Verbindungen
Verbindungen
Sie machten einen weiten Bogen um den prunkvollen Haupteingang. Die Sonne des warmen Juninachmittags brannte auf den Asphalt, während sie einen schmalen, von Bäumen gesäumten Pfad einschlugen. Hier, abseits der johlenden Massen, wirkte die Welt für einen Moment friedlich. Nami genoss die Wärme auf ihrer Haut, doch die eigentliche Hitze ging von dem Mann neben ihr aus. Sie bemerkte die verstohlenen Blicke der wenigen Passanten...das aufgeregte Tuscheln, wenn sie die markante Silhouette von Kai Hiwatari erkannten.
„Du bist also eine Tachiba“, begann er plötzlich. Seine Stimme war tief und ruhig, der Blick jedoch starr geradeaus gerichtet, als würde er lediglich eine geschäftliche Notiz vorlesen. „Ich nehme stark an, du bist Hiro Tachibas Tochter. Ich dachte mir gleich, dass du mir...bekannt vorkommst.“
Nami blinzelte überrascht. Sie sah zu ihm auf, suchte seine Augen, doch er gewährte ihr nur sein kühles Profil. „Bekannt? Wir sind uns vor heute noch nie begegnet.“
Ein winziges Zucken in seinem Kiefer verriet, dass er ihre Direktheit registriert hatte. „Nein, nicht persönlich. Aber ich kenne deinen Bruder Kenji recht gut. Er hat mir einmal erzählt, dass er eine Zwillingsschwester hat. Er sagte, sie sähe aus wie eine weibliche Version von ihm.“ Nun huschte sein Blick doch zu ihr, brannte kurz auf ihrem Gesicht und kehrte dann zum Weg zurück. „Er hatte recht. Die Ähnlichkeit ist verblüffend.“
„Nun ja... bei Zwillingen ist das wohl kaum ein medizinisches Wunder“, murmelte Nami, während ihr Herz einen Schlag aussetzte. Kenji? Ihr Bruder hatte mit keinem Wort erwähnt, dass er Kontakt zum Champion von Tokio pflegte. Kenji interessierte sich nicht für Beyblade, er hielt sich strikt aus dem Turnierzirkus heraus. Wie passte Kai Hiwatari in sein Leben?
Kai schien das Rattern ihrer Gedanken förmlich hören zu können. „Ich kenne ihn von vor drei Jahren. Ich war ein paar Mal in der Firma eures Vaters, um bei der Kalibrierung des BeyBot1000 zu helfen. Dein Bruder war damals als Projektkoordinator vor Ort.“
Nami stoppte so abrupt, dass ihre Haare gegen ihren Rücken schlugen. Kai hielt ebenfalls inne. Er wirkte vollkommen entspannt, die Hände lässig in den Taschen seiner grauen Cargohose vergraben, während er sie abwartend musterte.
„Das Hauptprogramm des Bots... es basiert auf dir?“, hauchte sie. Ein Schauer lief über ihre Arme, der nichts mit der Temperatur zu tun hatte.
Der BeyBot1000 war ihr persönlicher Albtraum gewesen. Die letzten Jahre hatte sie in den sterilen Trainingshallen von Tachibey Industries verbracht, nur um gegen diese Maschine anzutreten. Der Bot war gnadenlos, seine Strategien nahezu unbesiegbar und seine Bewegungen von einer unheimlichen Präzision. Nami war es nie gelungen, ihn zu schlagen. Die Erkenntnis traf sie wie ein physischer Schlag: All die Jahre hatte sie nicht gegen einen Algorithmus gekämpft, sondern gegen eine digitale Kopie von Kai.
„Unglaublich...“, flüsterte sie und biss sich unbewusst auf die Unterlippe. „Ich hatte ja keine Ahnung. Ich habe so viel Zeit damit verbracht, dieses Ding zu jagen.“
Sie setzten ihren Weg schweigend fort, doch die Atmosphäre hatte sich verändert. Das Schweigen war nicht mehr leer; es war schwer von dieser neuen Verbindung.
„War das der Grund, warum man dich nie auf Turnieren gesehen hat?“, fragte Kai, und diesmal schwang ein Unterton von echtem Interesse in seiner Stimme mit. „Du bist verdammt gut, Nami. Man hat heute sofort gemerkt, dass du keine Anfängerin bist.“
Bevor sie antworten konnte, unterbrach ein metallisches Quietschen den Moment. Sie waren am Hintereingang des Stadions angekommen. Kai hielt ihr die schwere eiserne Tür auf...eine Geste, die so beiläufig und doch so aufmerksam wirkte, dass Nami kurz den Atem anhielt. Sie war so in das Gespräch vertieft gewesen, dass sie die Umgebung völlig vergessen hatte.
Hinter der Tür lag ein nüchternes, kühles Treppenhaus. Das künstliche Licht flackerte leicht über den zwei Fahrstühlen. Hier war keine Menschenseele.
„Eines noch“, sagte Kai, als sie eintraten. Er wandte sich ihr voll zu. „Wieso bist du vorhin nach dem Match im Gang stehen geblieben? Wieso bist du nicht direkt zurück in den Warteraum gegangen?“
Die Frage kam unvermittelt. Nami suchte nach einer Antwort, die nicht zu viel verriet. „Im Warteraum war es mir zu laut. Ich wollte meine Gedanken ordnen... und...“ Sie hielt inne und ein schelmisches Funkeln trat in ihre Augen. „Und du? Wieso warst du überhaupt in diesem Gang? Hattest du dich verlaufen?“
Ein seltenes, ehrliches Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen. „Ich hatte mich tatsächlich in der Tür geirrt. Ich wollte eigentlich diskret in den Warteraum hinein blicken, um mir deine Konkurrenz genauer anzusehen. Und...“ Er zögerte. Sein Blick wurde tiefer, intensiver, er fixierte ihre Augen, als gäbe es kein Entkommen. „...ich wollte wissen, wer du bist. Es war purer Zufall, dass ich genau in dem Moment aus der Tür kam, als du dort standest.“
Innerlich verfluchte Kai sich im selben Moment. Warum hatte er das gesagt? Er war kein Typ für Geständnisse. Er sah sofort die Wirkung seiner Worte auf Nami...ihre Augen weiteten sich, und eine verräterische Röte kroch ihren Hals hinauf.
~Verdammt, verdammt...~, dachte Nami. Ihr Mund öffnete sich leicht, doch kein Wort wollte über ihre Lippen kommen. Er hatte sie gesucht? Kai Hiwatari hatte ihrer wegen die Loge verlassen?
Kai betrachtete sie, und trotz seines Ärgers über sich selbst genoss er den Anblick ihrer Sprachlosigkeit. Doch das Gefühl war gefährlich. Er spürte, wie sein Verstand gegen seinen Instinkt kämpfte. Seine Augen glitten für einen verräterischen Moment über ihren Körper. Das rosafarbene Minikleid schmiegte sich an ihre schlanke Figur, betonte die feinen Linien ihres Körpers bei jeder Bewegung. Er verfluchte sich. Er war kein Anfänger, er ließ sich nicht von Reizen ablenken. Affären mit den Töchtern mächtiger Männer bedeuteten nichts als Ärger...und er war ein einsamer Wolf, dessen Herz für Dunkelheit und Sieg reserviert war, nicht für die Schwärmereien eines Mädchens.
„Vergiss, was ich gesagt habe“, sagte er barsch, um die aufkommende Spannung zu brechen. „Ich habe mich wohl falsch ausgedrückt.“ Er drückte fast schon ungeduldig den Knopf des Aufzugs. „Du solltest zurück in den Warteraum. Verpass dein nächstes Match nicht.“
Nami blinzelte und fand ihre Fassung mühsam wieder. Sie spürte, wie er die Mauer wieder hochzog, Ziegel für Ziegel. „Ja, das sollte ich wohl. Es wäre nur schön, wenn ich zur Abwechslung mal einen Gegner bekäme, der mich wirklich fordert“, seufzte sie.
Kai sah sie an. Er verstand diesen Hunger nach einer echten Herausforderung nur zu gut. „Die Paarungen sind Zufall, aber... ich werde sehen, was ich tun kann. Die Verlobte eines alten Teamkameraden nimmt teil. Ich werde versuchen, die Fäden so zu ziehen, dass du gegen sie antrittst. Ich habe da meine Beziehungen.“
Nami lächelte. Das war genau das, was sie brauchte. „Danke.“
„Nimm den anderen Fahrstuhl“, wies er sie an. „Fahr ins Untergeschoss und folge dem Flur bis zum Ende. Ich fahre wieder hoch auf die Loge.“
Die Fahrstuhltür öffnete sich. Kai schritt hinein, die Hände wieder tief in den Taschen vergraben. Bevor die Türen sich schlossen, warf er ihr einen letzten Blick über die Schulter zu. Ein Blick, der viel mehr sagte als seine kühlen Worte.
„Ich warte auf dein nächstes Match. Wir sehen uns...“
Er verkniff sich das „bald“. Die Türen glitten zu und ließen Nami in der Stille des Treppenhauses zurück. Sie starrte auf die geschlossenen Türen und spürte, wie ihr Herz immer noch viel zu schnell schlug. Er mochte eine Mauer um sich haben, aber heute hatte sie einen Riss darin gesehen.