Die nächste Stufe
Die nächste Stufe
Als Kais dunkler Wagen schließlich in die Tiefgarage des Wolkenkratzers einbog, bemerkten sie beim Vorbeifahren die vier Journalisten, die mit Kameras bewaffnet vor dem Haupteingang lauerten. Kai ließ das Auto jedoch unbeeindruckt in den abgesperrten, unterirdischen Bereich gleiten. Er hatte die Presse zwar registriert, doch da sie direkt in der Garage parkten und von dort aus mit dem privaten Lift direkt in die oberste Etage fuhren, entgingen sie der Konfrontation vollständig.
Erst als sich die Tür des Penthouses mit einem leisen Klick schloss und sie in die Designer-Wohnung traten, atmete Nami unbewusst auf. Der Stress des Tages schien in der Stille des modernen Stockwerks von ihr abzufallen. Kai zog seinen Mantel aus und warf ihn lässig über den Sessel. Er wartete, bis sie ihre Tasche abgestellt hatte, dann trat er vor sie.
„Das wird sich so schnell nicht legen“, sagte er ruhig, während er ihr Gesicht genau musterte. „Nami... möchtest du für eine Weile wieder mit mir ins Ayame-Anwesen fahren? Oder... möchtest du lieber erst einmal wieder zu deinen Eltern nach Hause?“
Nami hielt in ihrer Bewegung inne und sah ihn an.
In diesem Moment wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie nie wirklich darüber geredet hatten, wie lange sie eigentlich noch bei ihm wohnen würde. Ursprünglich war es nur als eine kurzfristige Sicherheitsmaßnahme gedacht gewesen, als die Bedrohung durch den Klon am größten war. Doch in den letzten Wochen war es klammheimlich zu einer absoluten Normalität geworden, abends gemeinsam „nach Hause“ zu gehen. Sie teilten den Alltag, das Frühstück, die Stille der Nacht.
Sogar Namis Eltern hatten in den letzten Tagen kein einziges Mal mehr gefragt, wann sie denn gedenke, wieder in ihr altes Zimmer zu ziehen. Vor allem Namis Vater war sich im Klaren darüber, wie tief die Bindung zwischen seiner Tochter und dem Champion bereits war. Es gab keine Notwendigkeit für Rechtfertigungen; ihre Familie akzeptierte und wusste, dass die beiden zusammengehörten.
Nami sah in Kais rubinrote Augen, in denen keinerlei Drängen lag... nur die ehrliche Sorge um ihr Wohlbefinden. Ein warmes, glückliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Ich würde mich riesig freuen, wenn wir wieder eine Weile ins Anwesen fahren, Kai“, antwortete sie ehrlich und trat einen Schritt näher, um ihre Hände auf seine Brust zu legen. „Mir gefällt es dort wirklich sehr. Die alten Bäume, die Ruhe... und ich mag Graham unglaublich gerne. Er hat so einen herrlich trockenen Humor.“
Kai legte seine großen Hände über die ihren, und ein seltenes, echtes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
„Graham wird sich freuen. Er beschwert sich ohnehin ständig, dass es dort zu sauber und zu leer ist, seit ich hier in diesem Penthouse bin.“ Er drückte ihre Hände leicht. „Pack deine Sachen zusammen. Wir fahren noch heute Abend los. Ich will nicht, dass diese Geier uns morgen früh auflauern, wenn du zur Schule musst.“
Nami nickte glücklich. Während sie im Schlafzimmer eine Tasche mit ihren Schulsachen und Kleidung für die nächsten Tage vorbereitete, spürte sie eine tiefe innere Zufriedenheit. Es spielte keine Rolle, wie laut der Trubel da draußen in Shinjuku war oder wie sehr die Magazine versuchten, ihr Leben zu durchleuchten. Solange sie gemeinsam durch die Tore des sechzig Jahre alten Ayame-Anwesens fuhren, waren sie sicher. Sie bauten sich Schritt für Schritt ihre eigene Welt auf... eine Welt, in der sie einfach nur Kai und Nami sein durften.
Der Wechsel vom modernen Penthouse in das sechzig Jahre alte Ayame-Anwesen fühlte sich jedes Mal an wie eine Reise in eine andere Epoche. Das sanfte Knistern des Kaminfeuers im großen Speisesaal vertrieb die herbstliche Kühle des Abends, und das warme Licht der Kronleuchter spiegelte sich auf dem polierten, dunklen Holz des langen Tisches. Graham hatte ihnen ein exquisites Abendessen zubereitet und sich danach mit einer diskreten Verbeugung in den Nebenraum zurückgezogen, sodass die beiden die absolute Stille des Hauses ungestört genießen konnten.
Kai saß Nami gegenüber, die Ärmel seines dunklen Hemdes locker bis zu den Unterarmen hochgerollt. Er führte sein Weinglas zum Mund, nahm einen kleinen Schluck und stellte es präzise wieder ab. Seine rötlichen Augen fixierten sie mit dieser ruhigen Aufmerksamkeit, die er nur ihr schenkte.
„Wie waren eigentlich die letzten Tage in der Schule?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, während er das Messer ansetzte.
„Immerhin bist du jetzt offiziell auch ein Champion.“
Nami konnte nicht anders, als leise zu lachen. Das feine, melodische Geräusch hallte angenehm von den hohen Wänden des Raumes wider. „Vergiss bitte nicht das Wichtigste, Kai: Ich bin vor allem der Champion, der das Herz des unnahbaren Kai Hiwatari erobert hat. Das scheint die Leute da draußen weitaus mehr zu beschäftigen.“
Kai schnaubte kurz und trocken... ein typisches Geräusch für ihn, das seine Amüsiertheit über den kitschigen Pathos der Medien ausdrückte, während er ein Stück Fleisch schnitt.
„Ich habe im Grunde nur Glückwünsche für meinen ‚Sieg‘ geerntet“, erzählte Nami schmunzelnd weiter und stützte die Ellbogen auf den Tisch, um ihr Kinn in die Hände zu legen. „Aber auf dem Schulflur ist es mittlerweile fast schon Normalität geworden, dass ich deine Freundin bin. Der erste Schock hat sich gelegt. Dafür gibt es an anderer Stelle neue,... sagen wir, kreative Pläne.“
Kai kaute langsam, schluckte herunter und sah sie abwartend an. „Kreative Pläne?“
„Hilary hat sich da etwas in den Kopf gesetzt“, begann Nami und beobachtete seine Reaktion genau. „Sie will unbedingt ein Dreifach-Date veranstalten. Sie und Tyson, Mariah und Ray... und wir beide.“
Kai legte das Besteck ab, lehnte sich im Stuhl zurück und sah sie einfach nur mit einem ungläubig-trockenen Blick an. Als Nami mitten im Satz innehielt und seinen starren Blick erwiderte, zuckte sie amüsiert mit den Schultern.
„Sie hat vorgeschlagen, dich an deinem Geburtstag mit einer Einladung ins Tokyo Disneyland zu überraschen“, sprach sie es schließlich unverblümt aus.
Kais linke Augenbraue zuckte nur kurz nach oben. Die Vorstellung, dass die BBA-Clique ernsthaft glaubte, ihn mit einer riesigen, winkenden Maus und kitschigen Paraden locken zu können, grenzte an Absurdität.
Nami wollte Kai nicht überreden oder ihn mit süßen Worten manipulieren, so wie Hilary es insgeheim gehofft hatte. Sie respektierte ihn zu sehr, um ihn in eine Situation zu drängen, die ihm vollkommen missfallen oder seine Grenzen überschreiten würde.
Offenheit war das Fundament ihrer Beziehung, und das sollte auch bei so etwas Profanem wie einer Geburtstagsplanung gelten.
Zu ihrer Überraschung blieb Kai jedoch vollkommen gelassen. Die mörderische Aura, die Nami bei der Erwähnung von Freizeitparks eigentlich erwartet hatte, blieb aus. Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie ruhig.
„Und du?“, fragte er stattdessen direkt. „Möchtest du dort hingehen?“
Nami blinzelte kurz, überrascht von der Gegenfrage. „Ich? Na ja... ich würde schon gerne mal wieder hingehen, um ehrlich zu sein. Aber das tut nichts zur Sache. Es ist schließlich dein zwanzigster Geburtstag und kein normales Date. Es soll an dem Tag um dich gehen, und Disneyland ist nun wirklich nicht der Sinn deines Geburtstages.“
Ein seltenes, beinahe unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf Kais markante Züge. Er griff wieder nach seinem Weinglas. „Wir können hingehen. Wir beide. Zusammen mit den Anderen.“
Nami sperrte den Mund auf. Sie starrte ihn an, als hätte er gerade vorgeschlagen, Dranzer freiwillig zu verschenken. „Ist das... ist das dein Ernst, Kai? Du würdest freiwillig mitkommen?“
„Hilary denkt mit Sicherheit, ich würde kneifen.“, erwiderte Kai trocken, und ein gefährlich-amüsiertes Funkeln trat in seine rötlichen Augen. „Sie hat dich darauf angesetzt, mich irgendwie zu überreden, weil sie glaubt, dass du die Einzige bist, bei der ich nicht sofort die Tür zuschlage. Beziehungsweise... bin ich mir sogar sicher, dass sie insgeheim hofft, dass du mich unwissend dorthin lockst.“
Nami grinste ertappt und nippte an ihrem Wasser. „Okay, ja... das kommt der Wahrheit ziemlich nahe. Sie hat gehofft, dass du dich für mich ein bisschen an normale Pärchen-Aktivitäten gewöhnst.“
Kai stellte das Glas ab, und seine Stimme nahm wieder diesen unerschütterlich pragmatischen Ton an, den sie so gut an ihm kannte. „Ich habe zwar absolut keine Lust auf diesen Ort, Nami. Aber ich habe in meinem Leben weiß Gott schon Schlimmeres erlebt, als durch einen quietschbunten Freizeitpark zu laufen.“ Sein Blick wurde weicher, als er sie direkt ansah.
„Wenn du dort hingehen möchtest, dann gehen wir. Aber Tyson wird seine Mickey-Maus-Ohren schneller fressen, als ihm lieb ist, wenn er es übertreibt.“
Nami lachte glücklich auf, spürte, wie ihr Herz bei seinen Worten ganz warm wurde, und reichte ihm über den Tisch hinweg die Hand. Er ergriff sie, schloss seine großen, warmen Finger um die ihren und besiegelte damit ein Zugeständnis, das Hilary und Tyson wohl niemals für möglich gehalten hätten.
Nami strich sich mit der freien Hand eine silbrig-weiße Strähne hinter das Ohr, während sie ihn durch das flackernde Kerzenlicht hindurch ansah. „Ich erinnere mich da an etwas, das du mir vor ein paar Wochen gesagt hast, Kai.“
Kai hob leicht den Kopf, den Blick weiterhin auf sie gerichtet.
Er drückte ihre Finger in seiner Hand minimal fester. „Was genau meinst du?“
„Du hast damals ziemlich unmissverständlich klargestellt, dass du absolut kein Interesse daran hast, den perfekten Freund zu spielen“, sagte sie mit einem vielsagenden, sanften Lächeln.
Kai schmunzelte dunkel, und dieses tiefe, raue Geräusch in seiner Kehle verlieh seiner Stimme eine fast schon gefährliche Intensität. „Wer hat denn hier etwas von spielen gesagt?“
Nami sah ihn einen Moment lang völlig sprachlos an. Seine Worte trafen sie unvorbereitet, setzten aber sofort eine Welle von Wärme in ihrer Brust frei. Sie fing sich schnell und musste unwillkürlich lachen... ein klares, glückliches Geräusch, das die ehrwürdige Stille des Speisesaals durchschnitt. „Ich liebe es einfach, wenn du so... unabsichtlich witzig bist, Kai“, sagte sie, noch immer leise kichernd, während sie den Kopf schüttelte.
Kais Miene jedoch blieb vollkommen unbewegt. Seine Gesichtszüge wirkten wie in Stein gemeißelt, auch wenn der kleine, weiche Funke in seinen rötlichen Augen verriet, wie sehr er ihr befreites Lachen genoss.
„Das war keineswegs witzig gemeint“, erwiderte er mit einer so staubtrockenen Ernsthaftigkeit, dass Nami prompt in ihrer Bewegung verharrte.
„Die komödiantische Meisterleistung des jungen Herrn hält sich in der Tat meist in überschaubaren Grenzen, Miss Nami“, ertönte in diesem Moment eine tiefe, melodische Stimme aus dem Schatten der Tür.
Graham trat lautlos an den Tisch heran, eine silberne Kanne mit frischem Tee auf einem Tablett tragend. Seine Haltung war wie gewohnt tadellos, die Mimik perfekt kontrolliert. Mit seiner unnachahmlichen, diskret trockenen Beobachtungsgabe goss er Nami nach, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.
„Allerdings darf ich aus meinen bescheidenen vierzig Jahren Dienstjahren in diesem Hause anmerken: Wenn Master Kai ankündigt, kein Theater zu spielen, dann sollten Sie sich vermutlich darauf einstellen, dass er den quietschbunten Vergnügungspark samt der Riesenmaus im Zweifelsfall einfach kauft und abreißen lässt, nur um Ihnen den Wunsch nach einem Spaziergang zu erfüllen.“ Graham trat einen eleganten Schritt zurück und neigte das Haupt. „Sollte ich vorab die Rechtsabteilung für etwaige Grundstückskäufe in Chiba kontaktieren, Sir?“
Kai warf dem Butler einen warnenden Blick von der Seite zu, doch Graham blinzelte nicht einmal. Nami hingegen presste die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten.
Kai hielt den mörderischen Blick auf Graham noch für ein paar Sekunden aufrecht, doch eigentlich wartete er nur darauf, dass Nami erneut in dieses helle, unbeschwerte Gelächter ausbrach, das den Raum so wunderbar erfüllte. Graham nutzte die Sekunden, um sich mit einer fast unsichtbaren, formvollendeten Verbeugung wieder lautlos in den Schatten des Ganges zurückzuziehen.
Nami presste die Lippen fest zusammen, die Schultern bebten noch leicht, doch mit einem tiefen Atemzug fing sie sich wieder. Sie strich ihr langes, welliges Haar zurück und sah Kai mit glänzenden Augen an.
Kai wandte sich ihr wieder vollständig zu, die anfängliche Schärfe in seinen Zügen verflogen. „Ich weiß es jedenfalls zu schätzen, dass du mich nicht... unwissend durch Behauptung falscher Tatsachen dorthin gelockt hast“, sagte er, und seine Stimme klang wieder tief und ruhig. Er lockerte den Griff um ihre Hand nicht. „Aber ich wäre dir sicher nicht böse gewesen, wenn du eine List gewählt hättest um mich dorthin zu bekommen.“
Nami hielt in ihrer Bewegung inne. Ihr Amüsement verblasste ein wenig, und ihr Blick wurde weicher, aber auch merklich ernst. Sie sah ihm tief in die rötlichen Augen, als versuche sie, seine Gedanken zu lesen.
„Meinst du das ernst? Hättest du dich nicht... hintergangen gefühlt? Wenn wir plötzlich dort gestanden hätten und du hättest gute Miene zum bösen Spiel machen müssen?“
Kai erwiderte ihren Blick, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Dann schüttelte er langsam den Kopf. Ein schattiges, fast schon bittersüßes Lächeln deutete sich auf seinen Lippen an, das jedoch so schnell verschwand, wie es gekommen war.
„Du weißt gar nicht, wie oft ich in meinem Leben bereits richtig hintergangen wurde, Nami“, erwiderte er schlicht. Seine Stimme war vollkommen frei von Selbstmitleid, getragen von der harten Realität seiner Vergangenheit in der Abtei. Ein Täuschungsversuch wegen eines Freizeitparks war in seiner Welt nicht einmal eine Randnotiz wert.
„So etwas... wäre lediglich ein Grund gewesen, dich danach nicht so schnell davonkommen zu lassen.“
Nami legte den Kopf leicht schief, ihr Blick wandelte sich in opalisierende Neugier. „Davonkommen?“, fragte sie leise und spürte, wie ihr Herzschlag bei dem Unterton in seiner Stimme unwillkürlich das Tempo anzugleichen begann.
„Ich wäre sicher kurz genervt gewesen“, erklärte Kai gelassen als würde er über das Wetter reden. „Aber wegen so etwas Kleingeistigem wäre ich niemals ernsthaft beleidigt. Schon gar nicht auf dich.“ Er hob den Blick wieder und fixierte sie mit einer Intensität, die die Luft im Speisesaal augenblicklich wieder verdichtete.
„Ich würde mir in so einem Fall einfach nur sehr genau überlegen, wie ich mich... dafür revanchieren würde.“
Das dunkle Funkeln in seinen Augen ließ Nami schlucken, während eine wohlige Gänsehaut über ihre Arme kroch. Sie wusste ganz genau, dass Kais Art der „Revanche“ absolut nichts mit harmlosen Streichen zu tun hatte... und die Vorstellung daran ließ ihre Wangen prompt wieder in einem zarten Roséton erstrahlen.
Nami spürte, wie sein Blick sie förmlich festnagelte, während das feine Karminrot auf ihren Wangen intensiver wurde. Sie senkte kurz die Augen, um der puren Intensität seiner Augen auszuweichen, und genau das war der Moment, in dem Kais Gedanken tiefer rutschten.
Er beobachtete sie. Er tat das nicht erst seit gestern, sondern bereits seit Monaten... jede kleinste Reaktion ihres Körpers, jedes flüchtige Zittern ihrer Wimpern, das minimale Beschleunigen ihres Atems. Es war anfangs keine bewusste Absicht gewesen, sondern vielmehr eine reine Gewohnheit, die seiner jahrelangen, messerscharfen Ausbildung entsprang. Kai war darauf konditioniert, seine Umgebung und seine Gegner zu lesen. Doch bei Nami hatte sich diese Eigenschaft in etwas völlig anderes verwandelt.
Er kannte jede ihrer Regungen in- und auswendig, als hätte er eine unsichtbare Blaupause ihrer Seele studiert. Mittlerweile wusste er haargenau, welche Worte er wählen, wie er seine Stimme senken oder wie er sie ansehen musste, um sie völlig aus dem Konzept zu bringen und sie zu necken.
Ein dunkles, besitzergreifendes Gefühl der Befriedigung regte sich in seiner Brust, als er sah, wie sie unter seiner bloßen Andeutung einer Revanche unruhig auf ihrem Stuhl wurde. Er hatte ihr vor einigen Wochen im Penthouse nicht umsonst ins Ohr geraunt, dass er ihren Körper vollkommen auf ihn eichen würde. Auf den tiefen Klang seiner Stimme, auf das raue Grollen in seiner Kehle und auf diese ganz bestimmten Blicke, die er nur mit ihr teilte. Er wollte, dass sie auf ihn reagierte wie auf niemanden sonst auf dieser Welt.
Und dieser Plan funktionierte fehlerfrei. Es war inzwischen schon fast zu einfach, Nami die Röte ins Gesicht zu treiben. Sie wirkte nach außen hin so unerschütterlich, wie eine Naturgewalt in der Arena, doch hier, unter vier Augen, reichte ein einziger, gezielter Satz von ihm, um ihre Fassung ins Wanken zu bringen. Kai genoss es sichtlich. Es war ein stummes Machtspiel, das er mit absoluter Perfektion beherrschte.
Er wusste mittlerweile ganz genau, dass seine Dominanz eine ihrer größten Schwächen war. Sie wehrte sich nicht dagegen; im Gegenteil, sie verlor sich darin, und genau diese bedingungslose Hingabe machte sie für ihn so gefährlich süchtig.
„Du denkst gerade an etwas Bestimmtes“, stellte Kai leise fest, brach das Schweigen und ließ seine Finger langsam über ihren Handrücken streichen. Seine Stimme war kaum mehr als ein tiefes Vibrato, das die Gänsehaut auf ihren Armen augenblicklich panisch aufflammen ließ.
„Deine Atmung ist flacher geworden, Nami. Sag mir, welche Revanche stellst du dir gerade vor?“
Nami registrierte das feine, triumphierende Funkeln in seinen rubinroten Augen. Sie spürte bis in jede Faser ihres Körpers, wie sehr Kai ihre Reaktion genoss und wie sicher er sich seiner Sache war. Und ja, sie gab sich ihm hin... liebend gerne sogar. Seine unumstößliche Dominanz gab ihr ein Gefühl von absoluter Sicherheit, das sie nirgendwo sonst fand.
Doch Nami war keine schwache Person, die einfach kampflos den Ball abgab oder sich passiv in eine Ecke drängen ließ. In ihr schlug das Herz einer Kämpferin, und das galt nicht nur für die Arena.
Ihr Blick wandelte sich. Das opalisierende Türkis ihrer Augen verlor die anfängliche Verlegenheit und wurde fester, tiefer und offen herausfordernder.
Ein kleines, wissendes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während sie sich sacht auf die Unterlippe biss. Sie hielt seinem Blick stand, senkte den Kopf nur ein minimales Stück und setzte genau jenen hingebungsvollen, aber gleichzeitig brandgefährlichen Blick auf, von dem sie wusste, dass er Kai nicht kaltließ.
Denn so sehr sie ihn und seine Kontrolle liebte... sie genoss es mindestens ebenso sehr, den Raubvogel aus der Reserve zu locken und ihn zu provozieren.
„Ich habe keine Ahnung ...“, raunte sie leise, und ihre Stimme hatte plötzlich jenen samtigen, leicht rauen Unterton, der die Distanz über den Tisch hinweg augenblicklich zusammenschmelzen ließ. Sie entzog ihm ihre Hand nicht, sondern drehte die Handfläche um, sodass sich ihre Finger sacht mit seinen verflochten. „... aber ich hätte sie wirklich gerne erlebt. Diese Revanche, von der du sprichst.“
Kais Daumen, der eben noch mechanisch über ihren Handrücken gestrichen war, hielt mitten in der Bewegung inne. Die Luft im Raum schien mit einem Mal wie elektrisiert, das Knistern des Kaminfeuers rückte in weite Ferne. Er hatte das Spiel begonnen, doch Nami hatte soeben die Spielregeln nach ihren eigenen Vorstellungen angepasst.
Es war seltsam, aber in der Umgebung dieses alten, ehrwürdigen Anwesens veränderte sich die Atmosphäre zwischen ihnen jedes Mal aufs Neue. Sie wurde dichter. Intensiver, herausfordernder und gleichzeitig um eine Spur vertrauter, die fast schon beängstigend war. Es war, als würde das Ayame-Anwesen mit seinen schweren Mauern und der jahrzehntelangen Stille die Masken der modernen Welt restlos von ihnen abstreifen und eine nächste Stufe von Kais Intensität zum Vorschein bringen.
Eine Stufe, die es liebte, eine Dynamik in den Raum zu werfen, die haarscharf zwischen Macht und Hingabe schwankte und sich doch perfekt die Waage hielt. Es war kein einseitiges Beherrschen; es war ein berauschender Tanz, bei dem Nami seine Dominanz einforderte und Kai ihre Herausforderung dankbar annahm.
Bereits seitdem Kai mit Dranzer verschmolzen war, hatte sich etwas zwischen ihnen grundlegend verschoben. Es war, als würden ihrer beider Auren... das ungezähmte, lodernde Feuer des Phoenix und die tiefe, unerschütterliche Kraft ihres Pegasus... ununterbrochen im Hintergrund miteinander kommunizieren. Ein stummer, energetischer Dialog, der völlig ohne Worte auskam.
Sie spürten die Präsenz des anderen physisch, selbst über Distanzen hinweg. Es war, als wenn sie nun noch mehr ahnen würden, was der andere dachte, fühlte oder im nächsten Moment tun würde. Jede Schwingung, jede Nuance ihres Verlangens und ihres Stolzes war miteinander verwoben. Als wären sie durch das Feuer des Turniers und die Dunkelheit der vergangenen Wochen nur noch perfekter, noch lückenloser füreinander geschaffen worden.
Kai erwiderte ihren Blick, und für einen Moment war es, als würde das rötliche Glühen in seinen Augen die Dunkelheit des Speisesaals komplett verdrängen. Seine Finger schlossen sich fester um die ihren, ein unmissverständlicher Besitzanspruch.
„Du willst es also wirklich wissen, Nami?“, raunte er, und seine Stimme war so tief, dass sie wie ein Bass in ihrer Magengegend widerhallte. Er beugte sich ein Stück über den Tisch, sodass das warme Licht des Kronleuchters die scharfen, harten Kanten seines Gesichts betonte.
„Du weißt ganz genau, dass ich dir diese Revanche jederzeit geben kann. Hier und jetzt.“