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Vermeidung

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Vermeidung

Der Montagmorgen fühlte sich an wie ein Film, der in Zeitlupe und ohne Ton ablief. Nami hatte sich mechanisch fertig gemacht, die silberweißen Haare gebürstet, bis sie perfekt über ihren Rücken fielen, und die Schuluniform glattgestrichen. Doch als sie in den Spiegel sah, wirkten ihre Ozeanaugen stumpf.

In der Schule war es nicht besser. Die Stimmen ihrer Mitschüler in der Pause klangen wie fernes Rauschen. Nami saß in der letzten Stunde am Fenster des Klassenzimmers und starrte hinaus auf den leeren Schulhof. Die Sonne spiegelte sich auf dem Asphalt, genau dort, wo Kais schwarzer Wagen sonst immer gewartet hatte.

~Wird er kommen?~, hämmerte es in ihrem Kopf, obwohl ihr Verstand die Antwort bereits kannte.

Die Uhr über der Tafel tickte unerbittlich. Noch fünf Minuten. Nami merkte, wie sich ihre Finger in den Stoff ihres Rocks krallten. Ein Teil von ihr, der kleine, naive Teil, hoffte immer noch auf ein Wunder. Vielleicht würde er dort stehen, mit verschränkten Armen und diesem kühlen Blick, der nur für sie einen Funken Weichheit bereithielt. Vielleicht würde er sagen, dass der Freitag nur ein böser Traum war.

Momoko, die schräg vor ihr saß, drehte sich immer wieder besorgt um. Sie beobachtete Nami aus dem Augenwinkel, hielt aber die Lippen fest geschlossen. Sie wusste, dass Nami heute keine Kraft für aufmunternde Worte oder Analysen hatte. Die Stille zwischen den Freundinnen war schwer, aber voller Mitgefühl. Momoko sah den Schmerz, der in jeder Faser von Namis Haltung steckte...diese Mischung aus brennender Sehnsucht und der Angst vor der endgültigen Bestätigung seiner Abfuhr.

Das Schrillen der Schulglocke durchschnitt die Stille wie eine scharfe Klinge. Stühle rückten, Taschen wurden hastig gepackt, Gelächter erfüllte den Raum. Nami bewegte sich nicht. Sie atmete tief durch, schloss für einen Moment die Augen und sammelte ihre verbliebene Würde.

„Komm“, sagte Momoko leise und trat an ihren Tisch. Sie legte Nami keine Hand auf die Schulter, als wüsste sie, dass Nami bei der kleinsten Berührung zerbrechen könnte.

Nami nickte stumm, schulterte ihre Tasche und folgte ihrer Freundin durch die belebten Flure. Jeder Schritt in Richtung Schultor fühlte sich schwerer an als der letzte. Als sie schließlich aus dem Gebäude traten und die warme Septembersonne sie traf, suchten Namis Augen instinktiv die Straße ab.

Nichts.

Kein schwarzer Wagen. Kein Kai. Nur die üblichen Gruppen von Schülern, die lautstark ihre Nachmittagspläne besprachen. Die Stelle an der Mauer, an der Kai am Anfang gelehnt hatte, wirkte fast schon schmerzhaft leer. Es war, als hätte man ihn dort einfach aus der Realität herausgeschnitten.

Nami spürte, wie ihr Herz sich schmerzhaft zusammenzog. Die Gewissheit war nun da, schwarz auf weiß, in Form einer leeren Parklücke.

„Er ist nicht da“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu Momoko. Ihre Stimme klang flach, fast schon künstlich ruhig.

„Nami...“, begann Momoko mitleidig, doch Nami schüttelte nur den Kopf.

„Es ist okay. Ich wusste es.“ Aber es war nicht okay. Es war der Moment, in dem der letzte Funke der Hoffnung vom Freitag im Wind verwehte. Kai hatte nicht nur „Fehler“ gesagt; er meinte es ernst. Er hatte die Verbindung gekappt.

„Ich gehe heute direkt in die Firma“, sagte Nami plötzlich, die Zähne zusammenbeißend. „Ich muss arbeiten. Ich darf nicht stehen bleiben.“

Sie wollte nicht nach Hause, nicht wieder in ihr Zimmer, wo die Stille sie erdrücken würde. Wenn Kai flüchtete, dann würde sie wenigstens versuchen, ihm auf seinem eigenen Territorium zu begegnen...im Labor, zwischen Codezeilen und Kalibrierungsdaten. Doch tief in ihrem Inneren ahnte sie bereits, dass er auch dort Vorkehrungen getroffen hatte, um ihr niemals wieder so nah kommen zu müssen wie in jener staubigen Lagerhalle.

Nami hatte den gesamten Weg zur Firma versucht, sich einzureden, dass Kai dort sein würde. Dass die professionelle Ebene...die Arbeit am Projekt...eine Brücke bauen könnte, die er im privaten Umfeld der Schule gerade eingerissen hatte.

Doch als sie den sterilen, gläsernen Eingangsbereich der Firma betrat, fühlte sich die Luft kälter an als sonst. Sie steuerte direkt auf das Entwicklungslabor zu, das Herzstück ihrer gemeinsamen Arbeit der letzten Woche. Ihr Herz schlug schneller, eine Mischung aus Nervosität und dem verzweifelten Verlangen, sein Gesicht zu sehen, egal wie distanziert er auch sein mochte.

„Nami! Da bist du ja“, rief ihr einer der Junior-Entwickler entgegen, als sie den Vorraum des Labors betrat. Er hielt ein Klemmbrett in der Hand und wirkte gehetzt. „Gudbrok hat schon nach dem neuen Protokoll gefragt.“

Nami nickte abwesend und sah sich im Labor um. Die Station, an der Kai normalerweise saß, war verwaist. Die Monitore waren schwarz, kein Terminal war eingeloggt. „Wo ist Kai?“, fragte sie, und sie hasste es, wie brüchig ihre Stimme klang. „Wir müssen die Nachjustierungen am Beybot besprechen.“

Der Entwickler sah kurz von seinen Unterlagen auf. „Mr. Hiwatari? Der war heute Morgen schon da. Er hat die Feinabstimmung der Bewegungssensoren bereits abgeschlossen...anscheinend war er schon vor Sonnenaufgang hier. Er hat eine Nachricht hinterlassen, dass für heute alles erledigt ist.“

Nami erstarrte. „Heute Morgen? Er hat doch eigentlich...“ Sie schluckte die Worte hinunter. Er hatte Vormittags frei. Sein Kampfprofil war fertig digitalisiert. Die einzige Arbeit, die noch anstand, war die Feinjustierung, die sie eigentlich...gemeinsam...machen wollten.

„Oh, und er hat mich gebeten, dir das hier auszurichten“, fügte der junge Mann hinzu, fast schon entschuldigend. „Er lässt sich für das Training heute Nachmittag entschuldigen. Er meinte, er habe dringende Termine in der BBA, die sich nicht verschieben ließen. Du sollst das Training heute allein durchführen oder mit den Beybot-Testdaten arbeiten.“

Die Worte trafen Nami wie ein physischer Schlag in die Magengrube.

Es war eine Lüge. Eine perfekt inszenierte, professionell verpackte Lüge. Kai war nicht bei Terminen...er war auf der Flucht. Er hatte seinen gesamten Zeitplan umgeworfen, nur um sicherzugehen, dass sich ihre Wege nicht kreuzten. Er hatte die Stunden, in denen er normalerweise frei hatte, genutzt, um die Arbeit zu erledigen, die sie eigentlich zusammengeführt hätte.

„Verstehe“, presste Nami hervor. Sie spürte, wie die Hitze der Enttäuschung in kalte Wut umschlug. „Danke für die Information.“

Sie drehte sich um und ging zu ihrem eigenen Platz. Die Kolleginnen und Kollegen um sie herum arbeiteten weiter, tippten, diskutierten, lachten...aber für Nami war die Stille in diesem Raum ohrenbetäubend. Sie starrte auf ihren Monitor, doch die Zahlen verschwammen vor ihren Augen.

Er entzog ihr alles. Er nahm ihr nicht nur den Mann, der sie geküsst hatte, sondern auch den Mentor und den Partner im Labor und beim Training. Er löschte sich systematisch aus ihrem Leben, als wäre er nur ein Fehler im System, den man bereinigen musste.

~Er will keine Verantwortung~, hallten Kenjis Worte in ihrem Kopf wider. ~Er will nicht, dass man ihm nahekommt~

Nami ballte die Fäuste unter dem Tisch. Wenn Kai glaubte, dass er sie durch Schweigen und Ausweichen mürbe machen konnte, dann kannte er sie schlecht. Doch heute, an diesem grauen Montag, überwog noch der Schmerz. Er war der Champion, der unnahbare Kai Hiwatari...und sie war plötzlich wieder nur die Tochter des Chefs, die im Behandlungszimmer allein gelassen worden war.

Sie öffnete die Testdaten des Beybots, doch sie konnte sich nicht konzentrieren. Das Echo seines Kusses brannte noch immer auf ihren Lippen, während das leise Klicken der Labortür ihr sagte, dass sie heute wieder einmal vergeblich gewartet hatte.

Der Dienstag fühlte sich noch schwerer an als der Montag. Nami ging wie im Trance durch die Korridore der Schule, die Tasche fest an die Seite gepresst. Jedes Mal, wenn sie an den großen Fenstern zum Schulhof vorbeikam, vermied sie den Blick nach draußen.

In der großen Pause, als sie gerade ihre Bücher für die nächste Stunde aus dem Spind holte, bemerkte sie, dass jemand in ihrem Schatten stehen blieb. Sie rechnete mit Momoko, doch als sie aufsah, blickte sie in ein Gesicht, das sie nur flüchtig aus der Jahrgangsstufe über ihr kannte.

Es war Sota. Er war groß, hatte ein gewinnendes Lächeln und gehörte zu den Schülern, denen die Mädchen normalerweise in Trauben hinterherliefen. Er war Kapitän des Kendo-Clubs und galt als einer der attraktivsten Jungen der Schule.

„Nami? Hast du kurz Zeit?“, fragte er. Seine Stimme war angenehm tief, doch Nami bemerkte ein ungewohntes Zögern in seinem Blick. Er wirkte fast ein wenig nervös, während er sich mit einer Hand durch das dunkle Haar fuhr.

Nami blinzelte überrascht.

„Sota? Ja, sicher. Was gibt’s?“

Sota lehnte sich mit einer Schulter gegen die Spinde, doch die lässige Geste wirkte etwas angestrengt. Er sah kurz den Flur hinunter, bevor er seinen Blick wieder auf sie fixierte. „Mir ist... naja, nicht nur mir, sondern eigentlich vielen... aufgefallen, dass dieser Hiwatari dich gestern gar nicht abgeholt hat. Und dein Blick spricht Bände...naja...“ Er machte eine kurze Pause und sah sie forschend an. „Ist bei euch alles in Ordnung? Ich meine...läuft es nicht mehr so gut zwischen euch beiden?“

Nami spürte, wie ein vertrauter Stich durch ihre Brust ging, gefolgt von einer Welle der Gereiztheit. War sie wirklich erneut zum Schulgespräch geworden, nur weil Kai sich wie ein Geist verhielt?

Sie atmete tief durch und schloss ihren Spind mit einem etwas zu lauten Knall. „Sota“, begann sie und sah ihn direkt an, „ich sage es jetzt zum hundertsten Mal, damit es auch der letzte in dieser Schule versteht: Kai Hiwatari und ich sind kein Paar. Er war mein Trainer und ein Geschäftspartner meiner Familie. Mehr nicht.“ Sie legte den Kopf schräg.

„War das deine Frage?“

Sota schien von ihrer direkten Art kurz überrumpelt, doch dann trat er einen Schritt näher. Die Nervosität in seinen Augen wich einer gewissen Entschlossenheit. „Eigentlich nicht ganz. Weißt du...ich interessiere mich schon ziemlich lange für dich, Nami. Aber ehrlich gesagt, ich dachte immer, du hättest sicher schon längst einen Freund...oder eben, dass zwischen dir und Hiwatari etwas Ernstes läuft. Er hat dich ja bewacht wie sein Eigentum.“

Er wollte gerade weitersprechen, seine Hand hob sich fast so, als wollte er ihre Aufmerksamkeit noch deutlicher einfordern, doch Nami hob abwehrend die Hand.

„Sota, stopp“, unterbrach sie ihn sanft, aber bestimmt. Sie spürte keinen Funken der Aufregung, die ein Mädchen normalerweise fühlen sollte, wenn ein Junge wie Sota Interesse zeigte. In ihrem Kopf war nur Platz für kühle Luft, den Geruch von altem Stein und die Erinnerung an raue Lippen.

„Ich fühle mich wirklich geschmeichelt, das meine ich ernst“, fuhr sie fort, und ihre Stimme wurde weicher, aber auch unmissverständlich. „Du bist ein toller Typ, aber ich habe gerade absolut keinen Kopf für so etwas. Mein Leben ist im Moment...kompliziert.“ Sie sah ihn traurig an. „Bitte mach dir keine Hoffnungen, was mich angeht. Es wäre nicht fair dir gegenüber, dich im Glauben zu lassen, dass da etwas sein könnte.“

Sota starrte sie einen Moment lang sprachlos an. Er war es sichtlich nicht gewohnt, so direkt abgewiesen zu werden, noch bevor er richtig zum Punkt gekommen war. Er schluckte, nickte dann aber langsam.

„Verstehe“, murmelte er und versuchte, sein stolzes Lächeln wiederzufinden, auch wenn es diesmal nicht ganz seine Augen erreichte. „Kompliziert also. Naja...falls es mal weniger kompliziert wird, weißt du ja, wo du mich findest.“

Er verabschiedete sich mit einem kurzen Gruß und verschwand in der Menge der Schüler. Nami blieb allein am Spind zurück. Sie fühlte sich seltsam leer. Sota war charmant, bodenständig und unkompliziert...genau das, was Kenji für sie wollte. Eine einfache, normale Liebe.

Doch während sie ihren Weg zum Klassenzimmer fortsetzte, wusste sie, dass ihr Herz bereits seit Jahren an eine Festung aus Eis verloren gegangen war. Und egal, wie viele normale Jungs an ihre Tür klopften...solange Kai Hiwatari die Schlüssel zu ihrer Seele versteckt hielt, gab es für niemanden sonst einen Platz.

Der Mittwoch bot Nami eine unerwartete Chance. Durch den Ausfall einer Doppelstunde am Ende des Schultages stand sie bereits um kurz nach eins vor den Toren von Tachibey Industries. Ein kleiner, hartnäckiger Funke Hoffnung glimmte in ihr auf. ~Er weiß nicht, dass ich früher komme~ dachte sie, während sie hastig durch den Flur schritt. ~Er denkt, er hat noch Zeit, bevor er vor mir flüchten muss~

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Doch als sie das Labor erreichte, war sein Platz leer. Die Stille dort wirkte fast höhnisch.

Enttäuscht und mit hängenden Schultern machte sie sich auf den Weg zur Cafeteria, um sich einen Tee zu holen, als sie im Gang einer der Mechanikerinnen aus der Montage begegnete. Die Frau, in einen dunkelblauen Overall gekleidet, sah Nami mit einem seltsam mitleidigen, aber auch verwirrten Ausdruck an.

„Suchen Sie Mr. Hiwatari, Miss Tachiba?“, fragte sie und hielt in ihrer Bewegung inne.

Nami nickte hastig. „Ja, ist er...heute gar nicht da?“

Die Mechanikerin schüttelte den Kopf und deutete mit dem Daumen über ihre Schulter in Richtung der Verbindungshalle. „Doch, er war bis vor einer Minute in der Montagehalle nebenan. Aber kaum hat er Sie durch das Glassegment im Gang gesehen, ist er förmlich fluchtartig aufgebrochen. Ich habe ihn noch nie so eilig gesehen... er ist fast durch den Hinterausgang gerannt.“

Nami erstarrte. ~Fluchtartig?~ Das Wort hallte in ihrem Kopf wider wie ein unpassender Ton in einer Sinfonie. Kai Hiwatari flüchtete nicht. Er kämpfte, er dominierte, er stand seinen Mann. Dass er vor ihr...vor einem achtzehnjährigen Mädchen...die Flucht ergriff, war so absurd, dass es fast wehtat.

„In der Montagehalle?“, fragte Nami leise.

„Ja, direkt dort hinten bei den Testständen.“

Nami wartete die Antwort kaum ab. Sie stürmte in die benachbarte Halle. Der Raum war riesig, erfüllt vom Geruch nach Metall und Schmieröl, doch die Arbeiter waren gerade in der Mittagspause. Es war still. Sie suchte die Teststände ab, den Blick suchend hin und her werfend.

Und dann sah sie sie.

Über der Lehne eines Metallstuhls direkt am Teststand für die Launcher hing eine dunkle Jacke. Kai hatte sie in seiner Eile, ungesehen zu verschwinden, einfach hängen gelassen. Er, der Perfektionist, der niemals etwas dem Zufall überließ, hatte seine eigene Kleidung vergessen, nur um einer Begegnung mit ihr zu entgehen.

Nami trat langsam an den Stuhl heran. Ihre Hand zitterte leicht, als sie die Finger nach dem dunklen Stoff ausstreckte. Sie hob die Jacke hoch und hielt sie fest umschlungen. In demselben Moment stieg ihr sein Duft in die Nase, der sie bereits am Freitag in der Lagerhalle so völlig berauscht hatte.

Sie schloss die Augen und drückte das Gesicht in den Kragen der Jacke. Es war, als würde er direkt vor ihr stehen. Die Wärme des Stoffes schien noch einen Rest seiner Körperhitze gespeichert zu haben.

~Er ist wirklich geflüchtet~, begriff sie nun endgültig.

Es war keine Arroganz mehr. Es war kein bloßes „Desinteresse“, wie er es beim Arzt dargestellt hatte. Wer so flieht, hat keine Kontrolle mehr. Kai hatte Angst vor dem, was passierte, wenn er sie sah. Er hatte Angst vor der Anziehung, die er am Freitag einen Moment lang zugelassen hatte.

Doch anstatt Wut zu verspüren, sackte Nami innerlich zusammen. Die Erkenntnis, dass er buchstäblich vor ihr davonlief, fühlte sich nicht wie ein Sieg an, sondern wie eine noch tiefere Form der Einsamkeit. Der vertraute Duft, der von der Jacke ausging, linderte ihr Heimweh nach ihm nicht...er verstärkte es nur. Es war eine grausame Erinnerung daran, wie nah sie ihm am Freitag gewesen war und wie unerreichbar er jetzt schien.

Sie legte die Jacke behutsam zurück über den Stuhl. Mit bleiernen Schritten verließ sie die Montagehalle. Sie konnte heute nicht hierbleiben. Sie konnte nicht so tun, als würde sie Codezeilen optimieren, während sie wusste, dass Kai irgendwo in diesem Gebäude oder in der Stadt vor ihr Deckung suchte.

Sie zog ihr Smartphone hervor und wählte die Nummer der Chefetage.

„Büro von Mr. Tachiba“, meldete sich die Sekretärin, doch Nami unterbrach sie leise. „Ich bin’s. Kann ich kurz mit meinem Vater sprechen?“

Nur Sekunden später erklang die sonore, ruhige Stimme ihres Vaters. „Nami? Was gibt es, mein Engel?“

„Papa...“, sie machte eine kurze Pause und kämpfte gegen den Kloß in ihrem Hals an. „Ist es okay, wenn ich heute Mittag frei mache? Ich... ich glaube, ich bin heute nicht besonders produktiv.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment Stille. Hiro Tachiba wusste natürlich längst, was los war. Er hatte die Berichte über Kais veränderte Arbeitszeiten gesehen und er hatte seine Tochter am Freitagabend in den Armen gehalten. Er hörte den Schmerz in ihrer Stimme, den sie so mühsam zu verbergen suchte.

„Natürlich“, antwortete er sanft, ohne eine einzige Rückfrage zu stellen. „Fahr nach Hause oder unternimm etwas Schönes. Ruh dich aus, Nami.“

„Danke, Papa.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, wählte sie sofort Momokos Nummer. Sie brauchte jemanden, der sie aus diesem Gedankenkarussell riss, bevor sie völlig darin versank.

„Momoko? Hast du Zeit?“, fragte Nami, sobald ihre Freundin abhob. „Ich brauche Ablenkung. Können wir in das neue Einkaufszentrum nach Shibuya? Ich muss hier raus. Einfach nur...weg von hier.“

Momoko zögerte keine Sekunde. „Ich bin in zwanzig Minuten am Bahnhof. Wir kaufen den Laden leer, Nami.“

Der Nachmittag war ein bunter Strudel aus Lichtern, Musik und Menschenmassen. Nami ließ sich von Momoko durch die Etagen treiben. Sie probierten Lippenstifte aus, begutachteten die neueste Herbstmode und Momoko redete ununterbrochen, um die Stille zu füllen, die Nami sonst mit Gedanken an Kai gefüllt hätte.

Doch trotz der glitzernden Schaufenster und des Lachens ihrer Freundin fühlte Nami sich wie hinter einer Glasscheibe. Jedes Mal, wenn ein junger Mann mit dunklen Haaren an ihnen vorbeiging, zuckte sie zusammen.

Momoko hielt Nami fest am Arm und manövrierte sie zielsicher durch die Gänge eines riesigen Kaufhauses. „Schau dir das an, Nami! Das Azurblau würde perfekt zu deinen Augen passen“, rief sie und hielt ein Seidenkleid hoch, ohne auf die trübe Miene ihrer Freundin zu achten.

Nami strich mechanisch über den Stoff. „Es ist schön, Momoko. Wirklich.“

Momoko hielt inne und hängte das Kleid zurück. Sie seufzte tief und drehte Nami zu sich um, die Hände auf deren Schultern legend. „Okay, Schluss mit der Fassade. Wir reden jetzt...“

Sie suchten sich ein kleines, verstecktes Café in einer der oberen Etagen, das einen atemberaubenden Blick über die Skyline bot. Vor ihnen dampften zwei Matcha Lattes, doch die Atmosphäre war ernst.

„Kenji hat mir erzählt, was er dir am Samstag gesagt hat“, begann Momoko leise. „Über Kais... Entscheidung.“

Nami wirbelte ihren Löffel im Schaum herum. „Er denkt, es ist das Ende. Er denkt, Kai ist ein hoffnungsloser Fall, weil er sich gegen eine Zukunft mit Kindern entschieden hat, noch bevor er überhaupt richtig erwachsen war.“ Sie sah Momoko mit feuchten Augen an. „Aber das ist es nicht mal, was mich am meisten schmerzt. Es ist die Tatsache, dass er mich erst küsst, als gäbe es kein Morgen mehr, und mich dann wie eine lästige Pflichtlektüre beim Arzt abgibt...und mir aus dem Weg geht als wäre ich...das Schlimmste was ihm passieren konnte.“

Momoko lehnte sich über den Tisch und ergriff Namis Hand. „Nami, hör mir zu. Kai Hiwatari ist keine normale Festung. Er ist ein Labyrinth, in dem er sich selbst eingesperrt hat. Kenji sieht nur die Fakten...die Vasektomie, die Kälte, die Arroganz. Aber ich habe gesehen, wie Kai dich ansieht, wenn er glaubt, dass niemand zusieht.“

„Wie sieht er mich denn an?“, fragte Nami brüchig.

„Als wärst du das einzige Licht in einem verdammt dunklen Raum“, antwortete Momoko bestimmt. „Dass er dich weggestoßen hat, nachdem er dich geküsst hat, beweist nur eines: Er hat panische Angst. Nicht vor dir, sondern vor dem, was du mit ihm machst. Ein Mann, dem du egal bist, würde dich nicht meiden. Er würde dich ignorieren. Aber Kai flieht. Er kommt Vormittags in die Firma, um dir nicht zu begegnen. Das ist kein Desinteresse, Nami. Das ist eine Belagerung seines eigenen Herzens.“

Nami schluckte schwer. „Und was soll ich tun? Ich kann ihn doch nicht zwingen, mich zu lieben.“

Momoko grinste plötzlich, ein kämpferisches Funkeln in den Augen. „Wer redet von zwingen? Du hast den ersten Stein aus der Mauer gebrochen, Nami. Er blutet emotional, deshalb verkriecht er sich. Kenji sagt, du sollst dich nicht verbiegen. Ich sage: Du sollst du selbst bleiben. Wenn du ihn willst, dann hol ihn dir. Lass nicht zu, dass seine Angst gewinnt.“

Nami zwang sich ein Lächeln auf. Momokos Worte waren schön und gut...aber sie wusste nicht wirklich wie sie ihm gegenüber treten sollte.

Sie verließen das Café und schlenderten noch eine Weile durch die Straßen, während die Dämmerung Tokio in ein tiefes Violett tauchte. Momoko schaffte es, Nami zumindest ein paar Mal zum Lachen zu bringen, indem sie peinliche Geschichten über Kenji erzählte.

Doch als Nami später am Abend wieder allein in ihrem Zimmer saß, kehrte die Stille zurück.