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Revanche

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Revanche

Ein paar Tage später...

Die Mittagssonne brannte unbarmherzig auf die gigantische Glas- und Betonfassade des BBA-Hauptquartiers in Tokio. Doch im Inneren des administrativen Sektors, weit abseits der geschäftigen Büros und der lauten Hallen, in denen die regulären Teams trainierten, herrschte eine fast schon ehrfürchtige Stille.

Es war die Stunde der Mittagspause.

Die Flure waren wie leergefegt, die meisten Mitarbeiter und Funktionäre hatten sich in die Mensa oder in die schattigen Außenbereiche zurückgezogen.

Für Kai und Nami war es die perfekte, mühsam abgepasste Gelegenheit, um absolut ungestört zu sein.

Sie gingen nebeneinander durch den sterilen, schallbehafteten Korridor, der tief in den privaten Trakt der Trainingshallen führte. Ihre Schritte hallten im perfekten Gleichklang auf dem hochglanzpolierten Boden wider. Kai ging wie gewohnt mit raumgreifenden, stolzen Schritten, den Blick starr nach vorne gerichtet. Seine dunkelblaue Kleidung und die markante, dominante Gestalt strahlten die pure, unnahbare Aura des Champions aus.

Direkt an seiner Seite schritt Nami. Ihr silbrig-weißes Haar war heute offen und floss wie flüssiges Mondlicht bei jeder Bewegung über ihre Schultern, bis es knapp über ihrem Gesäß zur Ruhe kam. Ihr hell karamellener Hautton hob sich faszinierend von dem hellen Stoff ihrer Kleidung ab. Obwohl sie schwieg, lag eine spürbare, fast elektrische Ladung in ihrer Gegenwart.

Als sie die schwere, matte Metalltür der Trainingshalle 4 erreichten... exakt der Ort, an dem sie vor sechs Monaten gestanden hatten... , hielt Nami inne. Sie drehte sich leicht zur Seite, legte den Kopf schief und fixierte Kais markantes Profil aus ihren ozeanfarbenen Augen. Ein feines, zutiefst kampflustiges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Erinnerst du dich?“, brach sie das Schweigen mit ihrer melodischen Stimme, die in dem leeren Flur eine ungeahnte Tiefe besaß.

„Als wir vor den Junioren gekämpft haben?“

Kai verlangsamte seine Schritte und drehte den Kopf zu ihr. Seine rubinroten Augen verengten sich minimal, als das Bild in seinem Kopf augenblicklich wieder lebendig wurde. Er sah noch das ungläubige Staunen der Kinder vor sich, den dichten Funkenregen und das unbefriedigende Ende, als Pegasus und Dranzer gleichzeitig aus dem Ring geflogen waren. Er erinnerte sich auch an Mr. Dickensons plötzliches Auftauchen... und an jene unbeschwerten, aber schmerzhaften Worte über die „nächste Generation der Hiwataris“, die damals wie eine eisige Decke über Nami gelegen hatte.

„Ich habe es nicht vergessen“, erwiderte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme, die wie ein dunkles Grollen die Stille durchschnitt. Seine Kiefermuskulatur zuckte für den Bruchteil einer Sekunde.

„Gut“, konterte Nami, und ihr Lächeln wurde eine Nuance intensiver, fast schon herausfordernd. Sie trat einen Schritt näher an ihn heran, bis sie die Hitze spüren konnte, die sein Körper wie ein schlafender Vulkan ausstrahlte.

„Denn wir beide haben hier drinnen noch eine ganz offizielle Rechnung offen. Eine Revanche, Kai. Und dieses Mal wird uns kein BBA-Präsident und kein vorzeitiger Abbruch dazwischenfunken. Wir nutzen diese Stunde, in der das Hauptquartier in der Mensa isst, um das hier zu Ende zu bringen.“

Ein seltenes, absolut brennendes Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen. Das Raubtier in ihm, das ungezähmte Blader-Herz, das ihn an die absolute Weltspitze gebracht hatte, erwachte im selben Moment. Er genoss diese unerschrockene, stolze Seite an ihr... die Tatsache, dass sie seine kühle Maske nicht nur durchbrach, sondern ihn mit derselben kompromisslosen Leidenschaft herausforderte, die er selbst im Blut hatte.

„Eine Revanche“, raunte er leise, und seine Augen blitzten gefährlich auf. Er löste die Arme hinter dem Rücken, ging an ihr vorbei und legte die Hand auf das elektronische Schloss der Tür. „Ich habe ohnehin lang genug gewartet.“

Mit einem leisen, satten Zischen glitt die schwere, schallisolierte Tür zur Trainingshalle 4 auf. Ihnen schlug die vertraute, kühle und dezent nach geöltem Metall und Ozon riechende Luft des Raumes entgegen.

In der Mitte der gigantischen, abgedunkelten Halle thronte auf einer erhöhten Plattform das moderne Magnet-Beystadium. Es wirkte im fahlen Licht der Deckenstrahler wie ein schlafendes Monument, das nur darauf wartete, von der Urgewalt ihrer beiden Bit-Beasts zum Leben erweckt zu werden.

Sie traten ein, und die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem dumpfen, endgültigen Zischen. Sie waren vollkommen isoliert von der Außenwelt. Es gab keine Zeugen. Keine Ablenkung. Nur sie beide, die Arena und das ungezähmte Feuer, das kurz vor der Explosion stand.

Kai schritt geradewegs auf die Plattform zu, seine Schritte klangen hart und entschlossen auf dem Spezialboden. Er griff an seine Gürteltasche, holte Dranzer hervor und ließ das schwere, dunkelrote Gehäuse mit einem harten, metallischen Klicken in seinen Launcher einrasten.

Er drehte sich um und fixierte Nami unbarmherzig von der gegenüberliegenden Seite des Stadions.

„Gib alles was du hast, Nami“, forderte er sie mit seiner rauen, dominanten Stimme heraus. „Denn ich werde dich nicht schonen.“

Kai verschränkte die Arme noch einmal fest vor der Brust, während Dranzer bereits fest im Launcher saß.

„Eine Frage noch. Warum ausgerechnet jetzt, Nami?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, in der ein gefährlich analytischer Unterton mitschwang. „Warum bist du gerade heute so verdammt scharf auf diese Revanche?“

Nami hielt in ihrer Bewegung inne. Ihre Finger, die gerade nach der Reißleine ihres Launchers greifen wollten, verharrten in der Luft. Sie spürte, wie ihr Herz einen schweren Schlag tat. Sie kannte diesen Tonfall nur zu gut. Er las sie wieder einmal wie ein offenes Buch, durchdrang ihre Schutzmauern, noch bevor sie sie überhaupt richtig hochziehen konnte.

Gegen Kais psychologisches Gespür gab es kein Entkommen; er brauchte keine Worte, um zu wissen, wenn sie etwas beschäftigte.

Sie zwang sich, die Schultern zu straffen, und sah ihn direkt an, während sie versuchte, ihrer Stimme einen betont lockeren Klang zu verleihen.

„Ich habe... einfach die letzten Monate immer mal wieder darüber nachgedacht, Kai.“

„So?“, fragte er bloß. Das Wort war kurz, trocken und schnitt wie eine Rasierklinge durch die sterile Hallenluft. Er bewegte sich keinen Millimeter, forderte sie allein mit diesem einen, bohrenden Wort auf, die Karten auf den Tisch zu legen.

Nami atmete leise durch die Nase aus.

„Na ja, ich bin jetzt schließlich fast jeden Tag mit dir hier in der BBA. Es hat sich zeittechnisch in den letzten Monaten auch durch meine Prüfungen einfach nie richtig ergeben, aber jetzt, wo wir sowieso hier sind, lohnt es sich doch viel besser, das endlich durchzuziehen. Findest du nicht?“

Kai sah sie einen unendlich langen Moment schweigend an. Das Summen der Lüftung über ihnen schien lauter zu werden. Dann hob er leicht das Kinn.

„Liegt es an dem Anruf von heute Morgen?“

Ein winziger Ruck ging durch Namis Gestalt. Sie wandte den Blick ab, griff betont konzentriert nach ihrem treuen Pegasus und ließ das weiße Gehäuse mit einem lauten, scharfen Klack in ihren Launcher einrasten. Das metallische Geräusch hallte fast schon schmerzhaft von den Betonwänden wider.

„Welches Telefonat meinst du?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen, während sie die Reißleine millimetergenau justierte.

Kais Miene blieb wie aus Stein gemeißelt. „Das, von dem du mir selbst erzählt hast, Nami“, sagte er trocken, und seine Stimme drang tief in ihre Verteidigung ein. „Das mit deiner Schwester Hana.“

Er machte eine kurze Pause, doch sein Blick wich nicht eine Sekunde von ihrem Gesicht.

„Du hast in den letzten Wochen kein einziges Mal über Hana gesprochen. Nicht ein Wort. Und das, obwohl ihre Tochter... deine Nichte jetzt bereits seit fast zwei Monaten auf der Welt ist.“

Die Worte hingen wie eine greifbare Last in der kühlen Luft der Trainingshalle. Natürlich wusste Kai ganz genau, was hier vor sich ging. Er verstand sie besser, als es ihr manchmal lieb war.

Es war eine klassische Vermeidungstaktik.

Nami versuchte seit Wochen krampfhaft, das Thema Babys, Schwangerschaft und niedliche Babyfotos komplett zu umgehen, nicht darüber zu sprechen und sich stattdessen in die Arbeit und das Training zu stürzen.

Weil sie genau wusste, dass dieses Thema sie innerlich zutiefst stresste und aufwühlte...

Kai trat einen halben Schritt näher an die Kante der Plattform, ohne den bohrenden Blick seiner rubinroten Augen von ihr abzuwenden. Die Kühle, die er sonst wie einen Schutzwall vor sich herfeuerte, war einer tiefen, fast schon beunruhigenden Aufmerksamkeit gewichen.

„Willst du dich mit dieser Revanche etwa ablenken, Nami?“, fragte er, und seine tiefe, raue Stimme senkte sich um eine Nuance, sodass sie in der weiten Halle fast wie ein vertrauliches Raunen wirkte.

„Weil wir am kommenden Wochenende nach Osaka eingeladen sind? Damit die Familie endlich das Baby kennenlernt?“

Nami hielt in ihrer Bewegung inne, die Finger krampfhaft um den Griff ihres Launchers geschlossen. Sie sah ihn nicht an, doch das feine Zittern ihrer Schultern verriet sie.

„Du versuchst seit Wochen, im Kopf davor wegzulaufen.“ fuhr Kai fort.

Nami atmete scharf durch die Nase ein. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Sie hob den Kopf, und ihre ozeanfarbenen Augen funkelten ihn fast schon vorwurfsvoll an.

„Es ist verdammt unfair von dir, mich jedes Mal so eiskalt zu durchschauen, Kai“, sagte sie leise, und in ihrer melodischen Stimme schwang eine verletzliche Frustration mit. Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, ehe sie den Blick wieder knapp an ihm vorbeilenkte.

„Wieso konntest du es dieses eine Mal nicht einfach für dich behalten? Wieso musstest du es ansprechen?“

Kai rührte sich nicht. Seine Züge blieben so markant und fest wie eh und je, doch der Ausdruck in seinen Augen wurde weicher.

„Weil deine Gefühle mir wichtig sind, Nami“, erwiederte er mit einer so ehrlichen, ungeschönten Ernsthaftigkeit, dass es sie im Innersten berührte.

„Und weil ich es wichtig finde, dass wir darüber reden. Erst recht, wenn ich genau sehe, wie sehr dich die Situation stresst.“

Er wusste genau, was für ein Minenfeld dieses Thema für sie war. Seine endgültige Entscheidung gegen Kinder stand wie ein Fels zwischen ihrer Liebe und ihren tiefen, mütterlichen Instinkten. Dass er ihren Schmerz nicht ignorierte, sondern ihn so direkt ansprach, war seine eigene, raue Art, ihr zu zeigen, dass sie in diesem Konflikt nicht allein war.

Für einen Moment herrschte vollkommene Stille in der Halle. Das dumpfe, monotone Summen der Belüftung schien die Luft zu beschweren, während Nami die Worte sacken ließ. Die Schwere, die sich in den letzten Wochen in ihrer Brust angestaut hatte, schien durch seine Direktheit paradoxerweise ein wenig an Druck zu verlieren.

Mit einem tiefen, hörbaren Atemzug straffte sie schließlich ihre Gestalt. Das matte, nachdenkliche Funkeln in ihren Augen wich im Bruchteil einer Sekunde einer neuen, brennenden Entschlossenheit. Sie richtete sich vollkommen auf, hob das Kinn und trat mit festen, stolzen Schritten direkt an ihre Abschussposition an der Arena.

„Du hast recht“, sagte sie, und ihre Stimme hatte wieder diesen klaren, kraftvollen Klang, den er so an ihr schätzte. Sie sah ihn nun wieder direkt an, und ein wunderschönes, stolzes Lächeln legte sich auf ihre Züge.

„Du hast mit absolut allem recht, was du gerade gesagt hast, Kai.“

Sie hob den Launcher auf Augenhöhe, brachte Pegasus in die perfekte Neigung und fixierte ihn durch ihre Wimpern hindurch.

„Aber genau das ist der Grund, warum der heutige Tag perfekt für diese Revanche ist“, fuhr sie fort, und ihr Tonfall wandelte sich von der anfänglichen Bedrücktheit in eine absolut heiße, provokante Herausforderung.

Sie schien die angestaute Energie regelrecht in Kampfgeist umzumünzen. „Ich kann mich hier und jetzt komplett an dir abreagieren. Und glaub mir, Champion... nach dieser Standpauke werde ich dir jetzt erst recht die Hölle heiß machen!“

Kais Mundwinkel zuckte unwillkürlich nach oben, und ein dunkles, tief zufriedenes Glühen entflammte in seinen Augen. Das war seine Nami. Sie duckte sich nicht weg; sie nahm den Ball auf und warf ihn ihm mit doppelter Wucht zurück.

„Ich erwarte nichts Geringeres“, raunte er, während er Dranzer in Position brachte und die Reißleine straff zog.

Die Stille, die den Sekundenbruchteil vor dem Abschuss einlähmte, war so dicht, dass man das ferne, dumpfe Summen der Transformatoren unter der Plattform physisch in den Fußsohlen spüren konnte.

Kai stand unbeweglich wie eine Statue aus dunklem Obsidian. Seine Muskeln in den Unterarmen waren bis zum Zerreißen gespannt, die Finger lagen wie eiserne Klammern um die Reißleine von Dranzer. Gegenüber stand Nami... und die Luft um sie herum schien förmlich zu flimmern.

Das leise, fast unmerkliche Zittern, das eben noch in ihrer Stimme gelegen hatte, war vollständig in eine eiskalte, raubtierhafte Konzentration übergegangen.

„Drei... zwei... eins...“

„Let it rip!“, erscholl es im perfekten, synchronen Duett.

Das Geräusch, das folgte, hatte nichts mehr mit dem gewöhnlichen, metallischen Surren eines normalen Beyblade-Abschusses zu tun. Es war ein markerschütternder Knall.

Pegasus und Dranzer verließen die Launcher mit einer solchen Kinetik, dass die Luftverdrängung wie ein spürbarer Windstoß über die Plattform fegte.

Kai hatte erwartet, dass Nami wie gewohnt die Außenbahnen ansteuern würde, um die Polarität der Magnetplatten zu nutzen und sich strategisch aufzubauen. Doch er hatte die unbändige, rohe Kraft ihrer angestauten Emotionen unterschätzt.

Pegasus schlug nicht ein... er explodierte regelrecht in der Arena. Das weiße Blade zog eine leuchtende, fast blendende Lichtspur hinter sich her und schoss im Bruchteil einer Millisekunde auf einer schnurgeraden, kompromisslosen Linie direkt in das Zentrum des Stadions. Exakt dorthin, wo Dranzer gerade seine Achse stabilisieren wollte.

Der erste Aufprall war monumental. Ein ohrenbetäubender Peitschenknall gellte durch die schallisolierte Halle. Funken in gleißendem Weiß und tiefem Violett sprühten in einem dichten, meterhohen Hagel über den Rand des Stadions hinaus und erhellten die Gesichter der beiden Blader für einen intensiven Herzschlag.

Kai spürte den Schlag bis in die Knochen. Ein dumpfer Ruck ging durch seine Arme, und seine rubinroten Augen verengten sich schlagartig. Dranzer wurde durch die schiere, unbarmherzige Wucht des frontalen Angriffs um fast zehn Zentimeter zurückgeworfen.

Das dunkelblaue Blade geriet für den Bruchteil einer Sekunde ins Trudeln, die Rotationsachse vibrierte gefährlich unter der kinetischen Überlastung.

„Was zum...“, presste Kai durch die geschlossenen Zähne hervor. Sein Kiefer mahlte heftig. Er musste augenblicklich das linke Bein nach hinten versetzen und seinen Schwerpunkt verlagern, um die brutale Rückkopplung des Matches abzufangen.

Nami gab ihm nicht den Hauch einer Atempause. Ihre ozeanfarbenen Augen leuchteten in einem fast schon unheimlichen, wilden Glanz. Sie hatte jegliche Zurückhaltung abgelegt. Das hier war kein freundschaftliches Sparring mehr... es war der pure, ungefilterte Befreiungsschlag einer jungen Frau, die Wochen des inneren Stresses in die Angriffsringe ihres Kreisels hämmerte.

Jedes unterdrückte Gefühl, jede schmerzhafte Erinnerung an Hana, das Baby und das bevorstehende Wochenende in Osaka wurde zu reiner, zerstörerischer Energie.

„Habe ich zu viel versprochen, Champion?!“, rief sie ihm entgegen, und ihre melodische Stimme war von einer atemberaubenden, stolzen Wildheit erfüllt.

Ihr silbriges Haar flog ihr in wilden Strähnen ins Gesicht, während sie den Launcher fest in der Hand hielt.

„Ich habe dir gesagt, ich mache dir die Hölle heiß!“

Pegasus setzte sofort nach. Mit einer Geschwindigkeit, die die physikalischen Grenzen des Magnet-Stadions sprengte, hämmerte das weiße Blade in einer unbarmherzigen, im Sekundentakt feuernden Kaskade von Sturmangriffen gegen Dranzer. Jeder einzelne Treffer war ein seismischer Schock.

Die Reibung war so extrem, dass der Geruch von verbranntem Ozon und heißem Metall augenblicklich die kühle Hallenluft schwängerte. Dranzer war komplett in die Defensive gedrängt. Das schwere, dunkelblaue Blade eierte unter den permanenten Einschlägen, schaffte es kaum, seine gewohnte, stoische Ausdauer aufzubauen. Kai war tatsächlich gezwungen, mit absolut allem, was er hatte, dagegenzuhalten.

Seine gesamte Oberkörpermuskulatur trat unter dem dunklen Stoff seiner Kleidung deutlich hervor; Schweißperlen bildeten sich an seinen Schläfen.

Er merkte es in jeder Faser seines Körpers: Durch ihre Emotionen, durch diese pure, ehrliche Verzweiflung und den Kampfgeist, den sie daraus zog, war sie unendlich viel stärker als sonst.

Sie trieb den unnahbaren Champion der BBA in die Enge... rein durch die Urgewalt ihres Willens.

Kai fixierte das rasende Zentrum der Arena, während die brutalen Einschläge von Pegasus Dranzer Millimeter für Millimeter nach außen drängten. Seine rubinroten Augen spiegelten das gleißende Licht der Funken wider. Er merkte, dass er diese Belastung nicht mehr lange rein über die physische Abwehr des Blades kompensieren konnte.

Wenn er jetzt nicht die Initiative ergriff, würde Pegasus ihn schlicht aus der Arena hämmern.

„Genug eingesteckt!“, grollte Kai, und seine tiefe, raue Stimme schnitt mit absoluter Dominanz durch das ohrenbetäubende metallische Kreischen.

Er riss den rechten Arm nach vorne und ballte die Hand zur Faust. In seiner Brust explodierte das vertraute, brennende Gefühl, das er so lange vermisst hatte. Er rief die rohe, ungezähmte Kraft ab, die tief in Dranzers Kern schlummerte.

„Dranzer! Blazing Gig!“, befahl er mit einer Schärfe, die die gesamte, schallisolierte Halle erzittern ließ.

Sofort reagierte das dunkelblaue Blade. Die flirrende, rötliche Aura, die bisher nur schwach über dem Boden geschwebt hatte, verdichtete sich im Bruchteil einer Millisekunde zu einer massiven, rot-goldenen Feuersäule.

Eine Hitzewelle explodierte regelrecht aus dem Zentrum des Stadions, die den beiden Bladern den Atem raubte und Namis silbriges Haar wild nach hinten wehen ließ.

Der Blazing Gig war Kais berüchtigter, explosiver Konter... eine kreisförmige Flammenwand, die jeden Angreifer im Radius erfassen, seine Rotation brechen und ihn unbarmherzig in hohem Bogen aus der Arena schleudern sollte.

Kai spannte die Muskeln an, bereit, Pegasus fliegen zu sehen. Doch das passierte nicht.

In genau der Sekunde, in der die Flammenwand ausbrach, reagierte Nami mit einer fast schon unheimlichen, instinktiven Reaktionsgeschwindigkeit. Ihre ozeanfarbenen Augen weiteten sich nicht vor Schreck, sondern funkelten in absoluter Klarheit.

„Jetzt, Pegasus! In den Himmel!“, rief sie mit ihrer melodischen, kraftvollen Stimme.

Pegasus nutzte die freigesetzte thermische Energie und den enormen Aufwind der Flammenwand perfekt aus. Anstatt von der Druckwelle erfasst zu werden, schlug das weiße Blade in einem physikalisch unmöglich erscheinenden Winkel Haken.

Es tippte die schräge Innenwand des Magnet-Stadions an, nutzte die plötzliche Polaritätsumkehr der Platten wie ein Trampolin und katapultierte sich mit einem peitschenden Summen senkrecht nach oben... hoch über die lodernde Feuerwand des Blazing Gig hinweg.

Pegasus entkam dem verheerenden Angriff komplett unbeschadet und zog in der Luft einen strahlend weißen Lichtkranz.

Kais Atem stockte für einen winzigen Moment. Seine rubinroten Augen weiteten sich, und er schluckte unwillkürlich den bitteren Geschmack von trockenem Ozon hinunter. Seine kühle, unnahbare Maske bekam sichtbar einen tiefen Riss.

Er war total überrascht. Er hatte viele Blader gegen seinen Blazing Gig kämpfen sehen, doch dass jemand dem Radius mit einer solchen Eleganz, Leichtigkeit und taktischen Brillanz einfach nach oben hin auswich, war ihm noch nie untergekommen.

Sein Herz hämmerte in einem wilden, rasenden Rhythmus gegen seine Rippen. Ein tiefes, fast schon berauschendes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.

~Endlich~

Ein unbändiger, heißer Stolz flutete seine Adern. Endlich erlebte er sie in einem richtigen Match gegen sich. Kein Training, kein Analysieren von Prototypen an einem sterilen Tablet, kein Rücksichtnehmen. Sie forderte ihn mit allem, was sie hatte, und sie zwang ihn dazu, an seine absoluten Grenzen zu gehen.

Sie war kein schutzbedürftiges Mädchen; sie war eine Naturgewalt, die seinem Phönix ebenbürtig war.

Kai fing den Blick ihrer ozeanfarbenen Augen wieder ein, und das dunkle, gefährliche Schmunzeln kehrte auf seine Lippen zurück.

„Nicht schlecht, Nami“, raunte er leise, während Dranzer im Zentrum des Stadions die Flammen wieder einsaugte und sich neu stabilisierte.

„Wirklich nicht schlecht.“

Oben am Scheitelpunkt des Sprungs begann Pegasus bereits zu kippen. Umhüllt von einer scharfen Vakuumklinge suchte das weiße Blade sein nächstes Ziel.

Nami riss den rechten Arm hoch, als würde sie die kinetische Energie des Sturzes in ihrer eigenen Handfläche sammeln. Ihr silbrig-weißes Haar tanzte wild im künstlichen Wind der Arena. In ihren ozeanfarbenen Augen spiegelte sich kein Funken Zweifel mehr... nur noch die absolut reine, ungetrübte Klarheit einer Jägerin.

„Pegasus!“, rief sie, und ihre Stimme hallte wie eine kristallklare Glocke über das tiefe Grollen des Stadions.

„Crystal Storm Attack!“

Ein ohrenbetäubendes, kreischendes Fauchen zerschnitt die Luft. Aus dem Zentrum des rasenden weißen Kreisels brach eine gewaltige, eisige Windböe hervor, die sich sofort zu einem Miniatur-Tornado verdichtete. Das weiße Licht, das Pegasus umgab, brach sich in der wirbelnden Luft wie tausende winzige Eisprismen. Mit der schieren, unerbittlichen Wucht eines Orkantiefs schoss das Blade senkrecht nach unten... genau auf das Zentrum zu, wo Dranzer lodernd darauf wartete, seinen Platz zu verteidigen.

Kai riss die Augen auf. Er musste die Beine noch weiter spreizen, den Körper tief absenken, um dem physischen Druck dieses massiven Angriffs standzuhalten.

„Dranzer! Halt dagegen!“, brüllte er gegen den tosenden Sturm an.

Während sich in der Mitte des Magnet-Stadions das epische Inferno aus Feuer und eiskaltem Sturm entlud und die Halle unter den gewaltigen Erschütterungen erzitterte, bemerkten Nami und Kai in ihrer tunnelartigen Fokussierung nicht, was sich im Schatten der Eingangstür abspielte.

Die seismischen Schläge der Crystal Storm Attack und die enorme Hitzefreisetzung des vorangegangenen Blazing Gig waren nicht unbemerkt geblieben. Die massiven, schallisolierten Türen zur Halle 4 hatten den Lärm nicht vollständig abdämpfen können. Das dumpfe Beben hatte sich über die Gänge bis in die oberen Stockwerke der BBA ausgebreitet.

Die Flügeltür am Ende der Halle hatte sich leise, aber stetig einen Spaltbreit geöffnet. Dahinter tauchten Schatten auf.

Ray stand im Halbdunkel, die Augen weit aufgerissen, die Lippen leicht geöffnet, während er das Spektakel fassungslos beobachtete. Neben ihm drückte sich Max, völlig aus dem Häuschen, die Nase fast an der Türrahmung platt. Selbst Mr. Dickenson, der sich im Flur eigentlich auf dem Weg zu einem Meeting befunden hatte, hatte seine dicken Augenbrauen hochgezogen und starrte gebannt auf die tobenden Naturgewalten im Stadion.

Es dauerte nicht lange, bis sich eine kleine Traube gebildet hatte. Ein paar Junioren, die eigentlich Pause hatten, sowie einige andere reguläre Blader, hatten sich lautlos hinzugesellt. Sie alle standen wie gebannt an der Schwelle, unfähig, den Blick von dem unfassbaren Schlagabtausch in der Mitte des Stadions abzuwenden. Die bloße Präsenz der Energien, die Kai und Nami dort entfesselten, ließ die Luft so elektrisch knistern, dass es beinahe schmerzte.

Die Zuschauer hielten kollektiv den Atem an, doch die beiden Kämpfer auf der Plattform blieben in ihrer eigenen, absolut isolierten Welt gefangen.

Der Aufprall von Pegasus' Crystal Storm Attack auf Dranzers rot-goldenes Feuerschild war monumental. Ein gewaltiger, bläulicher Lichtblitz erhellte die gesamte Halle, gefolgt von einer Schockwelle, die den Staub in den Ecken aufwirbelte und die Klamotten der Zuschauer an der Tür flattern ließ.

Kai presste die Lippen aufeinander, seine Kiefermuskeln traten hart hervor. Dranzer hielt stand, doch die Reibung trieb den roten Kreisel gefährlich nah an die Stabilitätsgrenze.

„Du bist stur, Nami!“, rief Kai, ein wildes, fasziniertes Schmunzeln auf den Lippen, während er den enormen Druck von Pegasus in seinen eigenen Armen spürte.

„Und du bist langsam, Champion!“, gab sie herausfordernd zurück, und lenkte Pegasus, der sich aus dem Aufprall gelöst hatte, sofort in eine neue, noch aggressivere Umlaufbahn.

An der Schwelle zur Halle 4 herrschte unter den Zuschauern ein fassungsloses Schweigen. Während Max mit offenem Mund das funkensprühende Inferno im Magnet-Stadium beobachtete und Mr. Dickenson fasziniert seine Brille zurechtrückte, stand Ray vollkommen unbeweglich da.

Seine goldenen Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen zu schmalen Schlitzen verengt.

Durch seine jahrelange, harte Ausbildung in den abgelegenen Bergen Chinas und seine tiefe spirituelle Verbindung zu Driger war Ray in der Lage, weit über das offensichtliche, physische Geschehen hinauszusehen. Er sah nicht nur zwei hochmoderne Beyblades, die mit brutaler Kinetik aufeinander einschlugen. Er sah das, was dahinter lag.

Kai hatte ihm vor nicht allzu langer Zeit in einem seltenen Moment der Offenheit anvertraut, was es mit ihren beiden Bit-Beasts wirklich auf sich hatte. Sie waren keine gewöhnlichen Geister, die man in einen Bit-Protektor sperren konnte. Dranzer war mit Kais Seele verschmolzen, und Pegasus bildete den absoluten, lebendigen Kern von Namis Seele.

Sie waren eins mit ihren Biestern.

Und genau das wurde jetzt für Ray auf eine fast schon beängstigende Weise sichtbar.

In Rays Augen begann die Realität um die Plattform herum zu verschwimmen. Er sah, wie Kais kühle Aura nicht mehr nur stabil stand, sondern zu einer wilden, peitschenden Flammensäule emporloderte.

Doch sie brannte nicht zerstörerisch. Direkt gegenüber pulsierte Namis Aura... ein strahlendes, gleißend weißes und eisblaues Licht, das im Takt ihres hämmernden Herzschlags heftig nach außen stieß.

Die beiden Auren stießen nicht einfach nur aufeinander ab. Sie griffen regelrecht ineinander. Wie zwei uralte Naturgewalten, die sich im wilden Tanz bekämpften und gleichzeitig mit einer unheimlichen Intensität anzogen. Das lodernde Feuer des Phönix und der peitschende Sturm des geflügelten Pferdes verschmolzen im Zentrum der Arena zu einem einzigen, wild pulsierenden Energiewirbel.

Jedes Mal, wenn Pegasus Dranzer attackierte, zuckten die energetischen Fäden ihrer Seelen wie Blitze durch die gesamte Halle. Ray spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Das war kein normales Match mehr. Das war ein stummer, absolut roher Dialog zweier stolzer Seelen, die sich im Kampf alles abverlangten.

„Das ist... unvorstellbar“, flüsterte Ray heiser, unfähig, auch nur blinzeln zu können. Seine Hände ballten sich in den Taschen seiner Kleidung zu Fäusten, während er sah, wie die beiden Auren sich bis an die absolute Belastungsgrenze spannten.

Im Stadium erreichte das Duell seinen ultimativen, alles entscheidenden Scheitelpunkt. Pegasus schoss in einer engen, rasanten Helix nach unten, die Klinge exakt auf Dranzers verbliebene Schwachstelle ausgerichtet.

Kai sah den Angriff kommen. Seine rubinroten Augen brannten vor Ehrgeiz und der puren Notwendigkeit, sich zu verteidigen.

„Dranzer!!!“, brüllte Kai mit einer rauen, heiseren Stimme, die Mark und Bein durchfuhr.

In genau der Millisekunde, in der Pegasus zum finalen, vernichtenden Schlag einschlug, passierte das Unfassbare. Namis Blade wich der direkten Kollision im letzten Wimpernschlag mit einer minimalen, seitlichen Finte aus. Die beiden Angriffsringe schrammten aneinander vorbei... Metall auf Metall, ein markerschütterndes, kreischendes Geräusch, das die Magnetfelder des Stadions komplett kollabieren ließ.

Durch die unvollständige Energieübertragung und die schiere, unkontrollierte Kinetik gab es einen heftigen, explosionsartigen Schlag. Die Druckwelle entlud sich in einer gewaltigen Detonation.

WUMM!

Ein massiver Schwall aus grauem Staub, verbranntem Ozon und Funken wirbelte meterhoch auf und hüllte die gesamte Plattform in eine undurchdringliche Wand. Die Zuschauer an der Tür mussten sich die Hände vor die Gesichter halten, als der Windstoß durch die Halle fegte.

Max hustete leise, während Ray versuchte, durch den sich langsam legenden Qualm zu blicken.

Als sich der graue Schleier schließlich lichtete, herrschte eine beklemmende, absolut bleierne Stille in der riesigen Halle.

Ein leises, hohles Klong war zu hören.

Nami rührte sich nicht. Ihre ozeanfarbenen Augen waren weit aufgerissen. Nur wenige Meter hinter ihrem Kopf, tief vergraben im massiven Betonmauerwerk der Hallenwand, steckte Pegasus.

Das weiße Gehäuse rauchte leicht, die Reibung hatte tiefe Spuren im Metall hinterlassen. Es war durch die Wucht des Ausweichmanövers und den unkontrollierten Rückprall mit einer solchen Gewalt aus der Arena geschleudert worden, dass es die Wand durchschlagen hatte.

Im Zentrum des verbrannten, zerkratzten Magnet-Stadions bot sich ein anderes Bild.

Dranzer vollführte noch zwei letzte, extrem eiernde, kraftlose Umdrehungen. Das dunkelblaue Gehäuse war schwer vermackt, tiefe Schrammen zeugten von Namis unbarmherzigen Sturmangriffen.

Mit einem matten, metallischen Klappern kam der Kreisel schließlich zum Stillstand.

Kai atmete schwer. Seine Brust hob und senkte sich in einem unregelmäßigen, rasenden Rhythmus. Die brutale Rückkopplung des Matches hatte ihn physisch so sehr mitgenommen, dass seine Beine der Belastung für einen Moment nachgaben. Er musste sich mit beiden Händen auf seinen Knien aufstützen, den Kopf tief gesenkt.

Seine Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Er hatte absolut alles geben müssen. Jedes Gramm seiner Energie war in diesen letzten Abwehrkampf geflossen.

Nami starrte mit weiten Augen nach vorne auf das leere Zentrum der Arena. Ihr Herz hämmerte wie verrückt gegen ihre Rippen, und in ihren Ohren dröhnte das eigene Blut.

Sie hatte verloren. Haarscharf. Nur um Haaresbreite.

Ihr Pegasus lag außerhalb, Kais Dranzer lag noch immer im Ring. Das Match war vorbei, die Revanche entschieden, und die schiere Intensität des Endes ließ die Luft in der Halle noch immer wie nach einem schweren Gewitter vibrieren.

Ein gellender Applaus zerschnitt plötzlich die andächtige Stille der Halle 4.

„Das war ja absolut der Wahnsinn!“, schrie Max lauthals und sprang förmlich über die Schwelle der Tür. Er warf die Arme in die Luft, während er auf die Plattform zusteuerte, das Gesicht rot vor Begeisterung.

„Das war Physik auf einem ganz anderen Planeten!“

Hinter ihm schritt Mr. Dickenson in die Halle, ein breites, stolzes Lächeln unter seinem dicken Schnurrbart. Er klatschte enthusiastisch in die Hände.

„Ein wahres Meisterwerk! Phantastisch, einfach phantastisch! Kai, Nami, das war .Als wieder Beyblade auf dem allerhöchsten Niveau!“

Selbst Ray, der sich erst aus seiner Trance lösen musste, ging langsam vorwärts. Er klatschte ruhig, doch sein Blick verriet den tiefen Respekt vor dem, was er auf spiritueller Ebene gerade miterlebt hatte.

Die restlichen Junioren und Blader, die sich im Schlepptau befanden, tuschelten aufgeregt und starrten Nami und Kai mit ehrfürchtigen Augen an.

Das plötzliche Getöse holte die beiden Kämpfer schlagartig aus ihrer Isolation.

Kai hob langsam den Kopf, während er sich schwer atmend von seinen Knien aufrichtete. Seine rubinroten Augen verengten sich augenblicklich zu Schlitzen, als er die Traube von Menschen bemerkte. Ein seltener Ausdruck von Irritation glitt über seine Züge.

Er strich sich die wirren, schweißnassen Haare aus der Stirn und fixierte die Eindringlinge mit einem Blick, der die meisten Junioren sofort zwei Schritte zurückweichen ließ. Sie hatten die verabredete Mittagspause genutzt, um ungestört zu sein... und nun stand hier das halbe administrative BBA-Komitee.

Sein Blick wanderte sofort weiter zu Nami. In Kais Brust zog sich ein vertrautes Gefühl der Besorgnis zusammen.

Wie ging es ihr? Hatte die knappe Niederlage, gepaart mit dem emotionalen Stress der letzten Wochen, sie tiefer getroffen, als sie zugeben wollte? War die Vermeidungstaktik gescheitert?

Nami stand noch immer regungslos an der Bande. Ihr Blick lag nun auf dem tief im Mauerwerk steckenden Pegasus.

Doch zu Kais unendlicher Erleichterung sackten ihre Schultern nicht nach unten. Stattdessen strömte ein tiefer, erlösender Atemzug durch ihre Lungen. Sie atmete die verbliebene Hitze des Kampfes ein und die angestaute Schwere der letzten Wochen mit einem Mal aus.

Plötzlich riss sie die Arme nach oben und stieß einen lauten, absolut befreiten Jubelruf aus. Ein strahlendes, wunderschönes Lächeln brach auf ihrem Gesicht aus... so hell und ungezähmt, dass es die gesamte, düstere Trainingshalle augenblicklich zu erleuchten schien.

„Ja!“, rief sie aus vollem Hals, drehte sich schwungvoll um und lief zu der beschädigten Wand, um ihren Pegasus vorsichtig aus dem Beton zu ziehen. Sie drehte sich zu Kai um, die ozeanfarbenen Augen funkelten voller Endorphine und reinem Lebensgefühl.

„Gott, das war unglaublich, Kai!“

Sie schritt mit eleganten Schritten auf ihn zu, völlig ungeachtet der Tatsache, dass Max und Mr. Dickenson sie belagerten. Sie sah nur ihn an. Der Stress, die Sorgen um das kommende Osaka-Wochenende, die Angst vor ihren eigenen, unerfüllten Wünschen... all das schien in dem reinigenden Gewitter aus Feuer und Eis im Stadium verbrannt zu sein.

„Ich habe das so unglaublich vermisst“, sagte sie, und ihre melodische Stimme zitterte leicht vor freudiger Erregung. Sie hielt das geschwärzte, rauchende Blade fest in der Hand.

„Einfach alles zu geben. Ohne Rücksicht. Gegen einen wirklich starken Gegner zu bladen, der mich bis an die absolute Grenze treibt.“

Sie blieb direkt vor ihm stehen, ignorierte das verblüffte Grinsen von Max und sah Kai mit einer Intensität an, die ihm die Sprache verschlug.

„Das müssen wir ab jetzt definitiv öfter tun, Champion“, forderte sie ihn heraus, und das vertraute, stolze Funkeln in ihren Augen war vollständig zurückgekehrt.

Kai sah sie an, und die Anspannung in seinen eigenen Muskeln wich einer tiefen, lautlosen Zufriedenheit. Ein winziges, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, während er Dranzer aus dem Stadium aufhob. Sie hatte sich befreit... und das war alles, was für ihn zählte.

Nami überbrückte den letzten Schritt zwischen ihnen, ohne Rücksicht auf die neugierigen Blicke der BBA-Zuschauer. Mit einer fließenden, unendlich eleganten Bewegung trat sie eng an ihn heran, bis keine Handbreit mehr zwischen sie passte. Sie spürte die immense Hitze, die immer noch von seinem massiven Körper ausging, und den unregelmäßigen, schweren Takt seines Herzens.

Sie hob die Hand, tat so, als würde sie ihm eine widerspenstige Strähne aus der Stirn streichen, und schmiegte sich dabei mit einer vertrauten, besitzergreifenden Sanftheit an seine breite Brust. Ihr silbrig-weißes Haar floss über seine dunkle Kleidung. Kai spürte ihren warmen flachen Atem an seinem Hals, noch bevor sie die Lippen ganz nah an sein Ohr brachte.

„Ich will eine Revanche, Kai“, flüsterte sie mit einer tiefen, rauen Melodie, die nur für ihn bestimmt war und ihm augenblicklich eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Ihre Stimme besaß plötzlich eine ganz andere, brennende Intensität.

„Aber die... der anderen Art. Jetzt sofort.“

Ein kaum merkliches Zittern ging durch ihre Stimme, als sie den Satz beendete:

„Ich will nach Hause.“

Kai schluckte unwillkürlich. Seine rubinroten Augen verengten sich schlagartig, und ein dunkles, besitzergreifendes Feuer flammte in ihrem Inneren auf. Er verstand sofort.

Ohne ein Wort zu sagen, schlossen sich seine großen, rauen Finger fest um Dranzer und ließen das Blade in seiner Tasche verschwinden. Er legte eine Hand an Namis Taille, zog sie für einen kurzen Atemzug noch ein Stück enger an sich und gab ihr ein stummes, absolut Versprechen, ehe er sich langsam von ihr löste.

Er drehte sich zu den überraschten Zuschauern um. Seine Miene war augenblicklich wieder wie aus Stein gemeißelt, die kühle, dominante Maske des Champions perfekt an ihrem Platz.

„Wir sind fertig hier“, erklärte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme, die keinen Raum für Widerrede ließ. Er würdigte die Junioren keines Blickes, während er Nami an der Seite nahm und sie geradewegs an Mr. Dickenson und den anderen vorbei zum Ausgang führte.

Ray schmunzelte nur leise in sich hinein. Er hatte die Veränderung der Auren gesehen und wusste genau, dass das Match zwischen den beiden weit über das Beystadium hinausreichte.

Als die schwere, schallisolierte Tür der Halle 4 hinter ihnen ins Schloss fiel und sie wieder in den leeren, kühlen Flur des BBA-Hauptquartiers traten, beschleunigte Kai seine Schritte. Seine Hand lag fest in ihrer, die Finger fest ineinander verschlungen. Die Mittagspause war vorbei, doch ihr ganz persönlicher Kampf hatte gerade erst begonnen.