Fluchtinstinkt
Fluchtinstinkt
Als der schwarze Wagen pünktlich vor dem Schultor zum Stehen kam, war von der Erschöpfung des Trainings nichts mehr zu sehen. Kai saß hinter dem Steuer, den Rücken kerzengerade, die Sonnenbrille wieder an ihrem Platz. Er war die personifizierte Beherrschung. Die Stunde intensiven Trainings hatte seinen Körper ausgepowert, aber sein Geist war nun wie eine Festung...verschlossen und gesichert.
Er beobachtete durch die getönten Scheiben, wie die Glocke läutete und der Strom der Schüler aus dem Gebäude quoll. Es dauerte nicht lange, bis er sie sah. Nami hob sich von der Masse ab, nicht nur durch ihr silbriges Haar, sondern durch diese natürliche Eleganz, die selbst in der gewöhnlichen Schuluniform zur Geltung kam.
Als sie den Wagen erblickte, erhellte sich ihr Gesicht für einen Sekundenbruchteil, bevor sie ihre Züge unter Kontrolle brachte. Sie verabschiedete sich kurz von Momoko und eilte auf den Wagen zu.
Kai entriegelte die Tür. Er sah nicht zu ihr, als sie einstieg und ihre Tasche in den Fußraum stellte.
„Pünktlich wie immer“, sagte sie leise. In der Enge des Wagens wirkte ihre Stimme fast wie eine Berührung. Sie wirkte frisch, während er sich innerlich wie ein ausgebranntes Schlachtfeld fühlte.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren“, antwortete er. Seine Stimme war hart, fast schon abweisend. Er startete den Motor und lenkte den Wagen mit einer unnötigen Schärfe in den fließenden Verkehr. „Gudbrok wartet sicher schon mit einer neuen Liste von Weltuntergangsszenarien.“
Nami warf ihm einen Seitenblick zu. Sie spürte die Veränderung sofort. Die weiche, fast intime Atmosphäre der letzten Nacht im Labor war wie weggewischt. Heute war er wieder der Kai Hiwatari, den die Welt kannte...unnahbar, effizient und eiskalt.
„Ist alles okay?“, fragte sie vorsichtig. „Du wirkst... angespannt.“
„Ich bin nicht angespannt. Ich bin konzentriert“, korrigierte er sie barsch. Er umklammerte das Lenkrad so fest, dass das Leder leise knarrte.
Er spürte ihren Blick auf seinem Profil. Er wusste, dass sie erneut versuchte, hinter seine Maske zu schauen, und genau das durfte er nicht zulassen. Er konnte immer noch das Bild von ihr im Leo-Monokini vor seinem inneren Auge sehen, konnte fast den Duft ihrer Haare wahrnehmen, der nun den Innenraum des Wagens füllte. Jeder Atemzug, den er machte, war ein Verrat an seinem Vorsatz, Distanz zu halten.
Nami schwieg einen Moment. Sie sah den Schweißrand an seinem Shirt, den er beim schnellen Umziehen nach seinem Ablenkungsversuch wohl übersehen hatte, und die leichte Rötung seiner Haut. Er war beim Training gewesen. Aggressivem Training, so wie es aussah.
„Kai“, sagte sie sanft und legte für einen winzigen Moment ihre Hand auf seinen Unterarm. „Wenn du eine Pause brauchst...“
Er zuckte so heftig zurück, als hätte sie ihn verbrannt. „Fass mich nicht an, während ich fahre“, stieß er hervor.
Die Härte in seiner Stimme ließ Nami zusammenfahren. Sie zog ihre Hand sofort zurück und starrte bedrückt aus dem Fenster. Die Stille im Wagen wurde schwer und erdrückend. Kai verfluchte sich im Stillen. Er sah aus dem Augenwinkel, wie sie sich klein machte, wie ihr Puls am Hals...den er vorhin noch so genau studiert hatte...nun vor Aufregung raste.
Er hatte genau das getan, was er sich vorgenommen hatte: Sie mit Kälte auf Abstand zu halten. Es war die einzige Methode, die er kannte, um die Kontrolle zu behalten. Doch der Sieg schmeckte aschig.
„Wir konzentrieren uns heute auf die Langzeitstabilität“, sagte er nach einer Weile, diesmal etwas ruhiger, aber immer noch ohne sie anzusehen. „Keine Ablenkungen mehr. Wir müssen das Projekt vorantreiben.“
Nami nickte nur stumm. Sie verstand jetzt, dass die Annäherung der letzten Nacht für ihn ein Fehler gewesen war, den er nun korrigieren wollte. Doch während sie schweigend auf das Firmengelände von Tachibey Industries zufuhren, schwor sie sich innerlich, dass sie seinen Rückzug nicht einfach so hinnehmen würde. Sie war eine Ingenieurin...sie wusste, dass man Druck nicht nur durch Gegendruck, sondern auch durch Geduld begegnen konnte.
Kai hingegen starrte auf die Straße und kämpfte gegen den Drang an, sich bei ihr zu entschuldigen. Er musste hart bleiben. Denn wenn er diese Mauer einriss, würde er in einem Abgrund versinken, aus dem er sie niemals wieder herausziehen könnte.
Die Luft im Labor von Tachibey Industries war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Seit sie den Wagen verlassen hatten, war kein einziges privates Wort mehr gefallen. Nami hatte die kurze, heftige Abweisung im Auto verdaut. Sie wusste um Kais Vergangenheit...die bittere Kälte seines Großvaters, den Drill, den Verrat und die Jahre, in denen er Gefühle nur als Schwäche kennengelernt hatte. Sie wusste, dass sein Rückzug kein Mangel an Interesse war, sondern pure Angst vor der eigenen Intensität.
Doch sie weigerte sich, seine Sandsack-Funktion für seine inneren Konflikte zu sein.
Als sie die Teststation erreichten, war Nami wie verwandelt. Sie legte ihre Tasche beiseite, streifte ihren Laborkittel über und band ihr Haar mit einer schnellen, effizienten Bewegung zu einem strengen Knoten zusammen. Ihre Augen, die ihn vorhin noch besorgt angesehen hatten, waren nun kühl und klar wie geschliffenes Glas.
„Gudbrok, ich habe die Protokolle von gestern Abend bereits ausgewertet“, sagte sie mit einer Stimme, die so sachlich und distanziert klang, dass der Chef-Ingenieur mitten in seinem hektischen Getippe innehielt. „Die thermische Belastung an den Lagern der Angriffsspitze war bei 15.500 U/min grenzwertig. Wir müssen die Legierung der Lagerbuchsen anpassen, bevor wir das Kampfprofil von Mr. Hiwatari einspielen.“
Kai, der gerade sein Handheld-Terminal aktiviert hatte, hielt inne. Er sah von der Seite zu ihr. Das „Mr. Hiwatari“ traf ihn unvorbereitet...es war eine förmliche Distanz, die er selbst eingefordert hatte, die sich nun aber seltsam falsch anfühlte.
„Die Legierung ist Standard bei Profi-Modellen“, warf Kai ein, seine Stimme gewohnt autoritär. „Sie sollte der Belastung standhalten.“
Nami sah ihn nicht einmal an. Sie tippte eine Befehlsfolge in den Hauptrechner und ließ eine komplexe Grafik auf dem großen Wandmonitor erscheinen. „Standard reicht hier nicht aus. Wenn wir dein Kampfprofil verwenden, Kai, erhöhen wir die ruckartigen Belastungsspitzen um 12 %. Bei der aktuellen Wärmeleitfähigkeit führt das zu einer Mikro-Deformation des Metalls.“
Sie drehte sich nun zu ihm um, die Hände in den Taschen ihres Kittels. Ihr Blick war völlig neutral. „Ich dagegen schlage vor, auf eine Keramik-Hybrid-Lösung umzusteigen. Das minimiert die Reibungshitze und stabilisiert die Flugbahn während der Initialphase. Gudbrok, haben wir die S-Klasse-Komponenten im Lager?“
Gudbrok starrte sie mit offenem Mund an, rückte seine Brille zurecht und blickte dann zu Kai. „Sie...sie hat recht. Die Berechnungen sind absolut wasserdicht. Das ist...brillant, Nami!“
Kai fühlte einen unerwarteten Stich. Er war es gewohnt, derjenige zu sein, der die Richtung vorgab, derjenige, dessen Wissen unantastbar war. Doch Nami hatte ihn gerade fachlich nicht nur korrigiert, sondern eiskalt stehen gelassen. Und sie tat es mit einer Professionalität, die keine Angriffsfläche für emotionale Reibung bot.
Sie behandelte ihn exakt so, wie er es im Auto verlangt hatte: wie eine reine Datenquelle. Eine Notwendigkeit für das Projekt. Nichts weiter.
„Gut“, sagte Kai nach einer langen Sekunde des Schweigens. „Dann verbauen wir die Hybrid-Lager. Ich werde die physischen Stressparameter am BeyBot entsprechend anpassen.“
„Danke“, antwortete Nami kurz angebunden. „Gudbrok, ich helfe Ihnen beim Einbau. Mr. Hiwatari, Sie können mit der Kalibrierung beginnen, sobald wir das Signal geben.“
Den Rest des Nachmittags arbeitete Nami mit einer Effizienz, die selbst Kai beeindruckte. Sie war schnell, präzise und vollkommen fokussiert. Jedes Mal, wenn er versuchte, ihren Blick zu fangen oder eine weniger förmliche Bemerkung zu machen, wich sie ihm mit einer höflichen, aber absolut distanzierten Sachlichkeit aus.
Er hatte die Mauer gewollt. Jetzt saß er auf der anderen Seite fest und musste zusehen, wie Nami nicht nur die Arbeit meisterte, sondern auch die emotionale Oberhand behielt. Er merkte, wie ihn ihre neue Kälte weit mehr reizte und irritierte als ihre Sanftheit. Es war, als hätte sie sein eigenes Spiel gegen ihn gewendet.
Als sie gegen Abend die erste Testreihe mit dem neuen BeyBot erfolgreich abschlossen, war Kai derjenige, der sich dabei ertappte, wie er nach Worten suchte.
„Die Daten sind...besser als erwartet“, sagte er, während er neben ihr am Terminal stand. „Die Hybrid-Lager machen einen Unterschied.“
Nami schaltete den Monitor aus und sah ihn zum ersten Mal an diesem Abend direkt an. Ein kleines, kühles Lächeln umspielte ihre Lippen...ein Lächeln, das ihm klarmachte, dass sie genau wusste, was er gerade versuchte.
„Fakten sind eben nützlicher als Motivation, nicht wahr, Kai?“, wiederholte sie seine eigenen Worte vom Vortag. „Wir sehen uns morgen zur gleichen Zeit. Ich nehme mir heute ein Taxi nach Hause, ich möchte noch ein paar Skizzen fertigstellen und will dich nicht aufhalten.“
Bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie sich bereits umgedreht. Kai blieb allein im halbdunklen Labor zurück, das Echo ihrer Worte noch im Ohr. Er hatte versucht, sie auf Abstand zu halten, um sie nicht zu verletzen. Doch Nami hatte ihm gerade gezeigt, dass sie keine Angst vor seiner Kälte hatte...sie hatte sie einfach adaptiert.
Und zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Kai sich nicht wie der Sieger, sondern wie derjenige, der gerade den wichtigsten Kampf seines Lebens zu verlieren drohte.
Das sanfte Klicken der Fahrstuhltür war das Signal, auf das Namis Körper gewartet hatte. Sobald sie allein war, sackten ihre Schultern nach unten. Die aufrechte, professionelle Haltung, die sie den ganzen Nachmittag wie eine Rüstung getragen hatte, fiel mit einem Mal von ihr ab.
Anstatt den Ausgang zu wählen, drückte sie auf die Taste für das Untergeschoss...den Wellness-Bereich für die leitenden Angestellten und Mitarbeiter. Sie brauchte keine Menschenmassen, kein Taxi und erst recht keine weiteren Gespräche. Sie brauchte Stille.
In der leeren Damenumkleide war es angenehm warm und es roch dezent nach Eukalyptus. Nami trat vor den großen Spiegel und starrte ihr Ebenbild an. Ihre Wangen waren blass, ihre Augen wirkten müde. Als sie begann, die Knöpfe ihres Kittels zu lösen, bemerkte sie, dass ihre Finger leicht zitterten.
~Taff sein ist anstrengend~, dachte sie bitter. Es lag ihr nicht, kühl und distanziert zu sein. Sie war ein Mensch der Emotionen, der Wärme, der Verbindung. Kai mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, hatte sich im Labor wie ein Sieg angefühlt, doch jetzt, in der Einsamkeit der Umkleide, fühlte es sich nur noch wie eine schmerzhafte Isolation an.
Sie entledigte sich ihrer Kleidung und trat in die Dusche. Das heiße Wasser prasselte auf ihre Haut, dampfte in der kühlen Luft und hüllte sie ein, doch das Zittern in ihrem Inneren hörte nicht auf. Sie lehnte die Stirn gegen die kühlen Fliesen und schloss die Augen.
Sofort war er wieder da. Sein berauschender Duft, der sie jedes Mal wie ein unsichtbarer Schleier umhüllte, wenn er neben ihr am Terminal stand. Es war eine Qual, so nah bei ihm zu sein und gleichzeitig Welten von ihm entfernt.
Sie dachte an das tiefe Timbre seiner Stimme. Wenn er ihren Namen sagte oder fachliche Anweisungen gab, vibrierte dieser Ton in einer Frequenz, die ihr jedes Mal eine unkontrollierbare Gänsehaut bescherte. Es war, als würde sein Klang direkt unter ihre Haut kriechen und dort ein Feuer entfachen, das sie mit aller Gewalt zu löschen versuchte.
„Wie lange noch?“, flüsterte sie in das Rauschen des Wassers.
Sie schwärmte schon so lange für ihn, hatte sein Bild in Zeitschriften bewundert und seine Kämpfe verfolgt. Doch die Realität war so viel komplizierter als ihre Träume. Die Gefühle waren nicht mehr nur süß und aufregend; sie waren jetzt fast körperlich schmerzhaft. Jede seiner Abweisungen fühlte sich an wie ein kleiner Riss in ihrem Herzen, und jedes Mal, wenn sie die „Taffe“ spielte, vergrößerte sie die Distanz, die sie eigentlich überbrücken wollte.
Sie wusste, dass er Zeit brauchte. Sie wusste, dass seine Kälte ein Schutzmechanismus war. Aber während das heiße Wasser ihre Haut rötete, fragte sie sich, wie lange ihr Herz diesen Zustand der Schwerelosigkeit noch aushalten konnte, ohne einfach zu zerbrechen.
Sie wollte nicht seine Ingenieurin sein. Sie wollte nicht sein Projekt sein. Sie wollte diejenige sein, bei der er die Maske ablegen konnte. Doch im Moment fühlte es sich so an, als hätten sie beide nur noch mehr Masken aufgesetzt.
Nami drehte das Wasser ab und blieb noch einen Moment im Dampf stehen. Sie musste sich sammeln. Morgen würde sie wieder im Labor stehen. Morgen würde sie wieder die Hybrid-Lager prüfen und über Drehzahlen sprechen. Sie würde die Starke spielen...so lange, bis er vielleicht irgendwann merkte, dass er vor ihr nicht weglaufen musste. Oder bis sie selbst keine Kraft mehr hatte, die Mauer zu halten.
Nami trat aus dem gläsernen Portal der Firma. Die milde Nachtluft traf ihre noch warme Haut und sie zog ihren Mantel enger um sich. Ihre Haare waren noch leicht feucht an den Spitzen, was in der künstlichen Beleuchtung des Vorplatzes wie flüssiges Silber wirkte. Sie wollte gerade ihr Handy zücken, um die Taxi-App zu öffnen, als ein bekanntes Aufleuchten von Scheinwerfern sie innehalten ließ.
Der schwarze Wagen stand noch immer dort, wo sie ihn vermutet hatte...nur dass der Motor leise schnurrte. Kai lehnte nicht mehr am Wagen; er saß hinter dem Steuer und hatte das Fenster heruntergelassen. Als er sie sah, blitzte echte Überraschung in seinen Augen auf, die er jedoch schnell hinter seiner gewohnten Beherrschtkeit verbarg.
„Ich dachte, du wärst längst weg“, sagte er, und seine Stimme klang in der Stille der Nacht noch tiefer, fast schon sanft.
Nami blieb stehen, die Handtasche fest umklammert. „Ich... ich war noch kurz unten im Wellness-Bereich. Den Kopf frei bekommen.“
Kai musterte sie einen Moment lang. Er bemerkte die leichte Rötung ihrer Wangen vom heißen Wasser und den erschöpften Glanz in ihren Augen. Der Anblick versetzte seinem Vorsatz, Distanz zu halten, einen weiteren Schlag. Er schaltete den Motor aus, stieg aus und umrundete den Wagen.
„Lass das mit dem Taxi“, sagte er, während er die Beifahrertür für sie öffnete. Es war keine Bitte, sondern eine jener Anweisungen, die keinen Widerspruch duldeten...doch diesmal fehlte die Schärfe in seinem Ton. „Ich fahre dich.“
Nami zögerte. „Kai, ich habe gesagt, ich nehme ein Taxi. Du musst nicht...“
„Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass du mitten in der Nacht allein mit einem Fremden durch Tokio fährst“, unterbrach er sie und sah ihr direkt in die Augen. Für einen Moment war die Maske des arroganten Profis vergessen. „Dein Vater ist längst zu Hause. Er hat mir die Verantwortung übertragen, dass du sicher ankommst, solange wir hier so spät arbeiten. Ich werde diesen Auftrag nicht gefährden.“
Er benutzte das Wort „Auftrag“, aber die Art, wie er sie ansah, verriet, dass es ihm um weit mehr ging als um eine Pflicht gegenüber Hiro Tashiba. Er wirkte fast schon...besorgt.
Nami spürte, wie ihr Herz trotz des Vorsatzes, kühl zu bleiben, wieder schneller schlug. Die Wärme der Dusche schien in ihrem Inneren zu verpuffen und durch die vertraute, berauschende Gänsehaut ersetzt zu werden, die seine Anwesenheit auslöste. Sie gab nach und stieg schweigend ein.
Als er sich wieder auf die Fahrerseite setzte und den Wagen startete, füllte sein Duft sofort wieder ihre Sinne. Nami starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt, unfähig, etwas zu sagen.
„Nami“, begann er nach einer Weile, ohne den Blick von der Straße zu wenden. „Das vorhin... im Auto, auf dem Weg zur Firma...“
Er hielt inne, als würden die Worte in seiner Kehle feststecken. Kai war kein Mann der großen Entschuldigungen, und das „Es tut mir leid“ schien eine Barriere zu sein, die er noch nicht ganz überwinden konnte.
„Es ist okay, Kai“, sagte sie leise und sah ihn von der Seite an. „Ich weiß, dass das Projekt stressig ist. Und ich weiß, dass du... deine Art hast, damit umzugehen.“
Kai festigte den Griff um das Lenkrad. Er schätzte ihre Intelligenz, aber im Moment verfluchte er sie fast dafür, wie gut sie ihn durchschauen konnte. Dass sie seine Kälte nicht als Boshaftigkeit, sondern als Überforderung interpretierte, machte es für ihn nur noch schwerer, sich vor ihr zu verschließen.
„Es ist nicht nur das Projekt“, murmelte er so leise, dass sie es fast nicht verstanden hätte.
Die Fahrt verlief in einer aufgeladenen Stille. Doch diesmal war es keine feindselige Ruhe, sondern ein vorsichtiges Abtasten. Als sie schließlich vor dem Tachiba-Villa hielten, wandte er sich zu ihr um. Das Licht der Straßenlaternen warf harte Schatten in sein Gesicht, doch sein Blick war weich.
„Geh schlafen, Ingenieurin“, sagte er, und diesmal schwang ein Hauch von echter Anerkennung in dem Wort mit. „Wir haben morgen einiges vor.“
Nami lächelte schwach. „Gute Nacht, Kai.“
Sie stieg aus und sah dem Wagen hinterher, bis die Rücklichter in der Dunkelheit verschwunden waren. Ihr Herz fühlte sich schwer an, aber das Zittern hatte aufgehört. Sie wusste, dass der Kampf zwischen ihnen noch lange nicht vorbei war, aber heute Nacht hatte er sie nicht weggestoßen...er hatte sie nach Hause gebracht. Und für den Moment reichte das aus.