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Bruderliebe

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Bruderliebe

Nami zog das Handy aus der Tasche und kaum hatte sie den grünen Hörer berührt, drang Momokos schrille, besorgte Stimme ungefiltert aus dem Lautsprecher.

„Momoko? Ja, ich bin es! Nein, es ist alles okay ... beruhige dich, bitte. Mir geht es gut ... Ja, ich habe gesehen, dass Kenji mich auch gesucht hat.“ Während sie sprach, suchte sie Kais Augen. Er stand am Fuß der Treppe, die Arme verschränkt, die rubinrote Glut in seinem Blick nun starr und fokussiert. Sein vielsagender, fast befehlender Gesichtsausdruck ließ keinen Spielraum für Interpretationen: Kein Wort über Klone, Seelensphären oder tödliche Wunden... jedenfalls noch nicht.

„Pass auf, Momoko ... wäre es möglich für dich, in einer Stunde bei Kai im Penthouse zu sein? Bring am besten Kenji mit, der kennt die Adresse. Dann erklären wir euch alles ...“

Wenig später saßen sie in Kais Auto. Das vertraute Brummen des Motors und die vorbeiziehenden Lichter Tokios wirkten seltsam banal nach den apokalyptischen Szenen in der Bibliothek. Kai brach das Schweigen, während er den Wagen sicher durch den Verkehr steuerte.

„Dir gefällt das Anwesen, nicht wahr?“

Nami versuchte ein Lächeln. „Es ist wunderschön ... aber der Ausblick aus deiner Wohnung ist nicht zu toppen. Außerdem hast du Fußbodenheizung, das ist ein definitiver Pluspunkt.“ Sie versuchte, die Stimmung leicht zu halten, während sie an das Erlebte dachte. Doch die Fassade bröckelte.

Kai bemerkte ihre Unruhe sofort. Er nahm seine Hand vom Schaltknauf und legte sie auf ihre, die leicht zitternd auf ihrem Oberschenkel ruhte. Seine Handfläche war warm und trocken, ein brutaler Kontrast zu ihrer kalten, aufgeregten Haut. „Was ist los?“, fragte er kurz angebunden, doch der Unterton war unmissverständlich besorgt.

Nami schluckte schwer. Vor diesem neuen, geschärften Blick konnte sie nichts verbergen. Heiße Tränen stauten sich hinter ihren Lidern und brachen schließlich hervor. „Es ist nur ... dass du vorhin in meinen Armen ... praktisch gestorben bist“, brachte sie hervor, und ihre Stimme brach. „Du lagst da ... voller Blut ... ohne Atem, ohne Puls. Ich habe mich in diesen Minuten gefragt, wie ich weitermachen soll, denn ich ...“

Ein gellendes Quietschen der Reifen durchschnitt die Luft, als Kai den Suzuki abrupt am Straßenrand zum Stehen brachte. Noch bevor Nami den Satz beenden konnte, griff er nach ihr. Er zog sie sacht, aber unnachgiebig zu sich heran. Er küsste sie mit einer Intensität, die ihre Sorgen für einen Moment zum Schweigen brachte, dann lehnte er seine Stirn gegen ihre. In der Enge des Wagens war die Hitze Dranzers, die von ihm ausging, fast greifbar – eine schützende, lebendige Glut.

Kai sah sie aus schmalen Augen an. Seine Stimme war leise, besaß aber die gewohnte, unerschütterliche Härte. „Gefühle machen dich verwundbar, Nami. Wenn du zulässt, dass die Angst dich kontrolliert, hast du schon verloren. Du darfst niemals wegen mir zerbrechen, falls mir etwas zustößt. Hörst du?“

Nami schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. „Das sagst du so einfach ...“

Kai gab ihr einen kurzen, festen Kuss auf die Stirn – sein stummes Versprechen, dass er nicht vorhatte, irgendwohin zu gehen –, bevor er den Gang einlegte und wieder Gas gab. „Lass uns heute Abend reden, wenn die anderen weg sind.“ Er sah ihr kurzes, zaghaftes Nicken aus dem Augenwinkel und ergriff erneut ihre Hand, diesmal mit einem festeren, besitzergreifenden Druck. „Wir sind hier. Das ist das Einzige, was jetzt zählt. Verschwende keine Gedanken an das, was hätte sein können.“

Kai kämpfte innerlich mit einem seltsamen Gefühl. Er war kein Mann der großen Ratschläge, und emotionale Krisen waren ihm zeitlebens fremd gewesen. Doch die neue, glühende Verbindung zu Dranzer formte seinen Charakter wie Metall in einer Schmiede. Es war ihm völlig egal, dass sie sich erst drei Monate kannten; das Band zwischen ihnen war eine fundamentale Realität geworden, die er beschützen würde – notfalls vor ihren eigenen Zweifeln.

Als sie fünfzehn Minuten später die Tür des Penthouses hinter sich schlossen, breitete sich in Nami sofort ein Gefühl der Geborgenheit aus. Die kühle Modernität der Wohnung war für sie längst zum Inbegriff von „Zuhause“ geworden.

Ohne Zögern ließ sie ihre Tasche fallen und entledigte sich ihrer schmutzigen, mit Staub und dem Geruch des Kampfes behafteten Schuluniform. „Bloß raus aus dem Kram“, schnaufte sie, während die Kleidung ein wenig achtlos auf dem Wohnzimmerboden landete. „Ich brauch was Bequemes. Was Frisches ...“

Kai beobachtete sie mit einem schmalen Schmunzeln, wie sie nur in Unterwäsche bekleidet Richtung Schlafzimmer verschwand. Er wusste genau, dass dieser plötzliche Tatendrang ihr Versuch war, die Tränen und das Grauen der letzten Stunde abzuschütteln. „Komm nicht auf dumme Gedanken ...“, hallte ihre Stimme aus dem Flur zurück, was sein Lächeln nur vertiefte.

Kaum drei Minuten später kehrte sie zurück: In weißer Jogginghose und einem leichten Trägertop, die rosa Socken bildeten einen drolligen Kontrast zur sonstigen Eleganz. Kai hatte inzwischen sein zerrissenes Shirt entsorgt. Nami blieb stehen, ihr Blick verfing sich augenblicklich an seinem Oberkörper. Da, wo vor kurzem noch eine tödliche Wunde klaffte, spannte sich nun wieder makellose, feste Haut über seinen Bauchmuskeln.

„Du ziehst dir aber schon noch was an, oder willst du Kenji und Momoko oberkörperfrei die Tür aufmachen?“, neckte sie ihn, doch ihre Augen verrieten ihre Bewunderung.

Kai antwortete nicht sofort. Er breitete die Arme aus und kam mit einem Blick auf sie zu, der so intensiv war, dass Nami unwillkürlich den Atem anhielt.

„Hey ... wir haben keine Zeit dafür ...“, lachte sie. Doch Kai lachte nicht. Er schlang seine Arme um sie und zog sie mit einer fast verzweifelten Festigkeit gegen seine warme Haut.

„Ich wollte nur kurz in deiner Nähe sein ...“, flüsterte er so leise, dass es fast unterging.

Nami schmolz in seiner Umarmung dahin. Sie sog seinen vertrauten Duft auf und genoss die Hitze, die er nun ausstrahlte. „Wenn du jetzt auch noch sentimental wirst ... fang ich nur wieder an zu heulen ...“, gestand sie mit zittriger Stimme.

Sanft schob er sie ein Stück zurück und strich ihr eine weiße Strähne aus der Stirn. „Keine Sorge ... werd ich nicht ...“ Er tippte ihr verspielt auf die Nasenspitze, gerade als das schrille Läuten der Türklingel die Stille durchschnitt.

„Ah, da sind sie ja schon. Na los, zieh dir was an. Ich mach ihnen die Tür auf ...“ Sie versuchte, unter seinem Arm durchzuschlüpfen, doch Kai war schneller. Er packte sie an der Taille und zog sie zurück in einen leidenschaftlichen, fordernden Kuss, der ihr den Kopf verdrehte.

Draußen wurde das Klingeln nun zum Dauersturm ... ein rhythmisches, ungeduldiges Hämmern gegen die Stille.

~Da kann jemand wirklich nicht warten ...~, dachte Nami benommen, während sie sich aus Kais Griff lösen musste, um der drohenden Eskalation an der Haustür zuvorzukommen.

„Ahhh, ich komm ja schon. Ich komm ja schon ...“

Nami eilte zur Tür, doch der Drang war zu stark ... sie wirbelte auf halbem Weg herum, huschte zurück zu Kai und drückte ihm einen kurzen, überglücklichen Kuss auf die Lippen. Ein kleiner Triumph der Liebe über das Chaos des Tages. Sie strahlte ihn an, bevor sie endgültig den Türöffner betätigte. Auf dem kleinen Monitor neben der Gegensprechanlage sah sie bereits das ungeduldige Duo: Momoko, die nervös von einem Bein auf das andere trat, und Kenji, der mit verschränkten Armen und finsterer Miene danebenstand.

Kaum schwang wenig später die schwere Wohnungstür auf, wurde Nami auch schon fast umgerannt.

„Naaamii!“ Momoko krallte sich regelrecht an ihrer Freundin fest, als müsste sie sich versichern, dass Nami wirklich aus Fleisch und Blut vor ihr stand. „Gott sei Dank, es geht dir gut ...“

„Ja, es geht mir gut, alles bestens. Hallo, Brüderchen ...“ Nami grinste breit über Momokos Schulter hinweg zu Kenji. Doch ihr Grinsen prallte an einer Mauer aus schlechter Laune ab. Kenji erwiderte die Begrüßung nicht mit einem Lächeln; seine türkisfarbenen Augen blitzten gefährlich, während er die Wohnung scannte, als würde er nach Einschusslöchern suchen.

„Nabend ...“ Sein Tonfall war eine giftige Mischung aus Spott und echter Aggression. „Na, wo ist denn dein Liebster?“

Nami zog eine Augenbraue hoch. „Der kommt gleich. Sag mal, irre ich mich, oder ist dir irgendeine Laus über die Leber gelaufen?“

„Ach, der war die ganze Autofahrt schon so mürrisch ...“, warf Momoko ein und stupste ihrem Freund tadelnd gegen den muskulösen Oberarm, doch Kenji ließ sich nicht besänftigen.

„Ich habe mir eben SORGEN gemacht!“, herrschte er sie an, wobei seine Stimme durch den Flur hallte. „Momoko ruft mich an, jammert mich voll, dass du in Schwierigkeiten steckst, erzählt mir was von einer Entführung und weiß der Geier was noch alles ... dann erreiche ich weder dich noch Kai! ALSO ... kann mir jetzt endlich mal bitte einer erklären, was hier abging?!“

Schlagartig senkte sich eine bleierne Stille über den Raum. Nami und Momoko wechselten einen unsicheren Blick. Keiner wagte es, die erste Silbe der ... ohnehin zensierten ... Wahrheit auszusprechen.

„Nein? Nichts? Keine Erklärung?“, hakte Kenji nach, die Ungeduld in seinem Gesicht schlug fast in echte Wut um.

„Jetzt setzt ihr beide euch erst mal hin und trinkt was mit uns ... wir beruhigen uns jetzt alle, und dann werden wir über alles reden ...“

Kais Stimme durchschnitt die Spannung wie ein Skalpell. Er bog gelassen um die Ecke, nun bekleidet mit einer Jogginghose und einem dunklen Tanktop. Seine Aura war ruhig, fast schon majestätisch, und ließ Kenjis Zorn für einen Moment wie das Aufbegehren eines kleinen Jungen wirken.

„Ahhh, da haben wir ihn ja. Den Herrn der Stunde ...“, ätzte Kenji weiter, doch der Wind schien ein wenig aus seinen Segeln zu sein. „Ich bin echt mal gespannt, was ihr zu erzählen habt ... wirklich!“

Mit einer demonstrativ genervten Bewegung feuerte er seine Strickjacke auf einen Stuhl und marschierte ins Wohnzimmer. Dort ließ er sich mit einem tiefen Seufzer in die weichen Polster des Sofas fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte mit verkniffenen Augen ins Leere. Das Schmollen eines Bruders, der viel zu viel Angst um seine Schwester gehabt hatte, um jetzt einfach so zur Tagesordnung überzugehen.

Kai ließ sich neben Nami auf das Polster sinken, und als seine Hand wie selbstverständlich auf ihrem Oberschenkel landete, war das leise Knirschen von Kenjis Kieferknochen fast hörbar. Es war eine Geste der Vertrautheit, die in diesem Moment wie eine offene Provokation wirkte.

Kai, der die Spannungen im Raum wie ein Barometer registrierte, entschied sich für den direkten Angriff ... allerdings an einer Front, mit der niemand gerechnet hatte.

„Kenji ... sag ... stört es dich, dass Nami und ich zusammen sind?“

Die Frage schlug ein wie eine Handgranate. Momoko hielt mitten in der Bewegung inne, und Nami starrte Kai mit offenem Mund an. Das war definitiv nicht die "Erklärung", die sie erwartet hatten.

Kenji blinzelte, völlig aus dem Konzept gebracht. Die aggressive Maske bröckelte innerhalb von Sekunden. „Ich, also ... nein, natürlich stört es mich nicht ...“, stammelte er, doch seine Stimme klang so überzeugend wie ein Schuljunge, der beim Naschen erwischt wurde.

„Kommt für mich aber so rüber ...“, setzte Kai trocken nach. Er hielt Kenjis Blick mit einer Ruhe stand, die fast schon beängstigend war ... besonders mit dem neuen, rubinroten Glühen, das tief in seinen Augen lauerte.

Kenji schluckte schwer. Er sah sich in der Runde um und merkte, dass er in der Falle saß. „Es ist nur ...“, begann er und suchte nach Worten, während er nervös mit den Fingern auf der Armlehne trommelte. „Sie ist ... meine kleine Schwester. Ich muss mich da einfach noch dran gewöhnen. Manchmal denke ich daran, was du mit ihr machst, wenn ich nicht ...“

Er brach ab, das Gesicht schlagartig in einem dunklen Rotton gefärbt. Nami vergrub das Gesicht in ihren Händen. „Was redest du da?“, murmelte sie gegen ihre Handflächen, während sie sich am liebsten in den Ritzen des Sofas versteckt hätte.

„Du stellst dir vor, was ich mit ihr mache, wenn du nicht da bist?“, wiederholte Kai, und diesmal tanzte ein gefährliches, amüsiertes Funkeln in seinem Blick. „Ist das so ein großer-Bruder-Ding? Deine Schwester ist alt genug. Stell es dir einfach nicht vor, und gut ist ...“

Momoko saß daneben und starrte ihren Freund fassungslos an. Es war, als würde sich vor ihr ein dunkles Geheimnis entfalten, das sie lieber nie erfahren hätte.

„Eher ein Zwillingsbruder-Ding“, korrigierte Kenji mit einem tiefen Seufzer, wobei sein ganzer Körper etwas in sich zusammensank. Die Wut war verflogen, zurück blieb nur die nackte, unbeholfene Ehrlichkeit. „Aber ja, es stört mich, wenn ihr so Sachen macht wie jetzt zum Beispiel ...“

„Nebeneinander sitzen?“, warf Nami ein und konnte sich ein kurzes Glucksen trotz der Peinlichkeit nicht verkneifen.

„Nein ... dass er dich anfasst, dich umarmt, dich küsst“, sprudelte es aus Kenji heraus. Er sah seine Schwester an, und sein Blick wurde wehmütig. „Das ist so, als würde ich meiner kleinen Schwester aus Kindertagen dabei zusehen. Aber ich verstehe, dass ihr das nicht versteht. Ich habe sie mein Leben lang beschützt, und auf einmal ist sie erwachsen und macht ihr Ding. Sie ... braucht mich nicht mehr.“

In diesem Moment war Kenji nicht mehr der eifersüchtige Bruder; er war einfach nur ein junger Mann, der realisierte, dass sich die Welt weitergedreht hatte und er seine Rolle als alleiniger Beschützer an einen Mann abtreten musste, der ihn in jeder Hinsicht überragte. Die Stille, die nun folgte, was weniger angespannt, dafür umso nachdenklicher.

„Ich werde dich immer brauchen, Kenji. Du bist mein Bruder, und ich liebe dich. Mach dir keine Sorgen ...“ Namis Lächeln wirkte in diesem Moment wie ein sanftes Licht, das die Schatten der vorangegangenen Eifersucht vertrieb.

Kenji nickte, und ein mühsam abgerungenes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Danke, das bedeutet mir sehr viel ...“ Er atmete sichtlich auf. Nami spürte nun zum ersten Mal, wie sehr ihr Bruder innerlich mit ihrer neuen Unabhängigkeit und der Präsenz eines anderen Mannes in ihrem Leben gerungen hatte.

„Besteht denn Hoffnung, dass du dich in naher Zukunft dran gewöhnst?“, warf Kai trocken ein. „Bei den anderen Dingen sollst du ja eh nicht zusehen ...“

Nami drückte Kais Hand ... eine Mischung aus Warnung und Amüsement. Er konnte es einfach nicht lassen, Kenji ein wenig aus der Reserve zu locken, auch wenn sein Unterton diesmal fast schon kameradschaftlich klang.

Kenji entschied sich jedoch, die Spitze zu ignorieren. „Klar, alles easy. Ich werd das schon packen. Versucht bitte nur, in meiner Gegenwart nicht zu pervers zu werden. Dann bin ich fein damit. War’s das jetzt? Können wir nun über wichtigere Dinge reden?“ Er streckte sich ausgiebig, als wollte er die letzte Spur von Scham einfach von sich abschütteln.

„Sicher ...“ Kais Arm lag wie selbstverständlich um Namis Schultern. Es war keine Geste der Reviermarkierung gegen Kenji, sondern eine instinktive Stütze, weil er wusste, wie schwer ihr der Bericht über den heutigen Tag fallen würde.

Dann begann er zu erzählen. Er berichtete sachlich, fast schon klinisch vom Turnier, von Hiro Tachibas Forderungen und schließlich von dem Moment, der alles veränderte. Als das Wort „Klon“ fiel, entglitten Kenji und Momoko komplett die Gesichtszüge.

„Ein ... was?! Ein Klon? Wollt ihr mich verarschen?“, platzte es aus Kenji heraus.

„Sicher nicht ...“, erwiderte Kai ohne jede Regung.

„Und ihr glaubt, ich kauf euch das ab?“

„Also, ich glaube ihnen“, fiel Momoko ihm ins Wort. Ihre Stimme zitterte leicht bei der Erinnerung an den Vormittag. „Ich hab ihn gesehen, Kenji. Seine Art war völlig anders als die vom echten Kai. Es war unheimlich.“

„Was hätten wir davon, dir so ein Märchen vorzuspielen?“, setzte Kai nach.

Kenji starrte sie fassungslos an. „Ihr sagt also ... dass Biovolt einen Klon erschaffen hat, um Bit-Beasts zu stehlen? Ein Ebenbild von Kai, um Black Dranzer zu kontrollieren? Und dieser Typ hat Namis Seele mit einem Kuss aus ihr herausgesaugt? So richtig Science-Fiction-mäßig? Und ihr wärt beide fast gestorben? Wo zum Teufel wart ihr überhaupt?“

„Im Ayame-Anwesen, wie ich schon sagte.“ Kais Augenbraue zuckte kaum merklich.

„Wieso wart ihr da? Ich raff es immer noch nicht ...“

Nami übernahm und erklärte leise, dass das herrschaftliche Anwesen seit Generationen Kais Familie gehörte und der Klon sie dorthin brachte, weil er es wohl als Versteck benutzte. Kenji kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Dieses krasse Teil gehört dir? Wieso hat unser Vater nie ein Wort davon gesagt? Ihr wart ja fast unsere Nachbarn ... crazy ...“

Kai zuckte nur mit den Schultern. „Ich habe dort nie lange am Stück gewohnt. Aber euer Vater kannte meine Eltern anscheinend recht gut, es würde mich nicht wundern, wenn er es einfach für selbstverständlich hielt.“

Die Stunden verstrichen, während sie tiefer in die Materie von Biovolt, die riskanten Seelenverschmelzungen und das bevorstehende Turnier eintauchten. Kenji wirkte nachdenklich, als er Nami lange ansah. „Ich wusste gar nicht, dass Pegasus schon seit deiner Babyzeit ein Teil von dir ist ... aber ehrlich gesagt ergibt jetzt einiges Sinn.“

„Was meinst du?“, fragte Nami irritiert.

„Deine Augen, Nami. Niemand in unserer Familie hat dieses spezielle ozeane Türkis, das so leuchtet wie deins ... und ich bin dein Zwilling! Du hast beim Bladen immer alles mit einer Leichtigkeit geschafft, um die ich dich oft beneidet habe.“

„Ach Kenji ... vielleicht ist es nur Zufall oder Talent?“

Kenji schüttelte entschieden den Kopf. „Glaub ich nicht. Ich glaube, dass diese Verschmelzung dir einen entscheidenden Vorteil gibt. Aber im positiven Sinne ... eine Art Bestimmung.“

Nami schwieg. Ein beklemmender Gedanke schlich sich in ihr Bewusstsein. War das der Grund, warum ihr im Leben so vieles einfach zufiel? War ihre Ausstrahlung, die selbst einen Kai Hiwatari aus der Reserve gelockt hatte, nur das Resultat einer fremden, übernatürlichen Aura? Hatte sie ihn nur durch Pegasus’ Einfluss erobern können?

Sie schluckte schwer bei dem Gedanken, dass ihre Liebe vielleicht nur auf einer energetischen Anomalie basierte.

„Schwachsinn“, unterbrach Kai ihre aufkommenden Zweifel im Keim, als hätte er ihre Gedanken direkt von ihrer Stirn abgelesen. Er sah Kenji direkt an, die rubinrote Glut in seinen Augen blitzte kurz auf. „Deine Familie ist einfach ein genetischer Hauptgewinn. Sieh dich doch mal an: Fast zwei Meter groß, kräftig. Hast du dir deine Mutter, deinen Vater oder deine Geschwister mal angesehen? Das hat nichts mit einer Aura zu tun.“

„Uuurrggh ... das sagt ausgerechnet der Richtige ...“ Kenji war von diesem unerwarteten, absolut sachlichen Kompliment so überrumpelt, dass er für einen Moment völlig sprachlos war. Das Eis war endgültig gebrochen.

Ein kurzes, kehliges Schmunzeln entwich Kai, alser sah, wie Kenji ihn fast schon fassungslos anstarrte.

„Du hast gut reden“, murrte Kenji schließlich und schüttelte den Kopf, während er Kai mit einer Mischung aus Neid und Anerkennung musterte. „Mit diesem breiten Kreuz und diesem Raubtierblick wirkst du eher wie jemand, der aus einem Actionfilm spaziert ist, als wie ein normaler Mensch.“

Nami musste hell auflachen. Das Bild war zu passend, und die Vorstellung, dass ihr Bruder ... der selbst wie ein Model für Sportwagenwerbung wirkte ... sich von Kais Präsenz einschüchtern ließ, war herrlich absurd. Sie schmiegte sich eng an Kai, ihre Hand suchte seine Wärme auf seinem Oberkörper, und für einen Moment war die Schwere der letzten Stunden vergessen.

Doch Kai war der Erste, der die nächtliche Idylle unterbrach. Er warf einen flüchtigen Blick auf die digitale Anzeige der Küchenuhr, die in der Dunkelheit des Wohnzimmers blau leuchtete.

„Ich glaube, es wäre besser, wenn ihr zwei euch langsam auf den Weg nach Hause macht“, sagte er mit jener ruhigen Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Es ist bereits 23:30 Uhr. Nami und deine Freundin müssen, so viel ich weiß, morgen früh wieder in die Oberschule ...“

Kenji brummte etwas Unverständliches, stand aber gehorsam auf, während Momoko sich ebenfalls gähnend erhob. „Stimmt wohl“, gab sie zu und strich sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Der Tag war ... ereignisreich genug für ein ganzes Jahr.“

Kai spürte jedoch, wie Nami sich in seinen Armen leicht versteifte. Er merkte genau, dass das Gespräch über Pegasus und ihre „angeborene“ Aura tiefe Spuren in ihr hinterlassen hatte. Er spürte ihre unterdrückten Zweifel, das leise Zittern in ihrer Seele ... die Angst, dass ihre ganze Anziehungskraft, ja sogar seine Liebe zu ihr, nur ein Nebeneffekt einer bit-beast-gesteuerten Aura sein könnte.

Während sie zur Tür gingen, legte Kai seinen Arm noch ein Stück fester um sie. Sein Blick war ernst und auf sie fixiert, als er die anderen zur Tür begleitete. Er wollte mit jedem Millimeter seiner Ausstrahlung untermauern, dass er kein Sklave irgendwelcher Energien war. Er wollte Nami Tachiba, mit jeder Faser seines Seins... das Mädchen mit dem sturen Kopf, dem großen Herzen und dem unbändigen Mut ... und nicht das Gefäß eines Bit-Beasts. Er würde alles daran setzen, ihr diesen Zweifel auszutreiben, sobald sie wieder allein waren.

„Wir sehen uns morgen in der Firma, Kenji“, verabschiedete er seinen Schwager in spe knapp.

„Jaja, Boss“, antwortete Kenji mit einem letzten, halbwegs versöhnlichen Grinsen, ehe er und Momoko im Flur verschwanden. Als die Tür schließlich ins Schloss fiel, senkte sich eine schwere, bedeutungsvolle Stille über das Penthouse.