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Ich war deine Rettung

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Ich war deine Rettung

Etwa vierzig Minuten später...

Die Fahrt durch die nächtlichen Straßenschluchten Tokios war von einem Schweigen begleitet gewesen, das sich wie eine physische Barriere zwischen sie geschoben hatte. Das kalte, neonblaue Licht der Reklametafeln tanzte rhythmisch über Kais markantes Profil, während er den Wagen mit mechanischer Präzision durch den Verkehr steuerte.

Als sie schließlich sein Penthouse betraten, fühlte sich die kühle, moderne Eleganz der Wohnung fast schon fremd an. Nami suchte verzweifelt seinen Blick. Diese dreißig Minuten Stille hatten an ihren Nerven gezehrt; jede Minute fühlte sich an wie eine Ewigkeit, in der sie versuchte zu ergründen, was hinter seiner Stirn vorging. ~Was geht nur in ihm vor?~, fragte sie sich beklommen. Bereute er seine Offenheit? Wollte er die Mauern wieder hochziehen?

Kai spürte ihre prüfenden Augen, doch er zwang sich, geradeaus zu sehen. In seinem Inneren tobte ein seltener Kampf gegen seine eigenen Prinzipien. Er rief sich seine emotionalen Worte ins Gedächtnis...Worte, die er sonst niemals laut ausgesprochen hätte. Ein dunkler Zweifel nagte an ihm: *

~Was ist, wenn sie irgendwann daran zerbricht? Wenn ich ihr die Möglichkeit nehme, wirklich glücklich zu sein?~. Er erwog kurz den Gedanken, dass sie vielleicht gar nicht lange zusammenbleiben würden, doch er schüttelte ihn sofort innerlich ab. Kai Hiwatari traf keine halben Entscheidungen. Wenn er sich einmal festlegte, dann gab es kein Zurück mehr. Und die Vorstellung, jemals wieder so für eine Frau zu empfinden wie für Nami, schien ihm schlicht unmöglich.

Er stellte ihre Tasche wenig später im Penthouse mit einer fast schon zu sachlichen Bewegung auf die schwere Leder-Couch. Sein Blick vermied es jedoch weiterhin vehement, die ozeane Tiefe ihrer Augen zu streifen.

„Wir sollten endlich mit der ersten Lektion beginnen“, sagte er leise, seine Stimme so kontrolliert, dass sie fast schon unterkühlt wirkte.

Ohne auf eine Antwort zu warten oder Nami auch nur eine Sekunde lang anzusehen, schritt er vom Wohnzimmer aus in den breiten, dunkel gehaltenen Flur. „Na, komm schon...“, forderte er sie auf. Nami folgte ihm mit einem flauen Gefühl im Magen; sein abruptes Umschalten in den Lehrer-Modus verunsicherte sie zutiefst.

Der Raum, den er schließlich öffnete, war ihr bisher verborgen geblieben. Als sie über die Schwelle trat, änderte sich die Atmosphäre schlagartig. Der moderne Luxus des restlichen Penthouses wich einer traditionellen, fast meditativen Stille. Der Boden war lückenlos mit duftenden Tatami-Matten ausgelegt. Anstelle von festen Wänden dominierten filigrane japanische Schiebeelemente, und ein riesiges, kreisrundes Fenster bot einen dramatischen Blick auf das glitzernde Lichtermeer von Tokio, das sich wie ein Teppich aus Diamanten unter ihnen ausbreitete. Die Beleuchtung war gedämpft und warf lange, weiche Schatten, die dem Raum etwas Sakrales verliehen.

Kai bewegte sich zum Zentrum des Raumes und ließ sich im Schneidersitz nieder. Seine Haltung war kerzengerade, die Hände ruhten locker auf seinen Knien. Endlich hob er den Kopf und sah Nami direkt an, die immer noch ein wenig verloren im Türrahmen verharrte.

„Was stehst du da so rum? Komm und setz dich“, forderte er sie auf. Trotz der Ernsthaftigkeit schwang nun eine unerwartete Sanftheit in seiner Stimme mit. Er war sich ihres Unbehagens bewusst...er spürte, dass sein Schweigen sie verunsichert hatte, und auch wenn er die Distanz brauchte, um sie unterrichten zu können, wollte er sie nicht verschrecken.

Nami nickte stumm und trat auf die weichen Matten. Sie setzte sich ihm gegenüber, ebenfalls im Schneidersitz, sodass ihre Knie sich fast berührten. Die Stille des Raumes schien den Lärm der Stadt draußen komplett zu verschlucken, und für einen Moment gab es nur das gleichmäßige Atmen der beiden und das ferne Funkeln Tokios im Hintergrund. Die Lektion hatte begonnen.

„Das hier ist mein kleines privates Dojo“, erklärte er ruhig, ohne den Blick von ihr zu wenden. „Hier bekommt man gut den Kopf frei. Um das Seelenband zu meistern, musst du deinen Geist zuallererst komplett von allem Ballast befreien. Er muss frei sein von Sorge, von den Stimmen des Alltags und vor allem muss er alten Schmerz loslassen können.“

Nami beobachtete ihn fasziniert. Kai schloss nun die Augen, seine Züge wirkten in der Meditation wie eine unbewegliche Maske aus Alabaster. Er strahlte eine Souveränität aus, die ihr klarmachte, dass er diesen Pfad schon tausende Male allein beschritten hatte.

„Hast du deinen Blade?“, fragte er plötzlich.

Nami zuckte unwillkürlich zusammen, aus ihren eigenen Gedanken gerissen. „J-Ja, natürlich...“, stammelte sie und griff hastig in ihre Tasche. Als sie ihren silbrig weiß glänzenden Blade hervorholte, schien das Metall das spärliche Licht des runden Fensters regelrecht aufzusaugen. Der Bit-Chip funkelte wie ein gefrorener Stern in ihrer Handfläche.

„Gut. Leg es vor dir auf den Boden.“

Mit leicht zitternden Fingern platzierte sie den Blade genau in der Mitte der Tatami-Matte zwischen ihnen. „Okay.“

„Nun schließe deine Augen“, befahl er mit tiefer, beinahe hypnotischer Stimme. „Und denk an all die Dinge, die dir Sorgen bereiten. Denk an all den Schmerz, den du je erlitten hast, körperlich wie seelisch. Denke an die schönsten Momente deines Lebens und an die glücklichsten Gefühle, die du je verspürt hast.“

Nami folgte seiner Anweisung. Sobald sie die Lider senkte, begann ein gewaltiger, innerer Film vor ihrem geistigen Auge abzulaufen. Es war ein chaotischer Schnelldurchlauf ihrer Existenz: Das brennende Gefühl aufgeschürfter Knie als Kind, der Lärm und das Lachen im Kreise ihrer Geschwister, die bittere Kälte von Kais früherer Ablehnung, die sich wie Eis um ihr Herz gelegt hatte. Dann schlug das Gefühl um...sie sah ihren ersten Turniersieg, spürte erneut das elektrische Prickeln ihres ersten Kusses mit Kai und die berauschende Intimität ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Schließlich mischte sich der frische Schmerz seiner Worte von heute Nachmittag darunter...die endgültige Gewissheit über seine Entscheidung, niemals Vater werden zu wollen.

Kai öffnete währenddessen lautlos die Augen. Er beobachtete jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht. Er sah, wie ihre Lider zuckten und wie sich ihre Atmung beschleunigte, während sie durch dieses emotionale Minenfeld wanderte. Seine eigene Stimme sank zu einem Flüstern herab, das jedoch die unnachgiebige Härte von geschmiedetem Stahl besaß:

„Und jetzt... lass alles los. Befreie deinen Geist und verbinde ihn mit deinem Bit-Beast.“

Nami konzentrierte sich so stark, dass sich ihre feinen Augenbrauen kräuselten und ihre gesamte Gesichtsmuskulatur sich anspannte. Sie versuchte, die Flut an Bildern wegzuschieben, die Gefühle in eine Kammer ihres Geistes zu sperren und stattdessen nach dieser anderen, wilden Präsenz zu tasten, die tief in ihrem Blade schlummerte.

„Rufe den Namen deines Beasts“, kommandierte Kai nun, seine Präsenz fordernd und unnachgiebig, „und sage ihm: ICH ERLAUBE DIR DEN EINTRITT IN MEINE SEELE.“

In der Dunkelheit hinter ihren Lidern spürte Nami plötzlich eine Veränderung. Es war kein Bild mehr, sondern eine Vibration, ein tiefes Grollen, das direkt aus dem Metall vor ihr aufzusteigen schien und in ihre Fingerspitzen zog. Sie sammelte all ihren Mut und ihre Entschlossenheit für den alles entscheidenden Satz.

Ihre Lippen formten die Worte, doch der Klang erstarb in einer unnatürlichen Stille. Es war, als hätte jemand die Realität einfach stummgeschaltet. Die vertrauten Wände von Kais Dojo verschwammen zu Schlieren aus Schatten und Licht, und das Gefühl der Tatami-Matten unter ihren Knien löste sich in Nichts auf.

Ein panisches Keuchen entwich ihr, als sie die Augen auf riss. „Kai?! Wo... wo bin ich?“

Sie ruderte hilflos mit den Armen, doch statt hartem Boden empfing sie nur elastischer Widerstand. Sie schwebte. Unter ihr erstreckte sich ein endloses Meer aus dichten, silbrig schimmernden Wolken, die im Licht eines gigantischen, unnatürlich nahen Vollmonds leuchteten. Über ihr spannte sich ein Firmament aus tiefer, astraler Energie, durchzogen von Sternschnuppen, die in unmöglichen Farben verglühten.

„Keine Sorge... das sind nur die Special Effects.“

Die Stimme klang wie kristallines Wasser, das über Steine floss. Ein junger Mann schwebte auf sie zu. Er sah aus wie eine Vision aus einer längst vergessenen Zeit: Langes, silbernes Haar, das wie flüssiges Mondlicht hinter ihm herfloss, und Augen in einem Türkiston, der so tief war, dass man darin zu versinken drohte. Auf seiner Stirn leuchtete ein sternenförmiges Siegel.

„Wer bist du?“, brachte Nami hervor, während sie bemerkte, dass sie nun festen Stand auf einer unsichtbaren Glasfläche fand.

Der Jüngling verneigte sich so elegant, dass es fast schmerzte. „Verzeih mein Auftreten... Ich habe die Gestalt eines schönen Jünglings gewählt, in der Hoffnung, dass sie dir genehm ist.“

Als er sah, dass Nami immer noch vor Schock erstarrt war, glitt seine Hand über sein Gesicht. In einem Wimpernschlag verwandelte er sich in eine junge Frau, deren Züge Nami erschreckend bekannt vorkamen...sie sah fast aus wie ein Spiegelbild ihrer selbst. Doch bevor Nami eine Frage formulieren konnte, drehte sich das Wesen um die eigene Achse.

Ein gewaltiger Windstoß traf Nami, als plötzlich ein majestätischer Pegasus vor ihr stand. Die Flügel waren so groß, dass sie den Horizont zu berühren schienen, und jede einzelne Feder schimmerte in perlmuttartigem Glanz. Das Bit-Beast wieherte, ein kraftvoller, melodischer Klang, der Nami bis ins Mark erschütterte.

„Oh, wirklich?! Du bist das?“, rief sie aus, und die Angst wich einer überwältigenden Ehrfurcht. Sie streckte die Hand aus, und Pegasus drückte seine weichen Nüstern gegen ihre Finger...doch im nächsten Moment spürte sie keine Tierhaut mehr, sondern warme, menschliche Haut. Der junge Mann war zurück, seine Finger fest mit ihren verschränkt.

„In meiner wahren Form redet es sich so schlecht“, grinste er frech. „Ich bin Pegasus. Und ich bin hier, um dir zu sagen: Diese Technik, die Kai dir beibringen will? Sie ist Zeitverschwendung. Wir brauchen keine temporäre Seelenmagie.“

Nami blinzelte. „Ich verstehe nicht...“

Pegasus schnippte mit den Fingern. „Lass uns achtzehn Jahre zurückreisen... zu dem Moment, an dem unsere Seelen verschmolzen.“

Namis Augen weiteten sich als sie die letzten Worte vernahm.

Plötzlich explodierte die Umgebung in gleißendem Licht. Als Nami wieder sehen konnte, befand sie sich in einem vertrauten Zimmer...dem heutigen Zimmer ihres Bruders Noah. Doch es war düster, erfüllt von der schweren Luft der Verzweiflung.

„Hiro, hast du den Arzt gerufen?! Das ist niemals eine normale Erkältung!“, schrie eine junge, verzweifelte Hilda Tachiba. Sie hielt ein Baby im Arm, das so blass und reglos war, dass Nami das Herz stehen blieb. Daneben lag ein zweiter Säugling...Kenji...und brabbelte ahnungslos in seiner Wiege.

„Sie stirbt! Sie...sie ist so schwach...“, schluchzte Hilda, während sie das kleine Wesen in ihren Armen wiegte. Nami sah ihre Eltern, wie sie fast zwanzig Jahre zuvor um ihr Leben kämpften. Sie sah sich selbst...ein sterbendes Kind, das von den Ärzten wohl aufgegeben worden war.

„Oh, bitte... irgendein Wunder?“, flehte ihre Mutter und sank weinend zu Boden.

In diesem Moment der absoluten Dunkelheit geschah es. Ein türkisfarbenes Glühen legte sich wie eine zweite Haut über das Baby. Nami sah mit eigenen Augen, wie die Lebenskraft in den kleinen Körper zurückkehrte, wie die Wangen rosig wurden und der Säugling die Lungen mit Luft füllte, um lautstark zu schreien.

Pegasus trat neben sie, sein Blick nun ernst und von uralter Weisheit erfüllt. „Siehst du? Das ist der Moment, in dem ich dich gerettet habe. Ich bin nicht einfach nur in deinen Blade gefahren, Nami. Ich bin in...dich...gefahren. Ich bin deine Seele.“

Er drückte ihre Hand fest. „Du brauchst kein Seelenband zu erschaffen. Du bist das Band. Wir waren nie getrennt.“

Nami starrte auf das schreiende Baby in den Armen ihrer Mutter, während die Erkenntnis wie eine Welle über sie zusammenschlug. Alles, was Kai sie lehren wollte, war bereits Teil ihres Wesens. Sie war Pegasus...und Pegasus war sie.