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Die Verborgene

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Die Verborgene

Das Blitzlichtgewitter der Fotografen spiegelte sich auf dem polierten Boden der Arena wider, als die vier Halbfinalisten unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Massen auf die erhöhte Empore traten. Über ihnen kreisten die Drohnen-Kameras, während die riesigen Monitore jede Regung ihrer Gesichter einfingen.

Der Chef-Kommentator, ein Mann in einem schrillen, glitzernden Sakko, DJ Jazzman, wirbelte sein Mikrofon professionell herum und schritt die Reihe ab. Er hielt zuerst bei den ersten beiden männlichen Kontrahenten inne, feuerte das Publikum an und entlockte ihnen kurze, kampflustige Statements, bevor er vor der dritten Person stehen blieb.

Hier wurde sein Tonfall merklich neugieriger. Er musterte die Frau mit der dunklen Sonnenbrille und dem auffällig grünen Haar, die fast wie eine Statue auf der Bühne stand.

„Und hier haben wir eine mysteriöse Newcomerin!“, rief er in die Menge. „Sie hat sich damals bereits beeindruckend durch die Vorrunden gekämpft wie ein Schatten in der Nacht! Sagen Sie uns, wie lautet Ihr Name und woher kommen Sie? Das Publikum brennt darauf, mehr über die Frau hinter der Brille zu erfahren!“

Yue zögerte. Sie umklammerte ihren Launcher etwas fester, und als sie antwortete, klang ihre Stimme durch das Mikrofon seltsam rau und verstellt.

„Ich heiße Yue“, sagte sie einsilbig. „Meine Herkunft spielt immer noch keine Rolle. Ich bin nicht hier, um Freunde zu finden oder Geschichten zu erzählen. Ich bin hier, um zu siegen.“

Ein Raunen ging durch die Ränge. Die kühle Abgeklärtheit der Grünhaarigen sorgte für Gänsehaut, doch Jazzman ließ sich nicht beirren. Er machte einen theatralischen Schritt zur Seite und blieb schließlich vor Nami stehen.

In diesem Moment explodierte die Lautstärke im Lime-Stadion förmlich. Es war kein bloßer Applaus mehr; es war ein rhythmisches Stampfen und Kreischen, das die Luft zum Beben brachte. Nami blinzelte im hellen Scheinwerferlicht, sichtlich überwältigt von dieser Woge an Zuspruch.

„Und hier...“, schrie Jazzman, um den Lärm zu übertönen, „..die absolute Sensation dieses Turniers! Nami Tachiba! Oder sollten wir besser sagen: Nami Akasuna?“

Er hielt ihr das Mikrofon fast unter die Nase, seine Augen funkelten vor Sensationsgier.

„Ein cleverer Schachzug, sich unter einem falschen Namen anzumelden, Nami! Doch mittlerweile kennt jeder da draußen die Wahrheit. Die Welt war geschockt, als sie die Schlagzeilen im Jugendmagazin La Rose las! Ganz Japan hält den Atem an!“

Er machte eine dramatische Pause und senkte seine Stimme nur minimal, um den Effekt zu verstärken.

„Sagen Sie uns, Nami...die ganze Welt will es wissen: Stimmt es? Sind Sie und die Legende Kai Hiwatari tatsächlich ein Paar? Sind die Fotos echt?“

Die Frage traf Nami wie eine physische Welle. Sie spürte, wie tausende Augenpaare auf ihr lasteten, gierig nach einer Bestätigung oder einem Dementi. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ihr Hals fühlte sich plötzlich trocken an.

Bevor sie auch nur ein Wort hervorbringen konnte, riss der Moderator den Arm nach oben und deutete mit einer ausladenden Geste in Richtung der VIP-Logen.

„Warten Sie!“, rief er mit einem breiten Grinsen. „Warum fragen wir nicht den Mann der goldenen Stunde selbst? Er sitzt direkt über uns! Ich gebe ab an meinen Kollegen A.J. nach oben in die Loge! Kai Hiwatari, stehen Sie uns Rede und Antwort!“

Der Fokus der Arena verschob sich in Sekundenschnelle.

Die Scheinwerfer schwenkten mit einer perfekt choreografierten Schnelligkeit nach oben, weg von der glitzernden Arena direkt auf die exklusive Glasfront der VIP-Logen. Das ohrenbetäubende Brüllen der Fans verebbte zu einem gespannten, elektrisierenden Raunen, als die Monitore im gesamten Stadion das markante Gesicht von Kai Hiwatari in gigantischer Auflösung zeigten.

„WHOOOOA! Hört euch das an, Lime-Stadion!“, dröhnte die Stimme von DJ Jazzman durch die gewaltigen Lautsprecherboxen, während er im Rhythmus eines imaginären Beats auf seinem Pult herumtrommelte. „Die Luft brennt, die Spannung steigt und mein Herz macht mehr BPM als ein Hardcore-Techno-Track! Wir haben hier nicht nur Beyblades, die sich drehen, wir haben Emotionen, die den Verstand rauben!“

„Ganz recht, Jazzman!“, übernahm A.J. Topper mit seiner gewohnt analytischen, aber sichtlich aufgeregten Stimme. Er rückte seine Brille zurecht und lehnte sich über das Geländer der Kommentatorenbox, die Kamera direkt im Nacken. „Wir stehen hier vor dem wohl größten Enthüllungsmoment der modernen Beyblade-Geschichte! Alle Augen sind auf die Loge gerichtet, in der die Legende persönlich sitzt. Kai Hiwatari, ein Mann, der für gewöhnlich weniger Worte verliert als ein stummer Schiedsrichter!“

Oben in der Loge blieb Kai vollkommen ruhig. Er blinzelte nicht einmal im grellen Licht der Verfolgerscheinwerfer. Er saß dort, die Arme verschränkt, die dunkle Aura seiner Präsenz selbst durch das dicke Glas spürbar.

„A.J., schau dir dieses Pokerface an!“, rief Jazzman begeistert aus. „Ist er cool oder ist er eiskalt? Er sieht aus, als würde er gleich Dranzer rufen, um das Stadion zu grillen! Aber wir wollen keine Flammen, wir wollen Fakten! Kai, alter Junge, gib uns ein Zeichen! Ist die wunderschöne Nami Tachiba die Königin an deiner Seite?“

A.J. Topper hielt das Mikrofon fest, seine Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung. „Das ganze Stadion hält den Atem an! Die Gerüchte in der La Rose haben die Community gespalten, aber ein Blick auf das Verhalten der beiden heute Morgen beim Einlauf lässt kaum Zweifel zu! Kai, die Fans verlangen eine Antwort: Hat der einsame Wolf von einst tatsächlich sein Rudel in Nami gefunden?“

Kai löste langsam die Verschränkung seiner Arme. Er neigte den Kopf nur ein winziges Stück, sein Blick fixierte die Kamera mit einer Intensität, die die Zuschauer auf den Rängen schaudern ließ. Er griff nach dem bereitgestellten Mikrofon an seinem Platz, und als seine tiefe, sonore Stimme durch das Stadion hallte, hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

„Ich dachte, ihr seid hier, um Beyblade zu sehen und nicht, um in meinem Privatleben zu wühlen“, begann er, und seine tiefe, sonore Stimme hallte mit einer Dominanz durch die Halle, die keinen Widerspruch duldete. Er machte eine kurze Pause, sein Blick suchte Nami unten in der Arena und hielt ihn fest. „Aber damit ihr Ruhe gebt: Ja. Es stimmt alles. Sie gehört zu mir. Und wer ein Problem damit hat, kann es nach dem Turnier gerne mit mir persönlich klären.“

„BOOOOOOM! DA HABT IHR ES!“, schrie DJ Jazzman völlig außer Rand und Band, während er die Regler seines Pults nach oben riss. „Bestätigt! Offiziell! Amtlich! Die Romanze des Jahrhunderts ist kein Gerücht mehr! Nami Tachiba hat das Unmögliche geschafft und das Eis des Hiwatari-Imperiums geschmolzen! Das Stadion bebt, Leute! Das ist kein Halbfinale mehr, das ist ein historisches Ereignis!“

A.J. Topper wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ein unfassbares Statement von Kai Hiwatari! Kurz, knapp und absolut dominant. Nami sieht aus, als könnte sie die ganze Arena im Alleingang zerlegen! Zurück zu dir, Jazzman...wir brauchen Musik, wir brauchen Action, denn nach diesem Geständnis werden die Kämpfe absolut explosiv!“

Das Halbfinale begann mit einer Intensität, die das Lime-Stadion in seinen Grundfesten erschütterte. Nami trat als Erste an, und die Erwartungen der Massen lasteten schwer auf der Arena. Ihr Gegner war Sora, ein erfahrener Blader mit einer aggressiven Verteidigungsstrategie, dessen massiges Stier-Bit-Beast wie eine unbezwingbare Mauer wirkte. Doch Nami kämpfte heute mit einer Kraft, die weit über das Technische hinausging. Kais öffentliches Bekenntnis hallte noch immer in ihrem Geist wider...es war wie ein glühender Schutzschild, der sie unbesiegbar machte.

Mit einer inneren Bitte an Pegasus leitete sie die reine Energie ihres Bit-Beasts in ihr Blade, ohne es physisch materialisieren zu lassen. Die bläuliche Aura ihres Kreisels schoss nun wie ein Komet durch die Arena, ein Schweif aus purem Licht.

„Jetzt!“, rief sie mit einer Stimme, die vor Entschlossenheit bebte.

Mit einem klirrenden Aufprall, der Funken bis in die ersten Reihen sprühen ließ, katapultierte sie Soras Kreisel aus der Arena. Der Schiedsrichter hob den Arm: „Sieg für Nami Tachiba! Sie zieht ins Finale ein!“ Nami machte Freudensprünge, ihr Lachen war befreit und voller echter Freude. Es war offensichtlich: Sie liebte diesen Sport.

Oben auf der Tribüne gönnte Kai sich ein kaum merkliches, stolzes Lächeln. Seine Augen suchten die ihren, doch die Erleichterung währte nur kurz. Einige Minuten später begann das zweite Match...der Kampf der mysteriösen „Yue“.

Kai und Ray beobachteten das Geschehen nun im Stehen, die Hände fest an der VIP-Reling. Ray war ungewöhnlich still geworden, seine Züge waren wie versteinert. Er starrte auf Yue, die ihren Gegner nicht nur besiegte, sondern ihn regelrecht demütigte. Sie spielte mit ihm wie eine Raubkatze mit einer verletzten Maus, bevor sie ihn mit einem bösartigen, fast hasserfüllten Stoß vernichtete.

„Dieser Stil...“, murmelte Ray, und seine Stimme zitterte leicht. „Ich habe dieses seltsame Gefühl schon seit den letzten Runden vor ein paar Monaten. Damals dachte ich kurz, ich hätte eine vertraute Präsenz gespürt... aber ich habe es als Einbildung abgetan.“

Kais Augen blieben starr geradeaus gerichtet. Er hatte die ersten Kämpfe dieser Frau damals kaum verfolgt, da sein Fokus ganz auf Nami gelegen hatte. Doch jetzt, wo er Yue direkt vor sich sah, regte sich auch in ihm ein ungutes Gefühl...eine dunkle Vertrautheit, die er nicht einordnen konnte.

Unten in der Arena geschah es dann. „Yue“ hatte gewonnen. Sie stand im gleißenden Zentrum des Scheinwerferlichts, die Menge tobte, doch sie wirkte unruhig, fast getrieben. Mit einer ruckartigen, trotzigen Bewegung griff sie nach ihrer grünen Perücke und riss sie sich zusammen mit der dunklen Brille vom Gesicht.

Langes, tiefschwarzes Haar fiel wie ein dunkler Vorhang über ihren Rücken. Ihre Züge waren von katzenhafter Eleganz, und ihre Augen...von einem ungewöhnlichen Rosé-Farbton...glühten vor unterdrückter Emotion. Sie warf den Kopf in den Nacken und blickte direkt hinauf zur VIP-Tribüne. Ihr Blick bohrte sich mit einer erschreckenden Präzision direkt in Kais Augen. Ein triumphierendes, beinahe fiebriges Lächeln verzerrte ihr schönes Gesicht.

Es war keine Fremde, die dort unten stand. Es war eine lebendig gewordene Erinnerung.

~Was zum ...~

Kais gesamter Körper versteifte sich, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Sein Blick, der eben noch weich gewesen war, wurde augenblicklich so kalt und hart wie Granit. In seinem Inneren regte sich keinerlei Mitleid, keine Reue über die Ereignisse, die Jahre zurücklagen. Alles, was er empfand, war eine tiefe, bodenlose Verachtung und ein brennender Ekel, der ihm die Kehle zuschnürte. Für ihn war diese Frau kein Mensch mehr, sondern nur noch eine giftige Erinnerung, die er längst in den dunkelsten Winkeln seines Verstandes begraben hatte.

„Das... das ist nicht möglich“, keuchte Ray neben ihm. Seine Finger krallten sich so fest in das verchromte Geländer der Loge, dass seine Knöchel knackten. Er wirkte, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. „Das ist Maylin!“

Kai zwang sich mit aller Macht zur Beherrschung, doch seine rötlichen Augen glühten gefährlich auf. Er sah Ray von der Seite an, und seine Stimme klang wie das Knirschen von Eis. „Du kennst sie?“, fragte er mit einer Ruhe, die bedrohlicher war als jeder Schrei.

Ray nickte fassungslos, sein Blick war wie gefesselt von der Gestalt unten in der Arena. „Kai, das ist meine Cousine. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Nachdem sie China verlassen hatte, brach der Kontakt zur Familie fast völlig ab. Es hieß, sie sei nach einem schweren Unfall traumatisiert gewesen und hätte mit dem Bladen aufgehört...“

Er hielt inne. Ray war ein feinfühliger Kämpfer, und der Unterton in Kais Frage war ihm nicht entgangen. Zudem brannte Maylins Blick ein Loch in die Loge... und dieser Blick galt nicht ihrem Cousin. Er galt ausschließlich Kai.

„Und woher... kennst du sie?“, fragte Ray leise. Seine gelben Augen huschten seitlich zu Kai, forschend und voller aufkeimender Unruhe. „Ich habe sie dir nie vorgestellt... Wir haben nie über sie gesprochen.“

„Ich habe sie mit jemandem verwechselt“, antwortete Kai kurz angebunden. Sein Kiefer mahlte so heftig, dass man das Knirschen fast hören konnte. Er war nicht bereit für diese Diskussion. Nicht unter diesen Umständen, nicht vor dieser Kulisse.

„Lüg mich nicht an, Kai!“, zischte Ray nun, und ein Hauch von Zorn mischte sich in seine Verwirrung. „Du siehst sie an, als wäre sie der Teufel persönlich. Und sie ... sie starrt dich an, als wärst du der einzige Mensch in diesem verdammten Stadion. Willst du mir vielleicht etwas erzählen?“

Kai gab keine Antwort. Er schwieg, eine Mauer aus Schweigen um sich errichtend, die selbst für Ray undurchdringlich war. Sein Blick wanderte stattdessen nach unten zu Nami. Sie stand am Rand der Arena, die Euphorie ihres Sieges war bereits der Verwirrung gewichen. Sie sah zu Maylin hinüber, und obwohl sie das Gesicht noch nicht zuordnen konnte, spürte sie die Feindseligkeit, die von der schwarzhaarigen Bladerin ausging wie eine sengende Hitzewelle.

Maylin griff nach dem Mikrofon, das ihr ein Assistent mit zittrigen Fingern reichte. Ihre Stimme, die eben noch verstellt und rau gewesen war, hallte nun schrill und vor Hass bebend durch die gewaltigen Lautsprecher des Stadions.

„Nami Tachiba! Du denkst, du hättest gewonnen? Du denkst, du hättest den Preis bereits in den Händen?“, schrie sie in die Arena. Sie lachte ein kaltes, hohles Lachen, das wie Glas auf Stein zerbrach, und deutete mit einer anklagenden Geste hinauf zur VIP-Loge. „Genieß deinen Moment, solange er dauert. Im Finale werde ich dir zeigen, was es bedeutet, alles zu verlieren... so wie es mir einst genommen wurde!“

Das Lime-Stadion, eben noch ein Hexenkessel aus Jubel, verfiel in ein schockiertes, fast schon ehrfürchtiges Schweigen. Die Drohnen-Kameras zoomten auf Namis fassungsloses Gesicht, doch Kai registrierte das alles nur noch am Rande. Er stand ruckartig auf. Seine Beherrschung war am Ende; er konnte nicht länger tatenlos zusehen, wie seine Vergangenheit seine Gegenwart vergiftete.

„Ray“, sagte Kai, ohne die Augen von der Gestalt unten in der Arena abzuwenden. Seine Stimme war beängstigend ruhig. „Lass uns später darüber reden... ich muss kurz weg.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, wirbelte er herum und stürmte wortlos aus der Loge. In seinem Inneren brodelte der Zorn wie flüssiges Blei. Er hatte Nami versprochen, sie zu beschützen, und er würde nicht zulassen, dass eine Besessene das Glück zerstörte, das er sich so mühsam erkämpft hatte.

Die Katakomben des Lime-Stadions waren ein trostloses Labyrinth aus nacktem Beton und kaltem Neonlicht, ein scharfer Kontrast zum glitzernden Scheinwerferlicht der Arena. Kai stürmte die Treppen hinunter. Er ignorierte die verdutzten Blicke der Sicherheitskräfte, die instinktiv zur Seite sprangen.

Sein Ziel war Maylin.

Er fand sie in einem abgelegenen Gang, kurz bevor sie ihre Umkleide erreichte. Ohne ein Wort zu verschwenden, stürzte er auf sie zu. Seine Hände schossen vor und packten ihre Oberarme mit einer Kraft, die sie beinahe von den Füßen riss. Er drückte sie unsanft gegen die kalte, raue Steinwand.

„Was zum Teufel machst du hier?!“, presste er hervor.

Seine Stimme war kein Schrei, sondern ein gefährliches Grollen, das tief aus seiner Brust drang. Seine rötlichen Augen brannten vor einem Hass, der so rein war, dass Maylin für einen Moment das Atmen vergaß. Die Wut fraß Kai innerlich auf; er musste jede einzelne Faser seiner Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht die Kontrolle zu verlieren.

Ray, der ihm unbemerkt gefolgt war, verharrte im Schatten einer massiven Betonsäule. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. Er hatte Kai oft wütend gesehen, aber das hier war anders... es war keine sportliche Rivalität. Das hier war eine dunkle, hochgradig persönliche Fehde. Er wollte eingreifen, die Situation entschärfen, doch die schiere Intensität der Begegnung hielt ihn zurück. Er musste verstehen, welches dunkle Geheimnis diese beiden verband.

Maylin fing sich jedoch schneller, als Kai es erwartet hätte. Ein bösartiges, fast schon triumphierendes Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während sie furchtlos in sein rasendes Gesicht blickte.

„Ich nehme an einem Turnier teil, Kai“, erwiderte sie spöttisch, ihre Stimme nun wieder fest. „Als ganz normale Teilnehmerin. Die Frage ist eher: Was machst... du... hier? Ich war damals schon überrascht, als ich sah, wie du und Ray am Ume-Stadion vorgefahren seid. Deshalb... hatte ich mich für eine Tarnung entschieden. Willst du deiner kleinen Freundin beim Verlieren zusehen? Oder willst du dich jetzt vergewissern, dass ich noch immer dieselbe Wirkung auf dich habe?“

Sie legte den Kopf schief, ihr roséfarbener Blick glühte provokant. „Ich muss sagen, ich war ziemlich überrascht, dich auf... so einer Art von Turnier zu sehen. Der große Kai Hiwatari als Zuschauer bei den Amateuren? Wie tief man doch sinken kann für ein hübsches Gesicht.“

Kais Kiefer mahlte so heftig, dass das hässliche Knirschen seiner Zähne in der plötzlichen Stille des Ganges wie ein Echo widerhallte. Die Luft zwischen ihnen war hochgradig entzündlich. Ohne Vorwarnung, getrieben von einem Zorn, der nach einem Ventil schrie, schoss seine Faust nach vorne.

Ein dumpfer, knöcherner Schlag erschütterte die Szenerie. Direkt neben Maylins Ohr barst der Putz; Staub und feine Steinsplitter rieselten auf ihre Schulter hinab. Zu ihrem sichtbaren Schock hatte Kai mit der bloßen Faust einen kleinen Krater in die massive Betonwand geschlagen. Er beachtete das Pochen in seiner Hand nicht, den Schmerz in seinen Knöcheln nahm er kaum wahr...der psychische Ekel war weitaus stärker.

„Was willst du jetzt machen?“, zischte er, sein Gesicht nur Millimeter von ihrem entfernt, sodass sie die eisige Kälte seines Atems spüren konnte. „Versuchst du mein Leben erneut zu ruinieren?“

Maylins Blick verfinsterte sich augenblicklich. Die letzte Spur von sehnsüchtiger Bewunderung in ihren Augen schlug in pures, konzentriertes Gift um. „Ich habe dein Leben ruiniert? Du hast mich damals weggeworfen wie Müll! Du hast mich zerstört, Kai!“

„Du allein bist schuld an deinem verdammten Leben! Ich habe dir nie etwas versprochen oder dir etwas vorgespielt!“, konterte Kai, und seine Stimme bebte vor einer Verachtung, die tiefer saß als jeder Hass. „Wer hat sich mir aufgedrängt? Wer hat mich belogen und verfolgt? Du hättest mich beinahe mit in den Abgrund gerissen, Maylin. Dass der Unfall damals alles beendet hat, war das Beste, was mir passieren konnte!“

Maylin zuckte nicht zusammen, obwohl Kais Aura sie fast zu erdrücken schien. Stattdessen glitt ihr Blick provokant und langsam über seinen Körper, als würde sie ihn haptisch abtasten.

„Ich weiß noch genau, wie du mich damals ähnlich gegen die Wand gedrückt hast...“, raunte sie, und ihre Stimme triefte vor einer kranken Boshaftigkeit. „Ehe du mich hart im Stehen genommen hast. Hat sich das so sehr geändert, Kai? Suchst du bei Nami nur das, was ich dir zuerst gegeben habe? Gott, wie ich diese Muskeln vermisse... vor allem jetzt, wo ich sehe, dass sie sogar noch größer geworden sind.“

„Halt dein dämliches Mundwerk...“, knurrte Kai. Seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen, sein ganzer Körper war wie eine gespannte Feder, kurz vor dem Auslösen.

„Sonst was?“, forderte sie ihn heraus. Ihr Blick war wahnsinnig, erfüllt von einem gefährlichen Feuer. „Wirst du mich wieder brechen? Mir wieder sagen, dass ich Abschaum bin? Oder... wird es dich plötzlich überkommen und du reißt mir die Kleider vom Leib, hier auf diesem kalten Beton?“

„Es reicht!“

Die Stimme schnitt wie eine Peitsche durch die flirrende Spannung des Ganges. Ray trat aus dem tiefen Schatten der Betonsäule hervor. Sein Gesicht war aschfahl, seine Züge von einer Mischung aus tiefer Bestürzung, Ekel und brennendem Zorn gezeichnet. Das Schweigen, das nun auf den Katakomben lastete, wurde drückend und schwer... ein krasser Gegensatz zu dem fernen, gedämpften Jubeln der Menge in der Arena.

„Ray...“, murmelte Kai. Er ließ Maylin langsam los und trat einen Schritt zurück, ohne jedoch den Blick von ihr abzuwenden. Er wirkte wie ein Raubtier, das sein Ziel immer noch fixiert hielt.

Ray ignorierte ihn völlig. Seine gelben Augen waren starr auf seine Cousine gerichtet, als sähe er sie zum ersten Mal wirklich. „Ich verlange eine Erklärung. Jetzt sofort“, forderte er mit einer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Was für ein krankes Spiel treibt ihr hier beide?“

Die Stille, die nun auf dem kahlen Beton des Ganges lastete, war so schwer, dass man das ferne Beben der Arena kaum noch wahrnahm. In Maylins Augen flackerte zum ersten Mal etwas auf, das hinter ihrer hasserfüllten Maske verborgen geblieben war: ein tiefer, schmerzhafter Anflug von Scham.

„Ray, lass es mich erklären ...“, setzte sie an, ihre Stimme nun brüchig und ohne den spöttischen Unterton von zuvor.

„Da bin ich aber gespannt!“, hieb Ray dazwischen. Sein Atem ging stoßweise. „Woher kennst du Kai? Was in Buddhas Namen ist zwischen euch abgegangen und was ...“

Mitten im Satz erstarrte er. Seine Augen weiteten sich, als würden sich in seinem Kopf Puzzleteile zusammensetzen, die er jahrelang verdrängt oder nicht beachtet hatte. Die Farbe wich vollends aus seinen Wangen, und ein Ausdruck nackten Entsetzens trat auf sein Gesicht.

„Nein... nein, das kann nicht sein. Du?!“ Er strauchelte ein paar Schritte rückwärts, als müsste er Distanz zwischen sich und die Wahrheit bringen. Seine Hand suchte haltlos nach der Wand, während ihm sichtlich übel wurde. „Du warst das damals? Du hattest versucht, ihm das Kind anzuhängen?!“

Maylins Augen weiteten sich erschrocken. Die Entdeckung ihrer Tat durch das eigene Blut schien sie härter zu treffen als Kais Zorn. „I-ich habe doch nicht versucht ... ich ...“, stammelte sie, die Fassung vollends verlierend.

„Es gab Gründe, wieso ich ihn dir trotz deiner vielen Bitten nie vorgestellt hatte, Lin!“, unterbrach Ray sie gnadenlos. Sein Gesicht war eine Maske aus Schmerz und Enttäuschung. „Weil ich ganz genau wusste, dass es dich zerstören würde, wenn du merkst, dass du bei ihm keine Gefühle wecken kannst. Dass er dich nicht will ...“

Erneut trat diese drückende Stille ein. Maylin öffnete den Mund, als wollte sie protestieren, doch Ray ließ ihr keinen Raum.

„... und dann rennst du einfach von zu Hause weg? Gehst nach Japan und meldest dich in einem BBA-Kurs an, in dem er einer der Trainer ist?“ Er schüttelte fassungslos den Kopf, während er sie ansah, als wäre sie eine Fremde. „Wie kann man nur so besessen sein?“

„Wieso sagst du das?!“, schrie sie ihm entgegen, und ihre Stimme überschlug sich vor Verzweiflung. „Dass du dir sicher warst, dass ich ihn nicht für mich gewinnen kann?

WIESO KONNTE SIE ES DANN?!“

Die letzten Worte hallten wie ein Echo durch den Gang. Ihre Augen füllten sich schlagartig mit Tränen, die wie Sturzbäche über ihre Wangen rannen. Mit einem Mal brach die stolze Kriegerin in ihr zusammen; sie sank auf die Knie, ihre Hände krallten sich in den kühlen Boden. Die Boshaftigkeit, die zuvor aus jeder ihrer Poren gequollen war, war dem verzweifelten Schluchzen eines zerbrochenen Mädchens gewichen.

„Was hat sie, was ich nicht habe? Wie hat sie es geschafft, dass sich jemand wie Kai in sie verliebt? So sehr, dass er es sogar vor der ganzen Welt zeigt?“

Kai stand reglos neben ihr. Sein Blick blieb kalt wie Eis, eine unbewegliche Statue aus Verachtung. Er gab keine Antwort, denn Maylin richtete ihre quälenden Fragen nicht an ihn...sie suchte sie bei Ray, als könnte ihr Cousin das Unbegreifliche erklären.

„Das mit uns ... an diesem Abend.“ Nun wandte sie den Kopf und sah zu Kai auf. Die Tränen rannen ihre zarten Wangen hinab und hinterließen Spuren auf ihrer Haut. „... das war mein erstes Mal überhaupt. Ich hatte mich extra für dich aufgespart ... und seitdem konnte ich keinen anderen mehr an mich heranlassen.“

Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, eine nackte Beichte in der Trostlosigkeit der Katakomben, während Kai über ihr thronte wie ein Richter, der längst sein Urteil gefällt hatte.

„Und du glaubst, ich habe jetzt Mitleid mit dir?“, versetzte Kai. Seine Stimme war von einer schneidenden Ruhe, die jede einzelne Silbe mit Verachtung tränkte. In seinem Augenwinkel bemerkte er, wie Ray beschwichtigend die Hand hob, doch die Geste prallte an Kais Zorn ab wie an einer Mauer.

„Sie liegt bereits am Boden, Kai. Lass es gut sein...“, mahnte Ray leise, sein Blick voller Sorge um das emotionale Trümmerfeld, das vor ihnen lag.

„Nein, Ray!“, fuhr Kai herum, und seine Augen blitzten gefährlich auf. „Dieses Miststück hat versucht, mein Leben zu zerstören, und jetzt nimmst du sie in Schutz?“

Rays Züge verhärteten sich augenblicklich. „Dieses ‚Miststück‘ ist immer noch Teil meiner Familie“, erwiderte er mit einer Kälte, die seiner sonst so warmen Art völlig fremd war. „Und daher rate ich dir jetzt: Überlege dir ganz genau, was du als Nächstes sagst.“

Ein wütendes Zischen entwich Kais Lippen. Er hatte genug von diesem giftigen Schauplatz der Vergangenheit. Er drehte sich um, fest entschlossen, den Gang zu verlassen, doch plötzlich erstarrte er. Eine ganz bestimmte Aura drang in sein Bewusstsein... eine Präsenz, die wie ein sanftes Glühen in der Dunkelheit der Katakomben wirkte. Es war das Gefühl von Heimat, das ihn innerlich zur Ruhe kommen ließ und den brennenden Ekel mit einem Schlag dämpfte.

„Wir sind hier fertig...“, hallte sein scharfer Ton durch den kahlen Betongang.

„Warte...“, presste Maylin hervor. Ihre Worte drangen an sein Ohr, doch er würdigte sie keines Blickes und setzte den Weg fort.

„Wieso... hat sie sich in dich verliebt?“, rief sie ihm nach, und ihre Stimme überschlug sich fast vor Verzweiflung und Neid. „Warst du nicht genauso kalt zu ihr? Wieso ließ sie nicht ab von dir? Du nennst mich besessen, aber merkst nicht, dass andere Mädchen keinen Deut besser sind als ich... oder sehe ich das falsch? Wieso verliebt man sich in jemanden, der so kalt und bösartig ist wie du? Ich war überwältigt von deiner Eleganz, von deiner einnehmenden Ausstrahlung. Ich war mir sicher, dich gewinnen zu können... ich war felsenfest davon überzeugt! Ich war ein hoffnungsloser Dummkopf. Aber sie?“

Kai stoppte. Seine Schultern spannten sich an. Er drehte den Kopf nur leicht zur Seite, sein Profil wirkte im fahlen Neonlicht wie aus Marmor gemeißelt.

„Wieso fragst du sie das nicht selbst?“

Seine Stimme war nun leiser, fast schon gefährlich ruhig. Maylin schien von diesem Vorschlag vollkommen überrumpelt. Sie strich sich das schwarze Haar aus dem tränenfeuchten Gesicht und schüttelte angewidert den Kopf.

„Wieso sollte ich mit ihr reden wollen?“, fauchte sie. „Denkst du wirklich, ich gehe zu ihr hin und frage sie so etwas?“

Nun drehte Kai sich ganz um. Seine rötlichen Augen suchten jedoch nicht Maylins Blick, sondern wanderten an ihr und Ray vorbei in die Tiefe des breiten, schattigen Ganges. Er fixierte eine dunkle Nische, in der das Licht der Leuchtstoffröhren nicht ganz hinkam.

„Nami, komm raus“, forderte er mit einer Bestimmtheit, die keinen Raum für Ausflüchte ließ. „Ich weiß genau, dass du hier irgendwo bist...“

Die Stille, die darauf folgte, war absolut. Ray hielt den Atem an, während Maylin mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starrte, aus der nun langsam eine zierliche Gestalt trat.