Trockener Humor
Trockener Humor
Der Montagmorgen an der Oberschule begann für Nami in einer Atmosphäre, die sich anfühlte wie ein gespanntes Drahtseil. Schon beim Betreten des Schulhofs spürte sie die Blicke. Es war kein Geheimnis, dass Nami Tashiba das Mädchen war, für das fast jeder Junge an der Schule schwärmte...doch ihre fast schon surreale Schönheit hatte bisher wie ein unsichtbarer Schutzschild gewirkt. Die meisten waren schlicht zu feige gewesen, sie anzusprechen und wenn sie es doch wagten, bedankte Nami sich meistens freundlich aber lehnte die Avancen dankend ab. Sie war das „Mädchen aus einer anderen Welt“, wunderschön und distanziert.
Doch die Fotos aus dem Freibad, die seit gestern Abend in den Klassen-Chats die Runde machten, hatten dieses Bild ins Wanken gebracht.
In der Klasse herrschte betretenes Schweigen, als sie ihren Platz einnahm. Momoko rutschte sofort mit ihrem Stuhl näher. „Nami, hast du das Forum gesehen?“, flüsterte sie aufgebracht. „Jemand hat euch am Freitag am Beckenrand fotografiert. Die Jungs drehen völlig durch. Sie können nicht fassen, dass du ausgerechnet mit Kai Hiwatari dort warst.“
„Wir sind nur befreundet... und er unterstützt die Firma meines Vaters“, versuchte Nami es leise, doch sie wusste, dass das an einer Oberschule wenig zählte.
In der großen Pause wurde es deutlich. Eine Gruppe von Drittklässlern, die normalerweise nur aus der Ferne zu ihr herübergestarrt hatten, blockierte ihr den Weg zum Getränkeautomaten. Jetzt, wo das Eis gebrochen schien...wenn auch durch die Anwesenheit eines anderen Mannes..., mischte sich unter ihre Bewunderung eine gehörige Portion Eifersucht.
„Sag mal, Tachiba“, begann einer von ihnen, ein großgewachsener Typ aus dem Basketballteam, der sichtlich versuchte, cool zu wirken. „Was ist an diesem Hiwatari so besonders? Nur weil er Beyblade-Champion ist? Wir dachten immer, du wärst unerreichbar, aber für einen Profi-Sportler machst du wohl eine Ausnahme, was?“
Die anderen kicherten nervös. Es war offensichtlich, dass sie frustriert darüber waren, dass ein „Außenstehender“ das geschafft hatte, wozu sie selber entweder zu feige oder schlichtweg nicht geeignet waren.
Nami umklammerte ihre Tasche. „Das geht euch nichts an“, sagte sie fest, doch ihre Stimme zitterte leicht unter der geballten Aufmerksamkeit des Flurs.
Als die letzte Glocke läutete, wollte Nami nur noch weg. Draußen vor dem Schultor wartete bereits der schwarze Wagen. Kai lehnte mit der ihm eigenen, arroganten Lässigkeit am Kotflügel. Er trug erneut seine Sonnenbrille und ignorierte die Traube von Schülern, die sich in sicherem Abstand angesammelt hatte, um den „Eindringling“ wie so oft zu begutachten.
Nami eilte auf ihn zu, den Kopf gesenkt. Als sie fast am Wagen war, rief einer der Jungs, die sie in der Pause bedrängt hatten, laut über den Vorplatz: „Hey Hiwatari! Pass gut auf sie auf! Wir hatten eigentlich gehofft, sie würde sich mal einen von uns aussuchen, bevor ein arroganter Profi wie du auftaucht!“
Kai bewegte sich kaum. Er nahm lediglich die Sonnenbrille ab und sah über das Dach des Wagens direkt in die Gruppe der Schüler. Die Intensität seines Blicks ließ den Jungen, der gerufen hatte, unwillkürlich einen Schritt zurückweichen. Es war die Präsenz eines Mannes, der auf den größten Bühnen der Welt gestanden hatte, verglichen mit Oberschülern, die gerade erst lernten, was Mut bedeutete.
„Nami, steig ein“, sagte Kai ruhig, aber mit einem Unterton, der keinen Widerspruch duldete.
Er wartete, bis sie auf dem Beifahrersitz saß, dann wandte er sich noch einmal kurz der Menge zu. Er sagte kein Wort. Er sah sie nur an...ein langer, prüfender Blick, der klarmachte, dass er sie nicht einmal als ernsthafte Konkurrenz wahrnahm. Die Jungs schwiegen augenblicklich. Gegen Kais kühle Dominanz wirkten ihre Sprüche plötzlich kindisch und leer.
Er stieg ein und startete den Motor. Während sie vom Schulgelände fuhren, sah Nami im Seitenspiegel, wie die Schülergruppe kleiner wurde.
„Die Jungs an deiner Schule...sie reden viel, wenn der Tag lang ist“, bemerkte Kai trocken, während er den Wagen in den Verkehr lenkte.
„Sie sind es nicht gewohnt, dass ich mit jemandem gesehen werde“, murmelte Nami und starrte aus dem Fenster. „Normalerweise traut sich kaum einer, überhaupt Hallo zu sagen.“
Kai warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Vielleicht haben sie recht, Angst zu haben“, brummte er. „Die meisten von ihnen würden ohnehin nicht mit deiner Art klarkommen. Sie sehen nur das Äußere.“ Er hielt kurz inne und fügte dann fast beiläufig hinzu: „Aber du solltest dich von ihrer Feigheit nicht stören lassen. Wir haben Arbeit vor uns.“
Nami lächelte schwach. Kai hatte auf seine ganz eigene, schroffe Weise die Situation auf den Punkt gebracht. Er sah in ihr mehr als nur das hübsche Gesicht, das die Jungs an der Schule so einschüchterte....und genau deshalb fühlte sie sich bei ihm so sicher.
Ein leises, amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ihn beobachtete. Kai hielt das Lenkrad locker mit einer Hand, sein Blick war starr auf den Verkehr vor ihnen gerichtet, als hätte er gerade eine rein mathematische Tatsache festgestellt.
„Nicht mit meiner Art klarkommen?“, wiederholte sie seine Worte und zog eine Augenbraue hoch. „Das hörte sich gerade...nicht sehr motivierend an, Kai. Bin ich so anstrengend?“
Kai verzog keine Miene, doch Nami bemerkte, wie er den Griff um das Lenkrad für einen Sekundenbruchteil festigte. Er schwieg einen Moment, als würde er die Worte sorgfältig abwägen, bevor er antwortete.
„Anstrengend ist das falsche Wort“, erwiderte er schließlich mit seiner gewohnt klaren, trockenen Stimme. Er warf ihr einen flüchtigen Seitenblick zu, der jedoch tiefer ging als sonst. „Die meisten suchen nach etwas Einfachem. Etwas, das sie verstehen und kontrollieren können. Eine hübsche Hülle, die lächelt und keine Fragen stellt.“
Er lenkte den Wagen um eine scharfe Kurve, seine Bewegungen präzise und ruhig. „Aber du? Du bist eine Ingenieurin. Du analysierst, du hinterfragst, du hast einen Verstand, der schneller arbeitet als ihrer. Wenn du anfängst, über kinetische Energie und Blade-Physik zu reden, während sie eigentlich nur über das nächste Match nachdenken, verlieren sie den Faden.“
Nami beobachtete sein Profil, das im wechselnden Schatten der vorbeiziehenden Häuser fast wie gemeißelt wirkte. Er klang nicht, als würde er sie kritisieren. Es klang eher wie eine kühle Feststellung von Tatsachen.
„Du meinst also, ich schüchtere sie nicht nur durch mein Aussehen ein, sondern auch durch mein Gehirn?“, fragte sie leise, wobei das Lächeln in ihrem Gesicht nun auch ihre Augen erreichte.
„Genau das“, brummte Kai. Er lockerte seinen Griff wieder etwas. „Die meisten Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht in eine Schublade stecken können. Du passt in keine. Und die Jungs an deiner Schule spüren das. Sie wissen, dass sie dir nichts entgegenzusetzen haben, außer billigen Sprüchen.“
Er hielt an einer roten Ampel und sah sie nun direkt an. Die Maske des Champions war für einen Moment durchlässig. „Es ist kein Mangel an dir, Nami. Es ist ein Mangel an ihnen. Du solltest nicht erwarten, dass jeder mit der Intensität klarkommt, die du in deine Arbeit und in dein Denken steckst.“
Nami spürte, wie eine angenehme Wärme in ihr aufstieg, die weitaus tiefer ging als jedes oberflächliche Kompliment, das sie je gehört hatte. Kai hatte sie nicht „süß“ oder „hübsch“ genannt...er hatte sie als ebenbürtig anerkannt.
„Verstehe“, murmelte sie und lehnte sich in den bequemen Ledersitz zurück. „Dann bin ich wohl froh, dass ich bei Tachibey jemanden habe, der keine Angst vor meiner 'Art' hat.“
Kai stieß ein kurzes, kaum hörbares Schnauben aus, das bei ihm fast als Lachen durchging, und gab Gas, als die Ampel auf Grün sprang. „Ich habe schon gegen Bit-Beasts gekämpft, die ganze Gebäude eingerissen haben, Nami. Ich glaube, mit einer Ingenieurin, die zu viel nachdenkt, werde ich gerade noch fertig.“
Nami konnte nicht anders...ein helles, ehrliches Lachen entrann ihrer Kehle und füllte den Innenraum des Wagens. Sie schüttelte den Kopf, während sie sich eine Locke ihres silbrigen Haares aus dem Gesicht strich.
„Wieso nennst du mich eigentlich ständig so?“, fragte sie amüsiert, während ihr Lachen langsam in ein sanftes Schmunzeln überging. „Ich bin doch überhaupt gar keine Ingenieurin, Kai. Ich bin eine Oberschülerin, die versucht, nicht durch Thermodynamik zu fallen.“
Kai hielt den Blick starr auf die Straße gerichtet, doch das leichte Zucken in seinem Kiefer verriet, dass er ihre Frage sehr wohl registriert hatte. Er lenkte den Wagen mit einer Souveränität durch den dichten Nachmittagsverkehr, die keine Ablenkung zuzulassen schien.
„Du weißt genau, dass ich nach meinem Abschluss erst einmal Beytechnik an der Universität studieren will“, fuhr sie fort und sah ihn von der Seite an. „Im Moment bin ich nur... naja, eine interessierte Schülerin mit einem Faible für Mechanik.“
Kai schwieg für einige Sekunden. Er wartete, bis er den Wagen auf die Auffahrt zum Gelände von Tachibey Industries gelenkt hatte, bevor er antwortete. Er fuhr in das große Parkhause, suchte sich eine Lücke, schaltete den Motor aus und die plötzliche Stille im Wagen ließ seine tiefe Stimme noch markanter wirken.
„Abschlüsse sind nur Papier, Nami“, sagte er trocken, ohne sie anzusehen. Er legte den Arm über das Lenkrad und drehte den Kopf in ihre Richtung. „Ich habe genug echte Ingenieure gesehen, die weniger von der Seele eines Blades verstehen als du. Du denkst bereits wie eine. Du suchst nach Fehlern, du optimierst, du verstehst die Logik hinter der Technik, bevor du überhaupt das Werkzeug in die Hand nimmst.“
Er machte eine kurze Pause, und sein Blick wurde einen Hauch intensiver. „Für mich bist du eine Ingenieurin. Die Universität wird dir nur beibringen, wie man die Formeln nennt, die du ohnehin schon instinktiv anwendest.“
Nami spürte, wie ihr Herz bei diesen Worten einen Sprung machte. Aus Kais Mund klang das nicht wie ein billiger Zuspruch, um ihr zu schmeicheln. Es war eine Anerkennung ihrer Fähigkeiten, die er in den langen Stunden in der Testhalle beobachtet hatte. Er sah nicht die Schülerin, die noch lernen musste; er sah das Potenzial, das bereits in ihr brannte.
„Du hast eine sehr...eigenwillige Art, mich zu motivieren“, erwiderte sie leise, während sie nach ihrer Schultasche griff.
„Motivation ist Zeitverschwendung“, brummte er und stieg aus. „Fakten sind nützlicher. Und Fakt ist: Wir haben heute drei Prototypen, die sich nicht von alleine kalibrieren....vorallem nachdem wir gestern und vorgestern andere Dinge im Kopf hatten als arbeiten. Also los, Ingenieurin.“
Nami stieg ebenfalls aus und schloss die Tür. Als sie hinter ihm her auf den gläsernen Eingang der Firma zuging, fühlte sie sich plötzlich ein Stück größer. Kais Hartnäckigkeit, sie beim Wort zu nehmen, gab ihr eine Sicherheit, die kein Schul-Ranking ihr jemals hätte geben können.
Die gläsernen Türen von Tachibey Industries schwangen auf, und kaum hatten sie die Lobby durchquert, als ihnen auch schon das personifizierte Chaos entgegenstürmte.
Gudbrok, der Chef-Ingenieur und Hiro Tashibas rechte Hand, war bereits von Weitem zu hören. Er war ein kleiner, hagerer Mann Mitte 50, dessen Brille bei jedem Schritt gefährlich weit auf seine Nase rutschte. In seinen Händen umklammerte er ein Tablet, als wäre es eine Tatwaffe.
„Hiwatari! Endlich!“, schrie er fast, noch bevor er sie erreicht hatte. Sein dünnes Haar stand in alle Richtungen ab, ein klares Zeichen dafür, dass er es sich in den letzten Stunden mehrfach vor Verzweiflung gerauft hatte. „Die Sensordaten vom dritten Prototyp sind eine Katastrophe! Eine absolute, bodenlose Katastrophe! Wir haben eine Abweichung von 0,04% in der Rotationsstabilität, und Sie spazieren hier rein, als hätten wir alle Zeit der Welt!“
Kai blieb stehen, die Hände lässig in den Taschen, und sah auf den kleinen Mann herab, als wäre dieser eine besonders hartnäckige Fliege.
„Gudbrok“, sagte Kai mit einer Stimme, die so flach war, dass sie fast schon als Provokation durchging. „Atmen Sie. Das hilft bei der Sauerstoffversorgung des Gehirns.“
Nami biss sich sofort auf die Unterlippe um nicht laut los zu lachen. Sie trat einen Schritt zurück, um das ungleiche Paar zu beobachten. Gudbrok, der wie ein hochenergetisches Teilchen um Kai herumwirbelte, und Kai selbst, der wie ein Fels in der Brandung stand.. unbeweglich und vollkommen unbeeindruckt von den emotionalen Ausbrüchen des Ingenieurs.
„Atmen?!“, Gudbroks Gesicht lief purpurrot an. Er fuchtelte wild mit dem Tablet vor Kais Nase herum. „Ich habe seit drei Uhr morgens keine Luft mehr geholt! Die Reibungskoeffizienten fressen uns auf! Wenn wir das Gewicht der Angriffsspitze nicht sofort um 0,2 Gramm reduzieren, bricht die gesamte Aerodynamik in der zweiten Phase zusammen! Verstehen Sie das überhaupt? Wir reden hier von Präzisionsarbeit, nicht von...von Schlägereien in der Arena!“
Kai legte den Kopf leicht schräg. Er sah sich die wild blinkenden Graphen auf dem Tablet für genau zwei Sekunden an. „Dann reduzieren Sie es halt“, sagte er trocken. „Aber wenn Sie die Spitze leichter machen, verliert das Blade bei einem Gegenangriff an Trägheit. Dann zerspringt es Ihnen in der zweiten Phase einfach nur eleganter.“
Gudbrok erstarrte. Er schnappte wie ein Fisch nach Luft, seine Brille rutschte nun endgültig bis zur Nasenspitze. „Eleganter zerspringen?! Das ist Ihre Lösung? Zynismus?! Ich arbeite hier mit Herzblut, mit Schweiß, mit Tränen!“
„Tränen sind schlecht für die Feinmechanik“, stellte Kai fest, ohne eine Miene zu verziehen. „Sie verstopfen die Lager.“
Nami musste sich die Hand vor den Mund pressen. Ein leises Glucksen entrann ihrer Kehle, das sie eilig in einen vorgetäuschten Hustenanfall verwandelte. Kais absolute Gleichgültigkeit gegenüber Gudbroks fast schon theatralischer Verzweiflung war so absurd, dass es weh tat.
Gudbrok sah Kai fassungslos an, die Hände zitterten vor unterdrückter Ungeduld. „Sie... Sie sind unmöglich! Mr. Tashiba hat gesagt, Sie seien ein Experte, aber Sie sind ein...ein Eisklotz ohne jegliches Gespür für die Dramatik der Schöpfung!“
„Dramatik gewinnt keine Kämpfe“, entgegnete Kai kühl und schob sich mit einer ruhigen Bewegung an dem tobenden Ingenieur vorbei. „Daten tun es. Also hören Sie auf zu schreien und bringen Sie mir die Testeinheit. Nami und ich regeln das mit der Trägheit.“
Er warf Nami im Vorbeigehen einen Blick zu...seine Augenbraue zuckte nur einen Millimeter nach oben, ein klares Zeichen dafür, dass er ihr Amüsement sehr wohl bemerkt hatte.
Gudbrok starrte ihnen mit offenem Mund hinterher, die Brille nur noch an einem Ohr hängend. „Er hat mich gerade stehen lassen! Einfach so!“, rief er in den leeren Flur, bevor er mit schnellen, hageren Schritten hinterherlief. „Warten Sie! Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen, Hiwatari! Die Reibung, wir müssen über die Reibung reden!“
Nami folgte ihnen mit schnellen Schritten, das unterdrückte Lachen immer noch in der Brust.
Das Labor war erfüllt vom Surren der Hochleistungsrechner und dem metallischen Klacken der Werkzeuge. Gudbrok war mittlerweile auf Hochtouren. Er stand vor einer riesigen digitalen Whiteboard-Wand und zeichnete wütend komplexe Differentialgleichungen auf die Fläche, die die Zentripetalkräfte des neuen Prototyps erklären sollten.
„Sehen Sie das, Hiwatari? Sehen Sie das?!“, Gudbrok stach mit dem Zeigefinger fast durch den Bildschirm. „Das ist die reine Theorie der Fluiddynamik! Da hilft Ihnen Ihr Praxiswissen und Ihr ‚Gefühl‘ für das Blade gar nichts! Sie können vielleicht gut kämpfen, aber hier bewegen wir uns in Sphären der höheren Physik, die weit über das hinausgehen, was man in einer Arena lernt!“
Kai lehnte mit dem Rücken an einem der Arbeitstische, die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah sich die wilden Formeln von Gudbrok mit einer Miene an, die zwischen Langeweile und Desinteresse schwankte.
Nami stand daneben und biss sich auf die Lippe. Sie kannte Gudbroks Stolz, aber sie wusste auch, dass Kai niemals so selbstsicher wäre, wenn er nicht genau wüsste, wovon er sprach. Doch was Kai dann tat, ließ selbst sie erstarren.
Kai stieß sich vom Tisch ab, trat gemächlich zum Board und nahm Gudbrok den digitalen Stift aus der Hand. Der kleine Ingenieur schnappte empört nach Luft, doch bevor er protestieren konnte, fing Kai an zu schreiben.
„Ihre Ableitung der Reynolds-Zahl vernachlässigt die turbulente Grenzschicht bei einer Rotationsgeschwindigkeit über 12.000 U/min.“, sagte Kai mit einer Stimme, die so sachlich klang, als würde er das Wetter vorlesen. „Wenn Sie den Effekt der Oberflächenrauheit nach der Moody-Gleichung mit einbeziehen, verschiebt sich Ihr Schwerpunktvektor um exakt den Betrag, den ich vorhin durch das zusätzliche Gewicht an der Spitze ausgleichen wollte.“
Gudbrok erstarrte. Seine Brille rutschte gefährlich nah an den Abgrund seiner Nasenspitze. Er starrte auf die Korrekturen, die Kai mit präzisen Strichen eingefügt hatte. Es waren keine einfachen Korrekturen; es war Fachwissen auf universitärem Niveau.
„Woher...wie...“, stammelte Gudbrok. „Das ist...das ist die Theorie der laminaren Strömung...woher wissen Sie das?“
Kai zuckte nur kurz mit einer Schulter und gab ihm den Stift zurück. „In Tibet gibt es im Winter nicht viel zu tun, außer zu trainieren und zu lesen. Ein paar Abhandlungen der Moskauer Technischen Universität über Aerodynamik waren eine gute Abwechslung.“
Nami starrte Kai mit offenem Mund an. Er hatte in Tibet ein halbes Fernstudium in Luft- und Raumfahrttechnik absolviert, nur um sich die Zeit zu vertreiben?
Gudbrok war völlig am Ende seiner Kräfte. Er sah von dem Board zu Kai, dann zu Nami und wieder zurück. Er wirkte wie ein Mann, der gerade herausgefunden hatte, dass sein Haustier heimlich fließend Latein sprach. „Aber...Sie sind ein Kämpfer! Sie können nicht einfach...meine Berechnungen mit russischer Aerodynamik korrigieren! Das ist...das ist unzulässig!“
Kais Miene blieb eine Maske der Gleichgültigkeit. „Physik ist nicht unzulässig, Gudbrok. Sie ist universell.“
In diesem Moment brach es aus Nami heraus. Die Absurdität der Situation...der hysterische, hochgelehrte Gudbrok, der gerade von einem eiskalten Beyblader fachlich vorgeführt wurde, und Kais völlig unbeeindruckte Art dabei...war einfach zu viel.
Nami lachte laut los. Es war ein befreiendes, fast schon hysterisches Lachen, das durch das sterile Labor hallte. Sie hielt sich den Bauch, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Gudbrok und Kai drehten gleichzeitig die Köpfe zu ihr. Beide sahen sie völlig entgeistert an.
Gudbrok wirkte beleidigt, seine Autorität war in Trümmern. Kai hingegen zog nur eine Augenbraue hoch, sein Blick war ein einziges großes Fragezeichen. Für ihn war die Situation vollkommen logisch: Er hatte einen Fehler gesehen und ihn behoben. Was war daran komisch?
„Was ist so witzig?“, fragte Kai mit einer Spur echter Verwirrung in der Stimme. „Die Formel stimmt jetzt. Das ist ein technischer Fortschritt, kein Grund für einen Lachanfall.“
„Es ist nur...“, presste Nami zwischen zwei Lachsalven hervor und deutete abwechselnd auf beide. „Eure Gesichter! Kai, du erklärst Aerodynamik wie ein Rezept für Tee, und Gudbrok sieht aus, als hätte er gerade einen Geist gesehen! Ihr seid...ihr seid das unglaublichste Team, das ich je gesehen habe!“
Gudbrok schnaubte beleidigt und rückte seine Brille zurecht. „Ein Team? Ich wurde gerade...korrigiert! Von einem...von einem russischen Fernstudenten!“
Kai sah Nami noch einen Moment lang an, während sie sich langsam wieder beruhigte. Er verstand ihren Humor immer noch nicht ganz, aber er bemerkte, wie das Lachen ihre Augen zum Leuchten brachte. Ein winziger, fast unsichtbarer Anflug von Entspannung legte sich um seine Mundwinkel.
„Genug gelacht“, brummte er schließlich, auch wenn der Tonfall weniger scharf war als sonst. „Gudbrok, ändern Sie die Parameter. Die Ingenieurin und ich gehen jetzt an die Teststation. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Nami wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und folgte ihm, immer noch leise kichernd, während Gudbrok fassungslos vor seinem korrigierten Board stehen blieb.