Kontrollverlust
Kontrollverlust
Der Mittwochmorgen war bereits deutlich entspannter verlaufen, und als Kai Nami am Nachmittag pünktlich von der Schule abholte, war die frostige Mauer des Vortags zwar nicht verschwunden, aber sie hatte Risse bekommen. Er wirkte ruhiger, fast so, als hätte er die nächtlichen Dämonen für den Moment in den Griff bekommen. Die Fahrt zu Tachibey verlief in einem angenehmen Schweigen, das nicht mehr von unterdrückter Wut, sondern von einer gemeinsamen Erwartungshaltung geprägt war.
Heute stand der erste physische Härtetest an.
Die Testhalle war für den Nachmittag komplett gesperrt worden. Nur Gudbrok, Nami und Kai waren anwesend. In der Mitte der Arena thronte der neue BeyBot, ein hochpräziser mechanischer Arm, der mit Kais digitalisiertem Kampfprofil gefüttert worden war.
„Die Hybrid-Lager sind kalibriert, die Sensoren scharfgeschaltet“, verkündete Gudbrok nervös. „Aber Hiwatari-san... seien Sie vorsichtig. Die KI berechnet Ihre Bewegungen basierend auf Ihren aktuellen Daten. Sie kämpfen heute im Grunde gegen Ihr eigenes, gnadenloses Ich.“
Kai legte schweigend seine Jacke ab. Er trug ein eng anliegendes, schwarzes Funktionsshirt, das jede Faser seiner trainierten Muskulatur betonte. Nami stand an der Hauptkonsole, ihre Finger schwebten über den Tasten. Ihr Blick traf den seinen, und für einen Moment war da dieses tiefe Verständnis, das keine Worte brauchte.
„Bist du bereit?“, fragte sie leise.
Kai antwortete nicht mit Worten. Er nahm seine Position an der Arena ein, griff nach Dranzer und fixierte den BeyBot. Sein Blick war so scharf wie eine Klinge. „Startet das Programm.“
Nami drückte die Eingabetaste. „Initialisierung... Drei. Zwei. Eins. Let it rip!“
Was dann folgte, war kein gewöhnlicher Testlauf. Es war ein Sturm. Der BeyBot katapultierte den Prototypen mit einer Gewalt in die Arena, die die Luft erzittern ließ. Kai hielt dagegen. Dranzer raste mit einem wütenden Fauchen auf den Gegner zu. Der vom Bot gesteuerte Beyblade reagierte in Millisekunden...er nutzte Kais eigene Taktiken: die aggressiven Kurven, die plötzlichen Richtungswechsel, die gnadenlose Offensive.
Kai musste sich physisch alles abverlangen. Er rannte um die Arena, seine Bewegungen waren ein Tanz aus Kraft und Präzision. Jedes Mal, wenn Dranzer einen Schlag ausführte, berechnete die Maschine den perfekten Gegenschlag.
Nami beobachtete die Bildschirme mit angehaltenem Atem. Die Datenströme rasten in wahnsinnigem Tempo vorbei, doch ihre Augen wanderten immer wieder zu Kai. Sie sah den Schweiß, der in kleinen Bächen über seine Schläfen rann, und wie das schwarze Shirt an seinem Rücken klebte. Die Intensität, mit der er kämpfte, war berauschend und beängstigend zugleich. Kaum ein Blader schaffte es ihn so zu fordern...doch er kämpfte im wahrsten Sinne des Wortes...gegen sich selbst.
Nach fünf Minuten ununterbrochenem Hochgeschwindigkeitstraining stieß der BeyBot zu einem finalen Schlag aus. Kai reagierte mit einem extremen Blazing Gig, der seinen gesamten Körper forderte. Ein ohrenbetäubender Knall hallte durch die Halle, als die Blades aufeinandertrafen und beide gleichzeitig aus der Arena geschleudert wurden.
Stille. Nur das schwere, keuchende Atmen von Kai erfüllte den Raum.
Er stand vornübergebeugt an der Arena, die Hände auf den Rand gestützt. Sein Kopf hing tief, und Schweiß tropfte von seinem Kinn auf den Boden.
Nami löste sich wie in Trance von ihrer Konsole. „Kai...“
Sie trat an seine Seite. Die Hitze, die von seinem Körper ausstrahlte, war fast greifbar. Er zitterte leicht...ein Nachbeben der extremen Anspannung. Ohne nachzudenken, griff sie nach dem Klemmbrett mit den physischen Datenblättern und einem Stift. Seine Hände waren so verkrampft, dass er die manuellen Notizen, die er jetzt machen musste, niemals hätte schreiben können.
„Lies mir die Werte vom Display ab“, sagte sie sanft. Ihre Stimme war der Anker in seiner Erschöpfung.
Kai hob langsam den Kopf. Sein Gesicht war gerötet, seine Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Er sah sie an, und in diesem Moment gab es keine Arroganz mehr. Nur noch die nackte, menschliche Grenze.
„Drehmomentverlust... in der Endphase... 4 Prozent“, presste er mühsam hervor. Er wollte nach dem Stift greifen, doch seine Finger verweigerten den Dienst.
Nami trat noch einen Schritt näher, um die Werte auf dem Klemmbrett einzutragen. Ihre Schulter berührte dabei fast seinen Arm. Sie konnte seinen schnellen, schweren Herzschlag fast hören. „Ich schreibe es auf. Sag mir den Rest.“
Er starrte auf ihre Hand, wie sie mit ruhiger, eleganter Schrift die Daten festhielt. Inmitten seiner körperlichen Verausgabung war ihre Nähe wie ein kühlender Balsam. Er suchte nicht mehr nach Distanz. Er lehnte sich fast unmerklich in ihre Richtung, suchte Halt, ohne es zuzugeben.
„Die Synchronisation...war bei 98 Prozent“, flüsterte er. Er sah sie von der Seite an, sein Blick war verschleiert von der Anstrengung, aber brennend vor einer Intensität, die ihr den Atem raubte.
Nami hielt inne. Der Stift ruhte auf dem Papier. Die Welt um sie herum, Gudbrok, die Monitore, die surrenden Maschinen, verblasste zu einem fernen Rauschen.
„Du hast dich übernommen“, murmelte sie und sah zu ihm hoch.
Kai stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus, das mehr wie ein Seufzen klang. „Ich musste wissen... ob die Maschine mich brechen kann.“ Er hielt ihren Blick fest.
Nami spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. In der Erschöpfung nach dem Kampf war Kai so ehrlich wie nie zuvor. Die fachliche Ebene war nur noch ein dünner Vorwand für das, was zwischen ihnen in der Luft hing.
Er war ihr so nah, dass sie die Hitze seiner Haut wie ein glühendes Feld spürte.
Nami wagte kaum zu atmen. Als sie den Kopf hob, um ihm zu antworten, stellte sie fest, dass Kai seinen Blick nicht von ihr abgewandt hatte. Seine Augen, die sonst wie kühler Rubin wirkten, brannten jetzt vor einer ungeschützten, dunklen Intensität.
Das Adrenalin des Kampfes raste noch immer durch seine Venen, und in dieser totalen Erschöpfung war der Filter verschwunden, den er sonst so mühsam aufrechterhielt. Seine Hand, die noch immer leicht vom extremen Launch zitterte, hob sich langsam vom Arenarand. Nami hielt den Atem an, als er seine Finger ausstreckte und ganz vorsichtig ihre Wange berührte. Seine Haut war heiß und feucht, doch die Geste war von einer überraschenden Zärtlichkeit.
„Nami...“, raunte er ihren Namen. Es klang nicht wie eine Feststellung, sondern wie ein Geständnis.
Er beugte sich ein Stück vor. Nur Zentimeter trennten ihre Lippen voneinander. Nami konnte seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren...er roch nach purer Anstrengung und diesem einen, berauschenden Duft, der sie in ihren Träumen verfolgte. Sie schloss unwillkürlich die Augen, ihr Herz raste gegen ihre Rippen.
Kais Daumen strich über ihren Mundwinkel, und er schien gerade den letzten Rest seines Widerstands aufgeben zu wollen, als die Stille der Halle wie Glas zerbrach.
„UNGLAUBLICH! PHÄNOMENAL!“, brüllte Gudbrok plötzlich vom anderen Ende der Konsole und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Die Kurve! Habt ihr die Kurve gesehen?! Die Synchronisation ist bei 99 Prozent gesprungen! Das ist der Durchbruch! Hiwatari, wir haben es geschafft!“
Wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zuckte Kai zurück. Die Verbindung riss so abrupt ab, dass Nami fast das Gleichgewicht verlor. Kai wirbelte herum, erhob sich und starrte mit einem Blick auf den Monitor, der irgendwo zwischen mörderischem Zorn und tiefer Verwirrung schwankte. Er presste die Lippen zusammen, während seine Maske...dieser eiskalte Panzer...mit erschreckender Geschwindigkeit wieder an ihren Platz rückte.
Er fuhr sich mit der Hand durch das verschwitzte Haar und wandte sich ab, um seine Jacke vom Boden aufzuheben. „Gut“, presste er hervor, seine Stimme war wieder so flach und trocken wie am Morgen. „Werten Sie den Rest aus, Gudbrok. Ich... ich brauche frische Luft.“
Er sah Nami nicht mehr an. Ohne ein weiteres Wort verließ er mit schnellen, fast schon fluchtartigen Schritten die Testhalle.
Nami blieb allein am Rand der Arena zurück. Ihr Körper zitterte jetzt genauso stark wie Kais vor wenigen Momenten. Sie berührte mit den Fingerspitzen ihre Wange, dort, wo er sie gestreift hatte. Die Stelle brannte immer noch.
Gudbrok plapperte im Hintergrund weiter über Dezimalstellen und Legierungswerte, doch Nami hörte ihn kaum. Sie wusste, dass sie gerade einen Blick in eine Welt geworfen hatte, die Kai mit aller Gewalt verschlossen hielt. Und sie wusste auch, dass die Rückkehr zur Normalität ab morgen fast unmöglich sein würde.
Sie hatte den Kuss fast gespürt. Und sie wusste, dass er es auch hatte.
Die kühle Abendluft schlug Kai wie eine körperliche Zurechtweisung entgegen, als er durch die schweren Glastüren ins Freie stürmte. Er achtete nicht auf die Sicherheitsleute oder die Angestellten, die noch in den Gängen unterwegs waren. Er hörte nur das hämmernde Echo seines eigenen Pulses in seinen Schläfen.
Er riss die Tür seines Wagens auf, warf seine Tasche auf den Beifahrersitz und hielt inne. Er stützte sich mit beiden Händen auf das Autodach, den Kopf tief zwischen den Schultern vergraben. Seine Lungen brannten noch immer von der Anstrengung, aber der Schmerz in seiner Brust hatte eine ganz andere Ursache.
Er raste innerlich. Ein Sturm aus Selbsthass und ungläubigem Entsetzen tobte in ihm. Er, Kai Hiwatari, der Mann, der gelernt hatte, jeden Impuls seines Körpers zu kontrollieren, war kurz davor gewesen, alles zu verspielen. Er hätte sie fast geküsst. In einem Labor. Vor den Augen eines anderen.
Es war, als hätte die physische Erschöpfung eine Sicherung in seinem Gehirn durchbrennen lassen. Er konnte es selbst nicht glauben...die Art, wie er ihre Wange berührt hatte, wie er ihren Namen geflüstert hatte... es war kein Kalkül gewesen, kein Versehen. Es war ein tiefes, primitives Verlangen, das alle Logik außer Kraft gesetzt hatte.
„Was zur Hölle machst du da eigentlich?“, zischte er heiser gegen die Stille des Parkplatzes.
Er konnte da heute nicht mehr rein. Unmöglich. Er konnte ihr jetzt nicht gegenübertreten, nicht die Daten mit ihr besprechen, nicht so tun, als wäre nichts passiert. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, spürte er wieder die Weichheit ihrer Haut an seinen Fingerspitzen und sah ihre geschlossenen Augenlider vor sich. Es war ein Bild, das ihn entwaffnete, und das war ein Zustand, den er zutiefst verabscheute.
Er stieg in den Wagen, startete den Motor und ließ ihn aufheulen, als könnte der Lärm die Gedanken in seinem Kopf übertönen. Er musste weg hier. Er musste Distanz zwischen sich und dieses Gebäude bringen...und zwischen sich und das Mädchen, das es schaffte, seine mühsam errichtete Welt mit einer einzigen Berührung aus den Angeln zu heben.
Er fuhr mit quietschenden Reifen vom Gelände, doch während er durch die Straßenschluchten Tokios raste, wusste er, dass er vor diesem Problem nicht weglaufen konnte. Morgen würde er wieder vor der Schule stehen. Morgen würde er sie wieder sehen.
Und das Schlimmste war nicht, dass er sie fast geküsst hätte. Das Schlimmste war die Wut darüber, dass Gudbrok ihn unterbrochen hatte...
Nami saß noch einen Moment lang völlig starr an ihrem Platz im Labor, während Gudbrok aufgeregt die neuen Datenblätter sortierte. Ihr Herzschlag wollte sich einfach nicht beruhigen. Sie brauchte jemanden, der Kai verstand...jemanden, der wusste, wie man mit diesem komplizierten Mann umging.
Sie holte ihr Handy heraus und suchte in ihren Favoriten nach Mariah. Als Rays Verlobte kannte sie Kai schon seit Jahren und hatte miterlebt, wie er Mauern errichtete und sie manchmal...in ganz seltenen Momenten...ein riss.
„Hey Mariah, hast du zufällig Zeit für einen Tee oder ein schnelles Treffen? Im Labor ist gerade etwas passiert... und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich damit umgehen soll. Es geht um Kai. Ich brauche dringend den Rat von jemandem, der ihn nicht sofort aufgibt, wenn er schwierig wird."
Sie starrte auf das Display und sah, wie die beiden Häkchen blau wurden. Nur Sekunden später erschien der „schreibt...“-Status.
Mariah:
„Oh je, das klingt nach einer Menge Gesprächsbedarf. Komm am besten direkt zu mir! Ray und ich wohnen zurzeit übergangsweise in einer der BBA-Wohnungen im Nordtrakt, bevor wir Ende des Jahres endgültig zurück nach China gehen. Ray ist eh noch bis spät im Hauptquartier beim Training, wir sind also ganz unter uns. Ich stelle schon mal das Wasser für den Tee auf. Bis gleich!“
Nami packte hastig ihre Sachen zusammen. Ein kurzes „Gudbrok, ich bin für heute fertig“ reichte aus, um den völlig in seine Graphen vertieften Ingenieur zu verabschieden.
Die Fahrt zum BBA-Wohnkomplex dauerte nicht lange, doch für Nami fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Ihr Kopf war ein einziges Chaos aus Bildern: Kai, wie er nach Luft ringt; Kai, wie er ihre Wange berührt; und dieser eine, qualvolle Moment, in dem alles möglich schien.
Als sie vor Mariahs Tür stand und kurz tief durchatmete, öffnete sich diese bereits, noch bevor sie klopfen konnte. Mariah stand dort, ein einladendes Lächeln auf den Lippen, das jedoch sofort einem besorgten Ausdruck wich, als sie in Namis Gesicht sah.
„Komm rein, Liebes“, sagte Mariah sanft und zog Nami in die gemütlich, wenn auch etwas provisorisch eingerichtete Wohnung. Der Duft von Jasmintee erfüllte den Raum. „Du siehst aus, als hättest du gerade einen Geist gesehen...oder einen sehr emotionalen Kai Hiwatari.“
Nami ließ sich auf das Sofa sinken und umschloss den warmen Becher, den Mariah ihr reichte. „Ich weiß nicht, was ich tun soll, Mariah. Er war so nah... ich dachte wirklich, er würde mich küssen. Und dann ist er einfach geflüchtet, als wäre das Labor explodiert.“
Mariah setzte sich ihr gegenüber und legte den Kopf schräg. Ein wissendes Blitzen trat in ihre Augen. „Das ist Kai. Wenn er merkt, dass er die Kontrolle über seine eigenen Gefühle verliert, ist Flucht sein einziger Verteidigungsmechanismus. Aber erzähl mir alles von Anfang an...“
Nami erzählte alles. Von der drückenden Hitze im Freibad, dem Moment, als sie seinen Blick in diesem Leo-Print-Monokini gespürt hatte, bis hin zu der hochelektrischen Entladung im Labor vor einer Stunde. Mariah hörte schweigend zu, nippte gelegentlich an ihrem Tee und nickte an den Stellen, die für Kai so typisch waren.
„Er ist wie ein Vulkan unter einer Eisschicht, Nami“, sagte Mariah schließlich und stellte ihre Tasse ab. „Du hast diese Schicht heute zum Schmelzen gebracht, und das macht ihm Todesangst. Er ist es gewohnt, dass er derjenige ist, der die Regeln bestimmt. Aber bei dir... bei dir verliert er den Boden unter den Füßen.“
Nami seufzte und starrte in ihren Tee. „Ich weiß, dass ich jetzt neutral bleiben muss. Wenn ich morgen so tue, als wäre nichts gewesen, gebe ich ihm den Raum, den er braucht, um sich wieder sicher zu fühlen. Ich will ihn nicht in die Enge treiben. Wenn ich ihn jetzt bedränge, rennt er wahrscheinlich zurück nach Tibet.“
Mariah lächelte dünn. „Ein paar Tage Neutralität sind gut, um die Wogen zu glätten. Spiel die Ingenieurin, sei professionell. Aber...“, sie beugte sich verschwörerisch vor, „du kannst das nicht ewig so laufen lassen. Irgendwann wird er die Mauer wieder so hochziehen, dass du nicht mehr drüberkommst.“
Nami sah auf. „Und was schlägst du vor?“
„Bring ihn an einen neutralen, ruhigen Ort“, riet Mariah bestimmt. „Keine Arena, kein Labor, wo sein Pflichtgefühl gegenüber deinem Vater im Weg steht. Such dir einen Ort, an dem er nicht flüchten kann und an dem es keine Ablenkung durch Technik gibt. Und dann...stellst du ihn zur Rede. Er braucht jemanden, der ihn zwingt, die Wahrheit auszusprechen, sonst frisst er sich selbst auf.“
Nami schluckte schwer. Der Gedanke, Kai Hiwatari direkt zu konfrontieren, war beängstigend, aber Mariah hatte recht. „Ein neutraler Ort...“, murmelte sie nachdenklich. „Ich muss mir etwas überlegen, wo er sich sicher genug fühlt, um nicht sofort den Eispanzer anzulegen.:
Der Donnerstagmorgen fühlte sich für Nami an wie der Gang auf einem Drahtseil. Sie hatte kaum geschlafen, und Mariahs Worte hallten immer noch in ihrem Kopf nach: Neutralität ist jetzt dein Schutzschild.
Als die Schulglocke am Nachmittag läutete, atmete sie tief durch, straffte ihre Schultern und trat aus dem Gebäude. Der schwarze Wagen stand bereits dort. Kai lehnte an der Fahrertür, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick starr auf den Horizont gerichtet. Er trug wieder seine Sonnenbrille, was es ihr unmöglich machte, seine Augen zu lesen.
„Hallo, Kai“, sagte sie mit einer Stimme, die so ruhig und kontrolliert klang, dass sie selbst fast stolz darauf war.
„Nami“, erwiderte er knapp. Er öffnete ihr die Tür, ohne sie direkt anzusehen, und wartete, bis sie eingestiegen war.
Die Fahrt zu Tachibey Industries war die wohl förmlichste ihres Lebens. Kai fuhr mit einer fast schon übertriebenen Einhaltung aller Verkehrsregeln, und im Wagen herrschte eine Stille, die so dick war, dass man sie kaum atmen konnte. Es war nicht die geladene Stille von Dienstagabend, sondern eine künstliche, mühsam aufrechterhaltene Professionalität.
„Gudbrok hat heute Vormittag bereits mit der Auswertung der physischen Stressparameter begonnen“, sagte Kai, während er den Blinker setzte. Seine Stimme war absolut neutral, fast schon klinisch. „Er meint, wir sollten die Frequenz der Sensoren im BeyBot noch einmal nachjustieren.“
„Ich stimme zu“, antwortete Nami ebenso sachlich. „Wenn wir die Abtastrate erhöhen, können wir die Reaktionszeit der KI um weitere drei Millisekunden senken. Ich werde mich nachher gleich dransetzen.“
„Gut.“
„Gut.“
Es war absurd. Sie sprachen miteinander wie zwei Fremde bei einem Geschäftstermin, während sie beide genau wussten, dass sie vor weniger als vierundzwanzig Stunden fast ineinander verschmolzen wären. Nami starrte aus dem Fenster und beobachtete, wie die Skyline von Tokio an ihnen vorbeizog. Während sie mechanisch über Sensordaten sprach, arbeitete ihr Kopf im Hintergrund an Mariahs Plan.
~Ein neutraler Ort. Ohne Technik. Ohne Ablenkung~
In ihrem Kopf formte sich eine Idee....