Ein bisschen Normalität
Ein bisschen Normalität
Die Morgensonne flutete Kais modernes Penthouse, tanzte auf dem Marmorboden und beleuchtete die klare, elegance Küche in einem fast schon unwirklich hellen Licht. Nami saß bereits fertig angezogen auf einem hohen Hocker am Theken-Tresen aus glänzendem, dunklem Stein. Sie genoss den Duft ihres dampfenden Grüntees und den majestätischen Anblick der Skyline von Tokio, die sich durch die bodentiefen Fenster erstreckte. Ein tiefes, zufriedenes Seufzen entwich ihrer Kehle. Zwar spürte sie bei jeder Bewegung noch ein feines Zittern in den Beinen, doch nach fast elf Stunden tiefem, traumlosem Schlaf fühlte sie sich körperlich vollkommen regeneriert.
Kai lehnte ihr gegenüber, die Arme locker auf dem dunklen Stein abgestützt. Er trank einen Schluck aus seiner Tasse und beobachtete sie mit einem nachdenklichen, fast schon forschenden Blick.
„Du wirkst im Vergleich zu gestern heute so... anders“, stellte er fest, und seine Stimme klang am frühen Morgen noch eine Spur rauer. „Viel entspannter. Und ich muss gestehen: Als ich heute Morgen aufwachte und dich im Arm hielt, hast du nicht sofort Anstalten gemacht, mehr als nur eine Umarmung zu wollen.“ Er schmunzelte leicht, wobei seine Züge für einen Moment ihre kühle Maske verloren.
In diesem Moment, als Kai es aussprach, wurde Nami die Veränderung erst richtig bewusst. Sie sah ihm direkt in die Augen...eine intensive, aber seltsam ruhige Minute lang. Da war kein überwältigender, brennender Drang mehr, der sie dazu zwang, ihn auf der Stelle niederzureißen. Ihr Kopf war klar, ihre Gedanken geordnet. Die überbordende, fast schon zermürbende Wirkung seiner Aura hatte über Nacht drastisch nachgelassen.
Die Erleichterung war beiden deutlich anzusehen, doch Nami spürte, wie ihr spielerischer Geist erwachte. Das war die perfekte Gelegenheit für eine kleine Revanche.
„Ach, mein Armer...“, sagte sie mit einem gespielten Schmollmund, während sie sich einen Bissen ihres Omeletts gönnte. „Musst du dich jetzt etwa wieder mehr anstrengen, um eine Reaktion bei mir auszulösen? Ich war gestern Abend sicher so anstrengend für dich, dass ich dir nun wohl oder übel eine Pause gönnen muss.“ Sie zwinkerte ihm frech zu und nippte betont gelassen an ihrem Tee.
Kais leichtes Schmunzeln verschwand augenblicklich. Es wurde durch einen herausfordernden, dunklen Blick ersetzt, der Nami sofort klarmachte, dass sie mit dem Feuer spielte.
„Eine Pause?“, wiederholte er leise, und das Grollen in seiner Stimme ließ die Luft im Raum augenblicklich wieder dichter werden.
„Du bist mutig, mich nach der gestrigen Nacht so herauszufordern. Erinnere dich: Ich habe auch vor dieser Aura sehr genau gelernt, welche Knöpfe ich drücken muss, um dich in diesen Zustand zu versetzen. Ich muss mich also nur ein wenig anstrengen, sagst du?“
Er beugte sich weiter über den Tresen, bis sein Gesicht nur noch Zentimeter von ihrem entfernt war. Seine rubinroten Augen fixierten ihren türkisen Blick mit einer Intensität, die sie fast schwindelig machte.
„Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie dein Atem ging, als ich deine Knie auseinanderdrückte und ganz langsam mit meiner Zunge über deine inneren Oberschenkel strich“, raunte er, und seine Stimme war nun ein gefährliches Flüstern.
„Ich erinnere mich, wie du mich angefleht hast, endlich schneller zu werden, als ich dich nur mit den Fingerspitzen neckte und dir die roten Wangen küsste. Ich weiß noch genau, wie du meinen Namen geschrien hast, als ich tief in dich...“
„Stopp!“ Nami prustete fast ihren Tee aus. Ihr Gesicht lief schlagartig in einem tiefen Karminrot an, und sie wiech seinem brennenden Blick hastig aus, indem sie angestrengt auf ihren Teller starrte. Sie versuchte eisern, ihre Fassung zu bewahren und den heftigen Schauer nicht zu verraten, der bei seinen Worten durch ihren Körper jagte, aber die Erinnerung an die intensive Zärtlichkeit und die rohe Leidenschaft des vergangenen Abends war einfach noch zu frisch.
Die Tage, die hinter ihnen lagen, waren tatsächlich eine Gratwanderung gewesen...ein Grenzgang zwischen totalem Kontrollverlust und einer Nähe, die tiefer ging als alles, was sie zuvor kannten.
Kai beobachtete ihre Reaktion mit einem siegreichen Funkeln in den Augen; er wusste genau, dass er die Oberhand behalten hatte, Aura hin oder her.
Er schmunzelte nun wieder über ihre Verlegenheit und lief mit ruhigen, sicheren Schritten um den massiven Tresen herum. Er blieb hinter ihr stehen und legte seine Arme schützend um ihre Taille, wobei er sein Kinn kurz auf ihrer Schulter ablegte.
„Ich bin jedenfalls froh, dass du wieder klar denken kannst und dass die Aura ihre zermürbende Wirkung verliert“, raunte er an ihr Ohr, und seine Stimme hatte diesen warmen Unterton, den er nur für sie reservierte. „Aber sei gewarnt: Nur weil die Notwendigkeit verschwindet, verschwindet meine Lust auf dich noch lange nicht.“ Er drückte sie kurz fester an sich und besiegelte sein Versprechen mit einem sanften Kuss auf ihre Schläfe.
„Mach dich fertig. Ich fahre dich zur Schule.“
Nami kicherte leise, wandte den Kopf zu ihm und sah ihn mit einem schelmischen Funkeln in den Augen an. „Meinst du nicht, ich sollte mal langsam anfangen, wieder mit der Bahn zu fahren ...?“
Kai hielt kurz inne und warf ihr einen belustigten Blick zu, während er so tat, als würde er die logistischen Vorteile des Schienenverkehrs ernsthaft abwägen.
„Mhhh ... ich werde darüber nachdenken“, erwiderte er schließlich trocken, „aber heute wird es diese Option bei mir nicht geben.“
„Die Leute tuscheln sicher schon, ob ich nicht allein in der Lage bin, zur Schule zu kommen ...“, sagte Nami mit einem wohligen Seufzer, während sie sich kurz gegen seine starke Brust lehnte.
„Seit wann interessieren dich die Lästereien deiner Mitschüler?“, fragte Kai direkt und gewohnt pragmatisch.
„Tun sie nicht ....“, antwortete sie ehrlich und seufzte erneut, diesmal jedoch aus purer innerer Zufriedenheit.
~Er ist so fürsorglich ...~, dachte sie und ein stilles, glückliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, das sie in sich hineinfraß.
Wenig später glitt Kais schwarzes Auto fast lautlos durch die pulsierenden Adern Tokios. Das morgendliche Verkehrschaos schien an der Ruhe in der Fahrgastzelle abzuprallen. Wie gewohnt steuerte Kai den Besucherparkplatz der Ichibei High School an. Als sie gemeinsam ausstiegen, bildete sich augenblicklich die übliche Menschentraube. Es war, als würde ein unsichtbarer Scheinwerfer auf sie gerichtet, sobald sie den Asphalt betraten, doch Kai ignorierte die gaffenden Gesichter mit einer stoischen Gelassenheit, die Nami immer wieder bewunderte.
Als sie sich dem Haupttor näherten, verstummten die Tuscheleien der Mitschüler schlagartig. Ein einziger, kühler Blick aus Kais rubinroten Augen, der kurz zur Seite huschte, reichte aus, um die neugierigsten Beobachter zum Zurückweichen zu bringen.
Er blieb stehen und zog Nami mit einer ruhigen, aber unmissverständlichen Geste eng an sich. Ohne auf die Umgebung zu achten, senkte er den Kopf und zog sie in einen festen, innigen Kuss. Dieser Kuss war länger, zärtlicher und trug die stille, kraftvolle Bestätigung ihrer tiefen Bindung in sich. Es war ein Versprechen. Als sich seine Lippen schließlich lösten, blieb er ihr ganz nah. Sein Blick brannte sich in ihre türkisfarbenen Augen und versprach ihr alles...Schutz, Stabilität und eine Liebe, die keine Zuschauer brauchte.
„Ich hole dich wieder pünktlich ab“, sagte er leise, in einem Tonfall, der nur für ihre Ohren bestimmt war. Nami nickte mit einem sanften Lächeln, das Herz klopfend, und sah ihm kurz nach, wie er sich mit der Souveränität eines Mannes umdrehte, der genau wusste, wo sein Anker lag.
Als Kai zurück zu seinem Wagen lief, die Tür mit einem satten Geräusch ins Schloss fallen ließ und schließlich vom Parkplatz davonrollte, galt sein Fokus bereits den Aufgaben des anstehenden Vormittags.
Beruflich würde sich sein Alltag in den nächsten Tagen wieder spürbar verschieben. Dadurch, dass das ambitionierte Projekt des BeyBot1000 bei Tachibey Industries endlich erfolgreich fertiggestellt und getestet worden war, hatte er seine primären Pflichten in der Firma von Namis Vater vorerst erfüllt. Der technologische Meilenstein stand und für Kai bedeutete dies die lang ersehnte Rückkehr zu seinen Wurzeln: Er war wieder offiziell als leitender Trainer und strategischer Berater zur BBA zurückgekehrt.
Diese Pflichten im Hauptquartier würde er ab jetzt meist diszipliniert in den Morgen- und Vormittagsstunden erfüllen, Trainingssessions oder analysierte Daten leiten. Doch ganz egal, wie voll sein Terminkalender bei der BBA auch sein mochte oder welche geschäftlichen Nachwehen noch anstanden...er machte es sich zur unumstößlichen Gewohnheit, Nami jeden einzelnen Nachmittag pünktlich von der Schule abzuholen, um jede freie Sekunde mit ihr zu verbringen.
Hinter Nami brach unterdessen ein Sturm los. Das eben noch unterdrückte Tuscheln schwoll zu einer ohrenbetäubenden Lautstärke an, ein Wirbelsturm aus Spekulationen und Bewunderung, der über den Schulhof fegte. Doch Nami schenkte dem Lärm keine Beachtung. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, das von einer tiefen inneren Ruhe zeugte, betrat sie das Schulgebäude. Dort wurde sie bereits von Momoko erwartet, deren Augen vor Neugier funkelten, die sie aber mit einer herzlichen Umarmung freudig in Empfang nahm.
Momoko löste sich aus der Umarmung, doch anstatt Nami wie gewohnt sofort in ein Gespräch über das anstehende Turnier zu verwickeln, legte sie den Kopf schief und stemmte die Hände in die Hüften. Ihr Blick was eine Mischung aus besorgter Freundin und neugieriger Detektivin.
„Nami! Wo um alles in der Welt warst du gestern?“, platzte es aus ihr heraus, während sie Nami den Flur entlang in Richtung ihrer Schließfächer schob. „Ich habe dir sicher zehn Nachrichten geschrieben und versucht anzurufen, aber du bist einfach nicht rangegangen. Ich dachte schon, du wärst krank oder... na ja, wieder entführt worden, wenn man bedenkt, was vorgestern passiert war...“
Nami spürte, wie ihr Herz einen kleinen Aussetzer machte. Sie öffnete ihr Schließfach, um ihre Tasche zu verstauen, nur um einen Moment Zeit zu gewinnen. Ihr Kopf arbeitete fieberhaft. Was sollte sie sagen?
Die nackte Wahrheit war in ihrem Kopf so präsent wie das leise Nachbeben in ihren Muskeln. Sie konnte Momoko wohl kaum erklären, dass Kais neue, fast schon magische Aura sie so sehr in den Bann gezogen hatte, dass sie in einer endlosen Schleife aus brennender Erregung und körperlicher Hingabe gefangen gewesen war. Dass sie den Großteil der letzten zwei Tage damit verbracht hatte, sich unter seinen Händen und seinem Körper zu winden, bis sie so vollkommen erschöpft war, dass sie den Rest der Welt...einschließlich ihres Handys...schlichtweg vergessen hatte. Und erst recht konnte sie nicht erwähnen, dass sie deshalb die Hälfte des Schultages einfach im Tiefschlaf versunken war.
„Es tut mir leid, Momoko“, sagte Nami schließlich und versuchte, so natürlich wie möglich zu klingen, während sie ihre Bücher ordnete. „Ich... ich hatte gestern einfach einen totalen Blackout. Nach einem kurzen morgendlichen Training war ich so erschöpft, dass ich mich nur kurz hinlegen wollte und dann wie ein Stein eingeschlafen bin. Mein Akku war leer und ich habe absolut nichts mehr mitbekommen.“
„Wie ein Stein?“, wiederholte Momoko und musterte Namis Gesicht ganz genau. „Du siehst aber gar nicht aus wie jemand, der nur geschlafen hat. Du hast so ein... seltsames Strahlen. Und dieses Grinsen.“ Momoko kniff die Augen zusammen. „Warst du etwa den ganzen Tag wieder bei Kai im Penthouse?“
Nami spürte, wie ihr das Blut wieder in die Wangen schoss, genau wie heute Morgen am Frühstückstisch. „Ja...du weißt doch, dass ich gerade praktisch bei ihm wohne.“, gab sie kleinlaut zu und schloss ihr Schließfach vielleicht ein wenig zu hastig. „Er hat sich um mich gekümmert. Aber wie gesagt, ich war einfach völlig am Ende meiner Kräfte.“
Momoko kicherte und stieß Nami spielerisch mit der Schulter an. „Gekümmert, soso. Na, wenn der große Kai Hiwatari den Krankenpfleger spielt, würde ich wahrscheinlich auch mein Handy ausschalten. Aber mach das nicht noch mal, ich hab mir echt Sorgen gemacht!“
Nami atmete innerlich auf, als sie gemeinsam in Richtung Klassenzimmer gingen. Die Ausrede hatte funktioniert, doch das heimliche Wissen um die wahre Intensität des gestrigen Tages brannte wie ein süßes Geheimnis auf ihrer Haut. Während Momoko bereits über die erste Unterrichtsstunde plauderte, strich sich Nami gedankenverloren über die Lippen...genau dorthin, wo Kai sie zum Abschied so zärtlich geküsst hatte.
Der Schultag verlief überraschend angenehm. Zwar spürte sie immer noch die verstohlenen, teils ehrfürchtigen Blicke ihrer Mitschüler...das Siegel, die offizielle Freundin von Kai Hiwatari zu sein, war nun endgültig auf sie übergegangen..., doch die belastende Schwere der letzten Tage war verschwunden.