Eine seltsame Bitte
Eine seltsame Bitte
Das leise, satte Klicken des Schlosses hinter ihnen markierte die Grenze zwischen der hektischen Konzernwelt und dem Machtzentrum von Tachibey Industries. Peinliches Schweigen dominierte die Atmosphäre im weitläufigen Büro der Geschäftsleitung, während sich die drei einen Platz suchten.
Hiro Tachiba schritt wortlos an ihnen vorbei und ließ sich mit einem leicht genervten Blick in seinen großen, schweren Chefsessel aus dunklem Leder fallen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und starrte einen Moment lang aus der riesigen Fensterfront. Von hier oben bot sich ein atemberaubender Ausblick auf das Häusermeer von Tokio, das in der Mittagssonne glänzte...ein Anblick, der beinahe so schön und erhaben war wie aus Kais Penthouse-Wohnung.
Nami rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, während Kenji den Blick krampfhaft auf seine Akten fixierte, als gäbe es dort plötzlich lebenswichtige neue Informationen zu entdecken. Kai hingegen war die Ruhe selbst. Er saß mit geschlossenen Augen und verschränkten Armen da, den Rücken kerzengerade, und wartete mit einer fast schon provozierenden Gelassenheit darauf, dass man das Wort an ihn richtete.
Die Stille zog sich wie Gummi, bis sie schließlich gewaltsam zerrissen wurde.
BAMM!
Mr. Tachiba schlug plötzlich mit der flachen Faust auf seinen massiven, hölzernen Schreibtisch. Der Knall hallte wie ein Peitschenhieb durch den Raum. Nami und Kenji zuckten zeitgleich zusammen, als hätten sie einen elektrischen Schlag bekommen. Kai hingegen rührte sich nicht; er öffnete lediglich langsam ein Auge und sah seinen Mentor ungerührt an.
„Was in Beyblades Namen versteht ihr nicht bei 'Zwanzig Minuten'?“, herrschte Hiro sie an.
Nami starrte ihren Vater entgeistert an. Sie war überrascht, dass er wegen einer kleinen Zeitüberschreitung derart aus der Haut fuhr...normalerweise war er der Inbegriff von entspannter Professionalität, ein Mann, den so schnell nichts aus der Fassung brachte. Doch der heutige Tag schien auch an seinen Nerven zu zerren.
Sie öffnete gerade den Mund, um eine hastige Entschuldigung vorzubringen, doch ihr Vater schnitt ihr das Wort sofort ab. Sein Blick fixierte nun scharf den jungen Mann ihr gegenüber.
„Kai, hast du ihr die Grundlagen des Seelenbands bereits erklärt?“
Kai hob nun ganz den Blick und nickte kaum merklich. „Leider... mussten wir abbrechen. Ich kann ihr diese Technik nur beibringen, wenn sie hundertprozentig in Form ist.“
Nami bemerkte, wie ihr Vater skeptisch eine Braue hob. „Und... das ist meine Tochter nicht?“, fragte er, und sein Tonfall wurde gefährlich ungeduldig.
Kai lehnte sich leicht vor, die Intensität in seinen roten Augen nahm zu. „Es ging eher darum, dass ich sie nicht mit leerem Magen so eine schwere Technik ausführen lassen wollte.“ Er stoppte kurz, und sein Blick wurde vollkommen ernst. „Wenn jemand mit zu wenig Kraft...sei es durch Schlafmangel oder Hunger...versucht, diese Technik auszuführen, selbst nur die Grundlagen, kann es zu einer sofortigen Erschöpfung und daraus resultierend zu einer Ohnmacht kommen. Das wollte ich nicht riskieren.“
Kais Blick schweifte seitlich zu Nami, die völlig perplex dasaß. Sie hatte zwar gespürt, dass die Technik anstrengend war, aber sie hätte nicht gedacht, dass selbst die bloße Theorie und die ersten Versuche eine derart brachiale körperliche Verfassung verlangten.
„So, so... und dieser Schlafmangel und die Tatsache, dass sie hungrig die Firma betreten hat, hängt nicht zufällig damit zusammen, dass sie die Nacht bei dir verbracht hat?“
Hiro hatte nun die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und die Hände direkt vor seinem Gesicht gefaltet. Seine Augen blitzten forschend hinter seinen Fingern hervor.
~Was zum... woher weiß er davon?!~
, schoss es Nami durch den Kopf. Ein panischer Impuls ließ sie den Kopf zu ihrem Bruder schwenken, doch Kenji hob nur unschuldig die Hände und zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen: Ich war’s nicht!
„Das ist korrekt.“
Kais tiefe Stimme schnitt durch Namis Panik. Er schmunzelte leicht, ohne den Blick von Mr. Tachiba abzuwenden. Es war kein entschuldigendes Lächeln, sondern eines voller Selbstbewusstsein.
„Was wollen Sie hören? Dass ich besser auf sie hätte achten sollen? Dass ich ihr mehr Schlaf hätte gönnen sollen? Tut mir leid, was soll ich sagen. Wir hatten eben andere Prioritäten“, erwiderte Kai, während er die Arme vor der Brust verschränkte und sich mit einer fast schon provozierenden, raubtierhaften Gelassenheit in den Ledersessel zurücklehnte. Seine roten Augen fixierten Hiro ohne jede Spur von Verlegenheit. „Wenn Sie Details wollen, müssen Sie jemand anderen fragen.“
Nami spürte, wie ihr die Röte bis in die Haarwurzeln schoss. Sie wagte kaum zu atmen, als sie den baffen Gesichtsausdruck ihres Vaters sah. Er schien in keiner Weise mit einer solch frechen, direkten Antwort von Kai gerechnet zu haben.
Doch was sie am wenigsten fassen konnte, war das, was folgte: Ein leichtes Schmunzeln stahl sich über Hiros Gesicht, das sich innerhalb von Sekunden in ein schallendes, ehrliches Lachen verwandelte.
„HAHAHAHA!“
~Ugh...~
Nami entwich ein langer, erleichterter Seufzer. Ihr Vater war wieder ganz der Alte.
„Das, mein lieber Kai, ist einer der Gründe, wieso ich dich so mag!“, rief Hiro, während er sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischte. „Immer einen coolen Spruch auf den Lippen und immer direkt, geradeheraus! So mag ich das! ... Nami?“
Nami zuckte unwillkürlich zusammen, als ihr Vater sein Grinsen nun direkt auf sie lenkte. Die Heiterkeit in seinem Gesicht wirkte jedoch flüchtig. „Ihr habt meinen Segen“, sagte er mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Zweifel zuließ. „Aber bitte, nehmt die Sache hier ernst. Es wird noch einiges...“ Sein Lächeln erlosch schlagartig und seine Züge wurden hart. „... auf euch zukommen.“
Nami sah es sofort in seinen Augen. Dieser dunkle Schatten, der dort aufflackerte, hatte etwas mit den Ereignissen von vor fast vier Monaten zu tun – jener Zeit, die alles verändert hatte. Ein beklemmendes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. „Was genau meinst du?“, fragte sie leise. „Die Leute, die das Turnier infiltrieren wollen?“
Mr. Tachiba antwortete nicht sofort. Er erhob sich langsam von seinem breiten Ledersessel, die Bewegungen schwerfällig, als laste das Gewicht der ganzen Firma auf seinen Schultern. Mit ernstem und sehr nachdenklichem Blick schritt er an das große Panoramafenster. „Nicht nur das Turnier, Nami. Wenn es denn überhaupt stattfindet...“
„Also wird es doch abgesagt?“, schoss es aus Nami heraus.
Sekunden der Stille dehnten sich im Raum aus, nur unterbrochen vom fernen Summen der Klimaanlage. Hiro Tachiba stand mit dem Rücken zu ihnen, eine einsame Silhouette gegen das glitzernde Glas der Wolkenkratzer.
„Eher bist du offiziell bereits im Finale... das Halbfinale wird ausgesetzt“, sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen.
Nun war Kais Blick nicht mehr so cool. Seine maskenhafte Gelassenheit bröckelte, und seine Augen verengten sich scharf. Nami sprang regelrecht von ihrem Stuhl auf, ihre Hände krallten sich in die Armlehnen. „Was? Wie... wie meinst du das?“
Mr. Tachiba starrte weiter auf die Stadt Tokio hinab, als suchte er dort unten nach Antworten. „Zwei weitere Teilnehmer des Halbfinales wurden vor ein paar Tagen verletzt aufgefunden...“ Erneut entstand eine schmerzhafte Stille, bevor er den entscheidenden Satz aussprach: „... ihre Bit-Beasts waren gestohlen worden.“
Nami fühlte, wie ihr das Blut in den Adern fror. Sie ließ sich mit entsetztem Blick zurück auf ihren Stuhl sinken. „Was?!“
Ihr Vater warf nun einen flüchtigen Blick über seine Schulter. „Es ist wahr. Sie sind somit kampfunfähig...es sei denn, sie erholen sich wie durch ein Wunder und finden ihre Bit-Beasts wieder. Das Turnier ist jedoch bereits in zwei Wochen, und es sieht wirklich nicht gut aus. Nur noch du und ein anderer Teilnehmer sind übrig.“
Mr. Tachiba löste nun seinen angespannten Körper aus der Starre und drehte sich wieder ganz zu ihnen um. Die väterliche Wärme war einer fast schon beängstigenden Entschlossenheit gewichen. „Das ist auch der Grund, weshalb du diese Technik unbedingt lernen musst, mein Kind. Du musst verhindern, dass jemand deinen mächtigen Pegasus stiehlt. Denn wenn das geschehen sollte, wird die ganze Sache nur noch hässlicher.“
Sein Blick bohrte sich in ihren, und Nami spürte eine aufkeimende Angst. Das war kein einfaches Turnier-Drama mehr; das hier war Krieg.
„Deshalb wird Kai dich unterrichten“, fuhr Hiro fort. „Und ja, ich möchte auch, dass du die nächsten zwei Wochen ununterbrochen mit ihm zusammen bist.“
Er bemerkte den schockierten Gesichtsausdruck seiner Tochter sofort. „Ununterbrochen... heißt das, du willst... also...“, stammelte Nami, während ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte.
„Ich möchte, dass du für die nächsten zwei Wochen bei Kai einziehst“, bestätigte Hiro mit einer Endgültigkeit, die keinen Raum für Widerrede ließ.
Nami verstand die Welt nicht mehr. Ihr Kopf drehte sich. Wie konnte er so etwas von ihr verlangen? War sie im falschen Film? Es war nicht so, dass sie der Gedanke abstieß – ganz im Gegenteil –, aber die Worte ihres Vaters wirkten in diesem professionellen Umfeld vollkommen surreal. Welcher Vater verlangte von seiner Tochter, Hals über Kopf bei ihrem neuen Freund einzuziehen? Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass auch Kai sichtlich überrascht war, auch wenn er die Fassung schneller zurückgewann als sie.
„Ich möchte, dass er dich beschützt. Dass er dein Schatten ist“, erklärte Hiro weiter, als wäre es das Logischste der Welt. „Ich möchte, dass er dich weiterhin von der Schule abholt, mit dir zur Arbeit fährt und dich sogar zum Einkaufen begleitet. Das wird euch als frisches Paar ja wohl nicht sehr schwerfallen, oder?“
Jetzt sickerte die bittere Wahrheit zu ihr durch. Sie war in Gefahr. Das Turnier war nur die Spitze des Eisbergs. Sobald sie die schützenden Mauern der Firma verließ, war sie eine Zielscheibe. Sie war wahrscheinlich bereits die nächste auf der Liste dieser skrupellosen Jäger.
„Ich selber kann dich jedenfalls nicht so beschützen, wie er es kann.“ Hiro hob die Hand und gab Kai einen kleinen, anerkennenden Wink. „Es ist besser, wenn er in deiner Nähe ist und dir innerhalb der nächsten Tage das Seelenband beibringt."
Ein eisiges Schweigen ging von Kai aus. Seine Züge verhärteten sich, und für einen Wimpernschlag blitzte der ungezähmte Stolz des Hiwatari-Erben auf, der es zutiefst verabscheute, wenn andere über seinen Raum verfügten. Doch als sein Blick zu Nami wanderte und er das blasse Entsetzen in ihren Augen sah, legte sich die Kälte. Seine Hand bewegte sich ruhig über den Tisch und umschloss ihre Finger mit einem unnachgiebigen, fast schon schmerzhaft festen Griff. „Sie wird in meinem Penthouse absolut sicher sein“, sagte Kai mit einer Stimme, die keinen Zweifel daran ließ, dass er dieses Versprechen mit seinem Leben verteidigen würde. „Verlassen Sie sich drauf.“
„Bitte enttäusch mich nicht“, sagte Hiro mit belegter Stimme. „Sie muss es unbedingt lernen. Besser, sie beherrscht es, bevor etwas passiert.“
Nami sah zur Seite und spürte die vertraute Wärme von Kais Hand, die nach ihrer griff und sie fest umschloss. Es war ein stummes Versprechen, eine Verankerung in diesem aufgewühlten Meer aus schlechten Nachrichten. Natürlich blieb diese Geste auch Hiro Tachiba nicht verborgen. Ein kurzer Moment der Erleichterung huschte über sein Gesicht.
„Gut... gut. Ihr dürft nun gehen.“
Er wirkte zufrieden. Hiro wusste, dass es für einen Mann wie Kai Hiwatari ein gewaltiger Schritt war, seine Gefühle so offen zu zeigen. Das Händchenhalten war für Kai mehr als nur eine Geste...es war ein öffentliches Bekenntnis, das Hiro mehr Sicherheit gab als jede Leibwache es je könnte.