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Der perfekte Sieg

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Der perfekte Sieg

Stille legte sich über den Gang, schwer und drückend wie das Gestein der Arena über ihnen. Maylin hielt inne, ihr Schluchzen erstarb zu einem zittrigen Atemzug. Langsam wandte sie den Kopf in die Richtung, in die Kai blickte.

Nami trat aus dem Schatten einer Nische hervor. Sie war ein wenig blass, doch ihr Blick war klar und fest. Kai spannte sich instinktiv an; er wusste, dass sie jedes Wort gehört hatte... die hässlichen Worte aus seinem Mund, Maylins verzweifelte Versuche ihr Verhalten zu erklären und natürlich die Fragen nach dem Wieso. Doch er sah keine Spur von Hass in ihrem Gesicht.

Sie blieb erst stehen, als sie nur noch wenige Schritte von der überrascht blickenden Maylin entfernt war. Ray beobachtete Nami mit einer Mischung aus Erstaunen und Sorge.

„Du willst wissen, wie ich es geschafft habe, dass er sich in mich verliebt?“, fragte Nami leise. Ihre Stimme war vollkommen ruhig, ohne jede Spur von Triumph oder Häme.

Maylin lachte hohl, während sie sich mühsam aufrichtete und sich die Tränen aus dem Gesicht wischte. „Was weißt du schon? Du hast alles. Du hast seinen Schutz, du hast seinen Namen... du hast ihn.“

„Ich habe ihn nicht ‚bekommen‘, Maylin“, erwiderte Nami sanft. „Und ich habe auch nicht versucht, ihn zu erobern. Kai ist kein Preis, den man gewinnt, wenn man nur hart genug kämpft oder ihn lange genug verfolgt. Das weißt du eigentlich selbst.“

Nami trat noch einen Schritt näher. Kai wollte eingreifen, doch die Ruhe, die von ihr ausging, hielt ihn zurück. „Du hast auch gefragt, wieso ich mich in jemanden wie ihn verliebe. Jemanden, den du als kalt und bösartig bezeichnest.“ Nami sah kurz zu Kai, und ihr Blick war voller Verständnis für den Mann, dessen dunkelste Stunden auf seinen Schultern lasteten.

Ein schwaches, fast wehmütiges Lächeln legte sich auf ihre Lippen, als sie Maylin wieder direkt in die Augen blickte.

„Weißt du, ich gebe es offen zu: Ich habe damals auch für ihn geschwärmt. Genau wie du und so viele andere Mädchen da draußen... und mit Sicherheit aus ganz ähnlichen Gründen. Ich habe seine unbändige Stärke bewundert, seinen absoluten Perfektionismus, wenn er an der Arena stand. Aber da war noch etwas anderes. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, dachte ich mir, wie einsam er tief in seinem Inneren sein muss. Gleichzeitig hat es mich von Anfang an fasziniert, wie unerschütterlich, wie absolut unzerbrechlich er nach außen hin wirkte.“

Nami machte eine kurze Pause, und ihre Stimme wurde noch ein Stück sanfter, getragen von einer tiefen, ehrlichen Wärme. „Aber Schwärmerei ist nicht Liebe, Maylin. Letztendlich habe ich mich in ihn verliebt, weil ich das Privileg hatte, private Zeit mit ihm zu verbringen. Abseits der Kameras, abseits des Sports. Erst da, in diesen stillen Momenten, habe ich den wahren Kai kennengelernt. Ich habe erfahren, wie unglaublich loyal er ist, wie pflichtbewusst und voller Verantwortung für die Menschen, die ihm etwas bedeuten... und wie unendlich liebevoll er eigentlich sein kann.

Sie hielt erneut inne, und ein Moment der Nachdenklichkeit spiegelte sich in ihren Zügen wider. „Um ehrlich zu sein, bin ich immer noch dabei, ihn richtig kennenzulernen. Ich kenne noch lange nicht jede seiner Facetten, denn alles ging so viel schneller, als ich es je gedacht hätte. Wir kennen uns noch nicht lange... und doch fühlt es sich schon so viel länger und bereits unendlich bedeutsamer an. Jedenfalls für mich.“

Namis Blick wandte sich für einen kurzen Augenblick von Maylin ab und traf den von Kai. Er stand da, scheinbar ungerührt, die Arme verschränkt und mit der gewohnt stoischen Miene, mit der er die gesamte Unterhaltung beobachtete. Für jeden Fremden wäre er der Fels in der Brandung gewesen, kalt und unnahbar. Doch Nami sah genauer hin. Sein Blick fing den ihren auf, und das, was sie in den Tiefen seiner Augen lesen konnte, verriet ihr, dass ihre Worte seinen sonst so harten Kern gerade ein wenig ins Wanken brachten.

Sie sah wieder zu Maylin zurück.

„Er ist nicht kalt oder bösartig. Er ist ein Mensch, der gelernt hat, dass Nähe Schmerz bedeutet. Du hast damals versucht, seine Mauern mit Gewalt einzureißen. Du wolltest ihn zwingen, dich zu brauchen. Aber Liebe lässt sich nicht erzwingen, Maylin. Schon gar nicht mit Lügen.“

Maylin starrte sie an, ihre Lippen bebten. Die Boshaftigkeit in ihrem Blick begann zu bröckeln und machte einer tiefen Leere Platz.

„Hör auf damit...“, flüsterte Maylin, und ein plötzlicher Schauder lief über ihren Körper.

„Hör auf, so verdammt gütig zu sein! Ich wollte, dass du mich hasst! Du solltest mich bekämpfen!“ Sie ballte die Fäuste so fest, dass ihre Fingernägel sich in die Handflächen bohrten. „Wenn du mich hasst, macht es Sinn, dass ich dich vernichten will. Aber das hier... das ist unfair.“

Eine einzelne Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange, während sie fassungslos den Kopf schüttelte.

„Du siehst ihn wirklich. Nicht den Champion, nicht den unnahbaren Erben... du siehst ihn. Ich dachte immer, wenn ich nur fest genug zuschlage, bricht seine Schale auf. Aber du hast nicht mal anklopfen müssen.“

„Es tut mir leid“, sagte Nami ehrlich. „Es tut mir leid, dass du damals so verzweifelt warst, dass du keinen anderen Ausweg gesehen hast, als ihn zu belügen. Und es tut mir leid um das Kind, das du verloren hast. Niemand sollte so einen Schmerz allein durchstehen müssen.“

Maylin zuckte zusammen, als hätte Nami sie geschlagen. Mit so viel aufrichtigem Mitgefühl hatte sie niemals gerechnet.

„Ich brauche dein Mitleid nicht!“, stieß sie hervor, doch ihre Stimme klang nicht mehr wütend, sondern nur noch zerbrochen.

„Es ist kein Mitleid von oben herab“, widersprach Nami sanft. „Es ist Bedauern. Du bist eine so talentierte Bladerin, Maylin. Aber du hast deine ganze Energie darauf verschwendet, einem Schatten nachzujagen und dich in deinem Hass zu vergraben. Kai hat sich nicht in mich verliebt, weil ich besser bin als du. Er hat sich verliebt, weil ich ihm erlaubt habe, er selbst zu sein...ohne Forderungen, ohne Druck. Ich gab ihm den Raum, den er dafür gebraucht hatte.“

Nami sah Maylin fest in die Augen. „Im Finale werde ich gegen dich kämpfen. Und ich möchte, dass du alles gibst. Nicht für Kai, nicht um mir etwas zu beweisen, sondern für dich selbst. Zeig mir, wer du ohne diese Besessenheit bist.“

Maylin sah Nami lange an. Das Zittern breitete sich nun auf ihre Schultern aus. „Wer ich ohne diese Besessenheit bin?“, wiederholte sie leise, und ihre Stimme klang plötzlich unendlich müde, fast wie die eines Kindes, das sich im Dunkeln verlaufen hat.

„Ich weiß es selbst nicht mehr, Nami. Ich habe so lange mit diesem Gift im Herzen gelebt, dass ich gar nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt, einfach nur zu atmen. Du willst einen Kampf... aber ich weiß nicht, was von mir übrig bleibt, wenn ich den Hass weglasse.“

Sie sagte nichts mehr. Sie wirkte plötzlich ganz klein und erschöpft. Ohne Kai oder Nami noch einmal anzusehen, drehte sie sich um und ging mit gesenkten Schultern den Gang hinunter. Ray sah ihr nach, seufzte tief und warf Kai einen komplexen Blick zu... eine Mischung aus Restwut und der Erkenntnis, dass Nami gerade etwas geschafft hatte, was er als Cousin jahrelang nicht vermochte. Er folgte ihr schweigend.

Kai und Nami blieben allein im Neonlicht der Katakomben zurück. Kai atmete schwer aus, die Anspannung wich nur langsam aus seinen Gliedern. Er sah Nami an, sein Blick suchte nach einem Zeichen von Zweifel, doch er fand nur Wärme.

„Du hast sie sprachlos gemacht “, stellte er fest, seine Stimme rau.

„Sie brauchte nur Verständnis und Trost“, bestätigte sie und trat in seinen Arm. Sie legte ihren Kopf gegen seine Brust und spürte sein rasendes Herz. „Sie hat keine Macht mehr über uns.“

Kai schloss die Augen und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. „Ich wollte nicht, dass du diesen Dreck noch einmal hören musst.“

„Ich bin froh, dass ich hier war“, flüsterte sie. „Jetzt gibt es keine unangenehmen Überraschungen mehr. Nur noch das Finale.“

Sie löste sich nach einer Weile sanft aus der Umarmung, strich ihr langes, welliges Haar zurück und atmete noch einmal tief durch, um sich mental auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten.

Kai sah sie einfach nur an. Während das gedämpfte Summen des Stadions schwer durch die dicken Betonwände drang, rief er sich ihre vorigen Worte noch einmal ins Gedächtnis. Es war für ihn immer wieder überwältigend zu sehen, wie unglaublich stark diese junge Frau eigentlich war. Sie wirkte in Momenten wie diesem so viel erwachsener, so viel mehr im Reinen mit sich selbst und ihrer Umwelt, als es andere Menschen in ihrem Alter je sein könnten. Sie hatte gerade die emotionale Last seiner eigenen Vergangenheit getragen, ohne auch nur eine Sekunde zu wanken.

Er sagte nichts mehr. Worte waren ohnehin nie seine Stärke gewesen. Stattdessen trat er den winzigen Schritt heran, der sie noch trennte, und legte ganz behutsam einen Finger unter ihr Kinn. Er hob ihr Gesicht leicht an und zog sie ohne Zögern in einen tiefen, intensiven Kuss, der all das ausdrückte, was er nicht laut aussprechen konnte.

Als er die Lippen langsam wieder von ihren löste, blieb er ihr ganz nah, sodass sein warmer Atem ihre Haut streifte.

„Es ist auch für mich schon... bedeutsamer“, flüsterte er so leise, dass es fast im Raum verhallte. Seine rötlichen Augen fixierten sie mit einer entwaffnenden Ernsthaftigkeit. „Nicht nur für dich, Nami.“

Ein tiefes, glückliches Strahlen trat in ihre Züge, und jede verbliebene Anspannung schien von ihr abzufallen. Sie nickte ihm stumm zu, fest entschlossen, diese Arena jetzt zu betreten.

Das Stadion glich einem Hexenkessel. Die Scheinwerfer kreuzten sich über der Final Arena, und die Menge skandierte die Namen der Kontrahentinnen. Das Finale, auf das alle gewartet hatten... die strahlende Nami gegen die mysteriöse, entfesselte Maylin... stand unmittelbar bevor.

Nami trat als Erste an die Arena. Sie wirkte konzentriert, ihr Blick war auf das Zentrum des Spielfelds gerichtet, doch in ihrem Inneren hallten noch immer die Worte aus den Katakomben nach. Kai stand oben an der Reling, seine Augen unentwegt auf Nami fixiert, die Knöchel seiner Hand noch immer leicht gerötet von dem Schlag gegen die Wand.

Dann betrat Maylin die Arena. Doch sie bewegte sich nicht wie jemand, der zum Angriff rüstete. Ihr Gang war langsam, fast schon feierlich. Sie hielt ihren Launcher nicht kampfbereit in der Hand, sondern ließ ihn locker an ihrer Seite hängen.

Der Schiedsrichter hob den Arm. „Finale! Seid ihr bereit?“

Nami brachte ihren Blade in Position, doch Maylin rührte sich nicht. Stattdessen trat sie einen Schritt vor, bis sie direkt am Rand der Arena stand, und bedeutete dem Schiedsrichter zu warten. Das Gemurmel im Publikum schwoll an, wurde zu einem verwirrten Raunen. Maylin griff nach dem Mikrofon, das am Rand der Arena bereitstand. Ihre Stimme war leise, aber durch die Lautsprecher drang sie in jeden Winkel des Stadions, klar und ohne das Zittern, das sie zuvor in den Gängen gezeigt hatte.

„Ich werde heute nicht kämpfen“, begann sie. Ein Schockmoment lähmte das gesamte Stadion. Sogar die Kommentatoren verstummten mitten im Satz.

Maylin sah Nami direkt an. In ihrem Blick lag kein Hass mehr, sondern eine erschöpfte Klarheit. „Ich sehe jetzt ein, dass ich schon verloren hatte, als ich mit diesem Kampf begann. Ein Kampf, der ausweglos schien... und es tatsächlich von Anfang an auch war.“

Sie machte eine kurze Pause und ihr Blick huschte für den Bruchteil einer Sekunde hinauf zu Kai, bevor er wieder zu Nami zurückkehrte. „Ich sehe ein, dass du diejenige bist, die diesen Kampf gewonnen hat. Und das zeige ich, indem ich hier und jetzt aufgebe. Auch wenn es den Schmerz in meinem Innern nicht stillt, gibt es mir dennoch ein klein wenig Frieden zurück.“

Mit diesen Worten legte sie ihren Launcher auf den Rand der Arena... eine Geste der totalen Unterwerfung und des Rückzugs. Dann drehte sie sich um und verließ die Arena, ohne auf die Reaktion der Menge zu warten.

Das Schweigen im Lime-Stadion war ohrenbetäubend. Niemand wusste, wie er reagieren sollte. Dann brach das Chaos los. Die Zuschauer sprangen auf, Journalisten schrien Fragen durcheinander, und der Schiedsrichter starrte völlig verdutzt auf den einsamen Launcher am Boden.

Nami stand wie angewurzelt da. Ihr Arm, der ihren Launcher hielt, sank langsam ab. Sie spürte eine enorme Leere in ihrer Brust. Sie hatte mit allem gerechnet... mit einem brutalen Kampf, mit schmutzigen Tricks, mit einer Niederlage... aber nicht damit.

„Siegerin durch Aufgabe und somit Champion des Turniers: Nami Tachiba!“, rief der Schiedsrichter schließlich unsicher aus, doch Nami hörte es kaum.

Vorangegangen war ihr der Wunsch nach einem fairen Kräftemessen, nach einem Abschluss auf sportlicher Ebene. Sie verstand Maylins Beweggründe... sie verstand, dass dies Maylins einzige Art war, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen, aber so gewinnen wollte sie definitiv nicht. Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an. Es fühlte sich an wie das Ende einer Tragödie, bei der es keine wirklichen Gewinner gab.

Oben auf der Tribüne stand Kai völlig unbeweglich. Er sah, wie Maylin im Spielertunnel verschwand, und dann sah er zu Nami hinunter. Er sah ihren hängenden Kopf, ihre Enttäuschung. Er wusste, dass dieser Moment für sie schwerer wog als jeder verlorene Kampf. Ohne zu zögern, verließ er seinen Platz und bahnte sich seinen Weg durch die Menge hinunter zu ihr.

Nami stand noch immer allein im gleißenden Licht der Arena, während um sie herum die Welt verrückt spielte. Sie hatte den Pokal gewonnen, aber ihr Herz suchte nach etwas ganz anderem.

Sie stieg die kleinen Stufen der Bey-Arena hinab, ihre Bewegungen wirkten mechanisch, fast wie in Trance. Das tosende Geräusch der Menge, das aufgeregte Klicken der Kameras und das Blitzlichtgewitter verschwammen zu einem fernen Rauschen. In ihren Händen hielt sie noch immer ihren Launcher, doch er fühlte sich schwer und nutzlos an. Sie ließ ihn neben sich auf den Boden fallen, ebenso ihr Blade.

Plötzlich veränderte sich die Akustik im Stadion. Das schrille Pfeifen und die lauten Rufe ebbten ab und machten einem ungläubigen Murmeln Platz. Die Zuschauer auf den vorderen Rängen reckten die Hälse. Kai Hiwatari war nicht länger der unnahbare Beobachter auf der VIP-Tribüne. Er war hinuntergestiegen, hatte die Absperrungen ignoriert und schritt nun mit ruhiger, zielstrebiger Gelassenheit mitten durch das Feld der Fotografen direkt auf die Arena zu.

Nami bemerkte ihn zunächst nicht. Ihr Blick war zu Boden gerichtet, ihre Gedanken kreisten um Maylins Abschiedsworte. Erst als ein langer Schatten auf den Boden vor ihr fiel, hob sie den Kopf. Sie sah ihn an, und ihre Augen waren tränenglasig vor Enttäuschung.

„Das ist doch kein Sieg!“, brachte sie hervor, ihre Stimme kaum mehr als ein frustriertes Flüstern.

Kai blieb dicht vor ihr stehen. Das grelle Licht der Deckenstrahler fing sich in seinen rötlichen Augen, die jetzt weich und vollkommen warm wirkten. „Ich weiß“, sagte er schlicht.

Er war darauf gefasst, sie aufzufangen. In diesem Moment vergaß er die tausenden Augenpaare, die auf sie gerichtet waren, und die Kameras, die jede seiner Regungen live in die Welt übertrugen. Für ihn existierte nur die zierliche Person vor ihm, die gerade mit der Ungerechtigkeit eines bittersüßen Triumphs kämpfte.

Er trat noch einen Schritt näher, hob beide Hände und legte sie sanft an ihre Wangen. Die Kühle seiner Haut wirkte beruhigend auf ihrem erhitzten Gesicht. Er zwang sie sanft, ihm tief in die Augen zu sehen.

„Auch sowas kommt mal vor, Nami“, murmelte er, so leise, dass nur sie es hören konnte. „Und es ist keine Tragödie. Du hast heute mehr gewonnen als nur ein Turnier.“

Seine Daumen strichen in einer langsamen, zärtlichen Bewegung über ihre Wangenknochen. Nami zitterte leicht, dann schloss sie die Augen und ließ sich in seine Berührung fallen. Sie hob ihre eigenen Hände und legte sie über seine, als wollte sie ihn festhalten, damit dieser Moment der Sicherheit niemals endete.

„Du hast recht...“, hauchte sie und atmete zum ersten Mal seit Maylins Abgang wieder tief durch.

Ein kurzes, fast schelmisches Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen. „Natürlich habe ich das.“

Ganz behutsam übte er mit seinen Händen einen leichten Druck aus, um ihr Gesicht ein wenig nach oben zu neigen. Dann beugte er sich vor und gab ihr einen sanften, langen Kuss auf die Lippen.

In diesem Augenblick schien das Lime-Stadion kollektiv den Atem anzuhalten. Es war totenstill, als die Welt begriff, was sie dort sah: Der kälteste Blader der Geschichte zeigte eine Verletzlichkeit und Hingabe, die niemand für möglich gehalten hätte. Dann brach ein Sturm los. Es war kein gewöhnlicher Applaus mehr... es war ein donnerndes Getöse aus Jubelrufen, Pfiffen und frenetischem Klatschen.

Die Leute auf den Rängen sprangen von ihren Sitzen. Fans umarmten sich, und die Kamerateams versuchten verzweifelt, den perfekten Winkel dieses historischen Moments einzufangen. Hilary auf der Tribüne quietschte vor Begeisterung und krallte sich in Tysons Jacke, während Tyson selbst nur fassungslos den Kopf schüttelte, ein breites, ungläubiges Grinsen im Gesicht.

Kai löste sich langsam von Nami, ließ seine Hände aber noch einen Moment auf ihren Schultern ruhen. Er sah sie an, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Der Pokal am Rand der Arena war in diesem Moment nur noch ein Stück Metall. Was zählte, war das Band zwischen ihnen, das heute vor den Augen der gesamten Welt nur noch enger ge worden war.

Die Flucht aus dem Stadion war fast so turbulent wie das Turnier selbst. Erst als Kai den Motor seines Wagens aufheulen ließ und die jubelnde Menge sowie die hartnäckigen Reporter hinter sich ließ, kehrte langsam Ruhe ein. Nami saß auf dem Beifahrersitz und starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt. Der goldene Pokal stand unbeachtet im Fußraum.

Kai fuhr nicht zurück zum Penthouse. Er steuerte einen abgelegenen Aussichtspunkt am Rande der Stadt an, von dem aus man das Lichtermeer von Tokio überblicken konnte. Er stellte den Motor ab. Die Stille, die nun herrschte, war fast greifbar.

„Gehts dir jetzt besser?“, fragte er leise, ohne sie anzusehen. Seine Hände ruhten noch immer auf dem Lenkrad, die Knöchel leicht geschwollen, aber seine Haltung war entspannt.

Nami löste ihren Blick vom Fenster und sah ihn an. Das Mondlicht fiel durch die Scheibe und betonte die harten, aber jetzt friedlichen Züge seines Gesichts.

„Viel besser. Danke, Kai. Für alles.“

Sie zögerte einen Moment, dann sprach sie das aus, was sie schon die ganze Zeit beschäftigte. „Glaubst du, Maylin wird finden, was sie sucht? Diesen Frieden, von dem sie sprach?“

Kai stieß einen langen Atemzug aus. Er lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze. „Ich weiß es nicht. Maylin hat jahrelang in einer Welt aus Lügen und Besessenheit gelebt. Das schüttelt man nicht an einem Tag ab. Aber...“ Er hielt inne und sah Nami direkt an. „Dass sie heute aufgegeben hat, war das erste Mal, dass sie ehrlich zu sich selbst war. Vielleicht ist das ein Anfang.“

Nami nickte langsam. „Es hat mich so traurig gemacht, sie so zu sehen. So am Ende. Aber Ray wird sich um sie kümmern, oder?“

„Ray ist loyal“, antwortete Kai kurz. „Er wird sie nicht fallen lassen, auch wenn er jetzt weiß, was sie getan hat. Er hat ein Herz für solche Fälle. Ich... weniger.“

Nami musste leise lachen. Es war ein befreiendes Geräusch. „Du tust nur so, Kai. Du bist heute vor der ganzen Welt zu mir in die Arena gekommen und hast mich einfach so vor Allen geküsst. Der ‚kalte Kai Hiwatari‘ hätte das niemals getan. Eher hätte er sich von einer Klippe gestürzt..."

Kai schmunzelte und wandte sich ihr ganz zu. Er griff nach ihrer Hand und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. „Vielleicht gibt es diesen Kai Hiwatari auch nicht mehr. Zumindest nicht, wenn du in der Nähe bist.“

Sein Blick wurde ernst. „Nami, es tut mir leid, dass du durch diesen ganzen Dreck mit Maylin und dem Klon durchmusstest. Ich wollte dich vor meiner Vergangenheit schützen, aber am Ende hat sie dich doch eingeholt.“

Nami drückte seine Hand fest. „Du hast mich nicht beschützt, indem du geschwiegen hast, Kai. Du hast mich beschützt, indem du heute da warst. Indem du zu uns gestanden hast. Das bedeutet mir mehr als jeder Sieg.“

Sie lehnte sich über die Mittelkonsole und legte ihren Kopf auf seine Schulter. „Was passiert jetzt? Morgen wird die ganze Welt über uns reden, noch viel mehr als davor.“

Kai legte seinen Arm um sie und zog sie eng an sich. Er atmete den Duft ihres Haares ein, der ihn immer so seltsam beruhigte. „Sollen sie doch reden. Morgen gehört uns nicht. Aber dieser Moment hier... der gehört uns.“

Er gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Wir verschwinden über das Wochenende. Nur du und ich. Irgendwohin, wo es keine Kameras und keine Beyblades gibt. Was hältst du davon?“

Nami schloss die Augen und lächelte. „Das klingt nach dem perfekten Sieg.“