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Der väterliche Rat

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Der väterliche Rat

Die Nachmittagssonne warf lange, goldene Streifen durch die hohen, sprossengeglasten Fenster des kleinen Salons. Im Ayame-Anwesen herrschte an diesem Tag eine seltene, fast andächtige Ruhe. Nami war zusammen mit Hilary, Mariah und Momoko in der Tokioter Innenstadt unterwegs, um die letzten Besorgungen für das anstehende Osaka-Wochenende zu erledigen. Ihre helle, klangvolle Stimme fehlte in den weiten Fluren, und so blieb nur das ferne, beruhigende Ticken der Standuhr aus dunklem Mahagoni.

Kai saß in einem der schweren, tiefen Ledersessel. Er hielt eine filigrane, weiße Porzellantasse in der Hand, aus der der herbe, dampfende Duft von frisch gebrühtem schwarzen Kaffee stieg. Ihm gegenüber, getrennt durch einen niedrigen Tisch aus poliertem Kirschbaumholz, saß Hiro Tashiba.

Der ältere Mann strahlte dieselbe unbeugsame, stolze Haltung aus, die auch Nami eigen war, doch in Hiros Zügen lag die abgeklärte Schwere eines Mannes, der die Abgründe der Blader-Welt seit Jahrzehnten kannte. Er trug einen schlichten, dunkelblauen Anzug, und seine Augen fixierten Kai mit einem Blick, der so scharf und prüfend war wie eh und je.

Zwischen den beiden Männern war in den letzten Monaten ein stilles, von tiefem Respekt geprägtes Einvernehmen gewachsen. Hiro wusste um Kais Vergangenheit, um seine innere Kälte und um die radikale Endgültigkeit seiner Vasektomie... ein Geheimnis, das sie zusammen mit Kenji wie ein ungeschriebenes Gesetz vor dem Rest der Familie hüteten.

Hiro nahm einen langsamen Schluck aus seiner Teetasse, ehe er sie mit einem leisen Klacken auf dem Unterteller abstellte. Seine petrolfarbenen Augen wanderten zu Kai, dessen stoische Maske wie gewohnt makellos saß, obwohl seine rubinroten Augen eine Spur dunkler wirkten als sonst.

„Du bist unruhig, Kai“, brach Hiro das Schweigen mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, die die Stille des Salons mühelos durchschnitt.

„Dein Geist ist nicht beim Kaffee. Er ist im Stadium. Oder bei meiner Tochter.“

Kai bewegte keinen Muskel. Er setzte die Kaffeetasse ab, verschränkte die Arme vor der Brust und sah den älteren Mann direkt an. Er dachte gar nicht daran, Ausflüchte zu suchen. Vor Hiro Tashiba waren Spielchen zwecklos.

„Wir haben vor ein paar Tagen in der BBA trainiert“, erwiderte Kai, und seine Stimme war so rau und tief wie die aufkommende Dämmerung. Er wählte seine Worte mit Bedacht. Er würde nicht ins Detail gehen... er würde Hiro niemals erzählen, wie die wilde, ungezähmte Kommunikation ihrer Auren sie im Büro in einen regelrechten, gefährlichen Rausch versetzt hatte, der ihn fast die Kontrolle über Dranzer und sich selbst verlieren ließ.

„Die Resonanz zwischen Pegasus und Dranzer... . Es ist kein reiner Kampfgeist mehr. Es ist eine Urgewalt, die alles um sich herum zu verschlingen droht. Wenn die Barrieren fallen, wird es… unberechenbar.“

Hiro hörte schweigend zu. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht, doch das feine Aufblitzen in seinen Augen verriet Kai, dass der ältere Mann genau verstand. Hiro war kein Narr. Er kannte die Natur ihrer Bit-Beasts, und er kannte die leidenschaftliche, besitzergreifende Intensität, die Kai und Nami miteinander verband. Er konnte sich den psychologischen und energetischen Rausch, der sich zwischen den beiden im Geheimen abspielte, ohne Weiteres denken. Er brauchte keine Details, um die Gefahr zu begreifen.

„Ein zweischneidiges Schwert“, murmelte Hiro nachdenklich und strich sich über das Kinn.

„Die absolute Synchronisation bringt unvorstellbare Macht... aber sie fordert auch den Tribut der absoluten Beherrschung. Wenn das Raubtier vergisst, dass es domestiziert ist, reißt es die Kette ab.“

Kai ließ die Metapher für einen Moment im Raum stehen. Die Erinnerung an den Moment, als er Nami im Büro an sich gerissen und im Inneren beschlossen hatte, nie wieder gegen sie anzutreten, brannte heiß in seiner Brust.

Doch die Erwähnung dieser unbändigen Kraft brachte eine andere Frage an die Oberfläche, die Kai schon seit Monaten beschäftigte. Eine Frage, die Dickensons unbedachter Spruch des 'von der Leine lassens' im Hauptquartier, nur noch weiter angefeuert hatte.

Kai lehnte sich ein Stück vor. Sein rubinroter Blick bohrte sich in den des älteren Mannes.

„Es gibt etwas, das ich mich schon länger frage, Hiro“, sagte Kai, und eine eiskalte, schneidende Ernsthaftigkeit schwang in seinem Ton mit. „Die meisten Spitzenblader werden im Alter von zehn oder zwölf Jahren auf die Turniere der Welt losgelassen. Wir wurden im Feuer der Öffentlichkeit geschmiedet. Nami hat ihr offizielles Debüt erst letztes Jahr mit achtzehn gegeben.“

Er hielt kurz inne, die Luft im Salon schien merklich dichter zu werden.

„Warum hast du sie so lange zurückgehalten? Warum hast du sie erst so spät auf die Welt losgelassen obwohl sie so viel Potential hat?“

Hiro Tashiba rührte sich nicht. Er blickte hinunter auf das dunkle Holz des Tisches, und für einen flüchtigen Moment wirkte er älter, gezeichnet von den Geistern der Vergangenheit. Das Ticken der Standuhr schien lauter zu werden, während das Schweigen sich wie ein schwerer Mantel über den Salon legte.

Schließlich hob Hiro den Kopf wieder. Ein bitteres, unendlich stolzes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Weil ich wusste, was für eine Welt da draußen wartet, Kai“, begann Hiro, und seine Stimme hatte die unerbittliche Härte von geschmiedetem Stahl.

„Und weil ich wusste, was in meiner Tochter schlummert. Nami war kein normales Kind mit einem starken Blade. Die Energie von Pegasus war fast schon von Geburt an in ihrem Innern so rein, so ungezähmt und gewaltig, dass sie im Alter von elf oder zwölf Jahren eine Zielscheibe gewesen wäre.“

Hiro stand langsam auf, ging mit ruhigen Schritten zum Fenster und blickte hinaus auf den friedlichen Garten des Anwesens.

„Du erinnerst dich an Boris? Du erinnerst dich an die Organisationen, die Kinder wie dich, wie Tala und die anderen in Klöster gesteckt, gebrochen und als Waffen missbraucht haben?“, fragte Hiro, ohne sich umzudrehen.

„Sie jagten nach außergewöhnlichen Talenten. Hätte ich Nami mit zwölf Jahren auf ein öffentliches Turnier geschickt… sie hätten sie gejagt, Kai. Sie hätten versucht, ihr Pegasus aus ihrer Seele zu entreißen, oder sie in ihre Labore zu stecken, um diese reine Urgewalt zu sezieren.“

Kai fror in seiner Bewegung ein. Seine Handflächen schlossen sich unwillkürlich zu Fäusten. Der Gedanke an den Klon, an Boris’ kalte Augen und die seelenlosen Experimente an Kindern ließ sein Blut augenblicklich gefrieren.

„Ich habe sie nicht versteckt, weil ich an ihren Fähigkeiten gezweifelt habe“, fuhr Hiro fort und drehte sich langsam wieder zu Kai um. Seine Augen blitzten dunkel auf.

„Ich habe sie trainiert. Im Verborgenen. Hinter den Mauern von Tachibey Industries. Ich habe gewartet, bis ihr Körper, ihr Geist und ihre Technik reif genug waren, um jedem Sturm standzuhalten. Ich habe sie erst an die Öffentlichkeit gelassen, als sie eine erwachsene Frau war... eine Frau, die stark genug war, um sich ihre Gegner selbst auszusuchen, und die sich von niemandem mehr als Waffe missbrauchen ließ. Ich habe sie beschützt, Kai. Bis sie bereit war, ihr eigenes Feuer zu kontrollieren.“

Ein tiefes, raues Ausatmen entwich Kais Brust. Die stoische Maske des Champions hielt stand, doch im Inneren fiel ein weiteres, gewaltiges Puzzleteil an seinen Platz.

Hiros Worte ergaben einen perfekten, fast schon schmerzhaften Sinn.

Es war dieselbe kompromisslose, beschützende Besitzgier, die Kai selbst in sich trug. Hiro hatte Nami vor den Bestien der Blader-Welt beschützt... und nun war es an Kai, sie vor den Flammen ihres eigenen Rausches zu bewahren.

„Sie hat den Sturm überstanden“, sagte Kai leise, aber mit einer unumstößlichen Gewissheit.

„Ja, das hat sie“, erwiderte Hiro, und sein Blick wurde wieder weicher, als er auf Kai hinabsah.

„Und sie hat sich den Einzigen gesucht, dessen Feuer heiß genug ist, um neben ihrem Sturm zu bestehen, ohne zu vergehen. Aber es ging um weit mehr, Kai, als sie nur aus der Schusslinie von Boris zu halten. Es gab vielerlei gute Gründe.“

Hiro trat vom Fenster zurück und fixierte Kai mit einem unendlich ernsten Blick.

„Namis Aura… wie du weißt besitzt sie durch die Verschmelzung mit Pegaus die seltene Eigenschaft eines Seelen-Ankers. Sie strahlt eine Aura aus, die für die meisten Menschen wie ein wunderschönes Licht wirkt. Aber für Menschen mit einer ganz bestimmten Art von Dunkelheit im Herzen… ist diese Aura ein unwiderstehlicher Magnet und eine Befreiung.“

Hiro hielt inne, und ein eisiger Schatten legte sich über seine Züge.

„Ich habe es einst selbst miterleben müssen. Erinnerst du dich an Brooklyn Masefield? Als Nami noch jünger war, hat Brooklyn versucht, sich ihr anzunähern. Er hat ihre Aura unbewusst wahrgenommen... er spürte diesen Seelen-Anker und war wie besessen von dem Verlangen, sich daran festzukrallen, um seine eigene, innere Leere zu füllen. Aber Brooklyn ist nicht wie du, Kai.“

Kai regte sich nicht, doch seine rubinroten Augen verengten sich als Brooklyns Name fiel.

„Du hast eine raue, düstere Schale und eine innere Dunkelheit.“, erklärte Hiro ruhig, und in seiner Stimme lag tiefer, ungeschönter Respekt.

„Du hast Traumata erlebt, du hast den Missbrauch in der Abtei überstanden, und du hast eine Mauer aus Kälte um dich errichtet. Aber wenn man diese Dunkelheit Schicht für Schicht abträgt… verlierst du nicht deinen Verstand. Im Gegenteil. Dein innerer, absolut loyaler Kern kommt nur noch mehr zum Vorschein. Du bist im tiefsten Inneren ein guter Mensch, Kai. Unbeugsam, aber fähig zu wahrer, unerschütterlicher Loyalität.“

Hiro schüttelte langsam den Kopf. „Brooklyn hingegen… Brooklyn ist ein anderes Kaliber. Er ist ebenso traumatisiert, ja. Aber sein Charakter ist auch ohne seine innere Dunkelheit der eines geborenen Psychopathen und Narzissten. Er wollte Nami nicht lieben oder beschützen. Er wollte sie besitzen, sie konsumieren, um sich selbst zu heilen, und hätte sie dabei ohne jeden Skrupel im Geiste zerbrochen.“

Der ältere Mann trat bis an die Kante des Kirschbaumtisches und stützte die Hände darauf ab, um seinem nächsten Argument absolutes Gewicht zu verleihen.

„Und nun denk ein Stück weiter, Kai. Stell dir vor, ich hätte eine junge, dreizehn- oder vierzehnjährige Nami mit einem Team auf Weltreise geschickt. Sie wäre von Kontinent zu Kontinent gereist, im Rampenlicht der großen Turniere. Was glaubst du, was passiert wäre, wenn sie auf die alten, korrupten Sponsoren, auf skrupellose Verbandsfunktionäre oder machthungrige Geschäftsmänner gestoßen wäre? Die Blader-Welt wird im Hintergrund von Haien kontrolliert, die in Luxuslogen sitzen und in Kindern nur gefügige Werkzeuge und Profit sehen.“

Hiros Stimme sank zu einem rauen, gefährlichen Flüstern.

„Männer wie diese hätten in Nami nicht nur eine herausragende Bladerin gesehen, Kai. Sie hätten diesen Seelen-Anker gespürt. Und sie hätten in ihr eine junge, unschuldige Frau gesehen. Sie hätten sich ihr angenähert... skrupellos, schleichend, ungeachtet jedes noch so großen Altersunterschiedes. Sie hätten versucht, sie mit Knebelverträgen zu binden, sie psychologisch zu manipulieren und sie vollständig in ihre Abhängigkeit zu treiben, um sich an ihrer Energie, ihrer Schönheit und ihrem Licht zu bereichern. Sie hätten sie isoliert, korrumpiert und als ihr ganz persönliches, glitzerndes Ausstellungsstück missbraucht.“

Für den Bruchteil einer Sekunde setzte Kais Herzschlag komplett aus. Seine stoische Maske, die sonst jedem Sturm trotzte, bekam einen tiefen, gefährlichen Riss. Seine rubinroten Augen verengten sich zu messerscharfen, heiß lodernden Schlitzen, und ein extrem leises, mörderisches Knurren entwich seiner Kehle.

Der bloße Gedanke an diese widerwärtigen, älteren Geschäftsmänner, die ihre schmutzigen Hände nach einer jungen, verletzlichen Nami ausgestreckt hätten, löste in Kais Brust eine so explosive, besitzergreifende Raserei aus, dass seine Fingernägel sich fast durch das Leder der Armlehnen bohrten.

Dranzers Flammen in seinem Inneren schrien nach Vergeltung für eine Vergangenheit, die Hiro zum Glück verhindert hatte. Gegen Boris hätte er mit roher Gewalt kämpfen können – aber gegen die perfide, psychologische Ausbeutung mächtiger Milliardäre im Hintergrund wäre Nami damals schutzlos gewesen.

Hiro sah die brodelnde Gewalt in dem jungen Champion, zuckte jedoch nicht einmal mit der Wimper. Er wusste genau, welchen Nerv er getroffen hatte.

Hiro schwieg, und in diesem Schweigen lag eine plötzliche, emotionale Schwere, die weit über diese geschäftlichen Abgründe hinausging. Er wandte den Blick für einen Moment von Kai ab und sah wieder hinaus in den Garten, wo die Schatten der Bäume im Abendlicht immer länger wurden.

Kai, dessen geschulter Verstand jede Nuance seines Gegenübers sezierte, brauchte einige tiefe Atemzüge, um die mörderische Wut in seinen Adern zu bändigen. Doch als er Hiro beobachtete, bemerkte er sofort, wie sich die Haltung des älteren Mannes noch einmal minimal veränderte. An der Art, wie Hiro den Atem für den Bruchteil einer Sekunde anhielt, erkannte Kai die nächste, bewusste Auslassung.

Hiro hatte die Abscheulichkeit der Sponsoren laut ausgesprochen... doch ein ganz bestimmtes, zutiefst privates Detail behielt er bewusst für sich. Eine Wahrheit, die Kai in diesem Moment selbst wie ein Blitzschlag traf.

Es war die bittere, unausgesprochene Wahrheit über sie beide. Über ihn und Nami.

Hätte Hiro Nami bereits mit vierzehn oder oder früher auf die Turniere der BBA losgelassen… dann wäre sie unweigerlich auf den damaligen Kapitän der Bladebreakers getroffen. Sie hätte vor Kai gestanden.

Kais Kiefer mahlte, während die Rädchen in seinem Kopf in rasender Geschwindigkeit ineinandergriffen. Er wusste, dass Nami diese tiefe, unerklärliche Sehnsucht nach ihm, diese spirituelle Verbindung ihrer Seelen, schon seit ihrem zehnten Lebensjahr in sich getragen hatte. Sie hatte im Verborgenen auf ihn gewartet.

Doch was wäre passiert, wenn sie diesem Ruf damals schon gefolgt wäre?

Kai erinnerte sich mit einer eisigen Klarheit an den Jungen, der er damals gewesen war.

Er war unnahbar gewesen, zerfressen von dem Drang, der Beste zu sein, traumatisiert durch die Abtei und innerlich so tief gefroren, dass er jede Form von emotionaler Nähe als Schwäche abgewehrt hatte. Er war damals schlichtweg nicht bereit gewesen.

Wäre die junge Nami mit all ihrer leidenschaftlichen Sehnsucht und ihrer reinen Aura auf diesen eiskalten, rücksichtslosen Kai getroffen... er hätte sie weggestoßen.

Er hätte ihr Herz mit seiner unbarmherzigen Arroganz im Vorbeigehen zertrümmert, unfähig zu begreifen, wer sie überhaupt für ihn war.

Es hätte sie psychologisch gebrochen. Es hätte eine unüberwindbare Kluft zwischen ihnen gerissen und sie vielleicht für immer von ihm gestoßen, noch bevor Kai überhaupt gelernt hatte, was es bedeutete, Gefühle für einen anderen Menschen zuzulassen.

Hiro hatte das gewusst. Als Vater hatte er begriffen, dass er nicht nur Nami vor der Welt schützen musste, sondern das Schicksal der beiden vor Kais eigener, unreifer Zerstörungskraft.

Er hatte gewartet, bis Kai im Feuer seiner eigenen Fehler gereift, bis die Kälte geschmolzen und er bereit war, der Fels, die Stütze und der loyale Beschützer zu sein, den Nami verdiente.

Hiro drehte den Kopf nicht um, doch seine Stimme war eine Nuance leiser, fast schon sanft, als er das Schweigen schließlich brach.

„Manchmal…“, raunte der ältere Mann, und das Ticken der Standuhr schien seine Worte zu untermalen, „…muss man die kostbarsten Dinge im Leben so lange vor dem Sturm abschirmen, bis die Zeit reif ist. Bis alle Beteiligten stark genug sind, um das zu tragen, was das Schicksal für sie vorgesehen hat.“

Kai erwiderte nichts. Seine stoische Maske war wieder wie aus Stein gemeißelt, doch seine rubinroten Augen brannten in einer Mischung aus düsterer Reue über den Jungen, der er einst war, und einem unendlich tiefen, stummen Dank an den Mann vor ihm.

Hiro hatte ihm die Frau geschenkt, die sein Leben rettete... weil er sie zur genau richtigen Zeit auf ihn losgelassen hatte.

Das erneute Schweigen, das nun zwischen den beiden Männern lag, war nicht mehr von der düsteren Kälte der Vergangenheit erfüllt, sondern von der unerbittlichen Realität der Gegenwart. Hiro Tachiba trat langsam vom Fenster zurück. Der weiche, klassische Stoff seines Anzugs fing das letzte, rötliche Licht des Tages ein, als er sich Kai wieder vollständig zuwandte.

Hiros Blick wanderte zu der leeren Kaffeetasse auf dem Tisch und dann direkt in Kais Augen. Die petrolfarbenen Iris des älteren Mannes spiegelten eine nüchterne, väterliche Härte wider, die Kai nur zu gut kannte.

„Aber es gibt einen Kampf, den du nicht mit Dranzer fechten kannst. Und es gibt Wahrheiten, die man nicht im Stadium bezwingt.“

Kai rührte sich nicht, doch im Inneren spannte er sich an. Er spürte, wie die Atmosphäre im Salon im Bruchteil einer Sekunde von der Vergangenheit in das verbotenste Territorium ihrer Gegenwart wechselte.

„Nami liebt dich bedingungslos“, fuhr Hiro fort, und seine Stimme war so präzise wie das Skalpell eines Chirurgen. „Sie hat dir Versprechungen gegeben. Sie hat zugestimmt, diesen Weg mit dir zu gehen, ohne die Hoffnung auf eine eigene Familie. Aber sag mir, Kai… ist dir bewusst, dass Nami ihren Kinderwunsch niemals vergessen wird? Egal wie sehr sie dir dies verspricht. Egal wie oft sie es beteuert, um dir die Last von den Schultern zu nehmen.“

Kais Kiefer mahlte unmerklich. Ein tiefer, dumpfer Schmerz zog durch seine Brust, doch sein Blick blieb eisern.

„Es ist mir durchaus bewusst.“, erwiderte Kai, und seine raue Stimme klang fast tonlos.

Natürlich wusste er es. Er kannte jede Facette ihrer Seele. Er sah es in den flüchtigen Momenten, in denen ihr Blick an den Kindern in der Stadt hängen blieb. Er spürte die bittersüße Schwere, die sie manchmal umgab, wenn sie glaubte, dass er es nicht bemerkte. Nami tat alles, um ihn zu schützen, um seine traumatische Vergangenheit und seine endgültige Entscheidung für die Vasektomie niemals wie eine Schuld aussehen zu lassen. Ihre Loyalität war absolut... aber sie konnte die Natur ihrer eigenen Sehnsüchte nicht einfach auslöschen. Nicht zu vergessen, dass dieses Match allein aus dem Wunsch raus geboren wurde, diese quälenden Gedanken an das Wochenende aus ihr heraus zu schneiden.

Hiro trat einen Schritt näher an den Sessel heran. Seine Präsenz im Raum war erdrückend, die eines Vaters, der das Herz seiner Tochter genauestens verteidigte.

„Kannst du damit leben, Kai?“, fragte Hiro, und die Frage stand wie eine unumstößliche Wand im Raum.

„Kannst du damit leben, Nami diesen tiefen, innigen Wunsch die kommenden Jahre zu verwehren, während du weißt, dass ein Teil von ihr im Stillen danach hungert?“

Ein langes, schweres Schweigen dehnte sich aus. Das Ticken der Standuhr schien die Sekunden unbarmherzig wegzuzählen. Kai blickte nicht weg. Er stellte sich Hiros Augen, so wie er sich jedem Gegner im Leben gestellt hatte... ohne Angst, aber mit einer schonungslosen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

„Ich will warten, was die Zeit bringt“, sagte Kai schließlich, und seine Stimme hatte die feste, unerschütterliche Ruhe eines Mannes, der gelernt hatte, mit dem Unvermeidlichen zu leben.

Er gab keine falschen Versprechungen ab, und er flüchtete sich nicht in Illusionen. Er akzeptierte den Schmerz, den seine Entscheidung mit sich brachte, doch er war bereit, ihn gemeinsam mit ihr zu tragen, Schritt für Schritt.

Hiro fixierte ihn noch für einige Sekunden, ehe er langsam und schwer einatmete. Ein Hauch von Bedauern, gemischt mit tiefem Verständnis, lag in den Zügen des älteren Mannes.

„Morgen in Osaka…“, raunte Hiro leise, „…wird kein einfaches Wochenende für sie. Wenn wir alle bei Hana sind, wenn Nami ihre Schwester und das Baby sieht… es wird ihr erneut vor Augen führen, was sie mit dir niemals haben kann. Es wird eine Wunde aufreißen, Kai, die sie mühsam verborgen hält.“

Hiro legte eine Hand auf die Rückenlehne des gegenüberliegenden Sessels.

„Ich verlange nicht von dir, dass du dich änderst. Aber ich warne dich. Wenn du diese Traurigkeit morgen in ihren Augen siehst… mache ihr keine Vorwürfe. Dränge sie nicht weg, weil dein eigenes Ego oder dein schlechtes Gewissen dich dazu treibt.“

Kais rubinrote Augen blitzten gefährlich und mit einer plötzlichen, absolut besitzergreifenden Intensität auf. Die bloße Unterstellung, er könnte Nami jemals verurteilen oder für ihren Schmerz bestrafen, brachte sein Blut zum Kochen.

„Das würde ich niemals tun“, stieß Kai hervor. Seine Stimme war schneidend, kalt und absolut unmissverständlich. Er würde sich eher selbst vernichten, als Nami auch nur das Gefühl zu geben, eine Last für ihn zu sein.

Wenn sie morgen weinte, wenn sie litt, dann würde er da sein. Er würde die Kälte sein, die ihre Tränen fror, und das Feuer, das sie wärmte. Er würde ihr Fels sein, selbst wenn dieser Fels im Stillen mit ihr blutete.

Hiro sah das lodernde Feuer in den Augen. Er erkannte die kompromisslose, fast schon beängstigende Hingabe, mit der Kai seine Tochter liebte.

Ein feines, fast unsichtbares Nicken glitt über Hiros Gesicht.

„Gut. Denn das ist es, was sie morgen von dir brauchen wird. Keine Ausflüchte. Nur dich.“

Noch bevor die schwere Luft im Salon ganz verfliegen konnte, durchbrach das plötzliche, helle Geräusch von Reifen auf dem Kies des Auffahrtwegs die Stille. Das dumpfe Zuschlagen von Autotüren hallte durch das Anwesen, gefolgt von Tysons lautem, ungehaltenem Lachen und Hilarys meckernder Antwort.

Und dann, über dem ganzen Lärm, ertönte Namis unverkennbare, melodische Stimme, die Mariah etwas zurief. Das Leben kehrte mit einer Wucht in das Ayame-Anwesen zurück, die die Schatten der Vergangenheit im Nu vertrieb.

Die schwere Atmosphäre im Salon verflog im Bruchteil einer Sekunde. Kai griff nach seiner Tasse, trank den letzten, mittlerweile kalten Schluck des Kaffees und tauschte einen letzten, stummen und absolut vielsagenden Blick mit Hiro Tashiba.

Das ungeschriebene Gesetz stand. Sie verstanden sich, als Männer und als Beschützer derselben Frau.

Kai stand mit fließenden, raubtierhaften Bewegungen auf. Er strich sich kurz die Kleidung glatt und wandte sich zur Tür, bereit, seine Liebe in Empfang zu nehmen... mit einem Wissen im Herzen, das ihn für das anstehende Wochenende in Osaka stählte. Er war bereit für ihren Sturm. In jeder Hinsicht.