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Katakomben

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Katakomben

Nami trat aus der Arena und die schwere Tür, die zurück in die Katakomben führte, fiel hinter ihr mit einem dumpfen Hallen ins Schloss. Sie hielt sofort inne und lehnte sich für einen Moment gegen die kühle Wand.

Ein tiefes Seufzen entwich ihren Lippen.

Dort, am anderen Ende des langen Ganges, wo der offizielle Warteraum lag, herrschte reges Treiben. Sie konnte das Stimmengewirr und die hektischen Schritte der anderen Blader und Techniker hören...viel zu viel Trubel, um einen klaren Gedanken zu fassen. Sie brauchte diese Stille hier im Schatten des Korridors.

~Das war irgendwie zu einfach~, dachte sie und blickte auf ihre leere Handfläche.

Das Match hatte kaum begonnen, da war es schon wieder vorbei. Ein flaues Gefühl der Unsicherheit mischte sich in ihren Triumph.

War sie tatsächlich so gut? Oder war Yuki Sato einfach nur eine sehr schlechte Bladerin gewesen?

Sie hob ihre Hand und blickte auf ihr Blade, das in dem fahlen Licht der Gangbeleuchtung weiß und türkisfarben schimmerte. All die letzten Jahre hatte sie nur im geschützten Raum von Tachibey Industries trainiert. Ihre Gegner waren emotionslose Computerprogramme gewesen oder Blades, die von mechanischen Vorrichtungen gestartet wurden...perfekt in der Ausführung, aber ohne jeden Funken Leidenschaft.

Dieses Match gegen Yuki war gänzlich anders gewesen. Plötzlich hatte das Spiel eine Seele gehabt... es war berauschend gewesen, die Aggression und den Willen der Gegnerin zu spüren.

Aber es war einfach viel zu kurz.

Wieder seufzte sie schwer. Doch plötzlich riss sie ein Geräusch aus ihren Gedanken.

Eine Tür seitlich im Gang schwang auf. Nami erschrak förmlich, ihre Schultern zuckten hoch und sie ließ ihr Blade instinktiv sinken. Ihr Herz machte einen gewaltigen Satz, als sie den jungen Mann sah, der nun im Rahmen der Tür stand.

Er blieb wortlos stehen und starrte sie einfach nur an. Er schien genauso überrascht zu sein wie sie, hier in diesem abgelegenen Teil des Ganges auf jemanden zu treffen.

Nami erkannte ihn natürlich sofort. Wer in der Welt des Beyblades kannte Kai Hiwatari nicht?

Er war der Champion aus Tokio, eine Legende, deren Kämpfe sie unzählige Male auf dem Bildschirm analysiert hatte. Seine unnahbare Art und seine unbändige Kraft in der Arena hatten sie schon immer fasziniert. Er war schon lange eines ihrer größten Vorbilder... und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, auch eine ihrer größten Sehnsüchte.

Doch das durfte er niemals merken.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch kein Ton kam heraus. Die Aufregung schnürte ihr die Kehle zu. Kai wirkte in der Realität noch viel präsenter als im Fernsehen.

Er war in den letzten zwei Jahren kaum noch in der Öffentlichkeit aufgetreten, und nun, da er direkt vor ihr stand, bemerkte sie, wie sehr er sich verändert hatte.

Er wirkte größer, breitschultriger und viel erwachsener. Er musste jetzt um die zwanzig Jahre alt sein, schätzte sie nervös.

„Das war ein wirklich kurzes Match“, sagte er plötzlich.

Nami zuckte erneut leicht zusammen. Kais tiefe, markante Stimme hallte durch den kargen Gang und schien die Luft zum Schwingen zu bringen.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit einer beiläufigen Eleganz direkt gegenüber von ihr an die Wand. Er lächelte nicht, aber er wirkte auch nicht so abweisend, wie er oft in den Medien dargestellt wurde. Sein Blick war eher neugierig, fast schon forschend.

Er musterte sie nicht plump, sondern sah ihr direkt in ihre ozeanfarbenen Augen. Nami spürte, wie die Hitze in ihr aufstieg, und sie hoffte inständig, dass sie in diesem dämmrigen Licht nicht sichtbar errötete.

Ihr Herz raste mittlerweile so wild, dass sie glaubte, er müsse es hören können.

„Ähm ... ja, allerdings. Ich glaube, ich hatte einfach wahnsinniges Glück“, stammelte sie und versuchte verzweifelt, ihre zitternde Stimme unter Kontrolle zu bringen und die enorme Nervosität zu überspielen.

„Das war es sicher nicht.“

Ein leichtes Schmunzeln huschte über Kais Lippen... so flüchtig, dass man es fast für eine Einbildung halten konnte. Sein Blick glitt von ihrem Gesicht hinunter zu dem Blade, das sie immer noch fest in der Hand hielt.

„Es ist interessant, jemandem zu begegnen, der solch eine Aura ausstrahlt. Du bladest schon sehr lange, nicht wahr?“, fragte er, und sein Tonfall hatte etwas Bohrendes.

„Dein Bit-Beast ist sehr außergewöhnlich. Wieso versteckt sich dein Pegasus in so viel Licht? Ich habe ihn jedenfalls sehen können. Er ist wirklich beeindruckend.“

Nami hielt den Atem an. Er hatte ihn gesehen?

„Ich denke, dass ihn nicht viele trotz dieser Mauer aus Licht sehen können, oder?“, setzte er nach.

Sein Blick huschte zurück zu ihren Augen und verfing sich darin, als wollte er die Wahrheit direkt aus ihrer Seele lesen.

Nami wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie war überrascht, dass Kai meinte, Pegasus sehen zu können. Hatte sie ihrem Bit-Beast doch beigebracht, sich während des Angriffs in gleißendes Licht einzuhüllen.

Sie wollte nicht, dass die falschen Menschen auf Pegasus aufmerksam wurden. Es gab viele böse Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, mächtige Bit-Beasts zu stehlen, um sie für ihre Zwecke zu missbrauchen. Gerade Kai müsste doch am besten wissen, was es hieß, sein Bit-Beast zu verlieren.

Nami musste kurz den Blick abwenden. Sie starrte auf den Boden, um wieder etwas Kontrolle über ihre Worte zu erlangen, denn seine schönen Augen raubten ihr schlichtweg den Verstand.

Sie wollte unter keinen Umständen, dass er merkte, wie überfordert sie mit seiner Ausstrahlung, seinem Aussehen und seiner tiefen Stimme war.

Was sollte er auch denken? Dass sie eines dieser Groupies war? Sicher nicht! Sie war eine starke Persönlichkeit, und das sollte er direkt als Erstes zu spüren bekommen.

„Du hast recht, mein Bit-Beast hat sich versteckt“, begann sie schließlich und zwang sich zu einer ruhigen Stimme.

„Ich dachte, dass es nicht notwendig sei, es zu sehen. Es hat mir in der Vergangenheit nicht wirklich Vorteile gebracht, weil...“

„Man versucht hat, es dir wegzunehmen?“ Er unterbrach sie und hob leicht das Kinn, als wollte er zeigen, dass er ihre Gedanken bereits gelesen hatte.

Namis Blick wich zur Seite aus. „Ganz genau...“

Sie stieß sich ruckartig von der Wand ab, an der sie gelehnt hatte. Die Nähe zu ihm wurde ihr zu viel, und sie wollte nun doch zurück in den Warteraum.

Er sollte nicht merken, dass sie Interesse an ihm hatte... nein, das durfte er nicht. Kai Hiwatari war als Einzelgänger bekannt, dafür berüchtigt unnahbar zu sein und nur nach seinen eigenen Interessen zu handeln. Und ja, er war auch dafür bekannt, Mädchen das Herz zu brechen die versucht hatten sich ihm anzunähern.

Nami konnte sich nicht einmal daran erinnern, jemals gehört zu haben, dass er eine feste Freundin hatte...zumindest keine, die er öffentlich zeigte.

Mit seinem unglaublichen Aussehen, seiner Größe und seinem kräftigen Körperbau war es kein Wunder, weshalb er bei den weiblichen Fans so beliebt war.

Nami war schon sehr lange von ihm fasziniert, doch sie wusste auch, dass es beinahe unmöglich war, ihn für sich zu gewinnen...vor allem, wenn er erst einmal merkte, dass man für ihn schwärmte.

„Darf ich deinen Namen erfahren?“

Seine Frage überraschte sie so sehr, dass sie in ihrer Bewegung innehielt und stehen blieb.

„Du hast mein Match doch gesehen... Nami Akasuna ist mein...“

„Nein“, unterbrach er sie erneut. „Ich meine deinen richtigen Namen.“

Eine kurze Stille dehnte sich im Gang aus.

Woher wusste er davon?

Nami drehte sich langsam wieder zu ihm um. Er schien nicht einmal überrascht oder gekränkt darüber, dass sie ihn einfach hatte stehen lassen wollen. Er lehnte noch immer gelassen an der Wand.

„Ich... heiße Nami. Aber ja, mein Nachname ist nicht Akasuna. Ich heiße Nami Tachiba.“

Kais Augenbrauen zuckten leicht nach oben, während er seine verschränkten Arme löste und langsam auf sie zuschritt. Namis Herz raste nun so schnell, dass es fast schmerzte.

~Verdammt... seine Augen sind so unglaublich schön...~

Sie schluckte schwer.

Er war etwas mehr als einen halben Kopf größer als sie und blieb so nah vor ihr stehen, dass sie seinen Geruch wahrnehmen konnte.

Er roch so gut, dass es sie fast wahnsinnig machte.

„Tachiba also? Kein Wunder...“, murmelte er. Er schritt an ihr vorbei, ohne sie noch einmal direkt anzusehen.

„Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, Nami Tachiba.“

Nun war sie es, die wie erstarrt stehen gelassen wurde, während Kai mit lauten, hallenden Schritten den Gang hinunter davonschritt.