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In Gefahr

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

In Gefahr

Die Schulcafeteria war erfüllt vom gewohnten Lärm klappernder Tabletts, lautem Gelächter und dem Stimmengewirr hunderter Schüler. Doch für Nami fühlte es sich an, als läge eine unsichtbare Lupe über ihrem Tisch. Während sie mit den Stäbchen fast schon mechanisch in ihrem Reis rührte, beugte sich Momoko mit einem verräterischen Glitzern in den Augen weit über den Tisch.

„So“, flüsterte Momoko, und ihre Stimme war kaum mehr als ein geheimnisvolles Rascheln. „Wir sind unter uns. Jetzt will ich Details hören. Und fang bloß nicht mit dem Frühstück an, ich will wissen, wie es...wirklich...war.“

Nami hielt in der Bewegung inne. Sie hob den Kopf und bedachte ihre Freundin mit einem bemerkenswert trockenen, fast schon mitleidigen Blick. „Momoko“, flüsterte sie mit Nachdruck zurück, während sie die Stäbchen kontrolliert ablegte. „Ich werde hier ganz sicher nicht...über intime Details reden. Schon gar nicht über das, was du dir gerade in deinem Kopf zusammenreimst.“

Momoko wollte gerade zu einer lautstarken Erwiderung ansetzen, hielt dann aber inne. Sie ließ ihren Blick langsam durch die Cafeteria schweifen und stellte fest, dass Nami recht hatte. Obwohl die meisten Schüler so taten, als würden sie essen oder sich unterhalten, hafteten immer wieder verstohlene, neugierige Blicke an ihrem Tisch. Es war ein ständiges Beobachtetwerden; die Nachricht von Kais leidenschaftlichem Kuss am Morgen war das Gesprächsthema Nummer eins.

Jedes Mal, wenn Nami den Kopf hob, huschten Augenpaare hastig zurück zu ihren eigenen Tellern. Die Atmosphäre war aufgeladen mit einer Mischung aus Bewunderung und unverhohlener Sensationslust.

„Okay, ich sehe es ein“, gab Momoko schließlich kleinlaut zu und pickte sich ein Stück Tempura von ihrem Teller. „Hier ist wohl definitiv kein guter Ort für... private Geständnisse. Das ist ja wie in einem Goldfischglas.“

Sie kaute einen Moment nachdenklich, während ihr Blick wieder diese verschmitzte Schärfe annahm. „Aber lass gut sein. Ich lass dich heute nicht so einfach vom Haken. Ich überleg mir was, wo wir ungestört sind.“

Nami atmete erleichtert aus, auch wenn sie wusste, dass Momoko hartnäckig bleiben würde.

Etwa zehn Minuten später schoben Nami und Momoko ihre Tabletts in den Rückgabewagen. Die Geräuschkulisse der Cafeteria schwoll hinter ihnen wieder an, doch ehe Nami auch nur den ersten Schritt zurück in Richtung der Klassenzimmer machen konnte, spürte sie einen festen Griff an ihrem Handgelenk.

„Komm mit“, raunte Momoko mit einer Entschlossenheit, die keinen Widerspruch duldete.

Ohne auf eine Antwort zu warten, zog sie Nami hinter sich her, weg von den bevölkerten Fluren und hinaus auf den Schulhof. Sie steuerten nicht auf die Bänke unter den Kirschbäumen zu, wo sich die meisten Schüler in der Pause aufhielten, sondern bogen scharf ab. Momoko führte sie zielsicher hinter das massive Schulgebäude, dorthin, wo die Architektur einen toten Winkel bildete und nur ein kleiner, hölzerner Geräteschuppen für die Garten-AG stand.

Hier hinten war es still. Nur das ferne Echo der Stadt sickerte über die Mauern, und der Wind strich leise durch das hohe Gras am Zaun.

Momoko ließ Namis Hand los, wirbelte herum und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Blick war nun ernst, aber von einer brennenden Neugier erfüllt, die sie in der Cafeteria mühsam unterdrückt hatte. Sie lehnte sich gegen die raue Holzwand des Schuppens und fixierte Nami.

„So“, setzte sie an, und ihre Stimme klang in der plötzlichen Abgeschiedenheit viel lauter, als sie eigentlich war. „Hier hört uns garantiert niemand. Kein Getuschel, keine Gaffer.“

Sie machte eine kleine Pause, musterte Namis Gesicht und die leichte Röte, die immer noch auf ihren Wangen lag, wenn das Gespräch auf Kai kam. Dann stellte sie die Frage, die ihr schon den ganzen Vormittag auf der Zunge gebrannt hatte:

„Wie war es, Nami? Ich meine... wirklich.“ Sie senkte die Stimme ein wenig, wurde aber nicht respektlos, sondern klang fast schon wie eine besorgte große Schwester. „Bist du... zufrieden? Mit ihm? Mit allem, was zwischen euch passiert ist? Du weißt, Kai ist... speziell. Ist er gut zu dir, wenn die Haustür erst einmal zu ist?“

Nami blinzelte ein paar Mal und sah ihre Freundin mit einer Mischung aus Amüsement und Fassungslosigkeit an. Die Stille hinter dem Geräteschuppen machte Momokos Worte nur noch gewichtiger.

„Momoko, deine Direktheit ist heute wirklich...bemerkenswert“, sagte Nami schließlich und strich sich eine silbrige Haarsträhne hinter das Ohr, um Zeit zu gewinnen. Sie verstand genau, worauf diese Fragen abzielten. „Ich schließe aus deiner Neugier, dass du eigentlich nur eines wissen willst: Ob Kai und ich intim waren.“

Sie hielt einen Moment inne, und ein warmes, wissendes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Die Erinnerung an die vergangenen Nächte im Penthouse, an Kais Intensität und seine überraschende Fürsorge danach, ließ ihr Herz einen Schlag schneller gehen. „Die Antwort ist ja. Und um deine Frage zu beantworten: Ich bin mehr als zufrieden. Kai ist ein wundervoller Mensch, Momoko. Er ist... viel mehr, als das, was er die Welt sehen lässt.“

Momoko erwiderte daraufhin nichts. Sie schwieg einen langen Moment und ließ den Blick noch einmal misstrauisch über die Kanten des Schuppens und die leeren Fensterreihen des Schulgebäudes schweifen. Die Leichtigkeit war für eine Sekunde aus ihrem Gesicht gewichen, ersetzt durch eine fast schon mütterliche Vorsicht. Sie trat einen Schritt näher und senkte die Stimme zu einem kaum hörbaren Flüstern.

„Nami...“, hakte sie vorsichtig nach und suchte den direkten Blickkontakt. „War er dabei auch...sanft zu dir? Ich meine... du hast keine blauen Flecken oder so etwas, oder?“

Nami stieß ein kurzes, helles Lachen aus, das die angespannte Stille hinter dem Schuppen sofort brach. „Blaue Flecken? Wie kommst du denn auf so etwas?“, fragte sie und schüttelte amüsiert den Kopf. „Glaubst du wirklich, er würde mir wehtun?“

Momoko biss sich auf die Lippe und wirkte plötzlich ein wenig verlegen. Sie nestelte an ihrem Rocksaum, bevor sie die Wahrheit herausrückte. „Es ist nur... erst letzte Woche kam eine Mitschülerin aus der Parallelklasse auf mich zu. Sie hat mich regelrecht zur Seite gezerrt und ausgequetscht, wie du und Kai eigentlich zueinander stehen.“ Sie sah Nami ernst an. „Die Leute reden, Nami. Und sein Ruf als der 'eiskalte Champion' eilt ihm voraus. Manche können sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mann mit seiner Aura sanft sein kann.“

Momoko zögerte kurz, ihre Finger kneteten nervös den Stoff ihres Ärmels. „Nami, diese Mitschülerin... sie hat mir etwas erzählt. Etwas ziemlich Konkretes.“

Nami zog die Augenbrauen hoch. Die Ruhe, die sie eben noch verspürt hatte, wich einer vorsichtigen Wachsamkeit. „Was genau hat sie dir erzählt, Momoko? Und von wem reden wir überhaupt?“

„Ema Akayama“, antwortete Momoko leise.

Nami rief sich sofort Emas Gesicht vor Augen. Sie erinnerte sich an den Moment am Morgen, als Kai sie vor dem Haupttor geküsst hatte. Ema hatte in der Menge gestanden; ihr Gesicht war eine Maske aus reinem Entsetzen und vollkommener Überraschung gewesen. Ema war zweifellos hübsch, eine jener Schülerinnen, die ihren Charme gezielt einsetzten und das sichtlich genossen, was Nami eher mied: die ungeteilte Aufmerksamkeit der männlichen Mitschüler.

„Ema?“, wiederholte Nami skeptisch. „Und was ist mit ihr?“

Momoko trat noch ein Stück näher, als wolle sie sicherstellen, dass nicht einmal der Wind ihre Worte davontragen konnte. „Sie behauptet... dass sie letzten März eine Nacht mit Kai in einem Hotelzimmer verbracht hat. Und Nami, sie hat es als einen absoluten Albtraum beschrieben.“ Momoko schluckte schwer. „Sie sagte, er sei schrecklich gewesen. Unfreundlich, eiskalt und absolut abweisend. Er habe sie weder geküsst, noch sei er auch nur im Ansatz zärtlich gewesen als sie... Sie nannte ihn ein regelrechtes Monster... sie meinte, sie habe danach fast zwei Tage lang nicht einmal richtig geradeaus laufen können, weil ihr alles wehtat. Es war für sie eine traumatische, schreckliche Erfahrung.“

Nami hörte schweigend zu. Während Momoko sprach, veränderte sich Namis Miene jedoch nicht in die Richtung, die ihre Freundin erwartet hatte. Stattdessen stieß Nami lediglich ein langes, kontrolliertes Seufzen aus und sah Momoko ruhig an.

Momoko blinzelte verdutzt. Sie hatte damit gerechnet, dass Nami wütend werden würde, doch die Stille, die von ihrer Freundin ausging, war fast schon unheimlich. „Nami?“, fragte Momoko unsicher. „Hast du gehört, was ich gesagt habe? Ein Hotelzimmer. Im März. Er hat sie behandelt wie... wie ein Objekt.“

Nami korrigierte ihren Gesichtsausdruck und sah Momoko fest in die Augen. In ihrem Blick lag kein Entsetzen, sondern eher ein tiefes, fast schon mitleidiges Verständnis für die Art und Weise, wie Kai früher mit der Welt interagiert hatte.

„Momoko, hör mir zu“, begann Nami mit ruhiger, gefasster Stimme. „Du musst verstehen, dass wir vom März reden. Kai und ich sind uns erst Ende Juni das erste Mal persönlich begegnet. Ich habe also gar keinen Grund, wegen einer Geschichte von vor einem halben Jahr eifersüchtig zu sein. Aber was Ema erzählt hat... es passt zu dem Kai, der er damals war.“

Sie machte eine kurze Pause und strich sich eine Strähne ihres silbrigen Haares aus dem Gesicht. „Kai wurde jahrelang von Mädchen belagert, die nur sein Image, seinen Ruhm und sein Aussehen wollten. Deshalb hat er seine dominante und fordernde Natur oft wie einen Schutzschild benutzt. Wenn er merkte, dass ein Mädchen ihm zu nahe trat, hat er sich absichtlich von seiner dunkelsten, kältesten Seite gezeigt. Er war dann bewusst unfreundlich und abweisend, um diese schwärmenden Mädchen ein für alle Mal in die Flucht zu schlagen.“

Ein leises Seufzen entwich ihr. „Er hat das jahrelang so gemacht, Momoko. Er hat ein Monster gemimt, damit niemand versucht, hinter seine Fassade zu blicken. Was Ema erlebt hat, war Kais Art sicherzustellen, dass sie nie wieder einen Fuß in seine Nähe setzt. Es war seine Methode, seine Ruhe vor Leuten zu haben, die ihn nicht wirklich kannten.“

Nami legte ihrer Freundin eine Hand auf den Unterarm und sah sie bittend an. „Aber das ist die Vergangenheit. Bei mir ist er anders, weil er sich bei mir zum ersten Mal entschieden hat, die Mauer fallen zu lassen. Bitte behalt das für dich, Momoko. Ich will nicht, dass diese alten Geschichten wieder aufgewirbelt werden. Ich weiß, wer er jetzt ist...und das ist alles, was zählt.“

Momoko blinzelte und schien die Logik hinter Namis Worten langsam zu verdauen. Die Vorstellung, dass Kai seine eigene Intensität als Abschreckungswaffe eingesetzt hatte, war zwar erschreckend, ergab aber bei einem Charakter wie ihm absolut Sinn. „Er hat also ernsthaft den Bösewicht gespielt, nur damit sie ihn in Ruhe lassen?“, murmelte sie nachdenklich. „Das ist... krass. Aber es erklärt einiges.“

Nami hielt den Blick fest, während sie beobachtete, wie Momoko die Erklärung langsam sacken ließ. Innerlich jedoch verspürte sie einen kurzen, stechenden Moment der Ambivalenz. Sie war sich vollkommen bewusst, dass sie die Wahrheit für ihre Freundin ein wenig zurechtgebogen hatte.

Sie hatte es so klingen lassen, als sei dieses abweisende, dominante Verhalten eine bloße Maske gewesen...eine kalkulierte Rolle, die Kai nach Bedarf an- und ablegte. Doch tief im Inneren wusste Nami es besser. Sie verschwieg Momoko gegenüber ganz bewusst, dass dies keine Maske war. Was Ema erlebt hatte, war Kais wahre, ungeschönte Natur gewesen; jener dunkle, fordernde Kern, der in ihm wohnte und den er jahrelang ohne Zögern als Waffe eingesetzt hatte.

Nami wusste, dass Kai niemals „gespielt“ hatte. Er war dieses Monster gewesen, wenn er es für nötig hielt. Der einzige Unterschied war, dass er nun, in ihrer Gegenwart, zum ersten Mal den mühsamen Prozess begonnen hatte, diese archaische Energie schrittweise in etwas anderes umzuwandeln. Er unterdrückte seinen Kern nicht mehr vollends, aber er versuchte, ihn für sie zu bändigen, ihn in Leidenschaft statt in Kälte zu kanalisieren.

„Glaub mir einfach, Momoko“, fügte Nami leise hinzu, während sie das Bild des eiskalten Kais in Momokos Kopf als abgeschlossene Akte versiegelte. „Er ist nicht mehr derselbe Mensch.“

Sie tat dies nicht, um Kai zu entschuldigen, sondern um ihn zu schützen...und vielleicht auch, um das fragile Glück, das sie gefunden hatten, vor den urteilsfähigen Blicken der Außenwelt zu bewahren. Momoko musste nicht wissen, wie schmal der Grat war, auf dem Kai sich bewegte, und wie viel Kraft es ihn kostete, seine Dominanz nicht mehr als Zerstörung, sondern als Hingabe zu definieren.

„Versprochen?“, hakte Nami noch einmal nach und wartete auf das Nicken ihrer Freundin. „Kein Wort zu Kenji oder sonst wem.“

„Versprochen“, murmelte Momoko, sichtlich beeindruckt von Namis Souveränität, ohne zu ahnen, dass Nami gerade die dunkelsten Schatten ihres Geliebten mit einem Mantel aus sanfteren Worten zugedeckt hatte.

Ein paar Stunden später...

Das Auto fühlte sich in diesem Moment wie ein Käfig an. Kais Magen zog sich schmerzhaft zusammen; dieses beklemmende Gefühl war kein einfaches Unbehagen mehr, es war eine instinktive Warnung, die er nicht ignorieren konnte.

Wladimirs raue Stimme hallte in seinem Kopf wider:

~Was würdest du tun?~

Kai starrte durch die Windschutzscheibe auf das Meer aus Bremslichtern. Er wusste genau, was er tun würde. Er würde im Verborgenen bleiben, die Schwachstellen seines Ziels studieren und im unerwartetsten Moment zuschlagen. Der Gedanke an K-II war wie ein Blick in einen dunklen Spiegel, der ihm sein eigenes Potenzial für Kaltblütigkeit und Präzision entgegenhielt.

„Bewegt euch endlich!“, zischte er und hieb mit der flachen Hand gegen die Hupe. Der schrille Ton durchschnitt die stickige Luft der Rushhour, doch die Blechlawine vor ihm rührte sich kaum. Er blickte auf die Digitalanzeige der Konsole. Noch etwas mehr als dreißig Minuten. Normalerweise ein Katzensprung, doch heute fühlte sich jede Minute im Stau an wie eine Ewigkeit, in der sein bösartiges Ebenbild bereits seine Finger nach Nami ausstrecken konnte.

Die Schulglocke schrillte durch die Flure der Oberschule und löste die starre Ordnung des Unterrichts in ein chaotisches, lebendiges Treiben auf. Hunderte Schüler strömten aus den schweren Flügeltüren des Hauptgebäudes hinaus in die milde Nachmittagssonne, die den Schulhof in ein goldenes Licht tauchte.

Nami trat neben Momoko ins Freie und atmete die frische Luft tief ein. Sie war am Ende ihrer Kräfte...nicht körperlich, sondern sozial. Der Tag war ein einziger Spießrutenlauf gewesen. In jeder Pause, auf jedem Gang und sogar während der Gruppenarbeit war sie auf Kai angesprochen worden. Die Neugier der Mitschüler war grenzenlos gewesen, und Nami hatte das Gefühl, als hätte sie den ganzen Tag lang eine Rolle spielen müssen, um Kais Privatsphäre und ihren eigenen Frieden zu wahren.

Als sie schließlich das große Haupttor erreichten, blieb Nami stehen und ließ die Schultern sinken. Ein langes, erschöpftes Seufzen entwich ihrer Brust.

Momoko, die sofort die Anspannung ihrer Freundin spürte, blickte sich suchend um. Der Parkplatz vor dem Tor war belebt und Gruppen von Schülern verabschiedeten sich lärmend, doch das markante Fahrzeug, das sie erwarteten, war nirgends zu sehen.

„Was ist los?“, fragte Momoko und runzelte die Stirn, während sie den Horizont der Straße absuchte. Von Kai war weit und breit nichts zu sehen. „Er ist noch nicht da, oder?“

Nami antwortete nicht sofort. Sie starrte auf den Asphalt und spürte plötzlich ein seltsames Frösteln, trotz der warmen Nachmittagssonne auf ihrer Haut. Ein unbestimmbares Gefühl der Unruhe mischte sich in ihre Erschöpfung. Wo blieb er?

„Oh, schau mal, wer da kommt.“ Momokos Stimme riss Nami aus ihren trüben Gedanken. Ihre Freundin hob die Hand und deutete auf eine Gestalt, die sich mit der gewohnten Selbstverständlichkeit durch die Menge der Schüler pflügte.

Nami hob den Kopf, und ein Lächeln der Erleichterung breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Da war er. Kai kam in seinem charakteristischen, lässigen Schritt auf sie zu. Beide Hände tief in den Hosentaschen vergraben, das Kinn leicht gesenkt, sodass seine Augen im Schatten seiner dunkelsilbrigen Haarsträhnen verborgen blieben.

Sofort flammte das Getuschel um sie herum wieder auf. Als Kai den Blick leicht hob und ihn über die Reihen der Mitschülerinnen schweifen ließ, zuckten einige von ihnen sichtlich zusammen...eine Mischung aus Ehrfurcht und wohliger Gänsehaut. Doch Nami entging nicht, dass Kais Blick heute anders war. Er war nicht nur kühl; er war schneidend, fast schon gläsern.

Ohne ein Wort blieb er direkt vor ihr stehen. Er starrte ihr sekundenlang so eindringlich in die Augen, als wollte er sicherstellen, dass sie wirklich diejenige war, für die er sie hielt. Die Intensität war fast schmerzhaft.

Schließlich schien er eine Entscheidung zu treffen. Er griff nach ihrem Oberarm, zog sie ein kleines Stück zu sich heran und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.

~Huh?~

Ein kurzes Stocken ging durch Namis Körper. Ein Kuss auf die Wange? Nach dem leidenschaftlichen Ausbruch von heute Morgen wirkte diese Geste seltsam mechanisch, fast schon distanziert. Es fehlte die gewohnte Hitze, die er sonst ausstrahlte.

Noch während sie darüber nachgrübelte, spürte sie seinen Atem an ihrem Ohr. „Du bist in Gefahr, wir dürfen keine Zeit verlieren ...“, flüsterte er. Seine Stimme klang dabei erschreckend flach, bar jeder emotionalen Zuneigung. Er sprach wie jemand, der einen strategischen Befehl ausführte, rein effizient und ohne Wärme.

Namis Augen weiteten sich vor Schreck. Die Erschöpfung des Schultages war mit einem Schlag vergessen, ersetzt durch ein kaltes Pochen in ihren Schläfen. Bevor sie eine Frage stellen konnte, spürte sie, wie seine Finger sich fest um ihre Hand schlossen. Der Griff war hart, fast schon schmerzhaft besitzergreifend, als er sie mit einem Ruck mit sich zog.

„Hallo auch dir, lieber Kai!“, rief Momoko dazwischen. Sie verschränkte die Arme und sah ihn beleidigt an, sichtlich pikiert darüber, dass er sie nicht einmal keines Blickes gewürdigt hatte. Doch Kai ignorierte sie vollkommen. Er drehte sich nicht einmal um; seine Kälte gegenüber ihrer Freundin war absolut und unerschütterlich.

„Wir sehen uns morgen, Momoko! Ich schreibe dir später ...“, rief Nami über die Schulter, während sie Mühe hatte, mit Kais plötzlichem Tempo Schritt zu halten. Er steuerte mit einer beunruhigenden Zielstrebigkeit vom Gelände weg, und Nami spürte, wie die Panik in ihr aufstieg. Kai war immer kontrolliert gewesen, aber dieses Verhalten war anders...es war, als wäre er in einem Tunnel, aus dem es kein Entrinnen gab.

„Warte doch, nicht so schnell! Wieso hetzt du so?“, stieß Nami hervor, während sie fast über ihre eigenen Füße stolperte. Sein Griff um ihr Handgelenk war ungewohnt fest, beinahe schmerzhaft, und die harten Kanten seiner Finger gruben sich in ihre Haut. Es war kein beschützendes Halten mehr, sondern ein rücksichtsloses Zerren.

Kai reagierte nicht. Er würdigte sie keines Blickes, sondern starrte stur geradeaus, während er sie mit mechanischer Präzision in eine schmale, schattige Nebenstraße manövrierte. Dort, abseits des neugierigen Getümmels vor dem Schultor, parkte ein dunkelgrünes, elegantes Fahrzeug, dessen Lack im fahlen Licht der Gasse fast schwarz wirkte.

„Los, steig ein ...“, befahl er knapp. Er ließ ihre Hand abrupt los und machte eine vage, auffordernde Geste in Richtung der Beifahrertür.

Nami zögerte eine Sekunde. Ein beklemmendes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, während sie beobachtete, wie Kais kalte Augen unaufhörlich die Umgebung abscannten...ruckartig, misstrauisch, wie ein Raubtier auf der Hut. Seine Stimme war völlig bar jeder Wärme, so emotionslos, dass es sie fröstelte. War die Gefahr wirklich so unmittelbar, dass er selbst ihr gegenüber plötzlich keine Zuneigung zuließ?

Sie öffnete die Tür und sank in den schweren, duftenden Ledersitz. Das Interieur war von exquisiter Qualität; poliertes Edelholz und feinste Armaturen verrieten sofort, dass sie sich im Inneren eines luxuriösen Bentley befanden.

~Stand der auch in der Penthouse-Garage?~, fragte sie sich im Stillen, während sie über das makellose Leder strich. ~Ein so schönes Auto wäre mir sicher aufgefallen. Vielleicht stand er in einer der hinteren Ecken, ganz versteckt?~ Trotz der Anspannung konnte sie nicht leugnen, dass sie das edle Ambiente des Wagens sofort mochte.

„Schnall dich an. Wir fahren zu meinem Elternhaus. Dort müssten wir sicher sein“, sagte Kai, ohne sie dabei anzusehen. Seine Finger umschlossen das Lenkrad.

Dann ließ er den Motor an. Ein tiefes, grollendes Brummen erfüllte die Fahrgastzelle, und noch bevor Nami den Gurt richtig eingerastet hatte, traten die Reifen bereits mit einem gellenden Quietschen an. Kai riss den Wagen aus der Seitenstraße und schoss mit einer Aggressivität auf die Hauptstraße, die Nami den Atem raubte.

Sie krallte ihre Finger in die Armlehne, als er beinahe rücksichtslos durch den dichten Nachmittagsverkehr pflügte.

~Oh mein Gott, wieso rast er denn so...~

Kais Fahrstil war plötzlich rabiat, fast schon lebensmüde. Die Kälte seiner Aura, die wie ein eisiger Nebel den Innenraum des Bentleys erfüllte, und seine unbändige Eile schürten eine leise, aber stetig wachsende Angst in ihr. Das war nicht der Kai, den sie heute Morgen verlassen hatte. Etwas stimmte ganz und gar nicht.

Das Schweigen im Auto war fast so bedrückend wie die Geschwindigkeit, mit der sie durch die Straßen schossen. Nami krallte sich an ihrem Sitz fest, doch die Ungewissheit war schließlich stärker als ihre Vorsicht.

„Dein... Elternhaus?“, fragte sie leise, ihre Stimme zitterte leicht durch die Vibrationen des Bentleys. „Ich wusste gar nicht, dass du das noch besitzt. Wo genau liegt das?“

Ein seltsamer Schauer lief ihr über den Nacken, als Kais Augen für einen Sekundenbruchteil zu ihr huschten...ein kühler, fast klinischer Blick, ehe er sich wieder der Straße widmete. „Ich bin vor Jahren schon dort ausgezogen. War mir zu groß und protzig. Dort stand auch der Bentley die ganze Zeit...“

Seine knappe Antwort klärte zwar das Rätsel um den Wagen, doch sein Tonfall blieb erschreckend fremd. Kai schaltete die Gänge mit einer Grobheit durch, die das Getriebe regelrecht aufschreien ließ. Nami biss sich auf die Lippe; bei diesem Tempo war es nur eine Frage der Zeit, bis eine Polizeistreife auf sie aufmerksam wurde.

„Kennst du das Ayame-Anwesen?“, fragte er plötzlich.

Nami stockte der Atem. „Klar, das ist nicht weit von unserem Haus. Vielleicht zehn Minuten Fußweg?“ Ein verwirrter Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Ist das etwa dein Elternhaus?! Wieso heißt es dann nicht Hiwatari-Anwesen?“

In ihrem Kopf ratterte es.

~Wieso habe ich nie begriffen, dass Kai damals so nah bei uns wohnte?~

„Weil mein Großvater es erbaute und es nach seiner Frau Ayame benannte, aber egal jetzt... wir haben Wichtigeres, worüber wir reden sollten...“

Nami nickte stumm. Sie betrachtete seine Hand am Schalthebel und zögerte, danach zu greifen. Die Sehnsucht nach seiner Nähe kämpfte gegen das Unbehagen, das diese eisige Version von Kai in ihr auslöste. Er wirkte nicht nur gestresst, er wirkte wie ausgewechselt.

„Da sind wir...“, sagte er schließlich, als sie vor einem massiven, schmiedeeisernen Tor zum Stehen kamen.

Es schwang knarrend auf, und Kai lenkte den Bentley auf das Grundstück. Nami staunte trotz ihrer Angst. Das Gebäude war prachtvoll, im klassizistischen Stil erbaut und erinnerte an alte europäische Herrenhäuser. Die kalte, aristokratische Schönheit des Anwesens passte in diesem Moment auf fast unheimliche Weise zu der unnahbaren Aura des Mannes neben ihr.

Währenddessen am anderen Ende der Stadt...

„Momoko! Warte!“

Momoko zuckte zusammen und drehte sich um. Sie war bereits auf halbem Weg zur U-Bahn-Station, als die vertraute, herrische Stimme an ihr Ohr drang. Doch als sie den Mann sah, der auf sie zulief, klappte ihr der Mund auf.

„Hä, Kai?! Was... hast du dich umgezogen? Und wo ist Nami?“ Sie blickte irritiert an ihm vorbei. Er trug andere Kleidung als noch vor wenigen Minuten und sah völlig abgehetzt aus, sein Atem ging stoßweise.

„Ich dachte, sie wäre bei dir! Ich hatte ihr eine Nachricht geschrieben, dass ich mich verspäte.“, stieß Kai hervor, die Panik in seinen Augen war nicht zu übersehen. „Ich stand fast 45 Minuten im Stau. Irgendein Idiot hat Metallnägel auf die Fahrbahn gestreut...wieso fragst du eigentlich, ob ich mich umgezogen habe? Verdammt, wo ist Nami?!“

Die raue Dringlichkeit in seiner Stimme ließ Momoko frösteln. Sie starrte ihn fassungslos an. „Na, sie ist doch gerade mit dir mitgegangen... entschuldige mal, verarscht ihr mich gerade?! Du hast sie doch vor zehn Minuten selbst an der Schule eingesammelt. Ich war dabei, ich hab’s doch gesehen!“

In diesem Moment schien die Welt um Kai herum stillzustehen. Ein eiskalter Schauder raste seinen Rücken hinunter, und ein brennender Schmerz breitete sich in seiner Brust aus, als sein Herz gegen die Rippen hämmerte. Die bittere Gewissheit über das Projekt K-II und die Warnung Wladimirs trafen ihn mit der Wucht eines Frontalaufpralls.

~Bitte nicht...~

Er sah Momoko an, und sein Gesicht war so bleich wie das eines Toten. „Momoko... das war nicht ich...“