Tränen
Tränen
Doch so plötzlich, wie es begonnen hatte, endete es auch. Die Realität schien Kai wie ein Eimer eiskaltes Wasser zu treffen. Er riss den Kopf hoch, sein Blick war leicht panisch, fast schon erschrocken über sein eigenes Handeln. Ohne ein Wort zu sagen, stand er hastig auf und ließ Nami allein im Staub der alten Halle zurück.
Nami blieb für einen Moment reglos auf dem staubigen Boden liegen, das Herz hämmerte so wild gegen ihren Brustkorb, dass sie es in den Ohren dröhnen hörte. Ihre Lippen brannten noch immer von der Intensität seines Kusses...ein Kuss, der so viel mehr gewesen war als nur ein kurzes Aufbegehren. Er war fordernd gewesen, fast schon verzweifelt, und hatte eine Leidenschaft offenbart, die Kai so mühsam hinter seiner kühlen Maske zu verbergen versucht hatte.
Kai stand einige Meter von ihr entfernt, den Rücken zu ihr gedreht. Seine Schultern hoben und senkten sich stoßweise, während er versuchte, seinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Die Panik in seinem Blick, die Nami nur für einen Sekundenbruchteil gesehen hatte, bevor er aufgesprungen war, fühlte sich an wie ein eisiger Schauer nach der Hitze des Augenblicks.
„Kai...“, ihre Stimme war kaum mehr als ein flüsterndes Krächzen. Sie setzte sich langsam auf, die Knie noch immer zittrig vom Adrenalin.
Er reagierte nicht sofort. Seine Hände waren zu Fäuste geballt, die Knöchel so fest angespannt.
„Das hätte nicht passieren dürfen“, sagte er schließlich. Seine Stimme war wieder hart, doch diesmal klang sie rau und brüchig, als müsste er jedes Wort mühsam gegen seinen eigenen Widerstand abtrotzen. Er drehte sich nicht um.
„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht der Mann bin, den du suchst. Ich verliere die Kontrolle, Nami. Und das kann ich mir nicht leisten.“
Ihre Augen ließen ihn nicht los. „Du hast keine Kontrolle verloren, Kai. Du hast endlich mal etwas zugelassen“, entgegnete sie leise, während sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte, die dort noch von ihrem Stolperer und dem emotionalen Chaos hing.
„Du verstehst gar nichts!“, zischte er und wirbelte zu ihr herum. Seine Augen glühten regelrecht, und das gewohnte, stoische Gesicht war einer Maske aus innerem Aufruhr gewichen. In seinen Zügen lag eine Rastlosigkeit, die Nami noch nie an ihm gesehen hatte.
„Wenn ich mich darauf einlasse... wenn ich dich so will, wie gerade eben, dann kenne ich kein Zurück mehr. Kein 'vielleicht' und kein 'langsam'. Ich kenne nur alles oder nichts.“
Er trat einen schnellen Schritt auf sie zu, blieb dann jedoch so abrupt stehen, als hätte er eine unsichtbare, glühende Grenze erreicht. Seine Brust hob und senkte sich schwer.
„Ich weiß nicht, wie man zärtlich ist, Nami“, stieß er heraus. Die Worte klangen fast wie ein Geständnis, das er selbst verabscheute. Er sah an ihr vorbei, unfähig, ihren Blick zu ertragen.
„Ich bin nicht der Mann, den du brauchst. Ich kenne nur Kampf, Härte und Kontrolle. Wenn ich diese Beherrschung verliere, bleibt nichts übrig, was dich beschützen könnte... vor allem nicht vor mir selbst.“
Die Stille, die nun folgte, war zentnerschwer. Es war nicht mehr nur die Hitze des verwehten Kusses, sondern die drückende Erkenntnis, dass Kai vor seinen eigenen Gefühlen für sie zurückwich wie vor einer Drohung.
Er wandte sich ab, die Schultern starr, und zog die kühle Rüstung wieder über, Stück für Stück, während er den ersten Schritt in Richtung Ausgang machte.
Nami versuchte, sich mühsam vom Boden hochzustemmen, doch kaum hatte sie ihren linken Fuß belastet, schoss ein stechender Schmerz durch ihr Gelenk. Ein unterdrücktes Aufstöhnen entwich ihr und sie knickte sofort wieder ein. Ihr Knöchel fühlte sich heiß an und pulsierte im Takt ihres immer noch rasenden Herzens.
Kai, der bereits den ersten Schritt in Richtung Ausgang gemacht hatte, erstarrte.
Sein Körper war darauf programmiert, diese Halle so schnell wie möglich zu verlassen, bevor seine Beherrschung erneut Risse bekam, doch das Geräusch ihres schmerzhaften Einknickens hielt ihn fest wie ein unsichtbares Seil.
Er kämpfte einen Moment mit sich selbst, den Blick starr auf die rostige Tür gerichtet. Er wollte gehen, er musste gehen, um den Rest seiner Kühle zu retten. Doch als er über die Schulter sah und Nami dort am Boden kauernd vorfand, wie sie vergeblich versuchte, ihren Fuß zu entlasten, zerbrach sein Entschluss.
Mit einem genervten, aber von Sorge durchsetzten Ausatmen kehrte er um. Seine Schritte waren nun nicht mehr flüchtig, sondern zielgerichtet. Er beugte sich zu ihr hinunter... seine Bewegungen waren von einer ungewohnten, fast schon vorsichtigen Behutsamkeit geprägt, als befürchtete er, sie bei der kleinsten Unachtsamkeit zu zerbrechen.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schob er eine Hand behutsam, aber bestimmt unter ihre Kniekehlen und die andere fest an ihren Rücken. Als er sie mit müheloser Kraft hoch in seine Arme zog, spannten sich seine Muskeln an.
Nami hielt unwillkürlich die Luft an. Die plötzliche Nähe, der Duft seiner Haut und die feste Geborgenheit seiner Arme ließen ihren Schmerz für einen Moment in den Hintergrund treten. Sie wagte es kaum, ihn anzusehen, während ihr Kopf gefährlich nah an seiner Schulter ruhte.
Kai vermied es strikt, ihren Blick zu suchen. Er fixierte starr den Weg vor sich, doch seine Arme hielten sie fester umschlungen, als es für einen reinen Transport nötig gewesen wäre.
„Ich bringe dich zum Betriebsarzt“, sagte er kurz angebunden, seine Stimme klang wieder kontrollierter, fast schon geschäftsmäßig. Seine Finger krallten sich ein klein wenig fester in den Stoff ihrer Kleidung, als er es eigentlich beabsichtigt hatte, während er sie sicher nach draußen trug... weg von der Geburtsstätte der Firma, aber hinein in eine Ungewissheit, die keiner von beiden mehr ignorieren konnte.
Kai trug sie mit ausgreifenden, sicheren Schritten über das weitläufige Firmengelände. Der Kontrast zwischen der rauen, verlassenen Lagerhalle und den gläsernen, hochmodernen Fassaden des Hauptsitzes hätte nicht größer sein können. Als sie die glänzende Lobby betraten, hielt die Geschäftigkeit der Angestellten für einen Moment inne. Köpfe wandten sich um, leises Getuschel setzte ein, und die Überraschung in den Gesichtern der Mitarbeiter war förmlich greifbar. Es war ein Bild, das niemand bei Tachibey Industries je erwartet hätte: Der unnahbare Kai Hiwatari, wie er die Tochter des Chefs auf den Armen trug.
Nami blendete die Außenwelt weitgehend aus. Trotz des pochenden Schmerzes in ihrem Knöchel fühlte sie sich in seinen Armen auf eine Weise geborgen, die sie sich selbst kaum eingestehen wollte. Doch Kai spürte ihren Herzschlag gegen seine Brust fluten... und mit jedem Schritt zurück in die Zivilisation wuchs die Panik in ihm. Die Mauer, die in der Halle so gefährlich gebröckelt war, schob sich Stein für Stein wieder vor sein Herz.
„Vergiss das, was in der Halle passiert ist“, sagte er schließlich, ohne den Blick von dem Gang vor ihnen abzuwenden. Seine Stimme war leise, aber so schneidend und endgültig wie eine Klinge. „Der Kuss war ein Fehler. So etwas wird sich niemals wiederholen.“
Die Worte trafen Nami unvorbereitet und versetzten ihrem Herzen einen heftigen Stich, der weitaus schlimmer brannte als die Verletzung an ihrem Fuß. Sie sah, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten, wie er den Blick starr nach vorne gerichtet hielt, als zwinge er sich selbst dazu, diese Worte überhaupt auszusprechen.
Sie wollte etwas erwidern, wollte ihn fragen, wie er etwas so Intensives einfach als Fehler abtun konnte, doch die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie schwieg, während sie vor der Tür des Betriebsarztes, Dr. Aoki, stehen blieben.
Kai stieß die Tür auf und trat ein. Der Raum roch nach Desinfektionsmittel und kühler Sterilität. Dr. Aoki, ein älterer Mann mit schütterem grauem Haar und einer tiefen Falte zwischen den Brauen, sah von seinen Unterlagen auf. Seine Augen weiteten sich hinter den Brillengläsern, als er erkannte, wen Kai da hereintrug.
„Miss Tachiba? Was ist geschehen?“, fragte der Arzt sichtlich verblüfft und erhob sich hastig von seinem Schreibtisch.
Kai antwortete nicht. Er steuerte direkt auf eine der gepolsterten Untersuchungsliegen zu und setzte Nami mit einer Sanftheit ab, die in krassem Widerspruch zu seinen harten Worten von gerade eben stand. Er achtete peinlich genau darauf, ihren verletzten Fuß nicht zu erschüttern.
Doch im selben Augenblick, in dem ihre Haut seine nicht mehr berührte, wich er schlagartig mehrere Schritte zurück. Es war, als hätte er sich an ihr verbrannt. Er legte wieder diese enorme Distanz zwischen sie, die Nami in den letzten Wochen so oft verzweifeln ließ, und verschränkte die Arme vor der Brust, während er die stoische Maske des „Eisprinzen“ wieder perfekt justierte.
Nami wollte gerade ansetzen, um den Vorfall zu erklären, doch Kai kam ihr mit seiner kühlen, präzisen Art zuvor. Ohne eine Miene zu verziehen, berichtete er Dr. Aoki, dass Nami in der alten Lagerhalle gestürzt sei. Der Arzt nickte bedächtig, schob seine Brille zurecht und begann vorsichtig, Namis Knöchel abzutasten.
„Es ist nur eine leichte Verstauchung, Miss Tachiba“, stellte Dr. Aoki schließlich fest, während er einen kühlenden Verband vorbereitete. „In zwei Tagen sollte das Schlimmste überstanden sein. Sie müssen den Fuß nur etwas hochlegen.“
Kai, der während der Untersuchung wie eine Statue an der Wand gelehnt hatte, mied Namis Blick konsequent. Sein Gesicht war wieder vollkommen ausdruckslos, als hätte er eben nicht noch ihre Lippen auf seinen gespürt.
„Ist es für Sie in Ordnung, Mr. Tachiba zu informieren?“, fragte Kai den Arzt mit beiläufiger Stimme. „Ich habe noch Verpflichtungen und keine Zeit mehr.“
Bevor Nami auch nur ein Wort des Protests oder eine Frage hervorbringen konnte, stieß er sich von der Wand ab. Mit langen, entschlossenen Schritten verließ er das Zimmer. Das leise Klicken der zufallenden Tür hallte in der sterilen Stille des Behandlungsraums nach wie ein endgültiger Schlussstrich.
Der alte Arzt blickte der geschlossenen Tür kurz verwundert hinterher und schüttelte dann leicht den Kopf. „Mh, okay, wenn er meint. Ein beschäftigter junger Mann ... Dann ruf ich mal eben in der Chefetage an und gebe deinem Vater Bescheid.“
Mit einem aufmunternden Lächeln in Namis Richtung stand Dr. Aoki auf und verschwand im Nebenzimmer, um das Telefonat zu führen.
In dem Moment, als sie allein war, brach der Damm. Nami konnte die Tränen, die sie mühsam zurückgehalten hatte, nicht mehr kontrollieren. Schluchzend vergrub sie das Gesicht in ihren Händen. Alles an dieser Situation überforderte sie maßlos. In ihrem Kopf lief der Kuss in der Halle in einer Dauerschleife ab... die Hitze, seine Intensität, die Art, wie er sie gehalten hatte. Es war so real gewesen, so voller Bedeutung.
Wie gerne wäre sie jetzt bei ihm geblieben, hätte mit ihm über das gesprochen, was zwischen ihnen stand. Es fühlte sich an, als hätte er ihr das Herz erst weit geöffnet, nur um es im nächsten Augenblick mit einer einzigen Bemerkung wieder zu zerschmettern.
Das leise, verzweifelte Schluchzen von Nami füllte den kleinen Behandlungsraum und ließ die sterile Luft beinahe erzittern. Als Dr. Aoki aus dem Nebenzimmer zurückkehrte und das Elend der jungen Frau sah, war er sichtlich überfordert.
„A-aber, aber, Miss Tachiba! Haben Sie etwa Schmerzen? Ihr Vater ist gleich zur Stelle. B-bitte warten Sie einen kleinen Moment. Er wird gleich da sein ...“, stammelte er und suchte hektisch nach etwas, das Trost spenden konnte. Er tätschelte Namis Knie mit der unbeholfenen Güte eines Großvaters und eilte davon, nur um Sekunden später mit einer Box voller Taschentücher wieder aufzutauchen.
„Hier, nehmen Sie.“ Er hielt ihr die Box hin und sah sie aus mitleidigen Augen an. Ein kurzes Zögern glitt über sein Gesicht. „Ich nehme an, Sie weinen nicht wegen Ihrem Fuß? Aber ... es geht mich ja nichts an, verzeihen Sie.“ Ein feines, verständnisvolles Lächeln kräuselte seine Lippen, während er sich diskret zurückzog. „Ruhen Sie sich aus ... Gute Besserung.“ Mit einem letzten Blick voller Mitgefühl verschwand er wieder im Nebenzimmer und schloss die Tür, um ihr die nötige Privatsphäre zu lassen.
Nami starrte auf die weißen Taschentücher in ihren Händen. Die Minuten dehnten sich wie Stunden aus. In ihrem Kopf hallten Kais Worte wider:
~Ein Fehler. Wird sich niemals wiederholen~
Jedes Mal, wenn sie versuchte, den Gedanken zu vertreiben, brannte das Gefühl seiner Lippen auf ihren nur noch stärker nach.
Warum fühlte sich dieser „Fehler“ für sie dann wie der einzige Moment an, in dem sie ihn wirklich gesehen hatte? Und wieso musste ihr Vater informiert werden? In diesem Augenblick fühlte sie sich nicht wie die Erbin eines Imperiums, sondern wie ein kleines Mädchen, dessen Welt gerade in Scherben lag.
Plötzlich sprang die schwere Tür auf.
„Nami! Alles in Ordnung? Mir wurde gesagt, dass du hier bist und ...“ Mr. Tashiba stürmte herein, die Sorge tief in sein Gesicht gegraben, doch er brach mitten im Satz ab. Der Anblick seiner Tochter...mit geröteten Augen, zitternden Schultern und völlig aufgelöst...ließ ihn wie versteinert stehen bleiben.
„Mein Engel, was ... was ist passiert?“ Seine Stimme war augenblicklich weich und voller väterlicher Angst.
Er hatte kaum die Arme ausgestreckt, als Nami bereits von der Liege rutschte und sich ungeachtet ihres schmerzenden Fußes schluchzend gegen seine Brust warf. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, als wollte sie sich vor der ganzen Welt und vor allem vor der Erinnerung an Kais eiskalten Abschied verstecken.
„Ach, Papa ... lass uns bitte nach Hause gehen ...“, brachte sie zwischen zwei Schluchzern hervor. Ihre Stimme klang so zerbrechlich, dass es Mr. Tashiba fast das Herz zerriss.
„Natürlich, mein Schatz. Ganz ruhig“, flüsterte er und strich ihr sanft über das silbrig weiße Haar, während er sie fest hielt. Er stellte keine Fragen, forderte keine Erklärungen für den verstauchten Fuß oder die Tränen. Doch während er sie stützte und langsam zum Ausgang führte, arbeitete es hinter seiner Stirn. Er wusste genau, dass Kai Hiwatari derjenige war, der sie in die Krankenstation gebracht hatte. Er hatte gesehen, wie die beiden in den letzten Wochen miteinander umgegangen waren...das Knistern, das selbst für Außenstehende kaum zu übersehen war. Ein dunkler Schatten der Vorahnung legte sich über seine Züge; er ahnte, dass dieser Schmerz in Namis Augen einen Namen hatte, den er nur zu gut kannte.
Die Sonne Japans brannte bereits erbarmungslos durch die dünnen Vorhänge, als Nami die Augen aufschlug. Es war ein Morgen, an dem die Welt eigentlich hell und einladend wirken sollte, doch für sie fühlte sich die Helligkeit fast wie ein Vorwurf an. Die Nacht war ein einziger Kampf gegen die Erinnerungen gewesen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, spürte sie wieder den harten Beton unter sich, Kais Arme neben ihrem Kopf und diese eine, alles verzehrende Sekunde, in der seine Lippen ihre berührt hatten.
Sie starrte an die hohe Decke ihres Zimmers. Eine einzelne Träne löste sich und bahnte sich ihren Weg über ihre Schläfe, bis sie im Kissen versickerte. Es war Anfang September, die Hitze staute sich im Zimmer, doch Nami fühlte sich seltsam fröstelnd. Heute war Samstag – kein offizieller Dienst, kein erzwungenes Training. Sie könnte einfach hierbleiben, sich verkriechen. Aber der Gedanke an die Firma, an die Chance, Kai dort vielleicht doch zu sehen, ließ ihr Herz unruhig flattern. ~Will ich das wirklich?~, fragte sie sich. Will ich sehen, wie er wieder die Maske aufsetzt und so tut, als wäre ich eine Fremde?
Mühsam richtete sie sich auf. Zu ihrer Überraschung gab ihr Fuß kaum noch nach. Der stechende Schmerz vom Vortag war einem dumpfen Ziehen gewichen; sie konnte sogar ohne zu hinken durch den Raum gehen. Ein kurzes, mattes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. ~Wenigstens etwas, das funktioniert.~
Sie griff nach ihrem Smartphone, doch das Display blieb stumm. Keine Nachricht. Keine Entschuldigung. Nichts. In einem Anflug von Selbstgeißelung öffnete sie WhatsApp. Da stand es, direkt unter seinem Namen: *Online*. Ihr Daumen schwebte über der Tastatur. ~Was soll ich ihm überhaupt schreiben? „Danke für den Kuss und den anschließenden Korb?“~ Frustriert warf sie das Handy zurück auf das zerwühlte Bett und ließ sich selbst gleich wieder danebenfallen. Die Decke über ihr schien sie fast zu erdrücken, während in ihrem Körper dieses unerträgliche Kribbeln nachhallte.
Ein abruptes Klopfen ließ sie hochfahren.
„Ja ... ja, wer ist da?“, rief sie hastig, während sie versuchte, ihre Stimme fest klingen zu lassen.
Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, und Kenji schaute herein. „Darf man reinkommen?“
„Ach, du bist’s nur ...“, murmelte Nami und ließ sich wieder in die Kissen sinken.
Kenji grinste breit und lehnte sich lässig gegen einen der massiven Holzstützbalken ihres Zimmers. „Wie wäre es mal mit: Guten Morgen, lieber Kenji. Komm doch rein, ich seh dich immer gern?“
„Was willst du?“, entgegnete Nami mürrisch. Sie liebte ihren Zwillingsbruder, aber seine chronisch gute Laune war heute schwer zu ertragen.
„Dad meinte, ich solle mal mit dir reden ...“ Kenji sah sie nun etwas ernster an. „Kann es sein, dass du zurzeit irgendwelche Probleme mit Kai hast?“
Stille breitete sich aus. Nami starrte wieder an die Decke. Sie beneidete ihn in diesem Moment. Er und Momoko waren seit über zwei Jahren unzertrennlich, eine perfekte Einheit. Bei ihnen wirkte Liebe so einfach, so logisch.
„Keine Ahnung. Habe ich Probleme mit Kai? Kann ich nicht sagen. Ich weiß überhaupt nichts ...“, wich sie aus.
„Weißt du ... ich weiß einiges über ihn. Du musst mich nur fragen“, sagte Kenji geheimnisvoll.
Nami setzte sich nun doch auf, die Skepsis deutlich in ihr Gesicht geschrieben. „Wieso solltest du so viel über ihn wissen? So dick seid ihr doch nicht. Soll ich ihn jetzt etwa googeln? Ist das dein großer Tipp?“
Kenji rieb sich das Kinn, ein wissendes Funkeln in den Augen. „Naja, ich habe viel Kontakt zu Ray und Tala. Und die beiden hatten ein paar ... interessante Infos.“
Namis Neugier siegte über ihren Stolz. „Na dann ... sag schon.“
„Wusstest du, dass Kai sich mit achtzehn Jahren hat sterilisieren lassen?“
Nami blinzelte. Das Wort brauchte einen Moment, um durch den Nebel ihrer schlechten Laune zu dringen. „Was hat er ...?“
„Vasektomie“, ergänzte Kenji trocken. „Anscheinend gab es da mal ein Mädchen, das ziemlich besessen von ihm war und versucht hat, ihm ein Kind anzudrehen. Seitdem hat er wohl einen kompletten Riegel davor geschoben.“
Nami war wie vor den Kopf gestoßen. Sie kannte das Wort... ihr Vater hatte den Eingriff vor Jahren auch vornehmen lassen. Aber Kai? Mit achtzehn? Es war, als würde sich ein weiteres Puzzleteil dieses komplizierten Mannes an seinen Platz fügen. Er schien nicht nur Mauern um sein Herz zu haben, sondern um seine gesamte Existenz.
„Und ... wieso erzählst du mir das jetzt?“, fragte sie leise.
„Weil ich weiß, dass du später mal eine große Familie willst, Nami. Ich will nur, dass du verstehst: Kai ist vielleicht nicht der Richtige für diesen Traum.“
Nami runzelte die Stirn, die Verwirrung wich langsam einer tiefen Skepsis. „Woher zum Teufel weißt du so etwas überhaupt, Kenji? Ich meine ... ja, ihr kennt euch seit Jahren, aber das ist eine verdammt intime Sache! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Kai so etwas in der Gegend herumzählt oder dass er es gut fände, wenn jeder davon weiß.“
Kenji seufzte leise und zog die Schultern hoch. „Du hast ja recht. Und glaub mir, ich habe auch nicht danach gefragt. Ich weiß es selbst erst seit Kurzem.“ Er machte eine kurze Pause und sah sie ernst an. „Ray hat es mir erzählt.“
„Ray?“, wiederholte Nami überrascht.
„Er hat mitbekommen, wie viel Zeit du und Kai in den letzten Wochen miteinander verbracht habt“, erklärte Kenji ruhig. „Ray... sein Ehren- und Pflichtgefühl ist manchmal fast schon anstrengend. Er saß total in der Zwickmühle. Einerseits ist er Kais Freund und respektiert seine Privatsphäre, aber andererseits sieht er dich. Er wollte nicht, dass du dich in etwas verrennst und am Ende mit einem gebrochenen Herzen dastehst, weil ihr völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Leben habt. Er hielt es für seine Pflicht, mir diesen Hinweis zu geben.“
Nami schluckte. Die Wut, die eben noch in ihr hochgekocht war, verflog ein Stück weit und wich einer schweren Nachdenklichkeit.
„Eine Vasektomie kann man rückgängig machen!“, platzte es schließlich aus ihr heraus, bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte.
Kenji lachte kurz auf, aber es klang eher mitleidig. „Glaubst du ernsthaft, er macht das für dich? Kai würde eher sterben, als ein Kind in diese Welt zu setzen. Er will keine Verantwortung für ein anderes Leben.“
Wut stieg in Nami auf. Sie sprang vom Bett auf, ignorierte das leichte Ziehen im Fuß. „Ich bin achtzehn! Er ist fast zwanzig! Wieso reden wir hier über Familienplanung? Das ist doch völlig absurd!“
Kenji seufzte. „Weil man sich in der Liebe verliert, Nami. Und zehn Jahre später wachst du auf und merkst, dass du für jemanden Dinge aufgegeben hast, die dir eigentlich heilig waren. Niemand sollte sich verbiegen müssen.“ Er sah ihren traurigen Blick und seine Stimme wurde weicher. „Du bist echt verknallt, oder? Hat er dir eine Abfuhr erteilt?“
Nami schniefte und wischte sich über die Augen. „Erst dachte ich das. Aber dann ... dann hat er mich geküsst. Einfach so.“
„Hä? Und deshalb weinst du?“
„Weil er danach sofort wieder die Mauer hochgezogen hat, Kenji! Er ist verschwunden, er meldet sich nicht, er tut so, als wäre nichts gewesen.“
Kenji schüttelte den Kopf, in seinem Inneren brodelte es plötzlich. Als Bruder wollte er Kai am liebsten sofort die Meinung geigen. Er legte Nami eine Hand auf die Schulter. „Komm erst mal mit runter. Mum und der Rest warten mit dem Frühstück. Vergrab dich nicht hier.“
Der restliche Samstag war ein einziger Versuch der Ablenkung. Nami traf sich mit Momoko. Sie schlenderten durch die überfüllten Einkaufsstraßen Tokios, leckten schmelzendes Eis und probierten Kleider an, die Nami eigentlich gar nicht brauchte. Momoko war das komplette Gegenteil von Kenji; sie redete Nami gut zu, bestärkte sie darin, nicht aufzugeben. „Kai ist wie eine Festung, Nami. Du hast die erste Mauer eingerissen, jetzt darfst du nicht kurz vor dem Ziel umdrehen!“
Doch die folgenden Tage machten es ihr schwer, diesen Optimismus zu bewahren...