LNCrawler

Von der Langeweile getrieben...

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Von der Langeweile getrieben...

Die schweren Doppeltüren von Direktor Witali Petrows Büro öffneten sich mit einem leisen, fast unhörbaren Zischen, als Tala den Raum betrat.

Das Büro war ein Spiegelbild seines Inhabers... steril, von grauer, unbarmherziger Funktionalität und erfüllt von einer kalten, erdrückenden Autorität. Große, bodentiefe Fenster gaben den Blick auf das graue, winterliche Panorama Moskaus frei, doch drinnen herrschte eine sterile Hitze, die von der Klimaanlage erzeugt wurde.

Hinter einem massiven, dunkelgrauen Schreibtisch thronte Direktor Petrow. Er war ein Mann von unnachgiebiger Strenge, dessen graue, scharfe Augen den eintreffenden Rotschopf musterten, als wäre Tala nichts weiter als ein disziplinarisches Problem, das es zu lösen galt.

Auf der glatten Oberfläche des Schreibtisches lagen sie ausgebreitet: die britischen Boulevardzeitungen. Die bunten Schlagzeilen und die hochauflösenden Pressefotos sprachen eine unmissverständliche Sprache. Sie zeigten Tala im Herzen von London, an seiner Seite eine atemberaubende, silbrig-weiße Schönheit mit magentafarbenen Augen, die jeden Zweifel an seinem unerlaubten Aufenthalt im Ausland zunichtemachten.

Petrow lehnte sich langsam zurück, verschränkte die Hände vor der Brust und ließ ein tiefes, unheilvolles Schnauben hören.

„Du scheinst vergessen zu haben, in welcher Position du dich befindest, Valkov“, begann Petrow mit einer Stimme, die so kalt klang wie das Eis auf den Moskauer Straßen.

„Tagelanges, unentschuldigtes Fernbleiben. Kein Wort, keine Meldung, keine Urlaubsanträge. Und stattdessen tauchst du auf den Titelseiten internationaler Klatschblätter auf, während dein Team hier ohne Kapitän dastand. Willst du mir erklären, was das soll?“

Tala zeigte keine Regung.

Er blieb einfach mitten im Raum stehen, die massiven Schultern unter der dunklen Jacke leicht angespannt, die Hände lässig in den Taschen vergraben. Seine eisblauen Augen bohrten sich mit einer unerschütterlichen, fast provozierenden Kälte in das Gesicht des Direktors.

Er war nicht hier, um sich zu entschuldigen. Er wusste, dass Petrow ihn brauchte... die RBA brauchte seine Stärke in der Arena, und das war das einzige Faustpfand, das zählte.

Ein scharfes, trockenes Schmunzeln zuckte um Talas Mundwinkel, ehe er mit seiner tiefen, rauen Stimme das Schweigen brach.

„Warum mischst du dich eigentlich genau jetzt ein, Petrow?“, fragte Tala tonlos, während seine eisblauen Augen den Direktor fixierten. „Sonst lässt du dich auch monatelang nicht blicken und scherst dich einen feuchten Dreck darum, was ich in meiner Freizeit treibe oder wo ich stecke. Was ist plötzlich los? Geht dir die Kontrolle verloren?“

Petrows Kiefermuskeln zuckten unkontrolliert. Die offene Respektlosigkeit in Talas Worten traf genau den wunden Punkt.

Der Direktor stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und lehnte sich bedrohlich nach vorn, während seine grauen Augen vor unterdrückter Wut brannten.

„Pass gut auf deinen Ton auf, Valkov!“, zischte Petrow giftig. „Du magst der Star dieses Teams sein, aber ich kann dich genau so schnell, wie du hier stehst, dir deine Lizenz einziehen lassen! Die RBA duldet keine Alleingänge, und schon gar nicht mache ich mich zum Gespött der internationalen Sportwelt, weil mein Kapitän sich eine britische Prinzessin als Privatvergnügen zulegt!“

Tala blinzelte nicht einmal. Die Drohung prallte an seiner eisigen Fassade ab wie Wassertropfen an Stahl.

In seinem Kopf schoss stattdessen nur ein einziger, schneidender Gedanke durch: Wenn dieser alte Mann auch nur ansatzweise wüsste, dass diese "Prinzessin" gerade in diesem Moment in seinem Penthouse hockte und sich vermutlich über seine Notiz amüsierte, würde er komplett durchdrehen.

Tala stieß ein leises, verächtliches Schnauben aus, das Petrows Wut nur noch weiter anfachte.

„Meine Lizenz ziehst du nicht ein“, sagte Tala mit einer unerbittlichen, tongeschwängerten Ruhe, die den Raum augenblicklich abkühlen ließ. „Und was mein Privatleben angeht... das bleibt draußen. Ich bin hier, ich stehe am Beystadium, und den Rest regelst du gefälligst selbst.“

Petrow bebte vor unterdrückter Wut. Seine Hände ballten sich auf der Tischplatte zu Fäusten, während seine grauen Augen den Rotschopf durchbohrten.

„Ich dulde hier keine Schwächen, Valkov. Du bist dazu verpflichtet alsbald Neulinge zu trainieren.“, zischte der Direktor mit eisiger Schärfe. „Wenn du glaubst, du kannst dir hier Sonderbehandlungen erlauben, nur weil du mal zu den Blitzkrieg Boys gehört hast, irrst du gewaltig. Du wirst härter trainieren als je zuvor, um diesen Medienrummel wieder wettzumachen. Weggetreten!“

Tala wandte sich ohne ein weiteres Wort um.

Keine Entschuldigung, kein Nicken, nicht einmal ein Hauch von Respekt. Mit schweren, gleichmäßigen Schritten verließ er das Büro und ließ Petrow mit dessen brodelnder Wut allein im Raum zurück.

Mit unerschütterlicher, drückender Präsenz schritt Tala durch den langen Korridor hinab zur großen Trainingshalle der RBA. Als er die schweren Metalltüren aufstieß, schlug ihm das vertraute, hochfrequente Surren rotierender Blades, das Knallen von Abschussvorrichtungen und das hallende Rufen junger Stimmen entgegen.

In der Mitte der Halle standen Spencer und Ian, umringt von einer Gruppe nervöser Neulinge, die versuchten, ihre Techniken am Beystadium zu verfeinern.

Als die massive Tür ins Schloss fiel, verstummte das Gemurmel schlagartig.

Spencer hielt mitten in einer Bewegung inne und starrte Tala vollkommen fassungslos an. Seine Augen waren weit geöffnet, als stünde da ein Toter vor ihm. Ian hingegen rührte sich nicht vom Fleck; er verschränkte nur die Arme vor der Brust und folgte jeder einzelnen Bewegung des Kapitäns mit einem prüfenden, scharfen Blick.

Tala schlenderte mit trägen, aber gefährlich gelassenen Schritten auf die Beystadien zu, die Hände locker in den Taschen vergraben. Er musterte die Stille im Raum mit einem kühlen, beinahe amüsierten Blick.

„Na los“, brummte Tala mit heiserer, tief im Kehlkopf sitzender Stimme. „Wo bleiben die dummen Kommentare?“

Spencer blinzelte zweimal, ehe er sich fing und den Blick kurz über den hochgewachsenen Rotschopf schweifen ließ.

„Ist... alles in Ordnung bei dir?“, fragte Spencer vorsichtig, während er versuchte, die gewohnte Härte in Talas Miene zu lesen.

„Bestens“, erwiderte Tala trocken.

Ohne den Neulingen auch nur einen Blick zu würdigen, zog er flüssig seinen Starter heraus, setzte Wolborg auf die Startvorrichtung und trat an die Kante des massiven Beystadiums. Mit einer rohen, explosiven Bewegung riss er die Leine durch.

WUMM.

Wolborg knallte mit einer unbändigen, ohrenbetäubenden Wucht in die Arena. Das metallische Dröhnen hallte durch die gesamte Halle, während der silberne Blade wie ein raubtierhafter Wirbelsturm über die Oberfläche schoss und eine Welle aus purem Winddruck durch den Raum jagte. Die Neulinge wichen erschrocken einen Schritt zurück.

Spencer schluckte schwer. Das war nicht einfach nur ein Aufruf zum Training... das war pure, ungestillte Energie. Er warf Ian über die Schulter hinweg einen kurzen, vielsagenden Blick zu, ehe er sich wieder an Tala wandte.

„Also... du und diese Lumina“, fing Spencer langsam an, während er versuchte, den Tonfall möglichst beiläufig zu halten. „Das ist jetzt also ein festes Ding? Ich meine... du bist immerhin Hals über Kopf für eine Woche zu ihr ger—“

„Schluss jetzt“, fuhr Tala ihm eiskalt dazwischen, ohne den Blick von Wolborg zu wenden. Seine Kiefermuskeln spannen sich hart an, und seine eisblauen Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. „Darüber gibt es rein gar nichts zu sagen. Hör auf zu quatschen und schick endlich deinen Blade in die Arena.“

Spencer schluckte erneut bei Talas harter, unmissverständlicher Warnung. Einen Moment lang schien die Luft in der Trainingshalle zu gefrieren, während die Neulinge panisch den Atem anhielten, um bloß nicht die Aufmerksamkeit des rotmähnigen Kapitäns auf sich zu ziehen.

Mit einer knappen, ungeduldigen Handbewegung trat Spencer schließlich vor, zog seinen eigenen Starter und schoss seinen Blade in das massive Beystadium.

Sofort entbrannte ein erbarmungsloser Clash.

Wolborg schoss wie ein entfesselter Sturm durch die Arena, drängte Spencers Blade mit roher, unbändiger Wucht zurück. Jede Umdrehung, jeder Zusammenprall war ein Ventil für den aufgestauten Druck in Talas Brust. Er war erst seit einer knappen Stunde hier in der Halle, und die Zeit fühlte sich schon jetzt wie eine Ewigkeit an.

Plötzlich durchbrach das dumpfe, monotone Vibrieren seines Handys in seiner Hosentasche die Kulisse aus Metall und Lärm.

Talas Kiefermuskeln zuckten. Ein winziger, fast unsichtbarer Moment der Ablenkung riss an seiner Konzentration, doch seine eiserne Disziplin siegte augenblicklich. Mit einer perfekten, kontrollierten Handbewegung fing er Wolborg ab, ohne dass der Blade auch nur einen Hauch an Stabilität einbüßte, und ließ ihn in seiner Hosentasche verschwinden. Für Spencer und Ian sah es aus wie pure, unerschütterliche Routine... niemand von ihnen konnte auf die Entfernung sehen, wer anrief.

Tala zog das Gerät aus der Tasche, nahm den Anruf an und hielt es sich ans Ohr. Seine eisblauen Augen blieben dabei kalt und unbewegt auf seine Teamkollegen gerichtet.

„Was ist?“, zischte er leise und tonlos in den Hörer.

Aus dem Lautsprecher drang sofort Luminas rauchige, amüsimierte Stimme, glasklar und unbeschwert, als befände sie sich auf einer sonnigen Veranda statt in seinem abgeriegelten Penthouse.

„Ach, nur so... ich dachte mir, ich frage mal, was mein Lieblings-Rotschopf gerade so treibt“, hauchte sie mit einem schelmischen Unterton. „Ich liege übrigens gerade in der Badewanne und denke an dich.“

Tala schloss für einen winzigen Augenblick die Augen. Ein tiefes, schweres Ausatmen entwich seiner Kehle, während das Bild von ihr, wie sie dort in seinem Badezimmer lag, sich mit brachialer Gewalt in seinen Kopf brannte und seinen Puls schlagartig in die Höhe trieb.

„Du sollst mich nicht bei der Arbeit anrufen, Lumina“, zischte er mit einer so heiseren, leisen Dringlichkeit durch die Zähne, dass Spencer und Ian, die ein paar Schritte entfernt standen, irritiert die Stirn in Falten legten. Sie konnten kein Wort verstehen, aber der dunkle Tonfall sprach Bände.

Lumina lachte am anderen Ende leise auf... ein perlender, herausfordernder Laut.

„Aber Tala... mir ist langweilig. Dieser goldene Käfig ist ja ganz nett, aber auf Dauer ein bisschen einsam ohne dich.“

Talas Hand, die das Smartphone hielt, klammerte sich so fest um das Gerät, dass seine Knöchel weiß wurden. Seine eisblauen Augen verengten sich zu Schlitzen, während er versuchte, seine brodelnde Verwirrung und das plötzliche, heftige Verlangen nach ihr hinter einer steinernen Maske zu verbergen.

„Ich versuche... früher Schluss zu machen heute“, knurrte er leise, die Stimme rau vor unterdrückter Anspannung. „Aber so einfach ist das nicht. Mein Direx hat mir gerade die Hölle heiß gemacht. Bestell dir was zu essen oder sieh fern.“

Lumina stieß am anderen Ende ein leises, keckes Schmunzeln aus. „Dann lass ihn nicht zu sehr kochen, Rotschopf. Ich erwarte dich“, raunte sie, ehe die Verbindung mit einem leisen Klicken abbrach.

Tala nahm das Smartphone vom Ohr und drückte mit einer ungeduldigen Bewegung auf den Bildschirm, um das Gespräch zu beenden. Er schob das Handy mit einem harten Ruck zurück in die Hosentasche, während seine eisblauen Augen noch für einen Herzschlag dunkel flackerten. Das Bild von ihr in der Badewanne wollte einfach nicht aus seinem Kopf weichen, und in seinen Adern brannte ein unruhiges, gefährliches Feuer.

Spencer trat einen Schritt näher, legte den Kopf leicht schräg und musterte seinen Kapitän mit einer Mischung aus fassungsloser Verwirrung und aufkeimender Neugier.

„Früher... Schluss machen, Tala? Was zum...“, setzte Spencer an und zog ungläubig eine Augenbraue hoch. „Seit wann machst du bitte früher Schluss? Du hast vorhin nicht mal gegrüßt und willst jetzt—“

„Ich bin hier noch nicht fertig“, fuhr Tala ihm eiskalt und scharf dazwischen.

Ohne Spencer auch nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit für Rückfragen zu lassen, griff Tala flüssig nach seinem Starter. Mit einer wuchtigen, explosiven Bewegung riss er die Leine erneut durch.

WUMM.

Wolborg katapultierte sich mit einer rohen, brutalen Gewalt zurück in die Arena. Das metallische Dröhnen schnitt durch die Halle wie eine Klinge, während der silberne Blade rücksichtslos im Kreis jagte und eine heftige Druckwelle erzeugte, die den Umstehenden den Atem raubte.

Tala wandte seinen finsteren Blick nicht einmal vom Beystadium ab, als er mit rauer, unerbittlicher Stimme nachlegte:

„Ich habe schließlich noch ein paar Sessions bis zum Mittagessen nachzuholen.“

Die nächsten Tage vergingen für Tala in einem zermürbenden, unbarmherzigen Rhythmus aus eisdiszipliniertem Training und der schwelenden Anspannung im Hinterkopf. Direktor Petrow hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er keine Sonderbehandlungen dulden würde, und so musste Tala sich bis zum Nachmittag durch endlose Sessions quälen, sich mit den schwerfälligen Neulingen herumschlagen und jede freie Minute nutzen, um seinen Frust an der Arena auszulassen.

Als er schließlich spätnachmittags den Code des Penthouses eingab und die schwere Eingangstür hinter sich ins Schloss warf, schlug ihm nicht etwa die erwartete, chaotische Rebellion entgegen, sondern eine fast unwirkliche Ruhe. Lumina saß entspannt und barfuß auf der dunklen Designer-Couch, hatte sich in eine weiche Decke gehüllt und schaute seelenruhig einen Film auf dem raumhohen Bildschirm, als wäre sie schon seit Wochen hier zu Hause. Tala, physisch und mental völlig erledigt vom harten Drill in der RBA, brachte kaum ein Wort hervor; er war nur noch dazu in der Lage, wortlos unter der eiskalten Dusche den Schweiß und die Erschöpfung des Tages abzuwaschen, ehe er wie ein Stein ins Bett fiel und sofort einschlief.

Am zweiten Tag lief es kaum anders... ein monotoner, kräftezehrender Kreislauf aus Arbeit, Sorge und dem unbändigen Verlangen nach ihr.

Doch am dritten Tag schlug die Stimmung um.

Als Tala am Nachmittag die Wohnung betrat, stand Lumina mit verschränkten Armen und einem unmissverständlich schmollenden, aber blitzenden Blick im Wohnbereich. Sie drängte ihn mit Nachdruck, endlich mit ihr vor die Tür zu gehen, anstatt sie weiter wegzusperren.

„Ich fühle mich langsam wirklich wie ein Vogel im goldenen Käfig, Tala“, hatte sie mit Nachdruck in der Stimme gesagt. „Ich bin nicht hierhergeflogen, um deine Tapeten anzustarren.“

Nun war es Tag vier.

Der Vormittag im RBA-Hauptquartier hatte sich wie Kaugummi gezogen. Tala saß in der hell erleuchteten Cafeteria des Komplexes und starrte mit leerem Blick auf seinen Becher mit schwarzem Kaffee. Die harten Neonröhren warfen ein steriles Licht auf die Tische, an denen sich das leise Gemurmel anderer Blader und Trainer verlor.

Gegenüber von ihm saßen Spencer und Bryan. Die beiden Teamkameraden schwiegen für einen Moment, nutzten die Gelegenheit aber intensiv, um den Kapitän eingehend zumustern.

Tala wirkte spürbar abwesender als sonst. Schon seitdem er vor einigen Tagen aus England zurückgekehrt war, hatte sich etwas in seiner Haltung verändert. Er war ruhiger geworden... tief im Inneren zwar immer noch so unnachgiebig und wütend auf seine Umwelt wie eh und je, aber die zerstörerische, unkontrollierte Wut war gewichen. Fast so, als hätte er irgendwo ein Ventil gefunden, das den immensen Druck in seinem Inneren regelmäßig abließ.

Bryan stützte die Ellbogen auf den Tisch, musterte den Rotschopf von der Seite und zog eine Augenbraue nach oben.

„Sag mal, Tala“, hob Bryan mit einem leichten, spöttischen Unterton an, während er seinen Becher an die Lippen führte. „Du spielst hier zwar wie immer den harten Macker, aber du bist verdammt oft mit den Gedanken woanders. Hat die britische Sonne dein feuriges Gemüt etwa gezügelt, oder gibt es daheim in Moskau neuerdings einen sehr viel besseren Grund, pünktlich Feierabend zu machen?“

Talas eisblauen Augen huschten langsam, mit einer fast bedächtigen Trägheit, zu Bryan herüber. Seine Züge blieben unbewegt wie in Stein gemeißelt, während er den Becher mit dem schwarzen Kaffee fest umschloss.

„Was soll der Scheiß?“, fragte Tala tonlos und absolut trocken. „Ich habe immer schon pünktlich Feierabend gemacht. Dafür brauche ich keinen besonderen Grund.“

Spencer zuckte mit den Schultern, lehnte sich auf der Plastikbank zurück und musterte den Kapitän mit einem fast schon amüsierten Blick.

„Na ja... vielleicht telefonierst du ja auch einfach nur ständig mit deiner Freundin, sobald du hier raus bist“, warf Spencer beiläufig ein, als ginge es um das Wetter.

Tala blickte Spencer daraufhin mit einem so trockenen, eisigen Blick an, dass ein normaler Mensch unter diesem Gewicht augenblicklich eingeknickt wäre. Statt jedoch wie sonst üblich sofort an die Decke zu gehen, zu drohen oder die Fäuste zu ballen, sagte er absolut gar nichts. Er hob stattdessen nur langsam den Becher und trank schweigend einen Schluck.

Bryan schnappte im selben Moment nach Luft, als hätte man ihm die Kehle zugeschnürt, und fuhr mit einer theatralischen Geste herum.

„Da! Siehst du das, Spencer?! Das ist der Beweis!“, rief Bryan fast triumphierend und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

Tala verdrehte unmerklich die Augen, während ein tiefes, genervtes Knurren in seiner Kehle aufstieg.

„Was für ein Beweis?“, zischte er mit heiserer, gefährlich leiser Stimme. „Für was verdammt noch mal?“

Spencer lehnte sich grinsend vor, stützte die Unterarme auf den Tisch und fixierte den Rotschopf mit durchdringendem Blick.

„Ganz einfach, Kapitän“, sagte Spencer mit einem vielsagenden Unterton. „Als ich eben das Wort Freundin gesagt habe, hast du nicht mal versucht, es abzustreiten. Du hast uns keinen Todesblick zugeworfen, du hast nicht gedroht, uns eigenhändig durch die Arena zu schleifen... es hat dich nicht mal interessiert. Also bedeutet dir dieses Mädchen verdammt viel.“

Tala starrte die beiden mit eisiger, ungerührter Miene an, als wollten sie ihm gerade die absurdeste Geschichte der Welt erzählen.

„Ihr halluziniert“, fauchte er trocken und schob sich mit einer ruckartigen Bewegung von der Bank, ohne sie auch nur einen weiteren Blick zu würdigen.

„Konzentriert euch lieber auf euer eigenes Leben, statt euch das Maul über meins zu zerreißen.“

Er wandte sich ab und ließ die Cafeteria hinter sich. Mit raumgreifenden, wütenden Schritten stapfte er hinaus in einen der breiten, hell erleuchteten Korridore des RBA-Hauptquartiers.

Natürlich ließen Spencer und Bryan das nicht auf sich beruhen. Sie hefteten sich sofort an seine Fersen und trotteten hinterher. Bryan gestikulierte wild mit den Händen, während ein amüsierter Unterton in seiner Stimme lag

„Ach komm schon, Tala, du kannst es ruhig zugeben!“, rief Bryan ihm nach, während er mit langen Schritten aufholte. Tala drehte sich wütend um und funkelte ihn an.

„Es ist doch verdammt noch mal nichts dabei! Diese Lumina ist extrem heiß, und du kannst dich verdammt glücklich schätzen, dass so eine Frau freiwillig—“

Plötzlich verstummte Bryan mitten im Satz.

Seine Kinnlade klappte abrupt nach unten, und seine Augen weiteten sich vor blankem Unglauben, als er wie vom Blitz getroffen an Tala vorbei, zum Ende des Korridors hinab starrte.

Tala, der gerade im Begriff war, zu sagen er solle endliche die Fresse zu halten, stockte ebenfalls beim Anblick von Bryans fassungsloser Miene.

Auch Spencer, der direkt neben Bryan ging, sog scharf die Luft ein und erstarrte mitten in der Bewegung. Jedes Wort erstarb auf ihren Lippen.

Tala, dessen Kiefer sich augenblicklich reflexartig verhärtete, folgte dem starren Blick seiner Teamkameraden und wirbelte herum.

In demselben Bruchteil einer Sekunde gefror ihm das Blut in den Adern.

Dort, am Ende des sterilen, hellen Korridors, bewegte sich eine Gestalt, die hier absolut, unmöglich und in jeder Hinsicht fehl am Platz war.

Lumina.

Sie kam langsam und mit einer atemberaubenden, fast raubtierhaften Eleganz den Gang entlanggeschritten. Sie trug ein enganliegendes, weinrotes Samtkleid, das sich perfekt an ihre makellose Silhouette schmiegte und ihr knapp bis oberhalb der Knie reichte.

Dazu kombinierte sie elegante Ankle Boots mit hohen Absätzen, die ihre Beine in ein schier endloses, faszinierendes Licht tauchten. Ihr silbrig-weiße Haar, mit dem gewohnten Seitenscheitel, fiel glatt und schwer bis zu ihrem Gesäß hinab, während ihre blasse Haut einen scharfen, edlen Kontrast zu dem tiefen Rot des Stoffes bildete.

Sie hatte das Kinn leicht gesenkt, den Blick aus ihren leuchtend magentafarbenen Augen jedoch voll auf Tala gerichtet... ein verführerisch unschuldiges Lächeln lag auf ihren Lippen, während sie ihre Hände locker hinter dem Rücken verschränkt hatte. Sie wirkte, als würde sie über einen Pariser Laufsteg flanieren und nicht durch das hochgesicherte, streng abgeriegelte Hauptquartier der russischen Elite-Blader.

Bryan stand da wie eine Statue, unfähig, auch nur einen Ton herauszubringen. Spencer schluckte hart und wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück.

Tala sah sie kommen.

Die Welt um ihn herum schrumpfte in diesem Augenblick auf diese eine, unfassbare Person zusammen. Seine Teamkollegen? In diesem Bruchteil existierten sie für ihn schlicht und einfach nicht mehr.

Talas Kiefer mahlte wild unter der Haut, und ein dunkles, brodelndes Rauschen füllte seine Ohren. Mit harten, unerbittlichen Schritten setzte er sich in Bewegung, schloss die Distanz zu ihr in Rekordzeit und blieb direkt vor ihr stehen.

Er verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust, während seine eisblauen Augen vor unterdrückter Panik und purer Wut brannten.

„Was zum Teufel machst du hier?!“, zischte er mit einer so dunklen, rauen Intonation, dass es in dem Korridor vibrierte. „Ich hab dir gesagt, du sollst das Penthouse nicht verlassen—!“

Lumina hob unbeeindruckt den Kopf, strich sich mit einer eleganten Hand eine silberne Strähne hinter das Ohr und unterbrach ihn mit einem süffisanten Lächeln.

„Ich hatte es eben satt, den ganzen Tag dort herumzusitzen und deine minimalistischen Wände anzustarren, Tala.“, säuselte sie mit unverschämter Gelassenheit, während ihre magentafarbenen Augen in den seinen funkelten.

„Also habe ich mir ein Taxi genommen und bin direkt hierhergefahren. Du musst dir also absolut keine Sorgen machen.“

Tala starrte sie an, als hätte sie gerade den Verstand verloren. Ein Taxi? In Moskau? Ohne auch nur den blassesten Schimmer von den hiesigen Gefahren?

Die Wut, die ihn zerriss, wich im nächsten Moment einer so rohen, unbändigen Erleichterung, dass er nicht länger an sich halten konnte. Bevor sie auch nur einen weiteren kecken Satz äußern konnte, fuhr seine schwere Hand mit zupackender, kompromissloser Härte um ihre schmale Taille.

Mit einem Ruck zog er sie direkt an seinen massiven Körper, sodass jeder Zentimeter zwischen ihnen verschwand. Seine Hand presste sie unnachgiebig an sich, während er den Kopf senkte und ihr das Wort direkt an die Lippen hauchte... heiser, atemlos und mit einer Intensität, die keinen Widerspruch duldete.

„Ich hätte dir die Stadt morgen gezeigt, verdammt noch mal“, knurrte er dunkel, während seine Brust schwer gegen die ihre stieß. „Ich hätte dir deine Langeweile schon noch ausgetrieben... ich hatte in den letzten Tagen nur einfach zu viel zu tun, um mich früher freizuspielen. Das hatte ich dir aber eigentlich gesagt.“

Talas rauer Griff an ihrer Taille hielt sie unerbittlich fest an seinem massiven Körper, und die brodelnde Anspannung in seinen Muskeln sprach Bände darüber, wie knapp er vor einem absoluten Kontrollverlust stand.

Doch Lumina ließ sich von der explosiven Wut, die in seinen eisblauen Augen brannte, nicht im Geringsten einschüchtern.

Stattdessen hob sie langsam das Kinn, schaute an seiner breiten, gespannten Brust vorbei und ließ ihren Blick zu den beiden Männern schweifen, die einige Schritte entfernt standen wie versteinert.

Bryan hielt noch immer den Mund offen, und Spencer hatte das Blinzeln komplett eingestellt. Die beiden RBA-Mitglieder starrten sie an, als hätte sich gerade eine mythologische Kreatur mitten in den heiligen Hallen des Hauptquartiers materialisiert.

Lumina schenkte den beiden ein absolut betörendes, strahlendes Lächeln... jene mörderische Mischung aus unschuldigem Charme und provokanter Eleganz, die sie so unnachahmlich beherrschte. Sie hob frei und ungezwungen eine Hand, während sie sich leicht an Tala schmiegte, und winkte ihnen mit den Fingerspitzen zu.

„Guten Tag“, hauchte sie mit einer sanften, melodischen Stimme, die durch den sterilen Gang hallte. „Ihr müsst also die berühmten Teamkollegen sein. Freut mich außerordentlich.“

Bryan entrang sich ein ersticktes Keuchen, das klang wie das leise Platzen einer Luftmatratze. Seine Hände zuckten unkontrolliert, als wüsste er nicht, wohin mit sich selbst, und er brachte nur ein unverständliches Stottern hervor: „Äh... Hi... Ich meine... Hallo... also, ich meine...“

Spencer hingegen schluckte so hörbar, dass man es fast im ganzen Flur hören konnte. Er schaute von Lumina zu Tala herüber, und in seinen Augen spiegelte sich eine schlagartige, fast amüsierte Erleuchtung. All die Rätsel der letzten Tage, Talas plötzliche Eile, die ständigen Gedanken, die Anrufe... plötzlich machte alles einen perfekten, unumstößlichen Sinn.

Talas Kiefer mahlte derart wild, dass das Knochenreiben fast hörbar war. Das Blut rauschte ihm mit brachialer Wucht in den Ohren.

Sie spielte mit ihnen. Sie stellte sich hier mitten in die RBA-Zentrale, verteilte charmante Grüße an seine Teamkameraden und tanzte seelenruhig auf der Rasierklinge, während er innerlich schier den Verstand verlor. Sein Beschützerinstinkt, gepaart mit einer tiefen, brennenden Besitzgier ließ jede Geduldsschnur in ihm reißen.

Ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, schloss er seine Hand fester um ihre Taille, drehte sie mit einer abrupten, kompromisslosen Bewegung herum und riss sie einfach an sich vorbei.

„Verdammt noch mal, das reicht jetzt“, zischte Tala dunkel, während er sie mit unwiderstehlicher Härte hinter sich her zerrte.

Er ignorierte Bryan und Spencer komplett, die ihnen immer noch mit offenem Mund hinterhergafften. Er hatte nur ein einziges Ziel: Weg hier. Raus aus diesem verdammten Korridor, weg von den Blicken, hinein in den privaten, uneinsehbaren Trakt, wo er ihr endlich ungestört den Kopf waschen... und sie für diesen halsbrecherischen Alleingang auf seine ganz eigene Art zur Rechenschaft ziehen konnte.

Das schwere, schallisolierte Holz seiner privaten Räumlichkeiten fiel mit einem dumpfen, satten Geräusch ins Schloss. Das Rauschen des Korridors, die fassungslosen Blicke von Spencer und Bryan, der gesamte sterile Betrieb der RBA... in diesem Moment existierte all das jenseits dieser Tür schlicht und einfach nicht mehr.

Tala drückte sie sanft, aber mit einer unerbittlichen, schweren Härte gegen die geschlossene Tür. Seine breite Statur schirmte sie komplett ab, während sein Atem schwer und unregelmäßig ging. Seine eisblauen Augen bohrten sich mit einer Intensität, die fast physisch schmerzte, in ihre magentafarbenen.

Seine Hände schlugen links und rechts neben ihrem Kopf flach auf das Holz, sodass sie zwischen seinem massiven Körper und der Wand gefangen war.

„Wie...“, stieß Tala heiser hervor, während seine Kiefermuskeln unkontrolliert zuckten und jede Faser seines Körpers unter Anspannung vibrierte. „Wie zum Teufel bist du überhaupt an der Pforte vorbei ins Gebäude gekommen, Lumina? Du hast hier keinen Sicherheitsausweis, keine Berechtigung, gar nichts! Die hätten dich direkt abfangen müssen!“

Lumina lehnte den Kopf leicht an die Holzfläche hinter sich. Sie wirkte absolut unbeeindruckt von seiner greifbaren, fast erdrückenden Nähe. Stattdessen glitt ein amüsiertes, keckes Lächeln über ihre Lippen, das ihre magentafarbenen Augen in einem gefährlichen Glanz erstrahlen ließ.

„Oh, der Wachmann am Haupteingang war äußerst zuvorkommend, Tala“, säuselte sie mit unverschämter Gelassenheit.

Ein kurzes, helles Lachen entwich ihrer Kehle, das in der stillen Luft des Büros wie eine Provokation klang.

„Er hat mich angelächelt, mich keine Sekunde nach einem Ausweis gefragt und mir fast noch die Tür aufgehalten. Scheint ganz so, als hätten selbst die Sicherheitsleute deine kleine, bunte Pressetour in London ganz genau studiert.“ Sie neigte den Kopf ein Stück zur Seite, der Blick auf seinen fassungslosen Gesichtsausdruck gerichtet. „Sie wussten wohl ganz genau wer ich bin.“

Tala stockte der Atem.

Die Boulevardzeitungen, die Direktor Petrow nur wenige Tage zuvor auf seinem Schreibtisch ausgebreitet hatte... natürlich.

Ihr Gesicht war durch die britische Presse gejagt, und die digitale Welt hatte die Bilder längst nach Russland getragen. Sie war hier reingelaufen wie ein VIP auf dem roten Teppich, weil die halbe RBA-Belegschaft dank der Klatschblätter genau wusste, wer die Frau an der Seite ihres gefürchtetsten Kapitäns war.

Ein dunkles, brodelndes Rauschen füllte Talas Ohren. Die pure Absurdität der Situation, gepaart mit einer atemlosen, rasenden Erleichterung darüber, dass ihr auf diesem Weg nichts passiert war, riss die letzten Reste seiner eisernen Fassade ein.

„Du bist verrückt“, flüsterte er, und seine Stimme klang rau, fast gebrochen vor unterdrücktem Verlangen und Wut.

„Verdammt noch mal, Lumina... dir ist wirklich absolut nichts zu heikel, oder?“

Luminas Blick, der eben noch voller spöttischer Amüsiertheit gewesen war, veränderte sich schleichend. Die scharfe, provokante Kühle, mit der sie sonst jede Situation parierte, wich einer unerwarteten, tiefen Sanftmut. Langsam hob sie eine Hand und legte ihre zarte, blasse Handfläche an seine Wange. Ihre Finger strichen sacht über seine raue Haut.

Tala zuckte für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde zusammen... eine fast reflexartige Abwehrhaltung eines Mannes, der es gewohnt war, Schläge einzustecken, statt Zärtlichkeit zu empfangen. Doch er wich nicht aus. Er ließ es zu.

„Sei bitte nicht wütend auf mich, Tala“, hauchte sie leise, und in ihrer Stimme lag kein Hauch von Spiel mehr. „Der Taxifahrer konnte überraschend gutes Englisch... und ich habe die letzten Tage einfach nur daran gedacht, wie fertig du warst. Wie viel Druck auf deinen Schultern lastet. Du bist... immer sofort eingeschlafen.“

Tala sagte nichts. Kein einzelnes Wort kam über seine Lippen.

In diesem Moment ließ Lumina die Maske der kecken, unnahbaren Aristokratin komplett fallen. Sie zeigte ihm ohne Schutz und Verstellung, dass er ihr mittlerweile so viel mehr bedeutete, als sie jemals für möglich  gehalten hatte... dass sie für ihn bis nach Moskau gereist war, nur um bei ihm zu sein.

Tala ließ es zu. Er nahm es in sich auf, auch wenn es für ihn noch immer zutiefst ungewohnt und fremd war, diesen weichen, offenen Blick in ihren magentafarbenen Augen zu ertragen. Worte waren schon immer fehl am Platz gewesen, wenn es darum ging, was in ihm vorging. Gefühle, intime Gesten, zarte Blicke und tröstende Worte überforderten ihn nach wie vor.

Er konnte sie mittlerweile annehmen, konnte den Sturm in seiner Brust unterdrücken, wenn sie ihm so nah war... aber er konnte sie schlichtweg nicht erwidern. Er war ein Mann von harten Taten, von roher Präsenz und unnachgiebigem Willen.

Und er bewies es ihr auf die einzige Art, die er perfekt beherrschte.

Ohne eine weitere Sekunde zu zögern, beugte er sich herab. Seine Lippen pressten sich mit einer brennenden, rauen Leidenschaft auf die ihren, während seine Arme sie noch fester an seinen Körper zogen und sie mit unnachgiebiger Härte gegen die schwere Holztür drückten.

Lumina stieß ein leises, atemloses Seufzen aus, das direkt in dem Kuss erstickte. Sie vergrub ihre Hände augenblicklich tief in seinem dichten, rotmähnigen Haar, zog ihn noch näher an sich heran und ergab sich diesem unaufhaltsamen Sturm, der all die Sorge, die Wut und das lange Warten mit einem Schlag hinwegfegte.