Ehrfurcht
Ehrfurcht
Die schwere, schallisolierte Tür zur Trainingshalle 4 öffnete sich mit einem leisen Zischen. Kai schritt hinein, die Arme wie gewohnt locker hinter dem Rücken verschränkt, den Blick kühl und fokussiert. Es war das erste Mal seit seiner offiziellen Rückkehr zur BBA, dass er den sterilen Administrationstrakt verließ, um ein Training persönlich und hautnah zu sezieren. In den vergangenen Wochen hatte er sich bewusst im Hintergrund gehalten und die Auswertungen der Nachwuchsblader rein digital über sein Tablet betrieben. Doch Theorie ersetzte niemals die Praxis. Er musste die Dynamik, den Spin und den Willen der Blader mit eigenen Augen sehen.
In der Mitte der Halle befand sich eine erhöhte Plattform mit einem modernen Magnet-Beystadium. Eine kleine Gruppe von fünf Junioren-Bladern im Alter zwischen elf und vierzehn Jahren stand dort zusammen. An ihrer Seite befand sich Ray, der bis jetzt allein das Training geleitet und immer wieder geduldig Tipps zu Flugbahnen und Rotationsgeschwindigkeiten gegeben hatte.
Als Kais raumgreifende, stolze Schritte auf dem Hallenboden widerhallten, ging ein ungläubiges Raunen durch die Gruppe. Die Jugendlichen staunten nicht schlecht und starrten Kai mit ehrfürchtig aufgerissenen Augen an, als er wortlos an Rays Seite trat.
Ray warf ihm einen kurzen, überraschten Blick von der Seite zu, ehe sich ein wissendes, erfreutes Lächeln auf seine katzenhaften Züge stahl.
Kai ignorierte die Blicke der Teenager und fixierte stattdessen das Stadium, in dem zwei Beyblades gerade lautstark aufeinanderprallten. Sein geschultes Auge analysierte die Szenerie in Millisekunden. Er sah die fehlerhafte Gewichtsverlagerung des Angreifers, den unsauberen Abschusswinkel und die mangelnde Synchronisation.
Bevor er jedoch das erste vernichtende Urteil fällen konnte, trat ein etwa zwölfjähriges Mädchen aus der Gruppe einen mutigen Schritt vor. Ihre Hände umklammten nervös ihren Launcher, und ihre Augen leuchteten vor Aufregung.
„M-Mr. Hiwatari?“, fragte sie mit leicht zittriger, aber unglaublich neugieriger Stimme und blickte an ihm hoch. „Wo... wo ist denn eigentlich Ihre wunderschöne Freundin? Kommt Nami heute auch noch zum Training?“
Kais rubinrote Augen verengten sich minimal. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen, atmete tief durch die Nase ein und sammelte seine gewohnt unnahbare Geduld, um vor den Kindern nicht die Fassung zu verlieren. Dass sein Privatleben selbst den Elfjährigen hier ein Begriff war, strapazierte seine Nerven dezent.
„Sie ist in der Schule“, erwiderte er schließlich mit seiner tiefen, rauen Stimme, während er die Augen wieder öffnete und das Mädchen kühl fixierte. „Und sie hat heute keine Zeit, hier zu sein.“
Das Mädchen ließ sich von seiner abweisenden Art jedoch nicht einschüchtern. Im Gegenteil, ihre Augen wurden nur noch größer. „Stimmt das eigentlich, dass sie eine der besten Bladerinnen überhaupt ist? Haben Sie... haben Sie eigentlich schon mal in einem richtigen Match gegen sie gekämpft?“
Kai wollte die Frage gerade mit einer scharfen Bemerkung über den Fokus auf das eigentliche Training abwürgen, als er mitten im Satz innehielt. Seine Arme lockerten sich leicht. Er überlegte kurz, und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
~Ein richtiges Match~
In seinem Kopf spulten die vergangenen Monate im Zeitraffer zurück. Sie hatten unzählige Male gemeinsam in den Hallen von Tachibey Industries gestanden. Er hatte ihre Techniken analysiert, sie hatte gegen seine Prototypen gekämpft und sie hatten die Klon-Krise gemeinsam durchgestanden. Aber sie waren noch nie, kein einziges Mal, in einem offiziellen, erbarmungslosen Match gegeneinander angetreten.
Dranzer gegen Pegasus.
Das lodernde Feuer des Phönix gegen die ungezähmte, majestätische Kraft ihres geflügelten Pferdes.
Ein seltsames, fast schon elektrisierendes Gefühl breitete sich in Kais Brust aus. Der bloße Gedanke an die Urgewalt, die freigesetzt werden würde, wenn ihre beiden Bit-Beasts mit absolutem Ernst aufeinanderprallten, ließ das Blut des Champions schneller durch seine Adern fließen.
Ray, der Kai genau beobachtet hatte, bemerkte das plötzliche, gefährliche Aufblitzen in den Augen des Champions. Er wusste genau, was in Kais Kopf vorging, und unterdrückte ein Grinsen.
Kai fing sich jedoch schnell wieder. Er wandte den Blick von dem Mädchen ab, sah hinunter zum Beystadium und verschränkte die Arme wieder fest vor der Brust. Seine kühle Maske war im Bruchteil einer Sekunde wieder an ihrem Platz.
„Das steht hier jetzt nicht zur Debatte“, schnitt er das Thema trocken ab, und seine Stimme duldete keinen Widerspruch mehr. Er deutete mit einem herrischen Nicken auf den Blader am Stadium. „Dein Abschuss war katastrophal. Du hältst den Launcher zu weit links, wodurch dein Blade beim Aufprall wertvolle Ausdauer verliert. Noch einmal von vorn. Alle.“
Die Junioren schluckten kollektiv, nickten hastig und brachten sich sofort in Position. Das harte Training ging weiter. Doch während Kai die Bewegungen der Jugendlichen mit gewohnter Strenge korrigierte, hielt sich ein Gedanke hartnäckig im Hintergrund seines Verstandes. Die Frage des kleinen Mädchens hatte ein Feuer in ihm entfacht, das so schnell nicht verlöschen würde. Ein echtes Duell gegen Nami... es war kein Wunsch mehr, sondern eine unweigerliche Notwendigkeit, die er früher oder später einfordern würde.
Ein paar Stunden später stand Kai wie gewohnt am eisernen Haupttor der Schule. Er lehnte mit verschränkten Armen an einem Pfeiler, den kühlen Blick auf die herausströmenden Schülermassen gerichtet, während der herbstliche Wind leicht an seinen Haaren zupfte.
Als Nami durch das Tor trat, hellte sich ihr Gesicht augenblicklich auf. Sie steuerte direkt auf ihn zu, hob ganz selbstverständlich ihre Hände an seine markanten Wangen und strahlte ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen an.
Kai zögerte keine Sekunde. Er legte seine großen Hände an ihre Taille, zog sie fest an sich und drückte ihr einen tiefen, intensiven Kuss auf die Lippen.
Ein paar Mitschülerinnen, die gerade am Tor vorbeigingen, hielten kurz inne und seufzten leise und verträumt angesichts dieser unverhohlenen Romantik des sonst so unnahbaren Kai Hiwatari.
Nami löste sich langsam von ihm, musste über das hörbare Seufzen der Mädchen kurz lachen und biss sich amüsiert auf die Unterlippe. Kais Blick blieb wie gewohnt unbewegt, als er die Schülerschaft mit einem kühlen Seitenblick streifte, doch in seinen rubinroten Augen blitzte ein Funken auf... er genoss ihr tiefes Amüsement und die unmissverständliche Klarheit darüber, zu wem sie gehörte.
Wenig später saßen die beiden im Auto. Nami lehnte sich entspannt in den Beifahrersitz, fest in dem Glauben, dass sie den direkten Heimweg zum ruhigen Ayame-Anwesen antreten würden. Doch als Kai den Wagen nach einigen Minuten flüssig in eine ganz andere Spur einordnete und an der entscheidenden Kreuzung scharf nach rechts statt nach links abbog, blickte sie verwundert auf. Die dicht besiedelten Straßen und die vertrauten Glasfronten verrieten ihr sofort, dass sie sich dem Stadtzentrum näherten.
„Kai?“, fragte Nami amüsiert und zog eine Augenbraue nach oben. „Das ist aber nicht der Weg zum Anwesen. Wo fahren wir hin?“
Kai behielt die Hände fest auf dem Lenkrad und steuerte den Wagen souverän durch den Nachmittagsverkehr. Seine Miene blieb vollkommen ruhig, doch in seiner tiefen, rauen Stimme schwang ein seltener, geheimnisvoller Unterton mit.
„Mir wurde heute in der BBA-Trainingshalle eine... interessante Frage gestellt, Nami.“
Nami legte den Kopf leicht schief und beobachtete sein markantes Profil. „Ach ja? Was für eine Frage?“
„Von einem der Junioren-Blader“, erwiderte Kai, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. „Das Mädchen wollte wissen, ob wir beide jemals in einem richtigen Match gegeneinander angetreten sind. Dranzer gegen Pegasus.“
Er hielt kurz inne, und seine Finger trommelten in einem langsamen Takt auf dem Lenkrad. „Mir ist klar geworden, dass das tatsächlich nie der Fall war. Wir haben trainiert, wir haben analysiert... aber wir haben nie unter echten Matchbedingungen gekämpft.“
Er verlangsamte den Wagen, als das gigantische Hauptquartier der BBA am Horizont auftauchte, und warf ihr einen intensiven, fordernden Blick von der Seite zu.
„Wie sieht es aus? Hättest du Lust auf ein echtes Match gegen mich? Jetzt gleich?“
Namis Augen begannen augenblicklich zu leuchten. Die anfängliche Überraschung über den Kurswechsel verflog im Bruchteil einer Sekunde und machte Platz für ein breites, leidenschaftliches Strahlen. Als echtes Blader-Herz gab es für sie keine faszinierendere Vorstellung, als die ungezähmte Urgewalt von Kais Dranzer am eigenen Leib im Stadium zu spüren.
„Ich würde unheimlich gerne gegen dich kämpfen, Kai“, sagte sie ohne jede Zögerlichkeit, und ihre Stimme vibrierte vor Vorfreude. „Nichts lieber als das. Aber wieso ausgerechnet jetzt in der BBA?“
Ein seltenes, dunkles Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen, als er den Wagen auf den Parkplatz des Hauptquartiers lenkte und den Motor ausschaltete. Er drehte sich zu ihr um, legte einen Arm über die Rückenlehne ihres Sitzes und sah sie herausfordernd an.
„Die Neulinge wiederholen am Nachmittag ihre Lektionen in der Halle“, erklärte er leise, und ein gefährliches Funkeln trat in seine Augen. „Ein Match zwischen uns beiden... wäre mit Sicherheit die beste Demonstration und eine verdammt gute Lektion für sie, um zu sehen, was echtes High-Level-Beyblade bedeutet.“
Nami erwiderte seinen Blick mit einem kampflustigen, absolut ebenbürtigen Lächeln. Sie griff bereits nach ihrer Tasche, in der ihr treuer Pegasus auf seinen Einsatz wartete. „Dann sollten wir die Kinder nicht länger warten lassen, Champion. Zeig mir, was dein Phönix draufhat.“
Als die schallisolierte Tür der Trainingshalle 4 erneut aufglitt, herrschte unter den fünf Junioren sofort augenblickliche, ehrfürchtige Stille. Doch als dieses Mal nicht nur Kai, sondern auch Nami an seiner Seite die Halle betrat, schien die Luft im Raum förmlich zu knistern.
Die Jugendlichen waren vollkommen überwältigt von der kombinierten Präsenz des Paares. Nami strahlte eine anmutige, aber unmissverständlich kraftvolle Aura aus; ihr silbrig-weißes Haar floss wie flüssiges Mondlicht über ihre Schultern und bildete einen faszinierenden Kontrast zu Kais dunkler, dominanter Gestalt.
Allen voran das zwölfjährige Mädchen, das Kai vorhin noch so mutig ausgefragt hatte, bekam augenblicklich leicht rote Backen. Sie umklammerte ihren Launcher so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden, blickte mit leuchtenden Augen zu Nami auf und brachte mit fast ehrfürchtiger Stimme hervor:
„Du... du bist so wunderschön und stark, Nami! Du bist mein absolutes Vorbild!“
Nami hielt in ihrer Bewegung inne. Ein unheimlich warmes, ehrliches Lächeln legte sich auf ihre Züge, und sie neigte leicht den Kopf. „Vielen Dank, das ist wirklich lieb von dir“, erwiderte sie mit ihrer melodischen Stimme.
Als sie ihren Blick weiter über die restlichen Neulinge schweifen ließ und auch den Jungs in der Gruppe ein kurzes, freundliches Lächeln schenkte, passierte das Unvermeidliche: Die Teenager erröteten kollektiv und wandten verlegen, ertappt und zutiefst beeindruckt die Köpfe ab. Keiner von ihnen hatte je eine so faszinierende Bladerin aus nächster Nähe gesehen.
Kai registrierte die schüchterne Reaktion der Jungs mit einem kurzen, völlig unbewegten Seitenblick. Seine unnahbare, professionelle Aura war wie ein Schutzwall, während er mit ruhigen, autoritären Schritten direkt an die Kante des Beystadiums trat. Er verschränkte die Arme vor der Brust, und sein rubinroter Blick legte sich wie eine kühle Decke über die aufgeregte Gruppe, was die Jugendlichen sofort strammstehen ließ.
„Genug geredet“, schnitt Kais tiefe, rauen Stimme die aufkommende Sentimentalität eiskalt und bestimmt ab. Er deutete mit einem herrischen Nicken auf das Magnet-Beystadium in der Mitte der Plattform. „Ihr wolltet sehen, was High-Level-Beyblade bedeutet. Macht Platz.“
Die Junioren stolperten regelrecht rückwärts, um die Plattform zu räumen, und stellten sich mit Sicherheitsabstand an den Rand. Ray, der sich lässig im Hintergrund an eine Säule gelehnt hatte, stieß ein leises, amüsiertes Schnauben aus. Er verschränkte die Arme und fixierte das Stadium. Das hier wollte er sich unter keinen Umständen entgehen lassen.
Nami trat an die gegenüberliegende Seite des Beystadiums. Die lockere Atmosphäre der Fahrt war wie weggewischt. Zwischen den beiden baute sich in Sekundenschnelle die typische, elektrisierende Wettkampfatmosphäre auf, die nur zwischen zwei absolut ebenbürtigen Bladern existieren konnte.
Nami griff in ihre Tasche und holte ihren treuen Pegasus hervor, dessen weißes Gehäuse im hellen Hallenlicht schimmerte. Auf der anderen Seite klickte Dranzer mit einem harten, metallischen Geräusch in Kais Launcher.
„Schon mal ein Pflaster für dein Ego bereitgelegt, Champion?“, feixte Nami leise, während sie ihren Launcher in Position brachte und Kai durch ihre Wimpern hindurch kampflustig fixierte.
Kai antwortete nicht sofort. Ein seltenes, dunkles und absolut brennendes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er zog die Reißleine straff. Seine gesamte Haltung strahlte die pure Urgewalt des Phönix aus.
„Drei... zwei... eins...“, zählten die Junioren mit stockendem Atem im Chor herunter.
„Let it rip!“, hallte es gleichzeitig von den Wänden wider.
Mit einem ohrenbetäubenden, metallischen Kreischen schossen beide Blades in die Arena. Pegasus und Dranzer bewegten sich mit einer so extremen Geschwindigkeit, dass sie für das bloße Auge der Neulinge fast nur noch als blau und weiße Lichtstreifen zu erkennen waren. Beim ersten Aufeinandertreffen im Zentrum des Stadiums gab es einen Schlag, der die gesamte Plattform erzittern ließ. Die Reibung der Angriffsringe war so gewaltig, dass ein wahrer Hagel aus hellen Funken aufblitzte und den Raum für Sekundenbruchteile erhellte.
„Unglaublich...“, flüsterte das zwölfjährige Mädchen mit offenem Mund. „Die Geschwindigkeit... das ist ein völlig anderes Level.“
Nami schenkte Kai nicht den geringsten Freiraum. Pegasus nutzte die Magnetfelder des Stadiums perfekt aus, schlug Haken in Winkeln, die physikalisch unmöglich erschienen, und hämmerte in einer unbarmherzigen Kaskade von Sturmangriffen gegen Dranzer. Doch Kai stand unbeweglich wie ein Fels. Dranzer fing jeden einzelnen Schlag ab, rotierte mit einer stoischen, brutalen Ausdauer und begann, das Stadium langsam mit einer hitzigen, feurigen Aura zu fluten.
„Du musst dich schon mehr anstrengen, Nami!“, rief Kai gegen das tosende Kreischen der Blades an, und seine Augen blitzten gefährlich auf.
„Das war erst das Aufwärmen!“, konterte sie mit einem stolzen Lächeln. Ihre Augen verengten sich, und sie ballte die freie Hand zur Faust. „Jetzt, Pegasus! Zeig ihm den endlosen Himmel!“
Die Energie in der Halle schlug schlagartig um. Ein gewaltiger, wirbelnder Sturm brach aus dem Beystadium hervor, der den herbstlichen Wind von draußen wie ein laues Lüftchen wirken ließ. Die Haare der Junioren flogen wild nach hinten, während sie sich schützend die Hände vor die Augen hielten.
Aus dem weißen Lichtkranz des Blades materialisierte sich Pegasus in seiner vollen, ehrfurchtgebietenden Pracht... ein majestätisches, geflügeltes Pferd aus purer, ungezähmter Energie, das ein helles Wiehern ausstieß, das durch Mark und Bein ging.
Kai wiegte keinen Zentimeter zurück. Das lodernde Feuer in seiner Brust antwortete auf ihren Sturm. „Dranzer! Verbrenn alles!“, befahl er mit einer Stimme, die die Halle komplett dominierte.
Ein markerschütternder Schrei riss die Luft auf, als eine gewaltige Flammensäule senkrecht aus dem Stadium schoss. Das unbarmherzige, rot-goldene Feuer fraß sich durch den Sturm, und der majestätische Phönix entfaltete seine brennenden Schwingen über der Arena. Die Hitze in dem Raum stieg innerhalb von Sekunden spürbar an.
Die fünf Junioren starrten mit absolutem Entsetzen und ungläubiger Ehrfurcht auf die beiden Bit-Beasts, die über dem Stadium kreisten und sich fixierten. Es war keine einfache Trainingsstunde mehr... es war das Aufeinandertreffen zweier Naturgewalten.
Pegasus stürzte sich aus dem Himmel herab, die Flügel eng angelegt, umhüllt von einer scharfen Vakuumklinge. Dranzer stieg ihm mit weit geöffnetem Schnabel und brennenden Krallen direkt entgegen.
Als die beiden Bit-Beasts im absoluten Zentrum des Stadiums mit maximaler Intensität kollidierten, gab es keine metallischen Schläge mehr. Es gab nur noch ein blendendes Licht aus Feuer und Sturm. Die Energie staute sich für das Finale im Bruchteil einer Sekunde im Kern der Arena auf, ehe sie sich in einer gewaltigen, aber von beiden Bladern meisterhaft kontrollierten Explosion entlud.
Ein lauter Knall erschütterte die Halle. Eine Druckwelle fegte über die Plattform, die die Haare aller Beteiligten zerzauste.
Als sich der Rauch und die Funken legten, herrschte absolute, fassungslose Stille. Im Beystadium war kein einziger Kreisel mehr. Sowohl Pegasus als auch Dranzer waren exakt im selben Moment mit brutaler Wucht aus dem Ring geschleudert worden und flogen in hohem Bogen durch die Luft.
Nami fing ihren Pegasus mit einer fließenden, eleganten Bewegung direkt aus der Luft ab, während Kai seinen Dranzer mit absoluter, routinierter Präzision aus dem Flug auffing.
Beide waren leicht außer Atem, ihre Gesichter von der Hitze des Kampfes leicht gerötet.
Nami sah über den Rand des Stadiums hinweg zu Kai. Ihr Blick war voller Stolz, Leidenschaft und einer tiefen Verbundenheit, die keine Worte brauchte.
Ein wunderschönes, atemberaubendes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Kai erwiderte den Blick, und das dunkle, stolze Glühen in seinen Augen wandelte sich in ein fast unsichtbares, zutiefst zufriedenes Schmunzeln.
Am Rand der Plattform stand die Junioren-Gruppe wie festgewurzelt. Keiner von ihnen wagte es, auch nur zu atmen. Sie hatten soeben verstanden, was es bedeutete, ein wahrer Champion zu sein... und dass zwischen diesen beiden eine Macht existierte, die niemand jemals brechen konnte.
Dann brach das Eis. Die fünf Junioren, die eben noch wie versteinert dagestanden hatten, brachen plötzlich in frenetischen Jubel aus. Sie sprangen auf und ab, rissen die Arme in die Luft und klatschten so überwältigt, dass der Schall von den hohen Hallenwänden widerhallte.
Kai ignorierte den Lärm um sich herum, während er Dranzer mit den Fingern umschloss und die raue Oberfläche des Gehäuses spürte. Sein Blick lag unbarmherzig fest auf Nami. Er wusste, dass sie stark war, aber dieses Match hatte es schwarz auf weiß bewiesen. Ein tiefes, instinktives Wissen sagte ihm, dass dieser Kampf noch viel länger hätte gehen können, wenn die unkontrollierte Energieentladung ihrer beiden Bit-Beasts die Blades nicht vorzeitig aus dem Ring gefegt hätte.
Sie hatten sich erst warmgelaufen. Irgendwann, das schwor er sich in diesem Moment, würde er eine Revanche verlangen. Ein Duell bis zum bitteren Ende, ohne Kompromisse. Doch jetzt, im Hier und Jetzt, überwog ein ganz anderes, seltenes Gefühl in seiner Brust: purer, unbändiger Stolz. Sie hatte ihm standgehalten. Sie hatte Dranzers Flammen nicht nur getrotzt, sie hatte sie mit ihrem eigenen Sturm herausgefordert. Sie war tatsächlich so gut, wie er immer gedacht hatte.
Das Klatschen der Jugendlichen wurde plötzlich noch eine Spur lauter und ehrfürchtiger, als sich von der Seite zwei weitere Gestalten der Plattform näherten.
Ray trat mit einem breiten, unendlich stolzen Grinsen aus dem Schatten der Betonpfeiler, und an seiner Seite humpelte niemand Geringeres als Mr. Dickenson.
Ray hatte dem BBA-Präsidenten vor wenigen Minuten eine kurze, eilige Nachricht über das interne Firmen-Interface zukommen lassen:
„Sie sollten sofort in Halle 4 kommen. Hier gibt es etwas zu sehen, das sie sicher nicht verpassen wollen.“
Und der alte Mann hatte sich das nicht zweimal sagen lassen. So schnell seine humpelnden Beine und der hölzerne Gehstock ihn überhaupt tragen konnten, war Mr. Dickenson aus seinem Chefzimmer durch die sterilen Flure direkt in die Trainingshalle gehastet. Sein buschiger weißer Schnauzer bebte regelrecht vor Begeisterung, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten so jugendlich auf, als stünde er selbst wieder am Anfang der BBA-Gründung.
„Phänomenal! Einfach absolut phänomenal!“, rief der alte Mann mit bebender Stimme aus und schlug die flache Hand im Takt des Applauses gegen seinen Gehstock. „Was für eine Demonstration von roher Energie und absoluter Perfektion! Ich habe ja viel erwartet, mein lieber Junge, aber das... das übertrifft alles! Es... war ja leider trotzdem viel zu kurz!“, rief Mr. Dickenson aus, während er sich schwer auf seinen Gehstock stützte und den Kopf voller Begeisterung hin und her wiegte. „Ein absolutes Spektakel, aber viel zu kurz. Ich bin mir sicher, dass da noch weitaus mehr aus euren Blades rauszuholen ist, wenn ihr erst einmal richtig Ernst macht!“
Kai schmunzelte kaum merklich, ein winziges, fast unsichtbares Heben seines Mundwinkels. Er wechselte einen kurzen, vielsagenden Blick mit Nami. Der alte Mann mochte zwar seit Monaten nicht mehr aktiv am Geschehen beteiligt gewesen sein, aber er verstand nach wie vor jede Nuance des Sports. Er wusste ganz genau, dass das eben nur an der Oberfläche dessen gekratzt hatte, wozu Pegasus und Dranzer fähig waren.
Nun humpelte Mr. Dickenson vollends auf die Plattform und trat direkt auf Nami zu. Mit einem unendlich herzlichen, feierlichen Lächeln streckte er die Hand aus, und als Nami sie ergriff, drückte er sie mit überraschend festem, väterlichem Händedruck.
„Ich habe es dir zwar schon ausrichten lassen, mein liebes Kind, aber ich möchte es dir heute unbedingt noch einmal persönlich sagen: Herzlichen Glückwunsch zu deinem Titel als neuer Newcomer-Champion!“, sagte er, während seine Augen hinter der Brille funkelten. Er schmunzelte verschmitzt und fügte mit einem leisen Augenzwinkern hinzu: „Auch wenn der Weg dorthin... nun ja, durch die ganzen jüngsten Ereignisse ein wenig unüblich war.“
Nami lachte kurz und hell auf, das melodische Geräusch vertrieb sofort die letzte, hitzige Wettkampfatmosphäre aus der Halle. „Vielen Dank, Mr. Dickenson. Es war mir eine Ehre.“
„Die Ehre ist ganz auf unserer Seite“, erwiderte der BBA-Präsident charmant. Er ließ ihre Hand langsam los, sah dann abwechselnd zu ihr und dem stummen, aber aufmerksam zusehenden Kai. Ein tief zufriedener Ausdruck legte sich auf die Züge des alten Mannes. „Ich hoffe doch sehr, euch beide in Zukunft gemeinsam auf den offiziellen BBA-Galas und Veranstaltungen begrüßen zu dürfen. Es freut mich einfach unendlich zu sehen, wie wunderbar ihr euch beide ergänzt... im Stadium und außerhalb davon.“
Mr. Dickenson strich sich über den buschigen Schnauzer und fügte in einem leichten, scherzhaften Plauderton hinzu: „Wer weiß... wenn ich alt genug werde und das Glück auf meiner Seite ist, erlebe ich ja vielleicht sogar noch die nächste Generation der Hiwataris in dieser Halle!“
Die Worte hingen für einen unendlich langen, eisigen Moment in der warmen Hallenluft.
Kais Kiefer zuckte augenblicklich so heftig, dass die Konturen seines Gesichts wie aus Stein gemeißelt wirkten. Seine Züge verhärteten sich im Bruchteil einer Sekunde zu einer maskenhaften Starre. Direkt gegenüber hatte Nami sichtlich Mühe, ihr eben noch so unbeschwertes Lächeln aufrechtzuerhalten. Ihre Lippen blieben zwar sanft geschwungen, doch ihre ozeanfarbenen Augen wurden für einen flüchtigen Moment ganz ausdruckslos und leer.
Es war ein gut gemeinter, typischer Spruch eines alten Mannes... doch er traf einen wunden, absolut privaten Punkt. Natürlich wusste niemand in diesem Raum, und erst recht kein BBA-Funktionär, über Kais radikale Entscheidung Bescheid, niemals Vater werden zu wollen, und die daraus resultierende Vasektomie, die er vor einigen Jahren hatte durchführen lassen. Dieses Geheimnis teilten neben Nami selbst nur ihr Bruder Kenji, ihr Vater Hiro Tashiba sowie Tala und... Ray.
Genau deshalb war Ray auch der Einzige, dem die minimale, aber schlagartige Veränderung in der Atmosphäre auffiel. Sein Blick glitt blitzschnell von Kais mahlendem Kiefer zu Namis fast schon krampfhaftem Lächeln. Als feinfühliger Freund verstand er die stumme Not der beiden sofort, hütete sich aber natürlich davor, auch nur mit der Wimper zu zucken oder ein Wort darüber zu verlieren.
Kai hielt dem Blick des alten Mannes nicht länger stand. Er schloss die Augen, verbarg jede Regung hinter den Augenlidern und verschränkte die Arme noch ein Stück fester vor der Brust. Als er sie wieder öffnete, war die kühle, unnahbare Maske des Champions perfekt repariert.
„Wir werden jetzt nach Hause fahren“, erklärte Kai mit einer tiefen, schneidenden und absolut unmissverständlichen Rauheit in der Stimme, die keinen Raum für weiteren Smalltalk ließ. „Es ist schon spät und das Abendessen ruft.“
Mr. Dickenson, völlig ahnungslos über das emotionale Minenfeld, das er gerade betreten hatte, strahlte einfach unverdrossen weiter und nickte verständnisvoll. „Oh, natürlich, mein lieber Junge! Du hast völlig recht, die Pflicht ruft und der Hunger sicher auch.“ Er wandte sich noch einmal mit einem herzlichen Blick an Nami. „Aber sag mal, mein liebes Kind... wirst du uns denn ab jetzt öfter hier im Hauptquartier besuchen kommen? Die BBA könnte ein so herausragendes Talent wie dich im täglichen Betrieb gut gebrauchen. Jetzt wo dein Vater dich endlich von...der Leine gelassen hat.“
Nami spürte, wie sich der Druck in ihrer Brust langsam wieder legte, als sie Kais breite, schützende Gestalt sah, die sich bereits in Bewegung setzte. Sie strich sich eine silbrige Haarsträhne hinter das Ohr, nickte Mr. Dickenson höflich zu und schenkte ihm ein weiches, professionelles Lächeln.
„Sehr gerne, Mr. Dickenson. Ich werde mich auf jeden Fall öfter blicken lassen“, erwiderte sie ruhig.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sie sich um und folgte Kai, dessen raumgreifende, stolze Schritte sie bereits schnurgerade aus der Halle und weg von den neugierigen Blicken der Außenwelt führten.
Die Fahrt zurück zum Ayame-Anwesen verlief in fast vollständigem Schweigen. Das vertraute, dumpfe Summen des Motors und das rhythmische Klacken der Reifen auf dem Asphalt waren die einzigen Geräusche, die das Innere des Wagens erfüllten. Kai hielt die Hände fest und konzentriert auf dem Lenkrad, den Blick starr auf die Straße gerichtet, während Nami den Kopf leicht an die Kopfstütze gelehnt hatte und schweigend aus dem Fenster sah.
Draußen zog die Skyline von Tokio vorbei, die im Licht der dämmernden Abendsonne langsam in warme Orange- und tiefe Purpurtöne getaucht wurde. Es war ein seltsames Gefühl, das in der Luft lag. Das kurze Match im BBA-Hauptquartier war absolut berauschend gewesen... ein seltener Moment, in dem sie ihre Kräfte ungefiltert hatten messen können.
Und doch schienen Mr. Dickensons letzte, unbeschwerte Worte über die nächste Generation wie ein unsichtbarer Schleier über der Stimmung zu liegen. Sie hatten einen faden, bitteren Beigeschmack hinterlassen.
Kai warf Nami von der Seite einen kurzen, aufmerksamen Blick zu. Ihre Silhouette spiegelte sich in der Fensterscheibe, und die Nachdenklichkeit in ihren Zügen entging ihm nicht. Er glaubte genau zu wissen, was sie beschäftigte. Seine Vergangenheit, seine radikale Entscheidung und die Endgültigkeit, die damit einherging, holten sie in solchen unbedachten Momenten der Außenwelt immer wieder ein.
Und Nami dachte tatsächlich darüber nach. Doch während sie die vorbeiziehenden Lichter der Stadt beobachtete, wurde ihr einmal mehr bewusst, dass es absolut nichts brachte, sich in diesen Gedanken zu verlieren oder das Thema wieder und wieder aufzurollen. Es war eine Entscheidung, die lange vor ihrer Zeit getroffen worden war... eine Entscheidung, die sie akzeptiert hatte, weil sie Kai liebte, so wie er war.
Mit einem leisen, tiefen Atemzug schüttelte sie die Schwere ab. Ein feines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, das kurz darauf in ein helles, amüsiertes Kichern überging.
„Hast du eigentlich gesehen, wie baff die Junioren gestarrt haben?“, brach sie das Schweigen und drehte den Kopf zu ihm um, die Augen voller amüsierter Lebendigkeit.
„Ich dachte kurz, dem kleinen Mädchen fällt der Launcher aus der Hand, als Pegasus sich materialisiert hat. Die Jungs sahen aus, als hätten sie noch nie ein echtes Bit-Beast gesehen.“
Kai hielt kurz inne. Die Anspannung, die sich in seinen Schultern und entlang seiner Kieferlinie festgesetzt hatte, löste sich spürbar. Er warf ihr einen weiteren Seitenblick zu und bemerkte das ehrliche, unbeschwerte Funkeln in ihren Augen. Eine Welle der Erleichterung durchströmte ihn. Sie ließ sich nicht herunterziehen... sie war stark genug, die Geister seiner Vergangenheit einfach beiseitezuwischen.
„Sie haben wahrscheinlich noch nie jemanden gesehen, der die Magnetfelder so nutzt wie du“, erwiderte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, und ein Hauch von seinem typischen, stolzen Tonfall kehrte zurück.
„Mag sein“, konterte Nami kampflustig, setzte sich aufrecht hin und verschränkte die Arme. „Aber der alte Mann hatte in einem Punkt recht: Das Ganze war definitiv viel zu kurz. Die Explosion hat uns um den eigentlichen Sieg gebracht. Ich fordere hiermit ganz offiziell und gefälligst eine Revanche, Champion. Und dieses Mal ohne vorzeitiges Ende.“
Kais Mundwinkel zuckte unwillkürlich nach oben, und ein leises, befreites Schnauben entwich seiner Kehle. Die vertraute, knisternde Dynamik zwischen ihnen war wieder vollkommen hergestellt.
„Wann immer du willst, Nami“, entgegnete er leise, während er den Wagen auf die Zielgerade zum Anwesen lenkte.
„Aber stell dich darauf ein, dass Dranzer dir dieses Mal nicht so leicht das Feld überlässt.“
Der Wagen glitt schließlich geschmeidig durch das eiserne Tor des Ayame-Anwesens und kam auf dem kiesbestreuten Vorplatz mit einem leisen Surren zum Stehen.
Das ehrwürdige, klassizistische Herrenhaus lag friedlich im dämmrigen Abendlicht, und die warmen Lichter, die durch die hohen Fenster fielen, strahlten eine einladende Ruhe aus.
Als Kai den Motor ausschaltete, kehrte die vertraute Stille in das Innere des Autos zurück... doch dieses Mal war sie leicht, unbelastet und voller unausgesprochener Vorfreude auf die kommenden Duelle.
Kai löste seinen Gurt, wandte sich ganz zu Nami um und sah sie für einen langen Moment schweigend aus seinen rubinroten Augen an. Die Erleichterung über ihre unbeschwerte Reaktion war ihm noch immer anzumerken. Er schätzte diese Charakterstärke an ihr unendlich; die Fähigkeit, die unbedachten Kommentare der Außenwelt einfach an sich abprallen zu lassen und sich stattdessen auf das zu konzentrieren, was zwischen ihnen wirklich zählte.
„Wir sind da“, sagte er schließlich mit seiner tiefen, rauen Stimme, die nun wieder vollkommen ruhig und sanft klang.
Er reichte ihr die Hand über die Mittelkonsole. „Gehen wir rein. Graham wartet sicher schon mit dem Abendessen und danach können wir uns überlegen, wann und wo ich dir deine Revanche gewähre.“
Nami lächelte warm, legte ihre Hand in seine und drückte sie sanft.