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Das Mädchen mit dem pinken Haar

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Das Mädchen mit dem pinken Haar

Die Aufzugtür glitt mit einem leisen, metallischen Rauschen zur Seite und entließ Nami in einen schlichten, funktionalen Korridor. Das grelle Neonlicht spiegelte sich auf dem Linoleum wider. Nami folgte Kais präziser Wegbeschreibung, vorbei an kahlen Wänden und mehreren unbeschrifteten Türen. Schon nach wenigen Metern passierte sie eine Gruppe wartender Blader, die sich am Getränkeautomaten mit koffeinhaltigen Limonaden versorgten, bevor sie mit hängenden Schultern zurück in den großen Saal schlurften.

Ein dumpfes Gemurmel drang aus dem Wartesaal nach draußen, doch in dem Moment, als Nami die Schwelle überschritt, erstarb das Geräusch augenblicklich. Es war, als hätte jemand den Ton abgedreht.

~Oh nein~, dachte Nami und spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Sie wurde nicht einfach nur angesehen...sie wurde seziert. Dutzende Augenpaare wanderten an ihr auf und ab, taxierten ihr silbrig weißes Haar, ihr Kleid und den Beyblade an ihrem Gürtel. Anscheinend hatte ihr fulminanter Sieg gegen Yuki Sato und der Einsatz ihres Bit Beats einen weitaus größeren Eindruck hinterlassen, als sie gehofft hatte.

Nami versuchte, die bohrenden Blicke zu ignorieren. Sie schritt an Gruppen von Männern vorbei, die sie mit unverhohlenem Interesse beäugten, und passierte junge Frauen, deren Blicke so scharf wie Rasierklingen waren. Schließlich fand sie eine etwas abgelegene, schattige Ecke und lehnte sich gegen die kühle Wand, um der allgemeinen Beobachtung wenigstens ein Stück weit zu entkommen.

Sie erinnerte sich an ihr Handy, das in der kleinen Bauchtasche ihres Kleides steckte. Den ganzen Tag über hatte sie nicht darauf geschaut...die perfekte Ablenkung, um sich vor den neugierigen Augen im Raum zu verstecken. Kaum hatte sie den Flugmodus deaktiviert, vibrierte das Gerät in ihrer Hand wie ein gefangenes Insekt. Ein Piepton jagte den nächsten. Unzählige Nachrichten von ihrer Familie, von Schulfreunden und fernen Bekannten ploppten auf dem Display auf. Das Display leuchtete ununterbrochen, bis es Nami endlich gelang, das Gerät hastig auf lautlos zu schalten.

~Gott, wie peinlich~, schalt sie sich innerlich und wagte es kaum, den Blick vom Bildschirm zu heben. Die Atmosphäre im Saal war geladen, fast so, als stünde ein Gewitter kurz bevor.

Plötzlich fiel ihr eine Nachricht von Kenji ins Auge. Ihr Daumen schwebte kurz über dem Display.

>Hey, klasse Match. Wo bist du gerade?<

Namis Augen verengten sich. ~Der kann was erleben~, dachte sie grimmig. Dass ihr Zwillingsbruder ihr verschwiegen hatte, Kai Hiwatari persönlich zu kennen...und sogar mit ihm an Firmenprojekten gearbeitet hatte..., würde er ihr noch büßen müssen. Eine Antwort auf seine Nachricht? Ausgeschlossen. Sie würde ihn zappeln lassen. Pah...

Sie wollte das Handy gerade wegstecken, als sie ein gehässiges Getuschel in ihrer unmittelbaren Nähe vernahm. Es klang wie das giftige Zischen von Schlangen. Nami zwang sich, ruhig zu bleiben, doch ihre Neugier siegte. Sie ließ den Blick ein Stück wandern und entdeckte drei junge Mädchen, die nur wenige Meter entfernt standen und sie regelrecht anfunkelten. Ihre Mienen waren verzerrt vor Missgunst.

Nami unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen. Sie hasste unnötige Dramen und Zickereien, doch bevor sie sich abwenden konnte, löste sich eines der Mädchen aus der Gruppe und trat auf sie zu.

„Hey!“, herrschte sie Nami an.

Nami zuckte kurz zusammen und sah die Fremde fragend an. „Ja?“

„Das warst doch du vorhin?!“, schrie das Mädchen fast.

Nami blinzelte verdutzt. „Ähm... ich war was? Meinst du mein Match?“ Sie fragte sich ernsthaft, ob die Person vor ihr eine Brille brauchte. Ihr Gesicht war doch groß genug auf den Monitoren zu sehen gewesen.

„Leute, doch, das ist sie!“, rief das Mädchen triumphierend über die Schulter zu ihren Freundinnen. „Die da ist vorhin mit Kai weggerannt! Ich hab es genau gesehen!“

~Verdammt~, schoss es Nami durch den Kopf. Natürlich. In einem Stadion voller Beyblade-Fans war die Wahrscheinlichkeit groß, dass einige der Mädchen, die Kai vorhin in der Eingangshalle belagert hatten, selbst Teilnehmerinnen des Turniers waren.

„Also, ich weiß ehrlich gesagt nicht, wovon du redest...“, erwiderte Nami und versuchte sich an einem verlegenen Lächeln, während sie abwehrend die Hände hob.

Spiel nicht die Unschuldige!“, kreischte das Mädchen, während ihre Freundinnen sich hämisch grinsend hinter ihr positionierten. „Wir haben genau gesehen, wie du mit Kai abgehauen bist! Was denkst du eigentlich, wer du bist? Dass du dir den Champion einfach krallen kannst, nur weil du ein hübsches Gesicht hast?“

Einige Blader im Umkreis blieben stehen und beobachteten die Szene. Nami spürte, wie ihr Geduldsfaden, der nach dem intensiven Vormittag ohnehin dünn war, gefährlich unter Spannung geriet.

„Ich habe niemanden 'gekrallt'“, erwiderte Nami nun mit einer Kälte in der Stimme, die sie selbst überraschte. „Er wurde von euch belagert wie eine Beute. Ich habe ihm lediglich einen Ausweg gezeigt. Wenn ihr euch weniger aufdrängen würdet, müsste er vielleicht nicht vor euch fliehen.“

Ein hörbares Raunen ging durch den Saal. Einige Blader im Hintergrund grinsten oder tauschten anerkennende Blicke aus – Namis Schlagfertigkeit hatte gesessen.

Die drei Mädchen erstarrten kurz, bevor sich tiefe Zornesfalten in ihre Gesichter gruben. „DU DUMME KUH!“, kreischte die Anführerin. „Denkst du wohl, du wärst was Besseres! Na warte...“

Das Mädchen stürmte auf Nami zu, der Arm bereits weit nach hinten geschwungen für eine schallende Ohrfeige. Nami spannte die Muskeln an, bereit, das Handgelenk der Angreiferin abzufangen, doch dazu kam es nicht.

„STOPP!“

Eine fremde Hand schoss wie ein Blitz hervor und packte das Handgelenk des wütenden Mädchens mitten in der Luft. Der Griff schien eisern zu sein.

„Was fällt euch eigentlich ein?“, fragte eine klare, autoritäre Stimme. „Jemandem mit körperlicher Gewalt zu drohen, ist sowas von unterste Schublade!“

Nami starrte die Retterin an, die sich schützend vor sie gestellt hatte. Das Mädchen hatte leuchtend pinkes Haar, das in weichen Wellen über ihre Schultern fiel und von einer großen, auffälligen Schleife zusammengehalten wurde. Als sie die anderen im Raum mit einem ernsten Blick fixierte, bemerkte Nami kleine, spitze Eckzähne, die unter ihrer Oberlippe hervorlugten. Ihr ganzes Auftreten hatte etwas Raubtierhaftes, fast wie eine Katze, die bereit zum Sprung war.

„Was auch immer Nami getan hat, sie hat es nicht verdient, so angegriffen zu werden!“, fuhr die Unbekannte fort. Ihre katzenhaften Augen blitzten gefährlich, als sie die drei Zicken fixierte. „Ich warne euch... noch eine einzige dumme Bemerkung oder eine falsche Bewegung von euch... und ihr werdet mich erst richtig kennenlernen. Verlasst euch drauf.“

Die drei Mädchen zuckten sichtlich zusammen, als hätten sie gerade in den Lauf einer geladenen Waffe geblickt. Für einen Moment herrschte absolute Stille, dann wandten sich die meisten Anwesenden wieder ihren eigenen Angelegenheiten zu. Die Gefahr war gebannt. Die drei Angreiferinnen zischten nur ein eingebildetes „Tsss...“ und machten sich eilig aus dem Staub.

Das pinkhaarige Mädchen drehte sich zu Nami um und ihr ernster Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein breites, herzliches Lächeln. Sie streckte Nami ihre kleine Hand entgegen. Mit den spitzen Zähnchen sah sie nun eher niedlich als bedrohlich aus.

„Alles okay?“, fragte sie munter. „Mach dir nichts draus... solche Zicken gibt es überall. Ich heiße übrigens Mariah.“

Nami erwiderte den Handschlag und spürte die Energie, die von der anderen ausging. „Nichts, was ich nicht schon erlebt hätte“, lächelte Nami dankbar. „Aber danke, Mariah. Das war wirklich nett von dir.“

Mariah war ein gutes Stück kleiner als Nami, was sie jedoch durch ihre hohen Schuhe und ihre enorme Präsenz wettmachte.

„Du hast Kai geholfen, sich aus einer unangenehmen Situation zu befreien?“, fragte Mariah und fing plötzlich an zu kichern. „Dass der sowas mal brauchen würde! Ich hoffe, es war ihm so richtig schön peinlich.“ Sie stieß Nami verschwörerisch in die Rippen. „Du musst wissen, ich kenne ihn schon seit Jahren. Ich könnte wetten, dass deine Aktion einen gewaltigen Knick in seinem Ego hinterlassen hat.“

Nami musste unwillkürlich mitlachen. Es war erfrischend, jemanden zu treffen, der Kai nicht als unnahbaren Gott sah, sondern als jemanden, über den man auch mal lachen konnte. „Er hat es zumindest nicht sehr genossen“, gab Nami schmunzelnd zu.

Plötzlich unterbrach eine blecherne Durchsage ihre Unterhaltung. Die Gespräche im Saal verstummten erneut, als alle Köpfe zum großen Bildschirm an der Wand herumfuhren. Die Halbfinalrunde wurde ausgelost.

Nami suchte ihren Namen und hielt den Atem an, als sie die Paarung sah. Ein kleiner Schock durchfuhr sie, während Mariah neben ihr nur die Augenbrauen hochzog.

>NAMI AKASUNA vs. MARIAH WONG<

„Na, das nenne ich mal Schicksal“, sagte Mariah und grinste Nami nun wieder mit diesem katzenhaften, herausfordernden Blick an. „Mal sehen, ob dein Bit Beast auch gegen meine Krallen eine Chance hat.“