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Sorgen einer Schwester

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Sorgen einer Schwester

Das Stimmengewirr in der Halle schwoll erneut an, als sich die Schiebetüren zum Haupteingang ein weiteres Mal öffneten. Diesmal ging ein freudiges Raunen durch die versammelte Verwandtschaft. Hana und Zayn waren endlich angekommen.

Kaum hatte Hana den Raum betreten, zog sie sofort alle Blicke auf sich. Sie war mittlerweile in der 25. Schwangerschaftswoche, und unter ihrem eleganten, herbstlich gemusterten Umstandskleid war der Babybauch unübersehbar gerundet. Trotz der anstrengenden Fahrt von Osaka nach Tokio strahlte sie eine wunderschöne, mütterliche Eleganz aus.

Nami, die ihre ältere Schwester seit mehr als zwei Monaten nicht mehr gesehen hatte, vergaß für einen Moment jede höfliche Zurückhaltung. Mit einem strahlenden Lächeln eilte sie auf Hana zu. Die Schwestern, die sich abgesehen von Hanas glatten, bodenlangen silberweißen Haaren und ihren amethystfarbenen Augen zum Verwechseln ähnlich sahen, fielen sich erleichtert in die Arme.

„Da bist du ja endlich“, flüsterte Nami und drückte sie vorsichtig, um den Bauch nicht zu quetschen.

Natürlich ließ der nächste Kommentar nicht lange auf sich warten. Oma Yumi, die vom Haupttisch aus alles haarscharf im Blick hatte, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Na seht mal an! Da ist ja die nächste Generation!“, rief sie kraftvoll durch den Raum. „Hana, mein Kind, du blühst ja förmlich auf! Prächtiger Bauch! Seht ihr, so macht man das! Gutes Blut muss weitergegeben werden!“

Zayn, der im traditionellen Anzug neben seiner Frau stand, schloss für einen Moment gequält die Augen und stieß ein leises Seufzen aus. Er kannte die filterlose Dynamik des Tachiba-Clans zwar zur Genüge, aber mental kapitulierte er jedes Mal aufs Neue vor Oma Yumis direkter Art. Er nickte Hiro und Kenji zur Begrüßung zu, während er sich innerlich darauf einstellte, den restlichen Nachmittag mit Fragen über die anstehende Geburt gelöchert zu werden.

Nach den ersten trubeligen Umarmungen mit den Tanten, Cousins und Cousinen nutzte Hana die Gelegenheit, als die Verwandtschaft sich wieder dem Buffet zuwandte. Sie legte Nami eine Hand auf die Schulter.

„Komm, hilf mir kurz, mir ein frisches Glas Tee zu holen“, bat sie leise.

Nami nickte sofort und leitete ihre Schwester ein Stück abseits des Trubels in eine ruhigere, von Bambus umrahmte Nische des Ryokans, die etwas Sichtschutz bot.

Hana atmete tief durch, strich sich über den runden Bauch und sah Nami mit einem warmen, aber sehr aufmerksamen Blick aus ihren amethystfarbenen Augen an. Sie wusste von Namis tiefem Zwiespalt.

Kenji hatte es ihr damals anvertraut, als Hana und Zayn das erste Mal im Hause Tashiba auf Kai und Nami gestoßen waren. Damals hatte Hana stolz ihre Schwangerschaft verkündet, und Nami hatte sich seltsam, fast schon schmerzhaft zurückhaltend verhalten.

Kenji hatte Hana daraufhin unter vier Augen erklärt, dass Kai sich hatte sterilisieren lassen und niemals Kinder wollte... und dass Nami diesen Wunsch aus tiefer Liebe zu ihm für sich akzeptiert, aber tief in ihrer Seele vergraben hatte.

Hana sah kurz zurück in den Raum, wo Kai immer noch unnahbar an der Säule stand, die Arme verschränkt, und jede Bewegung im Raum mit seinen rubinroten Augen fixierte. Dann wandte sie sich wieder ihrer jüngeren Schwester zu.

„Oma Yumis Sprüche vorhin waren mal wieder dezent wie ein Vorschlaghammer“, begann Hana sanft und legte ihre Hand auf Namis Arm. Ihre Stimme wurde leiser, getragen von tiefer, schwesterlicher Fürsorge.

„Nami… wie geht es dir wirklich mit all dem? Bist du glücklich?“

Nami hielt für einen Moment inne. Die Frage traf sie unerwartet, besonders nach den emotionsgeladenen letzten Minuten, in denen sie Hanas unübersehbares Babyglück vor Augen gehabt und gleichzeitig Kais besitzergreifenden Schutz gespürt hatte.

Für einen winzigen Wimpernschlag flackerte ein Hauch von Wehmut in ihren ozeanfarbenen Augen auf... der unvermeidbare, kleine Schatten, den das Thema Familie immer in ihr hinterlassen würde.

Doch als sie den Blick hob und direkt zu Kai sah, der in diesem Moment durch die Menge hindurch genau ihren Augenstrom auffing, als besäße er einen siebten Sinn für sie, verschwand der Schatten so schnell, wie er gekommen war.

Sie dachte an die vergangene Nacht, an seine unerschütterliche Loyalität vor wenigen Minuten vor Oma Yumi und an die absolute Sicherheit, die er ihr gab.

Ein weiches, vollkommen ehrliches und tiefes Lächeln breitete sich auf Namis Gesicht aus. Sie sah Hana direkt in die Augen.

„Ich war noch nie glücklicher als jetzt, Hana“, sagte sie mit fester, warmer Stimme. „Es stimmt, dass mein Leben anders aussehen wird, als ich es mir als junges Mädchen vielleicht vorgestellt habe. Aber Kai… Kai gibt mir alles, was ich brauche. Er beschützt mich auf seine ganz eigene Weise, und das, was wir haben, ist absolut echt. Ich bereue nichts.“

Hana musterte das Gesicht ihrer Schwester ganz genau. Sie suchte nach Anzeichen von Fassade oder stillem Leiden, doch sie fand nur die pure, strahlende Gewissheit einer jungen Frau, die ihren Platz an der Seite des Mannes gefunden hatte, den sie über alles liebte.

Ein erleichtertes Lächeln stahl sich auf Hanas Lippen. „Du hast einen verdammt komplizierten, finsteren Kerl erwischt, kleine Schwester. Aber er liebt dich. Das sieht selbst ein Blinder.“

Hana sah Nami noch einen Moment schweigend an. Obwohl sie Erleichterung in den Zügen ihrer jüngeren Schwester sah, regte sich in ihr die lebenserfahrene, rational denkende Anwältin. Sie wusste, wie überwältigend die erste große, leidenschaftliche Liebe sein konnte... und wie blind sie manchmal für die eigene Zukunft machte.

Sie trat noch einen kleinen Schritt näher, verringerte den Abstand zwischen ihnen und senkte die Stimme zu einem eindringlichen Flüstern.

„Aber Nami, du bist erst achtzehn“, sagte Hana sanft, aber mit einer unnachgiebigen Ernsthaftigkeit in ihren amethystfarbenen Augen.

„Du stehst ganz am Anfang deines Lebens. Wenn dir dieser Verzicht auf eine eigene Familie irgendwann… zu weh tut, dann behalt im Kopf, dass du noch genug Zeit hast, einen anderen Pfad einzuschlagen. Viele Paare, die in so jungem Alter zusammenkommen, bleiben nicht ewig zusammen. Dass die erste Liebe ein Leben lang hält, ist heute verdammt selten geworden.“

Die Worte hingen für einen Moment bleigrau in der kleinen, vom Bambus geschützten Nische.

Nami erstarrte mitten in der Bewegung. Das weiche, glückliche Lächeln, das eben noch auf ihren Lippen gelegen hatte, erlosch augenblicklich. Ihre Züge verhärteten sich, und sie sah Hana mit einem so eisigen, unnachgiebigen Ernst an, dass es fast an Kais stoische Miene erinnerte.

Sie mochte diese Aussage ihrer älteren Schwester ganz und gar nicht.

Hanas Worte waren vielleicht gut gemeint und entsprangen reiner geschwisterlicher Sorge, doch für Nami schwang darin eine unerträgliche Implikation mit: Die Annahme, dass ihre Beziehung zu Kai nur eine Phase sein könnte. Dass sie und Kai vielleicht gar nicht allzu lange zusammenbleiben würden... und Nami dann in ein paar Jahren eben mit irgendeinem anderen, gesichtslosen Mann den traditionellen Weg einschlagen und Kinder bekommen würde.

Für Nami war dieser Gedanke nichts weniger als eine Beleidigung für alles, was sie und Kai teilten. Kai war für sie kein temporärer Lebensabschnittsgefährte, kein austauschbarer Freund, den man verließ, wenn die Kompromisse zu groß wurden. Er war ihre andere Hälfte, der Mann, dem sie ihre gesamte Seele anvertraut hatte.

„Sag so etwas nicht, Hana“, entgegnete Nami, und ihre Stimme war so leise und schneidend, dass Hana unwillkürlich blinzelte.

Die ozeanfarbenen Augen von Nami blitzten gefährlich auf. „Es gibt für mich keinen 'anderen Pfad'. Und es gibt keinen anderen Mann. Kai ist nicht einfach nur irgendwer, mit dem ich zufällig jetzt gerade zusammen bin. Ich habe mich für ihn entschieden... mit allem, was dazugehört.“

Nami entzog Hana mit einer so entschlossenen wie fließenden Bewegung ihren Arm und wandte sich ab. Der bloße Gedanke an das, was Hana gerade ausgesprochen hatte, schnürte ihr die Kehle zu. Sie spürte, wie die mühsam aufrechterhaltene Leichtigkeit des Tages Risse bekam, und starrte stattdessen auf das filigrane Muster der Holzwand vor sich, um die aufkommende Wut und den tief sitzenden Schmerz zu verbergen.

Hana biss sich augenblicklich auf die Unterlippe. Als sie das Profil ihrer jüngeren Schwester sah... die zusammengepressten Lippen, die steife Haltung, das verräterische Zittern in den Schultern... wurde ihr schlagartig klar, dass sie eine Grenze überschritten hatte. Die kühle, analytische Perspektive der Anwältin und die vermeintliche Lebenserfahrung der großen Schwester waren hier komplett fehl am Platz gewesen.

„Nami, warte… bitte“, flüsterte Hana hastig und trat einen Schritt nach vorn. Sie hob die Hände, berührte Nami jedoch nicht, aus Angst, sie noch weiter wegzustoßen.

„Es tut mir leid. Das… das war dumm von mir. Ich wollte dich nicht verletzen, wirklich nicht.“

Nami schwieg, doch sie drehte sich nicht um.

„Ich wollte nur helfen“, versuchte Hana sich leise zu erklären, und ihre amethystfarbenen Augen spiegelten pure Reue wider. „Als große Schwester will ich dich einfach nur vor jedem Schmerz der Welt beschützen. Aber ich habe mich im Ton vergriffen.“

Sie hielt inne und atmete tief aus. Als sie Nami so dastehen sah, begriff Hana endlich.

Nami brauchte in diesem Moment keine juristische Distanz, keine statistischen Wahrscheinlichkeiten über Jugendlieben und erst recht keine ungebetene Rationalität, die ihr das Herz schwer machte. Sie brauchte schlicht und ergreifend schwesterlichen Halt.

Sie brauchte das Wissen, dass ihre Familie hinter ihr stand, bedingungslos, ohne Wenn und Aber und ohne jede Entscheidung an der Seite von Kai infrage zu stellen.

Hana überwand die Distanz, legte Nami von hinten behutsam beide Hände auf die Schultern und lehnte ihre Stirn sachte gegen den Hinterkopf ihrer jüngeren Schwester.

„Vergiss, was ich gesagt habe“, murmelte Hana sanft und voller Wärme. „Ich bin stolz auf dich, Nami. Und ich stehe hinter dir... egal wie dein Pfad aussieht. Ich bin deine Schwester, und ich bin einfach nur hier für dich.“

Hana hielt die Umarmung von hinten noch für einen Moment. Sie spürte, wie sich die extreme Anspannung in Namis Schultern unter den sanften, entschuldigenden Worten allmählich wieder löste.

Sie hob den Kopf, lockerte den Griff ein wenig und trat wieder so an Namis Seite, dass sie ihr direkt in die ozeanfarbenen Augen sehen konnte. Ihr Blick war nun völlig frei von rationaler Distanz; er war stattdessen erfüllt von einem tiefen, unerschütterlichen Stolz auf die junge Frau, die vor ihr stand.

Ein weiches, warmes Lächeln kehrte auf Hanas Lippen zurück, während sie Namis Hand nahm und ihre Finger sanft drückte.

„Und wie ich schon sagte…“, begann Hana leise, und ihre Stimme trug die ganze Tiefe ihrer schwesterlichen Zuneigung in sich, „man sieht einfach, dass er dich liebt. Kai würde für absolut Niemanden sonst auf dieser Welt den braven Begleiter bei einer Familienfeier mitsamt Oma Yumi spielen. Er macht dies nur für dich.“

Sie machte eine kurze Pause, strich Nami eine der silberweißen Locken sanft aus dem Gesicht und fügte mit einem tiefen, ehrlichen Aufatmen hinzu:

„Und wenn er dich glücklich macht, hast du sowieso schon gewonnen, kleine Schwester.“

Hana stieß ein leises, melodisches Lachen aus und schüttelte fassungslos, aber mit einem unendlich liebevollen Blick den Kopf. Die kleine Wolke des Missverständnisses zwischen ihnen war endgültig verflogen, ersetzt durch die geteilte Erinnerung an eine Vergangenheit, die sie beide nur zu gut kannten.

„Es ist wirklich absolut faszinierend mit dir“, sagte Hana schmunzelnd, und ein amüsiertes Funkeln trat in ihre amethystfarbenen Augen.

„Wenn ich so darüber nachdenke… hast du am Ende ganz genau den Mann bekommen, den du bereits im Alter von zehn Jahren für dich auserkoren hattest.“

Nami blinzelte überrascht, spürte jedoch sofort, wie ihr bei diesen Worten ein warmes, leicht nostalgisches Gefühl in die Brust stieg.

„Ich weiß es noch ganz genau...“, fuhr Hana fort, hielt Namis Hand weiterhin fest umschlossen und blickte kurz ins Leere, als sähe sie die Bilder vor sich. „Als du ihn das erste Mal im Fernsehen gesehen hast. Wie er da mit seinen zwölf Jahren an dieser Beyblade-Arena stand… unnahbar, eiskalt und unbarmherzig.

Er hat jeden einzelnen seiner Gegner mit seinem Blade gnadenlos in die Knie gezwungen. Alle Welt hatte Angst vor diesem düsteren Jungen, aber du? Du bist damals vor dem Bildschirm festgeklebt wie eine Besessene. Dein Blick war wie magisch angezogen von ihm.“

Hana lachte erneut leise auf und stupste ihre jüngere Schwester sanft mit der Schulter an.

„Und der Wahnsinn ging ja danach erst richtig los. Wie oft hast du in all den Jahren danach jede noch so charmante Annäherung von Jungs im Keim erstickt? Ganz egal, wie attraktiv, nett oder gutaussehend sie waren... sie hatten nicht den Hauch einer Chance bei dir.

Sobald dir einer zu nahe kam, hast du die eiskalte Schulter gezeigt. Für dich gab es einfach kein links und kein rechts.

Nein… er musste es sein. Niemand sonst.“

Hana schmunzelte breit und warf einen schnellen Seitenblick durch die Bambuszweige zurück in die Halle, wo Kai nach wie vor die unerschütterliche, maskuline Mitte des Raumes bildete.

„Du hast dir damals den gefährlichsten, unbarmherzigsten Jungen der Welt ausgesucht, Nami. Und du hast einfach so lange gewartet, bis er dir gehört.“

Nami musste leise schmunzeln. Sie blickte für einen Moment auf ihre eigenen Hände, während die Erinnerungen an all die Jahre der Sehnsucht an ihr vorbeizogen.

„Ich habe es mir ja nicht… bewusst vorgenommen“, sagte sie leise, und ihre Stimme klang beinahe verträumt, während sie den Kopf leicht schief legte.

„Es war nicht so, als hätte ich einen Plan gehabt. Ich habe mich einfach nie in jemand anderen verliebt. Es ging nicht. Es war eher so… als hätte er von der ersten Sekunde an diesen einen Platz in meinem Herzen eingenommen. Er hat ihn so unbarmherzig fest besetzt, dass kein anderer Junge jemals auch nur den Ansatz eines Zugangs zu mir hatte. Ganz egal, wie sehr sie sich angestrengt haben.“

Sie hielt inne, hob den Blick wieder und sah ihre Schwester mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit an.

„Und ich gebe es offen zu, Hana: Ich habe all die Jahre nie daran geglaubt, ihn jemals wirklich für mich gewinnen zu können“, gestand Nami mit einem matten, bittersüßen Lächeln.

„Er war für mich lediglich ein Traum. Ein unerreichbarer Wunsch… eine ständige Sehnsucht in meinem jungen Leben. Aber er war kein direktes Ziel, das ich aktiv verfolgt hätte wenn ich ihm nicht bei meinem Debut begegnet wäre und er mich...von sich aus angesprochen hätte. Denn dieser Gedanke schien mir damals viel zu hochgesteckt, als dass ich mir dieses Ziel jemals wirklich realistisch gesetzt hätte. Wer war ich schon, und wer war Kai Hiwatari?“

Hana sah sie voller Sanftmut an, und das amüsierte Funkeln in ihren amethystfarbenen Augen wich einem tiefen, verständnisvollen Ausdruck. Sie drückte Namis Hand noch ein Stück fester.

„Ich weiß, kleine Schwester“, sagte Hana sanft und nickte zustimmend.

„Das braust du mir nicht zu sagen. Genau das hat es für uns als Familie ja so offensichtlich gemacht. Du hast jahrelang nie versucht, Kai irgendwie zu kontaktieren oder ihn anzusprechen, selbst wenn du durch unseren Vater oder Mr. Dickenson theoretisch die Chance dazu gehabt hättest. Du hast ihn lieber aus der Ferne angehimmelt und dein Geheimnis für dich behalten, weil du dachtest, er sei eine andere Welt.“

Hana schmunzelte wieder und warf einen erneuten vielsagenden Blick in die Richtung, in der Kai stand. „Aber das Schicksal hatte eben andere Pläne. Und jetzt steht dieser unerreichbare Traum da drüben und lässt dich nicht mehr aus den Augen.“

Nami folgte Hanas Blick durch das filigrane Bambusgestrüpp zurück in die Halle. Ihr Blick blieb sofort an Kais markanter Gestalt hängen. Er stand dort wie ein Fels in der Brandung des Tachiba-Clans, unnahbar und gefährlich, doch in dem Moment, als er die visuelle Verbindung zu ihr wiederherstellte, verengte sich das Rubinrot seiner Augen zu diesem einen, exklusiven Fokus, den er nur für sie reserviert hatte.

Nami spürte, wie ihr Herz einen verräterischen Schlag tat. Sie biss sich leicht auf die Unterlippe, während ein unendlich weiches, fast ehrfürchtiges Lächeln ihre Züge erhellte.

„Er ist absolut wundervoll, Hana“, sagte sie leise, fast wie ein feines Geheimnis, das sie in die kühle Novemberluft entließ.

„Genauso, wie ich es all die Jahre über geglaubt habe. Er ist perfekt für mich.“

Hana, die jede noch so kleine Regung ihrer jüngeren Schwester haarscharf analysierte, warf Nami einen amüsierten Seitenblick zu.

Als sie sah, wie eine sanfte, aber unübersehbare Röte auf Namis Wangen erblühte... angefeuert von den frischen, sündigen Erinnerungen an die Badewanne und die letzte Nacht..., stahl sich ein zutiefst wissendes, schelmisches Schmunzeln auf die Lippen der älteren Schwester.

Sie legte den Kopf schief und drückte Namis Hand mit einem belustigten Unterton.

„Oh ja…“, stellte Hana gedehnt fest, und ihre amethystfarbenen Augen blitzten voller schwesterlicher Neckerei auf. „Er hat wohl… anscheinend so einige, sehr überzeugende Vorzüge, hm? Und ich rede hier definitiv nicht von seinen Qualitäten an der Beyblade-Arena, kleine Schwester.“

Nami spürte, wie die Hitze bei Hanas anzüglicher Bemerkung noch eine Nuance tiefer in ihren Hals stieg und sie stieß ein leises, ertapptes Lachen aus, doch anstatt Hanas Blick weiter auszuweichen, hob sie den Kopf. Die anfängliche Verlegenheit wich einem tiefen, unerschütterlichen Ernst, und ihre ozeanfarbenen Augen leuchteten in einer Mischung aus Wärme und absoluter Überzeugung.

„Er ist liebevoll, ehrlich und loyal, Hana“, sagte Nami leise, und ihre Stimme trug eine Intensität in sich, die keinen Raum für Zweifel ließ.

„Und unendlich verantwortungsbewusst. Er zeigt es nicht mit großen Worten oder oft vor anderen Menschen, aber wenn wir allein sind…  kann man wunderbar mit ihm reden. Er hört mir auf eine Weise zu, die niemand sonst versteht. Manchmal habe ich das Gefühl, er liest mich wie ein offenes Buch, noch bevor ich selbst weiß, was ich fühle.“

Hana beobachtete ihre jüngere Schwester ganz genau, und das schelmische Funkeln in ihren amethystfarbenen Augen wurde weicher, blieb aber unverkennbar amüsiert. Sie verschränkte die Arme unter ihrer Brust, wodurch ihr runder Babybauch noch etwas mehr betont wurde, und schmunzelte wissend.

„Und…“, ergänzte Hana mit einem vielsagenden, sanften Unterton, während sie den Kopf leicht schief legte, „er ist offenbar auch extrem besitzergreifend, nach außen hin absolut unnahbar und verdammt dominant, nicht wahr?“

Sie warf noch einen kurzen Blick hinüber zu der dunklen Holzsäule, an der Kai nach wie vor wie ein finsterer, unerschütterlicher Beschützer stand, ehe sie Nami wieder fixierte.

„Diese raue, dominante Art… sie passt zu dir, kleine Schwester. Sie gibt dir genau den Halt, den du brauchst.“

Als Nami wieder an die dunkle Holzsäule trat, hielt sie das frische Glas Tee fest in beiden Händen. Doch noch bevor sie überhaupt das Wort an Kai richten konnte, fixierte er sie bereits mit einem Blick, der so scharf und einnehmend war, dass ihr der Atem stockte.

Er las sie wieder einmal wie ein offenes Buch. Er registrierte die winzige Nuance von emotionaler Aufgewühltheit in ihren ozeanfarbenen Augen und die verräterische Glut auf ihren Wangen, die das Gespräch mit Hana hinterlassen hatte.

Kai wartete nicht, bis der Trubel des Buffets sie wieder verschluckte oder Oma Yumi sie für das nächste Verhör im Auge hatte. Ohne ein Wort zu sagen schloss er seine großen Finger fest um ihr Handgelenk und zog sie mit sich. Er steuerte zielsicher auf eine unauffällige Seitentür zu, die direkt auf die überdachte Holzterrasse des Ryokans führte.

Als die Schiebetür hinter ihnen ins Schloss glitt, schlug ihnen die kühle, frische Novemberluft entgegen. Die Kälte tat gut auf Namis erhitzter Haut, und sie atmete tief ein. Doch die erhoffte, romantische Stille des herbstlichen Gartens wurde sofort von einem absolut unüberhörbaren Geräusch durchbrochen.

Ein tiefes, rhythmisches und verdammt lautstarkes Schnarchen sägte durch die Idylle.

Nami blinzelte überrascht und sah sich um. In der dunkelsten Ecke der Terrasse, fast halb hinter einer großen Kübelpflanze verborgen, stand ein mächtiger, dick gepolsterter Korbsessel. Und darin saß die Erklärung für das akustische Naturschauspiel: Ihr Großvater Opa Takeshi. Der Mann war fast zwei Meter groß, hatte eine beachtliche, gemütliche Statur und schlief wie ein Stein, den Kopf tief auf die monumentale Brust gesunken, während seine Mundwinkel bei jedem Atemzug vibrierten.

Nami hielt sich augenblicklich beide Hände vor den Mund. Ihre Schultern bebten, während sie ein lautes Lachen nur mit Mühe zurückhalten konnte.

Sie hatte sich drinnen in der Halle schon die ganze Zeit insgeheim gefragt, wo ihr Großvater eigentlich steckte und wann er wohl auftauchen würde... tja, er war die ganze Zeit hier draußen gewesen und hatte sich schlichtweg aus dem Staub gemacht, um dem Redeschwall seiner Ehefrau Yumi zu entkommen.

Kai warf dem schnarchenden Riesen im Sessel einen kurzen, absolut fassungslosen Blick zu. Ein leises, raues Schnauben entwich seiner Kehle. Er mochte den alten Mann jetzt schon... sich einfach mitten in einer Familienfeier auf der Terrasse schlafen zu legen, zeugte von echtem Organisationstalent.

Er wandte sich wieder Nami zu, trat einen Schritt näher an sie heran und drängte sie sanft, aber bestimmend mit dem Rücken gegen das hölzerne Geländer der Terrasse, weit genug weg von Opa Takeshis akustischer Komfortzone. Er stemmte eine Hand neben ihrem Kopf auf das Holz, wodurch er sie komplett von der Außenwelt abschirmte.

„Und jetzt zu dir“, raunte Kai mit seinem tiefen Timbre, welches unter dem stetigen Schnarchen im Hintergrund seltsam gedämpft und dadurch nur noch intensiver klang. Sein rubinroter Blick bohrte sich in ihre Augen.