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Kurzschluss

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Kurzschluss

Vier Tage später herrschte in dem ansonsten so stilvollen Schlafzimmer von Davies Hall ein ungewohnt schwerer, fast greifbarer Abschiedsschmerz.

Reisetaschen raschelten leise, als Tala mit harten, fast mechanischen Handgriffen seine Sachen verstaute. Seine massiven Schultern spannten sich unter dem dunklen Hemd an, während er ein schweres Oberteil nach dem anderen zusammenlegte und in das Ledergepäck warf. In wenigen Stunden würde sein Flug zurück nach Moskau gehen... raus aus der vertrauten Enge dieses englischen Herrenhauses, hinein in die kalte, erbarmungslose Realität, die fernab von ihr auf ihn wartete.

Lumina stand nur wenige Schritte entfernt, lässig mit dem Rücken an die dunkle Holzvertäfelung der Wand gelehnt, und beobachtete ihn mit verschränkten Armen. Sie schwieg, während ihr Blick jeden seiner Bewegungen musterte, und in ihren magentafarbenen Augen spiegelte sich eine tiefe, nachdenkliche Ruhe.

Die vergangenen Tage seit dem Festival in Soho waren für sie eine Offenbarung gewesen... eine seltsame, fast unwirkliche Mischung aus absoluter Ruhe und ungebändigter Intensität. Tala hatte ihr nach jenem Abend in der Gasse auf seine ganz eigene, kompromisslose Art gezeigt, was sie ihm bedeutete. Danach war der Sturm für einen Moment abgeebbt, und die Tage hatten eine unerwartet weichere, fast häusliche Note angenommen.

Sie erinnerte sich genau an den vierten Tag. Sie hatten fast die gesamte erste Hälfte des Tages nackt im breiten Bett verbracht, während der Regen leise an die bleigefassten Scheiben des viktorianischen Anwesens plätscherte. Lumina hatte damals ihren Kopf auf seinen harten, warmen Bauch gebettet, während sie beide stumm an die Stuckdecke gestarrt hatten. Sie hatte leise begonnen zu reden... von ihrer Kindheit, von den strengen, aber faszinierenden Familienstrukturen und den regelmäßigen Besuchen der Familie Tachiba, die das Leben im Anwesen früher geprägt hatten.

Tala hatte ihr schweigend zugehört, die großen Hände in ihrem silbrig-weißen Haar ruhen lassen. Und wenn sie von irgendeiner absurden Anekdote aus ihrer Jugend erzählt hatte, hatten sich seine harten Mundwinkel tatsächlich hin und wieder für einen winzigen Augenblick zu einem amüsierten Schmunzeln verzogen.

Von sich selbst hatte er wie gewohnt kaum etwas preisgegeben. Er war kein Mann großer Worte. Erst am sechsten Tag, spät Abends als sie in seinen Armen lag, hatte er ihr in einer seltenen, stillen Minute ganz beiläufig und nur sehr oberflächlich ein paar Details darüber verraten, wie die harten, disziplinierten Tage in der Abtei damals abgelaufen waren... knapp, sachlich, ohne jede Spur von Selbstmitleid.

Danach hatte er erneut geschwiegen. Oder er hatte seinen unerbittlichen Trieb für sich sprechen lassen.

Denn trotz der ruhigeren Momente war die Leidenschaft zwischen ihnen unersättlich geblieben. Es verging kaum eine Nacht ohne pure Extase, in der das alte Gemäuer von Davies Hall von Luminas erregtem, hallendem Stöhnen und Talas rauen, dunklen Befehlen widerhallt war. Sie hatten sich genommen, als gäbe es kein Morgen, als wollten sie sich gegenseitig in die Haut brennen, dass die kommende Trennung nur eine Illusion war.

Nun packte er. Das unausweichliche Ende dieser gemeinsamen Tage lag wie Blei im Raum, und Lumina, die jede Sekunde dieses Mannes in sich aufsog, fragte sich, wie lange es diesmal dauern würde, bis er es nicht mehr ohne sie aushielt.

Ein leises, schmerzhaftes Ziehen breitete sich in Luminas Brust aus, während sie den Blick nicht von Tala abwenden konnte. Ihr Rücken lehnte an der kühlen Holzvertäfelung, doch von der Kälte des Raumes spürte sie nichts; die Hitze lag einzig in der bedrückenden Schwere, die sich mit jeder Sekunde, die verstrich, dichter um sie legte.

Ihre Gedanken glitten unweigerlich zurück an jenen Oktoberabend, an dem alles begonnen hatte. Damals war es reines, ungebändigtes Begehren gewesen... eine magnetische Anziehung zu einem Mann, der wie ein unbezwingbarer Sturm gewirkt hatte. Sie hatte ihn gewollt, weil er so gefährlich und unerreichbar schien. Es war damals eine Option gewesen, ein spielerischer Ehrgeiz für den Fall, dass dieser in sich geschlossene, eiskalte Russe es jemals zulassen würde, dass jemand wie sie ihn für sich beanspruchte.

Sie hatte vermutet, dass es ein langer, zäher Kampf werden würde. Mal hatte sie geglaubt, es würde Jahre dauern, mal hatte sie befürchtet, es sei schier unmöglich, in diesem aus Stahl und Stolz geschmiedeten Panzer auch nur einen echten, tiefen Funken auszulösen.

Und jetzt?

Jetzt traf sie die Realität mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Jedes Mal, wenn er in den vergangenen Monaten auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde seine Maske fallen gelassen hatte... wenn er ihre Hand fester umschlossen hielt, als es die Fassung erlaubte, wenn sein Kuss plötzlich eine unerwartete, verletzliche Sanftheit annahm oder wenn er ihr mit rauer, verzweifelter Stimme ins Gesicht gestand, dass er ohne sie nicht einmal mehr atmen konnte... , hatte er Fundamente in ihr eingerissen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie existieren.

Sie war nicht mehr nur fasziniert. Sie war nicht mehr nur das spielerische Gegenstück zu seiner dunklen Natur.

Sie war bis über beide Ohren in ihn verliebt.

Die Erkenntnis traf sie nicht wie ein warmer Hauch, sondern wie ein kalter, stechender Schmerz, der sich tief in ihr Fleisch grub. Sie liebte seine Ecken, seine unbarmherzige Härte, diesen alles verschlingenden Besitzanspruch, der so perfekt zu ihrem eigenen passte. Doch genau das machte diesen Moment so unerträglich.

Tala schloss den Reißverschluss seiner Tasche mit einem harten, metallischen Geräusch, das in der Stille des Zimmers wie ein Peitschenhieb hallte. Er würde in wenigen Stunden in einen Flieger nach Moskau steigen. Er würde zurückkehren in seine Welt aus Kälte und Pflichten, während sie hier zurückblieb.

Ein feuchter, brennender Druck stieg in ihren Augen auf, den sie mit einem stolzen, festen Zusammenpressen ihrer Lippen sofort unterdrückte. Das Schlimmste war nicht einmal der Abschied an sich. Es war das schmerzhafte, zermürbende Nichtwissen. Sie hatte keinen Plan, keinen Kalender, keinen Fixpunkt. Sie wusste schlicht und einfach nicht, wann er das nächste Mal vor ihrer Tür stehen oder sie mit diesem rauen, unersättlichen Blick mustern würde.

Lumina atmete flach aus, schob sich von der Wand ab und trat mit leisen, zielstrebigen Schritten auf ihn zu, während in ihren magentafarbenen Augen ein gefährlicher, kämpferischer Glanz aufflammte, der den Schmerz in ihrem Inneren perfekt verbarg.

Anstelle ihres üblichen, diebischen Grinsens oder einer spitzbübischen Bemerkung lag ein ungewohnt ruhiger, fast verletzlich sanfter Ausdruck auf ihren Zügen. Die sonst so grelle, strahlende Energie, die sie umgab, war einer stillen, tiefen Melancholie gewichen.

„Geh du schon mal vor ins Frühstückszimmer, Tala“, sagte sie mit einer Stimme, die leiser und weicher klang als sonst, während sich ein kaum wahrnehmbares, zartes Lächeln auf ihre Lippen stahl. „Ich komme gleich nach.“

Tala hielt mitten in der Bewegung inne. Die Riemen seines schweren Gepäcks fest in seiner massiven Hand umschlossen, wandte er den Kopf langsam zu ihr. Seine eisblauen Augen musterten sie mit einer scharfen, sofort wachsamen Intensität. Er kannte jede ihrer Facetten, jede Regung... und dieses Fehlen ihres gewohnten, herausfordernden Übermuts ließ seine Muskeln sofort unterschwellig anspannen.

„Was machst du?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die keinen Raum für Ausflüchte ließ.

Lumina hielt für einen Herzschlag inne. Ihre magentafarbenen Augen wichen seinem durchdringenden Blick nicht aus, doch in ihrem Blick lag etwas Schweres.

„Ich muss nur noch mal kurz... ins Bad“, erwiderte sie leise und strich sich eine silbrig-weiße Strähne aus dem Gesicht. „Bin gleich bei dir.“

Tala schwieg.

Nach einem kurzen, inneren Kampf nickte er schließlich leicht. Ein knappes, fast unsichtbares Bewegen seines Kinns, das alles sagte, was gesagt werden musste.

Ohne ein weiteres Wort schwang er die schwere Tasche über seine breite Schulter, warf ihr einen letzten, alles verschlingenden Blick zu und trat aus dem Zimmer, um ihr für den Bruchteil einer Minute den Raum zu lassen, nach dem sie verlangte.

Kaum war die schwere Holztür hinter Tala ins Schloss gefallen und das dumpfe Echo seiner schweren Schritte im Flur verklungen, brach die aufgestaute Anspannung mit voller Wucht über Lumina herein.

Sie atmete scharf ein, ein erstickter, wütender Laut drang aus ihrer Kehle, und mit beiden Händen fuhr sie sich wild durch ihr silbrig-weißen Haare. Sie zog die Stränge fast schmerzhaft nach hinten, während sie die Augen fest schloss und gegen die brennenden Tränen ankämpfte, die unerbittlich in ihren magentafarbenen Augen aufstiegen.

„Verdammt noch mal... was ist bloß los mit mir?“, zischte sie leise und fluchte heiser in die Stille des Raumes hinein. „Ich habe noch nie in meinem Leben wegen einem Typen geweint. Niemals. Ich bin verdammt noch mal stark, sowas nimmt mich doch sonst nicht so mit!“

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals mit einer harten Bewegung hinunter, zwang den aufkommenden Schmerz mit eiserner Willenskraft zurück und ließ sich auf die Kante des breiten Bettes sinken. Für einen Herzschlag starrte sie stumm auf den Boden, während in ihrem Kopf die Gedanken rasten.

Warum sollte sie hier rumsitzen und Däumchen drehen, während er im Begriff war, in den Flieger nach Moskau zu steigen?

Ihr Blick hellte sich schlagartig auf. Ein spitzbübisches, absolut entschlossenes Aufleuchten trat in ihre Züge, und ein gefährliches, triumphierendes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

Ohne eine Sekunde länger zu zögern, griff sie nach ihrem Smartphone auf dem Nachttisch, wählte mit schnellen Fingern eine Nummer und hielt das Gerät ans Ohr.

Nach nicht einmal zwei Mal Klingeln meldete sich eine ruhige, tadellose Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Brimsley?“, sagte sie, während in ihrer Stimme nicht mehr die Spur von Traurigkeit lag, sondern die pure, ungezähmte Energie einer Frau, die gerade einen Plan gefasst hatte. „Sag... wie schnell können du und Harriet eigentlich meine Koffer packen?“

Lumina stieg die breite, geschwungene Holztreppe von Davies Hall hinab, während ihr Herz wie ein wild gewordener Vogel gegen ihre Rippen hämmerte. Jeder einzelne Schritt fühlte sich schwer an, getragen von einer explosiven Mischung aus wilder Entschlossenheit und einer leisen, nagenden Ungewissheit, die sich wie kalter Schatten um ihre Gedanken legte.

~Was, wenn er nein sagt?~

Die Frage schoss ihr giftig durch den Kopf. Was, wenn er sich querstellte und sie stur in England zurückließ, weil er seine Welt in Moskau lieber hermetisch von ihr abriegelte?

Die Erinnerung an jenen Abend kurz nach Silvester schnitt ihr schmerzhaft durch den Sinn. Damals hatten sie am Tokioter Haneda Flughafen gestanden... umgeben von dem kalten, sterilen Lärm des Terminals, als der Abschied wie Blei in der Luft lag. Sie hatte ihn damals herausgefordert, ihn gefragt, warum er sie nicht einfach mitnahm. Und Tala hatte ihr mit eiskalter, unnachgiebiger Härte ins Gesicht gesagt, dass er das nicht tun würde.

Er war allein gegangen.

Aber jetzt? Jetzt war so viel mehr zwischen ihnen zerbrochen und neu zusammengesetzt worden. Sie hatten die Nächte in Tokio überlebt, die qualvolle Funkstille, und schließlich diese intensiven, fast rituellen Tage hier in Davies Hall. Er hatte ihr erst gestanden, dass er ohne sie nicht einmal mehr atmen konnte.

Zudem sprach rein logistisch absolut nichts dagegen. Sie hatte noch über zwei volle Monate Zeit, bevor sie im Frühling in Tokio sein musste, um ihr Studium zu beginnen.

Zwei Monate im frostigen Moskau, an der Seite eines Mannes, der sie so nahm, wie sie war? Für Lumina gab es keine logischere Option auf der Welt.

Mit einem tiefen, kontrollierten Luftholen erreichte sie das unterste Ende der Treppe. Die Angst, dass er sie abwimmeln könnte, kitzelte unangenehm in ihrem Magen, doch in ihren magentafarbenen Augen flackerte ein unerschütterlicher, kämpferischer Funke. Sie würde es herausfinden.

Sofort.

So dachte sie... doch als sie das helle Frühstückszimmer betrat und Tala am Tisch sitzen sah, blieben ihre Schritte für einen Herzschlag lang wie angewurzelt stehen.

Er saß da, die breiten Schultern lässig in den Stuhl gelehnt, während er mit einer unverkennbaren Selbstverständlichkeit seinen Kaffee trank. Seine markanten, attraktiven Gesichtszüge wirkten im morgendlichen Licht fast noch schärfer, umrahmt von den intensiven eisblauen Augen, um die sich einzelne rote Strähnen verirrt hatten, während der Rest seines Haares zu einem leichten Dutt hochgebunden war.

Bei dem plötzlichen Anblick, wie verdammt gut und gefährlich er aussah, wurden ihre Knie augenblicklich ungewohnt weich. Der Gedanke, ihn jetzt, in diesem Moment, mit ihrem überrumpelnden Plan zu konfrontieren... ihm einfach zu eröffnen, dass sie ihre Koffer gepackt hatte und mit nach Moskau flog... , ließ ihren Puls bedrohlich in die Höhe schnellen. Die Realität dieses risikoreichen Schrittes traf sie mit voller Wucht, und ihre Nerven spielten für einen Bruchteil einer Sekunde verrückt.

Instinktiv zog sie eine Grenze. Nein, nicht hier, nicht beim Abschiedsfrühstück unter Beobachtung. Sie würde sich diesen Trumpf noch ein wenig aufsparen und auf den perfekten Moment warten.

Mit einer eisernen Anstrengung zwang sie sich zu einem makellosen, spielerischen Lächeln, strich ihren Rock glatt und trat näher. Sie zog den Stuhl gegenüber von ihm an dem kleinen runden Tisch zurück und ließ sich nieder. Ohne sich auch nur das Geringste von ihrer inneren Aufregung anmerken zu lassen, griff sie nach einem frischen Scone, strich ungerührt etwas Clotted Cream darauf und erwiderte seinen Blick aus ihren magentafarbenen Augen, während ihre Maske aus purem Übermut wieder perfekt saß.

Das Frühstück verlief in einer fast schon unwirklichen Stille. Während Tala seinen Kaffee austrank und die letzten organisatorischen Details im Kopf durchging, ließ Lumina sich nichts anmerken. Ihr Lächeln saß, ihre magentafarbenen Augen blickten ihn mit jener gewohnten, spielerischen Wärme an, die ihn jedes Mal aufs Neue aus dem Konzept brachte.

Sie hatte ohnehin nicht vorgehabt, ihn einfach nur im Foyer zu verabschieden. Brimsley... der treue, tadellose Butler des Anwesens... würde Tala persönlich zum Flughafen Heathrow fahren. Und Lumina hatte natürlich keinen Augenblick lang gezögert, diesen Umstand für ihren kleinen, unumstößlichen Plan zu nutzen.

Kurz nach neun Uhr stand der schwere, in tiefem Schwarz glänzende Jaguar vor dem Eingang von Davies Hall. Brimsley hatte Talas Gepäck bereits im Kofferraum verstaut... und, was Tala zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, direkt daneben auch Luminas Koffer, die Harriet in einer Blitzaktion nach unten geschafft hatte.

Tala zog den Kragen seines Mantels hoch, während der kalte Wind über die Auffahrt strich. Er war bereit für den Aufbruch, doch als er sich zu Lumina umdrehte, die in ihrem eleganten Mantel im Türrahmen stand, verengten sich seine eisblauen Augen leicht.

Etwas an ihrer Haltung stimmte nicht. Sie wirkte zu ruhig, zu gelassen... beinahe so, als würde sie ein verdammt großes Geheimnis mit sich herumtragen.

„Du musst bei dem Wetter nicht extra mit zum Flughafen fahren“, sagte Tala mit seiner tiefen, rauen Stimme, während sein Blick an ihr hängen blieb. „Es ist ein langer Weg nach Heathrow und der Verkehr wird beschissen sein.“

Lumina lächelte nur schief, trat näher an ihn heran und legte die Hände mit einer selbstverständlichen Vertrautheit an seine breite Brust, während sie ihren Kopf leicht schräg legte.

„Ach, red keinen Unsinn.“, hauchte sie mit rauchiger, amüsimierter Stimme. „Glaubst du etwa, ich lasse dich einfach so abdüsen, ohne dich persönlich abzuliefern? Dafür war diese Woche viel zu unterhaltsam.“

Tala musterte sie einen Moment lang scharf.

Seine Kiefermuskeln zuckten leicht, und ein tiefes, unhörbares Ausatmen verriet, dass er innerlich mit sich rang, ob er Einspruch erheben sollte. Doch der Gedanke daran, sie für die nächsten Wochen nicht mehr zu sehen, saß zu tief in seiner Brust, als dass er sie jetzt ernsthaft wegschicken wollte. Er packte sie kurz an der Taille, zog sie für einen harten, kompromisslosen Kuss an sich und brummte schließlich:

„Wie du willst. Aber jammer nachher nicht rum, wenn wir im Stau stehen.“

Die Fahrt nach Heathrow verlief schweigend im Fond des luxuriösen Wagens. Brimsley konzentrierte sich vorne am Steuer vollkommen auf den Verkehr, während draußen die nassen, grauen Straßenzüge Londons vorbeizogen. Tala saß neben ihr, den Blick stoisch aus dem Fenster gerichtet, während seine massive Hand beiläufig, aber besitzergreifend auf Luminas Oberschenkel ruhte. Seine Finger strichen hin und wieder fest über den Stoff ihres Rocks, als wollte er sich physisch daran erinnern, dass sie da war.

Als der Jaguar schließlich auf das riesige, hektische Gelände des Flughafens rollte und am Terminal für internationale Abflüge zum Stehen kam, packte Lumina das unbändige Verlangen, laut loszulachen. Die Anspannung in ihrem Magen kribbelte wie Champagner.

Tala stieg als Erster aus und zog kurz den Kragen seines Mantels glatt, ehe er sich umdrehte, um Lumina herauszuhelfen.

Brimsley trat indessen routiniert an den Kofferraum, um das Gepäck zu holen.

Tala musterte sie mit seinen eisblauen Augen, in denen nun eine unverkennbare, schwere Kühle lag. Der Abschied war da. Er packte sie an den Schultern, zog sie nah an sich heran und drückte ihr einen letzten, rauen, fast schmerzhaften Kuss auf die Lippen, als wollte er ihren Geschmack für die nächsten Wochen versiegeln.

„Schreib mir, wenn du im Manor bist“, knurrte er leise gegen ihre Lippen, und in seiner Stimme lag die unverkennbare Ungeduld eines Mannes, der es hasste, sich von dem zu trennen, was ihm gehörte.

In diesem exakten Moment trat Brimsley um den Wagen herum. In jeder Hand trug er ein schweres Gepäckstück.... Talas Ledertasche... und direkt daneben Luminas feines Designer-Gepäck.

Talas Augen wanderten langsam von Luminas Gesicht hinab zu den Koffern in

Brimsleys Händen.

Er erstarrte.

Die hektische Welt des Heathrow-Terminals schien für einen Herzschlag komplett zu verschwinden.

Talas Kiefermuskeln mahlten so wild unter seiner blassen Haut, dass es fast schmerzte hinzusehen. Eine dunkle, gefährliche Ader pochte an seinem Hals, während seine Augen wieder nach oben schnellten und sich mit einer brennenden, unbarmherzigen Härte in Luminas magentafarbenen Augen bohrten.

„Was zur Hölle soll das sein?“, knurrte er mit einer Stimme, die so dunkel und tief klang, dass Brimsley im Hintergrund diskret einen Schritt zurücktrat und den Blick demonstrativ abwandte.

Lumina zuckte nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen hob sie den Kopf, schenkte ihm ein breites Grinsen und ließ ihre magentafarbenen Augen vor purem Triumph funkeln.

„Mein Gepäck.“, hauchte sie mit dieser rauchigen, herausfordernden Tonlage, die ihn jedes Mal an den Rand des Wahnsinns trieb.

„Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich dich einfach so wieder nach Moskau abhauen lasse, während ich hier in London erneut Däumchen drehe? Ich habe noch zwei Monate Zeit bis zum Semesterstart in Tokio. Und die verbringe ich verdammt noch mal da, wo du bist.“

Tala starrte sie an. Für eine Sekunde lag pure, ungläubige Fassungslosigkeit in seinen Zügen... gefolgt von einer explosiven Welle aus roter, ungezähmter Wut und einer tiefen, alles verschlingenden Begierde, die ihn fast den Verstand kostete.

Sie hatte ihn reingelegt.

Sie hatte ihn eiskalt und absolut absichtlich bis zur letzten Sekunde im Unklaren gelassen.

Ein dunkles, raues Knurren drang aus seiner Brust.

„Du hast doch nicht alle Tassen im Schrank“, presste er hervor, doch anstatt sie wegzustoßen, schloss sich seine andere Hand ebenfalls fest um ihre Taille, und er zog sie mit solcher Wucht an seinen harten Körper, dass jede Luft zwischen ihnen verschwand. Seine eisblauen Augen brannten vor unbändiger Herrschsucht.

In Talas Innerem brodelte es gewaltig. Die bloße Tatsache, dass sie ihn so eiskalt hintergangen und bis zur allerletzten Sekunde am Flughafen im Unklaren gelassen hatte, ließ sein russisches Tempelblut kochen. Es war eine unverschämte, provokante Aktion... genau die Art von ungezähmtem Übermut, für die er sie am liebsten auf der Stelle übers Knie gelegt hätte.

Doch gleichzeitig... gleichzeitig schoss eine dunkle, berauschende Welle der Genugtuung durch seine Adern. Das Wissen, dass sie freiwillig ihre Koffer gepackt hatte, dass sie England hinter sich ließ, nur um an seiner Seite zu sein und mit ihm tatsächlich ins eiskalte Moskau zu fliegen, löste etwas Mörderisches und Tiefes in ihm aus. Sein brennender Besitzanspruch wurde auf die intensivste erdenkliche Weise gefüttert.

Sie gehörte zu ihm, und ab heute gab es keine tausende Kilometer Distanz mehr zwischen ihnen.

Tala schloss den Griff seiner massiven Hand an ihrer Taille noch ein Stück fester, beugte sich so tief zu ihr herunter, dass sein Atem heiß über ihre Lippen strich, und bohrte seinen eisblauen, unerbittlichen Blick direkt in ihre magentafarbenen Augen.

„Du denkst wirklich, du bist verdammt clever, was?“, knurrte er mit einer Stimme, die vor rauer Härte vibrierte. Seine Züge waren wie aus Granit gemeißelt, und jedes Wort klang wie ein unumstößliches Gesetz.

„Hör mir jetzt ganz genau zu, Lumina. Du kommst mit nach Russland... aber nur unter meinen Bedingungen. Wenn du auch nur einmal versuchst, deine eigenen Regeln aufzustellen, setzt es was.“

Er wartete nicht einmal ihre Antwort ab, sondern redete direkt weiter, während sein Kiefer angespannt mahlte:

„Du bleibst in meinem Penthouse. Du gehst nicht alleine durch Moskau, solange ich beim Training in der RBA bin, kapiert? Und du setzt keinen verdammten Fuß in die RBA... jedenfalls nicht in der ersten Woche... oder den ersten zwei Wochen–“

„Du nimmst mich also wirklich mit?!“, unterbrach Lumina seinen strengen Redefluss mit einem hellen, unbändigen Jubeln.

Die Euphorie überrollte sie wie eine gigantische Welle. In ihren magentafarbenen Augen stiegen augenblicklich heiße Tränen des puren Glücks auf, die sie nur mit mühevoller Anstrengung und einem strahlenden, triumphierenden Lachen unterdrücken konnte.

Sie gab keinen feuchten Staub auf seine strengen Regeln oder seine dunklen Drohungen... das Einzige, was in ihrem Kopf zählte, war, dass sie mit ihm flog.

Tala verzog keine Miene, als sie ihn einfach so unterbrach, doch das gefährliche Zucken in seinen Mundwinkeln verriet, wie sehr diese unbändige Freude ihn innerlich traf. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf über ihre Unbelehrbarkeit, fasste sie an der Taille noch etwas fester an und fuhr mit dunkler, eiskalter Dringlichkeit fort:

„Ich bin noch nicht fertig“, brummte er und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.

„Und das Wichtigste: Du sagst verdammt noch mal weder Nami noch Kai, wo du dich aufhältst. Wenn Kai erfährt, dass du mir nach Moskau hinterhergeflogen bist, habe ich den nächsten Krieg am Hals... und ich habe absolut keine Lust, mich mit diesem Bastard herumzuschlagen, während ich dich im Zaum halten muss.“

Lumina lachte rauchig auf, schlang die Arme fest um seinen Nacken und zog sich an seiner massiven Brust nach oben.

„Mein Wort drauf, Rotschopf“, hauchte sie voller Übermut direkt an seinen Lippen. „Deine Regeln... mein Abenteuer.“

Tala schüttelte stumm den Kopf, während ein tiefes, raues Grollen tief aus seiner Brust drang.

„Ich bin mir verdammt sicher, dass ich diesen Blödsinn noch ganz gewaltig bereuen werde...“, murmelte er finster vor sich hin, doch seine massiven Finger schlossen sich bereits mit unnachgiebiger, harter Präzision um ihre kleine Hand.

Er wandte sich knapp an den Butler, der das ganze Spektakel mit stoischer, aristokratischer Haltung verfolgt hatte.

„Brimsley“, brummte Tala kurz angebunden.

Ohne auch nur eine Sekunde länger zu zögern, machte er auf dem Absatz kehrt und zog Lumina im Stechschritt mit sich in Richtung des überfüllten Terminals. Lumina musste sich fast anstrengen, mit seinen gewaltigen Schritten Schritt zu halten. Sie wandte den Kopf im Laufen noch einmal zurück und winkte ihrem Butler mit einem hellen, unbändigen Lachen zu.

„Bis bald, Brimsley!“, rief sie strahlend, während der alte Mann nur amüsiert den Kopf neigte und ihnen mit einem leisen, verständnisvollen Schmunzeln nachblickte.

Lumina lief mit federnden, schnellen Schritten dicht an Talas massiver Seite, das Herz voller Adrenalin und purer Euphorie. Der kalte Wind von Heathrow wich schlagartig der überheizten, geschäftigen Luft des Flughafengebäudes.

Tala blickte nicht zu ihr herab, sondern steuerte zielstrebig auf die Sicherheitskontrollen zu. Sein Blick war starr nach vorn gerichtet, doch seine raue Stimme schnitt durch den permanenten Lärmteppich der Reisenden:

„Hast du überhaupt ein verdammtes Flugticket? Oder hast du in deiner zündenden Idee geglaubt, du kannst dich einfach so in die Maschine schmuggeln?“

Lumina grinste breit. Ein diebisches, absolut triumphierendes Funkeln trat in ihre magentafarbenen Augen, und sie drückte seine Hand ein Stück fester.

„Aber natürlich.“, hauchte sie voller Übermut. „Ich habe sogar zwei Tickets gebucht... First Class. Damit wir nebeneinander sitzen und ich mir nicht deinen genervten Blick aus drei Reihen Entfernung ansehen muss.“

Tala blieb wie vom Blitz getroffen mitten im Strom der Passagiere stehen.

Er wirbelte zu ihr herum und starrte sie aus seinen eisblauen Augen vollkommen ungläubig an. Ein Blick, der irgendwo zwischen blankem Entsetzen und absolute Apathie schwankte. Er selbst war in seinem ganzen Leben viel zu geizig gewesen, um auch nur einen einzigen Rubel für die First Class rauszuschmeißen... ihm hatte Business Class immer völlig gereicht, Hauptsache, er hatte seine Ruhe. Und diese Frau kaufte spontan einfach zwei First-Class-Tickets, als wären es ein Paar Socken.

„Du hast sie doch nicht mehr alle“, knurrte er schüttelnd, schloss die Hand jedoch nur noch besitzergreifender um ihre und zog sie unerbittlich weiter durch die Menge. Seine Kiefermuskeln mahlten, ehe er nachhakte:

„Und was sagen deine Eltern zu diesem Spontantrip? Weiß Lord Davies überhaupt, dass seine Tochter gerade nach Russland abhaut?“

Lumina lachte laut auf... ein warmes, rauchiges Geräusch, das im Getümmel des Terminals widerhallte.

„Die haben natürlich nicht den blassesten Schimmer“, gestand sie ohne jede Spur von Reue und warf ihr silbrig-weißes Haar über die Schulter. „Ich werde ihnen nachher eine kurze Nachricht schreiben, wenn wir im Flieger sitzen. Mein Vater ist mein Temperament zum Glück gewohnt... auch wenn es ihn regelmäßig in den absoluten Wahnsinn treibt.“

Tala stieß ein tiefes, ungerührtes Schnauben aus, doch in seinen Augen flackerte ein dunkles, amüsiertes Leuchten auf.

„Verständlich“, brummte er trocken. „Mich treibst du auch gerade auch in den Wahnsinn.“