während ein spitzbübisches, vielsagendes Lächeln auf ihren Zügen aufblitzte. Ihr Blick glitt von Lumina ab und wanderte mit einer elektrisierenden, fast unersättlichen Neugier zu dem Mann, der wie ein dunkler Monolith direkt neben ihr aufragte. Adelines bernsteinfarbene Augen musterten Tala von Kopf bis Fuß, als würden sie ihn am liebsten mit Blicken verschlingen.

„Na ja“, hauchte Adeline mit einer rauchigen, amüsierten Tonlage, während ihr Blick förmlich an Talas massiven Schultern und seinem harten Gesicht hängen blieb,

„vielleicht hat das ja auch einen ganz bestimmten Grund. Man munkelt in den letzten Tagen schließlich so einiges...“

Sie warf Lumina einen bedeutungsschwangeren Blick zu.

„Es wird getuschelt, dass du und Tala Valkov mal wieder ganz gewaltig was am Laufen habt. Die neuesten Schnappschüsse von euch beiden in der Klatschpresse und online waren in jedem verdammten Pub in aller Munde.“

Tala rührte sich keinen Millimeter. Er stand da wie ein unerschütterlicher, in schwarzes Leder und Tuch gehüllter Fels, der jede Form von sozialem Klatsch mit einer absoluten, eisblauen Gleichgültigkeit strafte. Seine scharfen, kühl musternden Augen ließen Adelines lüsterne Blicke komplett ins Leere laufen; er betrachtete die Szenerie mit einer so stoischen, tiefen Langeweile, als würden die Worte der Mädchen über ihn hinwegwehen wie der kalte Londoner Winterwind.

Es interessierte ihn einen feuchten Staub, was die High Society oder irgendwelche Klatschblätter über ihn schrieben... für ihn existierte in diesem Moment ohnehin nur die Frau, die sich gerade amüsiert an seine Seite lehnte.

Brittany ließ den Blick mit suchendem Ausdruck über die umgebenden Menschenmassen schweifen, während der Punschduft und die pulsierende Musik aus den umliegenden Pubs die kalten Straßen von Soho erfüllten.

„Sag mal... wo ist eigentlich Elias?“, fragte sie und verzog neugierig das Gesicht. „Ich hab ihn heute Abend auch noch überhaupt nicht gesehen. Aber Claire Hollis meinte vorhin zu mir, dass er im Laufe des Abends schon wieder von einer halben Meute Weiber belagert wurde. Ganz ehrlich, der Arme tut mir langsam echt leid... seitdem er wieder Single ist, jagen ihn die Mädels ja wie Raubtiere ihre Beute.“

Brittany stieß einen tiefen, fast leidenschaftlichen Seufzer aus, während ihre tannenfarbenen Augen kurz verträumt glänzten.

„Andererseits ist das natürlich auch kein Wunder“, fügte sie schnell hinzu und warf einen beiläufigen Blick in die Runde, „wenn man aussieht wie ein verdammt heißer Märchenprinz, der gerade aus einem sündigen Buch entsprungen ist.“

Lumina prustete sofort laut los. Ihre magentafarbenen Augen funkelten voller diebischem Vergnügen, als sie den Kopf ein Stück zurückwarf und ihre Freundin direkt musterte.

„Ach, hör doch auf, Brittany!“, rief Lumina mit rauchiger, amüsimierter Stimme. „Du hast damals doch selbst wochenlang wie eine Klette an ihm geklebt!“

Brittany schoss augenblicklich eine intensive Röte ins Gesicht, die selbst unter ihren charmanten Sommersprossen deutlich zu erkennen war. Sie hob abwehrend die Hände und stieß ein verlegen kicherndes, fast protestierendes Schnauben aus.

„Das ist ja wohl was Völlig anderes!“, verteidigte sie sich und wurde noch Röter. „Ich habe nur so lange mit ihm geflirtet, bis ich kapiert habe, dass er... absolut null Interesse an mir hat. Ich bin doch nicht verrückt und dränge mich jemandem auf, der mich nicht will. Man muss schließlich auch Stolz besitzen.“

Mit einem erneuten, theatralischen Seufzer schüttelte Brittany den Kopf und wechselte abrupt den Tonfall, während sich ein echter Anflug von Unverständnis in ihr Gesicht schlich.

„Aber mal ganz im Ernst... Fiona Browne ist doch eine verdammte Versagerin. Wie blöd muss man eigentlich sein, um so einen wundervollen Mann sehenden Auges komplett zu vergraulen?“

Tala stand währenddessen völlig reglos und ungerührt an Lumina gelehnt. Seine eisblauen Augen musterten das geschwätzige Geplauder mit einer unendlichen, tiefen Gleichgültigkeit. Das Beziehungsdrama irgendwelcher Jugendbekanntschaften tangierte den Russen so peripher wie der Schnee von gestern...

Adeline holte gerade tief Luft, um zu einer neuen Redeflut anzusetzen, die bernsteinfarbenen Augen voller sprühender Energie und Neugier auf den großen, düsteren Russen gerichtet... als Tala ihr mit einer abrupten, gnadenlosen Härte das Wort abschnitt.

Er verschränkte seine massiven Arme vor der breiten Brust, während ein tiefes, ungeduldiges Schnauben aus seiner Kehle drang und der kalte Wind an seinem schwarzen Mantel zerrte.

„Könntet ihr diesen verdammten Kaffeeklatsch vielleicht auf ein anderes Mal vertagen?“, brummte Tala mit seiner tiefen, rauen Stimme, die den Lärm der Straße mühelos durchschnitt und keinen Raum für Widerrede ließ. „Ich habe absolut keine Lust darauf, hier den geduldigen Zuschauer zu spielen.“

Lumina, die sich dicht an seine massive Seite schmiegte, verkniff sich mühsam ein helles, verräterisches Lachen. Ihre magentafarbenen Augen tanzten vor Vergnügen, während sie die ungeduldige, besitzergreifende Art ihres Begleiters in vollen Zügen auskostete.

Adeline wurde unter den Blicken der vorbeiziehenden Menschen leicht rot; die bernsteinfarbenen Augen weiteten sich für einen Herzschlag vor Überraschung über diese kompromisslose Abfuhr. Sie strich sich verlegen über eine Strähne ihres brünetten Haares, fing sich jedoch schnell wieder und lächelte schief.

„Da hast du wohl recht... das war wahrscheinlich ziemlich unhöflich von uns“, gab sie zu und schmunzelte trotz der Zurückweisung leicht. „Wir hätten uns wahrscheinlich erst einmal ordentlich vorstellen sollen, anstatt hier einfach ungefragt reinzuplatzen.“

Sie hielt für eine Sekunde inne, richtete sich auf und streckte ihm mit einer selbstbewussten Geste die offene Hand entgegen.

„Ich bin Adeline Martin“, sagte sie mit einem charmanten, wenn auch etwas herausfordernden Tonfall. „Und... es ist schön, endlich mal deine Bekanntschaft zu machen, Tala.“

Tala rührte sich keinen einzigen Millimeter.

Seine verschränkten Arme blieben fest an seine Brust gepresst, als wären sie aus Stein gemeisselt. Er würdigte ihr Gesicht keines Blickes mehr; stattdessen sanken seine eisblauen Augen langsam, schwer und mit einer unendlichen Kälte auf Adelines ausgestreckte Hand.

Er musterte die Geste mit einer so bodenlosen Apathie, als würde sie ihm gerade den giftigsten Abfall hinhalten, ehe seine tiefe, gelangweilte Stimme durch die Nacht schnitt:

„Nicht für mich.“

Adelines Hand blieb in der kalten Februarnacht für einen Herzschlag lang ausgestreckt, ehe ihr das Gewicht dieser vollkommenen, eiskalten Ablehnung peinlich berührt bewusst wurde. Mit einem schnellen, fast reflexartigen Ruck ließ sie den Arm sinken und presste die Lippen so fest aufeinander, dass nur noch eine schmale, weiße Linie von ihrem vorherigen Selbstbewusstsein übrig blieb.

Brittany, die das Ganze mit panischer Faszination beobachtet hatte, fing in diesem Moment extrem nervös und peinlich berührt zu kichern an. Ein helles, überspitztes Lachen, das den Moment nur noch unangenehmer machte. Sie packte Adeline hastig am Arm, zog sie unmissverständlich ein Stück rückwärts und warf Tala einen flüchtigen, absolut eingeschüchterten Blick zu.

„Wir... wir ziehen dann wohl mal besser weiter“, stammelte Brittany, während ihr das Gesicht vor Verlegenheit glühend rot anlief.

„Wir wollten ohnehin... nach ein paar Snacks Ausschau halten. Vielleicht sieht man sich ja später noch drüben im Mirage!“

Ohne auch nur eine Sekunde länger zu zögern, machten die beiden jungen Frauen auf dem Absatz kehrt und verschwanden Hals über Kopf im bunten, lärmenden Gewirr des Festivaltreibens, als gälte es, vor einem Raubtier zu flüchten.

Lumina blickte den beiden flüchtenden Gestalten kurz nach, ehe sie den Kopf wandte und Tala von der Seite her leicht schmunzelnd musterte. Die magentafarbenen Augen funkelten voller amüsiertem Spott und tiefer Vertrautheit im grellen Neonlicht.

Tala erwiderte ihren Blick mit vollkommener, ungerührter Gelassenheit. Seine eisblauen Augen blieben kühl, während ein skeptischer, fast provokanter Zug um seine harten Mundwinkel zuckte.

„Was?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die den Lärm der Straße mühelos durchschnitt. „War ich etwa... zu unhöflich?“

Lumina musste unwillkürlich laut auflachen.

Das helle, warme Geräusch schnitt für einen Moment durch die kalte Luft, ehe sie sich auf die Zehenspitzen stellte. Sie lehnte sich federnd nach oben, drückte ihm einen weichen, vertrauten Kuss auf die harte Wange und hakte sich im nächsten Augenblick fest und besitzergreifend bei ihm ein.

„Nein, keineswegs“, hauchte sie mit rauchiger, amüsierter Stimme, während sie den Kopf an seine massive Schulter schmiegte.

„Du warst... einfach nur du.“

Tala sagte nichts darauf. Er gab keinen Laut von sich, während sein schwerer Mantel im kalten Wind raschelte, doch für einen winzigen, flüchtigen Moment stockte sein Atem und er schluckte schwer.

Da war es wieder... dieses leise, alles andere als gewohnte Gefühl tief in seiner Brust. Ein fast schmerzhaft ehrliches Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass diese Frau an seiner Seite niemals versuchte, ihn zu verbiegen, zu zähmen oder weicher zu machen, sondern ihn einfach genau so nahm, wie er war.

Nach etwa einer Stunde des treibenden Herumirrens im winterlichen Labyrinth von Soho änderte sich die Geräuschkulisse abrupt. Vor ihnen ragte das Mirage auf... einer der größten und exklusivsten Clubs im Herzen des Viertels. Wegen des Festivals hatte das Etablissement keine Kosten gescheut: Neben dem pulsierenden Haupteingang war ein weitläufiger Außenbarbereich aufgebaut worden, der in warmes, gedimmtes Licht getaucht war, während direkt daneben eine feierlich geschmückte Tombola-Bude stand, an der bunte Lose verkauft wurden. Aus den massiven Türen wummerte ein tiefer, vibrierender Bass, der den Boden unter den Schuhen erzittern ließ.

Lumina, deren Augen im grellen Neonlicht des Club-Eingangs leuchteten, packte Tala plötzlich entschlossen an der Hand. Ohne auf seinen ohnehin schon skeptischen Blick zu warten, zog sie ihn direkt mit sich in den Strom der feiernden Menschen, hinein in die pulsierende Hitze des Geschehens.

Und Tala... Tala ließ es geschehen.

Er ließ sich von ihr ziehen, denn auch wenn sein Gesichtsausdruck ein einziges finsteres, unerschütterliches Statement war, gab es keine Zeit für Rückzug.

Sie drangen bis nahe an den tanzenden Mittelpunkt vor, wo die Musik dröhnte und die Menge dicht an dicht stand. Lumina lehnte sich pltzlich ganz nah an ihn heran, drückte ihren Körper an seine massive Seite und flüsterte ihm mit dieser rauchigen, herausfordernden Tonlage direkt ins Ohr:

„Tala... tanzst du mit mir?“

Tala verzog keine Miene. Seine eisblauen Augen glitten kühl über die tanzenden Paare, ehe er den Blick wieder auf sie senkte und ein tiefes, ungerührtes Schnauben aus seiner Brust drang.

„Tanz du ruhig allein“, brummte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die von der lauten Musik kaum verschluckt wurde.

„Eher brauche ich jetzt verdammt noch mal etwas Richtiges zu trinken... einen Wodka, pur und auf Eis.“

Lumina schmunzelte sofort. Ein breites Lächeln stahl sich auf ihre Züge, während ihre magentafarbenen Augen ihn voller Spott musterten. Sie legte den Kopf schief und hauchte:

„Würdest du das eigentlich immer noch so entspannt sehen... wenn mich hier gleich jemand antanzt?“

In diesem exakten Bruchteil einer Sekunde zuckten die harten Muskeln in Talas Kiefer wild auf. Eine dunkle, gefährliche Welle von purem, ungezähmtem Reviergefühl schoss durch seine Adern, und seine Hand zuckte unwillkürlich an ihrer Hüfte zusammen.

Doch bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, die wahrscheinlich jede gesellschaftliche Etikette gesprengt hätte, schob sich eine vertraute Gestalt in sein Blickfeld.

Elias kam im gleichen Moment mit einem breiten, amüsierten Grinsen auf den Lippen herbeigeschländert, in der einen Hand ein schweres Glas Bourbon haltend.

Tala fackelte nicht eine Sekunde lang. Er warf Elias einen Blick zu, der Bände sprach, und sagte mit tonaler Gleichgültigkeit:

„Das trifft sich verdammt gut. Pass du mal auf deine Cousine auf, solange ich mir endlich etwas Vernünftiges zu trinken besorge.“

Elias hob überrascht die hellen Augenbrauen, während sein Blick amüsiert zwischen Lumina und dem massiven Russen hin und her wanderte. Noch bevor Elias auch nur ein Wort erwidern konnte, hatte Tala sich bereits abgewandt und steuerte mit schnellen, ausgreifenden Schritten zielstrebig auf den überfüllten Außenbereich der Bar zu.

Elias schmunzelte, nahm einen langsamen, genüsslichen Schluck von seinem Drink und lehnte sich lässig neben Lumina an das Geländer, während er dem breit gebauten Russen nachblickte.

„Ich schätze, ich bleibe noch so etwa eine Stunde hier, und dann verziehe ich mich langsam Richtung Heimat“, sagte Elias mit seiner melodischen, ruhigen Stimme, während ein leicht amüsiertes Zucken um seine Mundwinkel spielte.

„Ich bin vorhin gerade noch so Claire Hollis entkommen... die war wohl fest entschlossen, mich heute Abend komplett abzufüllen.“

Lumina stieß ein helles, warmes Lachen aus, das mühelos durch den lauten Bass der Musik drang. Ihre magentafarbenen Augen funkelten voller Spott, als sie den Kopf schief stellte.

„Sag mal, Elias... wie vielen von diesen verzweifelten Mädels musst du eigentlich in den letzten Tagen entkommen?“, frotzelte sie gut gelaunt.

Elias schmunzelte und schüttelte leicht den Kopf.

„Ach, die meisten sind eigentlich ziemlich einsichtig“, entgegnete er gelassen. „Die tanzen meistens nur schwärmerisch aus sicherer Entfernung um mich herum. Die wenigsten sind wirklich so aufdringlich wie Claire.“

Er hob plötzlich die freie Hand, deutete mit dem Kinn in Richtung der massiven, gut besuchten Bar und warf Lumina einen vielsagenden Blick zu.

„Aber wenn wir schon von magnetischer Anziehungskraft sprechen...“

Lumina folgte seinem Blick. Nur wenige Meter entfernt stand Tala an der Bar, gerade im Begriff, sein schweres Glas mit Wodka auf Eis entgegenzunehmen. Doch er war dort keineswegs allein. Just in diesem Moment hatten sich zwei auffällig gekleidete, knapp in Glitzer und Kunstpelz gehüllte Damen an seine Flanken geschoben. Sie lachten aufreizend, warfen ihm verlockende Blicke zu und drängten sich mit einer selbstbewussten Vertrautheit an seinen massiven Körper, als gäbe es für sie keine Abstandsregeln.

Lumina grinste breit. Ein diebisches, unverkennbar aufregendes Leuchten trat in ihre magentafarbenen Augen, während sie die Szene mit unverhohlener Faszination beobachtete.

Elias wandte sich ihr mit einem amüsierten Schmunzeln zu.

„Sag mal, willst du nicht langsam mal rübergehen und dein Revier markieren?“, stichelte er leise. „Wer hätte gedacht, dass der mürrische Eisbär trotz seiner Frost-Aura anscheinend ein regelrechter Frauenmagnet ist.“

Lumina lehnte sich noch ein Stück weiter an das Geländer, das Lächeln auf ihren Lippen wurde noch ein wenig breiter und gefährlicher

„Ach, warte noch ein paar Sekunden“, hauchte sie mit rauchiger, amüsimierter Stimme, während sie keinen Zentimeter von Tala abließ. „Ich will unbedingt diesen einen Moment sehen... wenn sich die Gesichtsausdrücke der beiden Damen schlagartig in Luft auflösen, sobald Tala ihnen eiskalt ins Gesicht sagt, dass sie sich verziehen sollen.“

Sie lachte leise und voller Vorfreude auf.

„Und dann gehe ich rüber... und setze das Sahnehäubchen obendrauf.“

Tala hatte das schwere Glas mit Wodka auf Eis frisch in seine massive Hand entgegengenommen und wollte sich gerade von der Bar abwenden, um durch das Gedränge zu Lumina zurückzukehren. Doch die beiden jungen Damen, die ihn die ganze Zeit über lüsternd angestarrt hatten, versperrten ihm in diesem Augenblick entschlossen den Weg. Sie kicherten übertrieben laut, drängten sich noch näher an seinen Körper und hielten ihn mit aufreizenden Stimmen fest.

„Na, was hat so ein gutaussehender Kerl wie du denn den restlichen Abend noch vor?“, flötete die eine mit honigzuckriger Süße und klimperte übertrieben mit den Wimpern.

Talas Kiefermuskeln mahlten unheilvoll unter seiner harten Haut. Die Adern an seinem Hals traten leicht hervor, und ein tiefes, gefährliches Schnauben drang aus seiner Brust.

„Macht Platz“, knurrte Tala mit seiner abgrundtiefen, rauen Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Die andere der beiden ließ sich davon jedoch nicht abschrecken und lehnte sich noch dichter an ihn.

„Aber wieso denn so störrisch, Großer? Bist du etwa schüchtern?“

Tala wandte ihr einen Blick zu, der so schneidend und eiskalt war, dass er die Hitze des Clubs im Handumdrehen gefrieren ließ. Er musterte sie von Kopf bis Fuß mit einer langsamen, absolut herablassenden Verachtung, als betrachte er etwas Abscheuliches am Boden.

„Dein Outfit sieht aus, als wärst du Angestellte des horizontalen Gewerbes“, sagte Tala mit einer unerbittlichen, tonalen Härte, die jedes Wort wie einen Hammerschlag klingen ließ. „Und nein... ich habe keinerlei Interesse daran, dein Kunde zu sein.“

Die junge Frau erstarrte augenblicklich. Die Farbe wich jäh aus ihrem Gesicht, bevor eine hitzige, zutiefst beschämende Röte explosionsartig ihre Wangen überzog. Ihre Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen, während sie nach Luft schnappte und anfing zu stammeln:

„D-Das... das ist ja wohl völlig unerhört! Was... was fällt dir eigentlich ein?! Ich bin verdammt noch mal keine Prostituierte!“

Tala zeigte nicht die geringste Spur von Reue oder Unbehagen. Völlig ungerührt führte er stattdessen das schwere Glas an seine Lippen und nahm einen langsamen, bewussten Schluck von seinem Wodka. Er setzte das Glas wieder ab, hob den Blick stoisch nach vorn und entgegnete mit einer eisigen, arroganten Gleichgültigkeit:

„Glück für dich. Und jetzt... aus dem Weg.“

Just in diesem Moment schob sich eine vertraute, geschmeidige Bewegung an seine Seite. Lumina war herangetreten, die magentafarbenen Augen funkelten vor purem Triumph, und mit einer ebenso selbstbewussten wie besitzergreifenden Geste schmiegte sie sich direkt vor den Augen der beiden völlig fassungslosen Damen an Talas massive Brust.

Tala fackelte keine Sekunde lang. Seine schwere, warme Hand schloss sich mit rauer Kraft um ihre Taille, zog sie mit kompromissloser Autorität direkt an seinen Körper, und er ließ es bereitwillig zu, dass Lumina den Kopf in den Nacken warf und ihn am Hinterkopf packend in einen tiefen, verlangenden Kuss zog. Vor den Augen der entsetzten Frauen entfaltete sich ein Bild von solcher rohen, ungeschnittenen Intensität, dass den beiden Damen endgültig die Worte im Hals stecken blieben.

Von peinlicher Berührtheit und blankem Entsetzen überrumpelt, tauschten sie einen letzten, fassungslosen Blick aus, ehe sie mit tief gesenkten Köpfen und brennenden Wangen auf dem Absatz kehrtmachten. Sie drängten sich hastig an den feiernden Menschen vorbei und verschwanden Hals über Kopf im dichten Getümmel des Clubs, um der unerträglichen Demütigung zu entkommen.

Lumina hielt kurz vor Tala inne. Ihr Gesicht war nur Millimeter von dem seinen entfernt, als sie den Kuss jäh unterbrach. Ihre magentafarbenen Augen funkelten, ehe sie ein helles, kicherndes Lachen anstimmte.

„Siehst du, Tala“, hauchte sie mit rauchiger, amüsimierter Stimme, während sie ihren Blick in seinen eisblauen Augen verankerte. „Auch ich bin verdammt gut darin, meinen Besitz zu markieren.“

Tala sagte im ersten Moment kein einziges Wort. Seine harten Züge blieben stoisch, während sein schwerer Arm fest und besitzergreifend um ihre Taille gelegt blieb. Völlig ungerührt hob er stattdessen erneut das schwere Glas mit dem verbleibenden Wodka an die Lippen und nahm einen langsamen, bewussten Schluck.

Er senkte das Glas wieder, beugte sich minimal zu ihr herunter und flüsterte ihr die Worte mit einem schmunzelnden, dunklen Unterton direkt an das empfindliche Ohr:

„Diese Tussis waren doch nur zwei Fehler im System, die mit ihren Brüsten versucht haben, mich aus dem Konzept zu bringen... aber da sind sie an den Falschen geraten.“

Der dröhnende Bass des Mirage hämmerte unbarmherzig gegen die Wände des vollgestopften Außenbereichs, während das bunte, flackernde Licht der Lasershow tanzende Schatten über ihre Gesichter warf.

Tala ließ den Blick noch einmal über die Menge schweifen, ehe ein tiefes, unverkennbar genervtes Ausatmen seine Lippen verließ.

Er sah zu Lumina hinab, und in seinen eisblauen Augen lag die ehrliche, ungeschönte Erschöpfung eines Mannes, der von sozialem Zirkus und aufdringlichen Gestalten endgültig die Nase voll hatte.

„Bitte sag mir, dass wir die nächsten Tage nicht mehr feiern gehen“, knurrte Tala mit seiner tiefen, rauen Stimme, die den Lärm der Musik mühelos durchschnitt. „Ich bin zwar trinkfest, aber noch mehr dämliche Blicke ertrag ich nicht.“

Lumina legte den Kopf schief, während ein breites, vergnügtes Lächeln ihre Züge erhellte. Ihre magentafarbenen Augen funkelten voller Provokation und Vorfreude, als sie zu ihm aufblickte.

„Ach nein?“, hauchte sie mit rauchiger, amüsimierter Stimme. „Und was schlägst du vor, was wir stattdessen machen sollen?“

Tala fackelte nicht lange. Mit einer abrupten, entschlossenen Bewegung stellte er das schwere Glas auf der hölzernen Bar ab. Im nächsten Augenblick schlossen sich seine massiven Hände fester um sie, wanderten an ihrer Hüfte hinab und fassten zielsicher zu, als er ihr Gesäß mit je einer Hand umfasste und sie mit roher, müheloser Kraft direkt an seinen harten Körper zog.

„Na, was glaubst du denn?“, knurrte er dunkel.

Eine Schwall von wohliger Glesenhaut überkam Lumina bei dieser kompromisslosen Nähe, und ein helles, warmes Lachen riss sich erneut aus ihrer Kehle. Sie drängte sich noch dichter an ihn, während ihre Augen spitzbübig funkelten.

„Sightseeing?“, neckte sie ihn mit einem leichten Lachen in der Stimme. „Du bist doch, soweit ich weiß, das erste Mal in London zum Urlauben.“

Tala verzog keine Miene. Er blickte sie völlig trocken, mit einer unerschütterlichen, toternsten Miene an, während die feiernden Menschen um sie herum im Takt der Musik wogten.

Lumina schmunzelte über seine steinernen Züge, konnte sich ein triumphierendes Kichern nicht verkneifen und vergrub schließlich lachend das Gesicht in seiner massiven Brust.

„Ja gut...“, brummte er völlig ungerührt, während sein Blick wieder über die Menge glitt. „... das vielleicht auch.“

Etwa dreißig Minuten später...

Der schwere, dröhnende Bass des Mirage verblasste allmählich hinter ihnen, als Tala entschlossen seine Hand um Lumina legte und sie aus dem stickigen, überhitzten Getümmel des Clubs hinaus in die kühle, sternenlose Londoner Nachtluft zog.

Der Kontrast traf sie wie ein physischer Schlag. Draußen in den schmalen, historischen Gassen von Soho war der Lärm des Festivals nur noch ein dumpfes, fernes Pochen, das gegen die nassen Backsteinwände schlug. Der kalte Wind strich scharf durch die Straßenzüge und ließ den feinen Atem in kleinen, weißen Wolken vor ihren Gesichtern aufsteigen. Die nassen Kopfsteinpflastersteine glänzten im fahlen Licht der alten Straßenlaternen, die einen goldenen, einsamen Schein auf den Boden warfen.

Tala zog den Kragen seines schweren schwarzen Mantels höher, während sein Arm fest und unnachgiebig um Luminas Taille lag, um sie an seinen Körper zu pressen. Seine harten Züge waren im Halbdunkel der Straßenlaternen wie in Stein gemeißelt, doch in seinem Inneren brodelte es.

Drei Tage. Drei verdammte Tage war er nun schon hier in London. Drei Tage, in denen er jede Sekunde, jede Berührung, jeden Atemzug von ihr aufgesaugt und sich gleichzeitig dafür verflucht hatte, wie schwach er geworden war.

Fünf Wochen lang hatte er nach seiner erneuten Abreise aus Tokio versucht, sie zu ignorieren. Er hatte auf sein Instagram gestarrt, wie ein Süchtiger auf Entzug, hatte versucht, den Druck mit brutalen Trainingseinheiten im Gym wegzuschlagen, bis seine Knöchel blutig waren und seine Muskeln schmerzten. Er hatte andere Frauen in sein Bett gelassen, in der blinden Hoffnung, ihren Geschmack, diese unerschütterliche Art aus seinem Körper zu brennen. Aber es hatte nicht funktioniert. Keine von ihnen hielt seinem Blick stand... seiner Härte. Keine von ihnen war... sie. Und als seine Teamkollegen und schließlich sogar Kai ihn angepflaumt hatten, er solle sich endlich eingestehen, dass er ohne sie einging, war er Hals über Kopf nach London gereist.

Lumina schien es ihm an der Nasenspitze anzusehen. Sie lehnte sich gegen seine massive Seite, schaute mit diesen funkelnden, magentafarbenen Augen zu ihm hoch und legte den Kopf schief.

„Was ist?“, hauchte sie mit rauchiger, amüsimierter Stimme. „Wirken die schicken Clubs und Pubs in London nach drei Tagen etwa immer noch so überwältigend auf den großen, unerschütterlichen Russen?“

Tala blieb abrupt stehen.

Er zog sie so heftig an sich, dass sie gegen seine harte Brust prallte, und drückte sie gegen die kalte Backsteinwand eines alten Gebäudes, während seine massive Hand ihren Nacken umschloss. Der Druck war fest und besitzergreifend... er brauchte einfach erneut den physischen Beweis, dass sie da war.

Sein Kiefer mahlte wild, und als er sie ansah, lag in seinen eisblauen Augen eine so rohe, ungeschönte Frustration, dass es fast schmerzte.

„Halt den Mund, Lumina“, knurrte er mit einer Stimme, die so dunkel und rau klang, dass sie in der stillen Gasse hallte.

Er atmete schwer aus, den Blick fest auf ihr Gesicht geheftet. Die Erinnerung an die Nächte im Oktober... an diesen ersten, brutalen Sturm nach Kais Hochzeit, bei dem er versucht hatte, sie mit archaischer Härte wegzustoßen, und an die zwei Wochen in Tokio im Dezember, in denen sie ihn komplett um den Verstand gebracht hatte... brannte wie Feuer unter seiner Haut.

„Glaubst du eigentlich, ich bin zum Spaß hierhergekommen?“, presste er hervor, und jedes Wort schien ihn physische Kraft zu kosten. Seine Hand in ihrem Nacken zuckte leicht. „Drei Tage sitze ich jetzt hier fest. Drei Tage, in denen ich versuche, mir einzubilden, ich hätte noch irgendeine Kontrolle über mein eigenes Leben. Aber jedes Mal, wenn du mich so anschaust, weiß ich, dass ich verloren habe.“

Ein dunkles, gefährliches Knurren drang aus seiner Brust, während er sich noch ein Stück tiefer zu ihr herunterbeugte, bis seine Lippen fast ihre berührten.

„Niemand hat mich je so genommen, wie ich bin. Du trittst in mein Leben, reißt jede verdammte Mauer ein, die ich mir mühsam aufgebaut habe, und tust so, als wäre es das Normalste auf der Welt.“ Er starrte sie an, als wollte er sich in ihr Gesicht brennen.

„Ich habe mir verdammt noch mal geschworen, niemanden zu brauchen... aber ich kann verdammt noch mal nicht einmal mehr atmen, wenn du nicht in Reichweite bist.“

Tala stockte, als würden ihn seine eigenen Worte zutiefst überraschen.

Lumina lachte nicht. Kein spitzbübischer Spott lag in ihrem Gesicht, als sie seine Worte hörte... nur diese tiefe, alles verstehende Vertrautheit. Sie hob die Hände, legte sie flach gegen seine breite Brust, spürte das rasende Schlagen seines Herzens und zog ihn zu sich herunter.

„Ich weiß“, flüsterte sie leise und direkt auf seinen Lippen, ehe sie ihn in einen Kuss riss, der so fordernd und kompromisslos war, dass jede Wut, jeder Stolz und jede verbleibende Distanz in der eisigen Winternacht augenblicklich verglühten.