Horror
Horror
Obwohl die drückende Sommerhitze der letzten Wochen endlich einer milderen Brise gewichen war, fühlte Nami, wie ihr die Hitze bis unter den Haaransatz stieg. Sie hob die Hand und fächerte sich hastig Luft gegen die Stirn, während sie Kai mit klopfendem Herzen nachsah. Die Art, wie er die Fahrertür zuschlug und mit aufheulendem Motor davonfuhr, hinterließ eine kleine Lücke, die fast physisch spürbar war.
Es war das erste Mal gewesen, dass er sie in aller Öffentlichkeit so berührt und geküsst hatte. Sicher, sie wusste mittlerweile um seine besitzergreifende Art, aber diese unverblümte Leidenschaft vor versammelter Schülerschaft hatte sie vollkommen unvorbereitet getroffen.
„Das ... das war so heiß!“
Nami zuckte heftig zusammen, als sie plötzlich von hinten gepackt wurde. Momoko war förmlich auf sie zugestürmt und schlang nun stürmisch die Arme um sie.
„Kenji hatte mir zwar erzählt, dass ihr jetzt fest zusammen seid, aber dieser Move gerade eben ... das war so unglaublich typisch für Kai!“, sprudelte es aus Momoko heraus, während sie Nami fast erdrückte. „Ihr saht aus wie gemalt ... wie aus einem Kinofilm. Ehrlich, Nami, es sah auf jeden Fall so aus, als könne er verdammt gut küssen ...“
Nami beobachtete aus den Augenwinkeln ihre Mitschüler. Das erste erstarrte Schweigen hatte sich gelöst; die Mädchengruppen fingen langsam an, sich wieder in Bewegung zu setzen, auch wenn viele immer noch verstohlene Blicke in ihre Richtung warfen. Der Schock über den „unnahbaren Champion“ und seine offensichtliche Schwäche für Nami saß tief.
„Ich hätte auch nicht gedacht, dass er mich hier so küsst ...“, gestand Nami leise. Ein zufriedenes, fast verträumtes Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht, während ihre Wangen erneut in einem zarten Rosa aufleuchteten. „Aber ja, es war perfekt.“
Momoko löste die Umarmung ein Stück und musterte ihre Freundin mit einem vielsagenden Funkeln in den Augen. Sie entging nicht, dass Nami trotz ihrer Schönheit und dem gewohnten Rampenlicht noch immer ein wenig mit dieser neuen, extremen Aufmerksamkeit kämpfte, die Kai in ihr Leben brachte.
„Ach ...“, lachte Momoko plötzlich auf und verpasste Nami einen übermütigen Stoß mit dem Ellenbogen. „Ich denke, wenn er dich schon auf dem Schulhof so abfertigt, hat er die letzten Tage hinter verschlossenen Türen noch ganz andere Sachen mit dir gemacht, was?“
Nami riss die Augen auf und spürte, wie ihr die Gesichtszüge entgleisten, während sie hastig umhersah, ob jemand Momokos indiskrete Bemerkung gehört hatte.
„Pssst! Nicht so laut, Momoko!“, zischte sie und versuchte vergeblich, ihre aufkommende Verlegenheit hinter einer strengen Miene zu verbergen, während das sündige Wissen um die letzte Nacht im Penthouse wie ein Lauffeuer durch ihre Gedanken schoss.
Nami räusperte sich hastig, als wollte sie die verräterischen Bilder der letzten Nacht aus ihrem Kopf vertreiben, bevor Momoko sie darin lesen konnte. „... Momoko, es... es tut mir so leid, dass ich dir die letzten Tage so gut wie nicht geschrieben habe, aber...“, setzte sie entschuldigend an, doch ihre Freundin ließ sie gar nicht erst ausreden.
Momoko lachte laut auf und verpasste Nami einen herzlichen, fast schon kameradschaftlichen Klaps auf das Schulterblatt, der Nami leicht ins Stolpern brachte. „Ach, mach dir keinen Kopf! Du hast gerade ganz andere Sachen im Sinn, das ist doch total nachvollziehbar. War bei mir damals nicht anders, als ich mit Kenji zusammenkam. Da war mein Handy auch das Letzte, woran ich gedacht habe.“
Sie setzten sich nun beide in Bewegung und steuerten auf den Eingang der Oberschule zu, während um sie herum das morgendliche Treiben wieder seinen gewohnten Gang aufnahm. Doch Momoko war noch lange nicht fertig. „Du musst mir nachher in der Pause unbedingt alles erzählen ...“, flüsterte sie mit einem breiten, vielsagenden Grinsen.
„W-was willst du denn wissen?“, stammelte Nami irritiert, während sie versuchte, ihre Tasche fester zu umklammern. Ihr Puls wollte sich einfach nicht beruhigen.
„Alles!“, gab Momoko triumphierend zurück, bevor sie im Schulgebäude verschwanden.
Kai saß unbeweglich hinter dem Steuer seines Wagens. Der Motor war bereits aus, doch die Stille in der Garage seines Penthouses schien fast zu dröhnen. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um die Ereignisse, die hinter ihm lagen. Er hatte es Nami an diesem Morgen nicht erzählt, aber als er sie gestern Nacht schlafend auf seine Arme gehievt und ins Bett getragen hatte, war da dieser Moment gewesen. Sie war völlig weggetreten gewesen, ihr Kopf war schwer gegen seine Schulter gesunken, und da hatte sie es gesäuselt. Ganz leise, kaum mehr als ein Hauch zwischen zwei Atemzügen:
„Ich liebe dich.“
Dieser eine Satz ging ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Er fühlte sich seltsam an, fast schon überwältigend schwer. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte jemand diese Worte zu ihm gesagt und sie auch wirklich so gemeint...ohne dass es ihn kalt ließ. In seiner Vergangenheit war dieser Satz oft gefallen, gehaucht von Mädchen, die von seinem Ruhm oder seinem Aussehen geblendet waren, aber es war immer nur hohles Rauschen gewesen. Bei Nami war es anders. Nami, dieses Mädchen, das von Anfang an alles in ihm eingerissen und neu geordnet hatte.
~Sie war gar nicht mehr wach. Sie weiß nicht einmal mehr etwas davon ...~, dachte er grimmig und starrte auf das Emblem am Lenkrad.
Was war Liebe überhaupt? Diese Frage, so simpel sie für andere klingen mochte, beschäftigte den sonst so rationalen Kai zutiefst. Liebten sie sich wirklich? War es nicht viel zu früh für diese Frage? Oder war alles, was sie erlebten, nur die pure, rohe Anziehung? Ein chemisches Zusammenspiel ihrer Hormone, die nach den Kämpfen und der Nähe völlig verrückt spielten? Wann wusste man, dass es...wahre...Liebe war...jene universelle Kraft, von der Filme und Bücher sprachen und die jeder Mensch zu suchen schien?
Wieso beschäftigte ihn das überhaupt? Er fand keine logische, befriedigende Antwort in seinen strategischen Analysen. Doch eines wusste er mit unumstößlicher Sicherheit: Er begehrte sie nicht nur. Sie war ihm wichtig. In ihrer Nähe fand er eine Ruhe, die er nie gekannt hatte, und gleichzeitig brachte sie Seiten an ihm zum Vorschein, die ihn selbst erschreckten. Er sagte Dinge zu ihr, die er zuvor nicht einmal gedacht hätte. Er verhielt sich wie jemand, den er früher vermutlich verachtet hätte....und er redete...über sich und seine Gefühle.
Kai verharrte noch einen Moment in der absoluten Stille der Garage.
~Liebe ich sie? ...~
Die Frage stand wie ein unbesiegbarer Gegner im Raum. Schließlich öffnete er die Tür schwungvoll, stieg aus und schlug sie mit einem harten, metallischen Knall zu, der durch die gesamte Garage hallte. Er straffte die Schultern. Diese neue, emotionale Tiefe, die Nami in ihm aufgewühlt hatte, fühlte sich beinahe so bedrohlich an wie die Gegner, denen er sich damals auf dem Beystadium stellen musste. Aber Kai Hiwatari war kein Mann, der vor Bedrohungen weglief.
Oben im Penthouse angekommen, herrschte eine fast schon bedrückende Stille, die nur vom fernen Summen der Stadt unterbrochen wurde. Kai warf seinen Schlüsselbund mit einem harten, metallischen Klappern auf den dunklen Küchentresen. Er fuhr sich mit einer fahrigen Hand durch das Haar, während er versuchte, die aufgewühlten Emotionen der letzten Stunden beiseite zu schieben. Sein Fokus verschob sich; der Liebhaber trat zurück, der Stratege übernahm das Feld.
Er holte ein kompaktes, matt-schwarzes Notebook aus einem diskreten Schrank neben der Couch und ließ sich mit einer flüssigen Bewegung in die tiefen Polster fallen. Das Gerät startete fast lautlos. Das fahle Licht des Bildschirms spiegelte sich in seinen Augen wider, als er mehrere komplexe Befehlsketten eingab. Mit ein paar gezielten Griffen schaltete er in einen unsichtbaren Modus, der seine IP-Adresse über ein Dutzend verschlüsselter Server rund um den Globus jagte.
Er bewegte sich mit einer beängstigenden Professionalität durch die digitalen Ebenen. Es war offensichtlich, dass er nicht zum ersten Mal in Bereiche vordrang, die für die Öffentlichkeit...und sogar für die meisten Regierungen...streng versperrt waren. Er hackte sich in eine Datenbank, deren Architektur er nur zu gut kannte.
Die Aura-Frage brannte wie eine glühende Kohle in seinem Verstand.
~Jemand mit meiner Aura~
Er besaß keine Geschwister, keine Cousins, keine nahen Verwandten, die auch nur ansatzweise sein Niveau als Blader erreichten. Es gab nur einen Ort, an dem seine genetische und seelische Signatur jemals seziert, kopiert und bis ins kleinste Detail analysiert worden war: Biovolt.
Seine Finger flogen über die Tastatur. Kai wählte eine hochgradig verschlüsselte Suchanfrage, deren Begriffe allein schon ausreichten, um auf jeder Sicherheitsliste der Welt rote Alarme auszulösen:
Biovolt Projekt Chimäre Aura-Übertragung.
Die Suche fraß sich durch Schichten aus digitalem Schutt und führte ihn tief in verwaiste, alte Akten. Es waren Relikte, die er nach der Zerschlagung der Organisation eigentlich für vernichtet gehalten hatte. Er musste ein privates Archiv knacken, das er selbst vor Jahren als eine Art Versicherung gesichert hatte...ein digitales Grab, von dem er gehofft hatte, es niemals wieder öffnen zu müssen.
Zwanzig Minuten lang herrschte absolute Konzentration. Das einzige Geräusch war das schnelle Tippen seiner Finger und sein kontrollierter Atem. Die Arbeit war nervenaufreibend; jede falsche Eingabe hätte ein Selbstzerstörungsprotokoll der Daten auslösen können. Dann endlich öffnete sich eine Datei.
Kais Blick wurde eiskalt, als er die Kopfzeile las. Es waren Experimentierprotokolle aus der sibirischen Basis, unterzeichnet von niemand geringerem als Dr. Boris Balkov. Das Datum lag erst fünf Jahre zurück...lange nach dem offiziellen Ende der ersten Biovolt-Ära.
Der Titel des Protokolls ließ sein Blut gefrieren:
Projekt Phantom – Sekundäre Signaturen.
Kai starrte auf den Bildschirm, während das Entsetzen wie eine eiskalte Hand nach seiner Kehle griff. Die Zeilen verschwammen vor seinen Augen, bevor sie sich zu einer grausamen Realität zusammensetzten. Boris Balkov hatte nicht nur versucht, Bit-Beasts zu manipulieren...er hatte Gott gespielt. Er hatte Blader erschaffen wollen, die von Geburt an als leere Gefäße für die seelische Assimilation dienten.
Doch der Schlusssatz des Protokolls war es, der Kais Blut endgültig in den Adern gefrieren ließ:
> "Das Subjekt, K-II, zeigt 99,99% Übereinstimmung der seelischen und genetischen Signatur mit dem Primärsubjekt [Kai Hiwatari]. Die Verbindung zu Black Dranzer ist instabil, aber die Aura ist eine perfekte Kopie. K-II wird auf die zukünftige Aktivierung vorbereitet."
K-II....Ein Klon. Boris hatte seine DNA gestohlen, sie vervielfältigt und eine Kopie von ihm tief in den eisigen Katakomben Sibiriens herangezüchtet. Der Blader, der Black Dranzer kontrollierte, war kein Fremder und kein entfernter Verwandter. Es war er selbst...oder zumindest das, was Boris aus ihm gemacht hatte. Ein Monster, erschaffen aus seinem eigenen Fleisch und Blut.
Doch die Aufzeichnungen endeten dort nicht. Ein Logbuch-Eintrag, kaum ein Jahr alt, enthüllte die wahre Abscheulichkeit dieses Experiments:
> Nach Aktivierung von K-II kam es zu Zwischenfällen, da K-II sich nicht kontrollieren ließ und zu keinerlei Kooperation bereit war. Black Dranzer war nicht in der Lage, K-II zu kontrollieren, sondern wurde selbst von K-II kontrolliert und erfolgreich unterdrückt. Um dem entgegenzuwirken, wurde dem geklonten Subjekt ein spinaler Kontrollchip in den oberen Halswirbel implantiert. Letzte Tests ergaben nun vollkommenen Verlust des freien Willens und den Erfolg der kompletten Kontrolle über K-II."
Kai schlug das Notebook mit einem harten Knall zu. Das Geräusch hallte wie ein Schuss durch das stille Penthouse. Er saß völlig unbeweglich da, sein Blick war nicht mehr von der gewohnten Entschlossenheit geprägt, sondern von einer tiefen, instinktiven Verstörung. Ein Schauer jagte über seinen Rücken. Der Gedanke, dass dort draußen eine Kreatur existierte, die sein Gesicht trug, seine Aura besaß und in deren Innerem die dunkle Macht von Black Dranzer eingepflanzt war, war jenseits jeder Vorstellungskraft.
Dies war kein Beyblade-Turnier mehr. Es war eine perverse Abrechnung mit einer Vergangenheit, von der er dachte, er hätte sie längst hinter sich gelassen. Und dieses Zerrbild seiner selbst war hier, in Tokio. In seiner unmittelbaren Nähe.
Plötzlich weiteten sich seine Augen in reinem Entsetzen. Ein furchtbarer Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Was, wenn dieser Klon sie bereits beobachtete? Was, wenn er jede ihrer Bewegungen studierte und nur auf den perfekten Moment wartete?
Kais Atem wurde schneller, seine Hände ballten sich zu Fäusten. ~Nami~
Was, wenn dieser Doppelgänger sich ihr näherte? Wenn sie ihn für den echten Kai hielt und ihm ohne Hintergedanken folgte, weil sie dachte, es sei ihr geliebter Partner? Ein Wesen ohne freien Willen, ferngesteuert von einem spinalen Chip und besessen von der Zerstörungswut Black Dranzers, wäre zu allem fähig. Es gäbe keine Skrupel, keine Gnade.
Er durfte sie nicht mehr aus den Augen lassen. Nie wieder. Die Gefahr war nicht mehr nur abstrakt; sie hatte sein Gesicht angenommen und lauerte vielleicht schon einen Wimpernschlag entfernt im Schatten ihrer Welt.
Kai sprang mit einer plötzlichen, nervösen Energie vom Sofa auf. Die Enge des Raumes schien ihn zu erdrücken, während sein Verstand Szenarien durchspielte, die an Wahnsinn grenzten. Er trat an die deckenhohe Fensterfront und starrte hinaus auf das Häusermeer von Tokio. Der Himmel war von einem fahlen Grau überzogen, und die Wolken jagten sich im Wind, der die Bäume tief unten in den Straßen wie dünne Gräser hin und her bog. Es war eine unruhige Szene, die perfekt zu dem Sturm in seinem Inneren passte.
Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass er noch Stunden warten musste, bis er Nami abholen konnte. Der Gedanke, sie dort draußen zu wissen, während dieses...Ding frei herumlief, fraß ihn auf. Doch in der Schule, umgeben von hunderten Menschen, war sie vorerst sicher. Kein Attentäter, nicht einmal ein Klon seiner selbst, würde ein solches Risiko eingehen.
Ein Name brannte sich plötzlich in sein Bewusstsein, und der bloße Gedanke daran löste einen körperlichen Ekel in ihm aus. Er lief zurück zum Schrank und kramte tief in einer verborgenen Schublade, bis seine Finger ein altes, abgenutztes Mobiltelefon umschlossen. Es war ein Relikt aus einer Zeit, die er begraben wollte...klobig, mit einer ausziehbaren Antenne und Kratzern auf dem Display.
Er schaltete es ein. Das Display leuchtete schwach auf, und ein paar helle, mechanische Piepstöne verkündeten die Einsatzbereitschaft.
~Ich habe so keine Lust, diese Stimme zu hören... aber was sein muss, muss sein...~
Er musste jemanden kontaktieren, der die blutigen Details kannte. Jemanden, dessen Hände genauso schmutzig waren wie die von Boris. Er wählte die Nummer aus dem Gedächtnis und presste sich das Handy ans Ohr.
„Wladimir? Hier ist Kai. Ich brauche alle verfügbaren Informationen über K-II. Was hat Boris dir versprochen, damit du ihm mit dieser Scheiße hilfst? Und ich rate dir, nicht zu lügen... ich habe hier alles schwarz auf weiß. Dein Name steht in den Protokollen.“
Am anderen Ende herrschte bleierne Stille. Sekunden dehnten sich wie Kaugummi, bis sich der Mann schließlich herabließ, die Stille zu brechen.
„Kai...“, Wladimirs Stimme war tief, rau und von einem ungläubigen Erstaunen geprägt. „Ich dachte, diese Nummer wäre längst tot. K-II... das ist Vergangenheit. Wir haben das begraben. Es gibt nichts weiter darüber zu sagen.“ Der schwere russische Akzent schnitt durch die Leitung wie ein stumpfes Messer.
Kai bebte vor Wut. „Es gibt nichts darüber zu sagen? Du Idiot! Dieser dämliche Klon lebt und ist hier in Tokio! Er jagt Menschen und ihre Bit-Beasts! Ich habe die Protokolle gefunden....eure digitale Sicherheit ist ein schlechter Witz. Jetzt sprich endlich Klartext und verkauf mich nicht für dumm!“
Ein schweres Seufzen drang durch den Hörer. „Kai... dieses... Ding war ein Fehler. Es ist hochgradig böse. Boris nutzt ihn für seine Zwecke, aber er begreift nicht, dass er ihn...Es... schon lange nicht mehr unter Kontrolle hat.“
„Was hat er vor?“, zischte Kai.
„Als man den Klon erweckte, war er du. Ganz einfach du... man hatte ihn mit all deinen Erinnerungen versehen. Er wehrte sich, versuchte zu fliehen. Boris zwang Black Dranzer in ihn hinein. Er erzwang eine künstliche Seelenverschmelzung, aber da die Seele des Klons nur eine Kopie ist, blieb die Verbindung unvollständig.“ Wladimir räusperte sich nervös. „K-II hatte Black Dranzer trotzdem sofort unter Kontrolle und versuchte erneut zu fliehen. Er war zu stark. Also wurde ihm unter Narkose ein spinaler Chip implantiert. Damit konnte Black Dranzer die Kontrolle über K-IIs Körper übernehmen. Vor etwa einem halben Jahr wurde er nach Japan geschleust...“
Kai unterbrach ihn scharf. „Und wie zum Geier schleust man einen Klon unbemerkt über eine Grenze?“
„Ach, Kai... natürlich, indem man ihn als den ausgibt, der er zu sein scheint. Mit falschen Papieren, auf denen dein Name stand. Niemand stellt Fragen, wenn Kai Hiwatari per Privatjet einreist.“
Wieder Stille. Kai krallte seine Finger so fest um das Telefon, dass das Plastik knirschte. „Aber... wieso fiel es niemandem auf? Wieso gibt es keine Berichte über zwei Kais?“
„Weil er genauso schlau ist wie du“, antwortete Wladimir trocken. „Er tarnt sich. Überleg doch mal... was würdest du tun? Wie würdest du vorgehen, wenn du dich vor der Welt verbergen müsstest? Er ist dein exaktes Abbild. Er hat deinen Verstand, deine Instinkte und deine Fähigkeiten. Unterschätze ihn bloß nicht.“
Kai starrte ins Leere, während die Worte wie Gift in seine Gedanken sickerten. Er kämpfte gegen einen Schatten, der nicht nur aussah wie er, sondern auch dachte wie er. Ein Monster, das seine tiefsten Geheimnisse kannte und nun irgendwo in den Straßenschluchten Tokios auf seine Chance wartete.