Für dich, gehe ich durch die Hölle...
Für dich, gehe ich durch die Hölle...
Der falsche Kai legte die Hand bereits an den Rahmen der gesplitterten Bibliothekstür, als er abrupt abgestoppt wurde. Eine Hand legte sich fest auf seine Schulter...eine Hand, deren Griffkraft und Form er nur zu gut konntete.
„Brauchst du irgendwas? Geld oder was anderes, um nach Sibirien zu kommen?“, fragte Kai kühl.
Nami blinzelte überrascht. Dass Kai seinem eigenen Klon, der sie vor wenigen Minuten noch fast das Leben gekostet hätte, nun finanzielle Hilfe anbot, wirkte auf den ersten Blick völlig untypisch. Doch als sie sein Profil im fahlen Licht der Bibliothek sah, erkannte sie den wahren Grund: Er hatte ihren sorgenvollen Blick bemerkt. Es war eine Geste, die weniger dem Klon galt als vielmehr ihrem Frieden. Kai regelte die Dinge pragmatisch, auf seine Weise.
„Danke, nicht nötig“, erwiderte K-II trocken. Mit einer fast schon angewiderten Bewegung schob er Kais Hand von seiner Schulter. Es schien ihm sichtlich unangenehm zu sein, die physische Realität seines Originals zu spüren...als würde die Berührung ihn daran erinnern, dass er nur der Schatten eines anderen war.
„Ich habe eine Biovolt-Kreditkarte. Solange sie mir die nicht sperren, habe ich alles, was ich brauche. Außerdem...“ Er wandte sich zum Gehen, seine Schritte hallten auf dem Marmor des Flurs. „... habe ich mich sowieso schon am Safe und an deinen alten Klamotten hier im Haus bedient. Ich dachte, das stellt kein Problem dar, da du ja eh nie hier bist? Ach so...eins noch... Nami, sieh in deiner Rocktasche nach...“
Verdutzt tastete Nami in die kleine Seitentasche ihres Rocks. Ihre Finger schlossen sich um ein kleines, schwarzes Kästchen, kaum größer als ein Würfel. „Was ....ist denn das?“, murmelte sie, während sie es hervorholte.
Ohne ein weiteres Wort trat der Doppelgänger einen Schritt auf sie zu und nahm ihr das Kästchen aus der Hand. Mit einem abrupten, hässlichen Knirschen zerdrückte er das Gehäuse in seiner kräftigen Faust. Metallsplitter und feine Elektronikteile rieselten wie schwarzer Schnee zu Boden.
„Durch den Störsender wurde dein Handy blockiert“, erklärte er emotionslos. „Black Dranzer hatte ihn dir untergejubelt, als er dich an der Schule abholte.“
Kai presste die Lippen zusammen. Endlich ergab es Sinn, weshalb seine verzweifelten Anrufe ins Leere gelaufen waren.
K-II setzte seinen Weg fort, ohne das Tempo zu verlangsamen, und warf nur einen flüchtigen Blick über die Schulter. „Mal ehrlich, dieses beschützerische Getue passt irgendwie gar nicht zu dir. Sie hat dich weichgemacht. Fragst mich, ob ich was für meine Reise brauche...tss ...“ Er schüttelte belustigt und zugleich mit einer Spur Verachtung den Kopf über die neugewonnene Verantwortung seines Originals.
Kai ignorierte die Spitze, doch seine Stimme klang wieder gewohnt autoritär, als er ihm nachrief: „Hey... Tu mir nur einen Gefallen ... wie auch immer du dich in Zukunft nennst. Komm mir ja nicht in die Quere und mach mir keinen Ärger...“
Der Klon schmunzelte düster. „Mal sehen...ansonsten steht dein Alibi ja neben dir... Ach ja, die anderen Bit-Beasts sind übrigens wieder frei und zu ihren Bladern zurückgekehrt.“
Nami spürte, wie sein Blick ein allerletztes Mal kurz auf ihr verwelte...ein Blick, der mehr Reue enthielt, als er jemals zugeben würde. Dann schritt er mit wehendem Mantel an dem völlig erstarrten Graham vorbei, der wie eine Salzsäule im Foyer stand, und verschwand durch die wuchtige Haustür in der Dunkelheit.
„Master...Kai?“, krächzte Graham. Der alte Butler war kreidebleich, seine Hand zitterte am Revers seiner Weste. Er sah von der Tür zurück zum wahren Kai, der nun mit Nami aus der Bibliothek trat. Sein Blick wanderte verzweifelt hin und her, als könne sein Verstand die Logik des Gesehenen nicht verarbeiten. „Was in Himmels Namen geht hier vor? Ich sehe doppelt!“
Kai legte Graham kurz eine Hand auf den Unterarm, um den alten Mann davor zu bewahren, den Halt zu verlieren. „Ganz ruhig, Graham. Es ist vorbei. Ein schlechter Scherz von Biovolt. Es ist alles unter Kontrolle. Mach dir keine Sorgen. Geh in die Küche.“ Kai sprach mit einer unerschütterlichen Dominanz, die den alten Butler sichtlich erdete.
Graham verneigte sich kurz, sichtlich froh über die Entlassung aus dieser bizarren Situation, und zischte in strammem Schritt davon, wohl um die Ordnung in seiner Küche wiederherzustellen, die in seinem Kopf gerade völlig verloren gegangen war.
Kai wandte sich wieder Nami zu und ergriff ihre Hand. Die Hitze, die nun von ihm ausging, war fast greifbar...die unbändige Energie der vollzogenen Seelenverschmelzung mit Dranzer pulsierte unter seiner Haut. „Meinst du, es war klug, ihn einfach so gehen zu lassen?“, fragte er sie leise, während er seinen Blick zur geschlossenen Haustür gleiten ließ.
Nami antwortete nicht sofort. Sie drückte seine Hand so fest sie konnte, ehe sie sich eng an ihn schmiegte. Sie legte ihre Hand auf seine Brust und spürte das kräftige, ruhige Schlagen seines Herzens... ein Rhythmus, den sie vor wenigen Minuten noch für immer verloren geglaubt hatte.
„Was hätten wir sonst tun sollen?“, flüsterte sie an seine Schulter gelehnt. „Irgendwie tut er mir leid... Er ist nur eine Waffe, die man gebaut hat.“
Sie vernahm ein leises, raues Schnauben von Kai. Er hob ihr Kinn sanft an, bis sie ihn ansehen musste. Nami hielt kurz den Atem an. Die rubinfarbene Glut Dranzers war nun dauerhaft in seine Iris übergegangen; das Rot seiner Augen leuchtete intensiver, tiefer und schöner als je zuvor.
„Das sieht dir ähnlich“, sagte er leise. In der Tiefe seines Blickes lag eine fundamentale Erleichterung, die Nami die Tränen in die Augen trieb. „Mach dir keine Sorgen um ihn. Er hat mein Gesicht und meinen Verstand. Er wird sich holen, was ihm zusteht.“
Doch Nami konnte die Sorge nicht ganz abschütteln. „Ja, ich weiß. Doch ist er nun genauso allein, wie du es damals warst. Hast du nicht seine Blicke gesehen, als wir uns vorhin... berührten? Er schien so überrascht.“
Kai sah sie einen Moment schweigend an. Sein Kiefer spannte sich leicht an, als er sich an die Echos erinnerte, die der Klon wahrgenommen hatte. Die Worte, die er geschrien hatte, als er dachte, er würde sie an das Monster verlieren. Worte... welche einfach so seine Lippen verließen.
„Ich war nie allein. Ich wusste es nur nicht besser“, korrigierte er sie sanft, während sein Daumen sacht über ihre Wangenknochen strich. „Er war überrascht, weil er begriffen hat, dass es jemanden auf dieser Welt gibt, für den ich ohne zu zögern in die Hölle gehen und mein Leben wegwerfen würde.“
Nami blinzelte verwirrt, ihr Herz hämmerte wild gegen ihre Rippen. „Kai...“
Kais Hand glitt langsam an ihrem Körper hinab zur Taille. Er zog sie sacht, aber bestimmt näher an sich. Er sah sie an, mit diesem intensiven, fast schon schmerzhaft ehrlichen Blick, der keine Mauern mehr brauchte.
„Ich...war nie gut darin...Gefühle in Worte zu fassen, Nami. Das weißt du“, raunte er, und seine Stimme besaß dieses tiefe, raue Vibrato, das sie so liebte. „Aber als ich sah, wie er dir die Lebenskraft ausgesaugt hatte... da gab es in meinem Kopf keinen anderen Gedanken mehr, als dich zu schützen. K-II hat recht. Du hast etwas in mir verändert. Etwas, das ich nicht mehr rückgängig machen kann. Und ich will es auch nicht.“
Er senkte sein Gesicht zu ihr, so nah, dass sein warmer Atem ihre Lippen streifte.
„Du gehörst zu mir, Nami Tachiba. Und ich werde verdammt noch mal dafür sorgen, dass das so bleibt.“
Es war kein klassisches „Ich liebe dich“... es war Kais ganz eigene, besitzergreifende und unendlich tiefe Liebeserklärung. Ein Schwur, geschmiedet aus Feuer und absoluter Hingabe. Bevor sie antworten konnte, zog er sie in einen Kuss, der tief, heiß und endgültig war. Es war das Versprechen, besiegelt durch die vollendete Macht von Dranzer.
Nami hielt die Augen fest geschlossen, während die Hitze der Euphorie ihr in die Wangen stieg. Als er sich nach einigen langen Sekunden wieder von ihr löste, flüsterte sie mit einer Stimme, die vor Glück zitterte: „Und du gehörst zu mir, Kai Hiwatari...“
Die warme, fast greifbare Stille der großen Eingangshalle hüllte sie ein, während sie noch eine ganze Weile eng umschlungen zwischen den hohen Marmorsäulen verharrten. Das ferne Klappern von Grahams Teetasse in der Küche war das einzige Geräusch.
„Was... machen wir jetzt?“, hauchte Nami gegen seine Brust.
Kai stieß ein kurzes, leises Amüsieren aus... ein typisches, raues, zufriedenes Schmunzeln, das seinen gesamten Brustkorb vibrieren ließ. „Was willst du denn tun? Sollen wir deinem Vater erzählen, dass es keine Gefahr für die Teilnehmer des Turniers mehr gibt?“
Nami erschrak künstlich und löste sich ein Stück von ihm, nur um ihn mit einem entsetzten Kopfschütteln anzusehen. „Nein, bloß nicht! Sonst darf ich sicher den Rest der Woche zu Hause verbringen. Er soll ruhig denken, dass ich für das Seelenband ein wenig länger brauche. Ich wohn so gern bei dir.“ Ein freches, beinahe diebisches Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. „Es sei denn... du hast schon genug von mir ...“
In diesem Moment entging Nami nicht, wie sich die harte Linie um Kais Mundwinkel erneut minimal entspannte. Die eisige Starre, die sonst jede seiner Regungen kontrollierte, wich einem seltenen, beinahe sanften Schimmern in seinen nun rubinroten Augen. Es war ein exklusiver Blick, eine Nuance seiner selbst, die er nur in ihrer Gegenwart zuließ.
„Bleib von mir aus für immer...“, sagte er, und die raue Bestimmtheit in seiner Stimme ließ Namis Herz einen heftigen Schlag tun. „Aber du solltest Momoko anrufen und beruhigen. Ich glaube, ich habe ihr heute einen ziemlich bleibenden Eindruck verpasst.“
Ein kurzes, trockenes Schnauben...ein tiefes, amüsiertes Vibrieren...löste sich aus seiner Kehle. Es war kein lautes Lachen, sondern das typische, unnahbare Schmunzeln eines Mannes, der es nicht gewohnt war, die Fassung zu verlieren, sich aber der Absurdität der Situation bewusst war. Nami starrte ihn einen Moment sprachlos an. Selbst dieses leise, raue Amüsement war eine Seltenheit, die sie wie einen kostbaren Schatz in sich aufnahm.
„Wieso bist du so schadenfroh... die arme Momoko...“, gluckste sie, während sie versuchte, einen tadelnden Blick aufzusetzen, der ihr kläglich misslang.
„Dein Gesichtsausdruck eben war einfach unbezahlbar“, erwiderte er trocken. Er hob die Hand, legte sie kurz auf ihren Kopf und zerzauste ihr langes, silbriges Haar mit einer fast beiläufigen, aber unendlich vertrauten Geste, bevor er die Finger wieder sinken ließ.
Nami rollte verlegen mit den Augen und spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss. „Also... dass du so was sagst, damit habe ich halt nicht gerechnet...“
Kai sah sie an, und in der Tiefe seiner Augen lag eine unerschütterliche Beständigkeit. Die Verschmelzung mit Dranzer schien den ständigen, inneren Sturm in seinem Geist besänftigt zu haben; er wirkte geerdeter, ruhiger und absolut im Reinen mit dem, was er gerade ausgesprochen hatte.
„Es ist die Wahrheit. Bleib, solange du willst“, wiederholte er mit einer beiläufigen Kühle, die dennoch keinen Raum für Zweifel ließ.
Nami sah zu ihm auf, ihr Blick voller schelmischer Warnung, doch ihr Inneres bebte vor Erleichterung. „Sag nicht, was du später noch bereust...“, konterte sie leise, während sie sich wieder enger an seine Brust drückte, wohlwissend, dass ein Mann wie Kai Hiwatari niemals Worte verschwendete, die er nicht genau so meinte.
Nach einer Weile löste sich Nami langsam aus seiner Umarmung. Ihre Schritte hallten leise auf dem makellosen, hellen Marmor, während sie den Blick andächtig durch die monumentale Eingangshalle des Ayame-Anwesens schweifen ließ. Das gedimmte Licht, das durch die hohen, bogenförmigen Fenster brach, zeichnete lange Schatten an den Wänden und verlieh dem Raum die erhabene, fast sakrale Atmosphäre eines alten europäischen Herrenhauses.
„Es ist so wunderschön hier“, murmelte sie bewundernd. Ihr Blick wanderte nach oben zu dem gewaltigen Kristallkronleuchter, der wie ein schwerer, gefrorener Sternenregen von der kunstvoll verzierten Decke hing. „Wieso... wolltest du hier nicht mehr wohnen?“
Kai holte tief Luft, die Arme locker vor der Brust verschränkt. Er spürte die neue, pulsierende Vitalität in seinem Inneren, die seine Sinne schärfte und ihm die kühle Logik seiner eigenen Entscheidungen vor Augen führte.
„Dieses Haus hat sechs Schlafzimmer, vier Bäder, zwei Wohnräume, eine Galerie, ein Esszimmer, einen Wintergarten und eine riesige Bibliothek“, zählte er emotionslos auf, während er ihren Bewegungen mit den Augen folgte. „Was soll ein einzelner Mann in so einem Riesen-Ding? Allein. Außerdem bin ich kein Fan von diesem alten Kitsch. Das Haus ist mir zu geschichtsträchtig.“
Nami schien seine pragmatische Argumentation kaum zu registrieren. Sie war bereits einige Stufen der breiten, herrschaftlichen Steintreppe hinaufgestiegen. Ihr Finger glitt sacht über das schwere, kunstvoll geschmiedete Geländer, während sie vor einer Reihe imposanter Ölgemälde stehen blieb, die in schweren, nachgedunkelten Goldrahmen an der Wand prangten. Die Porträts strahlten eine strenge, längst vergangene Eleganz aus.
„Ist das... deine Familie?“, fragte sie leise. Ihre Aufmerksamkeit blieb an einer Leinwand hängen, die eine dreiköpfige Familie zeigte. Der Vater wirkte streng, die Haltung unnachgiebig, während die Mutter eine zeitlose, melancholische Grazie ausstrahlte. Doch es war das Kind, das Namis Blick fesselte: Ein kleiner Junge in einem akkuraten Matrosenanzug. Trotz seines zarten Alters sprach aus dem trotzigen, ernsten Gesichtsausdruck und den verschränkten Ärmchen bereits die unbeugsame Schärfe des späteren Kai. Die Hand seiner Mutter ruhte beschützend, fast schon klammernd auf seiner kleinen Schulter.
Ein weiches, gerührtes Lächeln stahl sich auf Namis Gesicht. ~Wie süß er war~ ..., dachte sie ganz versonnen.
Kai trat an den Fuß der Treppe und blickte zu ihr hoch, wobei er die Stirn leicht in Falten legte, als er sah, welches Bild sie fixierte.
„Mein Großvater war besessen von Traditionen, deswegen mussten wir alle für so einen Schwachsinn herhalten“, kommentierte er mit einem genervten Unterton, in dem jedoch kein echter Groll mehr mitschwang. „Fotografen waren ihm nicht standesgemäß genug. Nein, man musste wie vor zweihundert Jahren einen Maler engagieren. Stundenlang musste ich stillstehen. Ich war etwas mehr als zwei Jahre alt. Ich habe es abgrundtief gehasst.“
Er klang so felsenfest überzeugt von seiner alten Abneigung, dass Nami ein leises Kichern nicht unterdrücken konnte. Sie sah den zweijährigen Kai bildlich vor sich, wie er dem Maler wütende Blicke entgegenwarf, während in seinem Inneren bereits das ungeduldige Feuer eines Orkans tobte.
Als sie den Blick weiter über die Gemälde gleiten ließ, erfüllte eine neue Ehrfurcht den Raum. Bei dem Wort „Großvater“ dachte man unwillkürlich an Voltaire Hiwatari – jenen finsteren Despoten, dessen Name in der Blader-Welt nur mit Angst und Grausamkeit assoziiert wurde. Doch diese Wände erzählten eine andere, ältere Geschichte.
„Wer ist das?“, fragte sie leise und deutete auf ein besonders großes Gemälde weiter oben auf dem Treppenabsatz. Das Paar darauf wirkte wie einer vergangenen Epoche entsprungen. Der Mann trug einen perfekt sitzenden, dunklen Frack, die Frau ein bodenlanges Kleid mit zarten, floralen Mustern. Ein ausladender, blumengeschmückter Sonnenhut warf einen weichen Schatten auf ihr Gesicht, konnte ihre überwältigende Schönheit jedoch nicht verbergen. Sie strahlten eine Lebendigkeit aus, die fast physisch spürbar war.
„Das waren meine Großeltern mütterlicherseits, Satoshi und Ayame Minamoto“, erklärte Kai knapp. Er stand am Fuß der Treppe, die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben, den Blick starr auf das Paar gerichtet. „Sie starben früh. Meine Großmutter bei der Geburt meiner Mutter. Mein Großvater verfiel vor Trauer zeitweise dem Alkohol, überlebte sie aber um dreiundzwanzig Jahre. Er starb erst, als ich drei war. Ich habe kaum Erinnerungen an ihn, aber man sagt, er sei ein absolut wohlwollender Mensch gewesen.“
Nami spürte einen Kloß im Hals. Auf dem Bild wirkten sie so unbeschwert – vielleicht waren sie in jenem Moment kaum älter als sie und Kai jetzt. Besonders Satoshi faszinierte sie; er besaß dieselbe durchdringende, fast magnetische Ausstrahlung in den Augen wie Kai. Es war unverkennbar, dass sein Erbe in Kais markanten Zügen weiterlebte.
„Also ... ist das hier das Haus, in dem deine Mutter aufwuchs?“, folgerte Nami sanft.
„Ist es“, bestätigte Kai. „Ich habe als Kleinkind kurz hier gewohnt, bevor man mich nach dem Tod meiner Eltern zurück nach Russland geschickt hat. Da war ich sechs. Erst mit dreizehn kam ich endgültig zurück nach Japan.“
Nami hielt inne und drehte sich zu ihm um, die Hand noch immer fest am Holz des Geländers. „Du wurdest in Russland geboren, nicht wahr?“
Kai nickte, und sein Kiefer spannte sich merklich an, als die düsteren Erinnerungen an seinen väterlichen Großvater, Voltaire, an die Oberfläche drängten. „Voltaire hatte meinen Vater gezwungen, mit meiner Mutter nach Russland zu ziehen. Er wollte ihn auf die Übernahme von Hiwatari Enterprises vorbereiten. Mein Vater ahnte damals nicht, dass Voltaire im Hintergrund an Fäden spann, die zur Kontrolle über mehrere Weltstaaten führen sollten. Da unsere Familie eines der größten Militärunternehmen der Welt kontrolliert, besaß Voltaire enorme Macht. Er scharte Männer um sich, die ihm blind folgten.“
Die Atmosphäre im Foyer schien sich mit jedem seiner Worte zu verdichten, schwer und drückend zu werden. Nami sah Kai an und begriff nun die schiere Last des Erbes, das auf seinen Schultern ruhte. Das Ayame-Anwesen war nicht nur ein altes Gebäude; es war der letzte Zufluchtsort der mütterlichen Linie, ein zerbrechliches Denkmal der Menschlichkeit inmitten eines Imperiums aus Stahl, Waffen und kaltem Kalkül. In Kais Wesen spiegelte sich dieser permanente Kontrast wider: die Eleganz der Minamotos und die unerbittliche, antrainierte Härte der Hiwataris.
Kai stand unbewegt am Fuß der Treppe, doch seine Finger krallten sich fast unmerklich in den Stoff seiner Ärmel. Die Pracht des Anwesens verblasste vor den Schatten der Vergangenheit.
„Als ich zur Welt kam, versprach Voltaire meinen Eltern, dass er mir die bestmögliche Ausbildung zusichern würde“, begann er, und seine Stimme klang nun so schneidend und kühl wie eine frisch geschliffene Klinge. „Er verlangte ihr Wort, dass ich ab meinem sechsten Lebensjahr nach Russland käme. Er wollte mich nach seinen Vorstellungen formen. Meine Mutter tat alles, um das zu verhindern, doch ihr Wort zählte in dieser Familie nicht viel.“ Er hielt kurz inne, ein bitterer, finsterer Zug legte sich um seinen Mund. „Meinem Vater war es eh recht. Er hatte mehr Interesse daran, die Kinder dieser Welt mit Beyblades glücklich zu machen, als darauf zu achten, was mit seinem eigenen Sohn passiert ... und um dem Druck der Firma zu entgehen.“
Kai brach abrupt ab. Die Wut und der alte, tief sitzende Schmerz pochten in seinen Schläfen.
Als er Namis bestürzten Blick spürte, atmete er tief durch, die rubinrote Glut in seinen Augen flackerte gefährlich auf. „Als meine Eltern herausfanden, dass Voltaire mich zu einem skrupellosen Soldaten für seine politischen Zwecke ausbilden wollte ... räumte er sie eiskalt aus dem Weg.“ Sein Gesicht blieb dabei vollkommen ausdruckslos, eine unnahbare Maske, die kein Gefühl nach außen drang, um das nackte Entsetzen hinter der Geschichte zu verbergen.
Nami hingegen spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Ihre Lippen bebten, und sie musste sich am Geländer abstützen, um nicht den Halt zu verlieren. „Er... er hat deine Eltern umgebracht? Wie schrecklich ...“
Kai sah den Schock in ihren Augen und bereute es im selben Moment, sie so tief in seine Finsternis gezogen zu haben. Doch zwischen ihnen gab es kein Zurück mehr. „Man konnte ihm nie etwas nachweisen. Er ließ es wie einen tragischen Unfall aussehen. Erst viel später entdeckte ich Briefe in seinen Unterlagen, in denen er es praktisch zugab. Nur war er zu der Zeit leider schon tot.“ Er ballte die Faust in seiner Tasche so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Wie gerne hätte ich ihm diese Bewieße ins Gesicht gedrückt ...“
Nami verstand nun den wahren, tieferen Grund für seine Flucht nach Tibet. Er war nicht nur gelaufen; er hatte die Scherben seiner zerstörten Herkunft mitgenommen, um sie fernab der Zivilisation, wo ihn niemand kannte, zusammenzusetzen. Dass Voltaire erst seit drei Jahren tot war, machte die Wunde in Kais Seele nur noch frischer, noch unbarmherziger.
Plötzlich wurde die schwere, geschichtsträchtige Stille durch ein energisches, mechanisches Brummen unterbrochen. In Namis Schultasche, die noch achtlos auf dem Marmorboden des Foyers lag, vibrierte es wie wild. Das Display leuchtete hell durch den Stoff und zeigte in Dauerschleife Momokos Nummer an. Nami blinzelte erschrocken, als wolle sie den düsteren Schleier der Vergangenheit abschütteln, und sah die Anzeige: Zehn verpasste Anrufe in der letzten Stunde.
Die Realität klopfte lautstark an die Tür des Ayame-Anwesens...