Die ganze Wahrheit und ein Ultimatum
Die ganze Wahrheit und ein Ultimatum
Tala war gegangen. Die schwere Tür des Penthouses war mit einem dumpfen, endgültigen Geräusch ins Schloss gefallen, doch die bedrückende Kälte seiner Worte...die Enthüllung über Boris und den gewaltsamen Tod des Klons...hing wie ein giftiger Schleier in der eleganten Wohnung. Kai und Tala hatten noch einige Zeit über Boris Balkovs anhaltendes Unwesen gesprochen, über die Schatten, die er warf, und die Notwendigkeit, ab jetzt bei jedem Schritt über die Schulter zu sehen.
Nami hörte das Klicken des Schlosses und schlich aus dem Schlafzimmer. Ihre nackten Füße hinterließen kaum ein Geräusch auf dem Marmorboden, doch ihre Präsenz erfüllte den Raum sofort mit einer tiefen Schwermut. Sie versuchte krampfhaft, die Anspannung wegzulächeln, ein Tapferkeitsversuch, der kläglich scheiterte. Kai sah es sofort: Ihre Wangen waren fleckig gerötet, ihre Augen glasig und vom Weinen leicht geschwollen.
Kai wandte sich ihr zu und schob die Hände tief in die Taschen seiner Jogginghose. Seine Miene war besorgt, doch sein Verstand arbeitete bereits wieder im gewohnten Modus der rationalen Distanz. Er wollte die Gefahr ordnen, die Emotionen wegsortieren.
„Was ist los? Du hast geweint“, stellte er fest, seine Stimme ruhig, fast schon analytisch.
Nami zögerte einen Moment und wischte sich hastig mit dem Handrücken über die Wange, als könne sie die Tränenspuren so ungeschehen machen. „Es... es ist wegen des Klons“, gestand sie leise.
Kais Blick verhärtete sich leicht, nicht aus Wut, sondern aus Unverständnis. Er trat einen Schritt auf sie zu, die Logik als Schild vor sich her tragend. „Das ist doch unnötig. Er war ein Konstrukt, das eine menschliche Form hatte. Du hast ihn doch nie gekannt. Ja, es ist traurig, aber es ist keine echte Tragödie, die dich so mitnehmen sollte. Er hatte nie einen Platz in dieser Welt, Nami. Er war ein Fehler im System.“
„Ich weiß, dass du das so siehst“, entgegnete Nami, und ihre Stimme brach bei den letzten Worten. Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag ein Schmerz, der tiefer ging als bloßes Mitleid. „Aber ich habe gehört, wie Tala sagte, dass Boris ihn feige erschossen hat. Es war, als wärst du in diesem Moment dort gestorben...nur in einer Art zweiten Leben, das diese arme Seele unfreiwillig führen musste. Er hatte ein Bewusstsein, Kai. Er hat gefühlt. Es tut mir leid um ihn.“ Sie atmete zittrig ein. „Er war dein Abbild. Ein Teil von dir, dem nie eine Chance gegeben wurde, mehr zu sein als ein Werkzeug.“
In diesem Moment passierte etwas in Kai. Die festungsgleiche Mauer seiner Logik bekam Risse. Er sah sie an...sah die Tränen, die erneut in ihren türkisfarbenen Augen glitzerten...und verstand plötzlich, dass es hier nicht um die Definition von Leben oder die Relevanz eines biologischen Experiments ging. Es ging um Nami. Es ging um ihre grenzenlose Empathie und den Schmerz, den sie stellvertretend für ein Wesen empfand, das ihm so ähnlich gewesen war.
Sein Blick wurde augenblicklich weicher. Die schneidende Kälte, die er eben noch gegen Tala und die Welt gerichtet hatte, wich einer tiefen Wärme. Er erkannte, dass sie in diesem Augenblick keinen klugen Ratschlag und keine strategische Analyse brauchte. Sie brauchte ihn...den echten Kai...als Anker und Trost.
Er machte die letzten Schritte auf sie zu, löste die Hände aus seinen Taschen und zog sie schweigend in seine Arme. Er legte sein Kinn auf ihren Kopf und hielt sie einfach fest, während er spürte, wie ihr Körper an seiner Brust bebte.
Er löste sich nach einigen Minuten sacht von ihr, nahm ihre Hand in seine und führte sie mit ruhigen Schritten zum großen, schwarzen Ledersofa. Sie ließen sich nebeneinander in die tiefen Polster sinken, während draußen die Skyline von Tokio in einem Meer aus künstlichen Lichtern funkelte. Doch die Millionen Lichter der Stadt wirkten fern und bedeutungslos gegenüber der schweren, fast greifbaren Stille, die sich nun im Raum ausbreitete.
Kai hielt ihre Hand weiterhin fest umschlossen. Sein Daumen fuhr in gleichmäßigen, beruhigenden Kreisen über ihren Handrücken. Nami schloss für einen Moment die Augen, atmete tief durch und zwang sich, die Tränen der letzten Minuten hinter sich zu lassen. Als sie ihn wieder ansah, brannte eine Frage in ihrem Blick, die sie schon seit dem Gespräch mit Tala nicht mehr losließ.
„Ich möchte dich etwas fragen“, begann sie leise. „Dieses Mädchen. Du hast ihren Namen vor Tala strikt vermieden. Wieso?“
Kai erkannte das zarte Aufflackern von Unsicherheit in ihren türkisfarbenen Augen. Er wusste, dass in diesem Moment jede ausweichende Antwort, jedes Zögern wie Gift für ihr Vertrauen wirken würde. Er würde ihr die Wahrheit geben...ungeschönt und direkt.
„Ihr Name war Maylin, und sie war damals sechzehn Jahre alt“, sagte er mit einer Klarheit, die keinen Raum für Spekulationen ließ. „Ich fungierte damals für den alten Dickenson als Trainer in einer Art BBA-Ferienkurs... ein Gefallen, den ich ihm blöderweise schuldig war. Ich lernte sie dort kennen. Sie wurde mir als eine von zehn Schülern zugewiesen und drängte sich mir von der ersten Sekunde an regelrecht auf.“
Er hielt kurz inne, sein Blick schweifte in die Vergangenheit, als würde er die unliebsamen Erinnerungen wie Aktenordner sortieren. „Der Kurs dauerte vier Wochen. Ich verbrachte praktisch jeden Tag mit ihr im Hauptquartier der BBA, aber ich hatte keinerlei Interesse an irgendwelchen Körperlichkeiten oder an einer Freundschaft. Ich wollte nur meinen Job erledigen und wieder verschwinden. Dennoch häuften sich die Situationen, in denen sie Gelegenheiten suchte, mit mir allein zu sein. Sie machte ständig Andeutungen. Ich versuchte, das schlichtweg zu ignorieren und professionell zu bleiben. Doch eines Abends kam sie plötzlich einfach in mein Zimmer geschlichen, das ich im Hauptquartier zum Ausruhen nutzte.“
Nami, die jedes seiner Worte förmlich aufsaugte, lehnte sich gebannt vor. „Geschlichen? Aber wie kam sie rein? War denn nicht abgeschlossen?“
Ein kurzes, fast schon ungläubiges Schmunzeln huschte über Kais Züge...eine seltene Regung, die der Schwere des Themas für einen Moment die Spitze nahm. „Sie war tatsächlich begabt im Schlösserknacken. Eine Fähigkeit, mit der ich bei einer BBA-Schülerin nicht gerechnet hatte.“
Doch die flüchtige Erheiterung wich sofort wieder der damaligen Anspannung. „Als Maylin hereinkam, schlief ich nicht, sondern kam gerade aus dem Bad. Ich trug nichts. Als sie mich so sah, zögerte sie nicht. Sie zog sich einfach vor meinen Augen aus und kam auf mich zu. Ich sagte ihr unmissverständlich, dass sie gehen solle und dass ich kein Interesse an ihr hätte. Aber Maylin weigerte sich. Sie unterstellte mir, ich würde sie ständig lüstern beobachten und sie wisse genau, dass ich sie wolle...“ Kai schüttelte kurz den Kopf, sein Blick wurde hart. „Das war eine glatte Lüge. Sie war diejenige, die mich wollte, und sie war fest entschlossen, nicht ohne ein Ergebnis zu gehen.“
Er hielt inne, sein Blick brannte förmlich in ihrem, als wollte er sicherstellen, dass sie die Last dieser Worte ertragen konnte. „Mehr willst du sicher nicht hören...“, mutmaßte er, die Stimme rau vor unterdrückter Abneigung gegen seine eigene Vergangenheit.
Nami schüttelte hastig den Kopf, ihre Finger klammerten sich ein wenig fester in den Stoff des Sofas. „Nein, red ruhig weiter. Du musst ja nicht ins Detail gehen, aber ich frage mich... warum bist du nicht eisern geblieben, als sie da einfach so in deinem Zimmer stand? Du warst doch immer noch du.“
Kai atmete schwer aus, ein kurzes, freudloses Schnauben. Er sah sie eindringlich an, und in seinen rubinroten Augen flackerte die unerbittliche Logik auf, die ihn damals geleitet hatte. „Ich wollte sie verjagen, Nami. Ihr zeigen, dass ich nicht der Traum ihrer schlaflosen Nächte bin.“
Nami nickte langsam. Sie verstand die dunkle Ironie hinter dieser Taktik. Sie wusste bereits, dass er oft versuchte, die Mädchen, die ihn obsessiv begehrten, durch seine kühle, fast schon schmerzhafte Distanz und seine kompromisslose Art von ihrer Schwärmerei zu „heilen“. Es war eine radikale Form der Abschreckung.
„Ich will trotzdem alles erfahren“, beharrte sie leise. „Ich will nur keine Details wie ihr... du weißt schon...“
Kai fuhr fort, seine Erzählweise blieb kühl und distanziert, fast so, als würde er über eine strategische Fehlentscheidung in einem alten Beyblade-Match berichten. „Ich sagte Maylin, dass, wenn sie das jetzt wirklich wollte, es nur bei diesem einen Mal bleiben würde. Sie sollte mich danach in Ruhe lassen, denn ein zweites Mal würde es definitiv nicht geben. Ich habe meine Regeln bei so etwas immer sehr direkt kommuniziert, nicht nur bei ihr. Es gab keinen Zweifel, dass sie es verstanden hatte. Ich war klar. Und ich war mir sicher... dass sie danach genug von mir haben würde.“
Nami nickte, ihre Kehle fühlte sich trocken an. Talas hämische Worte über Kais ungestüme Seite hallten in ihrem Kopf wider. Sie konnte sich vorstellen, wie Kai damals versucht hatte, durch Härte eine Mauer zu errichten.
„Und dann irgendwann... hat sie das benutzte Kondom entwendet...“, flüsterte sie so leise, dass es kaum das prasselnde nächtliche Licht der Stadt draußen übertönte.
Kais Blick wurde schlagartig finster, eine gefährliche Glut glomm in seinen Augen auf. „Ich war vorsichtig, Nami. Wie ich es dir erst letztens gesagt hatte: Ich wollte keine dauerhafte Verbindung zu ihr. Niemals. Aber als es vorbei war, passierte es. Ich streifte das Kondom ab und warf es direkt in den Abfalleimer um mir danach kurz ein Handtuch aus dem Bad zu greifen. Es war eine Sache von Sekunden.“
Er ballte die Faust so fest, dass seine Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Die Wut über seine damalige Unachtsamkeit schien ihn auch nach all den Jahren noch zu verzehren. „In diesem Moment muss sie es an sich genommen haben. Ich war froh, dass sie weg war. Erst als ich den Müll entsorgen wollte, begriff ich es: Das Kondom war weg.“
Die Stille, die darauf folgte, war schwer und erdrückend. Nami starrte auf seine geballte Faust. Sie sah nicht den gefeierten Champion vor sich, sondern den jungen Mann, der in eine Falle getappt war, die er für unmöglich gehalten hatte...eine Falle, die sein gesamtes Leben und seine Sicht auf Intimität für immer verändert hatte.
„Ich wollte es damals nicht wahrhaben“, fuhr Kai fort, und das raue Grollen seiner Stimme verriet den tief sitzenden Selbstvorwurf, den er jahrelang mit sich herumgetragen hatte. „Ich redete mir ein, es sei vielleicht runtergefallen oder ich hätte es in der Dunkelheit übersehen. Ich wollte nicht glauben, dass ein Mensch so berechnend sein könnte. Aber tief in mir wusste ich es sofort: Sie wollte mich binden. Sie wollte etwas von mir besitzen, das sie gegen mich verwenden konnte. Und schon am nächsten Tag begann der Albtraum.“
Kai drückte Namis Hand so fest, dass sie die Anspannung in jedem seiner Finger spüren konnte. Die nackte Wahrheit lag nun wie eine schwere Last zwischen ihnen auf dem Sofa, unverhüllt und bitter.
„Ich wusste ja bereits, dass es dieses Mädchen gab“, flüsterte Nami. Ihre Stimme war zart, fast zerbrechlich, während sie versuchte, das Bild des jungen, in die Enge getriebenen Kai vor ihrem inneren Auge zu ordnen. „Aber ich kannte die komplette Geschichte noch nicht.“
Kai nickte stumm. Sein Blick war nun starr auf die fernen, kalten Lichter der Skyline gerichtet, als würde er dort draußen nach den Schatten der Vergangenheit suchen.
„Sie tauchte natürlich am nächsten Tag wieder beim Training auf“, fuhr er fort. Seine Stimme war nun merklich härter geworden, jedes Wort klang wie durch zusammengepresste Zähne hervorgestoßen. „Es war der letzte Tag des Kurses. Sie versuchte tatsächlich, sich mir vor allen anderen Schülern um den Hals zu werfen, als wäre gestern nichts passiert...oder als wäre alles so gelaufen, wie sie es wollte. Ich blockte sie ab, kalt und voller Wut. Ich fragte sie vor versammelter Mannschaft, was das solle...“
Seine Kiefermuskeln zuckten heftig. Die Erinnerung an diese öffentliche Demütigung und den darauffolgenden Betrug schien ihn physisch zu schmerzen.
„Als der BBA-Kurs vorbei war, wurde es sogar noch schlimmer“, erzählte er weiter, wobei ihm die Worte nur mühsam über die Lippen kamen. „Sie stalkte mich regelrecht. Wochenlang. Mein Postfach quoll über vor ihren Nachrichten; sie bombardierte mich zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie wollte mich um jeden Preis besitzen. Sie behauptete ständig, dass sie mich lieben würde...“ Ein humorloses, bitteres Schnauben entwich ihm. „Was für ein dämlicher Unsinn. So etwas ist keine Liebe. So etwas nennt man Besessenheit.“
Die Wut in Kais rubinroten Augen war nun deutlich zu sehen, ein glühendes Feuer in der Dunkelheit des Wohnzimmers. Sein ganzer Körper bebte regelrecht bei dem Gedanken an diese Zeit der Ohnmacht. Nami beobachtete mit angehaltenem Atem, wie seine Hände, die ihre noch immer fest umschlossen hielten, sich zu zitternden Fäusten ballten. Die maskenhafte Beherrschung des stolzen Kai Hiwatari war in diesem Moment vollkommen verschwunden, ersetzt durch den reinen, unverfälschten Zorn auf eine Vergangenheit, die ihn bis heute nicht ganz losgelassen hatte.
Nami sah, wie die Adern an seinen Schläfen hervortraten. Die Skyline von Tokio, die eben noch so glanzvoll gewirkt hatte, verblasste hinter der düsteren Kulisse seiner Erzählung.
„Einige Wochen nach dem Kurs eröffnete sie mir per Mail, dass sie schwanger sei“, stieß er hervor. Ein hässliches Zischen entwich seinen Lippen, und sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze aus reinem, unverfälschtem Zorn. „Sie tauchte kurz darauf sogar bei mir vor der Wohnung auf. Sie wollte mich überreden, mit ihr eine Beziehung einzugehen.“ Seine Stimme schwankte gefährlich zwischen brennender Wut und tiefem Ekel.
„Sie hielt mir ein Ultraschallbild vor das Gesicht und faselte etwas von 'unserem' Kind. Sie war vollkommen wahnsinnig, Nami. Total besessen. Und ich... ich war am Ende. Ich dachte, mein Leben wäre vorbei, bevor es richtig angefangen hatte. Ich war jung, ich war dabei, mein Imperium aufzubauen – und plötzlich war da diese Verantwortung. Diese gottverdammte Falle.“
Nami spürte, wie sich ihr eigenes Herz zusammenzog. Die Qual in seinem Blick war so unmittelbar, dass sie unwillkürlich ihre freie Hand hob, um beruhigend über seinen Handrücken zu streicheln. Doch in dem Moment, als ihre Finger seine Haut berührten, passierte etwas, das sie tief erschütterte: Kai zuckte heftig zusammen. In einem unbewussten, fast schon gewaltsamen Reflex entzog er ihr seine Hand.
Es war kein Zeichen von Ablehnung gegen sie, das spürte sie sofort. Es war der Instinkt eines traumatisierten Mannes, der in einer Welt aus Schmerz gefangen war, in der jede Berührung eine Bedrohung darstellte. Nami ließ ihre Hand sanft sinken. Kein Vorwurf trübte ihren Blick. Sie begriff: ~Er ist verletzt. Das dort ist kein kalter Mann, das ist ein Mann, der durch seine ganz persönliche Hölle gegangen ist.~
Kai starrte einen Moment lang auf die Stelle, an der sich ihre Haut eben noch berührt hatte. Er entschuldigte sich nicht... die Geschichte forderte ihren Tribut und musste zu Ende gebracht werden. Seine Stimme senkte sich zu einem gefährlichen, grollenden Ton.
„Ich schrie sie an. Es war... etwas in mir brach. Ich sagte Dinge zu ihr, die so schrecklich waren, dass ich sie heute nicht mehr wiederholen könnte. Ich wollte sie zerstören. Ich wollte, dass sie geht und nie, niemals wiederkommt. Als sie mich verließ, sah ich es in ihren Augen: Ich hatte sie innerlich gebrochen.“
Er atmete scharf ein, die Erinnerung schnürte ihm sichtlich die Kehle zu. „Sie ging weinend weg. Bitterlich weinend. Ein paar Minuten später... hier in Shinjuku... lief sie vor lauter Tränen einfach über eine rote Ampel. Sie wurde angefahren. Sie überlebte, aber sie verlor das Kind. Das Krankenhaus rief mich an, weil ich die letzte gewählte Nummer auf ihrem Handy war...“
Die Stille, die nun folgte, war absolut. Sie lastete zentnerschwer auf den luxuriösen Möbeln und dem glänzenden Boden. Es war eine Stille, die nach Blut, Schuld und dem Erbe eines grausamen Verrats schmeckte. Als Kai Nami schließlich wieder ansah, war seine Maske vollkommen zerfallen. Er war offen, nackt und so verwundbar, dass es Nami fast körperlich wehtat.
„Und das war der Moment“, flüsterte sie mit feuchten Augen, „in dem du beschlossen hast, dich sterilisieren zu lassen. Weil du dachtest, das würde dir die Kontrolle zurückgeben, die man dir so schmutzig geraubt hatte.“
Kai nickte nur langsam, die Augen starr. „Ich traf die Entscheidung erst ein halbes Jahr später. Ein Bekannter brachte mich auf die Idee. Aber dieses halbe Jahr davor... es war die Hölle. Ich konnte mit keinem Mädchen schlafen. Ich konnte es nicht einmal in Erwägung ziehen. Ich hatte einen regelrechten Verfolgungswahn... jedes Lächeln, jede Geste wirkte wie eine neue Falle.“
Er sah sie an, und in diesem Moment wurde Nami klar, wie viel Überwindung es ihn gekostet haben musste, sich jemals wieder auf einen Menschen einzulassen...und wie viel sie ihm bedeutete, dass er ausgerechnet bei ihr diese Mauern eingerissen hatte.
„Mh...?“ Ihr Blick, der eben noch nachdenklich auf ihre verschlungenen Finger gerichtet war, hob sich langsam, als sie die Wärme von Kais Hand auf ihrer Wange spürte. Seine Berührung war nun wieder da, doch sie fühlte sich anders an...schwerer, bedeutungsvoller.
„Meinst du wirklich, ich bin der Richtige für dich, wenn du weißt, dass du mit mir niemals eine Familie gründen kannst?“, fragte er. Seine Stimme war leise, aber von einer unerbittlichen Ehrlichkeit geprägt.
Er zögerte einen Moment, die Ernsthaftigkeit in seinen rubinroten Augen brannte sich förmlich in ihre Seele. Er nahm die Hand nicht weg, obwohl er sah, wie ein Schock ihre Züge erstarren ließ.
„Ich werde die Vasektomie nicht rückgängig machen“, fuhr er fort, und jedes Wort klang wie in Stein gemeißelt. „Ich will dich, Nami...du gehörst zu mir... aber für niemanden auf dieser Welt würde ich diese Entscheidung umkehren. Nicht einmal für dich. Ich will, dass du das weißt. Und ich frage dich hier und jetzt, ob du das wirklich akzeptieren kannst. Denn ich bin mir sicher, dass du insgeheim hoffst, dass ich es mir irgendwann anders überlege.“
Namis Atem beschleunigte sich schlagartig. Die Luft im Raum schien plötzlich dünner zu werden. War das ein Ultimatum? Ein kalter Schauer aus Panik stieg in ihr auf, und Kai entging keine einzige Regung. Er sah, wie sich neue Tränen in ihre Augen stahlen und unaufhaltsam über ihre Wangen rollten.
„Du erwartest ernsthaft eine Antwort darauf? Jetzt?“, brachte sie mühsam hervor. Ihre Stimme zitterte vor aufsteigendem Schmerz. „Wieso darf ich die Zeit mit dir nicht einfach genießen? Wieso darf ich dich nicht einfach lieben, ohne an das zu denken, was in zehn Jahren sein könnte? Denkst du wirklich, ich kann klar denken, wenn du mich so ansiehst? Was... was, wenn ich dir sage, dass ich es nicht akzeptiere? Verlässt du mich dann?“
Sie begann bitterlich zu weinen, ein verzweifeltes Schluchzen, das die Stille des Penthouses zerriss. Kai hasste sich in diesem Augenblick selbst für seine Härte. Er sah ihr Leid, doch die Angst, sie später an einen unerfüllten Lebensentwurf zu verlieren, trieb ihn an. Er kannte sie...er wusste, wie viel Liebe sie zu geben hatte, und er war überzeugt, dass der Wunsch, Mutter zu werden, tief in ihr verwurzelt war.
„Entschuldige... aber ich kann das gerade nicht. Das ist zu viel...“, stieß sie hervor.
Kais Augen weiteten sich alarmiert, als Nami plötzlich aufsprang. Sie wollte fliehen, weg von diesem Sofa, weg von dieser erstickenden Wahrheit. Er reagierte sofort, erhob sich zügig und hastete ihr nach. Gerade als sie den Türrahmen des Badezimmers erreichte, bekam er ihre Hand zu fassen.
Nami hielt erschrocken inne, ihr Körper bebte unter den Schluchzern. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, die Hand bereits an der Türklinke, fest entschlossen, sich einzuschließen, um mit ihrem Schmerz und dem Gefühl, vollkommen unverstanden zu sein, allein zu sein. Ein bedrückendes, fast schmerzhaftes Gefühl ergriff ihr Herz, als sie seinen sanften, aber festen Griff an ihrem Handgelenk und seinen brennenden Blick in ihrem Nacken spürte.
„Natürlich gehe ich nicht“, sagte Kai leise, und der gewohnte Stahl in seiner Stimme war einer tiefen, fast schon rauen Verletzlichkeit gewichen. „Meine Gefühle für dich ändern sich doch nicht einfach, nur weil du eine ehrliche Meinung teilst, die ich eben nicht teile. Ich wollte dich nicht unter Druck setzen, nur...“
Er brach ab. Nami vermied es noch immer, den Kopf in seine Richtung zu drehen. Sie starrte auf die kühlen Fliesen des Badezimmers, während sie sein angestrengtes Seufzen hörte. Es war offensichtlich, wie schwer es ihm fiel, das Chaos in seinem Inneren in geordnete Worte zu fassenn...Worte, die er früher niemals laut ausgesprochen hätte.
„... nur macht mich der Gedanke verrückt, dass du in ein paar Jahren vielleicht sagst, dass ich dir alleine nicht genug bin“, fuhr er schließlich fort, seine Stimme nun kaum mehr als ein Flüstern. „Dass du dann einfach gehst, wenn ich... wenn ich schon gar nicht mehr ohne dich leben kann.“
Kai verstummte abrupt. Die Stille, die darauf folgte, war aufgeladen mit der Wucht seines Geständnisses. Er schien selbst über sich erschrocken zu sein...darüber, dass er, der unnahbare Kai Hiwatari, solche Worte über seine Lippen brachte. Tala hatte recht gehabt: Er hatte sich verändert. Die Mauern waren nicht nur eingerissen, sie waren zu Staub zerfallen.
Nun drehte Nami sich langsam zu ihm um. Diese ungefilterte Ehrlichkeit traf sie mit der Wucht eines Schlages. Sie sah die Angst in seinen Augen...eine Angst, die so gar nicht zu dem Mann passen wollte, den die Welt als eiskalten Champion kannte. Es schmerzte sie zutiefst zu wissen, dass er sich insgeheim für unzureichend hielt.
„Ich...“, setzte sie an, doch Kai unterbrach sie sofort, als müsste er den Rest seiner Gedanken loswerden, bevor sein Stolz ihn wieder zum Schweigen brachte.
„Ebenso lässt mich der Gedanke nicht los, dass ich dir etwas verweigere, das dich später vielleicht noch glücklicher machen würde“, sagte er, und sein Blick wurde noch intensiver. „Dass ich dir die Chance auf Kinder, auf eine eigene Familie nehme, nur weil ich dich egoistisch an mich binde...“
Nami spürte, wie die Tränen erneut in ihre Augen schossen, doch diesmal mischte sich ein weiches, liebevolles Lächeln in ihren Schmerz. Sie schüttelte den Kopf, während ihr die Absurdität seiner Selbstzweifel das Herz wärmte.
„Du bist solch ein Dummkopf, Kai Hiwatari, weißt du das?“, hauchte sie unter Tränen. Sie machte den entscheidenden Schritt auf ihn zu, suchte seine Nähe. „Bitte lass uns einfach leben, okay? Lass mich dich lieben und einfach bei dir sein. Du wirst immer all das sein, was ich brauche. Solange du da bist, ist mir das genug...“
Bevor er antworten konnte, warf sie sich ihm entgegen, direkt in seine Arme. Kai fing sie auf, hielt sie fest, als wäre sie sein einziger Halt in einem Sturm, und zog sie in einen tiefen, verzweifelten und zugleich unendlich zärtlichen Kuss. Der Dampf der Dusche hing noch immer in der Luft, doch die Kälte des Ultimatums war verflogen, ersetzt durch das Versprechen, das Hier und Jetzt gegen jede Ungewissheit der Zukunft zu verteidigen.