Planänderung
Planänderung
Es passierte alles wie in Zeitlupe. Kai beobachtete Nami, deren Körperspannung plötzlich nachließ. Ihre Haltung, die eben noch so konzentriert gewirkt hatte, löste sich auf, und sie kippte mit geschlossenen Augen ungebremst nach vorne.
„Nami! Hey!“
Sein Körper schaltete in den Kampfmodus, noch bevor sein Verstand die Situation vollends begriffen hatte. Er reagierte blitzschnell, stieß sich von seiner Position ab und fing sie auf, Millimeter bevor sie hart auf den Tatamiboden aufgeschlagen wäre. Er bettete ihren Kopf in seine Armbeuge und rüttelte ein wenig an ihren Schultern, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangenes Tier.
Sein Blick war voller Sorge, eine rohe, ungeschützte Emotion, die seine sonst so makellose Fassade vollständig durchbrach. „Was ist los?! Nami, bitte öffne deine Augen!“
Einen Moment lang herrschte absolute Stille im Raum, nur unterbrochen von seinem gehetzten Atem. Er starrte auf ihr blasses Gesicht. Sollte er den Krankenwagen rufen? Er wusste, was das bedeuten würde...das Blitzlichtgewitter der Presse, die Schlagzeilen über die gesundheitliche Verfassung der Finalistin, das Risiko für ihre Sicherheit. Er zögerte, während seine Finger fast zärtlich über ihre Wange strichen. In der Einsamkeit seines Dojos wurde ihm mit einer schmerzhaften Deutlichkeit bewusst, wie tief die Wurzeln seiner Gefühle für dieses Mädchen bereits reichten.
Plötzlich stockte sein Atem. Nami schlug die Augen auf.
Die ozeane Tiefe ihrer Augen traf direkt auf sein Gesicht, in dem sich für den Bruchteil einer Sekunde eine überwältigende, fast schon verzweifelte Erleichterung spiegelte, bevor er versuchte, seine Züge wieder zu ordnen.
„Nami! Ist alles okay?“, presste er hervor.
Sie richtete sich langsam auf, ohne sofort zu antworten. Ihr Blick war weit, ein wenig erschrocken und doch merkwürdig leer, als würde sie die Realität um sich herum erst wieder mühsam zusammensetzen müssen.
„War... war ich etwa ohnmächtig?“, flüsterte sie. Sie hob die Hände zu ihren Wangen, als müsste sie sicherstellen, dass sie wieder in ihrem eigenen Körper war. Ihr Blick wanderte durch das Dojo, suchte das runde Fenster, die Tatami-Matten...alles war wie zuvor, doch für sie hatte sich die Welt verändert.
„Du bist auf einmal umgekippt“, erklärte Kai, seine Stimme rau. „Was war passiert? Kannst du dich an irgendetwas erinnern? Warst du zu hungrig? Müde?“
Nami schüttelte langsam den Kopf. „Nein, müde und hungrig war ich nicht.“
Sie sah ihn an und hielt inne. Noch nie hatte sie diesen Blick bei ihm gesehen. Da war eine Intensität in seinen granatroten Augen, eine nackte Angst um sie, die er nicht schnell genug verbergen konnte. Es rührte sie zutiefst und ließ die eben gesehenen Bilder nur noch realer wirken.
„Es... geht mir gut, mach dir bitte keine Sorgen“, hauchte sie und suchte instinktiv seine Nähe. Sie lehnte ihr Gesicht an seine Schulter, während er sie immer noch fest umschlungen hielt, als wollte er sicherstellen, dass sie nicht erneut in eine andere Welt entglitt. Die Stille im Raum war nun dichter, fast schon schwerfällig.
Nami suchte nach den passenden Worten, um das Unbeschreibliche zu erklären. „Wie lange war ich weggetreten?“
„Nur ein paar Minuten. Vielleicht zwei.“
„Wirklich?“, fragte sie fassungslos. „Mir kam es vor wie mehrere Stunden. Ich...“
Kai unterbrach sie nicht, doch sein Blick fiel nach unten. Zwischen Namis Beinen, auf den hellen Strohmatten, bildeten sich dunkle Kreise. Kleine, salzige Tropfen fielen aus ihren Augenwinkeln herab.
„Was ist los?“ Seine Stimme war nun wieder kontrollierter, doch der zärtliche Unterton blieb. Er nahm ihr Gesicht mit beiden Händen sanft in den Griff und zwang sie, ihn direkt anzusehen. „Du hast etwas gesehen, oder? Was war es?“
Namis Hände glitten zitternd über seine kräftigen Unterarme hinauf zu seinen Händen, die ihr Gesicht hielten. Sie brauchte die körperliche Verbindung, um sich zu erden. „Ich... ich habe so viel gesehen, Kai. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin einfach nur... vollkommen überfordert.“
Sie sah ihn an, und in diesem Moment wusste sie, dass die Verbindung zu Pegasus nicht das Einzige war, was untrennbar mit ihrer Seele verschmolzen war.
Kai fühlte sich hilflos...ein Zustand, den er in seinem jungen Leben bisher konsequent vermieden oder schlichtweg unterdrückt hatte. Diese emotionale Verletzlichkeit war ein Gegner, den er nicht mit purer Willenskraft niederringen oder durch eine taktische Analyse entzaubern konnte. Er war gezwungen, einfach nur dazustehen und Zeuge eines Wunders zu sein, das er nicht begriff.
Es vergingen einige Minuten, in denen nur das ferne Rauschen der Stadt durch das runde Fenster drang, ehe Nami sich beruhigte. Sie setzte sich aufrecht hin, strich sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht und atmete einmal tief und reinigend durch.
„Also ... ich habe Pegasus gesehen“, begann sie, und ihre Stimme klang nun seltsam klar. „Er stand mir direkt gegenüber und hat mit mir geredet.“
Kai beobachtete ihre Reaktion genau. Er blieb gefasst, doch in seinen Augen blitzte ein ungläubiges Staunen auf. „Du ... hast mit deinem Bit-Beast geredet? Also so richtig geredet? Mit Worten?“
Nami nickte ernst. „Er hatte die Gestalt eines jungen Mannes ...“
Nun zuckten Kais Brauen doch überrascht nach oben, aber er unterbrach sie nicht. Er hörte schweigend zu, wie sie ihm die nächsten zwanzig Minuten lang jedes Detail schilderte: Die Verwandlungen, die astrale Welt über den Wolken, die Reise in die Vergangenheit und schließlich die alles verändernde Erkenntnis.
„... und das bedeutet, dass es nicht notwendig für mich ist, das Seelenband zu lernen“, schloss sie ihre Erzählung.
Stille breitete sich im Dojo aus. Kai Hiwatari, der Mann, der für jede Situation eine Strategie und für jedes Problem eine logische Erklärung hatte, wirkte vollkommen geplättet. Er starrte einfach nur in Namis Augen, während sein Verstand auf Hochtouren arbeitete. Er versuchte verzweifelt, dieses mystische Ereignis in eine seiner gewohnten Kategorien zu pressen, doch das Übernatürliche entzog sich jeder wissenschaftlichen Ordnung.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, gestand er schließlich leise. Es war für ihn fast schon ein Eingeständnis der Niederlage gegen das Unbekannte.
Nami beobachtete ihn nervös. Sie überlegte kurz, ob sie ihm auch den Rest anvertrauen sollte...jene Dinge, die Pegasus ihr über die dunkle Bedrohung zugeflüstert hatte.
„Ich habe ... wie ich schon mal erwähnte ... tatsächlich davon gehört, dass es so etwas geben soll“, brach Kai das Schweigen. Sein Blick wurde nachdenklich. „Damals in Tibet las ich ein Buch darüber. Über die Verschmelzung der menschlichen Seele mit einem Bit Beast. Ich hielt es ehrlich gesagt für eine Legende.“
„Es ist nur möglich, wenn die Seelen sich in ihrer Energie ähneln“, warf Nami ein. „Und wenn eine extreme Notsituation es erfordert und das Bit-Beast sich dazu entscheidet, die Grenze zu überschreiten.“
Ihr Blick fiel auf ihren Blade, der einsam auf dem Tatamiboden lag. Kai folgte ihrem Blick, beugte sich vor und nahm das kleine Metallstück in seine Hand. Er betrachtete es, als würde er es zum ersten Mal sehen. „Eine Notsituation? So wie ... dein drohender Tod als Baby?“ Sein Daumen strich über den Bit-Chip. „Aber wieso ist sein Bild hier drauf, wenn er doch ganz offensichtlich ...“ Er hob den Blick zu ihren ozeanfarbenen Augen. „... in deinem Innern lebt?“
„Pegasus erzählte mir, dass ich mir später, als ich mit dem Bladen anfing, von Herzen wünschte, stärker zu werden“, erklärte sie sanft. „Er entschied sich, einen Anker im Bit-Chip zu setzen, um seine Kraft übertragen zu können. Das Blade ist nur ein Werkzeug, dessen Quelle meine Seele ist.“
„Aber woher kam er?“, bohrte Kai nach, sein Forscherdrang erwachte. „Tysons Dragoon kam aus einem alten Familienschwert. Woher kam dein Pegasus?“
Nami erinnerte sich an die hölzerne Wiege in der Vision. „Die Wiege! Darauf war das Abbild von Pegasus eingeschnitzt. Als er in mich überging, verschwand das Schnitzwerk.“
Sie zögerte kurz, ehe sie den schwersten Teil ansprach. „Es gibt aber noch etwas anderes ... etwas Düsteres.“
Kai erkannte sofort den Schatten in ihrem Blick. „Erzähl es mir, Nami.“
„Pegasus sprach von einer Beast-Welt. Er hat Gerüchte gehört ... über dunkle Geister und bösartige Menschen, die sie sich zunutze machen.“ Sie holte tief Luft. „Er sprach von einem Bit-Beast namens Black Dranzer.“
Kai erstarrte. Der Name traf ihn wie ein körperlicher Schlag. Es war der dunkelste Teil seiner eigenen Geschichte, ein Dämon, den er längst besiegt geglaubt hatte. Er sagte kein Wort, presste nur die Lippen zusammen und versuchte, jegliche Emotion auszublenden, doch seine Stimme war nur noch ein tonloses Flüstern: „Was ist mit Black Dranzer ...?“
„Er wird erneut Chaos bringen, Kai. Er ist das Beast, das die anderen Blader beraubt hat.“
„Das kann nicht sein!“, fuhr Kai auf, seine volle, autoritäre Stimme kehrte zurück. „Er ist zerstört! Und selbst wenn er zurück ist ... es gibt niemanden, der ihn kontrollieren kann, außer ...“
„Dir. Ich weiß“, beendete Nami seinen Satz leise.
„Wer also kontrolliert ihn dann?“, fragte er, und zum ersten Mal sah Nami echte Hilflosigkeit in seinem Blick. Der unerschütterliche Kommandant schwankte zwischen purer Überraschung und einem Anflug von Panik.
„Pegasus sagte, der Blader besitzt dieselbe Aura wie du. Aber er kann ihn nicht erkennen.“
„Dieselbe Aura wie ich?“ Kai saß reglos da. Sein gesamtes rationales Weltbild war in Trümmern. Er, der Mann der Kontrolle, musste akzeptieren, dass hier Mächte am Werk waren, die jenseits seiner Logik lagen.
Er atmete einmal tief durch, straffte die Schultern und sein Blick wurde wieder klar. Die Sorge wich der Strategie. Der Kommandant war zurück.
„Für die nächsten zwei Wochen gelten neue Regeln“, befahl er mit gewohnter Entschlossenheit. „Du musst lernen, jederzeit mit Pegasus zu kommunizieren. Nicht nur in Trance. Du bist ab jetzt unser Spion. Du musst jedes Detail über Black Dranzer erfahren. Sei bereit, jederzeit zu ‚hören‘.“
Nami wirkte überrumpelt. „Was ist ... wenn ich das nicht hinbekomme?“
„Das werden wir“, versicherte er ihr mit einer Sicherheit, die keinen Widerspruch duldete. „Ich lasse mir etwas einfallen.“
Er erhob sich und zog Nami sanft an der Hand nach oben. Er stellte sich direkt vor sie, legte seine Hände um ihre Taille und zog sie eng an sich. „Wir halten an der Geschichte fest, dass du das Seelenband lernst. Je weniger Leute von der wahren Natur deines Bit-Beasts wissen, desto besser. Ab Montag fahren wir zusammen zur Schule. Ich bringe dich, ich hole dich ab. Wir verhalten uns wie ein frisch verliebtes Paar, das heimlich trainiert. Keine Anzeichen von Panik.“
Er lockerte seinen Griff ein wenig und sah sie weich an. „Morgen ist Sonntag. Wir werden erst einmal zur Ruhe kommen. Morgen wird gefaulenzt, sonst nichts. Das brauchst du jetzt.“
Nami nickte und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Sie genoss die Sicherheit, die er ihr trotz der drohenden Gefahr vermittelte.
Später am Abend lagen sie eng umschlungen in Kais großem Bett. Er strich ihr geistesabwesend über den Rücken, und zu seiner Überraschung dauerte es nicht lange, bis ihr gleichmäßiger Atem verriet, dass sie eingeschlafen war. Erst jetzt, in der schützenden Dunkelheit, erlaubte sich Kai, die Maske fallen zu lassen. Er hielt sie fest, fast krampfhaft, als könnte sie ihm entrissen werden. Black Dranzer war zurück. Eine magische Bedrohung hing über ihnen. Doch während er Nami im Arm hielt, war er bereit, für diesen Frieden gegen jeden Wahnsinn der Welt in den Krieg zu ziehen. Er schloss die Augen, und zum ersten Mal seit Langem war er nicht nur ein Kämpfer, sondern ein Mann, der etwas zu verlieren hatte.