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Veränderungen

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Veränderungen

Wenig später saß Nami auf dem Beifahrersitz von Kais dunklem Wagen, während das Ayame-Anwesen im Rückspiegel langsam hinter den herbstlichen Bäumen verschwand. Die Fahrt vom Stadtrand zur Schule war eine völlig andere Route als die gewohnte Strecke von Shinjuku aus. Die Straßen waren hier weniger von Neonreklamen dominiert, sondern gaben immer wieder den Blick auf die gewaltige Skyline von Tokio frei.

Nami blickte aus dem Fenster und beobachtete, wie die Morgensonne sich auf den Glasfronten der Wolkenkratzer brach. Plötzlich fiel ihr Blick auf einen gigantischen, gläsernen Tower, der majestätisch und fast schon bedrohlich über den anderen Gebäuden thronte. Das markante, kühle Logo an der Spitze ließ sie für einen Moment die Luft anhalten.

Sie wandte den Kopf leicht zur Seite und sah Kai an, dessen Profil wie gewohnt konzentriert und unnahbar wirkte, während er den Wagen souverän durch den morgendlichen Verkehr steuerte.

„Kai?“, brach sie das ruhige Schweigen im Auto. „Ich habe dich das bisher noch gar nicht gefragt, aber... wie läuft das eigentlich mit deinem Erbe? Jetzt, wo Voltaire seit einigen Jahren tot ist. Wieso bist du eigentlich nicht der Geschäftsführer?“

Kai schwieg. Seine großen Hände lagen locker, aber fest auf dem Lenkrad. Für ein paar Sekunden verengten sich seine rötlichen Augen minimal, als sein Blick auf den gläsernen Tower am Horizont fiel. Die Erwähnung seines Großvaters und dieses Konzerns brachte unweigerlich die alte Kälte der Abtei für einen Moment zurück in den Raum.

„Weißt du überhaupt, was Hiwatari Enterprise herstellt, Nami?“, fragte er schließlich mit einer tiefen, rauen Stimme, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

Nami spürte den ernsten Unterton und nickte leicht, während sie ihn weiterhin genau beobachtete. „Soweit ich weiß... sind es Kriegswaffen. Hochtechnologie für das Militär.“

Kai warf ihr einen kurzen, messerscharfen Seitenblick zu, ehe er wieder nach vorne sah. „Richtig. Und ich wollte nie auch nur einen einzigen Tag meines Lebens etwas mit dieser Maschinerie zu tun haben. Ich habe das Blut an den Händen meines Großvaters gesehen. Also habe ich die Nachfolge als Geschäftsführer sofort abgelehnt.“

Er legte den nächsten Gang ein, und der Motor des Wagens heulte leise auf. „Ich habe die Leitung an einen meiner Großonkel überschrieben. Er leitet das Imperium nun seit drei Jahren.“

Nami dachte einen Moment über seine Worte nach. Sie verstand seine Abscheu vor den Waffen, doch in ihrem Kopf formte sich sofort der Gedanke an eine andere, weitaus hellere Zukunft für dieses mächtige Unternehmen.

„Aber Kai...“, begann sie langsam und legte eine Hand auf die Mittelkonsole, um ihm näher zu sein. „Hättest du als Geschäftsführer nicht einfach eine Art Revolution starten können? Du hättest die Produktion von Kriegswaffen stoppen und die gesamte Infrastruktur stattdessen für die Beyblade-Technologie nutzen können. Das Know-how und die finanziellen Mittel wären doch da gewesen.“

Kai schnaubte kurz und trocken... ein Geräusch, das von einer tiefen, pragmatischen Reife zeugte. Ein fast schon bitteres Lächeln deutete sich auf seinen Lippen an.

„So einfach läuft das in der Geschäftswelt nicht, Nami“, erwiderte er ruhig, während er den Wagen gekonnt um eine scharfe Kurve lenkte. „Selbst wenn ich gewollt hätte... Als Voltaire starb, war ich siebzehn Jahre alt. Ich war nach dem Gesetz minderjährig. Ich besaß überhaupt keine volle Geschäftsfähigkeit.“

Er hielt kurz inne, ließ den Blick über die fahrenden Autos vor ihnen gleiten und fuhr dann fort: „Ohne eigene Entscheidungsgewalt hätte der Konzernrat mir sofort einen gerichtlich bestellten Vormund oder Verwalter vor die Nase gesetzt. Jemanden, der über mich und meine Stimme verfügt hätte, bis ich rechtlich alt genug gewesen wäre. Und glaub mir, dieser Verwalter wäre garantiert aus den Reihen der Vorstandsmitglieder gekommen.“

Nami blickte ihn überrascht an, während sich die logische Tragweite seiner Worte in ihrem Kopf entfaltete.

„In diesem Rat sitzen eine Menge alter, korrupter Männer in teuren Anzügen“, ergänzte Kai mit schneidender Härte in der Stimme. „Sie profitieren seit Jahrzehnten vom Krieg und von den Waffenexporten. Selbst wenn ich voll geschäftsfähig gewesen wäre... eine Umstrukturierung dieser Größenordnung hätten sie niemals zugelassen. Sie hätten mich blockiert, noch bevor ich das erste Dekret hätte unterschreiben können.“

Er drückte das Gaspedal etwas tiefer durch, als die gewohnten Backsteinbauten der Schule in Sichtweite kamen. „Um so ein korruptes System von innen heraus zu stürzen und die Ausrichtung eines Weltkonzerns komplett zu verändern, hätte ich nicht nur die Volljährigkeit gebraucht. Ich hätte einen verdammt mächtigen Verbündeten im Rat gebraucht. Jemanden mit enormen Stimmrechten, der als mein rechtlicher Vormund agiert und diese alten Männer gleichzeitig in die Knie zwingt. Alleine war das von vornherein ein aussichtsloser Kampf, den ich nicht führen konnte und wollte. Nicht für ein Erbe, das ich ohnehin hasse.“

Nami blickte wieder zu dem gigantischen Tower zurück, der nun langsam hinter den Häuserzeilen verschwand. Seine Worte hallten in ihr nach. Er hatte recht... die Realität war kein Wunschkonzert. Aber die Tatsache, dass er überhaupt von einem „mächtigen Verbündeten“ sprach, ließ in Nami einen kleinen, unsichtbaren Funken zurück.

Das Thema war für Kai abgeschlossen, doch die bloße theoretische Möglichkeit einer solchen Revolution lag von nun an wie ein ungesagtes Versprechen in der Luft.

Der Wagen glitt elegant auf den Besucherparkplatz der Schule und kam mit einem leisen Surren des Motors zum Stehen. Kai schaltete die Zündung aus, und für einen Moment kehrte die vertraute Stille in das Innere des Autos zurück.

Er schnallte sich wortlos ab, und Nami tat es ihm mit einem unbewussten, glücklichen Lächeln gleich. Es war in den letzten Wochen zu einer festen, unumstößlichen Normalität für die beiden geworden: Er ließ sie nicht einfach am Straßenrand aussteigen. Er parkte den Wagen, stieg aus und begleitete sie Schritt für Schritt über den Asphalt bis zum großen, eisernen Haupttor der Schule.

Als sie das Tor erreichten, blieben sie im morgendlichen Trubel der eintreffenden Schüler stehen. Nami drehte sich ganz selbstverständlich zu ihm um, das silbrig-weiße Haar glänzte in der Morgensonne, und sie hob bereits leicht das Kinn. Sie erwartete den Abschiedskuss längst... es war ihr gemeinsames Ritual geworden.

Kai enttäuschte sie nicht. Er trat den letzten Schritt an sie heran, legte seine große Hand sacht, aber bestimmend an ihre Taille und zog sie sanft zu sich, um ihr vor den Augen aller Mitschüler einen tiefen, unendlich intensiven und romantischen Kuss zu geben.

Es war eine Geste, die sich Kai Hiwatari vor einigen Jahren... oder selbst vor ein paar Monaten... niemals im Traum hätte vorstellen können. Die bloße Idee, private, romantische Gefühle in aller Öffentlichkeit so ungeniert zur Schau zu stellen, wäre ihm damals völlig absurd und fast schon wie eine Schwachstelle vorgekommen.

Doch er genoss Namis Reaktion jedes einzelne Mal aufs Neue... dieses feine, wunderschöne Karminrot, das noch immer verlässlich auf ihren Wangen aufflammte, und das glückliche, fast berauschte Funkeln in ihren ozeanfarbenen Augen. Er wusste ganz genau, wie sehr sie es genoss, wenn er so offen zeigte, dass sie zu ihm gehörte.

Auf dem Schulhof war diese Szene längst kein Grund mehr für heftiges Getuschel oder ungläubige Blicke. Es war seit Wochen eine bekannte, akzeptierte Tatsache, dass die beiden ein Paar waren. Der erste Schock der Mitschüler hatte sich gelegt, und die tägliche Routine hatte das Bild gefestigt.

Dennoch gab es für Kai nach wie vor einen weitaus pragmatischeren, raubtierhafteren Grund, dieses Ritual eisern beizubehalten. Ihm war vom ersten Tag an nicht entgangen, wie beliebt Nami bei ihren männlichen Mitschülern war. Sie war eine absolute Schönheit, eine talentierte Championess, und die Blicke der anderen Jungs klebten noch immer an ihr, sobald sie den Schulhof betrat.

Während seine Lippen sich langsam von den ihren lösten, seine Hand aber noch immer sacht an ihrer Taille lag, hob Kai leicht den Kopf. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, als er seinen kühlen, mörderischen Blick für den Bruchteil einer Sekunde über den Hof schweifen ließ. Es war eine schlichte, tägliche Demonstration von Macht und absolutem Besitzanspruch.

Jeder Junge auf diesem Hof verstand das stumme Signal sofort und wandte hastig den Blick ab:

Sie gehört dem Champion. Wer ihr zu nahe kommt, verbrennt im Feuer von Dranzer.

Nami spürte die besitzergreifende Elektrizität, die von ihm ausging, und konnte nicht anders, als leise gegen seine Lippen zu schmunzeln. Sie stellte sich noch einmal kurz auf die Zehenspitzen, hauchte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange und flüsterte: „Bis heute Nachmittag, Champion.“

Kai erwiderte das stumme, dunkle Glühen in ihren Augen mit einem fast unsichtbaren Schmunzeln, ehe er sich umdrehte und mit seinen gewohnt raumgreifenden, stolzen Schritten zurück zum Wagen ging. Nami sah ihm noch einen Moment nach, atmete tief durch und schritt dann, die Tasche fest in der Hand, durch das Haupttor.

Sie hatte kaum die ersten Schritte auf dem gepflasterten Schulhof zurückgelegt, als auch schon eine vertraute Gestalt auf sie zugestürzt kam. Momoko, ihre beste Freundin, eilte mit fliegenden Haaren und hektischen Schritten auf sie zu, die Schultasche lose über eine Schulter geworfen.

„Nami!“, rief sie schon von Weitem, ehe sie völlig außer Atem vor ihr zum Stehen kam und sie mit großen, neugierigen Augen musterte. „Gott sei Dank, du bist da! Sag mal, hat die Presse gestern eigentlich schon Kais Penthouse gestürmt? Ich habe gestern Abend wieder neue Artikel online gesehen und dachte nur: Oje, die Geier kreisen!“

Nami schmunzelte über den gewohnt stürmischen Tatendrang ihrer Freundin und passte ihren Schritt an, als sie gemeinsam auf das Hauptgebäude zugingen. „Guten Morgen, Momoko. Und ja, sie standen tatsächlich mit Kameras vor dem Haupteingang. Aber wir konnten ihnen ausweichen.“

„Ein Glück!“, stieß Momoko aus und warf einen vielsagenden Blick zurück zum eisernen Haupttor. „Vorhin standen nämlich auch schon wieder ein paar von diesen Reportern da draußen vor dem Schultor. Totale Belagerung! Aber der Schuldirektor hat direkt die Polizei gerufen, um den ganzen Platz räumen zu lassen. Du hast also echt Glück gehabt, dass du genau fünf Minuten später gekommen bist. Die Luft ist rein.“

Nami atmete unwillkürlich erleichtert aus. Sie dachte an Kais weitsichtige Entscheidung am Vorabend zurück. „Da bin ich froh. Kai hat das gestern schon geahnt. Deshalb sind wir gar nicht erst im Penthouse geblieben, sondern stattdessen gestern Abend noch ins Ayame-Anwesen gefahren. Wir werden die nächsten Nächte erst einmal dort verbringen, bis sich der Trubel um die Meisterschaft etwas gelegt hat.“

Momoko hielt abrupt mitten im Gehen inne, sperrte den Mund auf und pfiff einmal laut durch die Zähne. Einige vorbeigehende Mitschüler drehten sich kurz nach ihnen um, doch Momoko ignorierte sie völlig und packte Nami stattdessen aufgeregt am Oberarm.

„Im Ayame-Anwesen?!“, fragte sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und purem Amüsement. „Na, herzlichen Glückwunsch! Sag mal, kommst du dir da eigentlich nicht langsam vor wie eine echte Baroness, wenn du in diesem riesigen, tollen Schloss wohnst? Ich meine... das Ding ist geschichtsträchtig, Nami! Da läuft doch bestimmt ein Butler im Frack herum, der dir den Tee auf Silbertabletts serviert!“

Nami musste unwillkürlich an Graham, seine millimetergenaue Teekanne und die hochgezogene Augenbraue von heute Morgen denken. Ein verräterisches, warmes Kichern entwich ihrer Kehle. „Du ahnst ja gar nicht, wie recht du hast, Momoko. Graham ist eine Klasse für sich. Aber es ist wirklich wunderschön und vor allem friedlich dort.“

Momoko kicherte vergnügt, während sie ihren Weg durch die Schülermassen im Eingangsbereich fortsetzten, schubste Nami scherzhaft mit der Schulter an und wechselte dann in einen etwas spöttischeren Tonfall.

„Na, jedenfalls gibt es da jemanden, der deine neue Residenz nicht ganz so feiert. Kenji schmollt nämlich ein bisschen.“

Bei der Erwähnung von Namis Zwillingsbruder musste Momoko breit grinsen. „Er hat sich gestern bei mir ausgeweint und meinte, dass seine Schwester scheinbar überhaupt nicht mehr nach Hause kommt, um in ihrem alten Zimmer zu wohnen. Er fühlt sich wohl dezent im Stich gelassen.“

Nami lachte kurz und hell auf, das melodische Geräusch hallte angenehm im vollen Flur der Schule wider. Sie schüttelte amüsiert den Kopf über ihren Zwilling.

„Ach, Kenji... Er übertreibt wie immer. Es ist in den letzten Wochen einfach so gekommen, mit der ganzen Sicherheit wegen des Klons und dem Training. Es war einfach praktischer. Und meine Eltern und jüngeren Geschwister haben sich jedenfalls bis jetzt noch kein einziges Mal beschwert. Papa weiß genau, dass ich bei Kai gut aufgehoben bin.“

„Das hat die ganze Schule gerade eben auch wieder gesehen“, feixte Momoko und zwinkerte Nami anzüglich zu, während sie vor ihrem Klassenzimmer ankamen. „Der Champion markiert sein Revier eben extrem gründlich. Aber ganz ehrlich? Ich kann es ihm nicht verübeln.“

Während in den Gängen der Schule die Mittagsglocke läutete, herrschte im BBA-Hauptquartier die typische, geschäftige Dynamik der Mittagspause. Doch im hinteren Trakt des Gebäudes, weit abseits der lauten Trainingshallen und der kantinennahen Aufenthaltsräume, lag das kleine, private Büro, das Kai für seine administrativen Aufgaben zur Verfügung stand.

Hier drang der Trubel der Außenwelt nicht herrein. Kai saß entspannt, aber mit gewohnt schnurgerader Haltung in seinem dunklen Ledersessel. Das Einzige, was den Raum in ein kühles Licht tauchte, war der Bildschirm seines Tablets. Mit scharfer Präzision liefen darauf die Videoanalysen der jüngsten Trainingskämpfe der Junioren-Auswahl. Seine rubinroten Augen fixierten jede Bewegung der Blader, scannten jede falsche Gewichtsverlagerung und jeden strategischen Fehler der Nachwuchstalente, um sie später gnadenlos auszuwerten.

Ein leises, vertrautes Klopfen unterbrach die Stille, noch bevor die Klinke sich herunterdrückte. Kai hob nicht einmal den Kopf, als die Tür aufschwang und Ray den Raum betrat.

Der katzenhafte Blader strahlte wie eh und je eine tiefe, gelassene Ruhe aus. Er trug seine Trainingskleidung locker, die Hände lässig in den Taschen vergraben. Ohne auf eine explizite Einladung zu warten, schritt Ray auf den hölzernen Schreibtisch zu, zog den gegenüberliegenden Sessel heran und ließ sich mit einer geschmeidigen Bewegung hineinsinken. Er verschränkte die Arme vor der Brust, legte den Kopf leicht schief und beobachtete Kai für ein paar Sekunden schweigend bei der Arbeit.

„Fährst du Nami eigentlich immer noch jeden Tag zur Schule und holst sie auch wieder ab?“, brach Ray schließlich das Schweigen, und in seiner Stimme schwang diese typische, freundschaftliche Neugier mit. Er lehnte sich ein Stück zurück. „Und... hast du eigentlich vor, das jetzt ewig so beizubehalten?“

Kai bewegte sich nicht. Er tippte mit dem Daumen einmal kurz auf den Bildschirm, um das Video zu pausieren, ehe er das Tablet langsam flach auf die Tischplatte legte. Sein Blick hob sich, kühl, unbewegt und von jener staubtrockenen Pragmatik gezeichnet, die keine Widerworte duldete.

„Nami macht im kommenden Jahr ihren Abschluss“, erwiderte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme, während er Ray fixierte, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. „Und da ihre Schule ohnehin auf dem direkten Weg zur BBA liegt, hat das Ganze rein praktische Gründe.“ Er legte die Finger aneinander und zog eine Augenbraue nach oben. „Und ich wüsste nicht, wieso du der Meinung bist, dass dich das auch nur im Geringsten etwas angeht.“

Ray zuckte nicht einmal mit den Wimpern. Er kannte Kai viel zu gut und hatte mit dieser eisigen Abfuhr längst gerechnet. Stattdessen stahl sich ein breites, amüsiertes Schmunzeln auf seine Züge. Er wusste genau, dass hinter Kais vorgeschobenen „praktischen Gründen“ ein verdammt besitzergreifender Schutzinstinkt steckte, den der Champion vor dem Team niemals offen zugeben würde.

Ray schmunzelte breiter, legte den Kopf tiefer in den Nacken und sah Kai mit einem vielsagenden Blick an. „Rein praktische Gründe. So... so...“, wiederholte er amüsiert. „Und es hat natürlich absolut nichts damit zu tun, dass du jeden Morgen demonstrativ dein Revier vor der versammelten Schülerschaft markierst.“

Kai unterbrach ihn mit einer ruhigen, fließenden Handbewegung. Ein seltenes, dunkles Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Züge, das seinen rötlichen Augen eine gefährlich-gelassene Intensität verlieh.

„Das“, erwiderte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme, „ist lediglich ein äußerst nützlicher Nebeneffekt meiner Anwesenheit. Außerdem lässt die Presse nach wie vor nicht locker. Ich schlage also schlicht und ergreifend mehrere Fliegen mit einer Klappe.“

Ray lachte kurz und herzlich auf, schüttelte den Kopf und strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Er nickte verstehend, ehe seine Miene ein wenig verschmitzter wurde. „Verstehe. Wenn du das sagst. Aber sag mal... hat Nami dich eigentlich schon vorgewarnt?“

Kai griff nach seiner Kaffeetasse, nahm einen kleinen Schluck und stellte sie mit perfekter Präzision wieder ab. Seine Miene wurde wieder vollkommen trocken. „Wenn du Hilarys glorreichen Einfall bezüglich des Dreifach-Dates im Tokyo Disneyland meinst... ja. Nami hat mich gestern Abend bereits im Anwesen eingeweiht. Und ich sehe absolut kein Problem darin.“

Ray hielt mitten in der Bewegung inne. Das amüsierte Grinsen fror auf seinen Zügen ein, und er starrte den Champion für ein paar Sekunden vollkommen verdutzt an. Die Vorstellung, dass Kai Hiwatari... der Mann, der Freizeitparks vermutlich für die Vorhölle hielt... einer solchen Idee ohne mörderische Absichten zustimmte, sprengte Rays Vorstellungskraft.

„Kein... kein Problem?“, echote Ray ungläubig.

Kai schnaubte kurz und trocken, während er sich im Ledersessel zurücklehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. „Zieh nicht so ein dummes Gesicht, Ray“, entgegnete er ungerührt. „Ein Tag in einem quietschbunten Freizeitpark ist ein absoluter Spaziergang im Vergleich zu den Jahren, die ich in den eisigen Hallen der Abtei verbracht habe. Ich habe weiß Gott Schlimmeres überlebt als eine Riesenmaus.“

Ray lehnte sich langsam ein Stück vor, die Ellbogen auf den Knien abgestützt, ohne den Blick auch nur für eine Sekunde von Kai zu wenden. Er schüttelte leicht, fast schon ehrfürchtig den Kopf, während ein Hauch von tiefem, ehrlichem Respekt in seinem Tonfall mitschwang.

„Du hast dich wirklich verändert, Kai“, sagte er leise und meinte es vollkommen ernst. „Früher hättest du Hilary für so einen Vorschlag vermutlich eigenhändig aus dem Fenster geworfen. Nami tut dir verdammt gut.“

Kais rubinroter Blick verlor bei Rays letztem Satz für einige Sekunden schlagartig an Schärfe. Die gewohnte, unnahbare Maske des Champions bekam für einen flüchtigen Moment Risse. Er wandte den Blick kurz ab, unfähig, Rays direkter, ehrlicher Ehrfurcht standzuhalten. Er stützte den Ellbogen auf die dunkle Lederarmlehne, legte das Kinn in seine Hand und ließ den Blick ins Leere schweifen, irgendwohin an die Wand hinter Rays Schulter.

Für einen Moment schien die Zeit in dem kleinen Büro stillzustehen, während die Erinnerung an Namis zärtliche Berührung am Morgen, ihr helles Lachen im Bett und ihre heilende Aura wie eine warme Welle durch seine Brust zog.

„Das tut sie tatsächlich“, murmelte er schließlich. Die raue Stimme war so unendlich leise, so untypisch weich, dass Ray sie beinahe nicht gehört hätte. Es war kein bloßes Zugeständnis... es war die nackte, ungeschönte Wahrheit, die Kai zum ersten Mal vor jemand anderem als Nami selbst aussprach.

Ray hielt unwillkürlich die Luft an. Er wusste ganz genau, dass er Kai soeben ein unfassbar seltenes, kostbares Geständnis entlockt hatte. Ein falsches Wort, ein zu breites Grinsen, und die Mauern des Champions würden sofort wieder hochfahren. Um den intimen Moment nicht zu sehr auszureizen und Kais Stolz zu wahren, hielt Ray sich zurück. Er räusperte sich kurz und leise, um die aufkommende emotionale Schwere im Raum elegant zu vertreiben.

Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob er sich aus dem Sessel, klopfte sich kurz die Trainingshose glatt und wechselte mit einem lockeren Tonfall das Thema.

„Mr. Dickenson ist übrigens seit heute, nach seiner Hüft-OP, wieder zurück in seinem Büro“, sagte Ray, während er bereits einen Schritt in Richtung Tür machte. Er warf Kai noch einen kurzen, freundschaftlichen Blick zu. „Er meinte, du sollst bitte bei ihm vorbeischauen, sobald du Zeit hast. Er will wohl irgendwelche Details mit dir besprechen.“

Kai nickte Ray kurz und stumm zu, um zu signalisieren, dass die Nachricht angekommen war. Ray erwiderte die Geste mit einem letzten, entspannten Lächeln und verließ lautlos das Büro, wobei er die Tür leise ins Schloss fallen ließ.

Etwa zehn Minuten später schritt Kai mit gewohnt ruhigen, zielstrebigen Schritten durch den hellen Flur des BBA-Hauptquartiers und blieb vor der großen, eichenen Bürotür des Präsidenten stehen. Er klopfte kurz an, ehe er die Klinke nach unten drückte und eintrat.

Hinter dem massiven Schreibtisch saß ein Mann, den man in den heiligen Hallen der Beyblade Battle Association in den vergangenen drei Monaten schmerzlich vermisst hatte. Mr. Dickenson hatte sich nach einer schweren, komplizierten Hüft-Operation zu Hause in aller Ruhe auskurieren müssen. Doch am heutigen Tag besetzte der herzensgute, ältere Herr zum allerersten Mal wieder offiziell seinen vertrauten Chefsessel.

Als er Kai hereinkommen sah, hellte sich das ohnehin freundliche Gesicht von Mr. Dickenson augenblicklich auf. Er strahlte übers ganze Gesicht, und sein unverkennbarer, buschiger weißer Schnauzer bebte regelrecht vor aufrichtiger Freude.

Trotz der langen Abwesenheit hielt es den alten Mann nicht auf seinem Stuhl. Mit der Unterstützung eines Gehstocks erhob er sich mühsam, humpelte mit einem leicht unrunden, aber entschlossenen Gang in Kais Richtung und klopfte dem Champion mit seiner freien Hand väterlich auf die breite Schulter.

„Kai, mein Junge! Wie schön, dich zu sehen!“, rief er mit seiner warmen, vertrauten Stimme, während er sich wieder etwas auf den Stock stützte, um seine Hüfte zu entlasten.

Kai stand wie ein Fels in der Brandung, die Arme locker hinter dem Rücken verschränkt, und beobachtete den BBA-Präsidenten aufmerksam. Er war fest davon ausgegangen, dass der alte Mann ihn zu sich gerufen hatte, um über die Leistungsberichte der Neulinge, das anstehende Budget oder andere dringliche geschäftliche Angelegenheiten der Vereinigung zu sprechen.

Immerhin gab es nach einer dreimonatigen Abwesenheit sicher bergeweise Papierkram zu erledigen.

Doch Mr. Dickenson dachte gar nicht daran, sofort über Zahlen und BBA-Statuten zu reden. Er trat einen halben Schritt zurück, sah Kai mit einem unendlich stolzen, beinahe gerührten Blick an und ließ es sich nicht nehmen, die private Bombe platzen zu lassen.

„Ich muss dir einfach als Allererstes von ganzem Herzen gratulieren, Kai!“, sprudelte es aus dem alten Mann heraus, während seine Augen hinter den Brillengläsern funkelten. „Zu deiner wunderschönen Freundin! Die Nachricht hat mich selbst im Krankenbett erreicht. Namis Talent als Bladerin ist ja ohnehin in aller Munde, eine phänomenale junge Dame! Aber was für eine exzellente Wahl du da getroffen hast... es wärmt mir das alte Herz zu sehen, dass du endlich jemanden an deiner Seite hast, mein Junge.“

Kais Augenbraue zuckte kurz nach oben. Es lag ihm nach wie vor überhaupt nicht, über sein Privatleben zu sprechen, erst recht nicht mit den Funktionären der BBA. Dennoch gebot es der Respekt vor dem alten Mann, nicht sofort abzublocken. Er nickte nur stumm und hielt die Arme weiterhin hinter dem Rücken verschränkt, während er innerlich bereits abwägte, ob dies alles gewesen war, damit er sich wieder an seine Arbeit machen und gehen konnte.

Doch Mr. Dickenson war noch lange nicht fertig. Der BBA-Präsident kraulte sich nachdenklich den buschigen Schnauzer, und seine Züge nahmen plötzlich einen fast schon entschuldigenden Ausdruck an.

„Weißt du, Kai...“, begann der alte Mann und blickte ihn fast ein wenig verlegen an. „Ich muss mich beinahe bei dir entschuldigen. Dafür, dass ich dich damals zu diesem Turnier der Amateure und Neulinge geschickt habe. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich seinerzeit regelrecht dazu gedrängt habe, dort aufzukreuzen. Ich weiß ja, wie sehr du solche Veranstaltungen eigentlich meidest.“

Er hielt kurz inne und schmunzelte schwach. „Aber Hiro Tashiba hatte mich damals kontaktiert und mir gesagt, dass es von äußerster Wichtigkeit sei, dass du persönlich vor Ort bist. Er war so beharrlich, dass ich mich einfach gefügt habe.“

Plötzlich wandelte sich das Schmunzeln des alten Mannes in ein lautes, herzliches Lachen, das durch das gesamte Büro schallte. „Und was soll ich sagen? Dieser Tashiba hat wirklich ein unglaubliches Händchen dafür, das Schicksal ein wenig zu manipulieren! Wenn man das Ergebnis sieht, könnte man fast meinen, er hätte schon damals ganz genau gewusst, dass du und seine Tochter Nami ein Paar werden würden.“

~...wenn du wüsstest, alter Mann~

Kais Mundwinkel zuckte minimal bei der Erwähnung von Namis Vater. Er schloss für einen langen Moment die Augen, um die aufkommenden Gedanken an Hiros undurchschaubare, väterliche Pläne zu ordnen, und stieß lediglich sein typisches, raues und vielsagendes „Mh...“ aus. Ob Hiro nun das Schicksal aktiv manipuliert hatte... das Resultat war das Einzige, was für Kai zählte, und das stand mittlerweile unumstößlich an seiner Seite.

Kai verschränkte nun die Arme vor der Brust, hob leicht das Kinn und lenkte das Gespräch mit gewohnter Direktheit um. „Gibt es zufällig noch... andere Dinge, über die Sie mit mir reden wollten, Mr. Dickenson?“, fragte er mit seiner tiefen, unbewegten Stimme.

Mr. Dickenson winkte gutmütig ab. „Nein, nein, das war eigentlich alles, mein Junge. Die geschäftlichen Berichte können bis morgen warten.“

Doch ehe Kai sich ganz abwenden und den Raum verlassen konnte, hielt der alte Mann noch einmal inne. Ein schelmischer, fast schon väterlicher Ausdruck stahl sich in Mr. Dickensons Züge, und seine Augen blitzten belustigt auf. „Weißt du, Kai... ich freue mich einfach so unendlich für Nami. Ich kenne die junge Dame nun schon sehr lange durch ihren Vater und ich weiß ganz genau, dass sie schon immer für dich geschwärmt hat. Sie war so süß und schon als Kind ein unheimlich hübsches Mädchen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als sie vor ein paar Jahren mit Hiro hier in der BBA zu Besuch war und—“

„Es tut mir leid, Mr. Dickenson“, unterbrach Kai ihn ruhig, aber unmissverständlich. Er machte einen kontrollierten Schritt nach hinten. „Aber ich habe leider noch einiges zu tun.“

Mr. Dickenson blinzelte ein paar Mal überrascht, ehe er verständnisvoll lächelte. „Oh... ah, wenn das so ist, mein lieber Junge! Dann will ich dich natürlich gar nicht länger von der Arbeit aufhalten. Ich wünsche dir noch einen produktiven und schönen Tag.“

Kai neigte kurz den Kopf zum Abschied, wandte sich um und verließ mit festen Schritten das Büro, während die schwere Tür leise hinter ihm ins Schloss fiel.

Als er den hellen, steril wirkenden Flur hinabging, atmete er einmal tief durch die Nase aus. Es war seltsam. Wenn er mit Nami allein war, fühlte sich das Reden mittlerweile so leicht, unbeschwert und einfach an. Ihre Gegenwart löste die Knoten in seiner Brust. Und doch... hier draußen, in der Interaktion mit anderen, war Smalltalk über sein Privatleben oder die Begebenheiten in seinem Umfeld nach wie vor absolut nicht seine Stärke. Solche Gespräche auch nur eine Sekunde länger als nötig zu führen, war für ihn schlicht und ergreifend anstrengend und ermüdend. Er brauchte diese Einmischungen nicht. Für Kai zählte nur die Realität, die er und Nami hinter den Mauern des Ayame-Anwesens teilten... und die gehörte ganz ihnen allein.