Im Aufzug
Im Aufzug
Die Fahrt in den zwanzigsten Stock dauerte nicht lange, doch die Atmosphäre im gläsernen Aufzug war nach dem Essen merklich entspannter. Nami lehnte sich gegen die Reling und stieß ein wohliges Seufzen aus. Das schwindelige Gefühl war verschwunden, ersetzt durch eine angenehme Sättigung und die Gewissheit, dass sie an Kais Seite jeder Herausforderung gewachsen war.
Kai beobachtete sie dabei, wie sie den Blick über die Skyline von Tokio schweifen ließ, die unter ihnen immer kleiner wurde. Ein seltenes, sanftes Lächeln stahl sich auf seine Züge.
„Es ist bemerkenswert“, sagte er plötzlich und unterbrach die Stille des Aufzugs. Nami sah ihn fragend an. „Dass du nicht im Geringsten eifersüchtig bist, wenn andere Mädchen mich so offensichtlich anhimmeln wie eben in der Kantine.“
Nami lachte kurz und hell auf, ein Geräusch, das in der kleinen Kabine angenehm widerhallte. „Warum sollte ich? Ich genieße es eher“, gab sie unumwunden zu. Sie trat einen Schritt näher an ihn heran und sah ihm direkt in die Augen. „Schließlich bin ich ja deine Freundin. Man darf dich ruhig bewundern...das bestätigt ja nur meinen eigenen Geschmack.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Eifersucht ist doch meistens nur ein Ausdruck von eigener Unsicherheit. Und die verspüre ich in Bezug auf uns einfach nicht.“
Kai schwieg einen Moment. Ein dunkles, ungemein zufriedenes Glühen trat in seine granatroten Augen. Er hatte mit vielem gerechnet, aber dieser absolute Mangel an weiblicher Unsicherheit faszinierte ihn. Nami stand nicht im Schatten seines Ruhms; sie besaß die kalte Eleganz, ihn als ihr Eigentum zu betrachten.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, griff er nach ihrer Taille und zog sie mit einer bestimmenden Bewegung zu sich. Er senkte den Kopf und küsste sie. Zuerst war es ein sanfter, fast fragender Kuss, doch innerhalb von Sekunden änderte sich die Intensität. Der Kuss wurde tiefer, fordernder und verlangte nach mehr.
Nami spürte, wie ihr die Sinne schwanden. Plötzlich war da die kühle, glatte Wand des Aufzugs in ihrem Rücken, während Kais Körper sie mit einer Hitze gegen das Glas presste, die sie alles um sich herum vergessen ließ. Ihre Knie, die gerade erst wieder festen Boden unter sich hatten, wurden erneut weich wie Wachs. Sie legte ihre Hände in seinen Nacken und verlor sich vollkommen in dem berauschenden Gefühl seiner Lippen.
In diesem Moment war alles andere meilenweit entfernt.
Doch die Realität ließ sich nicht lange aussperren. Mit einem leisen PLING hielt der Aufzug an. Die Türen glitten lautlos zur Seite.
Noch bevor Nami sich aus Kais Umarmung lösen konnte, sah sie aus dem Augenwinkel eine Gestalt auf dem Flur stehen. Es war ihr Bruder Kenji. Er hielt einen Stapel Dokumente in der Hand, doch seine gesamte Körperhaltung war erstarrt. Sein Blick war starr auf die beiden im Aufzug gerichtet, und ihm war regelrecht die Kinnlade heruntergeklappt.
Die Stille, die nun folgte, war fast greifbar. Kenji blinzelte mehrmals, als könnte er nicht glauben, was er da sah, während Nami langsam versuchte, ihre Fassung und ihren Atem zurückzugewinnen.
Kenji stand wie angewurzelt da, die Akten in seinen Händen leicht zitternd. Er blinzelte hektisch, riss den Blick dann ruckartig von dem Paar los und starrte mit einer fast schon verzweifelten Intensität gegen die Decke des Flurs. Ein nervöses, leicht überfordertes Kichern entwich seiner Kehle.
„Das ist... ja mal eine extrem peinliche Situation“, brachte er hervor, wobei seine Stimme eine Oktave höher rutschte als gewöhnlich. Er schien händringend nach einem neutralen Punkt an der Wand zu suchen, nur um nicht noch einmal in Richtung der beiden schauen zu müssen.
Kai jedoch ließ sich nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen. Er löste sich mit einer langsamen, fast schon aufreizenden Gelassenheit von Nami, ohne dabei auch nur eine Spur von Verlegenheit zu zeigen. Stattdessen griff er nach ihrer Hand, verschränkte seine Finger fest mit ihren und zog sie mit sich aus der Kabine, während er an Kenji vorbeischritt.
„Peinlich ist es nur für dich, Kenji“, antwortete Kai trocken, ohne ihn dabei eines Blickes zu würdigen. Seine Stimme war so tief und kontrolliert, als hätte er gerade eben nicht seine Freundin leidenschaftlich gegen die Aufzugwand gepresst, sondern ein geschäftliches Telefonat beendet.
Nami fühlte, wie die Hitze in ihren Wangen noch immer pulsierte, doch der Anblick ihres Bruders war einfach zu köstlich. Kenji sah aus, als würde er gerade versuchen, die letzten zehn Sekunden gewaltsam aus seinem Gedächtnis zu löschen; er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, als könnte er das Bild so physisch abschütteln.
Sie biss sich fest auf die Unterlippe, um nicht laut loszuprusten. Das verzerrte Gesicht ihres Zwillingsbruders war das perfekte Gegenstück zu Kais unerschütterlicher Arroganz. Während Kai sie zielstrebig den langen Korridor entlang in Richtung des Büros ihres Vaters führte, warf Nami noch einen kurzen Blick über die Schulter.
„Tut mir leid, Kenji!“, rief sie ihm belustigt zu, doch ihr Grinsen verriet, dass ihr das Mitleid in diesem Moment völlig fehlte.
Doch...Kenji stand nicht länger einfach nur überfordert da. Als er sah, dass Kai Nami einfach an der Hand aus dem Aufzug zog und ihn mit einem trockenen Kommentar abfertigen wollte, schien sein Stolz als Bruder über die Peinlichkeit zu siegen.
„Halt! Bleibt sofort stehen!“, rief Kenji mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
Kai hielt tatsächlich inne. Er drehte sich langsam um, Nami fest an seiner Seite, und sah Kenji mit einer unbeeindruckten, fast schon gelangweilten Miene an. Nami hingegen spürte, wie ihr Herz nun doch ein wenig schneller klopfte.
Kenji trat einen Schritt näher, die Akten fest an seine Brust gepresst. Sein Blick bohrte sich in Namis Augen. „Ist das... ist das etwa der wahre Grund, weswegen du gestern Abend nicht nach Hause gekommen bist?“, fragte er fassungslos.
Nami schluckte. Kenji fuhr fort, ohne auf eine Antwort zu warten: „Momoko hatte mir erzählt, dass du bei ihr wärst und ihr beide einen Filmabend macht. Sie klang am Telefon völlig überzeugend.“
In Namis Kopf blitzte der Moment vom Vorabend auf, als sie in Kais Wohnung war. Sie hatte Momoko in einer kurzen Atempause eine hastige WhatsApp-Nachricht geschickt: „Bitte sei mein Alibi, falls Kenji oder meine Eltern fragen. Erzähle dir später mehr! Küsschen!“ Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit durchströmte sie; Momoko war eben eine loyale Freundin, auf die sie sich in jeder Lebenslage blind verlassen konnte.
„Was ist dein Problem, Kenji?“, unterbrach Kai die Stille. Seine Stimme war ruhig, fast schon gefährlich leise, und er schien nicht im Geringsten bereit zu sein, sich zu rechtfertigen.
Kenji wiederholte Kais Worte fast schon entsetzt, sein Gesicht lief rot an. „Was mein Problem ist?!“, stammelte er und fuchtelte mit einer Hand in der Luft herum. „Du hast Nami noch vor kurzem zum Weinen gebracht, Kai! Und jetzt... jetzt muss ich dabei zusehen, wie genau dieser Typ meine kleine Schwester knutschend gegen die Aufzugwand drückt, als gäbe es kein Morgen mehr!“
Er sah zwischen den beiden hin und her, unfähig, die harte Realität des Trainings mit der leidenschaftlichen Szene von eben in Einklang zu bringen.
„Was zum Kuckuck soll das?!“, schoss er in Richtung Kai, während Nami merkte, dass sie jetzt einschreiten musste, bevor Kenji sich völlig in Rage redete. „Oder ist das irgendein kranker Psychotrick?“
Nami drückte Kais Hand fest, um ihm zu signalisieren, dass sie das übernahm. Sie sah Kenji fest an. „Ja, ich war bei Kai. Es ist... komplizierter und gleichzeitig viel einfacher, als du denkst.“
Kenji schien noch immer nach Luft zu schnappen, während Kai nur eine Augenbraue hochzog und den Blick ihres Bruders mit einer Arroganz erwiderte, die Kenji nur noch mehr zur Weißglut trieb.
Kenji atmete tief durch. Er schloss für einen Moment die Augen und presste die Lippen aufeinander, während er versuchte, das Chaos in seinem Kopf zu ordnen. Die Wut und der Schock ebbten langsam ab und machten Platz für die Realität. Er kannte Kai schon lange genug, um zu wissen, dass dieser Mann zwar unnahbar, kühl und oft rücksichtslos wirkte, aber niemals unüberlegt handelte. Kai war das Gegenteil von Brooklyn...er war verantwortungsbewusst, fast schon auf eine schmerzhaft loyale Weise, wenn er sich erst einmal für etwas entschieden hatte.
Kenji öffnete die Augen und sah seine Zwillingsschwester an. Die Rötung in seinem Gesicht wich einer besorgten Blässe.
„Bist du... bist du jetzt wirklich glücklich?“, fragte er leise, und seine Stimme hatte jeden aggressiven Unterton verloren. „Du warst am Boden zerstört wegen ihm, Nami. Weil er dich zuerst so eiskalt von sich gestoßen hat. Ich habe gesehen, wie sehr dich das zerrissen hat.“
Nami spürte einen Kloß im Hals bei der ehrlichen Sorge ihres Bruders. Sie löste ihre Hand nicht aus Kais Griff, sondern trat einen halben Schritt vor. „Es ist alles in Ordnung, Kenji. Wirklich. Wir haben... wir haben die Dinge geklärt. Das, was du gerade im Aufzug gesehen hast... das war echt.“
Kenji blickte lange in ihre leuchtenden Augen und erkannte dort eine Ruhe, die sie in den letzten Tagen nicht gehabt hatte. Dann wandte er sich Kai zu. Er suchte den direkten Blickkontakt mit den harten, granatroten Augen des älteren Bladers. Es war kein Blick der Herausforderung mehr, sondern einer der inständigen Bitte.
„Kai“, begann Kenji, und seine Stimme zitterte ganz leicht. „Ich habe eine Bitte an dich. Eigentlich ist es mehr als das.“
Er trat einen Schritt auf Kai zu, die Akten nun fast vergessen unter den Arm geklemmt. „Ich weiß, wer du bist und was du tust. Aber das hier ist meine kleine Schwester. Wenn du dich wirklich für sie entschieden hast... dann flehe ich dich inständig an: Brich ihr niemals das Herz....denn sonst...“
Es war ein Moment voller Gewicht. Im Flur der Chefetage schien die Zeit stillzustehen. Kai erwiderte den Blick unnachgiebig, doch die kühle Arroganz wich einer tiefen, fast eisernen Ernsthaftigkeit. Er drückte Namis Hand ein wenig fester, ein stummes Signal an sie, dass er das allein regelte, bevor er Kenji fixierte.
„Ich habe meine Entscheidungen getroffen, Kenji“, sagte Kai, und seine Stimme besaß eine Wucht, die den Jüngeren augenblicklich verstummen ließ. „Und ich habe nicht vor, denselben Fehler zweimal zu machen. Du hast mein Wort. Also spar dir die Drohungen.“
Kenji starrte ihn noch einen Moment an, suchte nach irgendeinem Anzeichen von Unehrlichkeit, doch er fand nichts als Kais unerschütterliche Entschlossenheit. Schließlich nickte er langsam, stieß einen langen Atemzug aus und rieb sich mit der freien Hand über das Gesicht.
„Na gut...“, murmelte er. „Aber wenn du sie doch traurig machst, Kai, dann ist es mir egal, wie gut du bladen kannst...dann kriegst du es mit mir zu tun...und ja, das ist eine Drohung.“ Er versuchte ein schiefes Grinsen, das seine restliche Anspannung verriet. „Und jetzt verschwindet in Dads Büro. Er ist sowieso schon kurz davor, den Sicherheitsdienst loszuschicken, weil ihr so lange braucht.“
In diesem Moment schwang die schwere, doppelflügelige Tür zum Chefbüro mit einem vernehmlichen Klicken auf. Hiro Tachiba stand im Rahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick war kühl und sichtlich von Ungeduld gezeichnet, während er die kleine Gruppe im Flur fixierte.
„Pünktlichkeit ist eine Tugend, die in dieser Firma eigentlich großgeschrieben wird“, stellte Hiro mit seiner tiefen, autoritären Stimme fest. Es war unverkennbar, dass er Kenjis letzte Worte über den Sicherheitsdienst und das Warten bereits mitbekommen hatte. Sein Blick wanderte kurz über Kais festen Griff an Namis Hand und den immer noch leicht zerzausten Kenji, doch er ließ sich zu keinerlei emotionaler Regung hinreißen. „Ich habe euch zwanzig Minuten gegeben. Dass ihr diese Zeit für private Grundsatzdiskussionen auf dem Flur nutzt, entspricht nicht meinem Zeitplan.“
Nami spürte, wie sie unter dem strengen Blick ihres Vaters instinktiv die Haltung straffte. Die lockere, fast schon familiäre Atmosphäre, die gerade noch zwischen den Geschwistern und Kai geherrscht hatte, verflog augenblicklich vor der professionellen Kälte des Geschäftsführers.
„Kommt jetzt endlich rein. Wir haben Wichtigeres zu besprechen als eure Befindlichkeiten“, ordnete Hiro an. Er trat einen Schritt beiseite, um den Weg in das luxuriöse Büro freizumachen. Doch bevor Kai und Nami eintreten konnten, blieb Hiros Blick an seinem Sohn hängen, der gerade Anstalten gemacht hatte, sich dezent in Richtung der Fahrstühle zurückzuziehen.
„Kenji“, rief er ihn zurück. Der Tonfall ließ keinen Raum für Diskussionen. Kenji erstarrte mitten in der Bewegung und sah seinen Vater fragend an. „Du kommst ebenfalls mit rein. Da du dich anscheinend bereits so intensiv mit der aktuellen Lage befasst hast, wirst du an dieser Besprechung teilnehmen. Wir brauchen heute jede verfügbare strategische Instanz.“
Kenji schluckte schwer und nickte ergeben. Mit einem letzten, vielsagenden Blick zu Nami folgte er Kai und seiner Schwester in das Allerheiligste der Tachiwari-Corporation.
Hiro schloss die Tür hinter ihnen, und das leise, satte Geräusch des Schlosses signalisierte, dass nun der geschäftliche Teil des Tages begann. Das weitläufige Büro mit seiner Fensterfront, die über ganz Tokio blickte, wirkte in diesem Moment wie eine Festung, in der die Weichen für die kommenden, stürmischen Tage gestellt werden mussten.