Oma Yumi
Oma Yumi
Das Auto kam mit einem leisen Knirschen der Reifen auf dem feinen Kies des Parkplatzes zum Stehen. Das Ryokan von Oma Yumi und Opa Takeshi war ein wunderschönes, traditionelles Anwesen am Rande von Ueno. Die dunklen Holzbalken, die geschwungenen Ziegeldächer und der Duft von frischem Tatami und Kiefernholz, der in der kühlen Novemberluft lag, strahlten eine zeitlose Ruhe aus. Doch hinter den kunstvoll verzierten Schiebetüren der Haupthalle war bereits das gedämpfte, lebhafte Stimmengewirr des Tachiba-Clans zu hören.
Sie waren pünktlich.
Es war genau fünf vor zwölf.
Kai stellte den Motor ab, und das tiefe Summen erstarb, was eine plötzliche, fast greifbare Stille in der Kabine hinterließ. Er löste den Gurt, machte jedoch keine Anstalten, sofort auszusteigen. Seine Hände ruhten noch einen Moment auf dem Lenkrad, und seine Züge wirkten im matten Mittagslicht wie in Stein gemeißelt.
Unnahbar.
Bereit für den Feindkontakt.
Nami sah ihn von der Seite an. Sie spürte die subtile, fast unsichtbare Anspannung, die in seinen breiten Schultern lag. Für einen Mann, der die Einsamkeit liebte und große Menschenmengen jenseits einer Beyblade-Arena verabscheute, war das hier das Äquivalent zu einem Spießrutenlauf.
„Kai“, sagte sie leise und legte ihre Hand auf seinen Oberarm. Das raue Material seines dunkelgrauen Hemdes fühlte sich warm unter ihren Fingern an. „Komm kurz mit mir. Nicht durch den Haupteingang.“
Kai hob eine Augenbraue, schwieg aber und folgte ihr, als sie ausstiegen. Nami führte ihn geschickt um das Hauptgebäude herum, vorbei an den Augen der ersten eintreffenden Verwandten, durch ein kleines, hölzernes Tor direkt in den traditionellen Innengarten des Ryokans.
Hier drinnen war es vollkommen still. Der Garten war ein Meisterwerk japanischer Landschaftskunst: Moosbewachsene Steine, sanft im Wind wiegender Bambus und ein großer, klarer Teich, in dem träge einige farbenprächtige Kois schwammen. Ein kleines, hölzernes Wasserspiel klapperte in gleichmäßigen Abständen und erzeugte ein beruhigendes Geräusch.
Nami atmete die kühle, frische Luft tief ein und drehte sich zu Kai um. Er stand da, die Hände lässig in den Taschen seiner schwarzen Stoffhose vergraben, und musterte die Umgebung mit diesem typischen, wachsam prüfenden Blick.
Inmitten dieser traditionellen Kulisse wirkte er mit seiner maskulinen Urgewalt und den zweifarbigen Haaren fast wie ein moderner, gefährlicher Fremdkörper... und gleichzeitig unverschämt gutaussehend...wie Oma Yumi sagen würde.
Nami trat einen Schritt näher an ihn heran. „Danke“, hauchte sie leise und blickte zu ihm auf, während ein weiches, unendlich dankbares Lächeln ihre Züge erhellte. „Danke, dass du das hier tust. Ich weiß, wie sehr du solche Veranstaltungen hasst.“
Kai sah auf sie herab. Das Rubinrot seiner Augen verdunkelte sich ein wenig, als er ihren Blick auffing.
„Ich habe dir gesagt, dass ich dich in diesem Zustand nicht allein lasse“, entgegnete er mit seinem tiefen, rauen Timbre, die im stillen Garten besonders intensiv klang. „Und ich stehe zu meinem Wort.“
Nami schmunzelte matt. Sie hob die Hände und trat noch ein Stück näher, bis sie die Hitze seines Körpers spüren konnte. Mit feinen, behutsamen Bewegungen strich sie den Kragen seines grauen Hemdes glatt und zupfelte an den Schultern, um sicherzugehen, dass alles perfekt saß. Es war eine zärtliche, fast schon häusliche Geste, die Kai schweigend über sich ergehen ließ, obwohl seine Muskeln sich unter ihrer Berührung augenblicklich anspannten.
Als ihre Fingerspitzen dabei kurz die nackte Haut an seinem Hals streiften, veränderten sich seine Augen. Das besitzergreifende Raubtier aus der Nacht... und aus der Badewanne... war sofort wieder wach.
Noch bevor Nami die Hände wieder senken konnte, schnellte einer seiner Arme nach vorne. Seine großen, schwieligen Finger schlossen sich fest um ihre Taille und zogen sie mit einem einzigen, unbarmherzigen Ruck an sich. Nami keuchte leise auf, als ihr Körper flach gegen seine breite Brust prallte.
Seine Hand an ihrer Hüfte drückte sie so fest an sich, als wolle er der gesamten Welt... und all den Verwandten hinter den Wänden... beweisen, wem sie gehörte.
„Kai…“, flüsterte sie atemlos, während das vertraute, sündige Prickeln augenblicklich wieder in ihrem Unterleib aufflammte. „Jemand könnte uns sehen.“
„Sollen sie doch“, raunte er dunkel an ihr Ohr, und sein heißer Atem ließ sie leicht erzittern. Er beugte sich tief zu ihr, seine Lippen streiften sanft die empfindliche Haut an ihrer Halsbeuge, genau dort, wo der hochgeschlossene Kragen ihres Kleides die Spuren der Nacht verbarg.
„Glaub ja nicht, dass du so einfach davonkommst, Nami. Ich spiele den braven Begleiter für deine Familie. Aber heute Abend… gehört die Nacht wieder mir. Als Entschädigung für den Lärm da drinnen.“
Namis Atem wurde flacher, und sie krallte die Finger unbewusst in den Stoff seines Hemdes. Seine unbarmherzige, dominante Art raubte ihr selbst hier, Sekunden vor einer Familienfeier, fast wieder den Verstand.
Doch bevor die Situation völlig die Richtung wechseln konnte, löste er den Griff um eine Nuance, gerade so viel, dass sie ihn ansehen konnte. In seinen Augen blitzte ein unheimlich amüsiertes, dunkles Schmunzeln.
„Und jetzt“, raunte er trocken, während er sie mit einem letzten, besitzergreifenden Druck an der Hüfte wieder auf die eigenen Beine stellte, „bringen wir es hinter uns. Bevor deine Beine wieder zu Pudding werden.“
Nami stieß ein leises, glückliches Lachen aus und strich ihr Kleid glatt, während ihre Wangen nun in einem gesunden, lebendigen Rot erstrahlten. Die Nervosität vor dem Tachiba-Clan war wie weggeblasen. Mit Kai an ihrer Seite gab es nichts, wovor sie Angst haben musste.
Sie nahm seine Hand, verschränkte ihre Finger fest mit seinen und nickte. „Gehen wir.“
Sie traten durch die Schiebetür in den großen, traditionellen Empfangsraum des Ryokans. Das Stimmengewirr der versammelten Verwandtschaft verstummte für einen kurzen Moment, als alle Blicke zu den beiden Neuankömmlingen wanderten. Nami strahlte, während Kai mit unnahbarer, stoischer Miene neben ihr ging.
Ganz vorne am tiefen Haupttisch saß das älteste Oberhaupt der Familie: Oma Yumi. Trotz ihrer fast achtzig Jahre saß sie kerzengerade auf ihrem Kissen, das silbergraue Haar akkurat hochgesteckt, die Augen wach und scharf wie die eines Falken.
„Na, da sind sie ja endlich!“, schallte Yumis Stimme überraschend kraftvoll durch den Raum. Sie musterte das Paar, und ihr Blick blieb sofort an Kai hängen. Sie kniff die Augen zusammen, neigte den Kopf nach links, dann nach rechts, während sie ihn unverblümt von oben bis unten scannte.
Nami spürte, wie Kai sich neben ihr minimal anspannte, hielt seine Hand aber fest umschlossen.
„Oma Yumi.“, begann Nami lächelnd, doch ihre Großmutter hob bereits gebieterisch die Hand, um sie zu unterbrechen.
„Nami, mein Kind, du bist wie immer eine absolute Augenweide“, verkündete Yumi lautstark, sodass es auch wirklich jeder Cousin im Raum hören konnte.
„Aber dieser junge Mann neben dir… Himmel, Hiro, sieh dir das an!“ Sie deutete mit einem knöchernen Finger ungeniert auf Kai.
„Der Junge sieht aus, als könnte er einen Bären mit bloßen Händen erwürgen. Diese Schultern! Und dieser Blick… wie ein finsterer Gott aus den alten Legenden. Sehr maskulin. Sehr… nützlich.“
Im Hintergrund war ein leises, gequältes Stöhnen zu hören. Hiro Tachiba, Namis Vater und Yumis Sohn, saß etwas weiter hinten. Bei den Worten seiner Mutter klatschte er sich die flache Hand mit einem vernehmbaren -Klatsch- gegen die Stirn. Er schloss die Augen und schüttelte einfach nur fassungslos den Kopf, während seine Wangen sich leicht röteten.
Es war ihm sichtlich unangenehm, wie schamlos seine Mutter den potentiellen Schwiegersohn in spe inspizierte.
Direkt neben ihm saß Hilda Tachiba, Namis Mutter. Im kompletten Gegensatz zu ihrem Ehemann saß sie vollkommen entspannt da, hielt ihre Teetasse mit beiden Händen und lächelte einfach nur mild und elegant. Sie war diese Ausbrüche seit Jahrzehnten gewohnt und beobachtete die Szenerie mit einer amüsierten, stillen Gelassenheit, genau wie der Rest der Verwandtschaft, der kollektiv das Atmen eingestellt hatte, um ja kein Wort zu verpassen.
Yumi war unterdessen noch lange nicht fertig.
Sie beugte sich weiter vor und fixierte Kai mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
„Sag mal, Jungchen, schaust du immer so drein, als hättest du zum Frühstück Rasierklingen gekaut, oder liegt das an uns? Keine Sorge, ich mag ein bisschen Wildheit. Die Jugend von heute hat ja keinen Mumm mehr in den Knochen. Aber du… du hast gutes Blut. Fleisch auf den Rippen, breites Kreuz. Ausgezeichnet für den baldigen Fortbestand der Familie.“
Nami erstarrte leicht.
„Mutter!“, schaltete sich Hiro von hinten ein und räusterte sich lautstark, während seine Wangen sich dunkelrot färbten. „Nami ist gerade einmal achtzehn geworden! Und die beiden sind erst seit ein paar Monaten zusammen. Sie haben doch nun wirklich alle Zeit der Welt…“
„Ach, Quark, Hiro, red nicht so einen Unsinn!“, winkte Yumi gebieterisch und mit einer herrischen Handbewegung ab, ohne den Blick von Kai zu wenden.
„Mit achtzehn war ich längst verheiratet! Man kann gar nicht früh genug anfangen... erst recht, wenn dieses Kind noch erleben soll, wie seine Urgroßmutter es auf dem Arm hält! Ich werde schließlich nicht jünger. Also, Jungchen: Wie lange muss ich mich noch gedulden, bis hier kleine Fäuste durchs Anwesen wirbeln?“
Nami presste die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß wurden. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Der Druck im Raum war mit Händen zu greifen. Sie wollte gerade ansetzen, um stammelnd irgendetwas zur Rettung der Situation einzuwerfen, als Kai sich neben ihr bewegte.
Seine Miene verzog sich kaum. Das Rubinrot seiner Augen verengte sich kurz, doch statt verärgert oder beschämt zu sein, schien in seinem Blick ein ganz kleiner Funke von unerwartetem Respekt aufzublitzen.
„Ich beschwere mich nicht über das Frühstück“, entgegnete Kai mit seinem tiefen, rauen Timbre, das den Raum im Nu ausfüllte. Ein paar der jüngeren Cousinen hielten unwillkürlich den Atem an.
„Und was die Urenkel angeht: Machen Sie sich um meine Zeit keine Sorgen. Fragen Sie lieber Ihre Enkelin, ob sie dem Tempo gewachsen ist.“
Nun war es Nami, deren Wangen augenblicklich in einem tiefen Rot erblühten.
Sie starrte Kai mit großen Augen an.
Hatte er das gerade wirklich gesagt?
Doch... sie wusste genau, was er da gerade getan hatte. Außer ihrem Vater Hiro und ihrem Zwillingsbruder Kenji wusste niemand in der Familie, dass Kai niemals Kinder wollte... und dass sie diesen Wunsch für ihn tief in ihrer Seele vergraben hatte.
Hätte Kai auf Oma Yumis Kommentar defensiv reagiert, hätte die alte Dame keine Ruhe gegeben und das Thema „Urenkel“ für den Rest des Tages zum Hauptprogramm gemacht. Es hätte Nami das Herz zerrissen, unter den neugierigen Blicken der Verwandtschaft gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Doch Kai hatte den Ball eiskalt abgefangen. Er hatte sich schützend vor sie gestellt, indem er die Provokation mit einem rauen, besitzergreifenden Spruch ins Lächerliche zog und die Aufmerksamkeit auf Namis rote Wangen lenkte. Er blockte die unangenehmen Fragen nicht ab... er machte sie im Keim unmöglich.
Es war seine ganz eigene, verdammt loyale Art, sie vor den Erwartungen ihrer eigenen Familie zu beschützen.
Oma Yumi stutzte einen Moment, dann brach sie in ein schallendes, meckerndes Lachen aus und schlug sich auf die Oberschenkel. „Ha! Schlagfertig ist er auch noch! Er kuscht nicht vor einer alten Frau. Gefällt mir!“
Hiro Tachiba im Hintergrund vergrub das Gesicht nun komplett in beiden Händen, während sein Kopfschütteln fast schon seismische Ausmaße annahm. Hilda nippte ungerührt an ihrem Tee und zwinkerte Nami schmunzelnd zu.
Yumi winkte das Paar energisch zu sich herauf. „Nun steht nicht so steif da hinten herum, kommt an den Tisch! Ich will genau hören, wie du diesen finsteren Kerl gezähmt hast, Nami. Oder hat er dich gezähmt? Los, setzt euch!“
Nami atmete tief durch, um ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen, und spürte, wie Kai sie am Ellbogen sanft, aber bestimmend nach vorne leitete. Der Spießrutenlauf hatte begonnen... aber er war wesentlich unterhaltsamer, als sie es je erwartet hätte.
Etwa eine Stunde später...
Der Lärmpegel im großen Empfangsraum war mittlerweile beträchtlich angestiegen. Das Klappern von feinem Porzellan, das Einschenken von Sake und das durcheinanderwogende Stimmengewirr der versammelten Tachiba-Verwandtschaft füllten die traditionelle Halle.
Nami war vollauf damit beschäftigt, von einem Tisch zum nächsten zu wandern, Tanten zu umarmen, Cousins zu begrüßen und höfliche Floskeln auszutauschen. Sie strahlte, wirkte in ihrem Element, auch wenn sie zwischendurch immer wieder einen suchenden Blick zurück zu ihm warf.
Kai stand etwas abseits, unnahbar wie eh und je, den Rücken an eine dunkle Holzsäule gelehnt. Er hielt eine kleine Teetasse in der Hand, trank jedoch kaum. Seine rubinroten Augen fixierten Nami, folgten jeder ihrer fließenden Bewegungen, während er die restliche Familie mit einer Mischung aus kühler Distanz und scharfer Beobachtungsgabe musterte.
„Echt ein starkes Stück vorhin“, durchbrach plötzlich eine vertraute Stimme die Geräuschkulisse an seiner Seite.
Kenji, Namis Zwillingsbruder, hatte sich unbemerkt neben ihn gestellt. Er hielt ebenfalls eine Tasse in der Hand, lehnte sich mit einer ähnlichen, wenn auch deutlich lockereren Lässigkeit an dieselbe Säule und blickte in die Richtung seiner Schwester. Seine Züge ähnelten denen von Nami, wirkten jedoch markanter.
Kai reagierte nicht sofort, behielt Nami im Auge, gab Kenji aber durch ein minimales Heben des Kinns zu verstehen, dass er zuhörte.
„Das mit dem Spruch bei Oma Yumi“, präzisierte Kenji leise, ohne die Lippen viel zu bewegen, damit die umstehenden Verwandten nichts mitbekamen. „Das war verdammt schlau, Kai. Schlau, gar nicht erst zu erwähnen, dass Kinder in deiner Lebensplanung überhaupt nicht vorkommen. Und erst recht nicht, dass du dich hast sterilisieren lassen.“
Kai nahm einen winzigen Schluck vom abgekühlten Tee. Ein tiefes, raues Schnauben entwich seiner Kehle. Er wandte den Kopf nicht, doch seine Augen wanderten kurz zu Kenji, ehe sie wieder zu Nami zurückkehrten.
„Wieso?“, fragte Kai mit gewohnt tiefer, trockener Stimme. „Würde deine Oma mich dann lynchen?“
Kenji stieß ein kurzes, amüsiertes Schnauben aus, das fast wie das von Kai klang. Er schüttelte den Kopf, während seine Augen auf Oma Yumi fielen, die am Haupttisch gerade wild gestikulierend eine Anekdote zum Besten gab.
„Lynchen? Schön wär's. Das wäre wenigstens schnell vorbei“, raunte Kenji mit einem ironischen Unterton. „Nein, Mann. Wenn Yumi Wind davon bekommen hätte, dass du eine Vasektomie hattest, hätte sie das sofort zu einer Art nationalen Familienkrise deklariert. Sie hätte wahrscheinlich eine Petition gestartet und Unterschriften in ihrem wöchentlichen Teeklub gesammelt, nur um dich psychologisch dazu zu zwingen, den Eingriff rückgängig zu machen. Die alten Damen dort kennen keine Gnade, glaub mir.“
Ein seltener, kaum merklicher Hauch von einem dunklen Amüsement spiegelte sich in Kais Mundwinkel wider.
„Und abgesehen davon…“, fügte Kenji hinzu, wobei sein Tonfall eine Spur ernster und schützender wurde, während er Nami beim Lachen zusah. „…wäre es das absolute Hauptthema des gesamten Tages geworden. Jeder Cousin, jede Tante hätte über nichts anderes mehr geredet. Nami hätte den ganzen Tag mitleidige Blicke geerntet, und du wärst der Buhmann der Nation gewesen. Indem du ihr vorhin den Ball zugespielt hast, hast du ihr eine Menge Mist erspart. Danke dafür.“
Kai schwieg einen Moment. Er sah, wie Nami sich gerade von ihrer Tante löste und mit geröteten Wangen und einem warmen Lächeln im Gesicht direkt auf die beiden Männer zusteuert.
„Ich schütze nur, was mir gehört“, erwiderte Kai schlicht und rau, kurz bevor Nami die Reichweite ihrer Stimmen erreichte. Es lag keine Angeberei in seinem Ton... es war eine unumstößliche Tatsache.
Kenji nickte anerkennend, ehe er sein bestes Gastgebe-Lächeln aufsetzte.
Als Nami schließlich bei den beiden ankam, strich sie sich eine silberweiße Locke aus dem Gesicht und atmete erleichtert auf. „Himmel, Tante Kana kann wirklich reden wie ein Wasserfall“, murmelte sie lächelnd und blickte zwischen den beiden Männern hin und her.
Kenji sah seine Zwillingsschwester an, nahm einen gemächlichen Schluck aus seiner Teetasse und merkte mit einem unüberhörbaren, ironischen Unterton an:
„Schön, dass du es auch mal schaffst. Es ist wirklich nett, dich mal wieder zu sehen, Nami.“
Nami hielt in der Bewegung inne. Sie hob eine Braue nach oben, verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte ihren Bruder mit einem prüfenden Blick. „Was soll dieser Unterton, Kenji? Bist du etwa wegen irgendwas beleidigt?“
Kenji lachte kurz und trocken auf, während er den Kopf schüttelte.
„Beleidigt? Ich? Auf keinen Fall“, spottete er gut gelaunt, ehe seine Stimme eine Spur ehrlicher wurde.
„Aber seit Wochen kommst du nicht mehr nach Hause. Du scheinst einfach so, klammheimlich, beschlossen zu haben, fest mit deinem Freund zusammenzuziehen... auch wenn davon vorher im Familienrat nie die Rede war. Man muss ja mittlerweile einen Termin buchen, um die eigene Schwester zu Gesicht zu bekommen.“
Kai, der schweigend neben ihnen an der Säule lehnte, bewegte keine Miene, doch in seinen rubinroten Augen blitzte ein amüsiertes Funkeln auf. Er genoss es sichtlich, wie die Zwillinge aufeinanderprallten.
Nami sah ihren Bruder einen Moment lang einfach nur völlig belustigt an. Das Entsetzen über seine gespielte Dramatik hielt sich bei ihr in Grenzen. Sie legte den Kopf leicht schief.
„Bist du fertig?“, fragte sie trocken, während ein breites Schmunzeln ihre Lippen umspielte.
Kenji verzog den Mund und schwieg.
„Kenji, wenn du mich wirklich hättest öfter sehen wollen“, fuhr Nami fort und deutete scherzhaft in die vage Richtung ihres Zuhauses, „hättest du einfach nur deine Beine in die Hand nehmen und genau zehn Minuten zwei Straßen weiter runter laufen müssen.
Das Ayame-Anwesen liegt praktisch in der Nachbarschaft unseres Elternhauses. Es ist ja nicht so, als wäre ich nach Hokkaido ausgewandert.“
Kenji schnaubte leise und musste sich eingestehen, dass sie recht hatte. Das Ayame-Anwesen lag tatsächlich nur einen Katzensprung entfernt. Genauer gesagt...zehn Gehminuten.
„Trotzdem“, brummte er und stupste sie leicht mit der Schulter an, „du hättest dich trotzdem öfter mal melden können. Mama hat schon vermutet, dass dieser Kerl dich im Keller eingesperrt hat.“
„Im Keller nicht“, raunte Kais tiefes Timbre plötzlich von der Seite dazwischen. Er nahm einen letzten Schluck aus seiner Tasse und sah Kenji direkt an, während sein dunkles, besitzergreifendes Schmunzeln für einen Wimpernschlag auf den Lippen lag.
„Aber sie ist im Anwesen vollauf beschäftigt.“
Nami spürte, wie ihr bei der zweideutigen Anspielung, die sofort die Bilder aus der vergangenen Nacht und der Badewanne in ihr wachrief, wieder die Röte ins Gesicht stieg.
Sie stieß Kenji unauffällig in die Seite, um das Thema schnell zu wechseln, bevor ihr Bruder noch weiter nachbohrte.
„Dieser Kerl?“, fragte sie amüsiert und schüttelte den Kopf, während sie Kenji mit einem vielsagenden Blick bedachte. „Kenji, jetzt mach aber mal einen Punkt. Du kennst Kai schon seit Jahren persönlich....länger als ich ihn persönlich kenne, also tu nicht so, als wäre er der schwarze Mann aus dem Märchen.“
Sie trat einen Schritt näher an ihren Bruder heran, die Augen voller gutmütigem Spott.
„Hör auf zu schmollen. Unsere Mutter hat Kai schließlich auch schon längst kennengelernt. Niemand in dieser Familie hat sich bisher darüber beschwert, dass ich bei ihm im Anwesen bin... außer dir.“
Kenji hob abwehrend die Hände und wollte gerade zu einer geschickten Gegenrede ansetzen, als Nami ihn charmant überging. Sie blickte sich suchend im Raum um, hielt nach einem bestimmten Gesicht Ausschau und wandte sich dann wieder an ihren Zwilling.
„Aber wo wir gerade von fehlenden Familienmitgliedern sprechen… wo ist eigentlich Momoko?“, fragte Nami neugierig nach ihrer besten Freundin, die gleichzeitig Kenjis feste Partnerin war.
Kenji seufzte leise, und die gespielte Dramatik wich einem ehrlichen, leicht genervten Schulterzucken. „Sie verspätet sich“, erklärte er und nahm einen weiteren Schluck Tee.
„Sie steckt noch auf einer anderen Geburtstagsfeier fest und wollte direkt danach nachkommen.“ Er warf einen kurzen Blick zur großen Uhr an der Wand des Ryokans. „Genau wie Hana und ihr Mann Zayn. Die hängen wohl auch noch irgendwo fest zwischen Osaka und Tokio und kommen nach.“
Nami nickte verstehend.
Kai, der das Gespräch schweigend mitverfolgt hatte, stieß ein tiefes, raues Schnauben aus. Er genoss die relative Ruhe, die das Fehlen weiterer redseliger Familienmitglieder mit sich brachte, und blickte an Kenji vorbei zu Nami. Sein rubinroter Blick besaß sofort wieder diese besitzergreifende Intensität, die sie augenblicklich spürte.
„Je weniger Leute“, raunte er trocken mit seinem tiefen Timbre, „desto besser.“
Bevor Nami überhaupt auf Kais trockenen Kommentar erwidern konnte, geriet die kleine Oase der Ruhe an der Holzsäule ins Wanken. Zwei Gestalten lösten sich aus dem Trubel nahe dem Buffettisch und steuerten direkt auf das Trio zu.
Es waren Namis jüngere Geschwister: die vierzehnjährige Midori und der achtjährige Noah. Unter allen Kindern der Tachiba-Familie waren die beiden die absoluten Ausnahmen, denn sie waren die einzigen, die äußerlich ganz nach ihrem Vater Hiro kamen.
Midori hatte langes, seidiges Haar in einem sanften Lindengrün und wache, petrolfarbene Augen. Noah, der dicht hinter ihr herging, besaß dieselbe faszinierende Augenfarbe, während seine wilden Locken in einem tiefen Petrolton schimmerten.
Kai hatte die beiden bisher noch nie zu Gesicht bekommen. Bei seinem einzigen, extrem kurz angebundenen Besuch im Hause Tashiba waren die jüngeren Geschwister auswärts unterwegs gewesen.
Sein rubinroter Blick verengte sich minimal, als er die Haarfarben registrierte die die selbe Nuance wie die von Hiro Tashiba besaßen.
Er blieb aber gewohnt distanziert.
Midori, die eben noch energisch auf Nami zugelaufen war, bremste abrupt ab, als sie die massive, unnahbare Gestalt von Kai Hiwatari in voller Größe vor sich sah. Das dunkelgraue Hemd betonte seine breiten Schultern, und die kühle, fast schon einschüchternde Aura, die ihn umgab, traf die Vierzehnjährige wie eine unsichtbare Wand.
Ihre petrolfarbenen Augen weiteten sich ins Unermessliche. Binnen einer Sekunde schoss ihr eine glutrote Röte ins Gesicht, die sich bis hinter die Ohren zog.
„N-Nami…“, stammelte Midori, während sie völlig sprachlos von ihrer Schwester zu Kai und wieder zurückblickte. Ihre Hände kneteten nervös den Saum ihres feinen Kleides.
„Ich… wir wollten nur… hallo sagen.“
„Hallo, Midori“, grüßte Nami schmunzelnd, doch ihre jüngere Schwester war bereits jenseits jeglicher Kommunikationsfähigkeit.
Kai sah kurz auf das Mädchen herab und zog eine Augenbraue nach oben.
Dieses ehrfürchtige, fast schon schmerzhaft peinliche Starren von jungen Teenagern war ihm nur zu vertraut, doch im privaten Rahmen fand er es schlichtweg lästig.
Midori hielt dem intensiven, rubinroten Blick nicht mal eine Sekunde stand. Sie gab ein leises, piepsiges Geräusch von sich, drehte sich auf dem Absatz um und flüchtete mit schnellen, fast stolpernden Schritten quer durch den Raum zu einer Gruppe ihrer gleichaltrigen Cousinen.
Die Mädchen hatten sich in einer Ecke formiert und beäugten Kai schon die ganze Zeit über aus sicherer Entfernung mit einer Mischung aus ehrfürchtiger Faszination und tuschelnder Aufregung. Kaum war Midori dort angekommen, brach in der Gruppe ein wildes, gedämpftes Gekicher aus.
Kenji stieß ein lautes, amüsiertes Lachen aus und schüttelte den Kopf. „Und das war Nummer eins. Gratuliere, Hiwatari, du brichst immer noch reihenweise Teenager-Herzen, ohne auch nur ein Wort zu sagen.“
Kai schnaubte nur verächtlich und wollte gerade seine Teetasse abstellen, als er eine Bewegung an seiner Hüfte spürte.
Noah war nicht mit seiner Schwester geflüchtet. Der Achtjährige stand nun direkt vor Kai. Anfangs war er noch sichtlich zurückhaltend gewesen, hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und blickte mit einer Mischung aus Respekt und kritischer Prüfung an dem großen Blader hinauf. Er legte den Kopf so weit in den Nacken, dass seine petrolfarbenen Locken ihm aus der Stirn fielen.
Kai sah regungslos auf den Jungen hinab. Die meisten Kinder in dem Alter nahmen vor seiner düsteren Ausstrahlung reißaus. Doch Noah schien aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein.
Plötzlich wandelte sich die Zurückhaltung des Jungen in eine absolute, ungebremste Euphorie. Seine petrolfarbenen Augen begannen förmlich zu leuchten.
„Du bist wirklich Kai Hiwatari!“, platzte es aus Noah heraus, und seine Stimme war so voller Begeisterung, dass ein paar Verwandte am Nebentisch sich amüsiert umdrehten. Er holte die Hände hinter dem Rücken hervor und gestikulierte wild.
„Das ist ja der Wahnsinn! Du bist echt riesig! Und dein Bit-Beast Dranzer ist das coolste überhaupt! Ich habe jedes deiner Turniere im Fernsehen gesehen. Jedes einzelne! Wie hast du diesen speziellen Angriffs-Move im Finale der Meisterschaft damals hinbekommen? Der mit dem rotierenden Flammenwirbel? Das war so verdammt genial!“
Nami musste sich unwillkürlich eine Hand vor den Mund halten, um ihr glückliches Lächeln zu verbergen. Noahs ungefilterte Begeisterung war einfach zu ansteckend. Sie warf Kai einen abwartenden Seitenblick zu, neugierig, wie der sonst so kinderunfreundliche Champion mit diesem plötzlichen Redeschwall umgehen würde.
Kai stand einen Moment völlig stumm da. Jeder andere Typ in seiner Position hätte den Jungen wahrscheinlich mit einem kühlen Spruch abgewiesen oder ignoriert, doch Noahs Begeisterung war nicht aufgesetzt... sie war die ehrliche, fachbezogene Faszination eines jungen Bladers.
Und wenn es etwas gab, das Kai respektierte, dann war es die Leidenschaft für das Beybladen.
Das tiefe, besitzergreifende Schmunzeln kehrte in seine Mundwinkel zurück, diesmal jedoch auf eine fast schon anerkennende Weise.
Er stellte seine Teetasse endgültig auf einem kleinen Sims ab, schob die Hände wieder in die Taschen seiner Stoffhose und sah Noah direkt in die petrolfarbenen Augen.
„Der Flammenwirbel erfordert das exakte Timing beim Absprung“, entgegnete Kai mit seiner tiefen, rau vibrierenden Bassstimme, ohne seine Wortwahl für ein Kind zu vereinfachen.
„Wenn du den Launcher auch nur einen Millimeter falsch anwinkelst, verpufft die Rotationsenergie im Gehäuse. Du musst die Thermik der Arena lesen, nicht nur die Kraft deines Arms nutzen.“
Noahs Augen wurden groß wie Untertassen. Er saugte die Worte auf, als wären sie das wertvollste Geheimnis der Welt.
„Die Thermik…“, murmelte er ehrfürchtig, als hätte er gerade die Erleuchtung erlangt. „Verstehe! Das probiere ich morgen sofort aus!“
Kenji grinste breit und klopfte seinem kleinen Bruder auf die Schulter. „Siehst du, Kleiner? Der finstere Gott beißt doch nicht.
Jedenfalls nicht, solange man über Beyblade redet.“