Ein letzter Einwand
Ein letzter Einwand
Es war Freitagmittag, und die Stadt glühte in den letzten Strahlen der Herbstsonne, die die Glasfassaden der Wolkenkratzer in ein tiefes Gold tauchte. Kai saß in der Kantine der BBA und nippte an einem heißen Kaffee, während er die letzten Datenprotokolle der neuen Arena Technik auf seinem Tablet überflog. Das Smartphone auf dem Tisch vibrierte mit einer aggressiven Beharrlichkeit. Ein Blick auf das Display genügte: Tala.
Genervt, aber mit der dunklen Vorahnung, dass Tala ihn nicht ohne triftigen Grund stören würde, nahm er ab.
„Was ist los, Tala? Ich bin gerade beschäftigt“, schnarrte Kai, seine Stimme so unterkühlt wie eh und je.
Die Antwort am anderen Ende der Leitung war ebenso schneidend. Die Vertrautheit ihrer langjährigen, oft von Konflikten und Rivalität geprägten 'Freundschaft' schwang in jedem Wort mit. „Hör zu, Kai. Wir müssen uns treffen, jetzt. Es betrifft dich und deine...Freundin, und ich dulde keinen Aufschub.“
Kai zog die Brauen zusammen, seine Finger umklammerten die Kaffeetasse eine Spur fester. „Was soll das Gehabe? Seit wann bist du eigentlich wieder aus Russland zurück? Wolltest du nicht bis zum Ende des Jahres wegbleiben?“
Tala ignorierte Kais Fragen mit einer arroganten Beiläufigkeit, die nur er sich erlauben konnte. „Es ist wichtig, und es muss sofort besprochen werden. Triff mich in dem kleinen Café Pointe in der Nähe der Ichibei High School. Und komm allein. Das ist keine Plauderei.“
Bevor Kai antworten konnte, war die Leitung tot. Er starrte einen Moment auf das dunkle Display. Allein? Das kam nicht infrage. Nach allem, was sie in den letzten Tagen durchgestanden hatten... der Schock wegen des Klons, die überwältigende Wirkung seiner neuen Aura und das feste Versprechen ihrer Verbundenheit, gab es keine Geheimnisse mehr, die er vor Nami bewahren wollte. Wenn es sie betraf, würde sie es aus erster Hand erfahren.
Mit flinken Fingern tippte er eine Nachricht an sie:
> „Kann dich heute nicht direkt am Tor abholen. Treffen uns im Café Pointe bei der Schule. Tala ist in der Stadt und will reden. Sei vorsichtig.“
Kai verließ das Firmengebäude und entschied sich gegen den Wagen. Er brauchte die Bewegung, die direkte Wärme der tiefstehenden Sonne und die klare, kühle Herbstluft, um seinen Kopf zu ordnen. Seine Schritte waren lang und bestimmt, ein physischer Ausdruck seiner inneren Ungeduld. In seinem markanten, langen schwarzen Übergangsmantel, der bei jedem Schritt hinter ihm herwehte, wirkte er wie eine dunkle Erscheinung inmitten des geschäftigen Treibens.
Seine blaugrauen Haare fingen das Sonnenlicht ein, während sein unerbittlicher, stechender Blick wie eine Sense durch die Menge schnitt. Die Passanten wichen ihm instinktiv aus; Gespräche verstummten, sobald er in die Nähe kam. Junge Mädchen, die seinen Weg kreuzten, blieben wie angewurzelt stehen, den Atem anhaltend. In ihren Augen spiegelte sich eine gefährliche Mischung aus Bewunderung und unverhohlenem Verlangen, doch Kai registrierte sie nicht einmal. Für ihn waren sie Statisten in einer Welt, die sich gerade nur um zwei Dinge drehte: das bevorstehende Turnier am nächsten Morgen und Nami.
Was zum Teufel konnte Tala so dringend von ihm wollen? Die theatralische Dringlichkeit in der Stimme seines alten Gefährten passte so gar nicht zu der Ruhe, die er sich für diesen Nachmittag erhofft hatte. Während das Café Pointe in Sichtweite kam, spürte Kai, wie seine Konzentration sich schärfte.
Genervt betrat er das kleine, überfüllte Café. Die Luft hier drin war stickig, geschwängert vom Duft gerösteter Bohnen und dem unaufhörlichen Stimmengewirr der Gäste...ein krasser Gegensatz zu der kühlen Präzision seiner sonstigen Arbeit. Seine Augen suchten den Raum ab und fanden das Ziel am hintersten Tisch.
Dort saßen Gesichter, die untrennbar mit seiner Vergangenheit verbunden waren. Tyson Granger, aufgekratzt wie eh und je, sprang fast von seinem Stuhl auf und winkte ihm mit einem breiten Grinsen enthusiastisch zu. Daneben wirkte Ray Kon wie der ruhende Pol. Ray saß mit einer selbstverständlichen Eleganz da, die Haltung gefasst, die Augen voller Ruhe und einer gewissen Weisheit, die ihn deutlich erwachsener wirken ließ als Tyson.
„Kai! Endlich bist du da! Mann, gut, dich mal wieder in natura zu sehen! Ich habe gehört, du hast ne Freundin?! Dass ich das noch erleben darf.“, sprudelte Tyson los und klopfte Kai unbeholfen auf die Schulter. Kai zuckte kaum merklich zusammen; die körperliche Vertraulichkeit war ihm nach wie vor zuwider.
„Mh, hey Tyson ...“, erwiderte Kai trocken. Er respektierte Tyson als Blader, doch dessen ungestüme Art und das unaufhörliche Gerede verursachten ihm augenblicklich pulsierende Kopfschmerzen.
„Setz dich, Kai“, sagte Ray ruhig und deutete auf den freien Stuhl, um Tysons Überschwang abzufedern. Sein Ton war freundlich, aber bestimmt.
„Klar...“ Kai ließ sich auf den Stuhl fallen, ohne die Begrüßung offiziell zu erwidern. Er verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte die beiden mit einem Blick, der keine Missverständnisse zuließ. „Was soll dieser Zirkus? Was wollt ihr beide hier, und wo steckt Tala? Ich habe weder Zeit noch Lust auf eure Spielchen.“ Seine Stimme war tief und vibrierte vor Ungeduld.
Ray schmunzelte nur leicht und zuckte mit den Achseln. „Ich sehe das Ganze auch nicht so eng, Kai, aber es ist wichtig, darüber zu reden. Tala kommt gleich, er ist gerade nur kurz weg und holt sich einen Kaffee. Aber es geht um... die Faktenlage.“
„Faktenlage?“, wiederholte Kai spöttisch. „Wenn ihr mir nicht innerhalb der nächsten zehn Sekunden sagt, was das Problem ist, gehe ich, und ihr könnt eure ‚Fakten‘ behalten.“ Er machte bereits eine leichte Bewegung, als wollte er sich wieder von der Sitzfläche hochdrücken.
In diesem Moment fegte Tala wie ein eisiger Windstoß an ihm vorbei. Sein Gesicht war eine Maske aus kalter Arroganz und schneidendem Ärger. Ohne ein Wort der Begrüßung knallte er ein dünnes, glänzendes Heft mitten auf den Tisch, sodass die Kaffeelöffel in den Untertassen klirrten.
„Das ist der Grund“, zischte Tala, und seine Augen blitzten gefährlich.
Kai senkte den Blick auf den Tisch. Auf dem Cover der Zeitschrift prangte ein leicht unscharfes, aber absolut unverkennbares Foto: Er und Nami, in einer innigen Umarmung, versunken in jenen ersten öffentlichen Kuss vor dem Haupttor ihrer Schule. Die Überschrift donnerte in fetten, reißerischen Lettern über das Papier:
BEYBLADE SENSATION: Nami Tachiba und Kai Hiwatari ein Paar?
Kai starrte auf das Bild. Die Welt um ihn herum schien für einen Moment zu verstummen, während das grelle Papier der Klatschpresse die Privatsphäre, die er so mühsam geschützt hatte, in ein öffentliches Spektakel verwandelte.
Zu Talas offensichtlichem Ärger bewegte Kai jedoch nicht einen einzigen Muskel in seinem markanten Gesicht. Er starrte das Heft an, als wäre es eine uninteressante Statistik, zuckte dann beiläufig mit den Schultern und stieß ein trockenes, leises Schnauben aus.
„Das ist alles?“, fragte er mit einer Gleichgültigkeit, die Tala fast um den Verstand brachte. „Ich dachte nach deinem Anruf, die Welt stünde in Flammen.“
Tala schien bei Kais Gelassenheit endgültig der Kragen zu platzen. Seine bleiche Haut rötete sich vor Zorn. „Bitte, was sagst du da?!“, stieß er hervor. Er beugte sich ruckartig über den Tisch und packte Kai an der Schulter, wobei seine Finger sich fest in den Stoff des schwarzen Mantels krallten. Seine eisblauen Augen funkelten gefährlich. „Was ist falsch mit dir, Kai? Dir ist das egal?! Dein Name, dein Ruf... dein Privatleben?“
Ihre Blicke trafen sich wie zwei Klingen, die aufeinanderprallten. Die Luft im kleinen Café wurde augenblicklich so dünn, dass die Gäste an den Nebentischen verstummten.
„Die andere Frage, Tala ...“, erwiderte Kai, dessen Stimme so ruhig und tief blieb, dass sie beinahe bedrohlicher wirkte als Talas Gebrüll. „Wieso ist es...dir...nicht egal?“
Ein belustigtes, fast schon hysterisches Zischen fuhr durch den Mund des rothaarigen Russen. Er schüttelte fassungslos den Kopf. „Du hast dich verändert! Das ist eine öffentliche Katastrophe für dein Image und deine Position bei der BBA! Was hat dieses Mädchen mit dir gemacht? Ich erkenne dich nicht wieder! Wo ist der Kai geblieben, dem alles außer dem Sieg in der Arena egal war?“
Tyson schaltete sich ein. Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, doch sein Gespür für Loyalität und Kameradschaft ließ ihn nicht schweigen. „Hey, Tala, komm runter“, sagte er und hob beschwichtigend die Hand. „Er ist immer noch Kai. Er ist nur nicht mehr so... unnahbar. Er ist ein Mensch, verdammt. Ist das so schlimm, wenn er jemanden gefunden hat?“
Doch Kais Geduld war am Ende. Die Erwähnung von Nami in diesem vorwurfsvollen Tonfall löste etwas in ihm aus, das weit über bloßen Ärger hinausging. Er spannte sich an, und bevor jemand reagieren konnte, stand er auf. Seine Hand schoss vor und packte Tala fest am Kragen, wobei er ihn ein Stück zu sich heranzog.
„Fass mich nicht an“, knurrte Kai eisig, jedes Wort präzise wie ein Nadelstich. Seine Aura flammte kurz auf, kalt und schneidend. „Und nenn sie nie wieder 'dieses Mädchen'. Verstanden?“
Tyson hob sofort beide Hände, die Handflächen nach außen gerichtet. „Okay, okay! Jetzt entspannt euch mal wieder alle...“, rief er dazwischen, während er besorgt zwischen den beiden Erzrivalen hin und her blickte. „Wir sind hier in einem Café, nicht im Finale der Weltmeisterschaft!“
Ray, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, legte nun seine Hand flach auf den Tisch und sah Kai direkt an. In seinem Blick lag kein Vorwurf, sondern eine stille Warnung, die Situation nicht vor aller Augen eskalieren zu lassen.
In diesem hochexplosiven Moment, als die Luft zwischen Kai und Tala förmlich zu brennen schien, tauchte plötzlich eine Gestalt hinter den Männern auf.
„Ähm ... hey ...“, unterbrach eine leise, zögerliche Stimme die spannungsgeladene Stille.
Es war Nami. Sie stand mit leicht unsicherem Blick vor der Gruppe, die Hand fest um den Riemen ihrer Tasche geklammert. Die feindselige Atmosphäre im Raum war für sie beinahe körperlich greifbar, wie eine unsichtbare Mauer, gegen die sie gerade gelaufen war.
„Oh, hi!“, entfuhr es Tyson, der sie mit offenem Mund anstarrte. Er war vollkommen überwältigt. Er kannte Nami zwar von Fotos und Videos, auf denen sie schon außergewöhnlich schön gewirkt hatte, doch in natura war ihre Erscheinung noch einmal eine ganz andere Liga. Sie wirkte graziler, beinahe ätherisch, und strahlte eine Wärme aus, die den ganzen Raum zu erhellen schien. In diesem Moment verstand Tyson instinktiv, warum Kai... der Mann, der normalerweise keine Gefühlsregungen zuließ... so besessen von ihr schien. Ohne es genau benennen zu können, spürte er die ganz besondere Aura, die sie umgab; eine Kraft, die weit über das Äußere hinausging.
Tala hingegen, dessen Blick Nami nun streifte, ließ seine Wut weiter eskalieren. Dass Kai seine Anweisung so schamlos ignoriert hatte, war für ihn die ultimative Provokation. „Was macht...sie...hier?“, herrschte er Kai an. „Ich habe dir unmissverständlich gesagt, du sollst allein kommen! Das hier ist eine ernste Angelegenheit, kein Kaffeekränzchen!“
„Sie geht uns alle an“, konterte Kai ohne zu zögern. Sein Blick entschärfte sich ein klein wenig, als er Nami ansah, doch seine Haltung gegenüber Tala blieb unnachgiebig und feindselig.
„Beruhige dich, Tala“, schaltete sich Ray vermittelnd ein. Seine Stimme war der kühle Anker in dem emotionalen Sturm. Er sah Nami kurz höflich an, bevor er sich wieder Kai zuwandte. „Deshalb sind wir alle hier, Kai. Das Foto auf diesem Cover lässt keine Ausflüchte mehr zu. Du wirst gezwungen sein, morgen beim Turnier eine öffentliche Erklärung zu deiner Beziehung mit Nami abzugeben. Die Presse wird euch sonst belagern.“
Ray machte eine kurze Pause, um seinen Worten Gewicht zu verleihen. „Da wir offiziell immer noch als Team assoziiert werden, fällt das alles auch auf uns zurück. Wenn du die Sache nicht sofort und unmissverständlich klärst, werden sie Nami und dich niemals in Ruhe lassen. Das ist der einzige Grund, warum wir dich ausgerechnet heute treffen wollten: Wir mussten absolut sicherstellen, dass dir diese Notwendigkeit bewusst ist, bevor du morgen zusammen mit ihr dort auftauchst.“
Kai lehnte sich langsam zurück, wobei er Tala endlich losließ, ihn aber weiterhin nicht aus den Augen ließ. Ein trockenes, fast schon spöttisches Schnunzeln umspielte seine Lippen.
„Das war mir bereits von Anfang an bewusst“, sagte er mit einer schneidenden Ruhe. „Aber wieso ihr drei euch da so wichtig machen müsst, verstehe ich tatsächlich nicht wirklich. Wir sind schon lange kein Team mehr, das gemeinsam Turniere bestreitet. Die Sache ist ganz alleine mein Problem... und das von Nami.“
Nami, die die ganze Zeit schweigend dabeigestanden und die unterkühlte Wut Talas über sich hatte ergehen lassen, trat plötzlich einen entscheidenden Schritt vor. Die anfängliche Unsicherheit war wie weggewischt; sie wich einer klaren, festen Entschlossenheit, die selbst Ray und Tyson aufhorchen ließ.
„Also, ich muss ja sagen, dass mein kompletter Vormittag bereits davon geprägt war...“, begann sie und griff zielsicher nach dem glänzenden Heft auf dem Cafétisch. Sie hob es hoch, sodass das Foto im fahlen Licht des Cafés schimmerte. Für einen Bruchteil einer Sekunde drohte ein rötlicher Schimmer ihre Wangen zu überziehen und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als ihr Blick erneut auf das leidenschaftliche Bild von sich und Kai fiel. Doch sie unterdrückte die Regung sofort und straffte die Schultern.
„Ich wurde heute damit in der Schule von meinen Mitschülern ebenfalls konfrontiert, und ich musste mich ebenfalls erklären...“, fuhr sie fort, ihre Stimme stabil und ruhig. „Aber was sollte ich schon dazu sagen, außer das, was ich ihnen seit Tagen schon sage? Dass Kai und ich ein Paar sind. Das ist nun wirklich keine große Sache...“
„Keine große Sache?“, unterbrach Tala sie sofort, seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Er funkelte Nami genervt und mit unverhohlener Feindseligkeit entgegen. „Kai ist nicht gerade für sein öffentliches Liebesleben bekannt. Geschweige denn dafür, Gefühle in aller Öffentlichkeit zu zeigen... oder überhaupt romantische Gefühle zu... besitzen. Du hast irgendetwas mit ihm gemacht...“
Nami ließ sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, sie trat noch ein Stück näher an den Tisch heran. „Und was ist dein Problem daran?“, konterte sie scharf. „Habe ich irgendwas nicht mitbekommen, oder geht es hier nur darum, dass sein zweifelhaftes öffentliches Image dadurch Schaden nimmt? Ein Image, das besagt, Kai Hiwatari habe gefälligst keine Freundin zu haben? Dass er der ewige Junggeselle und der einsame, eiskalte Wolf sein muss? Erklär es mir!“
Sie sah Tala direkt in die Augen. Ihre Stimme war fest und für die kleine Räumlichkeit des Cafés überraschend laut, was sogar Tyson dazu brachte, beeindruckt die Augenbrauen hochzuziehen.
Tala schnaubte verächtlich, doch in seinem Blick blitzte Anerkennung für ihren Mut auf, die er jedoch sofort wieder hinter seiner Maske verbarg. „Du verstehst es nicht, oder? Kai hat obsessive weibliche Fans, die dich lynchen werden, wenn sie das sehen. Außerdem geht es darum, dass es einfach gar nicht zu ihm passt. Nichts von all dem... diese Nähe, dieses... Bild.“ Er deutete angewidert auf das Foto.
„Aber anscheinend bist du der Einzige hier, dem es so übel aufstößt, dass er plötzlich anders ist“, gab Nami ungerührt zurück. Sie hob selbstbewusst das Kinn, und ihre ozeanen Augen blitzten in einem gefährlichen, fast schon herausfordernden Glanz. „Seine Fans interessieren mich nicht im Geringsten. Sollen sie nur versuchen, mir etwas anzutun... ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen.“
Kai, der das Wortgefecht bisher schweigend verfolgt hatte, beobachtete sie mit einem kaum merklichen, aber stolzen Glitzern in den Augen. Er genoss es sichtlich, wie sie seinem alten Rivalen die Stirn bot.
Sie wich keinen Millimeter zurück, ihre Haltung war aufrecht und ihre Stimme verlor nicht an Festigkeit.
„Tala, hör mir zu“, fuhr sie fort, und ihr Tonfall war nun von einer mitleidigen Bestimmtheit geprägt. „Du verhältst dich gerade unglaublich arrogant. Ich weiß, wer Kai ist, und er weiß, wer ich bin. Unsere Beziehung ist keine Katastrophe, auch wenn du das vielleicht anders siehst. Und was mich am meisten ärgert, ist deine Anmaßung, zu entscheiden, wer sich in der Öffentlichkeit wie zu verhalten hat.“
Sie machte eine kurze Pause und fixierte den Russen, dessen Miene unter ihrem Blick zu bröckeln begann. „Ich weiß, du und Kai, ihr kennt euch schon sehr lange, aber Menschen verändern sich, und manche von ihnen werden auch mal erwachsen... so bescheuert du das auch finden magst.“
Talas Blick veränderte sich tatsächlich. Die schneidende Wut, die eben noch seine Züge beherrscht hatte, wich einer tiefen Verblüffung. Er war es gewohnt, dass Menschen vor seinem Zorn zurückwichen oder mit Aggression reagierten, aber diese ruhige, fast schon mütterliche Zurechtweisung von dieser jungen Frau hatte er nicht kommen sehen. Ihr unerschrockener Blick brannte sich förmlich in seine Augen und hinterließ einen Funken unwilligen Respekts.
Nami gab ihm jedoch keine Zeit, die Fassung wiederzuerlangen. „Kai ist ein erwachsener Mann, der lieben darf, wen er will. Es ist sein Leben, nicht deines. Und wenn du so besorgt um sein Image... oder deines bist, dann solltest du ihn unterstützen, anstatt ihn wegen des einzigen Menschen anzugreifen, der ihm Halt gibt.“
Mit einer beiläufigen, fast schon gleichgültigen Geste ließ sie das Heftchen wieder auf den Tisch gleiten, wo es mit einem leisen Klatschen liegen blieb...ein Symbol für die Belanglosigkeit, die sie der medialen Hetze beimass.
Tala starrte sie schweigend an. Sein Mund war leicht geöffnet, als wollte er etwas erwidern, doch die Worte schienen ihm im Hals stecken zu bleiben. Die Arroganz war aus seinem Gesicht gewichen, ersetzt durch eine Mischung aus Irritation und einer Anerkennung, die er sich niemals freiwillig eingestanden hätte.
„Wow“, flüsterte Tyson in die eingetretene Stille hinein. Er sah mit großen Augen zwischen Nami und dem völlig konsternierten Tala hin und her. Dann stupste er Kai grinsend mit dem Ellbogen an. „Die ist taff, Kai. Verdammt taff. Jetzt verstehe ich, warum du sie nicht mehr gehen lässt.“
Kai antwortete nicht, aber ein fast unsichtbares Zucken stahl sich in seine Augenwinkel, während er beobachtete, wie Nami im Alleingang einen der gefährlichsten Blader der Welt zum Schweigen gebracht hatte.
Mit einer langsamen, besitzergreifenden Bewegung zog er Nami zu sich herüber, bis sie direkt an seiner Seite stand. Ein zufriedenes Schmunzeln, ein seltener Ausdruck echter Emotion, den er sonst konsequent hinter seiner Maske verbarg, huschte über sein Gesicht. Er legte seine Hand fest und sicher auf ihre Taille, während er Tala weiterhin fixierte.
„Sie hat recht, Tala“, sagte er, und seine Stimme klang nun noch tiefer, beinahe vibrierend vor Stolz. „Und ich werde morgen selbstverständlich eine Erklärung abgeben, aber nur zu meinen Bedingungen. Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, wie ich mein Leben zu führen habe. Das Treffen ist beendet.“
Er nickte Ray kurz und respektvoll zu, der die Situation mit einem wissenden, fast schon amüsierten Blick quittierte. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte Kai sich ab und zog Nami mit sich in Richtung Ausgang.
„Wie fühlt es sich eigentlich an, zweimal durch die Welt zu spazieren?“
Talas Stimme schnitt wie eine kalte Klinge durch die Geräuschkulisse des Cafés. Kai stoppte mitten im Schritt. Sein gesamter Körper spannte sich augenblicklich an. Er drehte den Kopf nur ein kleines Stück zurück, die Augen zu Schlitzen verengt.
„Was hast du da ge...“, setzte Kai an, doch Tala unterbrach ihn mit einem gefährlich ruhigen Unterton.
„Oh, du hast mich schon verstanden...“, fuhr der Russe fort, wobei sein Blick vielsagend zwischen Nami und Kai hin und her pendelte.
Ray beugte sich nun leicht vor, die Stirn in Falten gelegt, während er die plötzliche, fast greifbare Spannung zwischen den alten Freunden registrierte. Er blickte von Tala zu Kai und wieder zurück. „Sollte ich etwas wissen?“, fragte er mit seiner gewohnt scharfen Auffassungsgabe.
Kais Blick veränderte sich schlagartig; das stolze Glimmen wich einer dunklen, bedrohlichen Kälte. „Nein, Ray. Das ist nur so 'ne Art Insider...“, presste er hervor. Er spürte, wie das Geheimnis um den Klon wie ein schweres Gewicht im Raum hing. „Komm, Nami...“
Diesmal wartete er keine Reaktion ab. Er drängte Nami fast schon aus dem Café, ein Abgang, der für jemanden wie Kai untypisch hektisch wirkte...als würde er regelrecht vor den weiteren Fragen seiner alten Freunde flüchten.
Tala ließ ihn ohne ein weiteres Wort ziehen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte den beiden durch die Fensterscheibe nach, wie sie in der Menschenmenge verschwanden. Er rief sich Namis mutige Worte und ihren unerschrockenen Blick ins Gedächtnis zurück. Ein ehrliches, wenn auch grimmiges Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Sie hatte ihm auf ganzer Linie imponiert...etwas, das bisher kaum jemandem gelungen war.