Paradoxon
Paradoxon
„Was hat deine Schwester gesagt, Nami? Du warst völlig durch den Wind, als du da drüben standest.“
Nami spürte, wie ihr die Hitze bei seiner Frage nur noch tiefer ins Gesicht stieg. Sie konnte ihm unmöglich die ganze Wahrheit sagen.
Dass Hana sie gerade schmunzelnd daran erinnert hatte, wie sie ihn als kleine Zehnjährige im Fernsehen angeschmachtet hatte, während er mit zwölf Jahren unbarmherzig alle Gegner in die Knie zwang... das war ihr immer noch viel zu unangenehm.
Sie hatte Kai diese tief sitzende, jahrelange Bewunderung aus ihrer Kindheit nie gestanden. Der bloße Gedanke, ihm zu offenbaren, dass er schon so unendlich lange ihr absoluter, unerreichbarer Traum gewesen war, bevor sie sich überhaupt jemals im echten Leben gegenübergestanden hatten, war ihr schrecklich peinlich. Das war ihr ganz persönliches, geheimes Heiligtum, und das sollte es auch bleiben....
Nur...wusste sie gar nicht, dass Kai diese Tatsache längst wusste und es für ihn definitiv nicht peinlich war...
Sie filterte das Gespräch im Kopf hastig nach den harmloseren Details.
„Sie hat sich nur… ein bisschen Sorgen gemacht“, gestand Nami leise und legte ihre Hände flach auf seine breite Brust, wo sie das beruhigende, gleichmäßige Schlagen seines Herzens spüren konnte.
„Wegen Oma Yumis Sprüchen vorhin. Hana wollte einfach wissen, ob ich mit dem Pfad, den wir gewählt haben, wirklich glücklich bin.“
Kais rote Augen verengten sich eine Nuance, und dieses gefährlich wissende Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er kam ihr noch ein Stück näher, bis sie die Hitze seines Körpers deutlich spüren konnte.
„Und das ist alles? Davon wirst du so rot?“
Nami biss sich ertappt auf die Unterlippe, während Opa Takeshi im Hintergrund unbeirrt weitersägte. Sie merkte, dass sie ihm noch ein bisschen mehr hinwerfen musste, um ihn abzulenken.
„Na gut… sie hat mich außerdem ein bisschen geneckt“, gab sie leise zu und sah zu ihm auf.
„Sie meinte, dass man sieht wie wichtig ich dir bin....und dass du für absolut niemanden sonst auf dieser Welt den braven Begleiter bei einer Familienfeier mitsamt Oma Yumi spielen würdest. Nur für mich.“
Kais Mundwinkel verzogen sich zu diesem typischen, dunklen und unheimlich intensiven Schmunzeln. Er beugte sich noch ein Stück tiefer zu ihr, bis seine Lippen fast ihre Ohrlappen streiften, und schirmte sie mit seiner massiven Gestalt vollkommen ab.
„Da hat deine Schwester verdammt recht“, raunte er dunkel, und sein heißer Atem ließ sie leicht erzittern. „Ich bin nur wegen dir hier. Vergiss das nicht.“
Kai ließ die Nähe nach seinen letzten Worten bewusst nicht abreißen. Seine Hand, die neben ihrem Kopf auf dem Holzgeländer ruhte, bewegte sich keinen Millimeter, und seine massive Gestalt schirmte sie weiterhin so vollkommen vor der Kälte und den Blicken der Außenwelt ab, dass Nami fast das Gefühl hatte, die Welt bestünde nur noch aus ihm.
Er spürte an dem beschleunigten, wilden Klopfen ihres Herzens unter seinen Handflächen, dass sie ihm etwas verschwieg.
Kai Hiwatari war kein Mann, der sich mit halben Wahrheiten abspeisen ließ... erst recht nicht, wenn es um sie ging. Seine rubinroten Augen verengten sich weiter und das dunkel amüsierte Schmunzeln in seinen Mundwinkeln wurde eine Spur intensiver, fast schon ein wenig gefährlich.
Er wusste ganz genau, welchen Teil des Gesprächs sie eilig in ihrem Kopf zensiert hatte.
„Du bist eine verdammt schlechte Lügnerin, Nami“, raunte Kai mit seinem tiefen, rau vibrierenden Bass, der so dicht an ihrem Ohr lag, dass seine Lippen fast ihre nackte Haut berührten. Trotz der kühlen Luft strömte seine intensive, maskuline Urgewalt auf sie ein.
Nami hielt unwillkürlich den Atem an. „Ich lüge nicht“, flüsterte sie mit klopfendem Herzen gegen seine Brust.
„Nein?“, erwiderte er trocken. Er löste die Hand vom Geländer, legte seine großen, schwieligen Finger behutsam, aber unnachgiebig unter ihr Kinn und zwang sie sanft, den Kopf zu heben, sodass sie ihn direkt ansehen musste. Das Rubinrot seiner Augen blitzte im fahlen Licht der Terrasse dominant auf.
„Du hast den besten Teil weggelassen. Den Teil, in dem deine Schwester dich daran erinnert hat, dass du mich schon als kleines Mädchen angeschmachtet hast, weil kein anderer Typ neben mir eine Chance hatte.“
Nami erstarrte komplett. Ihre ozeanfarbenen Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen, und eine so immense, glutrote Röte schoss ihr ins Gesicht, dass sie das Gefühl hatte, auf der Stelle zu verbrennen. Das Atmen fiel ihr schlagartig schwer.
„Woher… wie…“, stammelte sie völlig fassungslos. Ihr schlimmster Albtraum war gerade wahr geworden.
Er wusste es.
Ein tiefes, unheimlich raues und zufriedenes Brummen entwich Kais Kehle... ein seltenes Geräusch, das im Hintergrund von Opa Takeshis gleichmäßigem Schnarchen fast ein wenig surreal wirkte.
„Du hast es selbst ein paar Mal angedeutet. Und die Worte deines Vaters und deines Bruders haben mir den Rest erzählt“, stellte er nüchtern klar.
Sein Blick veränderte sich eine Nuance, und die anfängliche Neckerei wich einer tiefen, ungesagten Ernsthaftigkeit. Er drängte sich noch ein Stück enger an sie, doch der Druck war nicht länger fordernd, sondern schützte sie vor der kühlen Novemberluft.
Er verlangte nicht nur nach ihr, er gab ihr Halt.
„Du weißt, wie sehr ich dieses ganze erbärmliche Fan-Getue hasse“, fuhr er fort, und seine Stimme klang für einen Moment schneidend kühl bei der Erinnerung an die Vergangenheit.
„Ich habe es mein ganzes Leben lang verabscheut, von irgendwelchen naiven Weibern umschwärmt zu werden, die nur den Champion auf dem Podest und mein Äußeres sehen. Aber bei dir...“
Er hielt inne. Seine Finger am ihrem Kinn wurden spürbar sanfter. Sein Daumen strich mit einer fast schon schmerzhaft zärtlichen Behutsamkeit über ihre zitternde Unterlippe, während sein Blick tief in ihre ozeanfarbenen Augen eintauchte. In diesem Moment lag keine kühle Distanz mehr in ihm, sondern die nackte, ungeschönte Ehrlichkeit, die er nur vor ihr offenbarte.
„Du hast geschwiegen, Nami. Du hast diesen Platz in deinem Herzen all die Jahre freigehalten, ohne jemals etwas zu fordern. Du hast mich als Mensch gewollt, lange bevor du mich überhaupt wirklich kanntest“, sagte er leise, und seine raue Stimme trug eine unerwartete, tiefe Wärme in sich, die ihr direkt unter die Haut ging.
„Mir gefällt der Gedanke nicht nur, es bedeutet mir alles. Zu wissen, dass kein anderer Mann jemals eine Chance bei dir hatte, weil ich diesen Platz schon besetzt hatte… das gibt mir eine Sicherheit, die ich in meinem ganzen Leben noch nie gefühlt habe.“
Er legte seine Stirn sachte gegen die ihre, schloss für einen kurzen Atemzug die Augen und atmete ihren vertrauten Duft ein.
„Hana hat recht. Ich würde für absolut niemanden sonst auf dieser Welt hier draußen stehen und den braven Freund spielen. Nur für dich. Du bist kein Traum, der wahr geworden ist, Nami. Du bist meine Realität. Und ich lasse dich nie wieder los.“
Als er den Kopf wieder hob, spürte Nami, wie ihr eine einzelne Träne der Erleichterung und Rührung über die Wange rollte... all die angestaute Scham und die Wehmut des Tages verflogen im Nu. Kai fing die Träne mit dem Daumen auf, ehe er seine Lippen auf die ihren senkte.
Es war ein tiefer, unendlich zärtlicher und bedeutungsvoller Schwur in der Stille der Nacht. Ein Kuss, der ihr ohne jede Maske bewies, wie tief dieser unnahbare Mann sie in sein Herz geschlossen hatte.
Als sich ihre Lippen schließlich langsam voneinander lösten, brauchte Nami ein paar Sekunden, um wieder zu einem klaren Gedanken zu finden. Ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihre Rippen, getragen von der überwältigenden Wärme, die seine ehrlichen Worte in ihr hinterlassen hatten.
Doch während sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen, sickerte eine fundamentale Logik durch den rosaroten Schleier in ihrem Kopf.
Sie blinzelte, blickte zu ihm auf und legte den Kopf leicht schief, während ihre Hände nach wie vor flach auf seiner breiten Brust lagen.
„Warte mal…“, begann sie leise, und ein irritierter, fast schon misstrauischer Ausdruck stahl sich in ihre ozeanfarbenen Augen.
„Wie kann es überhaupt sein, dass du unser Gespräch gehört hast? Wir standen ganz hinten in der Nische, komplett abgeschirmt durch den Bambus, und du warst am anderen Ende der Halle bei den Säulen. Das ist unmöglich, Kai.“
Kai bewegte keine Miene. Das gefährlich wissende Schmunzeln kehrte auf seine Lippen zurück, und er sah mit einer entwaffnenden Gelassenheit auf sie herab.
„Ich habe das Gespräch gar nicht gehört“, antwortete er absolut trocken, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Nami sperrte fassungslos den Mund auf. „Was?! Aber du hast doch gerade gesagt—“
„Ich habe lediglich geraten“, unterbrach er sie ruhig, während sein Daumen in einer fast schon beiläufigen, zärtlichen Bewegung über ihre Wange strich.
„Ich weiß, wie du und der Rest deiner Familie tickt. Als du aus der Nische kamst, warst du rot, hast die Zähne zusammengebissen und konntest mir nicht mal richtig in die Augen sehen. Es brauchte kein Genie, um eins und eins zusammenzuzählen, was Hana dir da drüben gesteckt hat.“
Er stieß ein leises, raues Schnauben aus, das absolut zufrieden klang.
„Und durch deine panische Reaktion gerade eben hat sich meine These eben endgültig bestätigt“, fügte er hinzu, und seine rubinroten Augen blitzten voller amüsierter Überlegenheit auf.
„So wie so oft, Nami. Ich muss nicht deine Gedanken hören. Ich muss dich nur ansehen und aufmerksam sein. Du liest dich für mich wie ein offenes Buch.“
Nami starrte ihn einen Moment lang fassungslos an, hin- und hergerissen zwischen akuter Verlegenheit und einer tiefen Bewunderung für seine messerscharfe Beobachtungsgabe.
Sie hatte sich von ihm eiskalt in die Falle locken lassen. Doch als sie sah, wie unendlich weich und zufrieden sein Blick trotz der arroganten Worte blieb, schwand jede Scheu.
Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust und stieß ein leises, glückliches Seufzen aus, während im Hintergrund Opa Takeshi unbeirrt den Takt zu ihrer Zweisamkeit schnarchte.
Nami vergrub ihr Gesicht noch ein Stück tiefer im Stoff seines Oberteils, während die wohlige Wärme seiner Brust sie komplett einhüllte. Ihre Stimme klang leicht gedämpft, als sie leise gegen seine Brust murmelte:
„Du bist ein verdammt effizienter Stratege, Kai Hiwatari… Ich kann dir aber auch rein gar nichts vorenthalten.“
Bei dem Gedanken, wie absolut fehlerfrei er sie gerade um den Verstand und um ihr am besten gehütetes Geheimnis manövriert hatte, musste sie kurz in sich hineinkichern.
Das leise, melodische Geräusch vibrierte sanft an seiner Brust. Sie hob den Kopf wieder leicht an, um ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen direkt anzusehen, wobei die Reste ihrer Verlegenheit nun einer tiefen, ungetrübten Zuneigung wichen.
„Aber deine Worte von gerade eben…“, begann sie leise, und ihre Stimme trug ein ehrfürchtiges Zittern in sich. „Sie waren unglaublich romantisch und wundervoll. Du sagst mir zwar oft schöne Dinge, wenn wir allein sind, Kai… aber das gerade eben? Das war mit das Schönste, was du je zu mir gesagt hast.“
Kai schwieg für einen Moment. Sein Blick lag ruhig auf ihrem Gesicht, und die Härte in seinen Zügen schien unter der Ehrlichkeit ihrer Bewunderung noch ein Stück weiter zu schmelzen. Er drückte sie minimal enger an sich, beugte den Kopf herab und vergrub seine Lippen fast in den silberweißen Locken an ihrer Schläfe.
„Ich muss die fehlenden Worte, die ich dir noch nicht sagen kann… eben anders verpacken“, flüsterte er ihr mit seiner tiefen, rau vibrierenden Bassstimme direkt ins Ohr, so leise, dass es unter Opa Takeshis stetigem Schnarchen im Hintergrund beinahe unterging.
Nami hielt unwillkürlich den Atem an, während sein heißer Atem ihre Haut streifte. Sie wusste genau, worauf er anspielte... auf diese drei großen, gewichtigen Worte, die sie ihm bereits geschenkt hatte, die er aber aufgrund seiner tiefen emotionalen Narben und seiner Vergangenheit noch nicht über die Lippen brachte.
„Sieh es als eine Art… Ersatz“, raunte er dunkel und zärtlich weiter, während er seinen Kopf wieder ein Stück hob, um ihr direkt in die Augen zu sehen. Sein Blick war vollkommen aufrichtig, frei von jeder Maske.
„Ein Ersatz für das, was du mir bereits gesagt hast und was ich eben noch nicht kann. Aber es bedeutet nicht, dass es weniger echt ist, Nami.“
Die Tiefe dieses Geständnisses traf sie mitten ins Herz. Für einen Mann wie Kai war dieses Zugeständnis gleichbedeutend mit einem feierlichen Schwur.
Nami lächelte unter Tränen der puren Erleichterung, legte ihre Arme fester um seinen Nacken und zog ihn nur noch tiefer zu sich hinab. Ihre Lippen fanden sich in einem tiefen, unendlich bedeutungsvollen Kuss, der all die unausgesprochenen Versprechen zwischen ihnen besiegelte. In diesem Moment, eingehüllt in Kais intensive Wärme und seine nackte Ehrlichkeit, vergaß Nami vollkommen, wo sie sich eigentlich befanden. Für sie existierte nur noch das beruhigende Schlagen seiner Brust und der Geschmack seiner Lippen.
Doch die Schicksalsgöttin des Tachiba-Clans hatte absolut kein Interesse an anhaltender Romantik.
Das stetige, rhythmische Sägen im Hintergrund brach mit einem Mal abrupt ab. Es folgte ein seltsam gurgelndes, asthmatisches Geräusch, als hätte jemand eine laufende Kettensäge mitten im Holz blockiert.
Kai fror mitten in der Bewegung ein. Seine Lippen verharrten auf den ihren, und seine rubinroten Augen schnellten augenblicklich herum. Auch Nami schreckte hoch, die Arme noch immer lose um seinen Nacken geschlungen, und starrte mit geweiteten Augen zu der dunklen Ecke der Terrasse hinüber.
In dem mächtigen Korbsessel begann der gigantische Zweimeter-Mann sich mühsam zu bewegen. Opa Takeshi stieß einen tiefen, markerschütternden Seufzer aus, der eher wie das Brüllen eines erwachenden Bären klang. Er hob seine monumentale Brust, streckte die gewaltigen Arme so heftig nach oben, dass das Geflecht des Sessels bedrohlich knarrte, und rieb sich mit den riesigen Fäusten ausgiebig die Augen.
„Verfluchte Kälte…“, brummte der alte Mann mit einer Stimme, die so tief war, dass die hölzernen Dielen unter ihren Füßen leicht vibrierten. Er blinzelte schlaftrunken in die Dunkelheit des Gartens, sichtlich desorientiert, wo er sich überhaupt befand.
„Yumi? Ist das Essen endlich fertig…?“
Nami hielt sich augenblicklich beide Hände vor den Mund. Ihre Schultern begannen so heftig zu beben, dass sie sich hilfesuchend an Kais Brust klammern musste, um nicht laut loszuprusten.
Ihr Großvater war tatsächlich gerade mitten aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und hielt die kühle Novemberluft offenbar für ein Zeichen, dass das Buffet eröffnet war.
Kai hingegen bewegte keine Miene, doch die Zähne in seinem Kiefer mahlten unüberhörbar aufeinander.
Seine Augenbraue zuckte gefährlich. Dass der alte Mann sie ausgerechnet in diesem Moment unterbrach, strapazierte selbst die eiserne Disziplin des Champions. Er warf dem Riesen im Sessel einen Blick zu, der Granit hätte schmelzen können, während er Nami mit einem besitzergreifenden, schützenden Griff noch ein Stück enger an sich zog.
Opa Takeshi schien in der Dunkelheit der Terrasse die beiden Gestalten am Geländer nun grob als menschliche Umrisse wahrzunehmen. Er kniff die Augen zusammen, gähnte herzhaft und winkte dann matt mit der Hand ab. „Ah… die Jugend von heute. Sucht euch ein Zimmer, draußen holt man sich nur den Tod im Darm…“, murmelte er völlig ungeniert, während er sich im Sessel wieder mühsam in eine halbwegs bequeme Position ruckelte, um die Augen direkt wieder zu schließen.
Das war zu viel für Nami. Ein ersticktes, unkontrollierbares Kichern entwich ihrer Kehle.
Kai erkannte sofort, dass die intime Zweisamkeit für heute endgültig gelaufen war. Er stieß ein tiefes, raues Schnauben aus, das eine Mischung aus akuter Frustration und resigniertem Amüsement war. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schloss er seine Finger wieder fest um ihr Handgelenk, drehte sich um und zog sie mit sich.
Mit klopfenden Herzen und Namis leisem, glücklichen Kichern im Nacken stahlen sich die beiden eilig durch die Seitentür zurück in die helle, warme Haupthalle des Ryokans – gerade noch rechtzeitig, bevor Opa Takeshi hinter ihnen die nächste Runde seines akustischen Holzfäller-Programms startete.
Als die Schiebetür hinter ihnen ins Schloss glitt und die wohlige, lebendige Wärme der Haupthalle sie wieder einhüllte, passte Kai seine langen Schritte sofort Namis Tempo an. Seine Finger lagen nach wie vor fest und besitzergreifender denn je um ihr Handgelenk, während sie gemeinsam an den ersten reich verzierten Holzwänden vorbeigingen, zurück in Richtung des Trubels.
Nami hielt den Kopf leicht gesenkt, um die restliche Rötung auf ihren Wangen vor den neugierigen Blicken der Verwandtschaft zu verbergen, doch ihre Augen waren ununterbrochen auf sein markantes Profil gerichtet. Sie beobachtete ihn von der Seite, und bei jedem gemeinsamen Schritt schlug ihr Herz in einer wilden, unregelmäßigen Frequenz gegen ihre Rippen.
Es war ein unglaublich paradoxes Gefühl.
Dieser Mann, der da so stoisch und unnahbar neben ihr herging... von der gesamten Beyblade-Welt als eiskalt gefürchtet und mit tiefen emotionalen Narben gezeichnet... , brachte es einfach nicht über die Lippen, ihr diese drei kleinen, allgegenwärtigen Worte zu schenken.
Worte, die für andere Menschen so leichtfertig dahingesagt waren. Und doch… waren all diese Sätze auf der Terrasse nicht die viel monumentalere Antwort darauf gewesen?
Für den jüngeren Kai Hiwatari wären solche Aussagen früher der Inbegriff von Schwäche gewesen. Sie waren eigentlich viel zu viel. Viel zu tief, viel zu unpragmatisch, offen und in seinen eigenen, rationalen Augen vermutlich schrecklich kitschig.
Dass ausgerechnet er seine unerschütterliche Schutzmauer so weit einriss, um ihr nur noch tiefer zu gestehen, wie sehr ihm ihre jahrelange, stille Loyalität die einzige echte Sicherheit seines Lebens gab, war absolut surreal.
Er verpackte seine gesamte verletzliche Aufrichtigkeit in diese Sätze, nur um ihr zu beweisen, dass sie sein Anker war.
Es war zutiefst rührend. Ein unendlich wertvolles Geschenk, das Nami mit jeder Faser ihrer Seele begriff. Sie stellte es nicht eine Sekunde lang infrage, und sie verlangte auch nicht nach mehr. Diese ungewohnte, fast schon poetische Offenheit von ihm war ihr ganz persönliches Heiligtum.
Als Kai spürte, wie intensiv sie ihn von der Seite fixierte, hielt er kurz inne, blickte zu ihr herab und zog sie noch ein Stück näher an seine Seite, ehe sie die große Halle mit den anderen Clanoberhäuptern betraten. Das Rubinrot seiner Augen hielt ihren Blick für einen Wimpernschlag fest... ein stummer, exklusiver Schwur, der sie wissen ließ, dass sich hinter seiner unnahbaren Maske, die er nun wieder für die Außenwelt aufsetzte, absolut nichts an seiner Ehrlichkeit geändert hatte.
Kaum hatten sich die beiden wieder unauffällig im Raum positioniert, schlug Oma Yumi mit der Kante eines silbernen Löffels präzise gegen ihr feines Kristallglas. Der helle, durchdringende Klang schnitt augenblicklich durch das Stimmengewirr und die gedämpfte Musik der Halle. Die Gespräche verstummen im Nu, als die resolute ältere Dame das Wort ergriff und die gesamte Familie dazu aufforderte, sich für den offiziellen Abend-Toast an die lange, tiefgelegte Tafel zu setzen.
Hiro nahm mit einem leicht erschöpften, aber stolzen Lächeln seinen Platz ein, während Kenji mit einer grinsenden Momoko an seiner Seite, einen letzten, amüsierten Blick in Kais Richtung warf. Hana schob sich elegant die glatten, silbrigen Strähnen hinter die Schulter, setzte sich neben Zayn und warf ihrer jüngeren Schwester im Vorbeigehen einen so tiefen, wissenden Blick zu, dass Nami kurz den Atem anhielt.
Hanas amethystfarbene Augen strahlten eine stumme, absolute Erleichterung aus. Sie brauchte keine Worte, um zu sehen, dass Kai jedes verbliebene Fünkchen Zweifel aus Namis Herz gefegt hatte.
Kai steuerte zielsicher den Platz am äußeren Ende der Tafel an, weit genug weg vom direkten Fokus der älteren Verwandten, und hielt Nami den Stuhl auf, ehe er sich mit gewohnter, majestätischer Gelassenheit neben sie setzte. Seine massive Gestalt wirkte wie ein unbezwingbarer Schild an ihrer Seite.
Während Oma Yumi nun eine kraftvolle, traditionelle Rede über den generationsübergreifenden Zusammenhalt des Tachiba-Clans und die glanzvolle Zukunft ihrer Familie hielt, blieb Kais Mine vollkommen stoisch. Er blickte geradeaus, die Arme verschränkt, als würde ihn das feierliche Protokoll nicht im Geringsten tangieren.
Doch unter dem Tisch, vollkommen verborgen vor den Blicken von Hiro, Kenji oder Oma Yumi, löste er eine Hand. Seine großen, warmen und von jahrelangem harten Training leicht schwieligen Finger suchten im Schutz der Tischdecke nach Namis Hand. Er schloss sie nicht sanft, sondern mit diesem unnachgiebigen, besitzergreifenden Griff, der ihr schon immer so viel Halt gegeben hatte, fest in seine Handfläche.
Nami spürte die intensive Hitze, die von ihm ausging, und ein tiefes Gefühl der Geborgenheit durchflutete sie. Während draußen die kühle Novembernacht endgültig über dem herbstlichen Garten des Ryokans hereinbrach und die Stimmen ihrer Familie die Halle erfüllten, sah Nami leicht zur Seite.
Sie blickte auf seine Hand, die ihre so fest umschloss, und eine unerschütterliche Gewissheit breitete sich in ihrer Brust aus: Egal wie laut, anstrengend oder fordernd die Welt da draußen auch sein mochte... an Kais Seite war sie absolut sicher.
Als das Fest sich etwa zwei Stunden später dem Ende neigte und die ersten Verwandten begannen, sich in die Gästezimmer von Oma Yumis weitläufigem Zuhause zurückzuziehen, schlug für Kai und Nami die Stunde des Aufbruchs. Sie hatten sich bereits verabschiedet und ihre Mäntel abgeholt, als das ehrwürdige Oberhaupt des Clans wie aus dem Nichts im Foyer vor ihnen materialisierte.
Die alte Dame war zwar klein, aber ihre Präsenz füllte den Raum im Nu aus.
Sie hielt direkt auf Kai zu. Ohne jede Scheu trat sie so nah an ihn heran, dass sie den Kopf tief in den Nacken legen musste, um ihm überhaupt ins Gesicht sehen zu können.
Mit zusammengekniffenen, messerscharfen Augen beäugte sie ihn noch einmal ganz genau aus nächster Nähe... fast so, als würde sie ein wertvolles, aber potenziell unberechenbares Rennpferd begutachten.
Sie musterte seine breiten Schultern und die markanten Gesichtszüge, ehe ihr Blick an seinen rubinroten Augen hängen blieb. Kai bewegte keine Miene; er erwiderte den Blick der alten Dame mit einer stoischen, respektvollen, aber absolut unbeeindruckten Gelassenheit.
Ein exzentrisches, beinahe raubtierhaftes Lächeln stahl sich auf Oma Yumis Lippen.
„Immerhin hast du Haltung, Junge“, stellte sie mit ihrer rüstigen, klaren Stimme fest und klopfte ihm mit überraschender Kraft einmal flach gegen die breite Brust. Dann wandte sie sich mit einem vielsagenden, spitzbübischen Funkeln in den Augen an Nami. „Ich wünsche euch beiden noch einen… ausgesprochen schönen Abend. Ich habe vorhin nämlich von deinem Vater erfahren, dass meine Enkelin heute gar nicht mehr in ihr Elternhaus zurückkehrt. Er hat mir erzählt, dass du klammheimlich deine Sachen gepackt hast und anscheinend fest bei diesem jungen Mann hier eingezogen bist.“
Nami spürte, wie ihr bei diesen unverblümten Worten augenblicklich wieder die Hitze ins Gesicht schoss. Dass ihr Vater Hiro das ausgerechnet Oma Yumi brühwarm auf die Nase gebunden hatte, war ihr unfassbar unangenehm. Sie öffnete hastig den Mund, um zu einer Erklärung anzusetzen, doch Oma Yumi winkte bereits schwungvoll ab.
„Ach, spar dir die Worte, Kindchen. Es wird auch Zeit, dass frischer Wind in die Sache kommt“, raunte sie mit einem leisen, amüsierten Glucksen, ehe sie sich auf dem Absatz umdrehte und davonrauschte, um im Nebenzimmer nach Opa Takeshi zu sehen.
Kai warf der alten Dame einen kurzen, trocken-amüsierten Blick hinterher. Dann sah er auf Nami herab, deren Wangen im warmen Licht des Foyers wieder verräterisch glühten. Ein dunkles, unendlich tiefes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
Er legte eine Hand fest auf ihren unteren Rücken, schob sie sanft, aber bestimmend an sich vorbei durch die Tür und führte sie hinaus in die kühle Novembernacht... bereit, die gemeinsame Heimfahrt in ihr neues, echtes Zuhause anzutreten.
Als die schwere Holztür von Oma Yumis Anwesen hinter ihnen ins Schloss fiel, atmete Nami die kühle, klare Novemberluft tief ein. Die Stille der Nacht legte sich wie ein beruhigender Schleier über ihre erhitzte Haut. Kai ging schweigend neben ihr her, seine Schritte passten sich wie selbstverständlich den ihren an, während sie auf den Wagen zugingen.
Erst als sie im Auto saßen, Kai den Motor des Wagens zum tiefen Schnurren brachte und sie die hell erleuchtete Einfahrt hinter sich ließen, lehnte Nami den Kopf erschöpft, aber unendlich glücklich gegen die Kopfstütze. Sie blickte aus dem Seitenfenster, während die Lichter der nächtlichen Straßen Tokios als verschwommene Streifen an ihnen vorbeizogen.
Ein plötzlicher Gedanke traf sie, und ein leises, erleichtertes Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen.
~Ich habe den ganzen Tag nicht einmal geschwankt~
Die Erleichterung darüber war fast körperlich spürbar. Was hatte sie heute Morgen noch für eine Panik gehabt! Nach dieser unglaublich leidenschaftlichen, intensiven Nacht mit Kai war an Laufen zuerst gar nicht zu denken gewesen. Ihre Beine hatten sich wie Wackelpudding angefühlt, und ihre Knie waren so zittrig, dass sie kaum allein hätte stehen können.
Und obwohl ihre Knie den ganzen Tag über unter dem langen Kleid noch immer leicht wackelig gewesen waren, hatte sie sich keinen einzigen Fehltritt geleistet. Oma Yumi, Hana oder Hiro hatten absolut nichts bemerkt.
Nami drehte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete Kais markantes Profil im fahlen, bläulichen Licht der Armaturen. Seine großen Hände lagen locker, aber absolut kontrolliert auf dem Lenkrad.
Sie begriff es erst jetzt in der Ruhe des Autos: Sie war nicht ein einziges Mal ins Straucheln geraten, weil er sie den ganzen Tag über unbemerkt gestützt hatte. Jedes Mal, wenn sie sich im Stehen etwas unsicher fühlte, war er wie zufällig ganz dicht an ihrer Seite gewesen. Er hatte eine Hand an ihrer Taille gehabt, hatte unter dem großen Tisch der Tafel ihre Hand gehalten und ihr durch seine massive, unerschütterliche Präsenz die physische Sicherheit gegeben, die ihren wackeligen Knien fehlte. Seine besitzergreifende Art war heute ihr elegantester Gehstock gewesen.
Doch nicht nur Nami hing ihren Gedanken nach.
Während Kai den Wagen schweigend durch die Dunkelheit steuerte, arbeitete es auch hinter seiner stoischen Fassade. Die Worte, die Hana vorhin in der Nische zu Nami gesagt hatte, ließen ihn nicht los.
~Ob ich mit dem Pfad, den wir gewählt haben, wirklich glücklich bin~
Kai wusste ganz genau, was Hanas Worte in Wahrheit bedeutet hatten. Es ging nicht um den Trubel des heutigen Tages oder um seine kühle Art. Es ging um die fundamentale, unumstößliche Realität ihrer gemeinsamen Zukunft: Dass eine Zukunft an seiner Seite bedeutete, dass der Wunsch nach eigenen Kindern, den Nami tief in ihrem Inneren trug, niemals in Erfüllung gehen würde. Gezeichnet von den grausamen Narben seiner eigenen Kindheit und dem Missbrauch seiner Gene, hatte Kai sich vor Jahren geschworen, niemals diese Verantwortung zu tragen, niemals Leben in diese Welt zu setzen.
Er wusste, dass Nami diesen Wunsch tief in sich vergraben hatte, nur um an seiner Seite zu sein. Sie hatte es ihm in den vergangenen Monaten schon öfter bewiesen: Sie stellte keine Forderungen. Sie hatte gelernt, es zu akzeptieren, weil sie das Hier und Jetzt mit ihm über jede theoretische Wunschvorstellung stellte.
Und genau das war das größte, schmerzhafteste Paradoxon seiner Liebe zu ihr: Sie opferte einen Teil ihrer Zukunft für ihn, und er liebte sie genau dafür so abgöttisch, dass es ihn fast verletzlich machte.
„Worüber denkst du nach?“, fragte Kais tiefe, raue Stimme plötzlich in die Stille des Wagens hinein um seine eigene aufkommende Schwermut zu vertreiben. Er nahm den Blick nicht von der Straße, doch seine Hand löste sich vom Schaltknauf und wanderte wie selbstverständlich zu ihrem Oberschenkel, wo seine Finger warm und andeutungsvoll zudrückten.
Nami sah ihn aus ozeanfarbenen Augen an, in denen ein liebevolles Funkeln lag. Sie rutschte ein Stück näher an ihn heran, legte ihre Hand auf die seine und spürte die Hitze seiner Haut.
„Darüber, dass deine Massage heute Morgen ein kleines Wunder bewirkt hat“, antwortete sie leise mit einem spitzbübischen Lächeln. „Ich hatte solche Angst, dass ich vor Oma Yumi einfach einknicke. Aber dank dir habe ich den Tag ohne ein einziges Wackeln überstanden.“
Kai warf ihr einen kurzen Blick von der Seite zu. Das Rubinrot seiner Augen blitzte im Licht der vorbeiziehenden Straßenlaternen auf, und ein dunkles, unendlich tiefes und raues Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. Seine Finger wanderten ein Stück höher an ihrem Oberschenkel und hinterließen eine prickelnde Spur der Vorfreude.
„Du hast dich gut geschlagen.“, raunte er mit einem gefährlich raubtierhaften Unterton in der Stimme, während er den Wagen zielsicher durch den Tokioter Verkehr in Richtung ihres gemeinsamen Zuhauses lenkte.
„Aber freu dich nicht zu früh. Wenn wir gleich im Anwesen sind, garantiere ich für überhaupt nichts mehr. Und morgen früh habe ich ohnehin wieder Zeit für eine Massage.“
Ein helles, melodisches Lachen entwich Namis Kehle und erfüllte das gedämpfte Innere des Wagens mit einer unbeschwerten Leichtigkeit. Sie schüttelte amüsiert den Kopf, während ihre silberweißen Locken sanft über ihre Schultern wippten.
„Du bist wirklich unmöglich!“, sagte sie, während sie sich die Freudentränen aus den Augenwinkeln wischte und versuchte, ihre Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen.
„Ich muss morgen früh schließlich wieder ganz normal zur Schule. Wenn du mich noch einmal so zurichtest wie letzte Nacht, schaffe ich es nicht mal mehr unfallfrei durch das Schultor!“
Kai bewegte keine Miene, als er den Wagen gekonnt um eine scharfe Kurve lenkte. Das schwache Licht der Straßenlaternen strich über sein markantes Profil und betonte die absolute Gelassenheit in seinen Zügen.
„Ich habe überhaupt nichts dergleichen vor“, erwiderte er absolut trocken, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Seine Stimme klang so sachlich, als würde er über die Quartalszahlen der Tachiwari-Corporation sprechen. „Ich wollte ohnehin nur einen Film zum Ausklang mit dir schauen, sobald wir im Anwesen sind.“
Nami hielt mitten im Atemzug inne. Sie blinzelte ihn sprachlos von der Seite an, während ihr Mund sich vor Überraschung leicht öffnete.
„Was…? Aber du hast doch gerade eben angedeutet, dass—“
„Ich weiß, was ich angedeutet habe“, unterbrach er sie ruhig.
Das Rubinrot seiner Augen blitzte voller amüsierter Überlegenheit zu ihr herüber. Seine Finger drückten noch einmal kurz, aber besitzergreifend ihren Oberschenkel, ehe er die Hand zurück ans Lenkrad legte.
„Ich genieße es nur jedes Mal aufs Neue, deine Reaktionen auf meine Worte zu sehen. Du fällst immer wieder darauf rein.“
Nami starrte ihn einen Moment lang fassungslos an, ehe sie ein resigniertes, aber unendlich glückliches Seufzen ausstieß. Sie schlug ihm spielerisch und federleicht gegen die breite Schulter. Er hatte sie schon wieder eiskalt aufs Glatteis geführt... genau wie vorhin auf der Terrasse.
Doch als sie sich wieder an seine Seite lehnte und den vertrauten Duft seiner Haut einatmete, spürte sie nur noch pure Vorfreude auf die gemeinsame, ruhige Nacht in ihrem neuen Zuhause.