LNCrawler

Der Morgen im Anwesen

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Morgen im Anwesen

Das dumpfe Knistern der sterbenden Glut im Kamin war wieder das einzige Geräusch, das den ehrwürdigen Speisesaal erfüllte. Die Hitze, die eben noch den Raum zum Kochen gebracht hatte, wich langsam der kühlen Herbstnacht, die durch die Ritzen der alten Fensterscheiben drang.

Kai schloss für einen langen Moment die Augen, die Stirn an ihre Schläfe gelehnt, während sein eigener Atem allmählich wieder flacher wurde. Schließlich bewegte er sich. Quälend langsam und mit einem tiefen, rauen Ausatmen zog er sich aus ihr zurück. Nami entfuhr ein leises, unwillkürliches Wimmern über den plötzlichen Verlust seiner massiven Wärme, und ihr Körper erzitterte in den abklingenden Nachwehen des zweiten Höhepunkts.

Völlig entkräftet blieb sie auf dem dunklen Holz des Tisches liegen, die Oberschenkel noch immer leicht geöffnet, während ihr Atem sich nur mühsam beruhigte. Ihr silbrig-weißes Haar war wild verzaust und bildete einen hellen, glänzenden Kontrast zu der polierten Oberfläche. Sie spürte jeden einzelnen Muskel ihres Körpers... ein angenehmes, tiefes Erschöpftsein, das von einer süßen Schwere begleitet wurde.

Kai dachte gar nicht daran Abstand zwischen sie zu bringen. Seine Bewegungen hatten wieder diese unerschütterliche, fast königliche Ruhe angenommen. Er trat noch ein Stück näher an die Tischkante, beugte sich hinab und schob seine starken Arme unter ihren nackten Rücken und ihre Knie.

Nami gab einen leisen, schlaftrunkenen Laut von sich, als er sie vollkommen nackt und mühelos in seine Arme hochhob. Instinktiv vergrub sie ihr Gesicht an seiner ebenso nackten, breiten Schulter und schlang die Arme um seinen Hals. Seine Haut war noch immer heiß und schweißnass, und der vertraute Duft seiner Haut umhüllte sie wie ein Schutzmantel. Mit raumgreifenden, sicheren Schritten trug er sie aus dem abgedunkelten Saal, die breite Marmortreppe hinauf und in das weitläufige Hauptschlafzimmer im Nordflügel. Ihre Kleidung und die glitzernden Spuren der Nacht blieben im Speisesaal zurück... ein stummes Zeugnis ihrer schier unendlichen Leidenschaft.

Als er sie auf das große, dunkle Bett legte und die schwere Decke über ihren zitternden Körper zog, öffnete Nami im fahlen Mondlicht leicht die Augen. Kai wollte sich gerade abwenden, um auf der anderen Seite des Bettes Platz zu nehmen, als sie nach seinem Handgelenk griff. Ihre Finger waren noch immer schwach, doch der Griff war bestimmt.

Ein mattes, aber unübersehbar freches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Theoretische Revanche... hm?“, raunte sie mit beinahe tonloser, rauer Stimme. „Du hast ziemlich viel riskiert für ein reines Gedankenspiel, Champion.“

Kai hielt inne. Im fahlen Licht, das durch die Vorhänge fiel, sah sie das gefährliche, amüsierte Funkeln in seinen rubinroten Augen aufblitzen. Er entzog ihr die Hand nicht, sondern drehte sie um und drückte ihre Finger kurz und besitzergreifend.

„Schlaf jetzt, Nami“, erwiderte er mit einem tiefen, rauen Grollen, das jedoch keine Schärfe mehr besaß. „Sonst sorge ich dafür, dass die Praxis morgen in die Verlängerung geht.“

Mit einem leisen, glücklichen Seufzen schloss sie die Augen, die Decke fest an sich gezogen, während sie spürte, wie sich das Bett unter seinem Gewicht senkte und seine vertraute, warme Präsenz sich schützend von hinten an ihren Körper schmiegte.

Als Nami am nächsten Morgen die Augen öffnete, war das Zimmer in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Die herbstliche Morgensonne blinzelte sanft durch die schweren Vorhänge des großen Schlafzimmers. Das Erste, was sie spürte, war die vertraute, wohlige Hitze an ihrer Seite.

Kai lag auf dem Rücken, einen Arm hinter dem Kopf verschränkt, und blickte mit einer ruhigen, entspannten Aufmerksamkeit zu ihr hinab. Seine rubinroten Augen wirkten im fahlen Morgenlicht weicher als sonst, frei von der raubtierhaften Schärfe der letzten Nacht.

Nami rührte sich sacht unter der schweren Decke, wobei sie jede Faser ihrer beanspruchten Muskeln spürte. Ein feines Karminrot stahl sich auf ihre Wangen, als die Erinnerungen an den Speisesaal mit voller Wucht zurückkehrten. Sie drehte sich leicht auf die Seite, stützte das Kinn auf ihre Hand und sah zu ihm auf. Das silbrig-weiße Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern.

Sie dachte an seine dunklen Worte von gestern, an die Drohung einer „Bestrafung“ für ihre Provokation. Nami schluckte leicht, suchte seinen Blick und ließ die Maske der unnahbaren Kämpferin für einen Moment komplett fallen.

„Weißt du...“, begann sie leise, und ihre Stimme besaß noch immer diesen leicht schüchternen, samtenen Unterton des Morgens. Sie strich mit der freien Hand ganz sacht über die Bettdecke in seine Richtung, ohne ihn direkt zu berühren.

„... du hast gestern gesagt, dass diese Revanche eine Bestrafung für mich sein sollte.“

Kai rührte sich nicht, doch sein Blick verengte sich minimal, als er sie aufmerksam beobachtete.

Nami biss sich sacht auf die Unterlippe. „Ich wollte dich nur wissen lassen... dass es sich absolut nicht wie eine Bestrafung angefühlt hat.“

Kai hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne, dann entwich ihm ein kurzes, tiefes Schnauben aus der Nase... dieses typische, unnachahmliche Geräusch, das seine raue Amüsiertheit verriet. Noch bevor Nami reagieren konnte, löste er seinen Arm, umfasste mit seiner großen Hand sacht ihren Ninterkopf und zog sie unwiderstehlich zu sich nach oben. Er senkte den Kopf und drückte seine Lippen in einem langen, warmen und besitzergreifenden Kuss auf die ihren, der jede verbliebene Distanz zwischen ihnen augenblicklich auflöste.

Als er sich langsam wieder von ihr löste, blieb er dicht über ihr, sein Atem heiß auf ihren Lippen. „Nein?“, raunte er tief.

Nami versteckte ihr Gesicht für einen Moment an seiner Halsbeuge, während ihr Herz wieder schneller schlug. „Nein“, gestand sie mit einem leisen, fast atemlosen Flüstern gegen seine Haut.

„Es hat mich wahnsinnig gemacht. Diese quälende Langsamkeit, das Warten... ich dachte wirklich, ich verliere den Verstand. Aber es war... es war einfach überwältigend.“

Ein tiefes, zufriedenes Vibrato ging von Kais Brust auf ihre über, als er den Arm fest um ihre Taille schlang und sie noch ein Stück enger an sich drückte. Er genoss ihre Ehrlichkeit, diese verletzliche Seite, die sie nur vor ihm offenbarte.

„Gut“, raunte er an ihr Ohr, und das gefährlich-amüsierte Funkeln kehrte in seine Augen zurück. „Denn genau das war der Plan, Nami. Merk dir das für das nächste Mal, wenn du mich herausforderst.“

Nami löste ihr Gesicht aus seiner Halsbeuge, legte den Kopf leicht in den Nacken und sah ihn mit einem unübersehbar herausfordernden Funkeln in den Augen an. Ein helles, klares Lachen entwich ihren Lippen.

„Oh, ich werde mir das definitiv merken, Champion“, erwiderte sie frech, während ein amüsiertes Lächeln um ihre Mundwinkel spielte.

Mit einer geschmeidigen Bewegung wollte sie die Decke beiseiteschieben und Anstalten machen, aufzustehen, doch Kai dachte gar nicht daran, sie so einfach gehen zu lassen.

Seine Hand schoss vor. Mit einem unbarmherzig schnellen Griff packte er sie von hinten fest an der Taille und zog sie mit einem einzigen, kraftvollen Ruck zurück in die Kissen, um sie im nächsten Sekundenbruchteil unter seinem massiven Körper zu begraben.

Nami kreischte kurz überrascht auf, doch das Erschrecken wandelte sich augenblicklich in ein herzliches, freies Lachen, als sie die weiche Matratze unter ihrem Rücken spürte. Kai stützte sein Gewicht auf den Ellbogen ab, um sie nicht vollständig zu erdrücken, während er sein Gesicht tief in ihrer warmen Halsbeuge vergrub.

Er drückte sie fest an seine breite Brust, spürte das rhythmische Beben ihres Lachens gegen seine eigene Haut und genoss diesen unbeschwerten, privaten Moment in vollen Zügen.

„Kai...“, brachte sie zwischen zwei Lachern hervor und suchte im Kissen nach Halt, während seine Haare sie leicht am Kinn kitzelten. „Wir sollten... wir sollten wirklich lieber frühstücken gehen. Ich muss in genau vierzig Minuten in der Schule sein.“

Ein tiefes, unzufriedenes Grummeln ertönte an ihrem Hals, das wie ein Vibrato durch ihren gesamten Körper ging. Kai dachte offensichtlich nicht im Traum daran, sich von Grahams Zeitplan oder der Schulglocke diktieren zu lassen, wie lange er seine Freundin im Bett behalten durfte.

Nami musste erneut lachen, das melodische Geräusch erfüllte das sonnendurchflutete Schlafzimmer. Sie legte ihre Hände sacht an seine Wangen und drückte ihn ein wenig nach oben, bis sich ihre Blicke trafen. „Ich meine es ernst, Champion. Wenn ich zu spät komme, kriegt Momoko nur wieder Wind von der Sache und ich muss mich erklären.“

Das schien das einzige Argument zu sein, das zog. Kai schnaubte kurz und gab sie schließlich mit einem letzten, besitzergreifenden Druck um ihre Hüfte frei. Er rollte sich von ihr und erhob sich in einer einzigen, fließenden Bewegung aus dem Bett. Seine athletische, nackte Statur spannte sich im warmen Morgenlicht an, während er sich umdrehte und zu ihr herabblickte.

Er streckte seine große Hand nach ihr aus. Nami lächelte, legte ihre zierliche Hand in die seine und ließ sich von ihm mit leichtem Schwung mühelos aus den Laken nach oben ziehen, bis sie dicht vor ihm stand. Doch bevor sie sich ganz von ihm lösen konnte, hielt Kai ihre Hand fest im Griff. Er hob sie langsam an und drückte einen sanften, aber unmissverständlichen Kuss auf ihre Handknöchel, ohne dabei auch nur für einen Sekundenbruchteil den intensiven Blickkontakt zu ihren ozeanfarbenen Augen zu unterbrechen.

Das rubinrote Glühen in seinen Augen war ruhig, aber das Versprechen, das darin lag, war absolut unmissverständlich: Die Schule mochte sie für die nächsten Stunden fordern, doch sobald sie durch die Tore des Ayame-Anwesens zurückkehrte, gehörte sie wieder ganz ihm.

Nami löste ihre Hand sanft aus seinem Griff, hob sie an und legte ihre zierlichen Finger sacht an seine markante Wange. Mit dem Daumen strich sie in einer unendlich zärtlichen Bewegung über seine Haut, während sie ihn einfach nur still ansah. In ihren Augen lag eine tiefe, fast ehrfürchtige Wärme.

Kai hielt inne. Seine rubinroten Augen fixierten sie aufmerksam, und für einen Moment war da diese vertraute, leise Neugier in seinem Blick. „Was ist los?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die am frühen Morgen noch ein wenig dunkler klang als sonst.

Nami schüttelte nur sacht den Kopf, während ihr Daumen weiterhin die Kontur seiner Wange nachfuhr.

„Du hast dich verändert“, sagte sie leise, und ein weiches, berührtes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Vor ein paar Wochen noch... da hattest du regelrecht Angst, mich an dich heranzulassen. Weil du der Meinung warst, nicht zu wissen, wie man... wie man zärtlich oder liebevoll ist. Du dachtest, du hättest diese Gefühle gar nicht in dir.“

Sie machte eine kleine Pause, kam ihm ein Stück näher und sah ihm tief in die Augen. „Dabei... spüre ich heute nichts anderes als genau das. Zärtlichkeit und Liebe. Du wirkst auch... viel entspannter als ganz am Anfang. Als hättest du schon immer gewusst, wie man liebevoll ist.“

Kai sah sie schweigend an. Die Worte schienen in dem stillen, sonnendurchfluteten Raum nachzuhallen. Schließlich hob er seine große Hand und legte sie behutsam über die ihre, die noch immer an seiner Wange lag, um ihre Finger an Ort und Stelle zu halten.

„Ich habe es tatsächlich geglaubt“, gab er zu, und seine Stimme klang bemerkenswert leise, fast verletzlich. „Ich war fest davon überzeugt, dass ich in deinem Leben nur Chaos stiften und dir letztendlich nur weh tun würde, wenn ich dich an mich heranlasse... aber...“

Er schluckte schwer.

Nami bemerkte, wie seine Kehle sich bewegte. Es war nach wie vor ungewohnt für Kai, über seine Gefühle zu sprechen, oder viel eher... es war ungewohnt für ihn, sich so unbeschwert und leicht dabei zu fühlen.

All die Jahre hatte jedes Eingeständnis von Schwäche oder Emotion wie eine zentnerschwere Last auf ihm gelegen, doch jetzt war da etwas anderes.

Er atmete tief aus, ehe er weitersprach. „In dem Moment, als diese Mauer fiel... in dem Moment, als ich es endlich zugelassen habe... war es plötzlich so einfach. Und seltsamerweise schien es mir von einer Sekunde auf die andere leichtzufallen, sanft zu sein. Nähe zuzulassen. Als hätte ich mir all die Jahre vorher einfach nur fest genug eingeredet, dass ich eiskalt sein muss, um es am Ende selbst zu glauben...“

Seine Augen fixierten sie mit einer Intensität, die sie bis ins Mark traf. „Aber vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass du es bist.“

Nami spürte, wie ihr Herz bei diesen Worten einen heftigen Schlag tat. Ein wissendes, sanftes Lächeln trat auf ihr Gesicht, und sie nickte leicht. „Wahrscheinlich hat meine Aura dir einfach einen Schubs gegeben, als du ihn gebraucht hast.“

Kai schüttelte jedoch sofort den Kopf, und sein Griff um ihre Hand wurde eine Spur fester, unmissverständlicher. „Selbst wenn es so ist“, entgegnete er fest, „ändert das absolut nichts an dem, was ich für dich fühle. Ich bin mir sicher... dass ich dich auch ohne diese heilende Aura gewollt hätte.“

Er schluckte erneut und hielt für einen Moment inne, während sein Blick kurz ins Leere schweifte.

Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er an die Kälte zurück. An die jahrelange, lähmende Leere in seinem Inneren, die ihn vor ihrer Begegnung definiert hatte. Dann sah er sie wieder an.

„Du hättest wohl nur sehr... sehr viel mehr Geduld mit mir haben müssen, wenn diese Aura nicht gewesen wäre. Das wäre vielleicht das Einzige gewesen. Es hätte länger gedauert, bis ich gelernt hätte, die Waffen vor dir niederzulegen.“

Nami sah ihn voller Erleichterung an. Sie überwand die letzten Zentimeter zwischen ihnen, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen sanften, liebevollen Kuss auf die Lippen, den er mit einer tiefen Hingabe erwiderte.

Es war ein Thema, das sie im Stillen lange beschäftigt hatte. Am Anfang, als sie erfahren hatte, dass die Aura ihres Bit Beasts eine heilende Wirkung auf Kais innere Dunkelheit hatte und damit erst den Boden für seine Gefühle zu ihr bereitete, hatte es sie zutiefst verunsichert. Sie hatte sich zeitweise gefühlt, als hätte sie ihn unbewusst manipuliert, um sein Herz für sich zu gewinnen... als wäre seine Zuneigung nicht ganz echt.

Doch Kai hatte bereits mehrfach mit aller Deutlichkeit betont, dass dies nicht der Fall war. Und wie er sie jetzt hielt, wie ehrlich er zu ihr sprach, löschte auch den allerletzten Zweifel in ihrer Seele aus. Seine Liebe war echt, tief und gehörte ganz ihr.

Kai schmunzelte leise, und das vertraute, tiefe Timbre in seiner Brust vertrieb die letzte emotionale Schwere aus dem Raum. Er strich ihr eine silbrig-weiße Locke aus dem Gesicht und sah sie mit einem gefährlich-amüsierten Funkeln an.

„Wir sollten uns jetzt wirklich lieber anziehen und runter zum Frühstück gehen“, raunte er, während er einen kurzen Blick zur großen Standuhr warf.

„Denn jetzt... sind es nur noch genau dreißig Minuten, Miss Nami. Und ich glaube kaum, dass du im Strickkleid zur Schule sprinten willst.“

Nami zuckte schmunzelnd zusammen, gab ihm einen letzten, schnellen Kuss auf die Wange und löste sich lachend aus seiner Umarmung, um sich eilig fertig zu machen.

Wenig später schritten die beiden die breite, ehrwürdige Marmortreppe des Ayame-Anwesens hinab. Ihre Finger waren fest miteinander verflochten, und obwohl Nami bei jedem Schritt noch das leise, verräterische Zittern in ihren Oberschenkeln spürte, ging sie erhobenen Hauptes an seiner Seite. Kai hielt ihre Hand unaufgefordert im Griff.

Als sie den großen Speisesaal betraten, war von den wilden Spuren der vergangenen Nacht absolut nichts mehr zu sehen. Der massive Holztisch war makellos sauber gewischt, die Stühle standen in perfekter Symmetrie und ein frisches, schneeweißes Tischtuch war aufgelegt worden.

Kai führte Nami zu ihrem Platz, wartete, bis sie sich mit einem leisen, unwillkürlichen Seufzen auf das Polster gleiten ließ, und nahm dann selbst am Kopfende Platz.

In genau diesem Moment öffnete sich die schwere Tür zum Dienstbotenbereich und Graham trat lautlos ein. Er trug ein silbernes Tablett mit einer frischen Kanne Tee und warmen Croissants. Seine Haltung war wie gewohnt eine absolute Meisterleistung britischer Etikette, die Miene eine unlesbare Maske.

Doch als er sah, dass Nami mit leuchtenden Augen wohlig seufzte und Kai nun fast schon entspannt in seinem Stuhl saß, blitzte für den Bruchteil einer Sekunde etwas in den Augen des alten Butlers auf. Es war kein Grinsen, kein Wort... nur ein winziges, warmes Aufweichen seiner Züge. Graham, der Kai seit dessen Kindheit und Jugend erlebt hatte, empfand in diesem Moment einen tiefen, stummen Stolz über den Wandel des jungen Mannes. Kai war nicht mehr der unnahbare, unglückliche Junge aus der Abtei; er war ein Mann geworden, der fähig war, zu lieben.

Natürlich hielt das Graham nicht davon ab, seine unnachahmlich trockene Fassade sofort wieder hochzuziehen. Er trat an Namis Seite und goss den dampfenden Tee mit präziser Eleganz ein.

„Ich habe mir erlaubt, das Frühstück heute um eine halbe Stunde zu verzögern, Miss Nami“, erklärte Graham mit seiner gewohnt emotionslosen, staubtrockenen Stimme und trat einen Schritt zurück.

„Ich ging pflichtbewusst davon aus, dass der... sportliche Ehrgeiz der gestrigen Nacht nach einer etwas längeren Regenerationsphase verlangt. Die Holzpolitur des Esstisches hat die intensive Beanspruchung erfreulicherweise schadenfrei überstanden.“

Nami spürte, wie ihr augenblicklich eine intensive Hitze in die Wangen schoss. Sie hob hastig die Teetasse, um ihr hochrotes Gesicht dahinter zu verbergen, und starrte intensiv auf die Oberfläche des Tees.

Kai senkte die Augenbrauen, während seine Aura sofort wieder eine mörderische, finstere Schärfe annahm. Er fixierte den Butler mit einem Blick, der Granit hätte spalten können.

„Graham“, grollte er tief und warnend.

„Sir?“, erwiderte Graham vollkommen ungerührt und neigte das Haupt in perfekter Unschuld.

„Ich wollte lediglich sicherstellen, dass die Rechtsabteilung in Chiba weiß, dass wir heute...keine...Freizeitparks in Chiba kaufen müssen. Da die Herrschaften den Abend offensichtlich auch im Hause äußerst... produktiv zu gestalten wissen. Es ist beruhigend zu sehen, dass Master Kais Ausdauer sich nicht nur auf die Beyblade-Arena beschränkt.“

Unter dem Tisch streckte Nami ihr Bein aus und tippte mit der Fußspitze frech gegen Kais Schienbein. Sie sah ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg mit einem absolut unschuldigen, aber innerlich prustenden Blick an.

Kai hielt den mörderischen Blick auf Graham noch für genau zwei Sekunden aufrecht, ehe er den Kopf schüttelte. Ein raues, leises Schmunzeln vibrierte in seiner Brust, während er sich seinem Frühstück zu wandte.

„Verschwinde, Graham.“

„Sehr wohl, Sir. Einen angenehmen Appetit den Herrschaften. Und einen erfolgreichen Schultag, Miss Nami... sofern die Schwerkraft Ihnen heute gewogen bleibt.“

Mit einer formvollendeten Verbeugung drehte sich der Butler um und schritt lautlos davon, während Nami die Hand vor den Mund pressen musste, um nicht laut loszulachen. Das Spiel war endgültig eröffnet, und die ehrwürdigen Mauern des Ayame-Anwesens hatten ein neues Kapitel ihrer Geschichte besiegelt.