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Der erste Eindruck

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Der erste Eindruck

Die Luft im Foyer des Großen Stadions von Tokio war dick vor Aufregung, dem Geruch von frischem Popcorn und dem metallischen Surren unzähliger Beyblades, die in kleinen Test-Arenen von ungeduldigen Jugendlichen kreiselten.

Für Nami fühlte sich dieser Moment surreal an. Jahrelang war sie diejenige gewesen, die auf den gepolsterten Sitzen der VIP-Logen Platz genommen hatte, die Arme verschränkt, während sie die Flugbahnen der Konkurrenten mit kühlem Blick analysierte. Doch heute war alles anders.

„Erinnere dich an das, was wir besprochen haben, Nami“, sagte Hiro Tachiba mit seiner gewohnt ruhigen, aber autoritären Stimme. Er rückte seinen Mantel zurecht und blickte kurz auf seine Armbanduhr.

„Du hast die Perfektion im Training erreicht. Heute geht es nur noch um die Beherrschung deiner Nerven.“

Nami nickte leicht. Ihr silbrig weißes Haar, das ihr bis knapp über das Gesäß reichte, war heute zu einem praktischen, aber dennoch eleganten Zopf gebunden.

„Ich weiß, Papa. Ich bin bereit.“

Hilda legte ihrer Tochter sanft eine Hand auf die Schulter.

„Genieße es einfach. Du hast so hart darauf gewartet, endlich offiziell anzutreten.“

Ihre Geschwister standen bereits ungeduldig daneben; sie freuten sich sichtlich darauf, das Spektakel aus der Sicherheit der Ehrenloge zu verfolgen, in der Mr. Dickenson bereits mit gekühltem Tee auf sie wartete.

„Wir sehen uns nach der Vorrunde“, verabschiedete sich Nami.

Sie spürte die Blicke der Passanten wie ein leichtes Prickeln auf ihrer Haut. Mit ihren 18 Jahren und ihrer markanten Ausstrahlung... dem hellen karamellfarbenen Teint und den wachsamen, ozeanfarbenen Augen...wirkte sie zwischen den vielen aufgedrehten Teenagern wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt.

Als sie sich von ihrer Familie trennte und in Richtung des Anmeldebereichs für die Teilnehmer abbog, atmete sie tief durch. Der Weg führte weg vom prunkvollen Marmor des Eingangs hin zu den funktionalen, kühleren Gängen der Katakomben. Hier unten war der Lärm der Masse nur noch als dumpfes Grollen zu hören.

An der Anmeldung saß ein erschöpft wirkender Mitarbeiter hinter einem Stapel von Formularen.

„Name?“, fragte er, ohne aufzusehen.

Nami zögerte nur einen Sekundenbruchteil.

Wenn sie „Tachiba“ sagte, würden die Kameras sie sofort einfangen. Die Schlagzeilen würden morgen nicht über ihre Technik schreiben, sondern über die privilegierte Tochter des Firmenimperiums. Das wollte sie nicht. Sie wollte, dass ihr Bit-Beast für sich selbst sprach.

„Nami Akasuna“, sagte sie mit fester Stimme.

Der Beamte tippte den Namen ein, händigte ihr eine Startnummer aus und wies mit dem Daumen nach hinten.

„Gang B, Wartebereich 4. Die erste Runde startet in zwanzig Minuten. Viel Erfolg, Akasuna.“

Nami nahm die Karte entgegen. Das kalte Plastik in ihrer Hand fühlte sich wie ein Versprechen an. Während sie tiefer in die Katakomben wanderte, bemerkte sie, wie junge Blader am Rand der Gänge stehen blieben und tuschelten, sobald sie an ihnen vorbeiging.

Einige starrten sie unverwandt an, fasziniert von ihrer Schönheit und der Ruhe, die sie ausstrahlte. Sie ignorierte sie.

Was sie nicht ahnte: Hoch über ihr, hinter dem getönten Glas der gegenüberliegenden Ehrenloge, hatte die Prominenz bereits Platz genommen.

Dort saß Kai Hiwatari, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick zutiefst gelangweilt über die Ränge schweifend.

Dass er überhaupt hier war, lag einzig und allein an Mr. Dickenson. Der alte Mann hatte tagelang keine Ruhe gegeben und ihn regelrecht dazu gedrängt, diesem zweitklassigen Anfänger-Turnier als Ehrengast beizutreten.

Kai hatte sich zwar über die ungewöhnliche Hartnäckigkeit des BBA-Direktors gewundert, sich jedoch nichts weiter dabei gedacht. Nun saß er hier und bereute es bereits.

Es war eine reine Zeitverschwendung.

Neben ihm lehnte Tala im Sessel, der die Arme hinter dem Kopf verschränkt hatte und stumm zur Decke starrte. Tala war nur mitgekommen, weil er den Sommer über ohnehin in Japan feststeckte und schlichtweg nichts Besserem zu tun hatte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür der Loge, und Ray trat ein, zwei kühle Getränke in den Händen.

„Na, ihr beiden Stimmungskanonen? Sieht aus, als wärt ihr kurz vor dem Sekundenschlaf“, grinste Ray, während er sich zu ihnen gesellte.

„Dickenson hat Nerven, uns wegen so eines Amateur-Zirkus herzuzitieren“, grummelte Kai, ohne die Augen von den Rängen zu wenden.

Ray lachte leise. „Sag das nicht zu laut. Mariah ist unten im Anmeldebereich. Sie fand es extrem amüsant, sich spontan für dieses Turnier der Low- und Middle-Class-Blader anzumelden, um die neue ‚Konkurrenz‘ ein bisschen aufzumischen und ihre Form zu testen. Ich bin eigentlich nur hier, um mir ihre Kämpfe anzusehen.“

Tala stieß ein kühles Schnauben aus. „Wenn Mariah gegen diese Amateure verliert, solltet ihr euer Training überdenken.“

In den Katakomben legte Nami unterdessen ihre Hand auf ihren Blade-Hänger und schloss die Augen. Die Zeit im Wartebereich zog sich wie Kaugummi, während sie an ihrer Limonade nippte und auf der großen Leinwand die vorangegangenen Kämpfe analysierte.

Schließlich knackten die Lautsprecher: „NAMI AKASUNA und Yuki Sato! Bitte machen Sie sich bereit, Sie sind in fünf Minuten dran. Begeben Sie sich bitte zum Ausgang B ins Stadion!“

Zur gleichen Zeit, im Hauptübertragungsraum, saß Hiro Tachiba zwischen Sponsoren und Kommentatoren. Als der Name „Akasuna“ fiel, verengten sich seine Augen leicht. Ein fast unsichtbares Schmunzeln huschte über sein Gesicht.

~Akasuna... Roter Sand, dachte er bei sich. Ein kluger Name für jemanden, der unbemerkt bleiben will, aber im Kampf alles unter sich begräbt.~

Nami trat in den langen Korridor. Das rhythmische Klonk-Klonk ihrer Absätze hallte von den kühlen Betonwänden wider, ehe es vom tosenden Lärm der Ränge verschlungen wurde.

Als sie durch das Tor trat, schlug ihr das gleißende Scheinwerferlicht entgegen.

„Nami Akasuna, ein neues Gesicht in der Welt des Beyblades!“, dröhnte die Stimme des Kommentators. „Seht sie euch an! Wo war dieses hübsche Gesicht nur all die Jahre versteckt? Kann sie wohl auch so gut bladen, wie sie aussieht? Wir werden es gleich erfahren!“

In der VIP-Loge richtete sich Ray leicht auf. „Oh, die kenne ich gar nicht. Ist sie in Mariahs Block?“

Tala warf einen ersten, beiläufigen Blick auf die großen Monitore. Seine kühle Miene veränderte sich kaum, doch seine Augen verengten sich präzise.

„Ihre Haltung ist ungewöhnlich ruhig für ein Debüt. Keine Anspannung in den Schultern. Sie steht nicht wie jemand, der zum ersten Mal in einem Stadion kämpft.“

Kai hob träge den Kopf. Sein Blick wanderte widerwillig zu den Bildschirmen. Doch als die Kamera auf Namis Gesicht zoomte, blieb seine Miene für einen Augenblick hängen. Er sah die absolute Entschlossenheit in ihren ozeanfarbenen Augen und das silbrig weiße Haar. Es war nicht ihre Schönheit, die ihn berührte... es war die Aura von absoluter Disziplin und Kontrolle, die sie ausstrahlte.

„Sie verschwendet keine Energie“, murmelte Kai leise. Seine granatroten Augen fixierten den Bildschirm nun schärfer.

Namis Kontrahentin, Yuki Sato, blickte finster drein, provoziert von Namis gelassener Ausstrahlung. Nami hingegen spürte nur eine tiefe Ruhe. Sie zog ihren weiß-türkisen Beyblade.

„DREI... ZWEI... EINS... LET IT RIP!“

Zwei Blades schossen in die Schüssel. Yukis grüner Blade besetzte sofort aggressiv die Mitte, doch Namis weißer Blade glitt mit einer Eleganz über den Boden, die fast wie Tanzen wirkte.

„Pegasus...“, flüsterte Nami. Der Blade begann türkisblau zu glühen.

Plötzlich erbebte der Boden. Die glatte Oberfläche der Arena brach auf, und dicke, stählerne Pfeiler schnellten empor, um das Feld in ein gefährliches Hindernislabyrinth zu verwandeln. Yukis Blade geriet sofort ins Trudeln.

„Um das Ganze etwas aufzupeppen, haben wir ein Hindernis eingebaut!“, brüllte der Kommentator.

Nami biss sich kurz auf die Lippe, behielt aber sofort die Fassung. Im Training bei Tachibey Industries hatte ihr Vater sie weit härteren Prüfungen unterzogen. Sie riss die Hand entschlossen nach oben.

„PEGASUS!“

Der weiß-türkise Blade reagierte augenblicklich. Er nutzte die Kante eines aufsteigenden Pfeilers als Rampe, sprang mit absoluter Präzision empor und landete punktgenau auf der Spitze des höchsten Stahlpfostens, wo er stabil weiterrotierte.

„Beende es!“, befahl Nami.

Der Blade hob ab. Ein blendend heller Lichtblitz flackerte auf, der das gesamte Stadion in übernatürliches Weiß tauchte.

Inmitten des Leuchtens war für einen Moment das kraftvolle Wiehern eines Rosses zu hören.

Ein metallischer Schlag hallte durch die Halle.

Als sich das Licht legte, herrschte Totenstille.

Yukis Blade steckte tief in der steinernen Wand hinter ihr... haarscharf an ihrer Wange vorbeigeschossen, an der nun ein kleiner Blutstropfen herunterlief.

Dem Kommentator verschlug es die Sprache, ehe er losbrüllte: „DAS... WAR PHÄNOMENAL! Wir haben eine Gewinnerin! NAAAMII!“

Nami fing ihren Blade mühelos mit der Hand auf, lächelte befreit und winkte mit eleganter Gelassenheit ins Publikum.

Hoch oben in der Ehrenloge war die anfängliche Langeweile verflogen. Ray stützte die Hände auf das Geländer, der Blick ungläubig. „Das war kein normaler Schlag. Das war eine gezielte Entladung. Mariah bekommt in diesem Turnier scheinbar doch echte Konkurrenz.“

Tala sah unbewegt auf das Feld hinab, seine Stimme ruhig und analytisch: „Ein Bit-Beast. Sato hatte nicht den Bruchteil einer Chance. Diese Akasuna ist definitiv kein Neuling, ganz egal, was auf dem Meldebogen steht.“

Kai antwortete nicht. Er war langsam aufgestanden und trat direkt an die Glasscheibe. Seine roten Augen folgten Nami, die bereits ruhig im Spielertunnel verschwand.

Es wurmte ihn extrem... die bloße Tatsache, dass dieser verhasste, aufgezwungene Turnierbesuch ihn plötzlich so aus der Reserve gelockt hatte. Aber dieses Mädchen... sie war kein einfacher Low-Class-Blader.

Sie war etwas völlig anderes.