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Date Night

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Date Night

Die kühle Luft des späten Märzmorgens trug den zarten Duft der ersten Kirschblüten über den Schulhof, während das dumpfe Gemurmel aus der Turnhalle langsam nach draußen drang. Die offizielle Abschlusszeremonie war vorbei. Drinnen herrschte strenges, japanisches Protokoll... ein starrer Ablauf aus Reden, Verbeugungen und der feierlichen Übergabe der Mappen, bei dem aufgrund der strikten Platzbegrenzung ohnehin nur die engsten Familienangehörigen in den dichten Stuhlreihen sitzen durften.

Kai hatte es gar nicht erst versucht. Das lange, reglose Stillsitzen und die endlosen, monotonen Worte des Direktors wären ihm ohnehin ein Gräuel gewesen. Stattdessen stand er draußen auf dem weitläufigen Hof, an die Flanke seines Wagens gelehnt. In seinem eleganten, dunklen Mantel und mit seiner unnahbaren, fast schon einschüchternden Aura wirkte er wie eine Statue aus Eis inmitten des aufkommenden Frühlings.

Die wenigen Eltern, die bereits draußen warteten, hielten instinktiv einen respektvollen Abstand zu ihm. Doch Kais rubinrote Augen waren ohnehin starr auf das große Hauptportal gerichtet. Er war ausschließlich für sie hier.

Als sich die schweren Flügeltüren schließlich öffneten und die Absolventen in einer Welle aus glücklichem Stimmengewirr nach draußen strömten, dauerte es keine Sekunde, bis er sie erblickte. Nami stach aus der Menge heraus wie ein Juwel. Ihre langen, silberweißen Locken tanzten sachte im Wind, und in ihren Armen hielt sie die edle, dunkle Zeugnismappe, die sie offiziell als Jahrgangsbeste auszeichnete. Ihre ozeanfarbenen Augen suchten den Hof ab und fanden ihn sofort. Ein strahlendes, unendlich erleichtertes Lächeln legte sich auf ihre Züge, als sie zielstrebig auf ihn zusteuerte.

„Da bist du ja“, sagte sie leise, als sie vor ihm zum Stehen kam.

Kai erwiderte nichts, doch das eisige Dunkel in seinem Blick verflüchtigte sich augenblicklich. Er nahm ihr wortlos die Mappe aus der Hand, schlug sie auf und überflog, die makellosen, fehlerfreien Noten.

Ein seltenes, unendlich stolzes und tiefes Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Lippen. Er schloss die Mappe wieder, hob die freie Hand und strich ihr sanft eine silberweiße Locke aus dem Gesicht, ehe seine Hand an ihre Taille glitt, um sie mit einem besitzergreifenden Druck fest an sich zu ziehen.

Jeder auf diesem Hof durfte sehen, dass diese brillante junge Frau ganz allein zu ihm gehörte.

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet“, raunte seine tiefe Bassstimme unendlich intensiv, und in seinen roten Augen lag eine Wärme, die er nur für sie reservierte.

„Wir auch nicht! Obwohl ein bisschen Zittern zum guten Ton gehört hätte, Nami.“

Die offene, warme Stimme ließ Nami glücklich herumwirbeln. Ihre Eltern, Hiro und Hilda Tachiba, traten mit schnellen Schritten an den Wagen heran. Hilda hielt sich noch gerührt ein Taschentuch an die Augen, während Hiro das gewohnte, breite und herzliche Grinsen im Gesicht trug, das seine gutmütigen Züge so unverwechselbar machte.

Er klopfte seiner Tochter stolz auf die Schulter und warf dann einen amüsierten Blick auf Kai, der die Arme wieder locker vor der Brust verschränkte, Nami aber keine Handbreit von seiner Seite weichen ließ.

„Mensch, Kai“, tönte Hiro mit seinem typisch offenen, väterlichen Humor und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Du hättest ihr ruhig ein paar Minuten Zeit lassen können, um sich von ihren Mitschülern zu verabschieden, anstatt sie hier direkt wie dein persönliches Eigentum zu beschlagnahmen. Die Jungs in ihrer Klasse trauen sich ja gar nicht mehr herüberzugucken, so wie du hier die Einfahrt bewachst.“

Hilda stieß ihren Mann sachte mit dem Ellbogen in die Seite. „Hiro, lass sie doch. Sie haben sich eben vermisst“, schalt sie ihn mit einem liebevollen Lächeln, während sie Nami fest in den Arm nahm.

Kai schnaubte nur leise bei Hiros Kommentar... ein tiefes, trockenes Geräusch, das jedoch keinerlei Verärgerung in sich trug. Er war sich Hiros gutmütiger Sticheleien längst bewusst und hatte auch nicht vor, seine besitzergreifende Art zu leugnen.

Stattdessen sah er Nami an, deren Wangen nun im Frühlingslicht matt karamellfarben leuchteten, während sie das herzliche Lachen ihrer Familie genoss.

Nachdem sie sich von ihren Eltern verabschiedet hatten, war die Fahrt zurück zum klassischen Ayame-Anwesen von einer angenehmen, knisternden Vorfreude erfüllt gewesen.

Kai hatte den Wagen schweigend, aber mit einer gelassenen Entspanntheit durch den Tokioter Verkehr gelenkt, während seine linke Hand fast die gesamte Zeit über Namis Oberschenkel geruht hatte... ein gewohnter, besitzergreifender Gestus, der ihr auch ohne Worte zeigte, wie sehr er diesen Tag genoss.

Nun stand Nami allein im geräumigen, eleganten Ankleidezimmer ihres gemeinsamen Trakts. Ihr Blick fiel auf den großen Kleiderschrank, in dem eine edle, schwere Kleiderhülle aus schwarzem Leinen hing.

Kai hatte dieses Kleid bereits vor zwei Monaten von einem der renommiertesten Schneider Tokios als Maßanfertigung anfertigen lassen. Seit Wochen hing es nun unberührt an seinem Platz. Nami hatte sich strikt geweigert, es auch nur ein einziges Mal anzuprobieren oder die Hülle zu öffnen. Sie hatte von Anfang an auf Kais unfehlbaren Stil und seine Worte vertraut.

„Es wird dir zu hundert Prozent passen, Nami. Mach dir darüber keine Gedanken“,

hatte er damals mit dieser tiefen, absolut unerschütterlichen Gewissheit gesagt. Sie wollte sich selbst überraschen... und vor allem wollte sie seine unverfälschte, rohe Reaktion sehen, wenn sie es zum allerersten Mal vor ihm trug.

Mit leicht klopfendem Herzen zog sie den Reißverschluss der Hülle nach unten. Das leise Gleiten des Metalls enthüllte einen Stoff, der im warmen Licht des Raumes fast magisch schimmerte.

Als Nami das Kleid vorsichtig von dem seidenbezogenen Bügel nahm und hineinschlüpfte, stockte ihr augenblicklich der Atem. Ein unwillkürliches, leises Keuchen entkam ihren Lippen, als sie vor den raumhohen Spiegel trat.

Es war schlichtweg atemberaubend.

Der Stoff... eine schwere, fließende Seide in einem tiefen, satten Smaragdgrün... bildete einen mörderisch schönen Kontrast zu ihrem hellen, warmen Karamell-Hautton. Das Kleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihre Taille und betonte ihre Kurven mit einer Eleganz, die absolut meisterhaft war. Der Schnitt war raffiniert:

Während die Vorderseite hochgeschlossen und hochkarätig aristokratisch wirkte, fiel der Rücken in einem tiefen, fließenden Ausschnitt bis knapp über ihre Taille herab, wodurch ihre zarte Haut vollkommen frei lag. Ihre langen, silberweißen Locken fielen in einem prachtvollen Wasserfall über den nackten Rücken und das schimmernde Grün der Seide.

Das Kleid saß nicht nur perfekt... es war, als wäre es ein Teil von ihr.

Jede Naht, jeder Millimeter des Stoffes schmiegte sich exakt an ihre identischen Maße.

Nami starrte auf ihr Spiegelbild, überwältigt von der schieren Schönheit des Ensembles und dem unfehlbaren Blick des Mannes, der sie besser zu kennen schien als sie sich selbst. Ihre ozeanfarbenen Augen glänzten vor emotionaler Ergriffenheit, während sie sachte mit den Fingerspitzen über die kühle Seide an ihrer Hüfte strich.

Sie war vollkommen sprachlos.

Hinter ihr öffnete sich mit einem leisen Klicken die schwere Holztür. Kai trat in das Ankleidezimmer, bereits perfekt gekleidet in einem tiefschwarzen, maßgeschneiderten Smoking, der seine breiten Schultern und seine dominante Statur eindrucksvoll betonte.

Er hielt mitten im Schritt inne.

Die rubinroten Augen des sonst so unerschütterlichen ehemaligen Champions weiteten sich um ein winziges, kaum merkliches Stück, als er sie dort vor dem Spiegel stehen sah. Für einen Moment schien die Zeit im Raum komplett einzufrieren. Das Ticken der Standuhr verblasste, während Kais Blick langsam, fast schon greifbar über die smaragdgrüne Seide wandte, den tiefen Rückenausschnitt fixierte und schließlich an ihren silberweißen Wellen hängen blieb.

Ein tiefes, raues Einatmen ging durch seine breite Brust. Seine Maske der absoluten Kontrolle zeigte Risse... genau die Reaktion, die Nami sich so sehnlichst erhofft hatte.

Für einige Sekunden schien die Luft im Raum regelrecht zu stehen. Die gegenseitige Überwältigung war so greifbar, dass kein Wort die Stille zu brechen wagte.

Nami wandte sich langsam vom Spiegel ab und sah Kai direkt an. Ihr Herz tat einen heftigen, unkontrollierten Schlag, und ihr blieb ein weiteres Mal der Atem weg. Sie hatte ihn schon in vielen Outfits gesehen... in seiner lässigen Trainingskleidung, in seinen engen Shirts.

Aber sie hatte ihn noch nie in einem echten, traditionellen Smoking gesehen.

Der tiefschwarze, matte Stoff des Anzugs saß wie angegossen an seiner muskulösen, dominanten Statur. Das schneeweiße Hemd darunter bildete einen messerscharfen Kontrast zu seinen dunklen Haaren und den stechenden, rubinroten Augen.

Er wirkte nicht mehr nur wie der unnahbare Ex-Champion; er strahlte eine so erhabene, aristokratische Männlichkeit aus, dass Nami schlucken musste. Die breiten Schultern, die schmale Taille und diese absolut dominante Aura machten ihn zu einer Erscheinung, der man sich nicht entziehen konnte. Sie war vollkommen fasziniert von seinem Anblick.

Kai fing sich als Erster, auch wenn sein Atem noch immer ein wenig schwerer ging. Seine Schritte waren langsam, fast schon raubtierhaft, als er den Abstand zwischen ihnen überwand. Das leise Knistern des Teppichs war das einzige Geräusch, während sein Blick unverwandt auf ihr lag.

Das Kleid war ein Meisterwerk. Nun, da sie sich bewegte, kam auch der raffinierte Schnitt ganz zur Geltung: Es war wadenlang, was dem Outfit eine unheimlich edle Note verlieh, und besaß einen dezenten, aber wirkungsvollen seitlichen Schlitz. Bei jedem Schritt blitzte ihre makellose, karamellfarbene Haut an den Beinen hervor, bevor der schwere, smaragdgrüne Seidenstoff wieder elegant zusammenfiel.

Kai kam direkt vor ihr zum Stehen. Seine massive Gestalt warf einen Schatten über sie, und er schloss sie vollkommen von der Außenwelt ab. Seine großen, warmen Hände hoben sich langsam und glitten an ihre Taille, wo sie sich sachte, aber mit unmissverständlichem Besitzanspruch schlossen. Seine Daumen strichen über die kühle Seide, während er sich so tief zu ihr herabneigte, dass seine tiefe Stimme wie ein raues Vibrato direkt an ihrem Ohr widerhallte.

„Ich habe dir gesagt, dass es dir zu hundert Prozent passen wird“, raunte er unendlich intensiv. Seine Augen brannten förmlich auf ihrer Haut, als er den tiefen Rückenausschnitt betrachtete, auf dem ihre silberweißen Locken wie flüssiges Silber lagen. Er atmete ihren vertrauten Duft tief ein. „Aber das hier… übertrifft selbst meine Vorstellung. Du bist wunderschön.“

Nami spürte, wie ihr ein wohliger Schauer über den Rücken jagte, während sie die Hände an seine breite Brust legte und den festen Stoff seines Smokings spürte. Sie sah zu ihm auf, ihre ozeanfarbenen Augen glänzten vor purem Glück.

„Du hast dich aber auch ziemlich in Schale geworfen.“, erwiderte sie mit einer sanften, leicht rauen Stimme und lächelte ihn spitzbübisch an, obwohl ihr Herz noch immer wie verrückt raste.

„Ich könnte mich fast daran gewöhnen, dich so zu sehen.“

Ein seltenes, unendlich stolzes und tief dunkel amüsiertes Schmunzeln stahl sich auf Kais markante Lippen. Er drückte sie ein kleines Stück fester an sich, sodass der wadenlange Schlitz ihres Kleides sich leicht öffnete und seine Hose berührte. „Dann solltest du dich besser daran gewöhnen. Schließlich ist das heute dein Abend. Und ich werde keine Sekunde von deiner Seite weichen.“

Nami kicherte leise, ein helles, melodisches Geräusch, das Kai ein raues, amüsiertes Schmunzeln entlockte. Sie legte den Kopf ein wenig in den Nacken und sah ihn mit einem spitzbübischen Funkeln in den ozeanfarbenen Augen an.

„Du hast ja keine Vorstellung“, raunte sie und strich mit den Fingerspitzen über das perfekt sitzende Revers seines Smokings. „Wenn wir beide so dort aufkreuzen, wird den anderen Mädchen auf dem Ball so verdammt die Spucke wegbleiben. Eigentlich ist es fast schon unfair.“

Kai zog eine elegante Augenbraue hoch. Ein trockenes, fast schon spöttisches Funkeln trat in seine rubinroten Augen, als er auf ihre kleine Stichelei anspielte.

„Und selbst wenn es so ist...“, erwiderte seine tiefe Bassstimme gelassen. „Dein Zwillingsbruder taucht heute Abend schließlich auch auf, um Momoko zu begleiten. Soweit ich weiß, sorgt Kenji in diesen Kreisen für denselben Effekt.“

Nami schmunzelte ertappt. Kai hatte absolut recht. Kenji war als ihr Zwilling ein absoluter Blickfang und besaß dieselbe markante, attraktive Ausstrahlung, die in Kombination mit einem schicken Anzug reihenweise Köpfe verdrehen würde.

Dass die beiden heute nicht gemeinsam als Absolventen auf der Bühne gestanden hatten, lag schlicht an Kenjis Ehrgeiz. Obwohl sie natürlich exakt gleich alt waren, hatte er seinen Abschluss bereits ein ganzes Jahr früher gemacht.

Da er sehr spezifische Pläne für seine berufliche und akademische Zukunft verfolgte, hatte er die Erlaubnis erhalten, eine vorgezogene, hochgradig anspruchsvolle Sonderprüfung abzulegen. Während Nami also regulär das letzte Jahr als Jahrgangsbeste beendete, war Kenji der Schule bereits einen Schritt voraus... was ihn aber natürlich nicht davon abhielt, heute Abend als Gast neben seiner Freundin dabei zu sein.

„Stimmt, das hatte ich fast vergessen“, gab Nami lächelnd zu und sah zu Kai auf, während ihre Hand an seiner breiten Brust verweilte. „Die Kombination aus dir und Kenji in einem Raum wird für die Mädchen dort drüben wahrscheinlich ohnehin zu viel des Guten sein.“

Kai drückte sie ein kleines Stück enger an sich, sodass der wadenlange Schlitz ihres Kleides sich leicht öffnete und ihre Beine sich berührten. Ein unendlich stolzes, tief dunkel amüsiertes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.

„Sollen sie starren, so viel sie wollen“, raunte er intensiv und fing ihren Blick fest ein. „Mir ist nur wichtig, wer an meiner Seite steht. Und jetzt komm. Der Wagen wartet, Schatz.“

Etwa 30 Minuten später...

Der luxuriöse Festsaal des Tokioter Nobelhotels, in dem die Shaon-kai stattfand, war in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Kristallene Kronleuchter spiegelten sich im makellos polierten Parkettboden, während das stimmungsvolle Gemurmel von Lehrern, Absolventen und deren Familien den Raum erfüllte. Doch in dem Moment, als die schweren Flügeltüren des Saals geöffnet wurden und Kai und Nami eintraten, schien das gesamte Raunen für einen kollektiven Herzschlag lang zu ersterben.

Es war exakt der Effekt, den Nami prophezeit hatte.

Kais dominante, unnahbare Statur im tiefschwarzen Smoking strahlte eine so erhabene, aristokratische Männlichkeit aus, dass er den Raum augenblicklich einnahm.

An seiner Seite wirkte Nami in dem smaragdgrünen Seidenkleid wie eine absolute Offenbarung. Bei jedem ihrer eleganten Schritte öffnete sich der wadenlange Seitenschlitz und gab einen Blick auf ihre makellose, karamellfarbene Haut frei, während ihre prachtvollen, silberweißen Wellen im Kontrast zum tiefen Rückenausschnitt schimmerten. Den umstehenden Mitschülern blieb regelrecht die Spucke weg... die Kombination aus Kais gefährlich gutem Aussehen und Namis atemberaubender Schönheit war schlichtweg überwältigend.

Kai scherte sich nicht um die starrenden Blicke. Seine Hand lag flach und besitzergreifend auf Namis nacktem Rücken, während seine rubinroten Augen bereits den Saal scannten.

„Da drüben“, raunte er ihr mit seiner tiefen Stimme zu und deutete mit einem minimalen Nicken in Richtung der großen Fensterfront.

Dort standen bereits zwei Personen, die die Blicke der Menge fast ebenso stark anzogen.

Kenji wartete dort gemeinsam mit Momoko. Als Nami ihren Zwillingsbruder erblickte, stahl sich ein stolzes Lächeln auf ihre Züge. Obwohl Kenji wie Nami erst 18 Jahre alt war, besaß er bereits eine unheimlich ähnliche, kraftvolle Statur wie Kai... athletisch, mit breiten Schultern und einer von Natur aus imposanten Präsenz. Er war sogar noch einen minimalen Bruchteil größer. Sein kurzes, ausdrucksstarkes silbrig weißes Haar war leicht wellig frisiert, und seine strahlenden, türkisenen Augen blitzten erfreut auf, als er seine Schwester entdeckte.

Viele der anwesenden Mädchen kannten Kenji noch allzu gut aus dem Vorjahr, als er die Schule mit seinen vorgezogenen Prüfungen im Sturm genommen hatte. Sie wussten um sein gutes Aussehen... aber sie wussten eben auch ganz genau, dass er absolut vergeben war. Seit fast drei Jahren waren er und Momoko nun schon ein Paar, und er hielt sie ganz ungezwungen und liebevoll an der Hand.

Trotz seiner beachtlichen Statur redete Kenji allerdings überhaupt nicht wie ein unnahbares Alphatier. Er war durch und durch Namis Bruder: herzlich, beschützerisch, aber bodenständig und direkt.

„Na, habt ihr es auch endlich geschafft?“, fragte Kenji mit einem ehrlichen, warmen Lächeln, als die beiden vor ihnen zum Stehen kamen. Er trat einen Schritt vor und drückte Nami kurz, aber herzlich.

Seine türkisenen Augen wanderten voller Anerkennung über das smaragdgrüne Kleid. „Ich muss schon sagen, Schwesterherz… du stiehlst der gesamten Abschlussklasse die Show. Das Kleid ist der Wahnsinn.“

„Das Kompliment gebe ich gerne zurück“, erwiderte Nami schmunzelnd und begrüßte Momoko mit einer herzlichen Umarmung.

Kai und Kenji kannten sich nun schon seit ein paar Jahren. Auch wenn zwischen den beiden Männern mittlerweile ein tiefes, gegenseitiges Wohlwollen herrschte, fand Kai es nach wie vor unheimlich amüsant, Kenji ab und zu ein wenig aus der Reserve zu locken.

Kenji hatte die Anfangszeit von Namis und Kais Beziehung noch bestens im Kopf... damals war er als ihr Zwillingsbruder nämlich verdammt beschützerisch und argwöhnisch gewesen, was den kühlen Ex-Champion betraf.

Kai sah Kenji nun mit einem trockenen, tief dunkel amüsierten Schmunzeln an. Seine Hand glitt wieder an Namis Taille und zog sie betont besitzergreifend ein Stück enger an seine Seite, während sein Blick Kenji herausfordernd fixierte.

„Deiner Schwester wird heute Abend jedenfalls niemand zu nahe treten, Kenji“, raunte Kai mit rauer, dominanter Stimme. „Du kannst deine Augen also ausnahmsweise mal entspannt bei deiner eigenen Freundin lassen. Ich passe schon auf sie auf, so wie immer.“

Kenji schluckte die kleine Provokation kurz herunter, ehe er die Augen verdrehte, sich aber ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

„Sehr witzig, Kai“, konterte Kenji kopfschüttelnd, während seine türkisenen Augen kurz zu Namis glücklichem Gesicht wanderten.

„Ich weiß ja, dass sie bei dir in sicheren Händen ist. Aber als Bruder darf man ja wohl noch ein Auge drauf haben.“

Die sanften, tiefen Klänge eines Orchesters leiteten plötzlich den klassischen Teil des Abends ein. Auf der Tanzfläche im Zentrum des Saals dimmte sich das goldene Licht der Kronleuchter zu einem intimen, warmen Schimmer.

Kenji fackelte nicht lange. Mit einem charmanten Lächeln sah er Momoko an, reichte ihr ganz ungezwungen die Hand und führte sie liebevoll unter dem Raunen der umstehenden Gäste auf das Parkett.

Kai beobachtete die beiden kurz, ehe er den Kopf zu Nami drehte. Seine rubinroten Augen fixierten sie mit einer plötzlichen, unendlich intensiven Aufmerksamkeit. Schweigend, aber mit einer absolut dominanten Eleganz, hob er den Arm und streckte ihr seine große, geöffnete Handfläche entgegen. Eine stumme Aufforderung, die keine Widerrede duldete.

Doch zu seiner Überraschung rührte Nami sich nicht. Sie blickte auf seine Hand, dann hoch in sein markantes Gesicht, und ein seltener, zarter Hauch von Rosa legte sich auf ihre matt karamellfarbenen Wangen. Sie wich seinem Blick fast ein wenig verlegen aus.

„Kai… ich weiß nicht“, flüsterte sie so leise, dass es fast im Raumklang unterging.

Kai zog eine Augenbraue hoch, sichtlich irritiert über ihr plötzliches Zögern. „Was ist los?“, raunte er nachfragend.

Nami spürte, wie ihr die Röte noch ein Stück intensiver ins Gesicht stieg. Sie legte die Hand unwillkürlich flach auf ihre smaragdgrüne Seidenhüfte. „Ich… ich kann nicht tanzen“, gestand sie mit einem verlegenen, fast schon ertappten Lächeln.

„Es gab zwar letztes Jahr diese offiziellen Tanzkurse von der Schule zur Vorbereitung auf den Abschluss… aber ich hatte zu der Zeit einfach… nun ja, andere Dinge im Kopf.“

Dinge wie die BBA, das Beyblade-Training und allen voran einen ganz bestimmten, unnahbar geltenden Blader, der ihr damals schon komplett den Verstand geraubt hatte.

Für steife Walzerschritte war in ihrem brillanten Kopf schlicht kein Platz gewesen.

Als Kai die Bedeutung ihrer Worte begriff, stahl sich ein unendlich tiefes, dunkel amüsiertes Schmunzeln auf seine Lippen. Seine Augen funkelten gefährlich auf. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wartete er ihre Erlaubnis gar nicht erst ab. Er griff nach ihrer zierlichen Hand, schloss seine Finger fest und besitzergreifend um die ihren und zog sie mit einer fließenden, unaufhaltsamen Bewegung einfach mit sich auf die Tanzfläche.

In genau diesem Moment wechselte die Musik. Die epischen, sehnsüchtigen und unendlich eleganten Klänge von Joe Hisaishis Merry-go-round of Life setzten ein. Die schweren Streicher und das tragende Klavier erfüllten den Raum mit einer magischen, fast schon ehrfürchtigen Atmosphäre.

Nami hatte kaum Zeit, zu protestieren, als sie auch schon mitten auf dem Parkett stand. Bevor sie stolpern oder sich Sorgen um ihre Schritte machen konnte, lag Kais linke Hand bereits flach, warm und mit absolutem Nachdruck auf ihrem nackten Rücken.

Er drückte sie dicht an sich, sodass der wadenlange Schlitz ihres Kleides sich weit öffnete und der schwere Seidenstoff fließend um ihre Beine spielte.

Und dann passierte etwas, das Nami vollkommen die Sprache verschlug.

Kai bewegte sich. Und er tat es mit einer Perfektion, die absolut atemberaubend war.

Er führte sie ohne die geringste Anstrengung, hielt ihren Körper in perfekter Balance und glitt mit einer so majestätischen, fehlerfreien Eleganz über das Parkett, dass Nami regelrecht das Atmen vergaß. Sie starrte ihn mit geweiteten, ozeanfarbenen Augen an. Niemand... absolut niemand auf dieser Welt... wusste, dass Kai Hiwatari tanzen konnte. Der kühle, unnahbare Ex-Champion, der sonst jede gesellschaftliche Förmlichkeit zutiefst verabscheute, beherrschte den klassischen Walzer wie ein geborener Aristokrat.

Um sie herum schien die Welt zu verblassen. Die anderen Paare, das Tuscheln der Mitschüler, das gesamte Lehrerkollegium... alle starrten mit offenem Mund auf die Jahrgangsbeste und den Champion, denen die Spucke nun endgültig weggeblieben war.

„Konzentrier dich auf mich, Nami“, raunte Kais tiefe Bassstimme unendlich rau an ihrem Ohr. Sein heißer Atem streifte ihre Schläfe, während er sie mühelos in eine weite Drehung führte.

„Links zurück… Schritt. Jetzt das Gewicht verlagern.“

Sein Herz schlug fest und ruhig gegen ihre Handfläche, die sie auf seine breite Smoking-Brust gelegt hatte, während ihr eigenes Herz wie wild bis zum Hals raste. Jedes Mal, wenn sie glaubte, aus dem Takt zu kommen, fing sein besitzergreifender Griff an ihrer Taille sie wieder auf. Er gab ihr immer wieder leise, unendlich intensive Anweisungen, dirigierte jede ihrer Bewegungen mit einer dominanten Sicherheit und ließ sie im Scheinwerferlicht des Saales wirken, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan. Seine rubinroten Augen brannten in ihre, hielten sie gefangen und ließen ihr keine Chance, wegzusehen.

Nami war vollkommen überwältigt... von der Musik, von der schieren Wucht seiner Nähe und der Gewissheit, dass dieser unnahbare Mann sie gerade vor den Augen der gesamten Welt wie seine Königin durch den Raum trug.

Als die letzten, kraftvollen Akkorde von Joe Hisaishis Merry-go-round of Life langsam im majestätischen Saal des Nobelhotels verhallten, kamen Kai und Nami in einer perfekten, fließenden Bewegung zum Stehen. Kais Griff an ihrer Taille war nach wie vor fest und besitzergreifend, während der smaragdgrüne Seidenstoff ihres Kleides sich sachte um ihre Waden legte.

Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute, ehrfürchtige Stille im Raum. Dann brach ein tosender, ohrenbetäubender Applaus los. Die Mitschüler, die Lehrer, selbst die Eltern klatschten begeistert und starrten das Paar mit ungläubiger Bewunderung an.

Doch Kai ließ das Spektakel völlig kalt. Seine rubinroten Augen wandten sich nicht ein einziges Mal zur Menge; er würdigte das Publikum keines Blickes. Seine Aufmerksamkeit galt ganz allein der Frau in seinen Armen. Er hatte diesen Tanz ausschließlich für sie getanzt.

Nami stand noch immer dicht an seiner breiten Brust, ihr Herz raste wie wild und sie sah ihn aus ozeanfarbenen Augen völlig entgeistert an. Sie schnappte leise nach Luft, sichtlich unfähig, das eben Erlebte zu begreifen.

„Kai…“, brachte sie mit leicht rauer Stimme hervor und sah zu ihm auf. „Woher in aller Welt kannst du bitte so perfekt tanzen? Davon hatte ich ja nicht den leisesten Schimmer!“

Kai stieß ein tiefes, unendlich trockenes Schnauben aus. Ein düsteres, amüsiertes Funkeln trat in seine Augen, als er ihren fassungslosen Gesichtsausdruck sah.

„Es ist wesentlich weniger elegant, als du denkst, Nami“, raunte er unendlich trocken, während er sie langsam wieder vom Parkett in Richtung ihres Tisches führte, ohne ihre Hand loszulassen.

„Und ich kann auch nur Walzer tanzen. Nichts anderes.“

Nami zog irritiert die Augenbrauen nach oben.

„Wie meinst du das?“

Ein seltenes, tief dunkel amüsiertes Schmunzeln stahl sich auf Kais markante Lippen, als die Erinnerungen an seine Jugend in Russland hochkamen.

„Damals in der Abtei…“, begann er mit spöttischem Unterton, und das Wort allein ließ die Kälte der Vergangenheit kurz durchschimmern.

„Da gab es keine feinen Tanzstunden für junge Gentlemen. Walzertanzen war eine Strafe. Wenn man sich danebenbenahm, musste man zur Strafe mit der bulligen russischen Küchenfrau tanzen üben.“

Nami blinzelte sprachlos, während Kai leise weitersprach.

„Sie wog gefühlt doppelt so viel wie ich damals und hat einem bei den Schritten absichtlich mit ihren schweren Stiefeln auf die Füße getreten, um die Lektion einzuprügeln“, erzählte er völlig gelassen, als wäre es die normalste Sache der Welt. Sein Schmunzeln wurde noch ein Stück dunkler, fast schon nostalgisch auf eine sehr eigenwillige Art.

„Und wie du dir sicher denken kannst… wurde ich eben verdammt oft damit bestraft.“

Ein unwillkürliches, ungläubiges Lachen entkam Namis Lippen. Sie schüttelte den Kopf, während ihre silberweißen Locken über ihren nackten Rücken glitten.

„Du hast also die perfekte Beinarbeit eines Walzers gelernt, nur um deine Füße vor einer wütenden Küchenfrau in Sibirien zu retten?“

„Exakt“, raunte Kai, fing ihren Blick fest ein und drückte ihre Hand noch ein Stück fester.

„Aber heute Abend hat es sich wohl ausnahmsweise mal bezahlt gemacht.“

Nami musste erneut befreit auflachen, ein helles, klangvolles Geräusch, bei dem ihre silberweißen Wellen sachte mitsangen. Sie hielt sich mit der freien Hand spielerisch die Stirn, unfähig, sich das Bild des jungen, grimmigen Kai vorzustellen, der in einer eisigen russischen Abtei verzweifelt versuchte, den Tritten einer bulligen Küchenfrau zu entgehen.

Als sie wieder an ihrem Tisch ankamen, wurden sie bereits von einer Wand aus purem Erstaunen empfangen. Hilda und Hiro Tachiba saßen dort und starrten das Paar mit völlig entgeisterten Blicken an. Während Hilda sich noch immer sachte Luft mit den Händen zufächelte, als hätte sie gerade ein königliches Spektakel miterlebt, lag auf Hiros Gesicht ein absolut unbezahlbares, respektvolles Schmunzeln. Er legte die Arme auf den Tisch, sah von Kai zu Nami und holte tief Luft. Seine Lippen formten sich bereits, um genau dieselbe brennende Frage zu stellen, die Nami eben auch auf dem Herzen gelegen hatte.

Doch Nami kam ihm zuvor. Noch immer leise kopfschüttelnd und mit tränenden Augen vor Amüsement hob sie abwehrend die Hand, ehe ihr Vater auch nur ein einziges Wort herausbringen konnte.

„Frag nicht, Papa“, sagte sie lachend und warf Kai einen vielsagenden Blick aus ihren ozeanfarbenen Augen zu.

„Glaub mir einfach… du willst es gar nicht wissen.“

Hiro klappte den Mund wieder zu, blinzelte zweimal überrascht und sah dann zu Kai, der die Arme locker vor der Brust verschränkte und die Szenerie mit seinem gewohnt unnahbaren, aber tief dunkel amüsierten Gesichtsausdruck quittierte.

„Na schön, na schön“, brummte Hiro schmunzelnd und hob kapitulierend die Hände, während sein Blick voller väterlichem Stolz auf seiner Tochter und ihrem Freund ruhte.

„Ein Mann von Welt bewahrt eben seine Geheimnisse. Aber das, mein Lieber, war absolut meisterhaft.“

Das Fest nahm seinen Lauf, und die gelassene, warme Stimmung am Tisch tat Nami nach der ganzen Aufregung des Tanzes sichtlich gut. Doch nach einer Weile spürte sie das Bedürfnis, sich kurz frisch zu machen. Sie strich den smaragdgrünen Seidenstoff ihres Kleides glatt und schickte sich an, aufzustehen.

Kai reagierte sofort. Seine rubinroten Augen fixierten sie, und er lockerte die Arme, die er vor der Brust verschränkt hatte. Er machte bereits Anstalten, sich ebenfalls zu erheben.

„Soll ich dich bis zum Korridor begleiten?“, fragte er. Sein Beschützer- und Besitzinstinkt war an einem solchen Abend im vollen Gange.

Nami musste leise lächeln. Sie legte ihm kurz beruhigend die Hand auf die Schulter, während ihre ozeanfarbenen Augen ihn liebevoll musterten.

„Ich schaffe den Weg zur Toilette gerade noch so ohne dich, Kai. Bleib ruhig hier und warte auf mich.“

Ein minimales, trockenes „Mh" war seine Antwort, doch er setzte sich wieder entspannt nach hinten, ohne sie jedoch aus den Augen zu lassen, bis sie die großen Flügeltüren des Festsaals passiert hatte.

Der Sanitärtrakt des Nobelhotels war ebenso luxuriös wie der Rest des Hauses... mit Marmorwänden, großen Spiegeln und edlen, schweren Holztüren für die einzelnen Kabinen. Nami schlüpfte in eine der Kabinen und schloss die Tür hinter sich.

Zwei Minuten später war sie gerade fertig und strich ihr Kleid glatt, als die schwere Eingangstür des Vorraums aufging und das Klackern von Absätzen auf dem Marmor widerhallte. Drei Mädchen aus der Parallelklasse traten herein. Nami hielt inne, als sie merkte, wie aufgeregt die Stimmen klangen... und vor allem, als ihr eigener Name fiel.

„Ich fass es einfach immer noch nicht“, platzte das erste Mädchen heraus, gefolgt von dem ungeduldigen Rascheln einer Handtasche, aus der wohl Puder oder Lippenstift gekramt wurde.

„Ich bin total baff. Ohne Witz, Mädels, Sayaka und ich hatten vorab eine Wette laufen! Wir haben echtes Geld darauf gesetzt, dass Kai Hiwatari niemals im Leben hier auftauchen würde.“

„Und? Hast du verloren?“, fragte die zweite amüsiert.

„Und wie!“, jammerte die erste mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und purer Begeisterung im Tonfall.

„Ich dachte, der Typ ist viel zu unnahbar, viel zu beschäftigt und sich zu fein um sich auf einen stinknormalen Highschool-Abschlussball zu setzen. Und jetzt? Jetzt taucht dieser heftige Typ hier im Smoking auf, belagert Nami, als würde sie ihm ganz allein gehören, und dann tanzt er auch noch! Habt ihr diesen Walzer gesehen?“

Ein kollektives, fast schon eifersüchtiges Seufzen der anderen beiden war die Antwort.

„Der Wahnsinn“, stimmte die andere zu. „Man weiß ja, dass er verdammt gut aussieht. Aber so? Ich frage mich ernsthaft immer noch, ob hier irgendwo eine versteckte Kamera läuft und das Ganze ein Traum ist. Wie schafft Nami das bitteschön, so einen Mann so zahm zu kriegen?“

In ihrer Kabine konnte Nami sich ein stummes, spitzbübisches Schmunzeln nicht verkneifen. Zahm war das letzte Wort, das sie für Kai benutzt hätte... erst recht nicht nach einer ihrer wilden Nächte, aber das ungläubige Getuschel ihrer Mitschülerinnen war das reinste Vergnügen für sie.

„Sag mal, Ema…“, begann die erste Stimme und wandte sich direkt an das dritte Mädchen. „Hast du diesen ‚Albtraum‘ nach einem Jahr eigentlich endlich verdaut? Ich meine, ihn jetzt so mit Nami zu sehen… das muss doch total verrückt für dich sein.“

In ihrer Kabine blinzelte Nami überrascht und hielt in der Bewegung inne. Sie legte den Kopf leicht schräg und lauschte intensiv, als von Ema zunächst überhaupt keine Reaktion kam. Ein schweres, fast schon betretenes Schweigen legte sich für ein paar Sekunden über den Marmorraum, während draußen nur das leise Klacken eines Lippenstifts zu hören war.

Nami kramte sofort in ihren Erinnerungen. ~Ema~ Bei dem Namen klingelte es augenblicklich bei ihr.

Damals, als Nami und Kai frisch zusammengekommen waren, hatte Ema sich über Momoko hintenrum ganz vorsichtig nach Namis Befinden erkundigt... fast so, als würde sie befürchten, Nami schwebte in akuter Lebensgefahr.

Nami kannte die gesamte, unzensierte Story dahinter. Denn Kai, der in seiner typisch kompromisslosen Ehrlichkeit keine Geheimnisse vor ihr hatte, hatte ihr die Sache vor Monaten einmal ausführlich erzählt.

Exakt ein Jahr war es nun her... Monate bevor Nami und Kai sich überhaupt das erste Mal persönlich gegenüberstanden. Damals hatte Ema ein Auge auf den ehemaligen Champion geworfen und ihm regelrecht vor dem BBA Hauptquartier nachgestellt. Als sie ihn schließlich an einem Abend in einer gehobenen Bar belagerte und einfach keine Ruhe mehr gab, hatte Kai eine ebenso effektive wie erbarmungslose Methode gewählt, um das Problem ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen: einen One-Night-Stand, den das Mädchen im Leben nicht vergessen würde.

Er hatte sie mitgenommen, aber nicht aus Leidenschaft, sondern mit dem puren Kalkül, sie endgültig zu vergraulen.

Kai war im Bett bewusst abweisend dominant, extra fordernd und mit einem leicht archaischen, fast schon raubtierhaften Verhalten aufgetreten, das Ema völlig eingeschüchtert und ihr jegliche Illusionen über den vermeintlichen Traummann geraubt hatte. Die Lektion hatte gesessen... Ema hatte danach nie wieder versucht, auch nur in seine Nähe zu kommen.

Draußen stieß Ema nun ein langes, hörbares Seufzen aus.

„Fragt mich bitte einfach nicht“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme klang immer noch ein wenig zittrig und von tiefem Respekt gezeichnet.

„Es ist okay. Ich habe es verdaut. Aber im Ernst… wenn ich sehe, wie er Nami vorhin beim Walzer gehalten hat, als wäre sie aus purem Kristall… das ist wie ein völlig anderer Mensch. Damals im Hotelzimmer war er… eine absolute Naturgewalt. Brutal. Kalt. Gefährlich. Ich dachte echt, der Typ frisst mich lebendig.“

Ein leises, unterdrücktes Kichern entkam den beiden anderen Mädchen, während Nami in ihrer Kabine Mühe hatte, nicht laut loszuprusten. Sie presste die Hand auf den Mund, die ozeanfarbenen Augen funkelten vor amüsiertem Stolz.

Sie wusste ganz genau, dass dieser gefährliche, dominante Mann da draußen im Saal auf sie wartete... und dass sie die Einzige war, vor der diese Naturgewalt jemals freiwillig zahm wurde.

„Glaubt mir, Mädels“, ergriff die Erste wieder das Wort, und ihr Tonfall nahm diesen typisch verschwörerischen, fast schon schwärmerischen Klang an. „Ich bin mir absolut sicher, dass zwischen Nami und Kai hinter verschlossenen Türen eine ganz bestimmte… Dynamik herrscht. Eine, die man nicht im Biologie-Unterricht lernt.“

Das Rascheln von Puderquasten und Lippenstiften stoppte abrupt. Die beiden anderen Mädchen hielten inne und lauschten aufmerksam.

„Was meinst du denn damit bitte?“, fragte die Zweite neugierig und stupste ihre Freundin ungeduldig an, während auch Ema die Ohren spitzte.

Die Erste kicherte vielsagend, sichtlich stolz auf ihre eigene, tiefgründige Analyse.

„Ach kommt schon! Ihr wisst genau, dass ich total auf Dark-Romance-Romane und Mangas stehe, und ab und zu spiele ich eben auch diese Otome-Games. Ich erkenne die Zeichen auf meilenweite Entfernung! Man muss sich doch nur mal ansehen, wie die beiden sich fixieren.“

Sie machte eine kurze Kunstpause, um die Dramatik zu steigern, während draußen auf dem Marmorboden die Absätze ungeduldig wippten.

„Habt ihr gesehen, wie er sie vorhin gemustert hat?“, fuhr sie mit gedämpfter, aber aufgeregter Stimme fort.

„Kai sieht Nami nicht einfach nur an. Er belagert sie mit seinen Blicken. Er fixiert sie, als wäre sie sein rechtmäßiges Eigentum und jeder andere Mann im Raum eine potenzielle Bedrohung, die er eliminieren muss. Und Nami? Sie hält seinem Blick einfach so stand, lächelt ihn an und fordert ihn regelrecht heraus! Wenn man sich diese Blicke der beiden ansieht, weiß man direkt, was da abgeht. Das ist pure, knisternde Spannung. Totaler Romance-Manga-Stoff, ich sag's euch!“

In ihrer Kabine musste Nami sich nun wirklich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen. Sie biss sich auf die Unterlippe, während ihre ozeanfarbenen Augen vor purem Amüsement blitzten. Dass ihre Mitschülerinnen ihre Beziehung zu Kai mit Dark-Romance-Büchern und Otome-Games verglichen, war einfach zu köstlich. Und das Beste daran war: Die Mädchen lagen mit ihren Vermutungen über Kais besitzergreifende, dominante Art nicht einmal so weit daneben.

„Meinst du etwa…“, begann Ema langsam, und ihre Stimme sank in ein beinahe ehrfürchtiges Flüstern, das von der puren Erinnerung an ihr eigenes Trauma gezeichnet war.

„Das heißt, Nami hält dieses… dieses Monster in ihm tatsächlich einfach so aus?“

Die Dark-Romance-Expertin stieß ein belustigtes, leicht spöttisches Schnauben aus. „Oh, bitte, Ema! Du verstehst das völlig falsch“, erklärte sie mit absoluter Überzeugung im Tonfall.

„Bei dir hat er das nur als Waffe eingesetzt, um dich loszuwerden. Aber bei Nami? Er verwendet diese dunkle Seite ganz sicher völlig anders. Und Nami hält das nicht einfach nur ‚aus‘… die steht da wohl voll drauf, wenn er das Raubtier in sich rauslässt! Schau sie dir doch an, sie genießt es regelrecht, wie er sie dominiert!“

Das war zu viel. Das Bild von Kai als gezähmtem, aber im Schlafzimmer wildem Raubtier, kombiniert mit der absurd treffenden Analyse einer Mitschülerin, die ihre Weisheiten aus Otome-Games bezog, brachte das Fass zum Überlaufen.

Nami versuchte verzweifelt, das prustende Lachen in ihrer Kehle zu ersticken, doch der Druck war zu groß. Ein lautes, unüberhörbares Glucksen entkam ihren Lippen und hallte durch die geflieste Kabine direkt in den mucksmäuschenstillen Vorraum.

Draußen stoppte jedes Geräusch augenblicklich. Das Klappern der Handtaschen, das Tuscheln... alles erstarrte.

„…Oh mein Gott“, flüsterte die Zweite nach einer quälenden Sekunde des Schweigens.

„Da ist jemand drin.“

„Meinst du, sie hat uns gehört?“, zischte Ema panisch.

Nami schloss für einen kurzen Moment amüsiert die Augen und atmete tief durch. Es hatte keinen Sinn mehr, sich zu verstecken.

Sie hatte die perfekte Ausrede, um diesen ohnehin schon unvergesslichen Abend mit einem verdammt glorreichen Abgang zu krönen. Mit einem breiten, absolut spitzbübischen Lächeln auf den Lippen betätigte sie die Spülung, schloss den Riegel der schweren Holztür auf und trat gemächlich ins helle Licht des Vorraums.

Als der smaragdgrüne Seidenstoff ihres Kleides und ihre prachtvollen, silberweißen Wellen im Spiegel der Mädchen auftauchten, sackte den dreien kollektiv das Gesicht weg.

Ema wurde auf einen Schlag kreideweiß, während die Dark-Romance-Expertin den Lippenstift in ihrer Hand so fest umklammerte, als wäre er ein Rettungsanker. Sie starrten Nami mit absolut panischen, geweiteten Augen an.

Nami trat völlig entspannt an das Waschbecken direkt neben sie, schaltete das Wasser ein und wusch sich in aller Seelenruhe die Hände. Sie spiegelte den Blick der Mädchen durch das Glas und schenkte ihnen ein unendlich charmantes, aber gefährlich funkelndes Lächeln.

„Ihr solltet wirklich weniger Mangas lesen, Mädels“, raunte sie mit einer unendlich amüsierten, samtigen Stimme, während sie sich ein Handtuch nahm. Sie warf Ema einen kurzen, völlig vorurteilsfreien, aber vielsagenden Blick zu, ehe sie sich zur Tür wandte.

„Obwohl… manche Theorien sind gar nicht so weit von der Realität entfernt. Einen schönen Abend noch.“

Mit einem letzten, leisen Kichern ließ Nami die drei völlig versteinerten Mädchen im Waschraum zurück und machte sich auf den Weg zurück zu ihrem persönlichen Raubtier, das im Saal bereits ungeduldig auf sie wartete.