Happy Birthday
Happy Birthday
Es war ein Versprechen, das in den darauffolgenden Tagen wie ein süßes, geheimes Band zwischen ihnen hing. Die restliche Woche verstrich für Nami in einem Zustand, den sie nur als absolut berauschend beschreiben konnte. Weder sie noch Kai verschwendeten auch nur einen Gedanken daran, in das moderne Penthouse nach Shinjuku zurückzukehren.
Die Medien belagerten die Innenstadt und seine Wohnung ohnehin noch immer auf der Suche nach dem „geheimnisvollen Mädchen, das den Champion gezähmt hatte“... doch im Ayame-Anwesen waren sie für die Welt unerreichbar. Hinter den hohen Mauern und den dichten, spätherbstlichen Baumkronen existierten nur sie beide.
Sie richteten sich in einer Routine ein, die so dicht, intensiv und gleichzeitig von einer ungewohnten, tiefen Geborgenheit geprägt war, dass Nami manchmal glaubte, zu träumen.
An einem der Abende saßen sie gemeinsam auf der großen, schweren Couch im großen Salon. Das Feuer im Kamin knackte leise, während der Novemberregen unaufhörlich gegen die bleiverglasten Fenster peitschte. Sie sahen sich einfach einen Film an, die Beine unter einer warmen Decke vergraben.
Kai war dabei vollkommen ruhig gewesen, hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und sachte mit den Fingern durch ihr langes, silbriges Haar gespielt, während Nami ihren Kopf an seine breite Brust lehnte und dem gleichmäßigen Schlag seines Herzens lauschte. Es brauchte keine Arena, keine geschäftlichen Verpflichtungen. Als der Abspann lief, waren sie eng umschlungen ins Bett gegangen, getragen von einer sanften, fast schon zärtlichen Vertrautheit.
Doch schon am nächsten Abend dominierte erneut eine raue, besitzergreifende Intimität die Dunkelheit des Raumes. Das Verlangen zwischen ihnen loderte unberechenbar auf, heiß und fordernd. Und doch spürte Nami die feine, instinktive erneute Veränderung in Kais Verhalten. So tief und fordernd seine Griffe auch waren, so sehr achtete er im Taumel der Leidenschaft penibel darauf, sie nicht noch einmal so an ihre körperlichen Grenzen zu treiben, dass ihre Beine am nächsten Morgen den Dienst versagten.
Er kontrollierte den ungezähmten Sturm in seinem Inneren exklusiv für sie... ein stummes Zugeständnis an ihre Belastbarkeit, das Nami nur noch tiefer für ihn brennen ließ.
Nun war es der Vorabend seines Geburtstags. Die Zeiger des kleinen, hölzernen Weckers auf dem Beistelltisch schoben sich unaufhaltsam auf die oberste Ziffer zu. Im Zimmer war es still, bis auf ihr eigenes, tiefes Atmen.
Nami lag wohlig atmend in Kais nackten Armen. Die Hitze ihrer Haut verschmolz mit der seinen, während sie ihren Kopf auf seiner Brust abgelegt hatte und die Arme um seinen muskulösen Oberkörper geschlungen hielt. Ihr Blick war starr auf das sanft beleuchtete Ziffernblatt des Weckers gerichtet. Sie spürte die Kraft seiner Arme, die sie fest an ihn drückten, während sie die letzten Sekunden herunterzählte.
23:59
Ihr Herz machte einen kleinen, aufgeregten Sprung. Dann knackte es leise, und der Zeiger sprang exakt auf die Zwölfe. Mitternacht.
Nami bewegte sich vorsichtig, stützte sich mit den Unterarmen auf seiner Brust ab und sah nach oben. Das matte Licht des Mondes, das durch die Vorhänge drang, spiegelte sich in seinen rubinroten Augen.
Er hatte auf diesen Moment gewartet, denn sein Blick fixierte sie bereits unnachgiebig. Keine Müdigkeit, nur diese tiefe, wachsame Präsenz, die alle Mauern vor ihr fallengelassen hatte.
Sie blickte ihm tief in die Augen, hob eine Hand und legte ihre Finger sacht an seine markante Wange.
„Alles Liebe zum Geburtstag, Kai“, flüsterte sie leise. Ihre Stimme war noch ein wenig raubeschaffen und belegt von der Erschöpfung der vergangenen Stunden, aber vollkommen warm und von einer unendlichen Aufrichtigkeit erfüllt. „Alles Liebe zum Zwanzigsten.“
Kai regte sich nicht, doch in der Tiefe seiner Augen blitzte etwas auf, das die eiserne Kühle seiner Maske komplett schmelzen ließ.
Zwanzig Jahre.
Für ihn war es das erste Mal, dass dieser Tag nicht mit der Einsamkeit eines anonymen Hotelzimmers oder den schmerzhaften Erinnerungen an die Abtei im verschneiten Russland verknüpft war. Er lag hier, in seinem eigenen Refugium, mit der einzigen Frau, die je Zutritt zu seiner Seele erhalten hatte und für die er seine Welt neu geschrieben hatte.
Er hob langsam die Hand, legte seine großen Finger über die ihren an seiner Wange und zog sie sanft zu sich nach unten, ehe er sie in einen tiefen, besitzergreifenden Kuss zog, der all die unausgesprochenen Gefühle dieser Woche besiegelte.
Der nächste Morgen brachte den unbarmherzigen Bruch mit der idyllischen Zweisamkeit. Tokio zeigte sich von seiner ungemütlichen, nasskalten Novemberseite, als Kais Wagen vor den Toren des Disneyland-Resorts zum Stehen kam.
Schon von Weitem konnte man das grellbunte Treiben erblicken, das so absolut gar nicht zu Kais üblicher Ästhetik passte. Der Park war trotz des grauen Himmels gut besucht, und die fröhliche Musik der Disney-Klassiker drang gedämpft durch die geschlossenen Autoscheiben.
Kai stellte den Motor ab, legte die Hände auf das Lenkrad und starrte sekundenlang stumm durch die Windschutzscheibe auf das bunte Eingangstor. Sein Gesichtsausdruck war eine absolute Kälteplatte. Er hatte Ray in der BBA zwar gesagt, dass er weiß Gott Schlimmeres überlebt hatte als eine Riesenmaus, aber die Realität vor Augen schien seinen unnahbaren Pragmatismus dennoch auf eine harte Probe zu stellen.
Nami, die auf dem Beifahrersitz saß, musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht laut loszulachen. Sie trug eine warme Winterjacke und hatte ihr langes, silbernes Haar zu einem dicken Zopf geflochten.
„Du guckst, als würden wir gleich ein gegnerisches Hauptquartier stürmen“, neckte sie ihn leise und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel.
Kai schnaubte tief, ehe er den Schlüssel abzog. „Wenn Tyson auch nur im Ansatz versucht, mir eine dämliche Kopfbedeckung zu verpassen, trete ich den Rückzug an. Ich habe mein Soll mit meiner Anwesenheit erfüllt.“
„Ich halte mein Versprechen“, schmunzelte sie und drückte kurz sein Bein. „Ich halte dir den Fluchtweg offen.“
Als sie schließlich den Wagen verließen und sich dem vereinbarten Treffpunkt in der Nähe der Kassen näherten, dauerte es nicht lange, bis das vertraute Chaos der Vergangenheit sie einholte.
Die Kälte des Novembermorgens schien Tyson Grangers ohnehin schon überschäumende Energie in keiner Weise zu bremsen. Während Hilary mit einem penibel gefalteten Parkplan hantierte und Ray sich schmunzelnd die Hände in den Taschen seiner Jacke wärmte, redete Tyson ununterbrochen auf Mariah ein.
„Ich sag’s dir, Mariah, er wird kneifen“, tönte Tyson und schlug sich triumphierend auf die Brust. „Kai Hiwatari lässt sich doch nicht an seinem zwanzigsten Geburtstag von einer Riesenmaus fotografieren! Hilarys Plan in allen Ehren, aber der Typ sitzt wahrscheinlich im Anwesen und blockiert alle Nummern.“
„Er wird nicht kneifen, Tyson“, erwiderte Ray gelassen, während sein Blick über den gut besuchten Vorplatz glitt. „Er hat es Nami versprochen. Und wenn Kai Nami etwas verspricht, dann taucht er auf. Selbst wenn er dafür durch die Hölle gehen muss.“
„Disneyland ist für ihn die Hölle“, murmelte Hilary, ohne den Blick vom Plan zu nehmen.
„Aber genau deshalb habe ich den Zeitplan optimiert. Wenn wir die Hauptattraktionen strategisch anlaufen, hat er gar keine Zeit, mörderische Absichten zu entwickeln. Außerdem...“ Sie blickte auf. „Da sind sie.“
Instinktiv wandten sich alle Köpfe um. Und tatsächlich: Die Menge der Parkbesucher schien sich fast schon magisch zu teilen, um zwei Gestalten Platz zu machen.
Kai schritt mit gewohnter, absolut fehlerfreier Haltung voran. Sein langer, dunkler Mantel betonte die breiten Schultern und seine Aura war so eisig und intensiv, dass die bunten Luftballons in seiner Nähe fast zu platzen schienen. Doch an seiner Seite ging Nami.
Ihre Hand lag fest in seiner, ihr langes, silbernes Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, und das sanfte, ruhige Lächeln auf ihren Lippen bildete den perfekten Gegenpol zu der unnahbaren Maske des Champions.
„KAI! NAMI! HIER DRÜBEN!“,
brüllte Tyson sofort los und schwenkte die Arme, als wäre er auf einer einsamen Insel gestrandet. Hilary verpasste ihm prompt einen Ellbogenstoß in die Rippen, doch der Schaden war angerichtet... die halbe Kassenreihe starrte bereits zu ihnen.
Als Kai und Nami die Gruppe erreichten, blieb Kai einen Schritt vor Tyson stehen. Seine rötlichen Augen verengten sich minimal.
„Tyson“, raunte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme, die so staubtrocken klang, dass Tyson unwillkürlich ein Stück zurückwich.
„Noch ein Schrei in dieser Dezibelzahl, und ich sorge dafür, dass dein Geburtstag nächstes Jahr im Krankenhaus stattfindet.“
„Alles Gute zum Geburtstag, Kai!“, warf Hilary schnell dazwischen, um die Situation zu retten, und reichte ihm mit einem leicht nervösen, aber entschlossenen Lächeln ein Ticket. „Schön, dass du... es geschafft hast.“
Kai nahm die Karte entgegen, ohne eine Miene zu verziehen, während Nami Mariah und Hilary herzlich zur Begrüßung umarmte. Mariah drückte Nami kurz die Hand und raunte ihr bewundernd zu: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du ihn wirklich hergebracht hast.“
Nami warf einen kurzen Blick zur Seite, wo Kai bereits von Ray mit einem stummen, respektvollen Nicken begrüßt wurde. „Er hat sein Wort gehalten“, erwiderte Nami leise, ein warmes Funkeln in den Augen. „Auch wenn Graham gedroht hat, dass Kai den Park im Zweifelsfall einfach aufkauft und abreißen lässt.“
Mariah prustete leise auf, hielt sich aber diskret zurück, als die Gruppe sich schließlich durch die Drehkreuze und in Richtung der Main Street bewegte.
Das bunte, von Disney-Musik untermalte Treiben holte sie sofort ein. Überall liefen Kinder mit funkelnden Zauberstäben herum, der Duft von frischem Popcorn lag in der Luft, und an jeder Ecke wurden die berüchtigten Mickey-Maus-Ohren-Haarreifen verkauft. Tyson, der natürlich sofort an einem der Souvenirstände stehen blieb, griff zielsicher nach einem Paar klassischer, schwarzer Ohren.
„Hey, Kai!“, rief Tyson grinsend und hielt den Haarreifen hoch. „Komm schon, zwanzigster Geburtstag! Das ist Tradition! Einmal aufsetzen fürs Gruppenfoto!“
Ray schloss für einen Moment die Augen, als würde er innerlich bereits das BBA-Ausschussverfahren wegen Körperverletzung vorbereiten. Hilary hielt den Atem an.
Kai blieb stehen. Er drehte sich langsam zu Tyson um, zog eine Hand aus der Manteltasche und fixierte den aktuellen Weltmeister mit einem Blick, der so voller unbarmherziger Intensität steckte, dass das Grinsen auf Tysons Gesicht augenblicklich einfror.
„Wenn dieses Ding meinen Kopf auch nur auf zwei Meter Entfernung berührt, Tyson“, sprach Kai leise, aber so glasklar, dass jedes Wort saß, „dann fährst du dieses Ding heute Abend persönlich durch deine Magen-Darm-Passage. Haben wir uns verstanden?“
Tyson schluckte schwer und legte den Haarreifen mit einer fast schon unnatürlich vorsichtigen Bewegung zurück auf den Tresen. „Verstanden. War ja... war ja nur ein Witz.“
Nami musste sich heftig auf die Unterlippe beißen. Sie trat einen Schritt näher an Kai heran und spürte sofort, wie sich die eiserne Spannung in seinen Schultern minimal lockerte, als ihre Handfläche sanft seinen Arm streifte.
Er sah nicht zu ihr herunter, aber seine großen Finger glitten in ihre Jackentasche, suchten ihre Hand und schlossen sich fest darum. Ein stummes, besitzergreifendes Signal unter dem Mantel... er war genervt von dem Trubel, aber er war hier. Für sie.
„Also gut!“, ergriff Hilary hastig das Wort und klatschte in die Hände. „Als Nächstes steht Space Mountain auf dem Programm! Die Schlange ist noch kurz, wir müssen uns beeilen!“
Der Weg durch den Park entwickelte sich zu einem faszinierenden psychologischen Schauspiel. Während Tyson und Hilary sich unterwegs mal wieder lauthals darüber stritten, wer den besseren Orientierungssinn hatte, und Ray Mariah beschützend an sich drückte, wenn die Menschenmassen zu dicht wurden, bildeten Kai und Nami den ruhigen, fast schon majestätischen Anker der Gruppe.
Kais scharfe Ausbildung machte sich in jedem Moment bemerkbar. Seine rötlichen Augen scannten permanent die Umgebung... nicht nach feindlichen Blader-Klonen, sondern nach der Masse an Menschen.
Jedes Mal, wenn die Traube aus kreischenden Kindern oder unachtsamen Touristen zu dicht an Nami heranzudrängen drohte, veränderte Kai seine Position mit einer fließenden, dominanten Bewegung. Er schob sich wie ein massiver, unbezwingbarer Schutzwall zwischen sie und die Außenwelt, markierte mit jedem Schritt sein Revier und machte den Passanten allein durch seine Ausstrahlung klar, dass ein zu nahes Herantreten Konsequenzen haben würde.
Nami genoss diese besitzergreifende, dominante Seite an ihm in vollen Zügen. Es gab ihr inmitten des bunten Chaos ein unerschütterliches Gefühl von Sicherheit. Sie blickte von der Seite zu seinem scharfen Profil auf und drückte seine Hand in ihrer Tasche ein wenig fester.
Kai spürte den Druck. Er senkte den Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu ihr, und das raue, fast unhörbare Schmunzeln in seiner Kehle war die Antwort, die nur für ihre Ohren bestimmt war. Er erinnerte sie stumm an das, was er ihr damals versprochen hatte: Er hatte ihren Körper auf sich geeicht. Und die wohlige Gänsehaut, die in diesem Moment trotz der warmen Jacke über ihre Arme kroch, war der beste Beweis dafür, dass sein Plan fehlerfrei funktionierte.
„Alles okay?“, fragte Ray, der sich unbemerkt ein Stück zurückfallen lassen hatte, um neben den beiden zu gehen. Er sah Kai mit einem verschmitzten, aber ehrlichen Schmunzeln an.
„Oder suchst du im Kopf schon nach der Rechtsabteilung, um den Laden hier dichtzumachen?“
Kai schnaubte kurz und trocken, doch die mörderische Schärfe blieb aus. „Der Lärmpegel ist grenzwertig, Ray. Aber die Sicherheitsvorkehrungen der Fahrgeschäfte sind zumindest akzeptabel.“
Ray lachte leise. „Man muss eben Prioritäten setzen.“
Als sie schließlich die futuristische Kuppel von Space Mountain erreichten und sich in die schattige, neonbeleuchtete Warteschlange einreihten, atmete Kai merklich auf... die Musik der Main Street war hier drinnen endlich verstummt.
Das dämmrige, von pulsierenden Blaulichtröhren durchzogene Innere der Warteschlange bot den perfekten, intimen Kontrast zu dem grellen Trubel da draußen. Die Bässe der fernen Achterbahn vibrierten dumpf im Boden.
Nami stand mit dem Rücken dicht an Kai gedrückt. Sie sah zu ihm auf, die Augen voller opalisierender Neugier und einem Hauch von reinem, unschuldig wirkendem Schalk.
„Und?“, flüsterte sie mit einem amüsierten Funkeln, während sie sich leicht auf die Zehenspitzen stellte, um sein Ohr zu erreichen. „Überlebst du es bisher? Oder planst du schon die Revanche für meine 'List', dich hierherzubringen?“
Kai bewegte den Kopf nicht, doch das minimale Zucken seiner Mundwinkel verriet, dass ihm kein einziges Wort entgangen war. Es war eine bewusste, absolut absichtliche Provokation von ihr gewesen. Sie beide wussten ganz genau, dass es keine List gegeben hatte. Nami war vollkommen offen und ehrlich zu ihm gewesen, hatte Hilarys Pläne unverblümt auf den Tisch gelegt, und er selbst hatte aus freien Stücken und mit unerschütterlichem Pragmatismus entschieden, dass sie gemeinsam mit den anderen hierhergehen würden.
Kai entging der neckische Unterton in ihrem Gehauche nicht. Er spürte exakt, wie sie versuchte, ihn hier zwischen all den Menschen ein wenig aus der Reserve zu locken, ihn zu testen und die Grenzen seiner Geduld auszuloten. Und es war ihm gerade verdammt recht.
Sein Griff um ihre Taille wurde schlagartig fester. Mit einer fließenden, besitzergreifenden Bewegung zog er sie so dicht gegen seinen Körper, dass kein Blatt mehr zwischen sie gepasst hätte, und hielt sie an den Kurven ihrer Hüfte fest. Seine rötlichen Augen fixierten sie mit einer so dunklen, fokussierten Intensität, dass die bunten Neonlichter der Halle darin zu verblassen schienen.
„List?“, raunte er mit seiner tiefen, rauen Stimme direkt an ihrer Schläfe, sodass sein heißer Atem über ihre Haut strich. Ein gefährlich-amüsiertes Grollen schwang in seiner Kehle mit. „Du wirst mutig, Nami.“
Er spürte, wie ihr Atem augenblicklich ins Stocken geriet. Kai hatte keineswegs vor, sie heute Nacht für eine rein theoretische List zu 'bestrafen'. Nein, es brauchte keine Ausflüchte oder vorgeschobenen Gründe, um sie spüren zu lassen, wie unaufhaltsam und absolut sie ihm gehörte. Heute Nacht würde er sich schlicht und ergreifend leidenschaftlich an ihr abreagieren.
Sobald diese endlos scheinende Reizüberflutung aus dudelnder Disney-Musik, kitschigen Paraden und bunten Ballons endlich vorbei war und die schwere Flügeltür des Ayame-Anwesens hinter ihnen ins Schloss fiel, würde der aufgestaute Sturm sich entladen. Und zwar exklusiv an ihr.
Nami wusste das.
Sie sah ihm tief in die rubinroten Augen und las die nackte, ungeschönte Absicht in seinem Blick wie ein offenes Buch. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, während das feine, intensive Karminrot unaufhaltsam auf ihre Wangen schoss. Eine wohlige, heiße Gänsehaut kroch über ihren Rücken. Sie hatte das Tier in ihm geweckt... und die Gewissheit, was sie in den Stunden nach diesem Ausflug erwarten würde, ließ ihr Inneres in einer süßen, süchtigen Vorfreude erzittern.
„Hey, ihr zwei Turteltäubchen! Bewegt euch, wir sind dran!“, rief Tysons lautstarke Stimme das Paar unsanft in die Realität zurück.
Kai ließ Nami nicht sofort los. Er hielt ihren Blick noch für einen unendlich langen, dominanten Sekundenbruchteil gefangen, ehe er den Griff um ihre Hüfte lockerte und sie sanft, aber unmissverständlich vor sich her in Richtung der Einstiegsplattform schob.
Das dreifache Date war noch nicht vorbei, aber die Nacht war bereits besiegelt.
Etwa acht Minuten später...
Das dämmrige Neonlicht von Space Mountain wich wieder der nasskalten Novemberluft, als die Gruppe die riesige Kuppel verließ. Tyson war völlig aus dem Häuschen, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum und demonstrierte lautstark, wie es ihn in den Kurven fast aus dem Sitz gerissen hätte.
Hilary trieb die Truppe jedoch unbarmherzig weiter. Ihr Blick lag fest auf dem bunt gefalteten Parkplan, als sie die Gruppe zielsicher auf den großen Vorplatz vor dem ikonischen, pastellfarbenen Dornröschenschloss steuerte. Hier herrschte das absolute Epizentrum des Kitsches: Die Kulisse war übersät mit glücklichen Pärchen und Familien.
„So!“, verkündete Hilary mit militärischer Entschlossenheit und klatschte in die Hände. „Das ist der perfekte Spot. Wir machen jetzt Pärchenfotos! Tyson, nimm gefälligst die Hände aus den Taschen. Ray, Mariah, ihr fangt an!“
Während Ray mit einem charmanten Schmunzeln Mariah an der Taille zu sich zog und Tyson von Hilary unter lautem Protest in Position geschoben wurde, trat Nami ein kleines Stück zurück. Sie blickte auf das Schloss, auf das Blitzlichtgewitter und dann von der Seite zu Kai. Er stand mit verschränkten Armen da, den Kragen seines Mantels hochgeschlagen, und seine Miene war so finster, als plane er im Kopf bereits den strategischen Abriss des gesamten Märchenschlosses.
Als Hilary sich schließlich mit gezücktem Smartphone umdrehte und mit dem Finger auf die beiden zeigte...
„So, und jetzt ihr zwei! Macht mal ein schönes Gesicht!“,
schüttelte Nami sofort lächelnd den Kopf.
„Ach, lasst mal gut sein, Hilary“, winkte Nami entspannt ab und trat bewusst noch einen Schritt weiter zurück, um den Druck von ihm zu nehmen. „Macht ihr ruhig eure Fotos. Wir gucken lieber zu.“
Sie verlangte kein Pärchenfoto. Sie forderte es nicht ein, schmollte nicht und versuchte erst gar nicht, ihn mit süßen Worten zu manipulieren. Nami wusste instinktiv, dass Kai absolut nichts von diesem inszenierten Kitsch hielt. Sie respektierte schon immer seine Grenzen, nahm ihn exakt so, wie er war, und verlangte niemals etwas von ihm, was einfach nicht zu seinem Wesen passte.
Kai, dessen Blick starr geradeaus gerichtet schien, hatte jede ihrer Bewegungen genauestens registriert. Seine rötlichen Augen wandten sich ihr zu, und in der Tiefe seines Blickes regte sich ein seltenes, intensives Gefühl von stiller Dankbarkeit für ihre erneute Rücksichtnahme. Es faszinierte ihn immer wieder aufs Neue, wie feinfühlig sie seine Mauern las, ohne dass er auch nur ein Wort sagen musste.
Und genau diese uneingeschränkte Akzeptanz brachte etwas in ihm zum Schmelzen.
Noch bevor Nami ganz zurücktreten konnte, schoss Kais Hand vor. Seine großen, warmen Finger packten ihr Handgelenk und mit einem einzigen, festen Zug beförderte er sie direkt an seine breite Brust.
Nami blinzelte völlig überrascht, als sie gegen seinen Mantel stieß, und auch Hilary, Tyson und den anderen klappten im selben Moment kollektiv die Kinnladen herunter. Ray zog amüsiert eine Augenbraue nach oben, während Mariah leise aufquietschte.
Kai wartete gar nicht erst auf die Schockstarre der Clique. Er legte den Arm von hinten dominant um Namis Taille, zog sie unnachgiebig an sich und fixierte die Kamera mit seinem gewohnt kühlen, messerscharfen Blick.
„Wenn du jetzt nicht abdrückst, Hilary“, erklärte Kai mit seiner tiefen, staubtrockenen Stimme, die keinen Raum für Widerrede ließ, „dann überlege ich es mir in den nächsten drei Sekunden anders.“
„I-Ich drücke ja schon!“, stammelte Hilary vollkommen überrumpelt, hob panisch das Handy und drückte hastig auf den Auslöser.
Klick.
Das Bild war perfekt. Es zeigte kein kitschig grinsendes Pärchen, sondern die pure, ungeschönte Wahrheit ihrer Dynamik: Nami, deren ozeanfarbene Augen vor Überraschung und leisem Glück funkelten, während sich ein wunderschönes, ehrliches Lächeln auf ihren Lippen abzeichnete... und Kai, der sie wie ein unbezwingbarer, besitzergreifender Schutzwall im Arm hielt, dominant, unnahbar und mit jener unbewegten, aristokratischen Kühle, die jeden Paparazzo sofort auf Abstand hielt.
Hilary blickte fassungslos auf den Bildschirm des Smartphones. „Das... das ist tatsächlich ein richtig gutes Foto geworden“, murmelte sie fast schon ehrfürchtig.
„Zeig her!“, drängte Tyson und schielte über ihre Schulter. Er schüttelte den Kopf, als er Kais ungerührten, scharfen Blick auf dem Display sah, und warf dem Champion ein schiefes Grinsen zu. „Wahnsinn, Kai. Du schaffst es echt, selbst im Disneyland so auszusehen, als würdest du im Kopf gerade ein Firmenimperium feindlich übernehmen. Aber Respekt, dass du überhaupt stillgehalten hast.“
Kai würdigte Tysons Kommentar keiner Silbe. Seine Gleichgültigkeit gegenüber den Sticheleien des Weltmeisters war wie gewohnt absolut; er strafte das Gerede schlicht mit eisiger Nichtbeachtung.
Stattdessen lockerte er den Griff um Namis Taille kein bisschen. Er beugte sich minimal zu ihr herunter, sodass sein rauer Atem ihr Ohr streifte, während die anderen noch das Foto bewunderten.
„Zufrieden?“
raunte er leise, und das dunkle, fokussierte Funkeln in seinen rötlichen Augen erinnerte sie augenblicklich wieder an das, was er ihr in der Warteschlange versprochen hatte.
Nami sah zu ihm auf, ihre Wangen nahmen wieder diesen zarten Roséton an, doch ihr Blick war voller Liebe. „Mehr als zufrieden, Kai“, flüsterte sie zurück und schmiegte sich noch ein wenig enger an seine Seite. Die Reizüberflutung des Parks war plötzlich völlig vergessen... für sie existierte in diesem Moment nur noch er.
Nachdem das Foto im Kasten war und Hilary das Smartphone mit einem zufriedenen Lächeln verstaute, setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung. Sie steuerten auf den westlichen Teil des Parks zu, wo die Kulisse allmählich in die verspielten, hölzernen Fassaden des Fantasylands überging.
Tyson und Ray liefen ein Stück voraus und fachsimpelten bereits über die nächste Attraktion, während Hilary penibel die Wartezeiten auf ihrem Handy überprüfte.
Kai und Nami bildeten wie gewohnt das Schlusslicht. Seine Hand hatte die ihre noch immer nicht losgelassen; der feste, warme Griff in ihrer Jackentasche war eine stumme, beruhigende Konstante inmitten des lauten Trubels.
Plötzlich jedoch stockte der Fluss der vorbeiziehenden Menschenmenge ein wenig. Ein etwa fünf Jahre altes Mädchen, das eine hellblaue Winterjacke und eine glitzernde Mütze trug, hatte sich von der Hand seiner Mutter gelöst. Es blieb mitten auf dem Gehweg stehen... und zwar exakt vor Nami.
Nami hielt im Schritt inne. Für den Bruchteil einer Sekunde spannte sie sich innerlich an, und sie spürte, wie auch Kai neben ihr augenblicklich eine Nuance wachsamer wurde. Der Gedanke, nach dem Turnier von Fans oder den Medien erkannt worden zu sein, lag in der nasskalten Luft.
Doch die Absicht des Kindes war eine völlig andere. Das Mädchen starrte Nami mit riesigen, funkelnden Augen an. Es hob einen kleinen, behandschuhten Finger, zeigte ganz fasziniert auf Namis langes, silbriges Haar, das kunstvoll zu einem dicken Zopf geflochten war, und sagte mit lauter, absolut verzückter Stimme:
„Du siehst aus wie eine wunderschöne Prinzessin! Fast wie Elsa, die Eiskönigin!“
Ein tiefes, ehrliches Gefühl der Erleichterung und Wärme breitete sich in Namis Brust aus. Das leise Amüsement vertrieb jede anfängliche Skepsis. Sie löste ihre Hand aus Kais Griff, trat einen Schritt vor und stemmte die Hände auf ihre Knie, um sich mit einem warmen, einladenden Lächeln leicht zu dem Kind hinabzubeugen.
„Oh, dankeschön“, entgegnete Nami mit sanfter, melodischer Stimme und blickte dem Mädchen direkt in die Augen. „Das ist wirklich das schönste Kompliment, das ich heute gehört habe.“
Das Mädchen war durch die Nähe der schönen Frau nur noch mehr verzückt. Es tippte sich verlegen von einem Fuß auf den anderen, verlor aber kein bisschen von seiner kindlichen Offenheit. „Wenn ich mal groß bin, möchte ich auch genau so schön sein wie du!“, verkündete es stolz.
Nami lachte leise auf... ein klares, herzliches Geräusch.
„Das wirst du ganz bestimmt“, versicherte sie ihr mit einem Augenzwinkern.
In diesem Moment wanderte der Blick des kleinen Mädchens jedoch weiter nach oben. Es fixierte die hochgewachsene Gestalt, die wie ein finsterer, schweigender Schatten direkt hinter Nami aufragte. Kai stand mit streng verschränkten Armen da, den Kragen seines dunklen Mantels hochgeschlagen, und sah mit unbewegter Miene auf das Kind hinab. Seine rötlichen Augen waren kühl, strahlten jedoch eher eine tiefe, distanzierte Ruhe als echte Ablehnung aus.
Das Mädchen musterte den Champion sekundenlang mit einer Ernsthaftigkeit, die nur Kinder aufbringen konnten. Dann legte es den Kopf schief, blickte wieder zu Nami und fragte laut:
„Ist das dein Prinz? Weil... wenn ja, dann schaut er aber ganz schön grummelig drein.“
Hinter ihnen explodierte die Szenerie augenblicklich. Tyson, der sich bei dem Wortwechsel bereits umgedreht hatte, prustete so heftig los, dass er sich laut lachend den Bauch halten musste.
„Ein grummeliger Prinz!“, johlte er und schlug sich auf den Oberschenkel. „Kai, das ist der Titel des Jahrhunderts! Ich kann nicht mehr!“
Selbst Ray konnte ein breites, amüsiertes Grinsen nicht unterdrücken, während Hilary hastig versuchte, Tyson zum Schweigen zu bringen, um das Kind nicht zu erschrecken.
Kais linke Augenbraue zuckte minimal nach oben. Seine Gesichtszüge blieben wie in Stein gemeißelt, doch der warnende Seitenblick, den er Tyson zuwarf, hätte ausgereicht, um eine ganze Arena gefrieren zu lassen.
Gegenüber dem Mädchen veränderte er seine Haltung jedoch nicht... er strafte die kindliche Wahrheit schlicht mit seiner typisch aristokratischen Unnahbarkeit.
Nami musste ebenfalls befreit losprusten. Das Bild, das Kai in diesem Moment abgab... ein weltbekannter, unschlagbarer Blader, der von einer Fünfjährigen als „grummeliger Prinz“ entlarvt wurde –, war einfach zu köstlich.
Sie richtete sich langsam wieder auf, stellte sich dicht neben ihn und warf ihm einen tiefen, unendlich amüsierten und liebevollen Seitenblick zu. Dann sah sie wieder zu dem Mädchen hinunter, das noch immer auf eine Antwort wartete.
„Ja, das ist er“, sagte Nami, und ihre Stimme nahm einen warmen, stolzen Unterton an, während sie ihren Arm ganz ungezwungen durch Kais massiven Ellbogen schob und sich an seine Seite schmiegte.
„Er ist tatsächlich mein Prinz. Aber weißt du... er ist ein ganz besonderer Prinz. Er muss überhaupt nicht lächeln, um einen Drachen zu besiegen oder um mich zu beschützen.“
Sie spürte, wie sich Kais Muskeln unter ihrem Arm für den Bruchteil einer Sekunde anspannten, als sie seine Natur so elegant in die Metapher einwebte. Ihr Blick glitt kurz zu seinem scharfen Profil, ehe sie das Kind wieder anlächelte.
„Denn...er ist der stärkste Prinz von allen.“
Das Mädchen nickte ehrfürchtig, vollkommen zufrieden mit dieser Erklärung, ehe seine Mutter herantrat, sich entschuldigte und das Kind mit einem Winken wieder mitnahm.
Als die kleine Familie im Trubel verschwunden war, herrschte für einen Moment Stille in der Gruppe... bis auf Tysons leises, glucksendes Kichern im Hintergrund, das er mühsam in seiner Jacke zu ersticken versuchte. Kai rührte sich nicht, doch Nami spürte die feine, intensive Veränderung seiner Aura. Er sah nicht zu ihr herunter, aber die tiefe, raue Stimme, die er nun senkte, war so leise, dass sie nur für sie bestimmt war.
„Ein Prinz?“, raunte er staubtrocken, und in der Tiefe seiner rötlichen Augen blitzte dieses gefährliche, besitzergreifende Funkeln auf, das sie bereits aus der Warteschlange kannte.
„Ich habe nicht vor, mich heute Abend wie einer zu verhalten.“
Nami schluckte leise, während die Hitze augenblicklich wieder in ihre Wangen stieg. Sie drückte seinen Arm ein wenig fester und lächelte in die Kälte des Novembertages hinein. Die Reizüberflutung des Parks mochte andauern, aber ihr ganz persönlicher Beschützer wich keinen Millimeter von ihrer Seite.
Nach der herzerwärmenden Begegnung mit dem kleinen Mädchen trieb Hilary die Gruppe unbarmherzig weiter. Der Zeitplan duldeten keine Pausen, und so absolvierte die BBA-Clique in den darauffolgenden zwei Stunden Schlag auf Schlag drei weitere Hauptattraktionen.
Sie ließen sich im Splash Mountain die nasskalte Gischt ins Gesicht peitschen... wobei Kai es mit einer fast schon unheimlichen Präzision schaffte, nahezu trocken aus dem Baumstamm zu steigen...., drehten eine rasante Runde im Big Thunder Mountain und tauchten schließlich in die schaurig-schöne Kulisse des Haunted Mansion ein.
Für Nami war es ein faszinierendes Wechselspiel. Während Tyson bei jeder Fahrt schrie und johlte, als ginge es um sein Leben, blieb Kai der unerschütterliche Fels an ihrer Seite. In der Dunkelheit der Geisterbahn waren es seine großen, warmen Finger gewesen, die sich besitzergreifend um ihre Taille geschlossen hatten und ihre Hand hielten... eine stumme Erinnerung daran, dass seine Aufmerksamkeit, trotz des lauten Trubels um sie herum, in jeder Sekunde exklusiv ihr gehörte.
Als der späte Nachmittag anbrach und die Dämmerung den Park allmählich in ein Meer aus bunten Lichtern tauchte, knurrte Tysons Magen so laut, dass selbst Ray kapitulierte. Hilary, die für jeden Schritt eine Lösung parat hatte, lotste die hungrige Truppe zielsicher in das Queen of Hearts Banquet Hall....das ikonische Alice im Wunderland-Themenrestaurant.
Das Innere des Restaurants war ein psychedelischer Traum aus riesigen Spielkarten, Heckenlabyrinthen und bunten Lichtern. Die Wände waren im Stil des Schlosses der Herzkönigin gestaltet, und überall hingen skurrile Dekorationen, die so absolut gar nicht zu Kais unterkühlter, minimalistischer Ästhetik passen wollten.
Kai strafte die bunten Plastik-Kartensoldaten am Eingang mit einem Blick, der scharf genug gewesen wäre, um sie in Brand zu stecken, setzte sich dann aber wortlos an den großen Holztisch, den das Team ergattert hatte.
Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, entschuldigte sich Nami kurz, um die Waschräume aufzusuchen.
Der Weg zurück zum Tisch führte sie an einem kleinen, bunt beleuchteten Souvenirstand vorbei, der sich mitten im Durchgangsbereich befand. Eigentlich wollte Nami einfach daran vorbeigehen, doch ihr Blick blieb an einer bestimmten Auslage hängen. Dort, ordentlich aufgereiht zwischen glitzernden Zauberstäben und Plüschtieren, lagen kleine, goldene Plastikkrönchen und funkelnde Zepter.
Nami hielt im Schritt inne. Ihr Blick glitt von den Krönchen zu ihrem Tisch, wo Kai mit streng verschränkten Armen und unbewegter Miene saß, während Tyson bereits wild gestikulierend auf Ray einredete.
Sie biss sich heftig auf die Unterlippe. Ein absolut unschuldiges, aber unendlich neckisches Funkeln trat in ihre ozeanfarbenen Augen. Eine solche Steilvorlage, eine kleine, ungezogene List an seinem Geburtstag... das konnte und durfte sie sich einfach nicht entgehen lassen. Sie kaufte mit einem charmanten Lächeln eine der kleinen, goldenen Kronen und verbarg sie geschickt in ihrer Hand, während sie sich mit leisen, fast schon katzenhaften Schritten dem Tisch von hinten näherte.
Kai saß mit dem Rücken zu ihr, doch seine geschulten Sinne registrierten ihre Annäherung sofort. Noch bevor er sich jedoch umdrehen oder reagieren konnte, schoss Namis Hand vor.
Mit einer fließenden, absolut präzisen Bewegung setzte sie Kai die kleine, goldene Plastikkrone von hinten mitten auf sein markantes, silberblaues Haar.
Tyson, der in diesem Moment mitten im Satz war und zu Kai herübersah, stockte der Atem. Für den Bruchteil einer Sekunde starrte er fassungslos auf den unnahbaren, eiskalten Champion, auf dessen Kopf nun eine winzige, leicht schief sitzende Spielzeugkrone thronte. Dann explodierte er förmlich. Tyson brach in ein so lautes, markerschütterndes Gelächter aus, dass er sich fast an seinem Getränk verschluckte und vornüber auf den Tisch kippte.
„ICH KANN NICHT MEHR!“, johlte Tyson und schlug flach mit der Hand auf die Holzplatte.
„Der Prinz! Der grummelige Prinz! Kai, das... das ist dein finaler Look! Beweg dich nicht, ich brauche eine Kamera!“
Nami unterdrückte ein leises, amüsiertes Kichern, ging um den Tisch herum und ließ sich mit vollkommen eleganter Gelassenheit auf dem freien Stuhl direkt neben Kai nieder. Sie legte die Hände unschuldig in den Schoß und wandte ihm ihr Gesicht zu. Ihr Blick war das pure Bild der Tugend... engelsgleich, sanft und von einer unendlich liebevollen Provokation erfüllt.
Kai rührte sich nicht. Er nahm die Krone nicht ab. Stattdessen drehte er den Kopf langsam zu ihr und bedachte sie mit einem so staubtrockenen, ungerührten Seitenblick, dass Nami das Prickeln auf ihrer Haut spüren konnte. Seine rubinroten Augen verengten sich zu leicht. Er ignorierte Tysons johlendes Gelächter im Hintergrund vollkommen, als existiere der Weltmeister überhaupt nicht. Seine gesamte, intensive Fokussierung lag exklusiv auf der Frau neben ihm.
Ohne seine verschränkten Arme zu lösen, neigte Kai sein Gesicht langsam zur Seite. Er beugte sich so dicht zu ihr herüber, dass seine markante Wange fast ihre Haut berührte, und positionierte seine Lippen direkt an ihrer Schläfe, knapp über ihrem Ohr.
Ein dunkles, raues und gefährlich leises Schmunzeln vibrierte in seiner Kehle, als er die Stimme so weit senkte, dass kein einziges Wort zu den anderen durchdrang.
„Du spielst ein riskantes Spiel.“, raunte er, und der heiße Atem, der dabei über ihr Ohr strich, jagte ihr augenblicklich eine heftige, unaufhaltsame Gänsehaut über den gesamten Rücken. „Aber wenn du deine Krone unbedingt auf meinem Kopf sehen willst... dann ist das wohl ein klares Versprechen für den Ausgang dieses Abends.“
Er hielt inne, und das raue Grollen in seiner Stimme nahm eine Nuance an, die ihr das Blut in den Adern gefrieren und gleichzeitig kochen ließ.
„Morgen wird es wohl wieder einen Tag geben, an dem du keinen einzigen geraden Schritt mehr laufen wirst. Stell dich darauf ein.“
Nami schluckte unwillkürlich leise. Die nackte, besitzergreifende Dominanz in seinen Worten traf sie mit der Wucht einer Welle. Ihr Herz machte einen heftigen, unregelmäßigen Sprung, und sie spürte, wie das feine, intensive Karminrot unaufhaltsam auf ihre Wangen schoss.
Ihr Blick, der eben noch so voller Schalk gewesen war, wurde augenblicklich leicht glasig, während sich eine wohlige, fast schon schwindelerregende Hitze in ihrem Inneren ausbreitete. Ihr Atem wurde flacher, ein winziges Stück schneller, und sie musste sich am Rand der Tischplatte festhalten, um die süße Erschütterung zu verbergen, die seinen Worten folgte.
Gegenüber von den beiden saßen Hilary und Mariah... und sie hatten das gesamte Schauspiel haargenau beobachtet.
Sie konnten kein einziges Wort von dem hören, was Kai ihr so düster und intim zugeflüstert hatte, doch die unmittelbare, körperliche Reaktion von Nami sprach Bände.
Mariah zog schmunzelnd eine Augenbraue nach oben, ein wissendes, tief amüsiertes Lächeln auf den Lippen. Sie genoss es sichtlich, wie mühelos der Champion seine Freundin mit nur einem einzigen Satz aus dem Konzept bringen konnte.
Hilary hingegen saß mit leicht heruntergeklappter Kinnlade da. Sie starrte abwechselnd auf die kleine, goldene Plastikkrone auf Kais Kopf... die er noch immer mit einer absoluten, königlichen Arroganz trug... und auf die tief errötete Nami, die plötzlich sehr intensiv ihr Besteck fixierte. Hilary schloss den Mund, schüttelte fassungslos den Kopf und beschloss weise, absolut keine Fragen zu stellen.
Tyson war mittlerweile ohnehin viel zu sehr mit seinem frisch servierten Essen beschäftigt, um die dichte, erotische Spannung am Tisch überhaupt zu registrieren. Er mampfte glücklich vor sich hin und redete mit vollem Mund auf Ray ein, um die allgemeine Stimmung zu übertönen.
Ray, der die Situation mit seiner gewohnten Reife sofort durchschaut hatte, warf Kai ein kurzes, respektvolles Grinsen zu und wandte sich dann bereitwillig Tysons Fachsimpelei über das Essen zu, um dem Paar ihren privaten Raum zu lassen.
Nami atmete tief durch, um die Hitze in ihren Wangen zu kontrollieren, und drückte unter dem Tisch sanft ihr Knie gegen Kais massives Bein. Er wich nicht zurück. Die Krone thronte noch immer auf seinem silberblauen Haar... ein absurder Kontrast zu seiner unbezwingbaren Aura, aber das süßeste Zugeständnis, das er ihr an diesem Tag hätte machen können.
Und Nami wusste ganz genau: Der Preis, den sie dafür heute Nacht im Ayame-Anwesen zahlen würde, war jeden einzelnen Moment wert.
Nachdem sie das Herzkönigin-Restaurant verlassen hatten, war die Dunkelheit vollkommen über das Disneyland-Resort hereingebrochen. Der nasskalte Novemberwind hatte etwas nachgelassen, doch die Luft war eisig geworden. Überall im Park strömten die Menschenmassen nun in eine einzige Richtung: zurück zur Main Street und dem großen Vorplatz, wo das ikonische Dornröschenschloss in wechselnden, majestätischen Farben erstrahlte.
Es war die Zeit für den traditionellen Abschluss eines jeden Disneyland-Tages... das
große Abendfeuerwerk.
Die BBA-Clique hatte sich einen etwas ruhigeren Platz am Rand des zentralen Platzes gesucht. Tyson stand auf den Zehenspitzen, um die beste Sicht zu erhaschen, während Ray Mariah schützend vor sich gezogen hatte, um sie vor dem dichten Gedränge der anderen Besucher abzuschirmen.
Kai und Nami bildeten wie gewohnt das ruhige Schlusslicht der Gruppe. Die kleine Plastikkrone hatte Kai vor dem Verlassen des Restaurants mit einer fließenden Bewegung vom Kopf genommen und wortlos in Namis Manteltasche gleiten lassen, doch das Versprechen, das an sie geknüpft war, hing noch immer wie ein unsichtbares, heißes Band zwischen ihnen.
Plötzlich erloschen die hellen Straßenlaternen des Parks, und ein raunendes Ah und Oh ging durch die Menge. Die vertraute, orchestrale Disney-Melodie erklang aus den verborgenen Lautsprechern, und im selben Moment schoss die erste Fontäne aus purem Gold in den Nachthimmel, wo sie mit einem dumpfen, vibrierenden Knall in tausend funkelnde Sterne zerplatze. Das Schloss wurde in ein tiefes, magisches Blau getaucht.
Nami blickte mit glänzenden Augen nach oben, fasziniert von dem farbenprächtigen Spektakel, das sich über ihren Köpfen entfaltete. Die Kälte des Abends war für einen Moment vergessen.
In diesem Moment spürte sie die vertraute, massive Präsenz hinter sich. Kai trat ganz dicht an sie heran, bis die Wärme seines Körpers die Kälte der Nacht komplett vertrieb. Ohne ein Wort zu sagen, legte er seine Arme von hinten um sie und zog sie mit einem sanften, aber unmissverständlichen Druck an der Taille eng gegen seine breite Brust. Er schob sich wie ein unbezwingbarer Schutzwall zwischen sie und die Hunderte von Menschen um sie herum.
Ein wohliges Lächeln stahl sich auf Namis Lippen. Sie genoss die vertraute Geborgenheit, atmete seinen Duft ein und legte ihre eigenen, etwas kühl gewordenen Hände sachte auf seine Unterarme, die fest um ihre Mitte geschlungen waren.
Direkt schräg vor ihnen stand Hilary. Eigentlich sollte ihr Blick starr auf das farbenprächtige Spektakel am Himmel gerichtet sein, doch die Neugier war mal wieder stärker. Sie schielte unauffällig über die Schulter zurück zu den beiden, fasziniert von der stillen, intensiven Dynamik des Paares.
Und was Hilary in diesem Moment beobachtete, ließ ihr Herz für einen Herzschlag aussetzen.
Kai, dessen Blick scheinbar ungerührt auf den explodierenden Lichtern am Himmel lag, veränderte die Position seiner Hände. Mit einer unendlich langsamen, fast schon zärtlichen Bewegung löste er die Arme minimal, schob seine großen, warmen Handflächen unter ihre und drehte sie so, dass seine Hände schließlich vollständig über den kleinen Händen von Nami lagen.
Seine Finger schlossen sich nicht nur besitzergreifend um die ihren... mit dem großen Daumen begann er, ihre Handrücken mit einer unendlich sachten, streichelnden Bewegung zu wärmen. Es war eine Geste von so tiefer, intimer Zärtlichkeit, dass sie im krassen Widerspruch zu seiner sonst so eisigen Unnahbarkeit stand.
Hilarys Augen weiteten sich fassungslos. Kai Hiwatari... der eiskalte, unnahbare Champion, der niemanden an sich heranließ... streichelte mitten im Disneyland im Schutz der Dunkelheit die Hände seiner Freundin.
Noch bevor Hilary das Bild ganz verarbeiten konnte, spürte sie einen spürbaren, ungemein amüsierten Seitenhieb in ihren Rippen. Sie zuckte leicht zusammen und blickte zur Seite. Mariah sah sie mit einem vielsagenden, breiten Grinsen an und deutete mit einem leisen Kopfnicken nach vorne zum Schloss.
„Schau nach vorne, Hilary“, flüsterte Mariah ihr mit einem amüsierten Augenzwinkern zu. „Manche Momente sind nur für die beiden bestimmt.“
Hilary spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Sie nickte hastig, schluckte die Überraschung hinunter und wandte den Blick pflichtbewusst wieder dem Feuerwerk zu.
Doch die Szene hatte etwas in ihr ausgelöst. Ein warmes, tiefes Gefühl der Rührung breitete sich in ihrer Brust aus. Sie sah zu Tyson, der mit offenem Mund das Finale am Himmel bestaunte, und mit einer plötzlichen, festen Bewegung ergriff sie seine Hand und drückte sie fest an sich.
Tyson blinzelte kurz überrascht, blickte zu ihrer Hand herunter und sah Hilary dann von der Seite an. Ein ungewohnt sanftes, ehrliches Lächeln trat auf sein Gesicht, und er erwiderte den Druck ihrer Hand wortlos, ehe sie gemeinsam den letzten, gewaltigen Goldregen betrachteten.
Hinter ihnen registrierte Nami die kleine Interaktion der Mädchen gar nicht. Sie spürte nur das beruhigende, gleichmäßige Streicheln von Kais Daumen auf ihrer Haut und das dumpfe Klopfen seines Herzens gegen ihren Rücken. Sie legte den Kopf leicht zurück, sodass sie sein scharfes Profil im Wechselspiel der bunten Lichter sehen konnte.
Seine rubinroten Augen spiegelten das Finale des Feuerwerks wider, doch als er ihren Blick spürte, senkte er ihn für den Bruchteil einer Sekunde zu ihr.
Es brauchte wie so oft keine Worte. Das laute Finale am Himmel krönte das Ende eines unvergesslichen Tages... doch für sie beide war es nur das sanfte Vorspiel für das, was sie in der absoluten Stille des Anwesens erwarten würde.