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Seelenband

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Seelenband

Brooklyn rührte sich nicht. Der Finger, mit dem er eben noch anklagend auf Kai gezeigt hatte, sank langsam, fast in Zeitlupe, nach unten. Das entsetzte Gesicht glättete sich plötzlich, doch anstatt normal zu wirken, legte sich eine unheimliche, leblose Maske der Ruhe über seine Züge. Er starrte Kai nicht mehr wütend an...er sah durch ihn hindurch.

„Verpissen?“, wiederholte Brooklyn das Wort leise, fast flüsternd. Ein kurzes, schrilles Lachen entwich seiner Kehle, das so gar nicht zu der sterilen Umgebung des Flurs passte. „Du denkst immer noch in so kleinen, gewöhnlichen Bahnen, Kai.“

Er neigte den Kopf zur Seite, wobei seine Augen einen seltsam leeren, fiebrigen Glanz annahmen. Er wirkte nicht mehr wie der arrogante Schönling im weißen Anzug, sondern wie ein Kind, dem man gerade erklärt hatte, dass der Himmel in Wahrheit grün sei.

„Du glaubst, du hättest sie mir 'weggenommen'“, fuhr Brooklyn fort, während er anfing, langsam im Kreis zu gehen, ohne Nami dabei aus den Augen zu lassen. „Aber die Natur macht keine Fehler. Die Dinge ordnen sich immer so an, wie sie sein müssen. Wenn Nami die Perfektion ist... und ich die Perfektion bin...“ Er hielt inne und strich sich mit einer fahrigen Bewegung durch sein oranges Haar. „Dann ist das hier nur ein kleiner Fehler im System. Ein kleiner, unbedeutender Sturm vor der ewigen Stille.“

Nami spürte, wie ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Das war nicht der Brooklyn, der sie vorhin bedrängt hatte. Das war der Brooklyn, der damals fast die Welt aus den Angeln gehoben hätte... der Junge, der den Bezug zur Realität verloren hatte.

Kai spürte Namis Zittern und drückte sie noch fester an sich. Seine Augen verengten sich. Er kannte diesen Blick bei Brooklyn. Es war das Zeichen, dass sein Verstand anfing, sich in dunkle Sphären zu verabschieden.

„Hör auf mit dem Psycho-Quatsch, Brooklyn“, knurrte Kai, seine Stimme war eine einzige Warnung. „Es gibt kein 'System' und keine 'Perfektion'. Es gibt nur Nami und mich. Und es gibt dich, der jetzt verschwindet.“

Brooklyn blieb stehen. Er sah Nami an, und für einen Moment blitzte eine tiefe, fast schmerzliche Traurigkeit in seinem Blick auf, bevor sie wieder von dieser unheimlichen Leere abgelöst wurde.

„Verschwinden...“, murmelte er und sah auf seine Handflächen, als würde er dort eine geheime Botschaft lesen. „Vielleicht. Aber der Wind dreht sich immer wieder, Kai. Und wenn er sich dreht, bringt er alles zurück zu seinem Ursprung.“

Er tat so, als wäre Kai gar nicht mehr anwesend. Er fixierte Nami noch einmal mit einem Blick, der so intensiv war, dass sie den Drang verspürte, wegzusehen.

„Genieße deine kleine Illusion, Nami“, sagte er mit einer Sanftheit, die weitaus bedrohlicher war als jeder Schrei. „Wir sehen uns wieder. Nicht heute... vielleicht nicht morgen. Aber die Perfektion lässt sich nicht ewig verleugnen.“

Ohne ein weiteres Wort, ohne Kai eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um. Seine Schritte waren leicht, fast schwebend, als er den Flur hinunterging. Er hinterließ eine Atmosphäre, die sich anfühlte wie die Ruhe vor einem verheerenden Wirbelsturm.

Nami atmete erst wieder aus, als die Fahrstuhltüren am Ende des Ganges hinter ihm zugefallen waren. Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden, und sie war dankbar für Kais starken Arm, der sie stützte.

Noch während Nami die kühle Luft des Flurs einsaugte, um ihren Herzschlag zu beruhigen, hallten schwere, rhythmische Schritte hinter ihnen auf dem Marmorboden wider.

„Kai? Nami? Wo ist er?“

Die beiden wirbelten herum. Hiro Tashiba, Namis Vater und der Kopf von Tachibey Industries, kam mit besorgter Miene auf sie zu. Er hielt ein Tablet in der Hand, auf dem noch die flackernden Aufzeichnungen der Sicherheitskameras zu sehen waren.

„Ich habe ihn auf den Monitoren im Sicherheitsraum erkannt“, erklärte Hiro, ohne die üblichen Begrüßungsformeln zu verschwenden. „Eigentlich dürfte er gar nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis im Gebäude sein. Die Dame am Haupttor hat ihn einfach durchgewunken – anscheinend fand sie den jungen Mann in Weiß so 'hinreißend' und höflich, dass sie sämtliche Protokolle vergessen hat.“ Er schüttelte verärgert den Kopf. „Ich werde ein ernstes Wort mit ihr reden müssen. Wo ist Brooklyn Masefield jetzt?“

„Er ist weg, Hiro“, antwortete Kai. Seine Stimme war wieder völlig ruhig, doch sein Arm lag immer noch fest und beschützend um Namis Taille. Er machte keine Anstalten, sie loszulassen, selbst vor den Augen ihres Vaters nicht. „Er hat den Aufzug genommen. Ich bezweifle, dass er heute noch einmal Ärger macht.“

Hiro musterte die beiden kurz. Sein Blick blieb einen Moment an Kais Arm um Namis Mitte hängen, und ein kurzes, fast unmerkliches Blitzen trat in seine Augen...eine Mischung aus Anerkennung und väterlicher Wachsamkeit. Er nickte jedoch nur knapp. „Gut. Ich werde dafür sorgen, dass er auf die schwarze Liste gesetzt wird. Hier drin hat er nichts zu suchen.“

Als Hiro sich wieder seinem Tablet zuwandte und ein Telefonat mit dem Sicherheitsdienst führte, um die Sicherheitslücke offiziell zu schließen, sah Nami zu Kai auf. Ihr Gesicht war immer noch blass.

„Kai... was war das gerade?“, flüsterte sie, während sie sich enger an ihn lehnte. „Es war, als hätte er zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten. Erst dieser schleimige, arrogante Typ und dann... dieses leere, unheimliche Wesen.“ Sie schluckte schwer. „Ich erinnere mich jetzt wieder an seine Kämpfe im Fernsehen von vor ein paar Jahren. Da war er am Ende ganz ähnlich. Als würde er in einer Welt leben, zu der niemand sonst Zugang hat.“

Kai sah in die Richtung, in der Brooklyn verschwunden war. Sein Kiefer mahlte kurz. „Brooklyn ist kein normaler Gegner, Nami. Er hat ein Talent, das ihn fast zerstört hat. Er sieht die Welt nicht als einen Ort mit Menschen, sondern als ein Spielfeld seiner eigenen Einbildung. Wenn die Realität nicht so funktioniert, wie er es will, bricht etwas in ihm.“

Er senkte den Kopf ein Stück zu ihr herab. „Er ist instabil. Aber solange ich hier bin, wird er keinen Schritt mehr in deine Nähe machen. Das verspreche ich dir.“

Nami nickte langsam. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch, die eben noch vor Angst geflattert hatten, beruhigten sich allmählich wieder. In Kais Nähe fühlte sich die Welt, trotz des Auftauchens eines Brooklyns, wieder ein Stück weit sicherer an.

Hiro Tashiba strich über das Display seines Tablets, seine Miene war konzentriert und professionell, doch als er wieder auf die beiden zuging, lag ein forschender Ausdruck in seinen Augen. Er bemerkte sehr wohl, dass Kai Nami noch immer nicht losgelassen hatte, doch er kommentierte es nicht. Stattdessen bewahrte er die Haltung eines Mannes, der die volle Kontrolle über sein Imperium hatte.

„Ich werde jetzt persönlich in den Sicherheitsraum gehen und überprüfen, wo Brooklyn abgeblieben ist“, sagte Hiro mit fester Stimme. „Ich will die Bestätigung sehen, dass er das Firmengelände verlassen hat. Wir können es uns nicht leisten, ein unberechenbares Element wie ihn in den Gängen herumschleichen zu haben.“

Er hielt inne und sah Kai direkt an. Sein Blick war nun weniger der eines besorgten Vaters, sondern der eines Mentors und Auftraggebers.

„Kai, wir haben heute keine Zeit zu verlieren. Der Vorfall mit dem Server hat uns genug Zeit gekostet“, begann Hiro und wies mit einer knappen Geste auf die schwere Tür von Halle 2. „Geht rein. Ich möchte, dass du sofort damit anfängst, Nami das Seelenband beizubringen. Es wird Zeit, dass sie lernt, wie man das Bit-Beast temporär direkt an die eigene Seele bindet.“

Hiro steckte das Tablet unter den Arm und sah auf seine Uhr. „Ich erwarte euch beide in exakt zwanzig Minuten in meinem Büro. Wir müssen über die Strategie für die nächste Woche sprechen...und über das, was Brooklyn hier wollte.“

Nami runzelte die Stirn und sah zwischen ihrem Vater und Kai hin und her. „Seelenband?“, wiederholte sie das Wort leise. Es klang mystisch, fast schon einschüchternd, und definitiv nach etwas, das weit über das normale Training hinausging. „Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet. Ist das eine neue Art von Synchronisation?“

Hiro hielt in der Bewegung inne und sah seine Tochter kurz an, ein geheimnisvolles Glitzern in den Augen. „Kai wird es dir erklären. Es ist die höchste Form der Verbundenheit zwischen einem Blader und seinem Bit-Beast. Ohne diese Technik wirst du das volle Potenzial deines Partners niemals ausschöpfen können...“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte er sich um und verschwand im Gang, um Brooklyn auf den Sicherheitsmonitoren zu verfolgen.

Nami stand nun allein mit Kai vor der massiven Tür von Halle 2. Die Stille des Flurs schien nach dem Abgang ihres Vaters schwerer geworden zu sein.

„Kai?“, fragte sie und suchte seinen Blick. „Was genau ist das Seelenband? Warum klingt es so... endgültig?“

Kai sah sie an, und für einen Moment war die Härte, die er gegenüber Brooklyn gezeigt hatte, völlig verschwunden. Er legte die Hand auf die schwere Klinke der Stahltür, drückte sie jedoch noch nicht hinunter.

„Es ist keine einfache Technik, Nami“, erklärte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Normalerweise bleibt dein Bit-Beast in deinem Beyblade. Du gibst ihm Befehle, und es führt sie aus. Aber beim Seelenband öffnest du dein Bewusstsein. Du erlaubst der Essenz des Bit-Beasts, aus dem Blade direkt in deinen Geist und deinen Körper überzugehen. Ihr werdet eins. Du fühlst seine Kraft, als wäre es deine eigene...aber du fühlst auch seinen Schmerz und seinen Zorn. Diese Verbindung kann außerdem den Diebstahl deines Bit Beasts verhindern...was für das kommende Halbfinale wichtig ist.“

Er fixierte sie mit seinen granatroten Augen. „Es ist gefährlich, weil die Grenze zwischen dir und dem Wesen verschwimmt. Wenn deine Willenskraft nicht stark genug ist, übernimmt das Bit-Beast die Kontrolle. Aber...“ Er machte eine kurze Pause und ein seltenes, ehrliches Vertrauen schwang in seinen Worten mit. „Ich werde nicht zulassen, dass dir das passiert. Ich zeige dir, wie du die Leine hältst.“

Nami schluckte schwer. Die Vorstellung, dass ihr Bit-Beast direkt mit ihrer Seele verbunden sein würde, löste eine Mischung aus Ehrfurcht und Neugier in ihr aus. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug...diesmal nicht vor Angst, sondern vor der Aussicht auf diese neue, unglaubliche Nähe.

„Okay“, sagte sie entschlossen und legte ihre Hand über seine auf der Türklinke. „Zeig es mir.“

Kai nickte knapp, drückte die Klinke herab und die schwere Tür schwang auf. Das gleißende Licht der Trainingshalle flutete den Flur und vor ihnen erstreckte sich die riesige Arena, die nun darauf wartete, Zeuge dieser neuen Stufe ihrer Verbindung zu werden. Die zwanzig Minuten bis zum Gespräch im Büro ihres Vaters tickten bereits.

Das schwere Metall der Tür fiel mit einem satten Knall ins Schloss und ließ das geschäftige Treiben der Firma schlagartig verstummen. In der riesigen, kühlen Halle 2 hingen der Geruch von Ozon und die Stille der Konzentration in der Luft. Kai ließ Namis Hand noch immer nicht los, während er sie zielstrebig in Richtung der zentralen Kampfarena führte.

„Wir haben nicht viel Zeit, also hör mir gut zu“, begann er mit seiner tiefen, autoritären Stimme. Er blieb stehen und wandte sich ihr voll zu. „Das Seelenband ist keine Technik, die man mit dem Kopf steuert. Es geht darum, die Barriere zwischen deinem Bewusstsein und der Essenz deines Bit-Beasts einzureißen. Du musst...“

Er brach mitten im Satz ab.

In der weiten, hallenden Stille der Arena ertönte plötzlich ein Geräusch, das so gar nicht zu der ernsten Atmosphäre passen wollte. Es war ein langes, tiefes und unüberhörbares Knurren, das direkt aus Namis Magengegend kam.

Nami erstarrte. Das Geräusch war so energisch, dass es fast wie das ferne Grollen eines Bit-Beasts klang – nur eben viel profaner. Sie spürte, wie ihr schwindelig wurde, und die künstliche Beleuchtung der Halle schien für einen Moment unangenehm zu flackern.

„Oh nein...“, murmelte sie und presste beide Hände auf ihren Bauch, während ihr Gesicht augenblicklich in einem tiefen Rot erstrahlte.

Kai zog eine Augenbraue hoch und sah sie schweigend an. „War das dein Bit-Beast oder dein Magen?“

„Mein Magen“, gestand Nami kleinlaut und suchte Halt an seinem Arm, da ihre Knie sich plötzlich anfühlten wie Wackelpudding. „Mir ist gerade schlagartig flau geworden. Ich habe heute... noch gar nichts gegessen. Außer dem Tee vorhin.“

Kai stieß ein tiefes, genervtes Seufzen aus, doch sein Griff um ihren Arm wurde fester und stützender. Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war bereits kurz nach dreizehn Uhr Mittag – und wenn er ehrlich zu sich selbst war, spürte auch er die Leere in seinem Inneren, nachdem der Vormittag so ereignisreich gewesen war.

„Vergiss es“, entschied er trocken. „So können wir überhaupt nicht arbeiten. Das Seelenband verlangt deinem Körper alles ab. Wenn du versuchst, dich mit der Energie deines Bit-Beasts zu verbinden, während dein Blutzucker im Keller ist, klappst du mir nach zwei Sekunden weg.“

Nami wollte gerade einwenden, dass ihr Vater sie in weniger als zwanzig Minuten erwartete, doch ein weiteres, forderndes Knurren ihres Magens schnitt ihr das Wort ab.

„Aber mein Vater...“, setzte sie schwach an.

„Hiro wird warten“, unterbrach Kai sie ohne jede Widerrede. Er drehte sie bereits wieder in Richtung Ausgang. „Wir gehen jetzt in die Kantine. Ein hungriger Blader ist ein nutzloser Blader. Ich schreibe deinem Vater, dass wir uns verspäten. Er wird es vorziehen, eine gesättigte Tochter im Büro zu haben als eine, die ihm vom Stuhl fällt.“

Nami schmunzelte matt und ließ sich dankbar von ihm führen. „Danke, Kai. Ich glaube, ich hätte die Arena gerade sowieso nicht ohne Hilfe überquert.“

„Keine Ursache“, erwiderte er, während sie die Halle wieder verließen. „Aber gewöhn dich nicht dran. Ab morgen achte ich persönlich darauf, dass du frühstückst.“

Der Weg zur Kantine fühlte sich für Nami fast wie ein Spießrutenlauf an, obwohl Kai sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit führte, dass sie sich eigentlich sicher fühlen sollte. Da die Mittagspause noch nicht ganz vorbei war, herrschte in dem großen, modern gestalteten Speisesaal mit seinen Glasfronten noch immer reger Betrieb. Das Klappern von Besteck und das tiefe Summen von Dutzenden Gesprächen erfüllte den Raum.

Sobald sie den Saal betraten, legte sich eine spürbare Welle der Aufmerksamkeit über die Tische. Es war unmöglich, nicht aufzufallen: Kai, der unnahbare Spitzenblader der Firma, und Nami, die Tochter des Chefs, die heute eine ganz neue, fast schon strahlende Aura umgab.

Besonders an einem Tisch im hinteren Bereich, an dem eine Gruppe junger Praktikantinnen saß, schien die Zeit stillzustehen. Die Mädchen hatten ihre Stäbchen mitten in der Bewegung angehalten und starrten Kai mit unverhohlener Bewunderung an. Ihre Augen hingen regelrecht an seinen markanten Zügen, dem großen trainierten Körper und der lässigen Art, wie er sich bewegte.

Nami bemerkte die intensiven Blicke und ein amüsiertes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Trotz ihres knurrenden Magens konnte sie sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. Sie lehnte sich ein Stück zu Kai und flüsterte ihm leise, fast verschmitzt zu: „Ich glaube, dein Fanklub da hinten vergisst gerade das Atmen, Kai. Du solltest vorsichtig sein, sonst kippt gleich eine vom Stuhl.“

Sie erwartete ein trockenes Schnauben oder eine ignorante Bemerkung von ihm, doch Kai reagierte völlig anders.

Ohne den Blick von der Essensausgabe abzuwenden, legte er plötzlich seinen Arm um ihre Taille. Sein Griff war fest und besitzergreifend. Er zog sie ruckartig zu sich herauf, sodass ihre Seite hart gegen seine Flanke stieß. Nami zuckte überrascht zusammen, ihr Herz machte einen wilden Satz, während ihre Wangen sofort in ein helles Rosa tauchten.

Hinter ihnen war ein deutliches, kollektives Japsen zu hören...das Geräusch von mehreren jungen Damen, deren Seifenblase gerade lautstark zerplatzt war.

Nami verkniff sich mühsam ein Lachen, als sie die Schockwellen hinter sich förmlich spüren konnte. Sie sah zu Kai auf, der immer noch dieses unerschütterliche, fast schon arrogante Profil zeigte. Doch in seinen Augen blitzte ein Funke von Genugtuung auf. Er wusste ganz genau, welche Wirkung er erzielte, und er wusste vor allem, dass Nami es liebte, wenn er so offen und kompromisslos vor aller Welt zeigte, dass sie zu ihm gehörte.

„Sollen sie ruhig schauen“, brummte er leise, nur für sie hörbar, während er sie weiter in Richtung der Theke schob. „Dann wissen sie wenigstens sofort, wo ihr Platz ist.“

Nami schüttelte belustigt den Kopf, doch sie schmiegte sich tiefer in seine Seite. Das flaue Gefühl im Magen war zwar noch da, aber das Gefühl von Geborgenheit und diesem kleinen Triumph über die neugierigen Blicke war gerade eine viel bessere Medizin.

Einige Minuten später saßen sie an einem der etwas abgelegeneren Tische am Fenster. Die anfängliche Aufregung im Saal war einem gedämpften Hintergrundrauschen gewichen, auch wenn immer noch neugierige Blicke zu ihnen herüberwanderten. Nami kümmerte das jedoch kaum noch...vor ihr lag ein stattlicher Burger, und der Duft von frisch gebratenem Fleisch und geschmolzenem Käse ließ ihr keine Wahl. Ohne große Umschweife griff sie zu und biss herzhaft hinein.

Kai saß ihr gegenüber, vor sich ein perfekt gebratenes Steak mit einer Portion goldbrauner Bratkartoffeln. Er hatte zwar bereits angefangen zu essen, doch immer wieder hielt er inne, um Nami zu beobachten. Ein seltener Ausdruck von tiefem Frieden lag in seinen Augen, während er zusah, wie sie ihr Essen mit fast schon kindlicher Freude genoss. Es war ein starker Kontrast zu der kontrollierten Nami, die er im Training erlebte. Er mochte diesen Anblick; es erinnerte ihn daran, dass sie bei ihm ihre Deckung fallen lassen konnte.

Nachdem der erste große Hunger gestillt war, tupfte sich Nami den Mund mit einer Serviette ab und sah ihn neugierig an. „Kai?“, setzte sie an, die Stimme wieder etwas fester. „Woher kennst du diese Technik eigentlich? Das Seelenband... das klingt nicht nach etwas, das man in einem normalen Trainingshandbuch findet.“

Kai schnitt ein Stück von seinem Steak ab, seine Bewegungen präzise und ruhig. „Ich habe es in Tibet gelernt“, antwortete er schlicht. „Ich war zwei Jahre lang in einem Kloster in den Bergen, weit weg von der Zivilisation und dem Beyblade-Zirkus.“

Nami hielt in der Bewegung inne. Die Erinnerung an ihre ersten gemeinsamen Wochen bei Tachibey Industries blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Sie entsann sich, wie Kai ihr an einem ruhigen Abend erzählt hatte, dass er mit fast achtzehn Jahren seinen prestigeträchtigen Posten bei der BBA aufgegeben hatte. Er war damals einfach verschwunden, um für zwei Jahre nach Tibet zu reisen...für eine Art Selbstfindungsphase, wie er es damals nannte. Damals hatte sie nicht gewagt, tiefer nachzufragen, doch nun fügten sich die Puzzleteile zusammen.

Sie legte ihren Burger beiseite und stützte die Ellbogen auf den Tisch, während sie ihn forschend ansah. Die lockere Stimmung wich einer gewissen Ernsthaftigkeit.

„Ich habe dich das bisher noch gar nicht gefragt, aber...“, sie zögerte einen Moment, wählte ihre Worte jedoch dann mit Bedacht. „Die Zeitspanne passt genau zusammen. Kann es sein, dass du damals kurz nach deiner Vasektomie nach Tibet gegangen bist? Man hatte dich...lange nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.“

Kai hielt das Besteck fest in den Händen, sein Blick wurde für einen Moment undurchdringlich. Die Erwähnung dieses sehr persönlichen Einschnitts in seinem Leben ließ die Luft zwischen ihnen für einen Herzschlag lang dünner werden. Er sah sie direkt an, und in seinen roten Augen spiegelte sich die Erinnerung an eine Zeit wider, in der er radikale Entscheidungen getroffen hatte, um die volle Kontrolle über sein Schicksal zurückzugewinnen.

„Es war ein Teil des Prozesses“, gab er schließlich mit einer Stimme zu, die so tief und ruhig war wie der tibetische Wind. „Ich wollte alles hinter mir lassen, was mich an Erwartungen oder biologische Zwänge band. Ich wollte herausfinden, wer Kai Hiwatari ist, wenn er absolut niemandem mehr verpflichtet ist...nicht einmal der Zukunft.“

Nami nickte langsam. Sie verstand nun besser, warum er so unerschütterlich wirkte. Er hatte sich in der Einsamkeit der Berge selbst neu zusammengesetzt. „Und dort hast du gelernt, deine Seele mit Dranzer zu verschmelzen?“, fragte sie leise, fasziniert von der Vorstellung des jungen Kai zwischen schneebedeckten Gipfeln.

Kai legte sein Besteck beiseite und verschränkte die Finger vor sich auf dem Tisch. Sein Blick war nun vollkommen auf Nami fokussiert, ernst und fast schon mahnend.

„Nicht verschmelzen, Nami. Das ist ein wichtiger Unterschied“, korrigierte er sie ruhig. „Das Seelenband, so wie ich es dir beibringen werde, ist eine temporäre Brücke. Es ist eine funktionale Verbindung, die nur während eines Matches besteht. Sobald die Energie nachlässt oder du den Kontakt bewusst abbrichst, ziehen sich die Seelen wieder in ihre eigenen Räume zurück. Du bleibst du, und Pegasus bleibt Pegasus.“

Er hielt kurz inne und sah aus dem Fenster, als würde er die schneebedeckten Gipfel Tibets vor seinem geistigen Auge sehen.

„Eine echte Verschmelzung zwischen der Seele eines Menschen und einem Bit-Beast... das ist etwas völlig anderes“, fuhr er fort, und seine Stimme senkte sich um eine Nuance. „Ich habe in Tibet in einem der uralten, fast zerfallenen Bücher des Klosters davon gelesen. Dort wird es als ein Zustand beschrieben, in dem die Grenzen permanent eingerissen sind. Mensch und Geist existieren nicht mehr getrennt voneinander; sie teilen sich einen Verstand, ein Herz, eine Existenz.“

Nami beobachtete ihn gebannt, ihr Essen war in diesem Moment völlig vergessen. „Gibt es Blader, die das geschafft haben?“

Kai schüttelte langsam den Kopf. „Ich kenne niemanden. Und ich habe auch in den Aufzeichnungen der letzten Jahrhunderte von niemandem gelesen, bei dem dies zweifelsfrei der Fall war. Die Texte besagen, dass es ohnehin fast unmöglich zu erkennen wäre. Ein solcher Mensch würde nach außen hin völlig normal wirken, aber seine Ausstrahlung, Wahrnehmung und seine Kraft wären auf einer Ebene, die wir uns kaum vorstellen können.“

Er kehrte mit seinem Blick zu ihr zurück, und die Intensität darin war fast greifbar. „Es ist eine Legende, Nami. Gefährlich und wahrscheinlich nur ein Mythos. Für uns zählt die Kontrolle. Das Band gibt dir die Macht, ohne dich selbst zu verlieren. Und genau das ist es, was du für das kommende Turnier und für deine eigene Sicherheit brauchst.“

Nami spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Die Vorstellung, dass irgendwo da draußen die Grenze zwischen Mensch und Mythos komplett verschwimmen könnte, war ebenso faszinierend wie beängstigend. Doch während sie Kai ansah, wurde ihr klar, dass er...egal wie tief er in diese Lehren eingetaucht war...immer noch der Mann war, der sie hielt, wenn sie schwankte.

„Ich vertraue dir“, sagte sie leise, „dass du mich nicht zu tief in diesen Abgrund blicken lässt.“

Kai antwortete nicht mit Worten, aber das kurze, feste Nicken und die Art, wie sein Blick kurz auf ihrer Hand ruhte, waren Versprechen genug. „Iss jetzt fertig“, sagte er dann wieder in seinem gewohnt pragmatischen Ton. „Dein Vater hat uns noch fünf Minuten gegeben.“