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Im Rausch des Nachbebens

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Im Rausch des Nachbebens

Das matte, goldene Morgenlicht der kühlen Novembersonne drang durch die schweren Vorhänge des Schlafzimmers und legte sich warm über die Laken. Als Nami langsam das Bewusstsein zurückerlangte, spürte sie als Erstes eine überwältigende, wohlige Schwere. Jede einzelne Faser ihres Körpers glühte, fühlte sich unendlich weich geklopft und angenehm wohlig an.

Sie blinzelte gegen das Licht an und stellte fest, dass der Platz neben ihr bereits leer war. Doch die Decke war noch warm, und der vertraute Duft von Kai hing schwer in der Luft.

Sie hörte ein leises Geräusch und drehte den Kopf zur Seite. Kai stand am Fenster, bereits komplett angezogen in seiner dunklen Kleidung. Er strich sich gerade die unbändigen Haare zurück, während sein Blick kühl, aber mit diesem unmissverständlichen, selbstgefälligen Schmunzeln auf ihr ruhte. Er hatte sie genau beobachtet.

„Guten Morgen“, krächzte Nami leise, ihre Stimme noch rau von den abgehakten Schreien der Nacht. Sie warf einen Blick auf den Wecker und schreckte kurz hoch.

„Verdammt… die Oberschule. Ich komme zu spät.“

„Du gehst heute nirgendwohin“, erwiderte Kai mit seiner tiefen, rauen Morgenstimme, die keinen Widerspruch duldete. Er trat einen Schritt näher an das Bett heran, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Ich habe dir gesagt, was passiert, wenn du mich herausforderst. Du bleibst im Bett.“

Nami stieß ein leises, ungläubiges Lachen aus. „Kai, ich kann nicht einfach schon wieder fehlen, mein Pensum…“

Trotz ihrer eigenen Worte stützte sie sich auf die Ellbogen und versuchte, die Beine über die Bettkante zu schwingen. Doch in dem Moment, als sie ihr Gewicht verlagern wollte, gaben ihre Muskeln komplett nach. Mit einem leisen Aufkeuchen knickte sie hilflos in sich zusammen und sank direkt wieder zurück in die weichen Kissen. Ihre Beine waren buchstäblich wie Wackelpudding.

Ein helles, melodisches Lachen entfloh ihrer Kehle, während sie sich eine Hand vor das Gesicht hielt. Es war genau so gekommen, wie er es prophezeit hatte. Sie konnte keinen Schritt geradeaus laufen.

Doch mitten in diesem Lachen zog sich ihre Brust plötzlich zusammen. Ihr Herz begann augenblicklich zu rasen, hämmerte wild und unaufhaltsam gegen ihre Rippen. Es war ein so intensives, schwindelerregendes Gefühl.

Plötzlich stand ihr das Bild wieder glasklar vor Augen: Die sterile, weitläufige Testhalle bei Tachibey Industries. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie und Kai das erste Mal zusammen die neuen Prototypen der Beyblades getestet hatten. Schon damals hatte ihr Herz genau so gerast... voller Ehrfurcht, Faszination und einer aufkeimenden, wilden Sehnsucht. Doch heute… heute waren die Schmetterlinge in ihrem Bauch mächtiger, wilder und unbarmherziger als je zuvor.

Sie brannte innerlich vor Liebe zu ihm.

Kai stand reglos am Bett und sah auf sie herab. Seine Augen verengten sich minimal, während er ihr Profil studierte. Er las sie wie ein offenes Buch. Er bemerkte das plötzliche Innehalten ihres Lachens, das heftige Heben ihrer Brust und den verräterischen Glanz in ihren ozeanfarbenen Augen, der weit über die bloße Erschöpfung hinausging. Er erkannte diese kleine, tiefgründige emotionale Nuance sofort... den Moment, in dem ihr Herz wieder komplett vor ihm kapitulierte. Doch typisch für ihn, erwähnte er es mit keinem Wort. Er ließ ihr dieses Geheimnis, während er es innerlich längst besaß.

Er tritt ganz an sie heran, beugte sich tief über sie und drückte einen kurzen, harten, aber zutiefst besitzergreifenden Kuss auf ihre Lippen.

„Ich muss los. Ich habe später wichtige Termine in der BBA, die ich nicht verschieben kann“, raunte er an ihrem Mund, und sein Atem strich heiß über ihre Haut. Er richtete sich wieder auf und warf einen Blick zur Tür.

„Graham ist da. Wenn du irgendetwas brauchst, sag ihm Bescheid. Er wird sich um dich kümmern.“

Er strich ihr noch einmal mit dem Handrücken über die erhitzte Wange stummes Zeichen seiner Fürsorge. „Ich versuche, so schnell wie möglich wieder zurück zu sein.“

Nami nickte nur matt, während sie sich tiefer in die Kissen kuschelte und ihm hinterhersah, wie er mit großen, majestätischen Schritten das Schlafzimmer verließ. Das leise Klicken der ins Schloss fallenden Tür hallte nach, und zurück blieb nur das wilde, glückliche Hämmern in ihrer Brust, das ihr sagte, dass sie diesen Mann nie wieder hergeben würde.

Der Asphalt der herbstlichen Straßen Tokios flog unter den Reifen dahin, während Kai den Wagen mit einer fast schon meditativen Gelassenheit durch den dichten Vormittagsverkehr in Richtung des BBA-Hauptquartiers lenkte. Die kühle Novemberluft strich durch den minimal geöffneten Fensterspalt, doch Kais Gedanken waren noch meilenweit von den anstehenden geschäftlichen Terminen entfernt. Sie waren noch immer im abgedunkelten Korridor des Ayame-Anwesens gefangen.

Er dachte an gestern Abend. An die ungezügelte, raue Intensität, mit der er sie genommen hatte. Nami hatte ihn tatsächlich ausgehalten. Mehr als das... sie schien am Ende vollkommen erfüllt von der schieren Wucht seiner Hingabe. Es war eine faszinierende Erkenntnis für ihn, dass sie tatsächlich eine tiefe, fast schon instinktive Ader für die dunkle Dominanz in ihm besaß.

Sie forderte dieses ungezähmte Ich regelrecht heraus, ohne daran zu zerbrechen.

Ein dunkles, fast unmerkliches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, während seine Finger das Lenkrad ein Stück fester umschlossen. Er dachte darüber nach, wie sehr er diese dunkle, fordernde Seite seines Wesens angepasst hatte... exklusiv für sie.

Damals war das anders gewesen. Vor Nami gab es keine Nähe. Er erinnerte sich flüchtig an die wenigen Mädchen, mit denen er in der Vergangenheit geschlafen hatte. Er hatte sie mit einer kühlen, mechanischen Rücksichtslosigkeit so lange gefordert, bis sie überfordert weinten oder verschreckt und entsetzt mitten in der Nacht aus den anonymen Hotelzimmern geflüchtet waren. Er hatte keine Bindung gewollt und erst recht keine Nähe geduldet. Er hatte die anderen Frauen nie wirklich geküsst; meistens hatte er ihre Gesichter von sich weggedrückt, um jede emotionale Nuance im Keim zu ersticken. Es war reines Ventil gewesen.

Doch Nami war eine völlig andere Welt. Bei ihr suchte er die Küsse, drückte sie nicht weg, sondern zog sie tiefer in seinen Bann.

Sein Blick verengte sich leicht, als die Ampel vor ihm auf Rot sprang und er den Wagen kontrolliert zum Stehen brachte. Seine Gedanken wanderten zu dem Moment im Schlafzimmer zurück. Er hatte es in ihren ozeanfarbenen Augen haargenau gesehen. Er hatte gelesen, wie sie verzweifelt damit rang, ihm endlich zu sagen, was sie tief in ihrem Inneren fühlte. Und er hatte gesehen, wie sie sich im letzten Moment selbst bremste und schwieg, weil sie ihn mittlerweile einfach zu gut kannte und ihn nicht bedrängen wollte.

Er ging am Anfang nicht davon aus, dass sie wirklich verstanden hatte, was er mit seiner Aussage vorhin bezwecken wollte. Schließlich hatte sie damals vor ein paar Wochen tief und fest im Halbschlaf gelegen, als sie ihm die Worte an den Hals geraunt hatte. Sie konnte unmöglich die Verbindung zu dieser Nacht ziehen oder rational begreifen, worauf er hinauswollte. Und doch… es hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Er hatte genau beobachtet, wie seine Worte ihr diese kleinen, quälenden Zweifel und die lähmende Angst genommen hatten, die er zuvor in ihren Augen gelesen hatte.

Kai legte den Gang wieder ein, als die Ampel auf Grün wechselte, und beschleunigte den Wagen. Ein seltener, fast schon schmerzhaft tiefer Gedanke nistete sich in seinem Verstand ein. Vielleicht… würde irgendwann tatsächlich der Tag kommen, an dem er bereit war, es ihr ebenfalls zu sagen. Frei heraus. Ohne Mauern, ohne die eiserne Rüstung, die er seit seiner Kindheit trug.

„Ich liebe dich.“

Es war eine Erkenntnis, die er vor ein paar Monaten nicht einmal im Traum für möglich gehalten hätte. Etwas, das er in seinem gesamten Leben nicht eine einzige Sekunde lang überhaupt in Erwägung gezogen hatte, bevor er sie kannte. Nami hatte die unumstößlichen Regeln seiner Welt nicht nur ins Wanken gebracht... sie hatte sie komplett neu geschrieben.

Die Decke war schwer und warm, doch als Nami versuchte, sich zu strecken, erinnerte jede einzelne Muskelpartie sie sofort an die unbarmherzige Hingabe der vergangenen Nacht. Ein leises, unwillkürliches Seufzen entwich ihren Lippen. Sie fühlte sich unglaublich weich, erschöpft und gleichzeitig von einer tiefen, inneren Wärme erfüllt.

Ein leises, überaus diskretes Klopfen an der schweren Holztür riss sie vollends aus ihren Gedanken.

„Ja?“, rief sie, und ihre Stimme klang noch immer ein wenig rauer und belegter als gewöhnlich.

Die Tür öffnete sich lautlos, und Graham betrat den Raum. Wie immer strahlte der ältere Butler eine unerschütterliche, beruhigende Professionalität aus. In den Händen trug er ein silbernes Tablett, von dem der verlockende Duft von frisch gebrühtem Jasmintee und leichtem Gebäck aufstieg.

„Guten Tag, Miss Nami“, grüßte Graham mit einer feinen, respektvollen Verbeugung des Kopfes. Er steuerte mit gemessenen Schritten auf den Nachttisch zu.

„Ich hoffe, ich störe Ihre wohlverdiente Ruhe nicht.“

Nami spürte, wie ihr augenblicklich eine intensive Röte in die Wangen schoss. Sie zog die Bettdecke instinktiv ein Stück höher bis unter das Kinn.

„Nein, gar nicht, Graham. Vielen Dank. Aber… du hättest dir wirklich nicht so viel Mühe machen müssen. Ich wollte eigentlich schon längst aufgestanden sein.“

Graham stellte das Tablett mit einer fließenden Bewegung ab und erlaubte sich für den Bruchteil einer Sekunde, sie mit diesem unnachahmlichen, dezenten Scharfsinn zu mustern, der ihm eigen war. Nichts entging dem treuen Butler... weder das feine Zittern in ihren Händen, als sie sich ein wenig aufsetzte, noch die verräterischen Spuren der Erschöpfung in ihren Zügen.

„Nun, wenn ich ehrlich sein darf, Miss Nami, handele ich unter striktem Befehl“, erwiderte Graham, und ein winziges, kaum wahrnehmbares Amüsieren spiegelte sich in seinen Augen wider.

„Master Kai hat mich heute Morgen vor seinem Aufbruch zur BBA unmissverständlich angewiesen, dafür zu sorgen, dass Sie das Bett unter keinen Umständen vor seiner Rückkehr verlassen. Seine Worte waren, wenn ich mich recht entsinne, dass Sie heute ‚absolut zu schonen‘ seien und ich Ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen habe.“

Namis Herz machte einen heftigen, glücklichen Sprung. Sie verbarg ihr Gesicht halb hinter einer Strähne ihres silbrigen Haares, um ihr strahlendes, verlegenes Lächeln zu kaschieren. Dass Kai extra eine so deutliche Anweisung für ihr Wohlbefinden hinterlassen hatte, rührte sie zutiefst.

„Er nimmt seine… Prophezeiungen eben sehr ernst“, murmelte sie schmunzelnd und griff nach der warmen Teetasse, wobei ihre Finger noch immer leicht bebten.

„Das scheint mir auch so“, kommentierte Graham mit trockenem, typisch britischem Humor. Er trat einen Schritt zurück und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

„Ich habe mir erlaubt, der Oberschule ausrichten zu lassen, dass Sie aufgrund einer… plötzlichen, akuten Schwäche der Glieder heute nicht am Unterricht teilnehmen können. Sie müssen sich also um Ihr Pensum an Fehltagen keinerlei Sorgen machen. Master Kai war in diesem Punkt überaus vorausschauend.“

Nami verschluckte sich fast an ihrem ersten Schluck Tee und lief noch ein bisschen röter an. Graham wusste natürlich genau, was hier gespielt wurde, doch seine loyale, beinahe väterliche Diskretion gab ihr ein unendlich geborgenes Gefühl. Hinter Kais rauer Dominanz steckte ein tief sitzender Beschützerinstinkt, der durch Graham wie ein unsichtbares Schild über sie gelegt wurde.

„Danke, Graham. Für alles“, sagte sie leise und sah den älteren Mann dankbar an.

„Nichts zu danken, Miss Nami. Es ist mir eine Freude zu sehen, dass das Anwesen… lebendiger wird“, erwiderte Graham mit einem weichen, ehrlichen Lächeln, das seine übliche professionelle Distanz für einen Moment durchbrach.

„Ruhen Sie sich aus. Master Kai betonte, dass er sich bei seinen Terminen im Hauptquartier beeilen wird.“

Mit einer letzten, feinen Verbeugung zog sich der Butler so lautlos zurück, wie er gekommen war. Als die Tür ins Schloss fiel, kuschelte Nami sich mit der warmen Teetasse in den Händen zurück in die Kissen.

Das leise Prasseln des Novemberregens gegen die Fensterscheiben untermalte die friedliche Stille des Raumes, während in ihrer Brust noch immer das wilde, unaufhaltsame Hämmern von Kais Worten nachhallte. Sie war hier. Sie war sicher. Und sie war unumstößlich sein.

Eine Stunde später hatte sich der Novemberregen gegen die Fensterscheiben intensiviert, was die gemütliche Wärme im Schlafzimmer nur noch einladender machte. Nami saß aufrecht im Bett, die Kissen im Rücken aufgetürmt und das Handy in den Händen. Eigentlich hatte sie nur kurz ihre Nachrichten checken wollen, doch nun scrollte sie seit Minuten durch die Online-Medien und las Artikel über sich und Kai.

Seit sie offiziell an seiner Seite aufgetaucht war, überschlugen sich die Klatschspalten und Sportmagazine.

„Die Tachiba-Erbin und der Unnahbare“,

lautete eine der großen, fettgedruckten Überschriften eines bekannten Magazins.

Nami musste leise lachen, während sie den Text überflog. Die Journalisten versuchten mit aller Kraft, ein dramatisches Bild von ihnen zu zeichnen: die junge, elegante Erbin eines der mächtigsten Konzerne des Landes und der ungezähmte, eiskalte Champion der BBA, der eigentlich niemanden an sich heranließ.

Für die Presse war es die Liebesgeschichte des Jahres, voller Kontraste und Geheimnisse. Wenn diese Leute wüssten, wie viel Wahrheit... und wie viel rohe, besitzergreifende Realität... hinter diesen Zeilen steckte, würden ihre Druckmaschinen explodieren.

Als sie weiter nach unten scrollte, machte ihr Herz plötzlich einen heftigen, unkontrollierten Sprung.

Der Artikel war mit einer Reihe von Fotos des letzten großen Turniers gespickt. Das erste Bild zeigte den Moment ihrer Ankunft am Stadion. Die Kamera hatte genau den Augenblick eingefangen, als Kai sie mit einer festen, unnachgiebigen Bewegung an der Hand hielt und sie hinter sich her vom Parkplatz direkt durch den Eingang des Stadions zog.

Seine Haltung auf dem Foto strahlte genau die dominante Souveränität aus, die sie so gut an ihm kannte... er bahnte sich den Weg durch die Reporter, ohne ihnen auch nur einen Blick zu würdigen, während sein Griff um ihre Finger wie ein stummes Versprechen war: Sie gehört zu mir.

Doch es war das nächste Foto, das Namis Atem komplett stocken ließ.

Es war eine Aufnahme von dem Moment nach ihrem eher unkonventionellem Sieg. Kai stand im Scheinwerferlicht, die Kameras der Weltpresse auf ihn gerichtet, und er hatte sie mitten im Trubel zu sich herangezogen. Das Bild hielt ihren Kuss fest... einen tiefen, fordernden Kuss, den er vor aller Welt regelrecht inszeniert hatte. Auf dem Foto wirkte es, als hätte Kai in diesem einen, intensiven Augenblick erneut vollkommen vergessen, dass die Welt um sie herum überhaupt existierte und hunderte von Objektiven auf sie gerichtet waren.

Er hatte sich einfach genommen, was ihm gehörte, schamlos und absolut kompromisslos.

Nami strich mit der Fingerspitze sanft über das Display ihres Handys, genau über die Konturen seines Gesichts auf dem Bildschirm. Ein tiefes, warmes Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus und vertrieb die letzte Erschöpfung aus ihren Gliedern. Dieses Foto war der unumstößliche Beweis für das, was er ihr letzte Nacht ins Ohr geraunt hatte. Er versteckte sie nicht. Er stand zu ihr, auf seine ganz eigene, ungezähmte Weise.

Und während sie das Bild betrachtete, konnte sie den Moment kaum erwarten, in dem die Schlafzimmertür sich wieder öffnen und der Mann von den Fotos zu ihr zurückkehren würde.

Gerade als Nami das Handy sinken lassen wollte, um die Tasse Tee endgültig auszutrinken, begann das Display in ihrer Hand wild aufzuleuchten. Der Name Momoko blinkte in fetten Buchstaben auf. Ein Blick auf die Uhr verriet Nami sofort den Grund: In der Oberschule hatte genau in diesem Moment die große Mittagspause begonnen.

Schmunzelnd, aber mit einem leichten Herzklopfen, wischte Nami über den Bildschirm und nahm ab. „Hey, Momoko.“

„Nami!“, tönte die Stimme ihrer besten Freundin auch schon laut und ungedämpft aus dem Lautsprecher, untermalt vom fernen, typischen Stimmengewirr der Schulflure. „Gott sei Dank, du lebst! Sag mal, wo steckst du eigentlich? Ich sitze hier ganz allein mit meinem Bento und du bist einfach nicht aufgetaucht.“ Ein kurzes Innehalten folgte, ehe Momokos Stimme merklich tiefer wurde und dieser unverkennbare, leicht amüsiert-neugierige Unterton mitschwang.

„Das ist jetzt schon das zweite Mal innerhalb von zwei Monaten, dass du wegen einer ‚plötzlichen, akuten Schwäche‘ fehlst, meine Liebe. Graham hat im Sekretariat angerufen. Also… was ist da los?“

Nami spürte, wie ihr sofort wieder das Blut in die Wangen schoss. Sie zog die Knie an die Brust und versuchte verzweifelt, eine möglichst neutrale, beiläufige Stimme aufzusetzen.

„Es… es ist nichts Schlimmes, wirklich. Mir ging es heute Morgen nur einfach nicht besonders gut. Mein Kreislauf war im Keller und mein ganzer Körper hat sich einfach so… unglaublich schwer angefühlt. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten…“

Sie versuchte die Situation so vage wie möglich zu umschreiben, um die unbarmherzige Realität der vergangenen Nacht im Korridor zu kaschieren. Doch noch ehe sie sich in weiteren Ausreden verstricken konnte, wurde sie am anderen Ende der Leitung jäh unterbrochen.

„Oh mein Gott!“, stieß Momoko plötzlich hervor. Ihr Tonfall wandelte sich schlagartig von neugierig zu komplett überwältigt und fassungslos. Zu Namis absoluter Überraschung wusste ihre Freundin sofort, ohne einen einzigen weiteren Hinweis, haargenau, was Sache war.

„Er hat es schon wieder getan, oder?! Kai Hiwatari hat dich gestern Nacht komplett ausgelaugt! Du kannst nicht laufen, Nami, gib es zu!“

Nami japste fassungslos auf, während ihr Gesicht vor Scham und gleichzeitiger Belustigung regelrecht in Brand geriet.

„Momoko!“, rief Nami mit einem unterdrückten, hellen Lachen, das halb im Kissen erstickt wurde. „Um Himmels willen, schrei das doch nicht so herum! Du bist in der Schule, verdammt! Bitte red darüber nicht so laut auf dem Flur, sonst weiß es gleich die ganze Oberschule!“

„Es ist also wahr!“, kicherte Momoko triumphierend am anderen Ende, sichtlich begeistert von ihrer eigenen Treffsicherheit, schraubte die Lautstärke aber treu und brav ein kleines bisschen zurück.

„Ich wusste es! Dieser Mann ist echt eine Naturgewalt. Du musst mir nachher absolut jedes Detail erzählen, sobald er dich wieder aus dem Bett lässt!“

Nami schüttelte fassungslos den Kopf, während das warme Kribbeln in ihrem Bauch zu einer Welle wohliger Verlegenheit wurde. Sie wechselte die Hand, die das Mobiltelefon hielt, und kuschelte sich tiefer in die Decke.

„Jetzt mal im Ernst, Momoko…“, begann Nami, ihre Stimme leise und merklich vorsichtiger, während sie die Hitze in ihren Wangen spürte.

„Woher… weißt du das eigentlich so genau? Ich meine, ich habe dir doch nie wirklich erzählt… wie… intensiv Kai im Privaten wirklich sein kann.“

Am anderen Ende der Leitung ertönte augenblicklich ein helles, triumphierendes Lachen, das durch den Lautsprecher knackte.

„Oh, Nami, bitte!“, amüsierte sich Momoko köstlich und dämpfte ihre Stimme nun doch ein wenig, während im Hintergrund das ferne Klingeln zur nächsten Unterrichtsstunde ansetzte.

„Es ist nun wirklich nicht so schwer, eins und eins zusammenzuzählen! Wenn die sonst so pflichtbewusste Tachiba-Erbin, die selbst mit Fieber in die Oberschule kommen würde, plötzlich wie durch ein Wunder nicht mehr aufstehen kann....? Und abgesehen davon: Du hast meine kleine These durch deine panische Reaktion eben gerade zu einhundert Prozent selbst bestätigt!“

Nami stieß ein leises, geschlagenes Seufzen aus und presste sich die freie Hand auf die Stirn, während sie ein amüsiertes Kichern nur mühsam unterdrücken konnte. Momoko kannte sie einfach zu gut.

„Du bist unmöglich“, murmelte Nami mit einem breiten Schmunzeln auf den Lippen, ehe sie sich im Bett ein Stück aufrichtete und einen entschlossenen Ton anstimmte.

„Aber du kannst dir deine Hoffnung auf pikante Storys abschminken. Ich werde dir ganz sicher keine Einzelheiten erzählen, Momoko. Das bleibt schön zwischen Kai und mir.“

Sie machte eine kurze Pause, und ein neckischer Glanz trat in ihre ozeanfarbenen Augen, als sie den Spieß kurzerhand umdrehte.

„Schließlich bin ich ja auch diskret“, setzte Nami mit einem spitzbübischen Unterton nach. „Ich frage dich ja umgekehrt auch nicht ständig aus, wie genau die Nächte mit Kenji ablaufen.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte plötzlich für eine Sekunde absolute Funkstille. Namis Zwillingsbruder Kenji, der mit Momoko zusammen war, war in solchen Dingen ein absolut heiliges... und für Momoko hochemotionales... Thema.

„Nami!“, quietschte Momoko nun ihrerseits völlig überrumpelt und hörbar errötend auf.

„Das… das ist etwas völlig anderes! Außerdem muss ich jetzt wirklich zurück in den Unterricht, die Pause ist vorbei!“

Nami lachte leise auf, sichtlich zufrieden mit ihrem kleinen Konter. „Schon gut, geh ruhig zum Unterricht. Wir hören uns später, Momoko.“

„Ja, ruh dich schön aus!“, rief Momoko noch schnell, ehe sie mit einem hörbaren Kichern auflegte. Zurück blieb ein leises Tuten und eine schmunzelnde Nami, deren Herz bei dem Gedanken an ihren besitzergreifenden Champion und die süßen Geheimnisse ihrer Beziehung nur noch schneller schlug.

Nachdem sie das Handy auf dem Nachttisch abgelegt hatte, sickerte die Realität ihres Körpers mit einem Schlag durch die wohlige Atmosphäre der letzten Telefonminuten.

Nami hielt inne. Ein ganz bestimmtes, ziemlich dringendes Gefühl machte sich in ihrer Blase bemerkbar... sie musste dringend auf die Toilette.

„Na wunderbar…“, murmelte sie schmunzelnd vor sich hin und schlug die schwere Bettdecke zurück.

Sie drehte sich zur Seite und stemmte sich mühsam in die Höhe. Doch in dem Moment, als ihre nackten Füße den kühlen Dielenboden berührten und sie versuchte, ihr volles Gewicht auf die Beine zu verlagern, sackte sie sofort wieder ein Stück in sich zusammen.

Ihre Oberschenkel zitterten wie Espenlaub, und die Knie fühlten sich an, als bestünden sie aus weichem Wackelpudding. Kais unbarmherzige Prophezeiung vom Morgen traf sie nun mit voller Wucht im Alltag.

Ein leises, ungläubiges Kichern entwich ihrer Kehle. Es war absolut lächerlich und gleichzeitig so unfassbar intensiv.

Nami gab jedoch nicht auf. Sie biss sich amüsiert auf die Unterlippe, sammelte ihre Kräfte und schob sich erneut nach oben. Um nicht direkt wieder den Boden zu küssen, streckte sie hastig die Hand aus und klammerte sich am massiven Holzpfosten des großen Bettes fest. Sie wartete ein paar Sekunden, bis das heftige Kribbeln in ihren Muskeln nachließ, und wagte dann den ersten Schritt in Richtung des schlafzimmereigenen Badezimmers.

Es wurde ein regelrechter Hindernislauf. Da sie nicht im Entferntesten geradeaus laufen konnte, hangelte sie sich von einem Möbelstück zum nächsten. Mit einem leisen Glucksen im Hals stützte sie sich erst an der schweren Mahagonikommode ab, verlor kurz das Gleichgewicht, fing sich mit einer Drehung und hielt sich prustend an der Lehne des eleganten Sessels fest, der neben dem Fenster stand.

Jede Bewegung erinnerte sie in einer süßen, fast schon schmerzhaften Deutlichkeit an die rauen Griffe und die absolute Dominanz, mit der Kai sie gestern Abend durch den Korridor getrieben hatte. Ihr Herz raste schon wieder, während sie sich schließlich mühsam an der verzierten Klinke der Badezimmertür festhielt und sich erleichtert hineinschob. Sie war zwar völlig erledigt, aber das breite, glückliche Grinsen auf ihrem Gesicht war in diesem Moment einfach nicht wegzukriegen.

Nami ließ sich mit einem tiefen, erleichterten Seufzen auf die Toilette sinken, während sie die Stirn kurz gegen ihre Handflächen lehnte. Sie schloss für einen Moment die Augen und lauschte in sich hinein. Zu ihrer erneuten eigenen Überraschung war da kein Brennen. Kein schmerzhaftes Ziehen im Intimbereich, das man nach einer so unbarmherzigen, intensiven Nacht eigentlich hätte erwarten müssen.

Ihre heilende Bit-Beast-Aura lief bereits auf Hochtouren. Das uralte, mystische Wesen in ihrem Inneren hatte die physische Regeneration ihres Körpers längst angekurbelt und die zellulären Kleinstverletzungen im Rekordtempo repariert.

Und dennoch… dennoch konnte sie kaum einen Schritt geradeaus laufen.

Nami stieß ein leises, belustigtes Lachen aus, das von den hellen Fliesen des Badezimmers widerhallte. Es war ein faszinierendes Paradoxon. Die Instabilität in ihren Beinen hatte überhaupt nichts mit tatsächlichen, strukturellen körperlichen Schäden zu tun. Es war das pure Chaos aus Hormonen, Endorphinen und Botenstoffen, das noch immer durch ihr zentrales Nervensystem raste. Die sensorische Überreizung und die totale psychische Kapitulation vor Kais Dominanz hatten ihre Nervenbahnen so tiefgreifend geflutet, dass ihre Muskeln schlichtweg die Koordination verweigerten.

Kai hatte nicht ihren Körper beschädigt... er hatte ihre Kontrolle via Hormonrausch komplett ausgeschaltet.

Mit einem schmunzelnden Kopfschütteln stützte sie sich an der Wand ab und hangelte sich mühsam die letzten Schritte bis zum großen Marmorwaschbecken vor. Sie hielt sich am Rand fest und sah in den großen Spiegel.

Nami strich sich das lange, silbrig weiße Haar über die Schulter und betrachtete ihr Spiegelbild. Ihre ozeanfarbene Iris leuchtete hell, und ihre Wangen waren noch immer rosig. Doch als sie den Blick prüfend über ihren Körper wandern ließ, hielt sie überrascht inne.

Da war tatsächlich nichts. Auf ihrem hellen, karamellfarbenen Hautton war trotz der rauen Intensität der Nacht nicht ein einziger blauer Fleck zu sehen. Es gab keine dunklen Abdrücke von Kais eisernen Griffen an ihren Handgelenken, und selbst die Stelle an ihrer Schulter, in die er leicht schmerzhaft gebissen hatte, war vollkommen makellos.

Keine Rötung, keine Bissspuren... nichts. Ihre Bit-Beast-Aura hatte wieder jede äußerliche Spur perfekt weggewischt.

Sie war äußerlich eine makellose Schönheit, unberührt wie eine glatte Eisfläche, während sie innerlich noch immer lichterloh für ihren unnahbaren Champion brannte.

Das leise, metallische Rauschen der Klospülung war gerade im Begriff zu verklingen, als das charakteristische Klicken der schweren Schlafzimmertür die Stille des Raumes durchschnitt.

Kai schritt mit raumgreifenden, majestätischen Schritten in das Zimmer. Er war tatsächlich weitaus schneller zurück, als Nami es je für möglich gehalten hätte... die geschäftlichen Verpflichtungen der BBA hatten ihn nicht ansatzweise so fest im Griff gehabt wie das Bedürfnis, nach ihr zu sehen.

Seine rubinroten Augen verengten sich sofort zu einem aufmerksamen Scannen. Sein Blick glitt über das leere, zerwühlte Bett, registrierte das abgestellte Teetablett und heftete sich schließlich zielsicher an die Tür des schlafzimmereigenen Badezimmers, als sein Kopf sich der Geräuschquelle zuwandte.

Genau in diesem Moment öffnete Nami die Tür. Sie hatte sich den leichten, seidenen Morgenmantel übergeworfen, der im Badezimmer bereitgehangen hatte, doch die elegante Hülle täuschte nicht über ihre körperliche Verfassung hinweg. Mit unsicheren, völlig wackelig Koordinationsversuchen kam sie mühsam aus der Tür gewackelt, die Finger noch halt suchend am Türrahmen.

Doch im selben Augenblick, als sie aufsah und Kai dort im Raum stehen sah, erhellte sich ihr gesamter Blick schlagartig. Das matte Leuchten ihrer ozeanfarbenen Iris vertrieb jede Spur von Erschöpfung.

Kai fackelte nicht lange. Mit nur drei großen, energischen Schritten hatte er die Distanz zwischen ihnen überbrückt. Noch ehe ihre Knie ein weiteres Mal nachgeben konnten, schoben sich seine starken Arme um ihre Taille und fingen ihren zitternden Körper mühelos auf. Er zog sie fest gegen seine breite, kühle Brust, die noch die Frische der Novemberluft in sich trug.

Ohne ihr auch nur eine Sekunde zum Durchatmen zu geben, senkte er den Kopf. Seine Lippen fanden die ihren in einem tiefen, fordernden und besitzergreifenden Kuss, der ihr jegliches Zeitgefühl raubte. Es war kein sanftes Begrüßen, sondern die unumstößliche Erinnerung daran, dass sie ihm gehörte. Erst als er spürte, wie sie sich vollkommen in seinem Halt fallen ließ, löste er den Kuss minimal und lehnte seine Stirn atemlos an die ihre.

Namis Wangen erröteten augenblicklich in einem tiefen, warmen Rosaton, während ihr Herz in ihrer Brust wie wild zu rasen begann. Dieses unaufhaltsame Hämmern war so laut, dass er es durch den engen Körperkontakt unmöglich überhören konnte. Das silbrige, lange Haar floss ihr über den Rücken, während sie seinen brennenden Blick erwiderte.

„Wie geht es dir?“, fragte Kai mit einer tiefen, rauen Stimme, die trotz der gewohnten Kühle eine ganz feine Nuance von ehrlicher, besorgter Fürsorge in sich trug. Seine Augen fixierten sie unnachgiebig, bereit, jede noch so kleine Lüge sofort zu entlarven.

Nami antwortete nicht sofort. Ihr Gesicht verzog sich stattdessen zu einem wunderschönen, über das ganze Gesicht strahlenden Lächeln. Sie hob die Arme, strich über seine breiten Schultern nach oben und umfasste mit ihren zierlichen Händen seine warmen, markanten Wangen.

„Es ging mir noch nie besser“, sagte sie leise, und in ihrer Stimme lag so viel absolute Aufrichtigkeit, Wärme und tiefe Erleichterung.

Kai fackelte nicht lange. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schob er seine starken Arme wieder unter ihren vollkommen wackeligen Körper, hob sie mühelos im Brautstil an und trug sie die wenigen Schritte zurück zum Bett. Er legte sie mit einer rücksichtsvollen Sanftheit auf den aufgewühlten Laken ab, ehe er sich auf die Bettkante setzte.

Nami sah ihm dabei zu, wie er seinen Mantel abstreifte und beiseitelegte. Darunter trug er ein gewohnt schlichtes, dunkles Shirt, das sich eng an seine breiten Schultern und die harten Konturen seiner Brust schmiegte.

Kai zog die schwere Decke über ihre Beine und legte sich kurzerhand im Shirt direkt zu ihr, den Kopf auf den angewinkelten Arm gestützt, während sein rubinroter Blick auf ihr ruhte.

Hier, hinter den geschlossenen Türen des Ayame-Anwesens, war die eiserne Maske des Champions völlig verschwunden. Bei Nami war Kai offener als bei jedem anderen Menschen auf dieser Welt. Er brauchte keine Mauern mehr vor ihr.

„Du warst verdammt schnell zurück“, murmelte Nami, während sie sich auf die Seite drehte und die Decke bis zur Brust zog, um die Hitze seines Körpers ganz nah bei sich zu spüren. „Haben sie dich bei der BBA so leicht gehen lassen?“

„Ich habe die Termine abgekürzt“, erwiderte er schlicht, als wäre es das Normalste der Welt, die Chefetage der Liga einfach stehenzulassen. „Außerdem hatte ich ein Versprechen einzulösen.“ Sein Blick glitt vielsagend über ihre Züge, und ein schwaches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.

Nami errötete leicht, genoss die tiefe Vertrautheit aber in vollen Zügen. Um die aufkeimende Hitze in ihren Wangen ein wenig zu überspielen, wechselte sie das Thema zu etwas, das ihr schon seit Tagen im Kopf herumging. „Wo wir gerade von Terminen sprechen… wir müssen noch über das dreifache Date im Disneyland nächste Woche reden. Zu deinem Geburtstag.“

Kai stieß ein tiefes, unmissverständliches Schnauben aus und warf den Kopf leicht nach hinten in die Kissen. Der Gedanke, mit Hilarys akribisch geplantem „Event“ konfrontiert zu werden, war ihm trotz seiner Zusage sichtlich ein Dorn im Auge.

„Das dreifach-Date“, wiederholte er die Worte, als wären sie eine persönliche Beleidigung für seine Ruhe. „Ich habe die Jahre zuvor noch nie meinen Geburtstag gefeiert. Und jetzt das. Hilary kann es einfach nicht lassen, Dinge zu planen, nach denen niemand gefragt hat.“

Nami musste leise kichern. Sie hob die Hand und strich ihm sacht über den Oberarm, wo sie die harten Muskeln unter dem dunklen Stoff spüren konnte.

„Es ist doch nur eine Geste, Kai. Haben dir deine früheren Teammitglieder denn nie gratuliert? Ich meine… Tyson, Max und Ray sind doch eigentlich nicht der Typ Mensch, der so etwas vergisst.“

Kai schwieg für einen Moment. Sein Blick schweifte kurz ab, fixierte das Prasseln des Regens an der Fensterscheibe, und in seinen Augen blitzte eine seltene, nostalgische Erinnerung auf.

„Sie wussten eine lange Zeit überhaupt nicht, wann mein Geburtstag war“, gestand er schließlich mit seiner tiefen, rauen Stimme.

„Ich habe es niemandem erzählt. Für mich war es einfach nur ein Tag wie jeder andere. Ehe Mr. Dickenson es irgendwann in der Zentrale ausgeplaudert hat. Er hatte meine Akten.“

Nami zog die Augenbrauen hoch, fasziniert von diesem erneuten kleinen Einblick in seine Vergangenheit. „Und was ist dann passiert?“

Kais Gesichtsausdruck sprach plötzlich Bände. Seine Augen verengten sich und die Mundwinkel zuckten in einer Mischung aus absolutem Entsetzen und nachträglichem Genervtsein.

„Tyson“, grollte er, und allein der Name reichte aus, um seine tiefe Abneigung gegen laute, chaotische Überraschungen zu verdeutlichen.

„Er hat erfahren, dass ich sechzehn werde, und hat im Dojo bei sich eine kleine Party geschmissen. Es war eine absolute Katastrophe. Er hat versucht, eine Torte zu backen, die am Ende halb verbrannt war, überall hing billige Dekoration, und er hat mich mit einer dämlichen Partyhütchen-Aktion überrumpelt.“

Nami hielt sich prustend die Hand vor den Mund. Das Bild vor ihrem inneren Auge... der eiskalte, unnahbare Kai Hiwatari mit einem bunten Partyhütchen auf dem Kopf, während Tyson ihn euphorisch anschreit... war einfach zu köstlich. „Lass mich raten: Du hast die Party sofort gecrasht?“

„Ich bin nach genau fünf Minuten durch das Fenster verschwunden und habe die Nacht auf dem Dach verbracht“, erwiderte er völlig trocken, doch der Funke von Amüsement in seinen rubinroten Augen verriet ihr, dass die Erinnerung ihn heute längst nicht mehr so wütend machte wie damals.

Er hob die Hand, fing ihre zierlichen Finger ein und drückte sie leicht. „Also erwarte nicht, dass ich bei diesem Date Kerzen ausblase oder Mickey-Maus-Ohren trage. Aber da wir seit ein paar Wochen offiziell zusammen sind... nehme ich an, das ist der Preis, den ich zahlen muss.“

„Das ist süß von dir“, versprach sie mit einem strahlenden, unendlich glücklichen Lächeln, während sie ihre Finger fest mit den seinen verschränkte. „Aber keine Sorge... wenn Tyson wirklich mit Mickey-Maus-Ohren ankommt, sorge ich dafür, dass du unbemerkt verschwinden kannst.“