Flucht
Flucht
Das leise Zischen der hydraulischen Türen schnitt die Geräusche der Katakomben ab, als Kai den Aufzug betrat.
Er war allein.
In der spiegelnden Chromwand der Kabine sah er sein eigenes Gesicht... die gewohnt kühle Maske, die keine Regung verriet. Doch hinter seinen Augen arbeitete es.
Tachiba. Der Name hallte in seinem Kopf wider. Es ergab Sinn. Die Präzision, die Hardware ihres Blades, die beinahe aristokratische Haltung... sie war die Erbin eines Imperiums. Er fragte sich, warum sie sich hinter einem falschen Namen versteckte, doch eigentlich kannte er die Antwort:
Sie wollte sich beweisen, ohne den Schatten ihres Vaters. Das respektierte er.
Doch während er versuchte, ihr Blading mathematisch zu zerlegen, schlich sich ein anderes Bild in seine Gedanken. Diese ozeanfarbenen Augen. Sie waren nicht einfach nur blau; sie hatten eine Tiefe, die ihn für einen Moment aus dem Konzept gebracht hatte. Und dieser Duft... ein Hauch von Jasmin, so dezent, dass er ihn nur wahrgenommen hatte, weil er ihr so nah gekommen war.
Er ballte die Fäuste in seinen Taschen. Es ärgerte ihn, dass er sich an solche Belanglosigkeiten erinnerte. Er war Kai Hiwatari... ihn sollte das Talent eines Bladers interessieren, nicht die Farbe ihrer Augen.
Doch egal wie sehr er sich zwang, an Pegasus zu denken, sah er nur Nami vor sich.
Ein helles, mechanisches Klingeln kündigte die VIP-Ebene an, doch Kai rührte sich nicht.
Er spürte ein seltsames Pochen in seiner Brust, das nichts mit dem Adrenalin eines Kampfes zu tun hatte. Als er vor ihr gestanden hatte, so nah, dass er die Wärme ihrer Haut fast spüren konnte, war da dieses elektrische Knistern in der Luft gewesen. Er hatte gesehen, wie sie geschluckt hatte, wie sie gegen ihre eigene Nervosität ankämpfte, und doch hatte sie nicht weggeschaut. Diese Mischung aus Sanftheit und stahlhartem Willen war außergewöhnlich.
Er fluchte leise unter seinem Atem. Er war es gewohnt, dass Mädchen in seiner Gegenwart erröteten oder kein Wort herausbrachten, aber bei Nami war es anders gewesen.
Ihr Puls war gerast... er hatte es an der kleinen Vene an ihrem Hals gesehen..., aber ihr Blick war fest geblieben. Dieses seltsame Gefühl, das ihn überkommen hatte, als er ihren Namen aussprach... es war eine Mischung aus Neugier und einer Anziehung, die er sich nicht erlauben durfte.
Sie war eine Gefahr für seinen Fokus. Und doch ertappte er sich bei dem Wunsch, den Aufzug sofort wieder nach unten zu schicken.
Als Kai schließlich aus dem Aufzug trat und die VIP-Loge betrat, empfing ihn Tala direkt. Er lümmelte in seinem Sessel, die Arme verschränkt, die eisblauen Augen voller schneidender Schärfe. Kai ignorierte den Blick und setzte sich wortlos auf seinen Platz.
„Wo warst du?“, fragte Tala kurz und kühllos.
„Unterwegs“, gab Kai knapp zurück.
„Ganze zwanzig Minuten?“, ächtzte Tala und ein gefährliches, spöttisches Lächeln zeichnete sich auf seinen Zügen ab.
„Es war viel los in den Gängen“, erwiderte Kai mit unbewegter Miene.
Tala lehnte sich langsam vor, die Gestik ruhig, aber von messerscharfer Präzision. „Glaubst du eigentlich selbst, was du da erzählst? Spar dir die Ausreden. Du bist den Katakomben nachgejagt, kaum dass das Match dieser Nami vorbei war.“
In diesem Moment öffnete sich die Glastür zur Loge erneut und Ray trat ein, eine frische Flasche Wasser in der Hand.
„So, zurück unter den Lebenden“, meinte Ray und nickte den beiden zu. „Mariah hat ihren ersten Kampf übrigens in unter dreißig Sekunden erledigt. Aber was ist hier los? Die Stimmung ist ja eisiger als draußen.“
„Kai verliert nur gerade seinen Fokus“, stellte Tala trocken fest, ohne den Blick von Kai zu wenden. „Er bildet sich ein, dass er unbemerkt nach unten verschwinden kann, sobald ein hübsches Gesicht ein Bit-Beast in Szene setzt.“
Ray hob überrascht eine Augenbraue und verschränkte die Arme. „Wirklich? Mensch Kai... ich dachte, dich könnte heute rein gar nichts aus der Reserve locken.“
„Ich habe lediglich mein Terrain beobachtet“, stahl sich Kai mit eisiger Stimme heraus. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Tala.“
„Oh, gar nichts“, zischte Tala leise, während seine Augen kühl funkelten. „Aber es ist amüsant zu sehen, wie leicht du dich ablenken lässt. Du spielst hier den Unnahbaren, Kai, aber deine Reaktion verrät dich. Du bist direkt zu ihr gerannt.“
„Mh...“, Kai verzog keine Miene. „Du bildest dir Dinge ein.“
„Tue ich das?“, bohrte Tala weiter, der Tonfall nun fast schneidend.
„Du hast deinen Blick nicht einen Moment von den Monitoren gewendet, als sie gekämpft hat. Und kaum war sie aus der Arena, warst du weg. Sie hat ein mächtiges Bit-Beast, das ist nicht zu übersehen... aber deine Neugier hatte vorhin verdammt wenig mit reiner Logik zu tun. Du verlierst die Kontrolle, Hiwatari. Und das steht dir gar nicht.“
Ray hob beschwichtigend die Hand. „Jetzt übertreib nicht, Tala. Ihr Stil war außergewöhnlich, das hätte jeden von uns neugierig gemacht.“
„Das war keine sportliche Neugier“, konterte Tala ohne Zögern. Er fixierte Kai erneut. „Du lässt dich von einer Fremden aus dem Konzept bringen. Wenn du wirklich glaubst, dass du dir solche Schwächen erlauben kannst, täuschst du dich gewaltig.“
„Ich mache gar nichts, Tala“, unterbrach ihn Kai mit einer Kälte, die das Gespräch sofort im Keim erstickte. „Ich brauche keine Lektionen von dir darüber, wie ich meine Entscheidungen treffe. Wer ein Bit-Beast dieser Güteklasse besitzt, ist ein Risikofaktor. Nichts weiter.“
Tala zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Ein Risikofaktor... wenn du dir das einreden musst, bitte. Aber pass auf. Dein Stolz verdeckt nicht, wie sehr sie dich gereizt hat.“
„Ich gehe“, knurrte Kai, erhob sich ruckartig und drehte sich um. „Das Turnier hier ist wie ich bereits dachte reine Zeitverschwendung. Mr. Dickenson kann mich mal.“
Ray sah ihm erstaunt nach. „Du gehst jetzt schon? Nami kämpft gleich noch einmal.“
„Ihr kommt ohne mich klar“, war Kais kurze Antwort.
Tala presste ein spöttisches Grinsen hervor, während Kai zur Tür schritt. „Renn nur weg, Kai. Aber vergiß nicht, wer du bist... und was passiert, wenn du deinen Fokus an die falschen Dinge verschwendest.“
Die schwere Tür fiel mit einem dumpfen, endgültigen Schlag hinter Kai ins Schloss.
Das Rad der Gedanken in Kais Kopf drehte sich unaufhörlich, während der Aufzug lautlos in die Tiefe glitt. Talas Worte hingen wie eine schwere, unangenehme Dunstwolke im Raum. Meinte dieser russische Dickkopf etwa tatsächlich, er kenne ihn gut genug, um ihm Befehle zu erteilen?
Kai verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf die spiegelnde Metalltür. Die bloße Unterstellung, er könne ernsthaftes Interesse an Nami haben, war lächerlich.
Bisher waren Mädchen für ihn bestenfalls eine flüchtige Ablenkung gewesen, rein physisch, niemals von Bedeutung. Und doch nagte die bittere Erkenntnis an ihm, dass seine jüngsten Impulse alles andere als kalkuliert gewesen waren. Dass sogar Tala seine mangelnde Beherrschung bemerkt hatte, war ein Schlag gegen seinen Stolz.
Diese ungewohnte Zerstreutheit rächte sich sofort.
Als sich die Türen öffneten, schritt Kai gedankenverloren hinaus... und realisierte erst Sekunden zu spät, dass er nicht den unauffälligen Hinterausgang, sondern das Hauptfoyer angesteuert hatte. Die weitläufige, lichtdurchflutete Halle war belebt. Er fluchte innerlich, zog die Schultern hoch und versuchte, mit gesenktem Blick und einer Hand halb vor dem Gesicht unterzutauchen. Zu spät.
„DAS IST KAI HIWATARI!!“
Der gellende Schrei durchschnitt die Geräuschkulisse wie eine Sirene. Kai verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Innerhalb von Augenblicken war er eingekesselt.
Ein Meer aus aufgeregten Gesichtern, gezückten Kameras und ausgestreckten Händen brandete gegen ihn an. Junge Mädchen drängten sich in seinen persönlichen Freiraum, bettelten um Fotos oder versuchten gar, ihn zu umarmen.
„Platz da“, knurrte er, die Stimme tief und bedrohlich, doch die Euphorie der Menge war lauter als seine Autorität. Er fühlte sich wie ein Raubtier im Streichelzoo... völlig deplatziert und kurz davor, die Geduld zu verlieren. Jedes Mal, wenn er eine Hand von seinem Ärmel abschüttelte, tauchten zwei neue auf.
Inmitten dieses absurden Chaos entdeckte er sie. Nami stand einige Meter entfernt. Ihr Blick wandelte sich von purer Überraschung zu einem unverhohlenen Amüsement. Sie grinste ihn regelrecht frech an und hob die Hand zu einem zuckersüßen Winken.
Kai spürte, wie ihm die Hitze in den Nacken stieg. Es war erniedrigend. Er, der unnahbare Champion, gefangen im Schwitzkasten einer Fangruppe, während sie ihn beobachtete wie eine komische Attraktion.
Nami schien die Absurdität der Situation zu genießen, doch dann siegte ihre Hilfsbereitschaft. Mit einer Leichtigkeit, die Kai in diesem Moment fast schon provozierte, schlängelte sie sich durch die Lücken der kreischenden Menge. Plötzlich tauchte ihre Hand vor ihm auf.
„Komm schon“, sagte sie.
Kai zögerte keine Sekunde. Er ergriff ihre Hand... sie war warm und erstaunlich zierlich im Vergleich zu seinem festen Griff... und ließ sich von ihr aus dem Zentrum des Sturms ziehen. Die Enttäuschung der Mädchen entlud sich in einem verwirrten Raunen, doch da waren sie bereits in Bewegung.
„Lauf!“, rief Nami lachend über die Schulter.
Sie rannten. Kai folgte ihr durch die massiven Glastüren hinaus in die kühle Luft. Sein Stolz brüllte auf... wieso ließ er sich von einem Mädchen retten? Er hätte sich den Weg mit Gewalt bahnen können, mit Ellbogen und seiner einschüchternden Präsenz, doch ein kleiner, rationaler Teil in ihm wusste, dass Schlagzeilen über den gewalttätigen Kai Hiwatari das Letzte waren, was die BBA gebrauchen konnte.
Hinter einem massiven Parkhausbau kamen sie zum Stehen. Nami ließ seine Hand los und stützte sich schwer atmend auf ihre Oberschenkel. Ihr Atem ging stoßweise, während Kai, dessen Kondition durch jahrelanges Training auf einem anderen Level war, nur eine leichte Beschleunigung seines Pulses spürte.
„Das war... irgendwie witzig. Unerwartet, aber witzig...“, lachte sie zwischen zwei Atemzügen und richtete sich langsam auf.
Ihr Lachen klang ungezwungen, fast so, als hätte der Vorfall die unsichtbare Mauer zwischen ihnen eingerissen. Für sie war er in diesem Moment nicht mehr das unantastbare Idol, sondern einfach nur ein Junge, der von seinen eigenen Fans überrannt worden war.
Ein Mensch mit ganz profanen Problemen.
Kai warf einen vorsichtigen Blick um die Ecke des Betonpfeilers. Die Mädchengruppe irrte immer noch planlos vor dem Eingang umher.
„Ich könnte hervorragend auf solche Erfahrungen verzichten“, entgegnete er kühl. „Wieso müssen die Leute immer so maßlos übertreiben?“
Nami sah ihn mit einem sanften, fast schon mitleidigen Blick an. „Na ja, du bist eben beliebt. Daran bist du ganz allein schuld.“ Sie zwinkerte ihm zu... eine Geste, so natürlich und frei von der üblichen Beklemmung, die er bei anderen spürte. Sie wirkte plötzlich so geerdet, so sehr sie selbst, dass es ihn für einen Moment aus dem Konzept brachte.
Kais Miene blieb stoisch, doch seine Augen fixierten sie scharf.
„Ich... sollte mich wohl bedanken, nehme ich an?“, warf er trocken ein, wobei der Sarkasmus in seiner Stimme kaum zu überhören war.
Nami winkte lässig ab. „Ach was, du musst gar nichts. Das war reiner Instinkt.“ Sie sah sich in der grauen, ungemütlichen Gasse um.
Es war ein trostloser Ort für ein Gespräch, eingeklemmt zwischen Betonwänden und Abgasgeruch. Kai musterte die Umgebung ebenfalls, und als seine Augen wieder die ihren trafen, stahl sich ein kaum merkliches, fast schon arrogantes Schmunzeln auf seine Lippen.
„Gehen wir ein Stück?“, fragte er. Die Worte waren ausgesprochen, bevor er sie hätte zurückhalten können. Innerlich fluchte er über sich selbst. Er sollte verschwinden, sich zurückziehen und dieses Rätsel von einem Mädchen hinter sich lassen. Doch da war dieser Sog, diese fast schon greifbare Aura, die sie umgab. „Zurück zum Stadion, meine ich...“
Den charmanten Begleiter zu mimen, lag ihm fern. Er hatte keine Übung darin und noch weniger Lust auf Höflichkeitsfloskeln. Doch die Neugier war stärker als sein Drang zur Isolation.
„Das Turnier ist noch nicht vorbei und ich muss in der nächsten Runde ran“, antwortete Nami. Ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Wenn du bereit bist, dich wieder in die Schlangengrube zu wagen, begleite ich dich gern ein Stück.“
Ein weiteres Schmunzeln zuckte in Kais Mundwinkel. Er musterte sie noch einmal kurz, fast so, als würde er sie wie einen Gegner analysieren, dann drehte er sich um und ging in seinem typisch lässigen, raubtierhaften Schritt voraus.
„Keine Sorge. Diesmal nehmen wir den Hintereingang.“
Er bemerkte wohl, wie Nami hinter ihm errötete und wie unsicher ihre Schritte für einen Moment wurden.
Normalerweise ließen ihn solche Anzeichen weiblicher Schwäche völlig kalt oder stießen ihn sogar ab. Doch diesmal war es anders. Ein seltsames Gefühl der Genugtuung, fast schon Schmeichelei, breitete sich in seiner Brust aus.
~Abstand, Hiwatari. Du brauchst Abstand~
mahnte seine innere Stimme. Er war ein Meister darin, Schwärmereien zu erkennen und sie im Keim zu ersticken. Solche Gefühle waren kompliziert, unnötig und eine Gefahr für seine Konzentration.
Aber Nami war kein gewöhnliches Mädchen. Da war eine verborgene Stärke in ihr, eine Macht, die er bisher nur erahnen konnte. Er wollte wissen, was hinter dieser Fassade steckte. Er wollte sie kämpfen sehen... und er wusste in diesem Moment, dass dies nicht ihre letzte Begegnung bleiben durfte.