LNCrawler

Der Zeuge

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Zeuge

Hand in Hand liefen Nami und Kai durch die belebten Straßen Tokios, um Kais schwarzen Wagen beim BBA Hauptquartier abzuholen. Obwohl sie der stickigen Enge und dem emotionalen Sperrfeuer des Cafés entflohen waren, wurde ihnen schnell klar, dass sie nun die unbestrittenen Hauptdarsteller in einem öffentlichen Drama waren, dessen Bühne die gesamte Stadt zu sein schien.

Die Blicke der Passanten verfolgten sie nun auf Schritt und Tritt. Es war kein gewöhnliches Starren mehr; die Blicke waren begierig, teilweise urteilend und brannten vor Neugier. Das Magazin schien wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke und Kioske der Stadt gegangen zu sein. Junge Frauen blieben stehen und starrten Nami mit einer giftigen Mischung aus Neid und unverhohlener Bewunderung an, während Männer ihre Blicke an Kai hefteten, der in seiner kalten, dunklen Eleganz so unangreifbar und distanziert wirkte wie eine Statue aus Obsidian.

Kai spürte die Hitze der Aufmerksamkeit auf seiner Haut wie eine physische Last, doch jahrelange Disziplin im Rampenlicht des Beyblade-Zirkus hatten ihn darauf trainiert, sie vollkommen zu ignorieren. Er führte Nami fest, aber mit einer überraschenden Sanftheit dicht an seiner Seite, als wollte er einen Schutzwall gegen die Außenwelt errichten. Immer wieder drückte er ihre Hand...ein stilles, rhythmisches Zeichen der Bestätigung, das nur für sie bestimmt war. Er wich dem Blickkontakt mit ihr nicht aus; seine roten Augen suchten immer wieder die ihren, um sicherzustellen, dass sie unter dem Druck der Öffentlichkeit nicht einknickte.

„Kai, hat Tala irgendetwas über den Klon gesagt?“, fragte Nami leise, als sie endlich eine ruhigere Nebenstraße erreichten, in der das Echo der Großstadt etwas gedämpfter klang. Ihre Stimme zitterte kaum merklich. „Seine Wut wirkte so... persönlich. Und dieser Satz am Ende... er hat etwas angedeutet.“

Kai zog die Augenbrauen zusammen, und sein Gesichtsausdruck verhärtete sich schlagartig zu einer Maske aus Stein. Die Erwähnung von Talas kryptischer Bemerkung ließ die Alarmglocken in seinem Kopf schrillen.

„Nein, ich habe Tala nie davon erzählt“, antwortete er, und seine Stimme war so tief, dass sie fast wie ein Knurren klang. „Und genau deshalb fand ich seine Reaktion so sonderbar. Tala ist kein Mann für Klatschspalten. Dass er ein solches Drama wegen eines banalen Magazinartikels macht, passt einfach nicht zu ihm. Das ist nicht seine Art.“

Er hielt kurz inne und verstärkte den Griff um ihre Hand. Die Anspannung hing fast greifbar in der kühlen Herbstluft zwischen ihnen. Das Foto auf dem Cover war zweifellos provokant, doch für Kai fühlte es sich plötzlich nur noch wie ein Deckmantel an... ein Vorwand für Talas eigentliches, tiefer liegendes Anliegen.

„Es steckt mehr dahinter“, fügte er finster hinzu. „Er weiß entweder mehr, als er zugibt, oder jemand hat ihm Informationen zugespielt, die er gegen uns verwenden will.“

„Macht es dir denn wirklich nichts aus? Also, das mit dem Foto auf der Zeitschrift?“ Nami stellte die Frage vorsichtig, ein neckisches Lächeln umspielte ihre Lippen, doch in ihrem Blick schwang eine unverstellte Neugier mit. Sie beobachtete sein Profil, während sie die vertrauten Straßen entlangliefen.

„Nicht wirklich“, erwiderte Kai gelassen. „Ich habe mich schon gefragt, wann so etwas kommt. Hätte ich es vermeiden wollen, hätte ich dich nicht immer so offensichtlich zur Schule gebracht und dich weniger in der Öffentlichkeit geküsst. Das ist eben der Preis, wenn man bekannter ist.“ Er hielt kurz inne und warf ihr einen Seitenblick aus seinen rubinroten Augen zu. „Macht es dir etwa was aus?“

Er bemerkte sofort, wie ihr Lächeln breiter wurde. Es war kein verschüchtertes Lächeln, sondern eines, das vor Stolz nur so strotzte.

„Überhaupt nicht“, gab sie mit einem frechen Funkeln in den Augen zurück. „Es macht eher Spaß, es der ganzen Welt unter die Nase zu reiben.“

Zurück in der geschützten Intimität des Penthouses fiel die letzte Anspannung des Tages von ihnen ab. Während Kai sich kurz in den Wohnbereich zurückzog, beschloss Nami, den Trubel im Café und den Staub der Stadt unter einer heißen Dusche abzuwaschen. Das rhythmische Prasseln des Wassers in dem luxuriösen Marmorbad wirkte wie eine heilende Barriere gegen die Außenwelt.

Doch sie blieb nicht lange allein. Das leise Gleiten der gläsernen Duschwand verriet ihn, bevor der warme Dampf Kai entgegenschlug. Ohne ein Wort zu verlieren, trat er hinter sie. Seine Hände, die noch kühl von der Zimmerluft waren, glitten über ihre nassen Schultern und hinterließen eine Spur aus Gänsehaut. Er nahm ihr den Duschkopf aus der Hand, um sie mit einer fast schon meditativen Vorsicht abzuduschen, während das Wasser an ihren Körpern herablief.

„Entspann dich“, murmelte er, seine tiefe Stimme kaum lauter als das Rauschen des Wassers. Seine Lippen streiften sanft ihren Nacken, eine Berührung so leicht wie ein Hauch. Er legte den Duschkopf beiseite und zog Nami fest an sich, sodass ihr Rücken gegen seine breite, nackte Brust gepresst wurde.

„Mh?... und ich dachte, dass du sicher mal eine Pause brauchst“, grinste Nami, während sie den Kopf ein wenig zur Seite neigte, um ihm mehr Raum zu geben.

Seine Küsse wanderten unerbittlich von ihrem Nacken hinunter zu ihrem Schlüsselbein, heiß und fordernd. „In meinem Wortschatz gibt es keine Pause...“, raunte er gegen ihre Haut. Mit einer Hand schob er die schweren, nassen Strähnen ihrer Haare zur Seite, während die andere langsam und besitzergreifend von ihrem Bauch abwärts wanderte. Sein Atem wurde heißer, ein Zeichen für das Feuer, das in ihm erneut entfacht worden war.

„Brauchst du denn eine?“

Kai liebte es, sie genau so zu sehen: In diesem Zustand der vollen, ungefilterten Hingabe. Ihr Kopf lag im Nacken, der Mund war leicht geöffnet und ihre Augen so halb geschlossen, dass nur noch das Türkis ihrer Iris unter den Wimpern hervorblitzte.

„Wenn du mich so küsst und berührst“, hauchte sie, während ihr Körper unter seinem Griff erzitterte, „ist die Antwort definitiv...Nein.“

Er drehte sie sanft zu sich um. Er legte seine Hände fest auf ihre Hüften und forderte ihre Lippen mit einer Mischung aus zärtlicher Dominanz und brennendem Verlangen. Ein triumphierendes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, als er seine Hand tiefer gleiten ließ und ihr unmissverständlich zwischen die Beine fasste.

Nami stöhnte tief gegen seine Lippen, ihre Finger krallten sich haltsuchend in sein nasses Haar und zogen ihn noch näher. Er erstickte ihre Laute mit einem weiteren, tiefen Kuss, während die Luft in der dampfgefüllten Kabine vor hitziger Erregung förmlich knisterte.

*DING-DONG. DING-DONG.*

Das schrille, unnachgiebige Klingeln an der Haustür zerriss die intime, dampfgeschwängerte Blase wie eine kalte Klinge.

Kai ignorierte es konsequent. Er dachte nicht im Traum daran, diesen Moment jetzt zu unterbrechen. Stattdessen vertiefte er den Kuss, seine Lippen suchten ihre mit noch größerer Dringlichkeit, während er Nami sanft, aber bestimmt gegen die kühle Wand der Dusche drängte. Das heiße Wasser prasselte unaufhörlich auf sie herab, doch das Verlangen, das zwischen ihnen brannte, war weitaus intensiver.

*DING-DONG. DING-DONG. DING-DONG.*

Das Klingeln hörte einfach nicht auf; es wurde fordernder, fast schon aggressiv. Nami, deren Atem schwer und deren Körper von Erregung und Frustration gleichermaßen gezeichnet war, löste sich ein Stück von ihm. „Kai“, hauchte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein zittriges Flüstern gegen seinen Mund. „Geh doch bitte nachsehen. Es hört nicht auf... irgendwer will da unbedingt rein.“

Kai stieß einen tiefen, kehlig grollenden Fluch aus. Die Wut über die Störung stand ihm ins Gesicht geschrieben. In diesem Augenblick gab es absolut nichts auf dieser Welt, das ihm wichtiger war als das, was gerade in dieser Dusche geschah.

„Ich bin gleich wieder da“, knurrte er und fixierte sie mit einem Blick, der keine Widerrede duldete. „Und wehe, du machst jetzt eine Solonummer daraus... ich will jedes Stöhnen selbst hören.“ Er küsste sie noch einmal hart und fordernd, ein Versprechen auf das, was folgen würde, dann trat er aus der Kabine. Fluchend wickelte er sich hastig ein Handtuch um die Hüften und verließ das Badezimmer, wobei er eine Spur aus Wassertropfen auf dem Boden hinterließ.

Nami blieb allein im Badezimmer zurück. Sie lehnte schwer atmend, nackt und komplett nass gegen die kalten Steinfliesen der Wand und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen, während das Wasser weiterhin nutzlos an ihr herablief.

Kai zog sich im Vorbeigehen blitzschnell eine dunkle Jogginghose und ein lockeres Shirt über, bevor er vor die massive Wohnungstür trat. Sein Blick fiel sofort auf den kleinen Kontrollbildschirm des Gegensprechsystems. Dort, in der fischaugenartigen Perspektive der Kamera, stand Tala. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Haltung verriet eine unerschütterliche Entschlossenheit.

Kais Stimme war rau vor unterdrückter Wut und der noch nachklingenden körperlichen Frustration, doch er zwang sich zu einem ruhigen Tonfall. „Was zur Hölle suchst du hier, Tala? Ich habe keine Zeit für deinen Unsinn! Geh nach Hause!“

Talas Stimme drang durch die Lautsprecher der Anlage, kühl, metallisch und ohne jede Spur von Zögern: „Es geht um den Klon. Ich weiß Bescheid. Lass mich rein, Kai. Jetzt!“

Bei der Erwähnung des Wortes „Klon“ gefror Kais Wut augenblicklich zu eisiger, messerscharfer Alarmbereitschaft. Die Hitze der letzten Minuten wich einer kalten Kalkulation. Ohne ein weiteres Wort drückte er den Knopf zur Entriegelung der unteren Haustür.

„Verdammt“, murmelte er leise vor sich hin.

Er drehte sich um und sah Nami, die sich in Rekordzeit etwas übergezogen hatte und nun mit besorgter Miene aus dem Badezimmer trat. Ihre nassen Haare klebten an ihrem Hals, und ihre Augen suchten fragend die seinen.

„Du hast es gehört“, sagte Kai mit fester, leiser Stimme und trat zwei Schritte auf sie zu. Er legte seine Hände auf ihre Schultern, sein Blick war nun wieder der des Strategen. „Er weiß mehr, als er vorgibt. Geh sofort ins Schlafzimmer und schließ die Tür. Versteck dich dort. Er darf nicht wissen, dass du hier bist...zumindest noch nicht. Ich will erst herausfinden, was er wirklich weiß und woher er die Information hat.“

Nami nickte entschlossen. Ein kurzer, bedeutungsvoller Blick streifte Kai, bevor sie lautlos im Schlafzimmer verschwand. Sie schob die Schranktür gerade so weit auf, dass sie durch einen schmalen Spalt spähen konnte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Von ihrer Position aus konnte sie das Wohnzimmer und die Küchentheke perfekt einsehen.

Wenige Augenblicke später schwang die schwere Eingangstür auf. Tala trat ein, als gehöre ihm der Ort. Seine Bewegungen waren raubtierhaft, und seine Augen scannten die elegante Einrichtung sofort nach Anzeichen einer zweiten Person ab.

„Wo ist sie?“, fragte Tala ohne Umschweife. Seine Stimme schnitt durch die Stille des Penthouses, aufgeladen mit einer Arroganz, die Nami im Versteck unwillkürlich die Fingernägel in das Holz des Schranks graben ließ.

Kai gab sich ungerührt. Er lehnte mit verschränkten Armen an der dunklen Küchentheke, die Jogginghose und das lockere Shirt waren das einzige Anzeichen dafür, dass er eben noch in einer völlig anderen Welt gewesen war. „Sie ist nicht hier“, antwortete er kühl, seine Stimme ein flacher Monoton. „Sie verbringt die Nacht zu Hause bei ihren Eltern, um sich besser auf das morgige Turnier vorzubereiten und um sich auszuruhen.“

Tala lachte scharf auf...ein kurzes, beißendes Geräusch, das wie Glas auf Marmor klang und in der Weite der Wohnung unangenehm nachhallte. Es war ein Lachen, das keine Belustigung kannte, sondern nur Provokation.

„Zum Ausruhen, ja?“, spottete Tala und trat einen Schritt näher in Kais persönlichen Raum. Das Dämmerlicht des Penthouses warf scharfe Schatten über seine markanten Züge, und sein Blick war dunkel, durchsetzt mit einer hässlichen, lauernden Vorahnung.

„Oder hatte sie schon genug, Kai? Ist sie schon in den Genuss deiner fordernden, unnachgiebigen Ader gekommen und braucht deshalb eine Verschnaufpause?“

Im dunklen Hohlraum des Schrankes hielt Nami den Atem an. Das leise Holzknacken unter ihrem Gewicht schien in der plötzlichen Stille wie ein Donnerschlag.

Die Luft im Wohnzimmer schien schlagartig abzukühlen, als hätte jemand das Fenster zur frostigen Nachtluft hin geöffnet. Kai bewegte keinen Muskel, doch das veranlagte Spiel seiner Kiefermuskeln verriet die kochende Wut unter seiner Oberfläche.

Tala schien den Moment der Anspannung genüsslich auszukosten. Er ging provokant auf Kai zu, schlenderte fast schon, bis nur noch eine Handbreit Abstand zwischen den beiden Männern lag.

„Ich erinnere mich noch gut an diese fanatischen Mädchen damals... diese verblendeten Groupies, die meinten, sie könnten dem großen Kai Hiwatari nahekommen“, fuhr Tala fort, während sich ein zynisches, fast schon grausames Grinsen auf seine Lippen stahl. „Sie kamen völlig verstört und mit verweinten Augen von dir zurück. Beschwerten sich über deine gefühllose, harte Art im Bett. Und was haben diese dummen Puten gemacht, als sie bei dir gescheitert sind? Sie dachten tatsächlich, bei mir fänden sie Trost oder ein sanfteres Pflaster.“

Er stieß ein kurzes, kühles Lachen aus, das keinerlei Wärme besaß.

„Sie haben nicht aufgehört zu nerven. Tag für Tag. Bis ich irgendwann nachgegeben und sie mitgenommen habe... nur um ihnen in dieser einen Nacht unmissverständlich und auf meine ganz eigene, sadistische Weise klarzumachen, dass sie nie wieder auch nur in unsere Nähe kommen sollten. Sie wollten das Biest testen, Kai. Ich habe dafür gesorgt, dass sie danach nie wieder einen Beyblader aus unserem Team auch nur aus der Ferne ansehen wollten.“

Die Provokation hing wie giftiger Rauch im Raum. Tala testete Kais Grenzen aus, suchte nach dem Punkt, an dem die mühsam aufrechterhaltene Beherrschung vollends zerbrach.

Kai spürte, wie das Blut in seinen Schläfen pochte. Jedes Wort aus Talas Mund war eine gezielte Salve, darauf ausgelegt, die Kontrolle zu zertrümmern. Das Wissen, dass Nami nur wenige Meter entfernt jedes Detail dieses schmutzigen Wortgefechts mitbekam, ließ ihn innerlich anspannst wie eine Sehne kurz vor dem Reißen.

Doch er durfte nicht nachgeben; um sie zu schützen, musste er die gewohnte Rolle der unantastbaren, eiskalten Festung perfekt weiterspielen.

„Was du nicht sagst, Tala“, entgegnete Kai mit einer Stimme, die so schneidend war wie gefrorenes Metall. Er stieß sich mit einer fließenden, raubtierhaften Bewegung von der Küchentheke ab und baute sich in seiner vollen Größe vor seinem alten Rivalen auf.

„Der Unterschied ist: Ich war wenigstens von der ersten Sekunde an ehrlich. Ich habe diesen lästigen Weibern direkt ins Gesicht gesagt, dass es keine Zärtlichkeiten gibt, keine Romantik und erst recht keine Wiederholung. Du dagegen... du hast ihre Verzweiflung genutzt, um deine sadistische Ader an ihnen auszulassen, nur um deine Ruhe zu haben.“

Ein Blick voller unverhohlener Verachtung traf den Russen. Kai trat noch einen Zentimeter näher, bis sich ihre Blicke wie zwei Klingen kreuzten.

„Hat es dir wirklich nie etwas ausgemacht, nur die Reste wegzuräumen, die ich mir vom Hals halten wollte? Du hast dich wie ein Aasgeier auf die Mädchen gestürzt, die nach einer Nacht mit mir ohnehin schon bedient waren, nur um ihnen den Rest zu geben.“

Tala zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er wischte die Spitze mit einer fast schon gelangweilten Handbewegung beiseite, doch der spöttische Glanz in seinen Augen erlosch schlagartig. Die spielerische Arroganz wich einer tiefen, abgrundtiefen Kälte, die Nami im Schrank bis ins Mark erschaudern ließ.

„Sie haben gelernt, Abstand zu halten. Das war der einzige Zweck“, raunte Tala leise, und der Tonfall ließ selbst Kais Nackenhaare aufstehen. Dann neigte er den Kopf leicht zur Seite.

„Aber sprechen wir nicht von diesen bedeutungslosen Statisten. Es gab da nämlich ein ganz bestimmtes Mädchen, Kai... Ein Mädchen, über das ich damals nichts wusste. Das eine Mädchen, das du damals als Trainer in diesem BBA-Kurs kennenlerntest und das du nach nur einer einzigen Nacht geschwängert hattest. Wie war noch gleich ihr Name?“

„Ihren Namen habe ich dir nie gesagt“, presste Kai hervor. Seine Hände ballten sich in den Taschen seiner Hose zu Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten.

„Ah, richtig, richtig... das hattest du tatsächlich nie. Ein gut gehütetes Geheimnis, nicht wahr?“, stichelte Tala weiter, während sein Blick stechend auf Kais Gesicht ruhte.

„Weil es darüber nichts zu sagen gab, Tala!“, fuhr Kai ihn an. Seine Stimme war nur noch ein gefährliches, tiefes Grollen, das von den Wänden des luxuriösen Wohnzimmers widerhallte. „Das war damals hier in Japan, nicht in Russland. Es ging dich nichts an. Dieses Kapitel in meinem Leben ist abgeschlossen. Aus und vorbei.“

Tala legte den Kopf schief, und ein fast mitleidiges, aber durch und durch falsches Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Weiß Nami eigentlich davon? Von diesem dunklen Fleck auf deiner sauberen Weste? Und weiß sie auch, dass du dich direkt im Anschluss hast entmannen lassen, damit dir so ein 'Fehler' nie wieder unterläuft?“

„Entmannen? So nennst du eine medizinische Sterilisation?“, zischte Kai ungläubig und stieß ein kurzes, hohles Lachen aus, das völlig frei von Freude war. „Ich habe damals einen klaren Schnitt gemacht und die logische Konsequenz gezogen. Etwas, das du vielleicht auch einmal in Erwägung ziehen solltest, anstatt dein Revier ständig wie ein streunender Hund zu markieren.“

Tala lachte auf... ein scharfes, hässliches Geräusch, das die feierliche Stille des Rauminneren zerriss.

„Na, na... keine zehn Pferde bekommen mich freiwillig auf einen OP-Tisch. Niemals. Bisher hatten die Weiber, die mir zu nahe kamen, ohnehin viel zu viel Angst davor, was passieren würde, wenn sie von mir schwanger werden würden.“ Er trat noch einen Schritt näher, bis der Stoff ihrer Kleidung sich beinahe berührte.

„Aber wir reden hier nicht von meiner Methode, Kai. Wir reden von deiner.“

Im Schlafzimmer krallte Nami ihre Finger so fest in das kalte Holz der Schrankwand, dass der Schmerz bis in die Handgelenke zog. Sie kannte Kais Vergangenheit, sie wusste um seine Narben und die schweren Entscheidungen, die er getroffen hatte.

Doch es aus dem Mund von Tala zu hören... verzerrt durch dessen Zynismus..., verlieh der Wahrheit eine bitterschwere, bedrohliche Note. Sie spürte Kais extreme Anspannung durch die Wände hindurch. Er stand kurz vor der Explosion.

„Angst... vor dir? Wer könnte es ihnen verübeln?“, konterte Kai, seine Stimme vor Verachtung triefend. Er straffte die Schultern und fixierte Tala mit einem Blick, der töten konnte.

„Um deine Neugier zu befriedigen: Ja, Nami weiß über alles Bescheid. Sie kennt die Wahrheit. Und da du jetzt deinen Neugierde-Bedarf gestillt hast, kannst du wieder verschwinden.“

Kai hob den Arm mit einer herrischen, unmissverständlichen Geste und deutete auf die schwere, dunkle Eingangstür. Doch Tala machte nicht den geringsten Versuch, sich zu bewegen. Ein amüsiertes, fast schon triumphierendes Blitzen trat in seine eisblauen Augen.

„Vergessen?“, fragte Tala leise, fast schon spöttisch. „Ich wollte dir gerade erzählen, was ich über deinen Klon weiß.“

Für einen winzigen Moment flackerte etwas in Kais Blick auf. Er hatte es tatsächlich für einen Augenblick verdrängt... die Wut über Talas Grenzüberschreitungen und die Sorge um Nami im Nebenzimmer hatten seine gesamte Konzentration beansprucht. Er wollte diesen Mann einfach nur aus seiner Wohnung haben, doch die Erwähnung des Klons band ihn wieder an den Ort.

„Sag schon... wieso und woher weißt du davon?“, presste Kai hervor. Er verschränkte die Arme erneut, während sein Körper unter Hochspannung stand. „Vor allem... wieso zum Kuckuck hast du mir davon nicht schon vorhin im Café erzählt?“

Tala grinste breit, eine Geste purer Überlegenheit. Er lief langsam um das ausladende Designersofa herum und ließ sich mit einer aufreizenden Entspanntheit in die weichen Polster sinken, als wäre er der Hausherr.

„Mhh... also zuallererst war ich die letzten Monate, wie du weißt, ja in Russland“, begann er und legte die Arme lässig auf die Rückenlehne. „Und ich war die letzten zwei Wochen auch in Sibirien, um dort Verwandte zu besuchen. Jedenfalls... lief mir doch glatt ein Kai Hiwatari am Flughafen in die Arme. Ein Kai Hiwatari, der... gar nicht dort sein durfte. Ein Kai mit einer etwas anderen Frisur. Und obwohl er sich Mühe gab, anders auszusehen und nicht aufzufallen, habe ich ihn erkannt.“

Tala hielt inne und beobachtete Kais Reaktion genau. „Ich dachte zuerst, er wäre du! Ich fand es seltsam, denn ich war mir sicher, du wärst in Japan. Also rief ich Kenji Tachiba an, da ich mitbekommen hatte, dass du beim alten Tachiba aushilfst, und ich fragte, ob du zufällig in der Nähe seist. Woraufhin Kenji, seltsam genervt, meinte, du seist mit seiner Schwester Nami in deiner Wohnung?“

Tala stoppte seine Erzählung und wartete auf einen Einwand, eine Regung oder einen Ausbruch. Doch Kai bewegte keinen Muskel. Er stand da wie eine Statue aus Eis und starrte Tala einfach nur stur und unerbittlich in die Augen. Im Schlafzimmer presste Nami den Rücken gegen die Schrankwand. Die Puzzleteile fügten sich zusammen...die Information, die Tala hatte, war kein Produkt von Gerüchten, sondern eine direkte Sichtung. Die Bedrohung war nicht mehr nur ein fernes Konstrukt; sie hatte ein Gesicht und einen Aufenthaltsort.

„Als ich das hörte, wurde ich stutzig“, fuhr Tala fort, und seine Stimme senkte sich ein wenig, was den Worten eine unheilvolle Schwere verlieh. „Und mir fiel ein, dass ich in der Vergangenheit mal etwas über ein seltsames Projekt von Boris Balkov gelesen hatte. Also rief ich Wladimir Popov an. Wladimir kennst du doch noch?“

Tala schmunzelte leicht triumphierend. Er genoss die Wirkung seiner Worte, als er sah, wie Kais Augenbraue bei der Erwähnung des Namens unwillkürlich zuckte. Popov war ein Mann, der zu viel wusste und dessen Loyalität schon immer käuflich gewesen war.

„Er erzählte mir ALLES!“, stellte Tala fest, und das Wort hallte wie ein Urteil im Raum wider.

„Und... was willst du jetzt von mir, wenn du alles weißt?“, presste Kai hervor. Er spürte, wie sich die Schlinge enger zog, blieb aber äußerlich die unerschütterliche Festung. „Und nochmal... wieso hattest du heute Mittag so einen Aufstand in dem Café gemacht?“

„Das mit Ray und Tyson war nicht auf meinem Mist gewachsen!“, verteidigte sich Tala mit einem Anflug von echtem Genervtsein. „Ich wartete dort alleine auf dich, als diese zwei Idioten plötzlich ins Café spazierten und mich dort sitzen sahen. Sie kamen her und hielten mir diese Zeitschrift vor die Nase... da war es bei mir vorbei. Außerdem fand ich, dass die beiden vielleicht erstmal nichts von dieser Klon-Sache wissen sollten. Beziehungsweise wusste ich nicht, ob und wie viel die beiden überhaupt darüber wussten, also... hielt ich mich damit lieber ein wenig zurück. Vor allem aber wollte ich mit dir darüber alleine reden, denn...“

Nun wurde Talas Blick schlagartig ernst. Die maskenhafte Kälte und die arrogante Provokation wichen mit einem Mal aus seinem Gesicht. Für einen kurzen, zerbrechlichen Moment erkannte Kai wieder den Blader, mit dem ihn jahrelanger gegenseitiger Respekt und eine Art dunkle, brüderliche Verbundenheit verknüpften.

„Ich will dir nur sagen, dass er ihn getötet hat“, sagte Tala leise.

„Er hat Boris umgebracht?“ Kai starrte ihn fassungslos an. Sein Herz setzte für einen Schlag aus. Es war eine Nachricht, die das gesamte Machtgefüge verschieben würde. „Er hat Boris tatsächlich...“

„Nein, Kai“, unterbrach ihn Tala mit einer Grabeskälte in der Stimme. „Boris hat den Klon getötet. Ich habe es selber gesehen...“

Kai erstarrte. „Was sagst du da?“

„Ich folgte dem falschen Kai und habe dadurch den Hinterhalt mit eigenen Augen gesehen“, erklärte Tala, und sein Blick wanderte kurz ins Leere, als würde er die Szene in Sibirien noch einmal vor seinem geistigen Auge abspielen. „Balkov hat ihn einfach feige erschossen... Er hat sein eigenes Experiment wie Müll entsorgt.“

Kai schluckte schwer. Die Information traf ihn wie ein physischer Schlag in die Magengrube. Das Ebenbild seiner selbst, das Wesen, das aus seinem Erbgut geschaffen worden war, existierte nicht mehr.

Er bemerkte in seiner eigenen Benommenheit nicht, wie Nami im Schlafzimmer zusammenzuckte. Verborgen hinter der Schranktür schlug sie sich erschrocken beide Hände vor den Mund, um einen Aufschrei zu unterdrücken. Tränen schossen ihr in die Augen, während die Grausamkeit von Boris Balkov eine neue, blutige Dimension erreichte. Der Schatten, der über ihrer Zukunft gehangen hatte, war mit einem Mal sowohl verschwunden als auch dunkler geworden.