Matsuri
Matsuri
Anfang April hatte in Tokio einen ganz eigenen, fast schon surrealen Zauber. Die eisige Winterkühle war endgültig gewichen und hatte einer frischen, belebenden Frühlingsluft Platz gemacht. Das Besondere an dieser Zeit war jedoch die Vergänglichkeit der Natur: Die unzähligen Kirschblütenbäume, die Sakura, standen in ihrer absolut vollen, prachtvollen Blüte.
Fünf Tage nach den emotionalen Ereignissen des Abschlussballs hatte sich die dichte, aufgeweckte Energie der Prüfungsphase endgültig gelegt. Der Abendhimmel über der Metropole war in ein tiefes, samtiges Violett getaucht, während die ersten Sterne träge durch die klare Frühlingsluft brachen. Im Ayame-Anwesen herrschte eine angenehme, fast schon andächtige Betriebsamkeit.
Nami stand vor dem großen, dreiteiligen Ganzkörperspiegel im Ankleidezimmer und strich mit den Fingerspitzen behutsam über den feinen, schweren Stoff ihres Kimonos. Da die Aprilnächte in Tokio noch immer eine spürbare, frische Kühle mit sich brachten, war die Wahl auf einen traditionellen, wärmeren Kimono gefallen.
Sie hatte sich für ein Modell in einem zarten, eleganten Rosaton entschieden, dessen Oberfläche von einem kunstvollen, floralen Muster aus türkisen und weißen Blüten durchzogen war. Der breite, türkisfarbene Obi-Gürtel saß perfekt auf ihrer Taille, betonte ihre schmale Figur und bildete einen atemberaubenden Kontrast zu dem hellen Karamellton ihrer Haut.
Ihre silberweißen, welligen Locken hatte sie für diesen Anlass kunstvoll hochgesteckt, wobei einige einzelne, verspannte Strähnen ihr Gesicht und ihren nackenlangen Hals rahmten.
Die Zimmertür öffnete sich mit einem leisen, vertrauten Knarren. Nami wandte den Kopf um und ihr blieb für einen kurzen Moment der Atem weg.
Kai trat herein. Er trug einen traditionellen Frühlingskimono in einem tiefen Dunkelgrau, dessen schwerer Baumwollstoff perfekt um seine breiten Schultern fiel. Schwarze Akzente am Saum und der dunkle Gürtel unterstrichen seine maskuline, dominante Statur auf eine Weise, die Nami ein unwillkürliches Prickeln über den Rücken jagte.
Seine wilde Frisur bildete einen faszinierenden Bruch zu der strengen Eleganz des traditionellen Gewandes. Er sah umwerfend aus... unnahbar, mächtig und unverschämt attraktiv.
Kai hielt mitten in der Bewegung inne, als sein rubinroter Blick sie erfasste. Seine Augen verengten sich langsam, glitten von den kunstvoll hochgesteckten, silberweißen Locken hinab über den rosafarbenen Stoff bis zu dem türkisen Gürtel, der ihre Taille betonte.
Ein tiefes, unendlich raues Schmunzeln stahl sich auf seine markanten Lippen, und das vertraute, hungrige Glimmen trat in seine Augen.
Er schloss die Tür hinter sich, trat mit ruhigen, lautlosen Schritten an sie heran und verringerte den Abstand, bis Nami die vertraute Hitze seines Körpers spüren konnte. Seine großen Hände fanden ganz automatisch ihren Weg an ihre Taille, wo seine Finger den festen Stoff des Obi-Gürtels erfassten und sie sanft, aber unmissverständlich ein Stück enger an sich zogen.
„Du siehst umwerfend aus, mein Schatz“, raunte seine tiefe Bassstimme unendlich rau an ihrem Ohr, während sein heißer Atem ihre empfindliche Haut am Hals streifte.
Er senkte den Kopf ein Stück und hauchte einen kurzen, intensiven Kuss auf die Stelle hinter ihrem Ohr, der ihr eine wohlige Gänsehaut bescherte.
„Ich überlege ernsthaft, ob wir dieses Fest nicht einfach ausfallen lassen und hierbleiben.“
Nami legte den Kopf schmunzelnd in den Nacken, während ihre ozeanblauen Augen voller Zärtlichkeit und spitzbübischem Vergnügen funkelten. Sie legte ihre Hände flach auf seine dunkelgraue Brust, spürte das ruhige Schlagen seines Herzens und atmete seinen vertrauten, maskulinen Duft ein.
„Nichts da, Kai Hiwatari“, flüsterte sie charmant, hob die Hand und strich ihm sachte über die markante Wange.
„Hilary und Tyson warten schon auf uns, und Ray und Mariah sind extra dazugestoßen. Du hast es versprochen.“
Kai stieß ein tiefes, unendlich trockenes Schnauben aus, doch das amüsierte Funkeln in seinen Augen verriet ihn. Er drückte sie noch einmal fest an sich, ehe er sie widerwillig freigab.
„Na schön. Aber ich halte mich nicht mit Tysons Fressorgien auf.“
Das Hanami-Matsuri war in vollem Gange, als der Bentley sie am Fuße des weitläufigen Schrein-Hügels absetzte. Die Atmosphäre war schlichtweg magisch. Hunderte von traditionellen, zartrosa und weiß leuchtenden Papierlaternen waren in langen Ketten zwischen den Ästen der jahrhundertealten Kirschblütenbäume gespannt.
Sie beleuchteten die unzähligen Blüten von unten... das sogenannte Yozakura, die Nachtkirschblüte..., was dem gesamten Areal ein mystisches, fast schon unwirkliches Leuchten verlieh. Ein sanfter Frühlingswind wehte durch die Gassen und ließ immer wieder einen feinen Regen aus rosafarbenen Blütenblättern wie Schnee durch die Luft tanzen.
Der dichte, verlockende Duft von frisch gegrilltem Yakitori, süßen Dango-Spießen und heißem Sake lag in der Luft, untermalt von dem rhythmischen, kraftvollen Donnern der fernen Taiko-Trommeln, das wie ein Herzschlag durch die klare Aprilnacht vibrierte.
Kaum hatten sie den gepflasterten Weg betreten, schlang Kai seinen Arm fest und besitzergreifend um Namis Taille. Seine kühle, dominante Aura schirmte sie perfekt von dem dichten Strom der Passanten ab, die ebenfalls in eleganten Kimonos flanierten. Es dauerte nicht lange, bis die Blicke der vorbeigehenden Menschen an ihnen hängen blieben... die Kombination aus Kais gefährlicher Ausstrahlung im dunklen Gewand und Namis atemberaubender Schönheit im rosafarbenen Kimono war ein absoluter Blickfang.
„Nami! Kai! Hier drüben!“
Eine vertraute, energische Stimme durchschnitt das Stimmengewirr. Am Rande eines großen Stands, an dem dampfende Sakura-Mochi verkauft wurden, winkte Hilary ihnen begeistert zu. Sie trug einen eleganten, hellblauen Frühlingskimono und stand neben Tyson, der bereits mit vollen Wangen an einem Spieß kaute und dessen traditionelles Gewand durch seine mampfende Gestalt jegliche Ernsthaftigkeit verlor. Daneben standen Ray und Mariah, die sich sichtlich amüsierten. Ray wirkte in seinem schlichten, weißen Gewand und der langen, dunklen Mähne unendlich gelassen, während Mariah in einem lebhaften, pinken Kimono mit zarten Mustern sichtlich Vorfreude verströmte.
„Ihr habt es geschafft!“, rief Hilary gut gelaunt, als Nami und Kai an die Gruppe herantraten. Ihr Blick glitt sofort über Namis Gewand und sie stieß ein begeistertes Quietschen aus.
„Oh mein Gott, Nami, du siehst absolut fantastisch aus! Dieses Rosa passt einfach perfekt zu den Kirschblüten!“
„Danke, Hilary“, erwiderte Nami mit einem hellen, klangvollen Lachen und erwiderte die kurze, herzliche Umarmung ihrer Freundin.
Tyson schluckte hastig seinen Bissen hinunter, wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab und grinste Kai breit an.
„Hey, Kai! Ich dachte schon, du drückst dich vor dem Fest, weil du Angst hast, dass ich dich beim Mochi-Wettessen schlage!“
Kai würdigte Tysons kulinarische Herausforderung keines Blickes. Er stand vollkommen entspannt da, die Hände locker in den weiten Ärmeln seines Kimonos verborgen, und bedachte seinen alten Rivalen mit einem so unendlich trockenen, eiskalten Blick aus seinen rubinroten Augen, dass Tyson unwillkürlich ein Stück zurückwich.
„Träum weiter, Tyson“, raunte Kai tief und rau, was Ray zu einem leisen, amüsierten Kichern veranlasste.
„Schön dich zu sehen, Kai. Und herzlichen Glückwunsch zum Abschluss, Nami“, sagte Ray mit seiner ruhigen, respektvollen Stimme und nickte den beiden freundschaftlich zu. Mariah tritt vor, nahm Rays Hand und strahlte Nami an.
„Ja, von mir auch! Wir mussten einfach kommen, als Ray erzählt hat, dass ihr auf das Frühlingsfest geht. Es ist viel zu lange her, dass wir alle zusammen etwas unternommen haben.“
„Das stimmt“, stimmte Nami warmherzig zu und spürte, wie Kais Hand an ihrer Hüfte sich wieder ein Stück fester in den Stoff drückte... ein stummes Zeichen dafür, dass er die Anwesenheit der anderen zwar tolerierte, seine Aufmerksamkeit aber ununterbrochen bei ihr blieb.
Die sechsköpfige Gruppe setzte sich langsam in Bewegung, schlenderte unter dem dichten Dach aus leuchtenden Kirschblüten vorbei und genoss die ausgelassene Stimmung. Tyson plapperte ununterbrochen über die neuesten Blade-Entwicklungen, während Hilary ihn regelmäßig wegen seiner Manieren maßregelte.
Ray und Mariah liefen dicht beieinander und Nami genoss das vertraute Gefühl dieser alten Freundschaften, während sie sich eng an Kais starke Schulter schmiegte, um sich vor den kühlen Windstößen zu schützen.
Als sie sich einer Weggabelung näherten, die zu den traditionellen Goldfisch-Schöpfständen führte, hielt eine vertraute, theatralische Stimme sie plötzlich auf.
„Na, sieh mal an, wer sich aus dem Ayame-Anwesen in die Zivilisation gewagt hat!“
Nami drehte den Kopf und musste sofort wieder befreit auflachen. Kenji stand nur wenige Meter entfernt unter einem herabregnenden Kirschblütenbaum, die Arme amüsiert vor der Brust verschränkt. Er trug einen eleganten, dunkelblauen Kimono, der perfekt zu seinem stolzen Auftreten passte.
Neben ihm stand Momoko, die in einem wunderschönen, violetten Gewand mit zarten Goldfaden-Verzierungen einfach bezaubernd aussah. Ihre Augen leuchteten auf, als sie Nami und die Gruppe sah.
„Kenji! Momoko!“, rief Nami erfreut.
Kenji trat schwungvoll vor, warf Tyson und Ray ein kurzes, lässiges Nicken zu und baute sich dann direkt vor Kai auf. Ein absolut unbezahlbares, provokantes Grinsen stahl sich auf die Züge des Zwillingsbruders. Er musterte Kais dunkelgrauen Kimono mit einem übertrieben kritischen Blick.
„Mensch, Kai“, zog Kenji ihn amüsiert auf und stupste Nami augenzwinkernd mit dem Ellbogen an.
„Traditionelles Gewand? Ich bin schockiert. Ich dachte, du gehst selbst zum Matsuri nur in deinem schwarzen Muskelshirt. Steht dir aber überraschend gut… macht dich fast schon… nahbar.“
Ein leises, kollektives Luftholen ging durch die Gruppe. Hilary hielt sich geschockt die Hand vor den Mund, während Tyson prustend kicherte.
Kai rührte sich nicht um einen Millimeter. Seine kühle Maske wich einem unendlich arroganten, überlegenen Schmunzeln, während seine rubinroten Augen Kenji mit einer Schärfe fixierten, die die Luft um sie herum trotz des kühlen Aprilwindes augenblicklich einfrieren ließ. Ein tiefes, gefährlich raues Schnauben entwich seiner Kehle.
„Du solltest deine Zunge zügeln, Tachiba“, raunte Kai mit seiner tiefen Stimme, unendlich ruhig, aber von einer so absolut kompromisslosen Dominanz, dass Kenjis Grinsen für einen kurzen Moment merklich einfror.
„Sonst sorge ich dafür, dass du den Rest des Abends im Schrein-Teich verbringst. Der ist im April besonders kalt.“
Momoko kicherte leise hinter ihrer Handfläche und zog Kenji am Ärmel zurück.
„Lass ihn, Kenji. Du weißt ganz genau, dass er dich mit einem einzigen Blick erdolchen kann.“
„Schon gut, schon gut“, kapitulierte Kenji schmunzelnd und hob abwehrend die Hände, auch wenn das neckische Blitzen in seinen Augen blieb. Er trat zu Nami, legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter und sah sie warm an.
„Du siehst wunderschön aus, Schwesterherz. Der Kimono ist perfekt.“
„Danke, Kenji“, flüsterte Nami gerührt und genoss diesen Moment des unbeschwerten Familienglücks.
Nachdem sie eine Weile gemeinsam mit der gesamten Truppe gelacht, traditionelle Frühlingsspeisen probiert und die hell erleuchteten Stände begutachtet hatten, merkte Nami, wie Kai zunehmend unruhiger wurde.
Seine Berührungen an ihrer Taille wurden besitzergreifender, und er hielt sich immer mehr im Hintergrund, während sein Blick unentwegt auf ihr verweilte. Das Raubtier hatte genug von der Menge und den lauten Gesprächen... er wollte seine exklusive Paarzeit zurück.
Nami verstand seine stummen Signale ohne ein einziges Wort. Sie warf ihm einen vielsagenden Blick aus ihren ozeanfarbenen Augen zu und wandte sich dann mit einem charmanten Lächeln an die Gruppe.
„Ihr Lieben, Kai und ich werden uns ein wenig absetzen und den oberen Schrein-Weg auskundschaften“, erklärte sie sanft.
„Oh, verstehe, verstehe!“, rief Tyson mit einem fetten Grinsen und erntete prompt einen heftigen Ellenbogenstoß von Hilary in die Rippen. „Aua! Was denn?“
„Viel Spaß euch beiden“, verabschiedete sich Ray mit einem wissenden, unendlich warmen Lächeln, während Mariah ihnen hinterherwinkte.
Kenji schnaubte nur amüsiert und legte einen Arm um Momoko. „Benehmt euch, ihr beiden. Und Kai... lass den Teich ganz!“
Kai würdigte die Abschiedsworte keiner Antwort. Er griff nach Namis Hand, verflocht seine großen Finger fest mit den ihren und führte sie mit ruhigen, zielstrebigen Schritten weg vom Hauptstrom des Festes.
Sie stiegen die alten, moosbewachsenen Steinstufen hinauf, die tiefer in den bewaldeten Hügel des Schreins führten. Je höher sie kamen, desto mehr verblasste das laute Stimmengewirr und das Trommeln des Matsuris im Hintergrund, bis es nur noch wie ein sanftes, rhythmisches Summen in der Ferne wirkte. Die rosa Papierlaternen wurden hier oben seltener, stattdessen wurde der Weg vom fahlen, silbernen Licht des Mondes erhellt, das durch die dichten Kronen der alten Bäume fiel. Ein stetiger Strom von Kirschblütenblättern wirbelte um ihre Beine.
Am Scheitelpunkt des Hügels, nahe einer alten, hölzernen Aussichtsplattform, blieben sie stehen. Von hier aus hatte man einen atemberaubenden Blick über die funkelnde Skyline von Tokio, die im Kontrast zu den traditionellen Lichtern des Festes wie ein Meer aus Sternen wirkte.
Eine spürbar kühle, sanfte Frühlingsbrise erfasste sie, ließ den rosafarbenen Stoff von Namis Kimono leise rascheln und bewegte ihre silberweißen Wellen in einem eleganten Tanz.
Sie fröstelte leicht, was Kai nicht entging.
Er ließ ihre Hand los, nur um im nächsten Moment von hinten an sie heranzutreten. Er schlang beide Arme fest um ihre Taille, zog ihren Rücken flach gegen seine breite, dunkelgraue Brust und hüllte sie fast vollständig in seine eigene, intensive Körperwärme ein. Er bettete sein Kinn sanft auf ihrer Schulter. Nami entkam ein leises, wohliges Seufzen, als sie sich vollständig gegen ihn lehnte und die absolute Sicherheit seiner Arme genoss.
„Endlich allein“, raunte Kais tiefe Stimme unendlich rau und vibrierte direkt an ihrem Ohr. Seine Hände strichen in einer langsamen, besitzergreifenden Bewegung über den türkisen Obi-Gürtel.
„Ich dachte schon, dein Bruder hält heute Abend überhaupt nicht mehr den Mund.“
Nami musste leise in sich hineinglucksen, ein helles, klangvolles Geräusch in der stillen Frühlingsnacht. Sie drehte den Kopf leicht zur Seite, sodass ihre Lippen fast seine Wange berührten. Ein einzelnes Kirschblütenblatt verfing sich in ihren silberweißen Wellen.
„Er wollte dich doch nur ein bisschen ärgern, Kai. Aber du hast ihn ja wie immer perfekt pariert“, stellte sie amüsiert fest und legte ihre Hände auf seine Unterarme, die sie festhielten. Sie blickte hinaus auf das funkelnde Lichtermeer der Stadt.
„Es ist wunderschön hier oben. Danke, dass du mitgekommen bist.“
Kai schwieg für einen langen Moment. Er genoss den Duft von Lilien und Frische, der von ihr ausging, und spürte die tiefe, unerschütterliche Harmonie zwischen ihnen.
In diesem Moment, abseits der Welt und umgeben von den tanzenden Blütenblättern der Sakura, gab es keinen Raum für Zweifel.
„Ich würde überall mit dir hingehen, Nami“, begann er schließlich, und seine tiefe Stimme klang ungewohnt sanft, getragen von einer unerschütterlichen, reifen Ernsthaftigkeit. Er drehte sie in seinen Armen langsam um, sodass sie ihm direkt gegenüberstand. Seine rubinroten Augen brannten in ihren ozeanblauen Tiefen.
„Ich habe es dir schon einmal gesagt und ich sage es dir wieder. Du bist mein Ein und Alles. Und keine Menge an Menschen, Regeln oder Traditionen wird jemals etwas daran ändern.“
Nami spürte, wie ihr bei diesen absolut kompromisslosen, tiefen Worten eine wohlige Gänsehaut über den Rücken jagte. Ein unendlich stolzes, glückliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während sie die Arme um seinen Nacken schlang und sich ganz nah an ihn drängte.
„Ich weiß, mein Raubtier“, hauchte sie unendlich leise.
Kai beugte sich tief zu ihr hinab, fing ihre Lippen mit seinen ein und schenkte ihr unter dem silbernen Licht des Mondes, den leuchtenden Nachtkirschblüten und dem fernen, sanften Echo des Matsuris einen unendlich intensiven, brennend heißen Kuss, der all ihre Liebe und die Ewigkeit ihrer Verbindung besiegelte.
Ein tiefes, unendlich amüsiertes Schmunzeln entwich Kais Kehle, als er die Lippen langsam von den ihren löste. Sein Gesicht war immer noch so nah, dass Nami das dunkel funkelnde Glimmen in seinen rubinroten Augen aus nächster Nähe betrachten konnte. Eine seiner dunklen Augenbrauen schoss spöttisch nach oben, während das gefährlich heiße Lächeln auf seinen Zügen breiter wurde.
„Mein Raubtier?“, raunte er mit seiner tiefen Stimme, deren raues Timbre eine wohlige Vibration auf ihrer Haut hinterließ.
Seine großen Hände glitten an ihrer Taille ein Stück nach oben, drückten sie sanft, aber besitzergreifend noch ein Stück enger an seine breite Brust.
„Ist das jetzt mein neuer Spitzname?“
Nami legte den Kopf leicht schräg. Ein unendlich spitzbübisches, absolut furchtloses Lächeln umspielte ihre Lippen, während ihre ozeanfarbigen Augen voller Zärtlichkeit und Schalk blitzten. Sie hob eine Hand und strich ihm mit einer langsamen, provokanten Eleganz über das dunkelgraue Revers seines Kimonos.
„Ganz genau.“, flüsterte sie mit samtiger, leiser Stimme und biss sich kurz auf die Unterlippe. „Ich benutze ihn ausschließlich, wenn wir vollkommen alleine sind. Und…“ Sie machte eine kleine, dramatische Pause, während ihr Blick ihn herausfordernd einfing. „…nur, wenn ich dich ganz bewusst ein bisschen necken will.“
Kai stieß ein raues, leises Lachen aus, das seine gesamte Brust erbeben ließ. Er beugte sich noch ein Stück tiefer, bis seine Lippen ihre Ohrläppchen streiften.
„Necke mich ruhig.“, raunte er unendlich intensiv an ihrem Ohr. „Aber du weißt ja, wie ungeduldig dieses Raubtier werden kann.“
In ihrer perfekten, magischen Blase auf dem Schrein-Hügel, umgeben von den im Wind tanzenden rosa Kirschblütenblättern, bekamen die beiden absolut nicht mit, dass sie in diesem Moment nicht mehr allein waren. Jedenfalls schien es zunächst so...
Einige Meter entfernt, im tiefen Schatten eines riesigen, uralten Sakura-Baumes, klammerten sich zwei Gestalten regelrecht an die Rinde. Es waren zwei Mädchen aus Namis ehemaliger Parallelklasse... genau die beiden Freundinnen, die vor fünf Tagen zusammen mit Ema im eleganten Waschraum des Luxushotels gestanden und ehrfürchtig über Namis und Kais Dynamik gerätselt hatten.
Besonders eine von ihnen war kaum noch zu bremsen: Kari. Die leidenschaftliche Dark-Romance- und Otome-Game-Expertin hatte die beiden vor einer halben Stunde zufällig in der Menge des Matsuris entdeckt. Seit dem glorreichen Vorfall auf dem Ball, als Kai Nami vor ihren Augen ungeniert gegen die Wand gedrängt hatte, hatte Kari eine regelrechte, tief empfundene Obsession für das Paar entwickelt.
Für sie waren die beiden keine normalen Menschen mehr; sie waren die lebendig gewordene, absolute Perfektion all ihrer Lieblings-Mangas.
Kari hielt sich mit beiden Händen die Wangen, die im Schein der fernen Laternen in einem tiefen Scharlachrot glühten. Ihre Augen waren riesig und funkelten vor absolutem, nerdigem Fan-Enthusiasmus. Sie atmete so flach, als würde jeder zu laute Atemzug das heilige Szenario vor ihr zerstören.
„Oh mein Gott… oh mein Gott, siehst du das?!“, flüsterte Kari in einem extremen, hysterisch unterdrückten Tonfall zu ihrer Freundin Miya rüber, während sie wie wild am Ärmel von deren Yukata zupfte.
„Es passiert schon wieder! Er hält sie von hinten, genau wie im Epilog von Band 4! Und hast du gesehen, wie er sie umgedreht hat? Diese Dominanz! Im traditionellen Kimono! Das ist… das ist literarische Perfektion live in Farbe!“
Miya nippte mit einer Mischung aus purer Faszination und panischer Angst an ihrem Becher mit kaltem Sakura-Tee. Sie warf einen nervösen Blick zu der mächtigen Silhouette des Ex-Champions, dessen dunkelgrauer Kimono ihn in der Nacht noch gefährlicher wirken ließ.
„Kari, bitte flüster leiser“, flehte das Mädchen mit zitternder Stimme und sah sich panisch um.
„Wenn Hiwatari uns bemerkt, bringt er uns sicher um. Hast du vergessen, was für eine eisige Aura er im Flur hatte? Der Typ ist kein Manga-Charakter, der ist eine echte Naturgewalt! Wenn er uns erwischt, wie wir ihn beim Rumknutschen stalken, wirft er uns eigenhändig in den kalten Schrein-Teich!“
„Ach, Quatsch! Für seine Königin wird er doch total zahm, hast du das nicht eben gesehen?!“, schwärmte Kari völlig fassungslos weiter, schlug sich theatralisch die Hand aufs Herz und starrte mit offenem Mund zu der Aussichtsplattform, wo Kai Nami gerade wieder mit einem unendlich intensiven Blick fixierte.
„Ich schwöre dir, ich gehe nicht weg, bevor ich nicht das nächste Kapitel dieser Romanze mit eigenen Augen analysiert habe!“
Kai bemerkte hatte sie natürlich von der ersten Sekunde an bemerkt. Ein Spitzenblader seines Kalibers besaß Sinne, die so scharf waren wie die Klingen einer Sense, und das hysterische, unterdrückte Flüstern im Schatten des uralten Kirschblütenbaumes war für ihn in der Stille des Schrein-Hügels so unüberhörbar wie ein Donnerschlag.
Er hatte sich nur nichts anmerken lassen, weil der Geschmack von Namis Lippen und die Wärme ihres Körpers in seinen Armen jede andere Existenz auf diesem Planeten nebensächlich gemacht hatten.
Doch als er Nami gerade langsam wieder freigab, schnappte der Wind ein besonders enthusiastisches, fassungsloses
„Oh mein Gott, siehst du das?!“ auf und trug es direkt zu der Aussichtsplattform.
Kais rubinrote Augen verengten sich schlagartig. Die eben noch so angenehme, leidenschaftliche Wärme in seinen Zügen wich augenblicklich einer unendlich kühlen, absolut unnahbaren Maske. Ein tiefes, bedrohlich raues „Mhhh" entwich seiner Kehle.
Er beugte sich noch einmal ganz nah zu Nami hinab, und seine tiefe Stimme raunte unendlich rau an ihrem Ohr:
„Es scheint, als hätten wir ein paar lästige Ratten, die dringend eine Lektion in Sachen Anstand brauchen, mein Schatz.“
Nami blinzelte überrascht, doch als sie Kais Blick folgte, der messerscharf auf den dicken Stamm des Sakura-Baumes gerichtet war, verstand sie sofort.
Ein amüsiertes, sanftes Blitzen trat in ihre ozeanfarbenen Augen.
Kai wartete keine Sekunde länger. Er löste die Arme von ihrer Taille, legte die Hände mit einer langsamen, unendlich dominanten Eleganz zurück in die weiten Ärmel seines dunkelgrauen Kimonos und drehte sich um.
Jede Faser seines Körpers strahlte mit einem Mal eine so absolut erdrückende, eiskalte Aura aus, dass die Temperatur auf dem Hügel gefühlt um den Gefrierpunkt sank.
Mit langsamen, absolut lautlosen und raubtierhaften Schritten ging er direkt auf das Versteck der beiden Mädchen zu.
Hinter dem Baum war die Welt in diesem Moment im Begriff unterzugehen.
Miya hatte Karis Handgelenk so fest umkrallt, dass ihre Knöchel weiß anliefen. Sie hatte Kais tiefes Brummen gehört und den exakten Moment miterlebt, in dem diese wandelnde Naturgewalt seinen Blick auf sie gerichtet hatte.
„Kari… er hat uns bemerkt. Er kommt her. Oh mein Gott, er kommt her!“, wimmerte Miya in absolut nackter Todesangst, während ihr Gesicht jede Farbe verlor und sie am liebsten im Erdboden versunken wäre. „Ich habe es dir gesagt! Er wird uns im Schrein-Teich ertränken!“
Selbst Kari, deren Wangen eben noch vor Fan-Enthusiasmus geglüht hatten, spürte nun, wie ihr ein eiskalter Schauer nach dem anderen über den Rücken jagte. Die dichte, dunkle Aura, die Kai Hiwatari verströmte, während er im fahlen Mondlicht auf sie zukam, war in keinem Manga der Welt angemessen zu beschreiben.
Es war absolut furchteinflößend.
Zwei Meter vor dem Baum blieb Kai stehen. Er baute sich in seiner vollen, beeindruckenden Größe auf, hüllte die beiden Mädchen komplett in seinen Schatten und sah mit einem unendlich arroganten, eisigen Blick auf sie herab.
„Habt ihr beiden eine exklusive Vorstellung erwartet?“, raunte seine tiefe Stimme, unendlich ruhig, aber von einer so schneidenden, gefährlichen Schärfe, dass Kari und Miya wie Ölgötzen erstarrten.
Kai zog eine Augenbraue nach oben, und seine rubinroten Augen brannten sich regelrecht in die beiden Mitschülerinnen.
„Oder habt ihr einfach nur vergessen, wie man sich benimmt, wenn man nicht eingeladen ist?“
Miya stieß ein leises, tonloses Fiepen aus und schloss panisch die Augen, bereit für das Jüngste Gericht.
Kari starrte Kai mit einer Mischung aus absolutem Terror und einer tief im Inneren immer noch funkelnden, ungläubigen Faszination an. Sie brachte kein einziges Wort heraus; ihre Stimmbänder waren wie gelähmt.
Nami, die das Spektakel mit verschränkten Armen von der Plattform aus beobachtet hatte, konnte an dieser Stelle einfach nicht mehr an sich halten. Ein helles, unendlich klangvolles und herzliches Lachen entwich ihrer Kehle, als sie mit eleganten Schritten vortrat und sich neben Kai stellte.
Sie erkannte die beiden sofort wieder.
„Kari? Miya?“, fragte Nami amüsiert, während sie eine Hand sanft auf Kais breiten Oberarm legte... ein stummes Signal, das die eisige Aura des Raubtiers sofort merklich besänftigte, auch wenn sein Blick weiterhin mörderisch blieb.
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ihr wart doch die beiden aus dem Waschraum des Shaon-kais, nicht wahr?“
Als Miya hörte, dass Nami ihren Namen wusste, riss sie die Augen auf. Das unendlich warme, rettende Lächeln von Namis ozeanblauen Augen war wie ein Rettungsanker in der Not.
„N-Nami!“, stammelte Miya mit zitternder Stimme, verbeugte sich in einer Millisekunde fast bis zum Boden und zog die völlig starre Kari am Kragen gleich mit nach unten.
„Es tut uns so unendlich leid! Wir wollten wirklich nicht stören! Kari hat euch nur in der Menge gesehen und… und sie verliert bei ihren Liebesgeschichten manchmal komplett den Verstand! Bitte verzeih uns! Bitte bring uns nicht um!“
Nami musste bei Miyas panischer Reaktion noch breiter grinsen und strich Kai beruhigend über den Arm. „Schon gut, Miya. Ihr müsst keine Angst haben. Mein...Raubtier sieht nur so gefährlich aus, es beißt nicht… zumindest nicht jeden.“
Kai stieß ein tiefes, unendlich trockenes Schnauben aus. Er würdigte die tiefen Verbeugungen der Mädchen keines Blickes mehr, sondern sah stattdessen zu Nami hinab.
Das dominante, besitzergreifende Schmunzeln kehrte auf seine Lippen zurück.
„Du bist viel zu gnädig, Nami“, raunte er tief und rau, ehe er seinen Blick noch einmal kurz und eisig zu den beiden Mädchen gleiten ließ.
„Verschwindet. Bevor ich es mir anders überlege.“
„J-Ja, Sir! Sofort, Sir!“, stieß Miya hervor, packte die immer noch völlig berauschte Kari am Arm und drehte sich auf dem Absatz um.
Kari, die sich im Laufen noch einmal hastig umblickte, sah gerade noch, wie Kai seinen Arm wieder wie selbstverständlich um Namis Taille legte und sie eng an sich zog. Ein glückseliges, hysterisches Flüstern entwich der Otaku: „Sie hat ihn ihr Raubtier genannt… ich wusste es…“
„Kari, renn einfach!“, zischte Miya in purer Panik, und die beiden Mitschülerinnen flogen im Eiltempo die moosbewachsenen Steinstufen hinab, weg vom Schrein-Hügel und zurück in die sichere Menge des Matsuris.
Nami sah den beiden flüchtenden Gestalten noch einen Moment hinterher, während ihr helles, klangvolles Lachen leise in der klaren Aprilnacht verhallte. Selbst als die Schritte der beiden Mädchen endgültig im fernen Summen des Matsuris untergegangen waren, schüttelte sie schmunzelnd den Kopf. Sie drehte sich in Kais festem Griff um, legte die Hände flach auf seine dunkelgraue Brust und blickte mit einem unendlich amüsierten Funkeln in ihren ozeanblauen Augen zu ihm auf.
„Hast du ihre Gesichter gesehen?“, fragte sie mit sanfter, neckender Stimme und konnte ein erneutes Kichern nicht ganz unterdrücken.
„Sag mir, Kai, wieso denken eigentlich so viele Leute da draußen, dass du sofort handgreiflich wirst, sobald man dich nur schief ansieht?“
Kai rührte sich nicht, doch das mörderische Glimmen in seinen rubinroten Augen wich augenblicklich diesem unendlich arroganten, überlegenen Schmunzeln, das Nami so sehr an ihm liebte. Er strich mit einer großen Hand langsam über ihre Taille, während ein tiefes, unendlich trockenes Schnauben seiner Kehle entwich.
„Weil die meisten Menschen Idioten sind, Nami“, raunte seine tiefe Bassstimme unendlich rau. Er legte den Kopf leicht schräg, und ein gefährlich amüsiertes Blitzen trat in seinen Blick.
„Ich habe noch nie die Beherrschung wegen so etwas verloren. Ich bin kein Wüterich, der grundlos um sich schlägt. Ein einziger Blick reicht völlig aus, damit sie laufen.“
„Das stimmt wohl“, flüsterte Nami schmunzelnd, hob die Hand und strich ihm sachte über die markante Wange. „Du musst nicht einmal die Hände aus den weiten Ärmeln deines Kimonos nehmen, und die Leute flüchten, als ginge es um ihr Leben.
Aber andauernd muss ich mir anhören, wen du als Nächstes im Teich versenkst. Du hast einen furchtbaren Ruf, mein Raubtier.“
„Solange du keine Angst vor mir hast, ist mir mein Ruf absolut egal“, erwiderte er unendlich ruhig und kompromisslos.
Er beugte sich tief zu ihr hinab, um das Gespräch auf seine ganz eigene, besitzergreifende Art zu beenden, als ein leises, zweifaches Vibrationsgeräusch die idyllische Stille der Aussichtsplattform durchschnitt.
Nami löste eine Hand von seiner Brust und griff in die kleine, farblich passende Tasche, die sie bei ihrem Kimono trug. Sie zog ihr Smartphone heraus, entsperrte das Display und sah das grüne WhatsApp-Symbol.
„Eine Nachricht von Hilary“, stellte sie fest, während sie die Zeilen überflog. „Sie fragt, wo wir abgeblieben sind und ob wir nicht wieder nach unten kommen wollen, um uns den anderen anzuschließen. Tyson hat anscheinend gerade ein Auge auf den nächsten Dango-Stand geworfen und sie versuchen, ihn im Zaum zu halten. Max ist auch noch dazugestoßen.“
Kai stieß ein tiefes, unendlich raues Seufzen aus, und seine Augen verengten sich unwillkürlich ein Stück. Es war unübersehbar, dass er am liebsten jede weitere Sekunde dieser magischen Nacht in absoluter Zweisamkeit mit ihr hier oben verbracht hätte, weit weg von Tysons Fressorgien und den lauten Rufen der Menge.
Doch statt sie einfach wieder mit sich zu ziehen, hielten seine Hände an ihrer Taille inne. Seine rubinroten Augen fixierten sie mit einer unendlich reifen, aufmerksamen Ernsthaftigkeit.
„Wenn du zu den anderen zurückmöchtest, gehen wir runter.“, sagte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, vollkommen ehrlich und ohne jeden Funken von Ärger, auch wenn sein besitzergreifender Griff verriet, wie ungern er sie teilte.
„Es ist dein Abend. Ich richte mich ganz nach dir.“
Nami spürte, wie ihr bei diesen sanften, rücksichtsvollen Worten warm ums Herz wurde.
Sie sah zu ihm auf, sah die ehrliche Zuneigung in seinem Blick und wusste genau, was sie wollte. Sie schaltete das Display aus, steckte das Telefon zurück in die Tasche und schlang die Arme wieder eng um seinen Nacken, während der kühle Aprilwind ein paar rosa Kirschblütenblätter um sie herumwirbelte.
„Hilary und die anderen kommen auch einen Moment ohne uns klar“, flüsterte sie unendlich zärtlich, drängte sich noch enger an seine starke Brust und schenkte ihm ein absolut glückliches Lächeln.
„Lass uns noch ein wenig hier oben bleiben. Nur du und ich.“
Kais arrogantes Schmunzeln kehrte sofort und mit doppelter Intensität auf seine Lippen zurück. „Eine hervorragende Entscheidung.“, raunte er tief, ehe er sich endgültig zu ihr hinabbeugte und ihre Lippen in einem weiteren, unendlich intensiven Kuss einfing.
Nach einer guten halben Stunde intensiver, ungestörter Zweisamkeit unter dem silbernen Mondlicht machten sich Nami und Kai langsam wieder an den Abstieg. Der kühle Aprilwind wehte ihnen entgegen, während sie Hand in Hand die moosbewachsenen Steinstufen hinunterstiegen.
Namis ozeanfarbene Augen strahlten eine tiefe Zufriedenheit aus, und an Kais Lippen haftete immer noch dieses gefährlich leise, dominante Schmunzeln des Raubtiers, das seine Beute ganz für sich allein gehabt hatte.
Als sie sich dem hell erleuchteten Strom des Matsuris näherten, fiel ihnen sofort eine spürbare Unruhe am großen Dango-Stand auf. Tyson stand mit hochrotem Kopf da und hielt triumphierend seinen zehnten leeren Holzspieß in die Höhe, während Hilary mit theatralisch überkreuzten Armen lautstark mit ihm schimpfte.
Ray und Mariah amüsierten sich im Hintergrund, und Kenji hatte Momoko schmunzelnd an sich gezogen, um das Spektakel zu beobachten.
Doch es gab ein neues Gesicht in der Runde: Max Tate. Er trug einen fröhlichen, gelb-orange gemusterten Yukata, der perfekt zu seiner aufgeweckten Persönlichkeit passte, und hielt gerade einen Becher Limonade in der Hand, als sein Blick zur Weggabelung glitt.
In dem Moment, als Nami und Kai aus dem Schatten der Kirschblütenbäume traten und das warme, goldene Licht der Papierlaternen sie erfasste, fror Max mitten in der Bewegung ein. Sein Mund klappte ein kleines Stück auf, und er vergaß für einen Moment komplett zu atmen.
Nami sah im rosafarbenen Kimono, dessen türkise Blüten im Wind zu tanzen schienen, schlichtweg atemberaubend aus. Ihre silberweißen Wellen fingen das Licht der Laternen ein wie feiner Seidenglanz.
Max musste schwer schlucken. Die pure, elegante Schönheit, die Namis gesamte Ausstrahlung umgab, haute ihn schlichtweg um.
„Heilige…“, setzte Max mit ungläubiger, ehrfürchtiger Stimme an, hielt das „Scheiße“ jedoch im allerletzten Moment panisch zurück, als sein Blick zu dem Mann neben ihr wanderte.
Kai stand da, unendlich arrogant, die eine Hand lässig im weiten Ärmel seines dunkelgrauen Kimonos verborgen, während die andere Hand bombenfest und ohne jeden Kompromiss mit Namis Fingern verflochten war.
Seine rubinroten Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen, als er Max’ baffes Gesicht bemerkte. Eine kühle, besitzergreifende Aura schoss augenblicklich von Kai aus und markierte sein Revier deutlicher als jedes gesprochene Wort.
„Max! Schön, dass du es auch geschafft hast“, rief Nami mit ihrer hellen, klangvollen Stimme und löste die starre Atmosphäre mit einem unendlich herzlichen Lächeln.
„N-Nami! Kai! Hey!“, stammelte Max, kratzte sich verlegen am Hinterkopf und trat einen Schritt vor, während er peinlich genau darauf achtete, Nami nicht zu lange anzustarren... man wusste ja nie, ob Kai den Schrein-Teich nicht doch in Erwägung ziehen würde.
„Mann, Nami, du siehst… ich meine, wow. Der Kimono ist der Wahnsinn. Absolute Spitzenklasse!“
„Vielen Dank, Max“, erwiderte Nami charmant und drückte Kais Hand unauffällig, um das Raubtier zu beruhigen, das Max immer noch mit einem unendlich trockenen, eiskalten Blick fixierte.
Kenji, der die Szene natürlich sofort mitbekommen hatte, stieß ein amüsiertes Schnauben aus. Er schlenderte mit Momoko an der Hand herüber, warf Kai einen provokanten Blick zu und raunte Nami augenzwinkernd zu:
„Na, Schwesterherz? Zurück aus den Bergen? Ich sehe, die Stalker im Gebüsch haben überlebt. Oder musste Kai doch jemanden unschädlich machen?“
Nami hielt mitten in der Bewegung inne. Ihre ozeanfarbenen Augen verengten sich überrascht, während ein ungläubiges, amüsiertes Lächeln auf ihre Lippen trat. Sie sah ihren Bruder mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Kenji?“, fragte sie verblüfft und spürte, wie auch Kais Griff um ihre Taille kurz strammer wurde, als seine rubinroten Augen sich messerscharf auf seinen Schwager in spe richteten.
„Woher in aller Welt weißt du denn von der Sache mit den beiden Mädchen?“
Kenji stieß ein herrlich lautes, unendlich amüsiertes Lachen aus und legte den Kopf grinsend in den Nacken. Momoko neben ihm kicherte ebenfalls leise hinter vorgehaltener Hand.
„Bitte, Nami“, spottete Kenji gut gelaunt, während er lässig die Arme vor der Brust verschränkte. „Die zwei sind euch hinterhergedackelt wie zwei extrem auffällige, hyperventilierende Detektive aus einem schlechten Film. Sie haben versucht, sich ‚auffällig unauffällig‘ zu verhalten, aber als ihr die Schrein-Stufen hochgegangen seid, sind sie euch im Entengang hinterhergeschlichen. Ich habe Momoko gerade noch davon abgehalten, Popcorn zu holen. Man hat kilometerweit gesehen, dass die beiden eine Mission hatten.“
Kai stieß ein tiefes, unendlich trockenes Schnauben aus. Das mörderische Glimmen in seinen Augen wich sofort wieder diesem überlegenen, unnahbaren Schmunzeln, das so typisch für ihn war.
Während die Gruppe sich wieder zusammenschloss und Tyson lautstark versuchte, Hilary in seinen nächsten Essens-Wettbewerb hineinzuziehen, hielt sich Max immer wieder ein wenig im Hintergrund.
Seine Augen wanderten unentwegt zu dem Paar. Er beobachtete die beiden mit einer Mischung aus purer Ehrfurcht und ungläubiger Faszination.
Max hatte in den letzten Jahren viel mit Kai erlebt. Er hatte ihn als unnahbaren Einzelgänger kennengelernt, als eiskalten Champion, als jemanden, der Mauern um sich herum baute, die niemand durchbrechen konnte.
Und jetzt?
Jetzt stand dieser absolute Ausnahmekämpfer in einem traditionellen Gewand mitten auf einem Frühlingsfest und ließ Namis Hand nicht eine einzige Sekunde los. Mehr noch: Jedes Mal, wenn der Aprilwind etwas frischer blies, veränderte sich Kais gesamte Haltung. Seine starke Schulter schob sich schützend vor Nami, und sein Blick glitt mit einer so tiefen, unerschütterlichen Zärtlichkeit zu ihr hinab, dass Max eine wohlige Gänsehaut bekam.
~ Ich fass es immer noch nicht...Er hat tatsächlich eine richtige Freundin…~
dachte Max völlig baff bei sich und nahm einen schnellen Schluck von seiner Limonade, um den Kloß im Hals hinunterzuspülen.
~ Und er hält ihre Hand, als wäre sie das Wertvollste auf der ganzen Welt. Heilige… das ist echt der absolute Hammer ~
Nami bemerkte Max’ ehrfürchtige Blicke und schenkte ihm über die Schulter hinweg ein unendlich warmes, wissendes Lächeln, während sie sich noch ein Stück enger an die dunkelgraue Seide von Kais Kimono schmiegte.
Das Raubtier hatte seine Königin fest im Griff, und für Max gab es keinen Zweifel mehr: Kai Hiwatari hatte sein perfektes Gegenstück gefunden.