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Überraschung

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Überraschung

Der schwere Wagen rollte sanft durch den dichten Verkehr Tokios, während die luxuriöse Innenausstattung eine angenehme Barriere zur hektischen Außenwelt bildete. Nami lehnte sich in den bequemen Ledersitz, ihre Haare waren noch leicht feucht und dufteten nach dem hochwertigen Shampoo der Firma. Sie fühlte sich herrlich erfrischt, auch wenn das leichte Prickeln auf ihrer Haut sie immer wieder an die intensiven Momente unter der Dusche erinnerte.

Sie warf einen Seitenblick auf Kai, dessen Hände locker, aber sicher am Lenkrad lagen. Sein Profil wirkte wie gemeißelt.

„Weißt du“, begann sie mit einem verschmitzten Unterton und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, „du kannst gerne öfter mit mir duschen. Es hat... definitiv seine Vorzüge.“ Sie hielt kurz inne und fügte dann mit einem amüsierten Funkeln in den Augen hinzu: „Aber nächstes Mal bitte in einem etwas privateren Umfeld. Mein Herzschlag war vorhin nicht nur wegen dir auf zweihundert, sondern auch wegen der Angst, dass die Marketing-Abteilung meines Vaters plötzlich zur Teampflege reinkommt.“

Kai warf ihr aus den Augenwinkeln einen Blick zu. Seine Lippen zuckten kaum merklich, ein Ausdruck von amüsiertem Stolz über seine eigene Dreistigkeit. Nami musste bei seinem Blick hell auflachen. Es war dieses wortlose Verständnis zwischen ihnen, das die Spannung des Tages allmählich abfallen ließ.

Wenig später bogen sie in die gehobene Wohngegend am Rande der Stadt ein. Schließlich bremste der Wagen vor einem beeindruckenden Anwesen ab. Die Villa war ein Meisterwerk moderner Architektur...klare Linien, viel Glas und Naturstein, eingebettet in einen perfekt gepflegten Garten, der trotz der Größe eine einladende Wärme ausstrahlte.

Kai schaltete den Motor aus und betrachtete das Gebäude durch die Windschutzscheibe. Es war das Erste Mal, dass er die Tachiba Villa im hellen Tageslicht sah. „Ich hätte nichts anderes erwartet als diese riesige Villa“, stellte er trocken fest. „Es passt zu deinem Vater.“

Nami lächelte und schnallte sich ab. „Naja, bei fünf Kindern hätte etwas Kleineres wohl kaum gereicht. Das Haus braucht den Platz, um all die Energie von uns Geschwistern zu schlucken, ohne aus den Nähten zu platzen.“

Sie stiegen aus und die kühle Abendluft empfing sie. Nami trat um den Wagen herum, griff nach Kais Hand und verschränkte ihre Finger fest mit seinen. Sie spürte seinen kurzen Moment des Zögerns, doch er ließ es zu.

„Komm schon“, zog sie ihn sanft in Richtung der imposanten Haustür. „Meine Mutter wird Augen machen, wenn wir so hier aufkreuzen. Ich glaube, sie hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass ich mal jemanden mit nach Hause bringe.“

Nami kramte ihren Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn in das Schloss und schob die schwere Eichentür mit einem leisen Quietschen nach innen auf. „Ich bin zu Hause!“, rief sie in die Weite des Hauses hinein.

Sie schritten gemeinsam in die große, lichtdurchflutete Eingangshalle. Der Boden aus polierten Marmorfliesen glänzte unter dem Licht der hohen Decke und verlieh dem Raum eine fast schon herrschaftliche Aura. Kai folgte ihr schweigend, während sie ihre Schuhe neben der großen Garderobe abstellten, in der sich bereits die Jacken der restlichen Familie stapelten.

„Ahh, sehr gut, du bist da, mein Schatz...“, erklang die Stimme von Hilda Tachiba aus der Ferne, doch von ihrer Person war zunächst nichts zu sehen.

Kai folgte Nami durch den langen Flur, der das Herzstück des Hauses mit den Wohnräumen verband. Seine Schritte waren lautlos, doch sein Blick wurde unwillkürlich von den vielen Familienbildern angezogen, die die Wände säumten. Ohne dass Nami es bemerkte, blieb er kurz stehen. Seine sonst so kühlen Züge entspannten sich, als sein Blick auf das Porträt eines kleinen, weißhaarigen Mädchens fiel. Sie hatte ein entwaffnendes Lächeln und große, neugierige Augen.

~Wie alt sie da wohl war? Vielleicht fünf?~, dachte er bei sich. Auf diesem Bild wirkte Nami so klein und zerbrechlich, ein krasser Gegensatz zu der selbstbewussten Frau, die sie heute war. Das Gefühl, dass er dieses Mädchen um jeden Preis beschützen wollte, festigte sich in seinem Inneren.

„Hat Brooklyn dich gefunden?“, rief Mrs. Tachiba nun lauter, während sie in der Küche einen Apfel zerschnitt und nur kurz über ihre Schulter blickte. „Er stand heute Morgen ganz plötzlich vor der Tür, um dich zu überraschen. Ich habe ihn dann in die Firma geschickt, weil ich mir dachte, dass du dort sein müsstest.“

Nami erstarrte mitten in der Bewegung. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, als sie die Worte ihrer Mutter vernahm. Sie wirbelte sofort herum und blickte in den Flur zu Kai. ~WAHHH... was macht er da?~ Er starrte noch immer auf die Bilder, doch Nami sah genau, wie er bei dem Namen „Brooklyn“ die Ohren spitzte. Die entspannte Aura von eben war schlagartig verflogen.

„A-also hast DU Brooklyn zu mir geschickt?“, stammelte Nami, während sie versuchte, ihre Stimme fest klingen zu lassen. „Wieso hast du das getan? Das war wirklich nicht notwendig gewesen, ehrlich...“ Ihr war die Situation sichtlich unangenehm, besonders da sie spürte, wie Kai sich nun langsam von den Bildern abwandte und seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Gespräch in der Küche richtete.

„Na, wieso denn nicht?“, erwiderte Hilda ahnungslos, während sie weiter das Obst zerkleinerte. „Er war immer so ein netter Bursche. Ich habe eh nie verstanden, wieso du ihn damals abgewiesen hast. Er ist doch nun wirklich eine Augenweide und ganz entzückend...“

Nami biss sich auf die Lippe und unterdrückte ein genervtes Stöhnen. ~Ja, weil du ihn nie wirklich richtig kennengelernt hast und er sich in deiner Gegenwart immer nur von seiner besten Seite gezeigt hat...~, dachte sie grimmig.

Sie wagte kaum, zu Kai herüberzusehen. Sie wusste, dass das Thema Brooklyn für ihn ein rotes Tuch war, und dass ihre Mutter ihn gerade auch noch als „Augenweide“ bezeichnet hatte, machte die Sache sicher nicht besser. Die Luft im Flur fühlte sich plötzlich wieder so aufgeladen an wie vor dem Training in der Firma.

Nami atmete tief durch. Sie versuchte, ihrer Mutter den Ernst der Lage begreiflich zu machen, ohne dabei völlig die Fassung zu verlieren.

„Mama, bitte...“, setzte sie an und ihre Stimme klang flehentlicher, als sie beabsichtigt hatte. „Du solltest wirklich mal seinen Namen bei Google eingeben. Such nach ‚Brooklyn Masefield‘ und lies dir die Berichte über seine letzten Turniere durch. Da steht schwarz auf weiß, warum er definitiv keine gute Wahl wäre...ganz abgesehen davon, dass ich sowieso nie auch nur einen Funken Interesse an ihm hatte.“

Hilda hielt kurz in ihrer Bewegung inne, das Messer über dem Apfel schwebend, und sah Nami mit einem sanften, fast schon bemitleidenden Lächeln an. Sie war eine Frau, die ihren Frieden in den schönen Dingen des Lebens fand. Ihr Terminkalender war gefüllt mit Kaffeekränzchen mit den Nachbarinnen und ausgedehnten Yoga-Stunden, die sie mehr als alles andere schätzte. Die aggressive, hochtechnologisierte Welt von Beyblade und die düsteren Biografien allseits bekannter Blader waren für sie so weit weg wie ein fremder Planet.

Für Hilda war Brooklyn einfach der junge Mann mit den hübschen Gesichtszügen gewesen, der bei den wenigen Begegnungen auf großem Turnieren oder BBA Galas, stets höflich gegrüßt und ihr Komplimente für ihre Garderobe gemacht hatte. Dass hinter dieser makellosen Fassade eine gefährlich instabile Persönlichkeit lauerte, die fähig war, alles um sich herum in den Abgrund zu reißen, war für sie schlichtweg unvorstellbar.

„Ach, Schatz, das Internet übertreibt doch immer“, erwiderte Hilda leichtfertig und schob die Apfelschnitze in eine Schüssel. „Die Leute schreiben so viel, wenn der Tag lang ist. Ich verlasse mich lieber auf meinen persönlichen Eindruck, und der war bei ihm wirklich entzückend. Er wirkt so... ruhig.“

Nami spürte, wie sie innerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Sie merkte aus den Augenwinkeln, wie Kai sich bei der Erwähnung von Brooklyns „ruhiger Art“ merklich versteifte. Hilda wusste einfach nichts von den psychischen Abgründen, den zerstörten Arenen und dem Wahnsinn, der in Brooklyn tobte, sobald er eine Beyblade-Arena betrat. Für sie war er eine „Augenweide“, für Nami und Kai eine tickende Zeitbombe.

„Er ist nicht ruhig, Mama. Er ist unberechenbar“, presste Nami hervor. „Aber es ist jetzt auch egal. Ich bin heute nicht alleine gekommen.“

Sie machte eine einladende Geste in Richtung des Flurs, hoffend, dass Kais bloße Präsenz das Thema Brooklyn ein für alle Mal im Keim ersticken würde.

Hilda war so vertieft in ihr Obst, dass sie gar nicht bemerkte, wie sich die Energie im Raum veränderte. Da Kenji  noch gestern von einem Filmabend mit Momoko gesprochen hatte, war sie sich sicher, dass Namis beste Freundin gerade im Flur wartete.

„Ach, Liebes“, fuhr Hilda fort, während sie eine Schale mit Wasser füllte, „du musst dich nicht rechtfertigen. Ich will ja nur, dass du glücklich bist. Aber sag mal ehrlich...“ Sie hielt inne und sah Nami mit einem mitleidigen Blick über ihre Schulter an. „Bist du immer noch so furchtbar in diesen Kai Hiwatari verliebt? Also in denjenigen, wegen dem du erst vor einer Woche die halbe Nacht weinend im Bett lagst? Du warst ja am Boden zerstört.“

Nami erstarrte. Sie spürte, wie ihr das Blut augenblicklich in die Wangen schoss und dort wie ein Lauffeuer brannte. In diesem Moment hätte sie am liebsten den Marmorboden angefleht, sich zu öffnen und sie zu verschlucken. Sie wagte es nicht, den Kopf zu drehen, doch sie hörte, wie das leise Knirschen von Kais Schritten im Flur abrupt aufhörte und sah aus den Augenwinkeln wie seine Silhouette inne hielt. Die Stille, die nun folgte, war so dickflüssig, dass man sie hätte schneiden können.

Kai verharrte im Schatten des Flurs. Seine Miene war für einen Moment nicht mehr lesbar, während er die Worte „weinend im Bett“ in seinem Kopf nachhallen ließ. Ein kurzer Blick streifte Namis Wange, die sichtlich mit ihrer Fassung kämpfte.

Bevor Hilda sich ganz umdrehen konnte, erklang Kais Stimme...tief, trocken und mit jener unerschütterlichen Ruhe, die jeden im Raum augenblicklich zum Verstummen brachte.

„Ja“, sagte er, noch immer halb im Schatten verborgen, „genau in...diesen...Kai Hiwatari.“

Hilda Tachiba zuckte so heftig zusammen, dass ihr fast das Messer aus der Hand glitt. Das Geräusch dieser markanten, maskulinen Stimme passte so gar nicht zu dem Bild von Momoko, das sie im Kopf gehabt hatte. Sie drehte sich herum, als Kai schließlich aus dem Flur trat und direkt neben Nami zum Stehen kam.

Seine Präsenz schien den Raum schlagartig auszufüllen. Er war größer, breiter und wesentlich einschüchternder, als Hilda ihn in Erinnerung hatte. Seine granatroten Augen ruhten für einen Moment auf Nami, die die Augen fest zusammenkniff und vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre, ehe er Hilda mit einem kühlen, professionellen Nicken fixierte.

„Guten Abend, Mrs. Tachiba“, fügte er hinzu, wobei ein winziger, fast provokanter Schatten eines Schmunzelns um seine Mundwinkel spielte.

Hilda stand mit halb offenem Mund da. Das Messer in der einen, der angeschnittene Apfel in der anderen Hand, starrte sie den jungen Mann an, der gerade das Zentrum ihrer mütterlichen Sorgen...und ihrer indiskreten Frage...geworden war.

Das Blut wich aus ihrem Gesicht, nur um einer tiefen, peinlich berührten Röte Platz zu machen, die langsam ihre Wangen hinaufkletterte. Sie sah von Kai zu Nami und wieder zurück, während sie händringend nach ihrer Fassung suchte.

„O-oh Gott...“, stammelte sie schließlich und legte das Messer weg und die Hand auf ihre Brust, als müsste sie ihr Herzschlag beruhigen. „Nami! Wieso um alles in der Welt hast du denn nichts gesagt? Dass ich... dass er...“ Sie brach ab und warf Kai einen gequälten, entschuldigenden Blick zu.

Nami stieß ein langes, resigniertes Seufzen aus und rieb sich mit der freien Hand über die Schläfe. „Vielleicht deshalb, weil du einfach nicht aufgehört hast zu reden, Mama?“, entgegnete sie trocken, wobei ein Hauch von Amüsement durch ihre Peinlichkeit schimmerte. „Ich kam ja gar nicht dazu, ihn vorzustellen.“

Hilda schwieg und musterte Kai nun mit einer Mischung aus Neugier und vorsichtiger Prüfung. Man sah ihr an, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete...sie versuchte krampfhaft, die Information über das Weinen ihrer Tochter mit der imposanten, fast schon majestätischen Erscheinung des jungen Mannes in Einklang zu bringen, der nun in ihrer Küche stand. Kai erwiderte ihren Blick ungerührt, seine Miene blieb eine perfekt kontrollierte Maske, doch die Intensität seiner Aura war beinahe greifbar.

Doch dann bemerkte Hilda die kleine, entscheidende Geste.

Nami suchte blindlings nach Kais Hand und fand sie. Vor den Augen ihrer Mutter verschränkte sie ihre Finger fest mit seinen. Es war eine Geste voller Vertrauen und Zusammenhalt, ein stilles Bekenntnis, das mehr sagte als tausend Worte der Erklärung.

In diesem Moment veränderte sich Hildas Gesichtsausdruck schlagartig. Das peinliche Berührtsein wich einem strahlenden Erkennen, und ihre Augen begannen förmlich zu leuchten. Sie legte nun auch den Apfel beiseite und faltete die Hände unter dem Kinn.

„Na endlich!“, rief sie aus, und ihre Stimme klang nun wieder ganz nach der lebensfrohen Hilda. Ihr Blick huschte bewundernd über Kai, von seinen markanten Gesichtszügen bis hin zu seiner athletischen Statur. „Endlich bringt Nami mal einen gutaussehenden jungen Mann mit nach Hause! Ich habe mir schon Sorgen gemacht, Liebes...du warst ja immer so furchtbar wählerisch und hast jeden abgeschmettert.“

Sie trat einen Schritt näher, ihre mütterliche Instanz hatte die peinliche Situation vollkommen verdrängt. „Aber ich sehe schon... dein Geschmack ist wohl doch exquisit. Verzeih mir meinen... ungestümen Empfang, Kai. Komm doch rein, setz dich! Möchtest du einen Tee? Oder vielleicht einen dieser Äpfel?“

Nami warf Kai einen vielsagenden Blick zu, der irgendwo zwischen „Willkommen in meiner verrückten Familie“ und „Habe ich es dir nicht gesagt?“ schwankte.

Kai zog lediglich eine Augenbraue hoch, doch der feste Druck, mit dem er Namis Hand hielt, verriet ihr, dass er nicht vorhatte, den Rückzug anzutreten. Dennoch arbeitete es in seinem Kopf. Eine derart große, funktionierende Familie war für jemanden, der in den kalten Mauern der Abtei aufgewachsen war, ein völlig absurdes Konzept. Er war es gewohnt, auf Feinde zu treffen, nicht auf mütterliche Fürsorge und das Angebot von Tee und Äpfeln. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, sich in diesem Wirbelsturm aus Emotionen nicht wie ein Eindringling zu fühlen.

Erst in diesem Moment, in der hellen Beleuchtung der Küche, fiel Kai auf, wie außergewöhnlich attraktiv Mrs. Tachiba war. Es war beinahe erschreckend, wie sehr Nami ihrer Mutter ähnelte...dieselbe stolze Haltung, die feinen Gesichtszüge und diese lebendigen Augen. Wenn er Hilda ansah, sah er eine ältere, gereiftere Version der Frau, die gerade seine Hand hielt.

Plötzlich zerriss das schrille Läuten der Türklingel die Idylle. Mrs. Tachiba klatschte einmal freudig in ihre schlanken Hände, ein Geräusch wie ein kleiner Startschuss. „Oh, da sind sie auch schon!“, rief sie begeistert.

Mit einer Energie, die man ihr auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte, setzte sie ihren grazilen Körper in Bewegung. Sie huschte an Kai und Nami vorbei, wobei ein dezenter Duft nach Blumen und teurem Parfüm in der Luft hängen blieb. „Ihr zwei seid wirklich zur perfekten Zeit hier aufgeschlagen! Geht doch schon mal vor ins Wohnzimmer“, rief sie über die Schulter, während sie bereits am Ende des Flurs um die Ecke verschwand, ohne eine weitere Erklärung abzugeben.

Nami sah ihr verwirrt nach. „Wer kommt denn jetzt noch zu Besuch?“, murmelte sie eher zu sich selbst, doch sie ließ sich die Laune nicht verderben. Sie zog Kai sanft an der Hand mit sich, weg von der funktionalen Kühle der Küche hinein in den Wohnbereich.

Das Wohnzimmer der Tachibas war beeindruckend. Es war ein riesiger Raum, der durch die hohen Panoramafenster fast nahtlos in den herbstlichen Garten überzugehen schien. Das warme Licht der tiefstehenden Sonne flutete das Zimmer und brachte die edlen Holzmöbel zum Leuchten.

Ehe Kai die Umgebung genauer analysieren konnte, spürte er, wie Nami sich aus seinem Griff löste, nur um sich direkt vor ihn zu stellen. Mit einer fließenden Bewegung schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und drückte sich fest an ihn, als wollte sie sicherstellen, dass er wirklich hier war. Kai zögerte keine Sekunde; er platzierte seine Hände sicher an ihrer Taille und zog sie ein Stück näher.

„Du machst das wunderbar, Kai... ehrlich“, flüsterte sie, während sie zu ihm aufsah. Ihr Gesicht strahlte eine solche Wärme aus, dass selbst Kais kühle Fassade endgültig zu bröckeln begann. „Ich weiß, dass dich so viel Trubel eher abschreckt, aber...du hast das gerade mit Bravour gemeistert.“

Sie lächelte so breit, während sich ihre Nasenspitzen zärtlich berührten. Kai schmunzelte, ein ehrlicher, kleiner Ausdruck von Zuneigung, den er nur für sie reserviert hatte. Er neigte den Kopf ein Stück und gab ihr einen flüchtigen, zärtlichen Kuss.

„Es ist definitiv eine Herausforderung.“, gestand er leise. Seine Stimme war rau und vollkommen aufrichtig. „... aber ich glaube, ich gewöhne mich daran.“

Namis Herz machte einen regelrechten Hopser in ihrer Brust. Sie legte den Kopf schräg und sah ihn mit feuchten Augen an. „Da bin ich mir sicher, Kai“, hauchte sie, tief berührt von seiner ungewohnten Offenheit.

Plötzlich wurde die intime Stille zwischen Nami und Kai durch einen aufgeregten Ruf zerrissen. „Nami!“ Die Stimme klang hell, voller Energie und schwang vor Vorfreude.

Nami löste sich leicht aus Kais Umarmung und spähte an seinem starken Arm vorbei in den Raum. Dort, mitten im sonnendurchfluteten Wohnzimmer, stand eine junge Frau, deren bloße Präsenz den Raum zu erhellen schien.

„Hana!“, schrie Nami fast schon vor Begeisterung. Ohne eine Sekunde zu zögern, stürmte sie auf die Frau zu. Hana lachte hell auf und breitete beide Arme weit aus, um ihre jüngere Schwester aufzufangen. Die beiden klammerten sich förmlich aneinander, und Kai beobachtete, wie Nami von einer Woge der Erleichterung und Freude übermannt wurde.

Kai blieb im Hintergrund, doch sein analytischer Blick war geschärft. Was er sah, versetzte ihn in ein seltenes Staunen: Die Frau, die Nami gerade beinahe erdrückte, war ein beinahe exaktes Abbild seiner Freundin. Zwar war ihre Stimme tiefer und reifer, doch die Ähnlichkeit war verblüffend. Ihr silbrig-weißes Haar reichte ihr ebenfalls bis zum Gesäß, fiel jedoch...im Gegensatz zu Namis wilden Wellen...in einem glatten, seidigen Vorhang herab. Als sie über Namis Schulter blickte, trafen ihre Augen die seinen; sie leuchteten in einem tiefen Amethystton, der fast schon unnatürlich schön wirkte. Ihre Ausstrahlung war die einer erfolgreichen Frau, die fest im Leben stand, doch ihre Schönheit war zweifellos derselben Quelle entsprungen wie die von Nami.

„Hana, was machst du denn hier in Tokio?“, fragte Nami atemlos, während sie sich langsam voneinander lösten. „Du hättest doch erst in zwei Wochen kommen sollen!“

„Ich wollte euch alle überraschen“, sagte Hana und strich Nami liebevoll eine Locke aus dem Gesicht. „Ich habe der gesamten Familie etwas Wichtiges mitzuteilen.“ Ihr Blick hob sich nun endgültig und blieb an Kai hängen. Ein kurzes, anerkennendes Staunen huschte über ihre Züge. „Und was sehe ich da? Hast du dir tatsächlich den großen Kai Hiwatari geangelt?“

Nami errötete augenblicklich, doch Hana war klug genug, die Kommentare über Namis jahrelange Schwärmerei für den kühlen Champion stecken zu lassen. Nami warf ihrer Schwester einen dankbaren Blick zu.

Hana trat auf Kai zu, die Hand ausgestreckt. „Ich bin Hana, Namis ältere Schwester. Es ist mir ein Vergnügen, dich endlich persönlich kennenzulernen.“ Kai erwiderte ihren Handschlag mit einem festen Griff und einem knappen, aber respektvollen Nicken.

„Also... was ist es? Was willst du uns so Wichtiges sagen? Na, sag schon!“, drängte Nami, die vor Neugier fast platzte. Sie wirkte in diesem Moment so aufgekratzt und jung, dass Kai ein leises Schmunzeln nicht unterdrücken konnte. Er genoss die kindliche, unbeschwerte Interaktion zwischen den Schwestern; es war ein Einblick in eine Welt von Geschwisterliebe, die ihm völlig fremd war. Hätte er es nicht gewusst, er hätte kaum sagen können, wer von diesen beiden Schönheiten die Ältere war.

„Ruhig, ruhig, kleine Schwester“, lachte Hana und legte eine Hand beruhigend auf Namis Schulter. „Warten wir erst mal auf Zayn.“

Wie aufs Stichwort tauchte hinter Hana ein sehr groß gewachsener, gutaussehender Mann auf. Er mochte Mitte zwanzig sein und strahlte eine ruhige, maskuline Souveränität aus. Sein Blick wanderte freundlich durch die Runde und blieb schließlich bei Kai hängen, dem er mit einem knappen, kameradschaftlichen Nicken zunickte.

„Guten Abend“, sagte Zayn mit einer angenehm tiefen Stimme und legte seinen Arm besitzergreifend, aber sanft um Hanas Taille. Er wirkte wie der perfekte Gegenpol zu Hanas lebendiger Art...ein Fels in der Brandung, der das Familiengeschehen mit einer entspannten Gelassenheit beobachtete.

Kai spürte, wie er sich innerlich wappnete. Die schiere Anzahl an neuen Gesichtern, Namen und Familiendynamiken drohte seine gewohnte emotionale Distanz zu durchbrechen. Wie viele Menschen gehörten eigentlich zu diesem Clan? Innerlich war er, trotz seiner jahrelangen Erfahrung in feindseligen Beyblade-Arenen, mit dieser geballten Ladung an familiärer Intimität dezent überfordert. Doch nach außen hin blieb er der unerschütterliche Fels; seine Miene war so glatt und undurchdringlich wie polierter Obsidian.

„Mama, wo ist denn der Rest der Familie?“, fragte Hana und drehte sich zu ihrer Mutter herum, die in diesem Moment mit einem silbernen Tablett den Raum betrat. Das helle Klirren der Saftgläser begleitete ihren Auftritt.

Hilda Tachiba stellte das Tablett mit einer grazilen Bewegung auf den gläsernen Couchtisch, der das Zentrum der Sitzgruppe bildete. „Na, dein Vater ist noch bei der Arbeit, und so viel ich verstanden habe, wird es heute spät bei ihm“, erklärte sie, während sie die Gläser ordnete. „Kenji ist ebenfalls noch in der Firma gebunden. Noah ist noch für etwa eine Stunde beim Kindertanzen, und Midori übernachtet heute bei einer Freundin.“

Ein Schatten der Enttäuschung huschte über Hanas wunderschönes Gesicht, was ihrer Mutter nicht entging. Hilda richtete sich auf und sah ihre älteste Tochter forschend an. „Hättest du mir ein bisschen früher Bescheid gesagt, dass ihr kommt, hätte ich besser planen können. Aber ich wusste auch nicht, dass du plötzlich so viel Wert darauf legst, dass alle gleichzeitig beieinander sind.“ Sie legte den Kopf schräg. „Oder wieso schaust du so enttäuscht?“

Hana fing sich schnell und ein geheimnisvolles Lächeln stahl sich zurück auf ihre Lippen. Sie schüttelte leicht den Kopf, wobei ihre glatten, silbrigen Haare im Sonnenlicht schimmerten. „Du hast ja recht, Mama. Dass wir euch besuchen, war wirklich eine recht spontane Entscheidung von uns beiden.“

Sie drehte sich zu Zayn um, der mit einer ruhigen, fast beschützerischen Aura hinter ihr stand. Mit einer vertrauten Geste legte sie ihre Hand flach auf seine breite Brust und schmiegte sich seitlich eng an ihn. Zayn reagierte sofort; er legte seinen Arm erneut um ihre Taille und zog sie mit einer besitzergreifenden, aber unendlich sanften Bewegung noch näher zu sich.

„Na, dann erfahrt ihr es halt zuerst...“, begann Hana, und ihre Stimme bebte leicht vor unterdrückter Aufregung.

Ihr Blick strahlte förmlich vor Glück, als sich ihre amethystfarbenen Augen mit den dunklen Augen ihres Verlobten trafen. Es war ein Moment reiner, unverfälschter Freude, der selbst den Raum zwischen ihnen elektrisierte.

„Wir wollten euch verkünden, dass ich schwanger bin“, verkündete Hana stolz, während ihre Hand unbewusst tiefer zu ihrem Bauch glitt. „Wir erwarten ein Baby.“

Stille trat ein...eine jener seltenen Sekunden, in denen die Zeit stillzustehen scheint.