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Die Geschichte von Aethernitas

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Die Geschichte von Aethernitas

Die Reifen von Kais Wagen quietschten schrill auf dem glatten Beton der Penthouse-Garage, als er den Wagen mit einer fast schon aggressiven Präzision in die Parkbucht setzte. Sein Kopf dröhnte. Die Enthüllungen im Büro von Hiro Tashiba waren wie eine Lawine über ihn hergebrochen.

Hiro Tashiba, ein Bit-Beast-Träger. Ein Greif namens Aetherion. Die Vorstellung, dass der Mann, den er fast schon als gewöhnlichen Geschäftsmann abgetan hatte, über dieselben übernatürlichen Kanäle verfügte wie er selbst, war schwer zu verdauen. Zudem hallten die Warnungen über Brooklyn in ihm nach, welche Hiro ihm noch mit gab. Dass dieser instabile Junge bereits aus Japan ausgewiesen worden war und unter Beobachtung der BBA USA stand, beruhigte Kai nur bedingt. Brooklyns ungewohnte Besessenheit von Nami war also kein Zufall gewesen... er war ihrer heilenden Aura unbewusst verfallen, doch selbst ihr Seelen-Anker hatte gegen den tief verwurzelten Kern seiner Arroganz und Berechnung nichts ausrichten können. Manche Dunkelheit saß eben zu tief.

Unter seinem Arm klemmte das zweite Buch, das Hiro ihm kurz vor seinem Aufbruch zugesteckt hatte. Es war kleiner als das erste, doch die altertümlichen Verzierungen auf dem dunklen Einband schienen im schummrigen Licht der Garage fast zu flüstern. Es enthielt, so Hiro, spezifische Details über Namis Pegasus.

Mit schnellen Schritten durchquerte Kai die Lobby und den Lift. Als er den Schlüssel in der Tür drehte, klickte das Schloss vertraut, und er trat in das weitläufige Penthouse. Er war etwas mehr als drei Stunden fort gewesen...eine verdammt lange Zeit, um nur „Milch zu kaufen“. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn; er rechnete fest damit, von einer besorgten oder gar wütenden Nami empfangen zu werden.

Doch im Wohnzimmer empfing ihn nur schwere, unnatürliche Stille. Das Sonnenlicht war weiter gewandert und tauchte die Möbel in tiefe Schatten. Kai hielt den Atem an. War sie etwa immer noch am Schlafen? War die Erschöpfung so groß gewesen, dass sie die Stunden seiner Abwesenheit einfach weggeatmet hatte?

Er wollte gerade den Flur zum Schlafzimmer hinuntergehen, als das vertraute Rauschen einer Klospülung aus dem Badezimmer die Stille durchschnitt. Kai atmete unbewusst erleichtert aus und legte das neue Buch auf den Couchtisch. Er strich sich die Haare aus der Stirn und wartete darauf, dass die Tür aufging, während sein Herzschlag sich noch immer nicht ganz an das neue Tempo seines Lebens gewöhnt hatte.

Die Badezimmertür schwang langsam auf, und Nami schob sich vorsichtig hindurch. Ihre Beine zitterten noch immer so stark, dass sie sich unsicher am Rahmen festklammern musste, während sie eher aus der Tür wackelte als ging. Als sie jedoch den Blick hob und Kai dort stehen sah, der sie mit einem warmen, fast sanften Blick empfing und leise fragte, wie es ihr gehe, hellte sich ihre Miene augenblicklich auf.

Ein amüsiertes Kichern entrann ihrer Kehle, und sie deutete mit einer hilflosen Geste auf ihre wackeligen Knie. „Sieh dir das an...“, brachte sie hervor. Sie wagte es, den rettenden Türrahmen loszulassen, um einen Schritt auf ihn zuzugehen, doch augenblicklich geriet sie ins Schwanken. Kai reagierte sofort; mit zwei großen Schritten war er bei ihr, legte seine großen Hände fest um ihre Taille und fing sie ab, bevor sie den Boden berühren konnte.

Nami genoss den festen Halt und schlang ihre Arme instinktiv um seinen Nacken. Sie sah ihm neckisch in die rubinroten Augen, ein verspieltes Funkeln in ihrem Blick. „Na, mein Starker...“, hauchte sie. „Du warst also Milch kaufen? Ganze drei Stunden?“

Kai erwiderte nichts auf die Anspielung, sondern senkte den Kopf und legte seine Lippen auf ihre. Es war ein tiefer, vertrauter Kuss, doch kaum hatten sie sich berührt, merkte Kai, wie Namis Atem augenblicklich wieder flacher und hastiger wurde. Er spürte das Zittern, das erneut durch ihren Körper lief, und zog sich schweren Herzens von ihren Lippen zurück, um die aufsteigende Spannung nicht sofort wieder eskalieren zu lassen.

Nami blinzelte benommen, ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie spürte die Hitze, die sofort wieder in ihr aufflammte, und sah ihn fragend an. „Was ist das nur...?“, flüsterte sie und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen. „Ich habe das Gefühl... andauernd dich zu wollen. Also... ganz.“

Sie atmete tief ein und aus, die Handflächen flach gegen seine Brust gepresst. Es war nicht mehr dieser quälende, fast schmerzhafte Sturm wie am Morgen, und doch merkte sie mit einem Anflug von Verlegenheit, wie die verräterische Feuchtigkeit erneut durch ihren Slip drang. Ihr Körper reagierte auf seine bloße Nähe wie ein Instrument, das auf seine Frequenz gestimmt war...eine Resonanz, der sie sich kaum entziehen konnte.

Kai hielt sie weiterhin fest umschlungen, seine Hände lagen schwer und sicher an ihrer Taille, während er ihren verwirrten Blick mit unnatürlichem Ernst erwiderte. Er suchte nach den richtigen Worten, um das Unfassbare zu erklären, das er vor einigen Stunden erst schwarz auf weiß gelesen hatte.

„Ich weiß, was es ist“, begann er mit tiefer, ruhiger Stimme. „Es ist tatsächlich eine Art übernatürliche Aura, die dich beeinflusst. Meine Aura, die seit der Verschmelzung mit Dranzer mit starker Intensität nach außen strahlt. Sie erhöht deine Libido und deine Wahrnehmung. Es ist... wie ein Aphrodisiakum.“

Nami blinzelte benommen, die Hitze in ihrem Körper schien bei seinen Worten nur noch weiter anzusteigen. „Deine... Aura?“, wiederholte sie leise, fast so, als müsste sie das Wort erst auf ihrer Zunge schmecken. Es klang nach Fantasy, nach den Geschichten über Bit-Beasts...doch das Pochen in ihrem Unterleib war nur zu real.

„Ja“, bestätigte Kai und verstärkte unbewusst den Griff um ihre Mitte. Er spürte, wie ihr Körper gegen seinen drängte, instinktiv suchend. „Die Aura ist unsichtbar, aber sie ist in den ersten Tagen nach der Verschmelzung am stärksten. Deswegen beeinflusst sie dich heute am intensivsten. Durch deinen direkten körperlichen Kontakt mit mir bekommst du die volle Breitseite ab.“

Er sah, wie sie die Luft einsaugte, während seine Worte in ihrem Verstand arbeiteten. Es war eine biologische und spirituelle Kettenreaktion. Die rohe, maskuline Energie, die er nun ausstrahlte, fand in ihr kein Hindernis, sondern ein Ziel.

„Du bist also... wie eine Droge für mich?“, hauchte sie, während ihr Blick zwischen seinen rubinroten Augen hin und her wanderte. Ein kleiner Schauer überlief sie, als sie begriff, dass sie gegen dieses Verlangen überhaupt keine Chance gehabt hatte. Es war kein Kontrollverlust aus Schwäche gewesen...es war die pure Gewalt seiner Existenz, die ihre Sinne flutete.

Kai schmunzelte bei Namis Frage, ein kurzes, fast schon gefährliches Aufblitzen von Amüsement in seinen Augen. „So in etwa... ja“, antwortete er leise, wobei seine Stimme eine Spur rauer klang als zuvor.

Nami biss sich unbewusst auf die Unterlippe, eine Geste, die Kai genauestens beobachtete. Sie schloss für einen Moment die Augen und atmete zittrig gegen die aufsteigende Erregung an, die wie eine warme Welle durch ihr Inneres rollte. Sie versuchte krampfhaft, die Kontrolle über ihre Sinne zurückzugewinnen, ehe sie den Blick wieder zu ihm hob.

„Ein paar Tage?“, fragte sie mit belegter Stimme, wobei das Wort wie eine Ewigkeit in der Luft hing.

„Ich hoffe es...“, erwiderte Kai. Er spürte selbst, wie die Energie zwischen ihnen pulsierte, ein ständiges Zerren an der Leine seiner Selbstbeherrschung.

Nami sah ihn forschend an, die Verwirrung in ihrem Blick mischte sich mit der dumpfen Hitze in ihrem Körper. „Woher... weißt du das alles so genau?“, fragte sie leise.

Kai hob langsam eine Hand von ihrer Taille und deutete in Richtung des Wohnzimmers. „Dort drin steht alles...“, erklärte er. Namis Blick folgte seiner Geste zu dem großen, in Leder gebundenen Buch, das immer noch prominent auf dem gläsernen Couchtisch thronte. „Ich... habe außerdem ein weiteres Buch von deinem... Vater erhalten.“

Die Erwähnung ihres Vaters ließ Nami förmlich erstarren. Der Nebel der Erregung in ihrem Kopf schien für einen Moment einem stechenden Moment der Klarheit zu weichen. Sie riss den Blick vom Couchtisch los und sah ihm fassungslos direkt in die rubinroten Augen.

„Mein... Vater?“, wiederholte sie tonlos. Die Überraschung stand ihr so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass Kai den Drang verspürte, sie noch fester zu halten. „Du warst bei ihm? Was hat er damit zu tun?“

Kai atmete tief ein, während er Nami noch immer fest in den Armen hielt. Er spürte, wie ihr Herz gegen seine Brust hämmerte...teils vor Aufregung, teils vor dem Schock über das, was er gerade offenbart hatte.

„Es gibt drei Dinge, die du wissen musst“, begann er, und sein Zögern verriet ihr, wie schwer ihm diese Worte fielen. Er wusste selbst kaum, wo er in diesem Geflecht aus Lügen und Bestimmung anfangen sollte. „Zuerst das Wichtigste, das alles erklärt: Dein Vater ist nicht nur ein einfacher Geschäftsmann. Er ist tief in die Bit-Beast-Welt verwickelt. Sehr tief. Tiefer als ich selbst jemals hätte denken können...“

Nami runzelte die Stirn, die Verwirrung in ihrem Blick kämpfte gegen den matten Schleier der Erregung an. „Was meinst du damit?“

„Ich war bei ihm, Nami. Und... er ist wie wir. Er ist mit einem Bit-Beast verschmolzen. Er hat mir alles darüber erzählt. Es ist ein Greif namens Aetherion.“

Nami erstarrte förmlich in seinen Armen. Die Farbe wich kurz aus ihrem Gesicht. „Was... er? Ein Bit-Beast? Wieso bist du überhaupt zu ihm gefahren?“

Kai sah sie direkt an, sein Blick hart und ehrlich. „Nachdem Dranzer mir den Namen deines Vaters ins Bewusstsein geflüstert hat, bin ich sofort zu ihm gefahren. Er hat mir alles erklärt. Er wusste, dass ich kommen würde. Ich musste dem nachgehen. Entschuldige, dass ich dir nicht direkt erzählt habe, wo ich hingehe, aber ich wollte keine Zeit verlieren...“

Er machte eine kurze Pause, doch er konnte die bittere Wahrheit nicht länger zurückhalten. „Aber das ist noch nicht alles, Nami. Unser Zusammentreffen... das Turnier... es war kein Zufall.“

Nami blinzelte ihn ungläubig an. „Kein Zufall? Was sagst du da?“

„Dein Vater hat es arrangiert“, erklärte Kai.

„Er hat Mr. Dickenson dazu gebracht, mich regelrecht zu diesem Turnier zu drängen. Er wollte, dass ich dich dort sehe. Er wusste, dass deine Ausstrahlung, dein...Seelen-Effekt, mich sofort in den Bann ziehen würde. Er hat sogar den Brand in der Firma manipuliert, um sicherzugehen, dass ich dir nahekomme.“

Nami sah zu ihm auf.

„Er hat uns wie Spielfiguren benutzt, Nami. Er wollte, dass du mich ‚rettest‘ wir er sagte, dass deine Aura...dein Seelen-Anker die Dunkelheit in mir vertreibt. Er hat alles kalkuliert...von dem Moment, als wir uns im Stadion sahen, bis hin zu den zwei Wochen, die wir gemeinsam verbringen sollten. Er wusste genau, was das zwischen uns auslösen würde.“

Kai senkte die Stimme, während er beobachtete, wie Nami die Information verarbeitete. „Es war sein Plan.“

Kai sah, wie Nami die Luft anhielt, und er lockerte seinen Griff um ihre Taille ein wenig, um ihre Hände in seine zu nehmen. Sein Blick war ernst, aber die Kälte, die sonst oft darin lag, war verschwunden.

„Versteh mich nicht falsch“, fuhr er leiser fort. „Mein erster Impuls war Zorn. Du kennst mich...ich hasse es, wenn jemand anderes die Fäden zieht. Dass dein Vater dieses Turnier und sogar den Brand genutzt hat, um uns zusammenzubringen, war ein riskantes Spiel.“

Er machte eine kurze Pause und ein fast unmerkliches, ehrliches Lächeln umspielte seine Lippen.

„Aber während ich ihm gegenübersaß und er mir all das erzählte, wurde mir eines klar: Er hat es getan, weil er wusste, dass wir uns gegenseitig finden mussten. Er wusste, dass ich ohne dich in meiner Dunkelheit immer noch gefangen wäre. Er hat mir nicht einfach nur eine Falle gestellt... er hat mir den Weg zu dir gezeigt, den ich allein vielleicht nie gefunden hätte.“

Er drückte ihre Hände sanft. „Auch wenn ich seine Methoden als... extrem bezeichnen würde, so bin ich ihm am Ende doch dankbar. Er hat gesehen, was für ein Mensch ich sein kann, wenn du an meiner Seite bist. Und er hatte recht. Dass ich jetzt hier bei dir stehe, dass ich das alles mit dir fühlen darf... das ist das Einzige, was zählt.“

Nami sah ihn mit großen Augen an, die Tränen der Rührung glitzerten in ihren Augenwinkeln. Der Schock über die... nur gut gemeinte Manipulation ihres Vaters wurde von Kais Offenheit und seinen Gefühlen zu ihr, fast vollständig weggespült.

„Er hat uns nicht hintergangen, Nami“, fügte er hinzu und zog sie wieder eng an sich. „Er hat nur die Tür geöffnet. Hindurchgegangen sind wir ganz allein.“

Nami sah ihn lange an, während die Worte in ihrem Kopf widerhallten. Dann hob sie langsam ihre Hände, legte sie zärtlich an seine Wangen und zog sein Gesicht zu sich hinab, um ihn in einen tiefen, innigen Kuss zu ziehen. Es war ein Kuss, der all das Ungesagte besiegelte... eine Antwort auf seine Offenheit.

Als sie sich voneinander lösten, wirkte sie immer noch etwas benommen. Die Flut an Informationen war gewaltig, und die unterschwellige Erregung, die durch seine Aura in ihr pulsierte, machte es nicht leichter, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch trotz des Schocks über die Machenschaften ihres Vaters stahl sich ein amüsiertes Glitzern in ihre Augen.

Sie musste kurz unwillkürlich lachen und schüttelte den Kopf. „Das sieht ihm irgendwie ähnlich...“, murmelte sie fast zu sich selbst. „Es ist absolut wahnsinnig und beängstigend, was er da im Hintergrund alles bewegt hat. Ich bin geschockt, Kai... aber gleichzeitig bin ich ihm auch unheimlich dankbar. Ohne seinen... naja, ohne seinen heftigen Schubs wären wir heute vielleicht nicht hier.“

Sie hielt inne und strich mit dem Daumen über seine Unterlippe, während eine leise Unsicherheit in ihr aufstieg. „Und dieser Seelen-Anker...“, fragte sie leise, wobei sie ihm tief in die Augen sah. „Heißt das, alles was du für mich fühlst... ist das nur ein Produkt dieses Effekts?“

Kai schüttelte sofort den Kopf und legte seine Hand über ihre, die immer noch an seiner Wange lag. Sein Blick war so fest und überzeugt, dass jeder Zweifel in ihr augenblicklich verdampfte.

„Nein, Nami. Hör mir zu“, sagte er mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Dieser Effekt hat lediglich bewirkt, dass ich überhaupt offen für Gefühle diese Art war. Er hat die Barrieren niedergerissen, die mein Großvater jahrelang um mein Herz errichtet hatte. Er hat Platz geschaffen.“

Er machte eine kleine Pause und ein weicher Ausdruck trat in seine Züge. „Aber verliebt...verliebt habe ich mich ganz von allein in dich. Du darfst niemals in Frage stellen, dass ich dich nicht auch ohne diesen Effekt wollen würde. Die Entscheidung, dich zu wollen, dich zu beschützen und mein Leben mit dir zu teilen... die gehörte ganz allein mir. Das kann kein Bit-Beast der Welt erzwingen.“

~Verliebt... er hat es tatsächlich gesagt...~

Nami nickte langsam und atmete tief durch, während sie versuchte, die Last dieser Erkenntnisse von ihren Schultern gleiten zu lassen. Kais Worte hatten den entscheidenden Ankerpunkt gesetzt: Was sie fühlten, war echt, ungeachtet der Umstände ihrer ersten Begegnung.

„Er hat mir das hier gegeben...“, sagte Kai leise und lockerte seinen Griff um ihre Taille, nur um ihre Hand stattdessen fest in seine zu schließen. „Ein weiteres Buch. Es erzählt die Geschichte von Aethernitas.“

Mit langsamen, bedachten Schritten führte er sie zurück in den Wohnbereich. Nami spürte bei jedem Schritt das leichte Zittern ihrer Beine, doch Kais fester Griff gab ihr die nötige Sicherheit. Am gläsernen Couchtisch angekommen, fiel ihr Blick sofort auf das neue Buch. Es war kleiner als das erste, wirkte aber durch die feinen, altertümlichen Verzierungen auf dem dunklen Einband fast noch kostbarer. Es schien eine eigene, ruhige Energie auszustrahlen.

„Aethernitas?“, fragte Nami leise, während sie sich vorsichtig auf das weiche Polster der Couch sinken ließ. Der Name klang alt, fast wie ein Flüstern aus einer anderen Zeit.

„Wer ist das?“

Kai setzte sich neben sie, das Buch bereits im Blick. Seine Finger strichen kurz über das geprägte Leder des Einbands, bevor er ihr antwortete.

„Das war wohl der Name, den die Menschen deinem Bit-Beast einst gaben“, erklärte er und sah sie bedeutungsvoll an. „Bevor es nur noch als 'Pegasus' bekannt war. Es ist seine wahre Identität, Nami. Und hier drin steht, was es wirklich bedeutet, mit dieser Seele verbunden zu sein.“

Nami starrte auf das Buch, und für einen Moment war die Erregung in ihrem Körper vergessen, abgelöst von einer tiefen Ehrfurcht. Ihr Vater hatte nicht nur ihr Leben gelenkt, er hütete auch das Erbe ihres tiefsten Inneren. Sie streckte die Hand aus, zögerte kurz und berührte dann mit den Fingerspitzen den kühlen Einband, bereit zu erfahren, wer Aethernitas wirklich war.

Kai schlug das Buch vorsichtig auf. Das Papier war schwer und duftete nach altem Pergament und getrockneten Kräutern. Er suchte die ersten Zeilen und begann mit seiner tiefen, ruhigen Stimme vorzulesen:

„Aethernitas. So nannten ihn die Menschen, denn egal, wo er auftauchte, er fiel auf und ließ die Menschen sich über sein göttliches Wesen wundern. Er sah aus wie die Schönheit selbst. Er kam, er ging. Er brachte Freude, aber er brachte auch Neid. Sein wunderschön anmutendes Antlitz war dem eines Gottes gleich. Junge Frauen versuchten, ihn für sich zu gewinnen, doch schien er nicht interessiert an irdischen Sehnsüchten. Er tauchte auf, wunderte die Menschen und verschwand. Hunderte von Jahren wiederholte sich sein Erscheinen, bis er von mächtigen Gelehrten der Magie in das Holz eines heiligen Baumes gebannt wurde. Er kämpfte und verwandelte sich in ein geflügeltes Pferd, doch er ergab sich, um selbst sein Schicksal im Holz der Ewigkeit zu finden ....“

Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Gemeinsam blickten sie auf die nächste Seite, die eine detaillierte, kunstvolle Zeichnung offenbarte. Sie zeigte einen jungen Mann mit langen, fließenden weißen Haaren. Seine Haltung war anmutig, fast demütig, als er sich in einer tiefen Verneigung dem Betrachter entgegenneigte. Er trug ein aufwendig verziertes, altertümliches Gewand, und sein Gesicht besaß eine feine, fast überirdische Schönheit, die Namis eigenen Zügen auf unheimliche Weise ähnelte.

„Das ist er!“, stieß Nami hervor, ihre Stimme zitterte leicht vor Erregung. „Ihm bin ich begegnet! Er sah genau so aus.“

„Aethernitas ...“, flüsterte Kai heiser. Er starrte auf das Bild des Mannes. Der Gedanke, dass ein so vollkommen aussehendes Wesen ständig in Namis Innerem weilte, löste einen unerwarteten, kurzen Stich in ihm aus. War er gerade ernsthaft eifersüchtig auf ein Bit-Beast? Er schüttelte den absurden Gedanken innerlich ab, doch das Bild des schönen Geistes brannte sich in sein Gedächtnis ein.

In diesem Moment löste sich ein kleiner Zettel, der lose zwischen den Seiten gesteckt hatte, und flatterte wie ein fallendes Blatt wogend zu Boden.

„Mh?“ Kai beugte sich vor, seine Muskeln spannten sich an, als er sich streckte, um den Zettel aufzuheben.

Es war kein Zettel. Es war ein Foto.

Kai erstarrte mitten in der Bewegung, als er das Gesicht auf der Aufnahme erkannte. Es war sein eigener Großvater, Satoshi Minamoto. Auf dem Bild wirkte er bereits sehr alt, doch er trug dieses warme, freundliche Lächeln, das die letzte und kostbarste Erinnerung war, die Kai an ihn besaß. Satoshi stand stolz neben einem hölzernen Gebilde...eine filigran gearbeitete Wiege. Kai betrachtete das Holz; es wirkte lebendig, fast so, als würde es ein sanftes Licht ausstrahlen.

Er bemerkte eine dunkle Handschrift, die durch das Fotopapier schimmerte. Mit leicht zitternden Fingern drehte er das Foto um und las die Zeilen leise vor:

„Lieber Hiro, liebe Hilda. Zur Geburt eurer Zwillinge wünsche ich Euch das allerbeste. Ich hoffe, ihr könnt mit meiner selbst gezimmerten Wiege etwas anfangen. Das Holz habe ich selber aus dem Wald geholt und mit Liebe bearbeitet. Mein Enkel Kai hat mir geholfen. Er war sehr stolz, eine Säge halten zu dürfen. Leider hatte er sich ein wenig in die Hand gesägt, aber das ist nicht sehr schlimm gewesen. Der Baum war schon hunderte, wenn nicht sogar tausende Jahre alt. Er war groß und sehr dick. Es tat etwas weh, ihn zu fällen, doch schien er mir dafür die Erlaubnis gegeben zu haben, denn irgendwie wusste ich, dass dieser Baum eure Familie beschützen wird ....

In ewiger Freundschaft, Satoshi Minamoto.“

Eine drückende Stille erfüllte den Raum. Kai starrte auf seine eigene Handfläche, auf die Stelle, an der er als kleiner Junge die Säge angesetzt hatte. Das Holz der Wiege... das Holz, in dem Aethernitas gefangen war... es stammte von seinem Großvater. Alles war miteinander verknüpft, schon seit dem Moment, als er noch ein Kind war.

Nami hatte jedes Wort über Kais Schulter hinweg mitgelesen, ihr Atem streifte seine Wange, während sie die Zeilen auf der Rückseite des Fotos immer wieder fixierte. Als er endete, hob sie langsam den Kopf und sah ihn mit einer Mischung aus tiefem Erstaunen und Ehrfurcht an.

„Es war... also doch Schicksal“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang belegt von der Last dieser Entdeckung. „Kein Plan meines Vaters hätte das hier konstruieren können, Kai. Das reicht viel weiter zurück.“

Sie blickte wieder auf das Foto, auf die Wiege, die Satoshi mit so viel Liebe gefertigt hatte. Die Puzzleteile fügten sich mit einer fast schmerzhaften Präzision zusammen. Pegasus war in genau dem Holz gefangen gewesen, das Kais Großvater aus dem Wald geholt hatte. Er hatte den Geist, ohne es zu wissen, in das Kinderzimmer der Tashibas gebracht.

„In dieser Wiege war er gefangen...“, fuhr Nami fort, während sie ihre Hand sacht auf Kais Arm legte. „Er war dort, in dem Holz, und er hat gewartet. Und als Baby ist er auf mich übergegangen. Er hat mich erwählt, weil dein Großvater ihm diese Form gegeben hat.“

Tränen der Rührung schimmerten in ihren Augen, als sie die volle Tragweite begriff. Es war nicht nur eine Aneinanderreihung von Zufällen. Kais eigener Großvater, der Mann, der ihn als Einziger aufrichtig geliebt hatte, war derjenige gewesen, der Nami ihr Bit-Beast....und damit ihre Lebenskraft...geschenkt hatte.

„Er hat mich gerettet“, sagte sie leise und suchte Kais Blick. „Dein Großvater hat dafür gesorgt, dass Pegasus bei mir ist. Er hat uns verbunden, noch bevor wir überhaupt wussten, dass der andere existiert. Das Band zwischen uns... es wurde schon vor so vielen Jahren geknüpft, als du stolz die Säge gehalten hast.“

Kai schwieg, doch sein Griff um das Foto verstärkte sich unbewusst. Der Gedanke, dass Satoshi Minamoto...der einzige Anker seiner Kindheit...der Ursprung von Namis Kraft und damit auch der Grund für ihr gemeinsames Glück war, ließ die letzte Skepsis in ihm verstummen. Es war kein kalkuliertes Spiel von Hiro Tashiba gewesen; es war ein Vermächtnis, das weit über menschliche Pläne hinausging.