Du
Du
Der Freitag verlief unter einer Decke aus fast schmerzhafter Höflichkeit. Kai agierte im Labor wie eine perfekt geölte Maschine, und Nami hielt die Fassade der distanzierten Ingenieurin mit letzter Kraft aufrecht. Doch während sie Codezeilen prüfte, festigte sich ihr Entschluss.
„Kai?“, sagte sie gegen 16 Uhr, während sie ihre Tasche packte. „Bevor wir heute Schluss machen... ich muss dir etwas zeigen. Es betrifft die Grundkalibrierung der KI, aber ich glaube, wir finden die Antwort nicht hier im System.“
Kai hielt inne. Er sah sie aus seinen kühlen Augen an und brauchte keine drei Sekunden, um den Vorwand zu durchschauen. Die KI funktionierte einwandfrei; das wussten beide.
„Wo dann?“, fragte er dennoch, seine Stimme neutral.
„In der alten Lagerhalle am Nordrand des Areals“, antwortete sie ruhig. „Dort, wo mein Vater damals angefangen hat. Da stehen noch die alten Test-Arenen aus Holz und Stein. Ich glaube, wir müssen zurück zu den Ursprüngen, um zu verstehen, warum die KI in der Endphase so... mechanisch reagiert.“
Ein leises, inneres Seufzen entwich Kai. Er wusste haargenau, was sie vorhatte. Sie wollte ihn von den Kameras, den Mitarbeitern und dem Lärm des Hauptgebäudes wegziehen.
Sie wollte Antworten.
Über sie beide. Über das, was im Labor zwischen ihnen gestanden hatte.
In seinem Kopf wog er die Optionen ab. Er könnte es abblocken. Er könnte sich auf den Dienstplan berufen, einen wichtigen Termin vortäuschen oder sie einfach mit einer eisigen Bemerkung stehen lassen. Er war ein Meister darin, Mauern hochzuziehen. Doch während er Nami betrachtete... die Entschlossenheit in ihren Augen und die feine Spannung in ihrer Haltung... , wurde ihm klar, dass sie nicht lockerlassen würde. Wenn nicht heute, dann morgen. Sie würde Wege finden, ihn zu stellen, und diesem Blick auszuweichen wurde von Tag zu Tag kräftezehrender.
~Besser, wir bringen es hinter uns~, dachte er grimmig. Es war an der Zeit, klare Verhältnisse zu schaffen und ihr diese Unruhe endgültig auszutreiben, ehe sie seine Beherrschung komplett ins Schwanken brachte.
„Das ist ineffizient, Nami. Die Daten sind hier“, sagte er routiniert, um die Fassade noch einen Moment aufrechtzuerhalten.
„Die Daten ja, aber das Gefühl fehlt“, entgegnete sie und wandte sich bereits zum Gehen. „Kommst du mit? Oder ist dir die alte Halle zu staubig?“
Es war eine kleine Herausforderung, ein winziger Köder für seinen Stolz... als ob er Staub oder alte Arenen fürchten würde. Kai schwieg einen kurzen Augenblick, schaltete sein Terminal aus und folgte ihr schweigend. Er wusste, dass er sich gerade direkt in die Konfrontation begab, aber er hatte nicht vor, zu verlieren.
Der Weg über das Firmengelände führte weg von den gläsernen Türmen hin zu einem Bereich, der fast vergessen wirkte. Die alte Halle war ein massiver Bau aus rotem Backstein und schwerem Stahl. Als Nami das verrostete Tor aufschob, wirbelte Staub im Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne auf. Drinnen war es kühl und es roch nach altem Holz, Öl und harter Arbeit.
In der Mitte der Halle stand eine uralte, in den Boden eingelassene Arena aus massivem Stein, deren Ränder von tausenden Kämpfen gezeichnet waren.
„Hier hat alles begonnen“, flüsterte Nami. Ihre Stimme hallte von den hohen Wänden wider. „Hier gab es keine Computer, Kai. Nur den Blader und seinen Geist.“
Kai trat neben sie. Obwohl er auf eine Auseinandersetzung gefasst war, ging die Atmosphäre dieses Ortes nicht spurlos an ihm vorbei. Er sah sich um, und für einen kurzen Moment drohte seine kühle Maske unter den Erinnerungen an vergleichbare Arenen seiner eigenen Kindheit zu bröckeln. Er strich mit der Hand über den rauen, kalten Rand der Steinarena.
„Ein ehrlicher Ort“, murmelte er.
Nami atmete tief durch. Das war der Moment. Kein Gudbrok, keine Kameras, keine Bildschirme. Nur sie beide und das Echo der Vergangenheit.
„Ich habe dich nicht hergebracht, um über die KI zu reden, Kai“, sagte sie und drehte sich zu ihm um. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, aber sie wich seinem Blick nicht aus.
Kai veränderte seine Haltung nicht. Seine Hand verharrte auf dem Stein. Sie überraschte ihn nicht mit dieser Beichte... er hatte genau darauf gewartet. Dennoch spürte er, wie sich sein Kiefer unwillkürlich anspannte, als der Moment der Wahrheit nun tatsächlich da war.
„Nami, wenn das hier wieder über das geht, was im Labor passiert ist...“, begann er mit warnender Untertonstärke, um noch ein letztes Mal eine Grenze zu ziehen.
„Es geht genau darum“, unterbrach sie ihn mutig. Sie trat einen Schritt näher, bis sie fast wieder in seinem Dunstkreis stand...in diesem berauschenden Duft, der ihr den Kopf verdrehte. „Du kannst nicht ewig weglaufen, Kai. Nicht vor mir und erst recht nicht vor dem, was du fühlst. Diese Halle hier hat keine Geheimnisse. Also hör auf, so zu tun, als wäre nichts gewesen.“
Kai drehte den Kopf langsam zu ihr. Die Aura von unterdrückter Energie um ihn herum war fast greifbar. Er wirkte wie ein Raubtier, das in die Enge getrieben wurde...gefährlich, aber auch seltsam verletzlich.
„Du spielst mit dem Feuer“, sagte er leise, und das tiefe Timbre seiner Stimme schickte ihr eine vertraute Gänsehaut über den Rücken.
„Dann lass mich brennen“, antwortete sie unnachgiebig. „Aber sag mir die Wahrheit.“
Nami schluckte schwer. Sie wollte wissen, woran sie war....sie drehte sich um und setzte sich auf eine der angerosteten Stufen einer alten Treppe.
„Du holst mich jeden Tag ab, Kai. Du verbringst jede freie Minute mit mir. Du lässt mich Dinge sehen, die sonst niemand sieht...“, sie atmete tief durch. „Und dann, im nächsten Moment, ziehst du eine Mauer hoch, die so hoch ist, dass ich kaum noch drüber schauen kann. Warum?“
Sie sah, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Er wandte den Blick ab, starrte in die Schatten der alten Halle, als suchte er dort nach einer logischen Erklärung, die nichts mit Gefühlen zu tun hatte.
„Mein Leben war nie darauf ausgelegt, Platz für jemanden zu bieten“, sagte er schließlich, und seine Stimme war so leise, dass sie fast im Staub der Halle unterging. „Ich bin es gewohnt, allein zu kämpfen. Allein zu gewinnen. Nähe ist...ein Risiko.“
Er trat noch einen Schritt näher, bis seine Knie fast ihre berührten. Er beugte sich leicht zu ihr hinunter, und Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Der Duft nach kühler Luft, hüllte sie ein.
„Aber du...“, er machte eine Pause und schien nach den richtigen Worten zu suchen, während seine Hand sich langsam hob, als wollte er ihre Wange berühren, nur um dann doch wieder zur Seite zu sinken. „Du machst es mir verdammt schwer, vernünftig zu bleiben.“
Nami sah ihn fest an, ihre Angst vor einer Abweisung schmolz in der Hitze dieses Augenblicks dahin. „Wer sagt denn, dass du vernünftig sein musst?“
Ein kurzes, fast gequältes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Das ist das Problem mit dir, Nami. Du stellst die richtigen Fragen zur falschen Zeit.“
Er streckte nun doch die Hand aus und strich mit dem Daumen ganz sacht über die Kante der Treppenstufe direkt neben ihrer Hand. Die bloße Nähe seiner Haut ließ Nami innerlich erzittern.
„Glaubst du wirklich“, fragte sie flüsternd, „dass ich dich nur als den berühmten Kai Hiwatari sehe? Den Erben, den Champion? Denkst du, das ist der Grund, warum ich jeden Abend wach liege?“
Kais Blick wurde wieder intensiv, fast fordernd. Er schien ihre Seele zu durchleuchten, suchte nach einem Zeichen von Zweifel, doch er fand nur die unerschütterliche Ehrlichkeit, die Nami ihm seit Wochen entgegenbrachte. Die Mauer, von der sie gerade gesprochen hatte, wackelte merklich. Hier, in der Stille der alten Geburtsstätte ihres Vaters, gab es kein Entkommen mehr vor der Wahrheit, die zwischen ihnen stand.
Nami schluckte schwer. Die Kühle der Metallstufe schien plötzlich durch ihren Stoff zu dringen, während ihr Herzschlag gegen ihren Hals pochte. „Warst du denn... noch nie zuvor verliebt?“, fragte sie leise, fast ein wenig furchtsam vor der Antwort.
Kai fixierte einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand, bevor sein Blick langsam zu ihr zurückkehrte. „Nein“, antwortete er schlicht, ohne zu zögern. „Ich war noch nie verliebt. Und ich hatte auch noch nie eine... ernsthafte Beziehung, falls das deine eigentliche Frage war.“
Stille breitete sich aus, nur unterbrochen vom fernen Summen der Stadt außerhalb dieser Mauern. Nami schwieg, die Worte arbeiteten in ihr. Sie dachte an die Schlagzeilen, die Klatschblätter und die tuschelnden Mädchen in der Schule. Kai schien ihre Gedanken wie ein offenes Buch zu lesen.
„Denkst du an die Gerüchte?“, fragte er mit einem scharfen Unterton. Ein kurzes, trockenes Schnauben entwich ihm. „Der ‚Herzensbrecher‘? Oder war es der ‚Mädchenverschlinger‘? Der ewige Junggeselle?“ Er trat einen Schritt zurück, weg von ihr, als müsste er den Raum zwischen ihnen physisch wiederherstellen. „Es steckt gar nicht so viel Lüge dahinter, Nami.“
Seine Stimme wurde eine Nuance kälter, professioneller....die Maske, die eben noch gewackelt hatte, wurde mit brutaler Effizienz wieder zurechtgerückt.
„Ich habe keine Beziehungen, aber die vielen bedeutungslosen Begegnungen haben bisher völlig ausgereicht, um meine Bedürfnisse zu stillen“, fuhr er fort. Er sprach über Intimität, als wäre es eine technische Kalibrierung eines Beyblades...ungerührt und zweckorientiert. Nami spürte genau, was er hier tat: Er rammte einen Pfahl zwischen sie beide. Er wollte ihr zeigen, dass es zwecklos war, nach mehr zu suchen.
„Ich tue jedes Mal alles dafür, dass die Mädchen, die sich für eine Nacht auf mich einlassen, sich nicht in mich verlieben“, sagte er und sah ihr dabei direkt in die Augen, als wollte er prüfen, ob seine Warnung ankam. Seine Miene war nun wieder so stoisch wie an seinem ersten Tag in der Firma. „Ich bin kein Mann für Zärtlichkeiten, Nami. Ich bin kein Mann für das, was du dir vielleicht vorstellst.“
Die Worte hingen wie eine eisige Barriere im Raum. Nami bemerkte, wie er sich regelrecht dazu zwang, diese Härte auszustrahlen. Es war sein Schutzmechanismus...er versuchte nicht nur sie zu schützen, sondern vor allem sich selbst vor einer Nähe, die er nicht kontrollieren konnte. Doch trotz seiner unterkühlten Worte brannte die Luft zwischen ihnen in der alten Halle weiter. Er stand da, groß und unnahbar, und doch war es genau diese bewusste Abkehr, die Nami verriet, wie viel Macht sie eigentlich bereits über seine Beherrschung hatte.
Sie sah ihn lange an, spürte den Schmerz über seine Worte, aber auch den Trotz in ihrem Inneren. „Du versuchst mich zu verscheuchen, Kai“, sagte sie mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte. „Du erzählst mir das alles, damit ich Angst bekomme und weggehe. Aber warum stehst du dann jeden Tag vor meiner Schule? Warum kamst du mir so oft...so nah? Warum bist du dann ausgerechnet jetzt mit mir hier drin, wo uns niemand sieht?“
Die Luft in der alten Halle schien förmlich zu vibrieren. Kai hielt inne, die Arme immer noch verschränkt, doch seine Augen verrieten ihn. Er starrte Nami an, und zum ersten Mal wirkte er nicht überlegen, sondern entwaffnet. Er kannte die Antwort auf ihre Frage selbst nicht....und man sah ihm an, wie sehr ihn dieser Kontrollverlust störte. Dass er keine logische Erklärung für sein eigenes Verhalten fand, war für jemanden wie ihn ein absoluter Systemfehler.
Nami seufzte leise. Sie hielt seine Verwirrung nicht mehr aus. Sie stand auf, die Stufen der alten Treppe protestierten leise unter ihrem Gewicht, und ging langsam auf ihn zu. Kai wich nicht zurück. Er blieb wie festgewurzelt stehen, während sie den Abstand verringerte, bis sie ihm fest in die Augen sehen konnte.
„Ich frage dich noch einmal“, begann sie mit fester Stimme, obwohl ihr Inneres bebte. „Wieso bist du hier? Wieso hast du die letzten zwei Wochen all diese Dinge getan, die deinen Worten von gerade eben so massiv widersprechen?“
Kai schluckte. Seine Maske war nicht mehr existent. „Ich... ich mag dich“, presste er hervor. Er schien mit jedem Wort zu ringen. „Ich respektiere dich und... deshalb reiße ich mich seit Wochen zusammen, obwohl...“ Er stockte, seine Stimme wurde tiefer, rauer. „...obwohl ich dich so sehr will.“
Kais Augen weiteten sich sofort. Es war, als hätte sein Unterbewusstsein eine Wahrheit ausgesprochen, die sein Verstand noch unter Verschluss halten wollte. Namis Herz begann gegen ihre Rippen zu rasen, ein wilder, unkontrollierter Rhythmus. Kai bemerkte ihre Reaktion sofort. Der süße, schwere Duft nach Vanille und Lilien, der sie umgab, stieg ihm in die Nase und vernebelte den Rest seiner Vernunft. Seine mühsam aufrechterhaltene Beherrschung stand kurz vor der kompletten Explosion.
Mit einer fließenden, fast raubtierhaften Bewegung packte er Nami am Arm, drehte sie herum und drückte sie mit einem dumpfen Aufprall direkt gegen die kalte, alte Stahlwand hinter sich.
Ein unterdrücktes Keuchen entwich ihren Lippen. Kai stand so nah vor ihr, dass sie die Hitze seines Körpers spüren konnte. Sein Atem ging schwer und unregelmäßig, sein Gesicht war nur noch Millimeter von ihrem entfernt. Nami schloss die Augen, bereit für alles, was kommen mochte, doch plötzlich spürte sie, wie der Druck nachließ. Kai zwang sich mit aller Macht, von ihr abzulassen. Er trat zwei, drei Schritte zurück und drehte ihr hastig den Rücken zu.
Nami zitterte am ganzen Körper. Das Adrenalin rauschte durch ihre Venen, doch es war keine Angst. Es war Sehnsucht. Sie fühlte sich in diesem Moment seltsam entblößt und zurückgewiesen, weil er sich weggedreht hatte. Überfordert von der Situation und mit Tränen, die in ihren Augenwinkeln glitzerten, wollte sie nur noch weg. Sie versuchte, hastig an ihm vorbeizulaufen, den Blick zu Boden gesenkt.
Kai bemerkte ihre Tränen und ihren gehetzten Ausdruck. Ein instinktiver Impuls ließ ihn nach ihr greifen, er wollte ihr hinterher, wollte sie halten, ohne auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
„Nami, pass auf!“, rief er plötzlich.
Doch es war zu spät. In ihrer Eile hatte Nami ein verbogenes Dachteil übersehen, das auf dem Boden lag. Sie stolperte. Kai reagierte blitzschnell und packte ihre Hand in dem Moment, als sie das Gleichgewicht verlor, doch sein eigenes Momentum riss ihn mit.
Mit einem lauten WUMMS schlugen beide auf dem harten Boden auf.
Als Nami benommen die Augen öffnete, sah sie Kai direkt über sich. Er kniete über ihr, seine Arme links und rechts neben ihrem Kopf fest gegen den Boden gestemmt. Der Atem beider ging stoßweise. Ehe Nami auch nur reagieren oder etwas sagen konnte, senkte Kai den Kopf.
Er küsste sie.
Zuerst war der Kuss benebelnd und voller Leidenschaft. Es war eine Entladung von all dem, was sich in den letzten Wochen zwischen ihnen angestaut hatte. Eine Welle aus purem Empfinden schoss durch Namis Körper, als Kai den Kuss vertiefte und sie spürte, wie sehr er sie in diesem Moment wirklich wollte.