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Fehler im System

Der Gezähmte Phönix — www.fanfiktion.de · All chapters

Fehler im System

Der Sommer hatte Tokio fest im Griff. Die dicken, historischen Mauern des Ayame-Anwesens hielten die drückende Hitze der Stadt zwar erfolgreich ab, doch draußen in den Gärten blühte alles in den prächtigsten Farben. Es war Mitte Juni, und in exakt zwei Wochen stand Namis 19. Geburtstag vor der Tür.

Die emotionalen Sturmwolken, die sich im Mai in Osaka so schmerzhaft entladen hatten, schienen wie weggeblasen. Für Nami hatte ein völlig neuer Lebensabschnitt begonnen. Sie hatte angefangen, sich intensiv für Universitäten im Umkreis von Tokio zu bewerben, um dort Beytechnik zu studieren... ein Bereich, der sie schon lange faszinierte und in dem sie ihr theoretisches Wissen vertiefen wollte.

Um die quälende Zeit des Wartens auf die Rückmeldungen der Universitäten sinnvoll zu überbrücken, hatte sich eine unerwartete Gelegenheit geboten. Mr. Dickenson, der Vorsitzende der BBA, hatte Wind von Namis Plänen bekommen. Da er zudem bemerkt hatte, wie unglaublich gut, geduldig und feinfühlig Nami im Umgang mit den Junioren war, hatte er ihr ein Angebot gemacht.

Seit drei Wochen half Nami nun regelmäßig in der BBA aus, unterstützte die Jugendlichen bei der Wartung ihrer Beys und war schnell zu einer allseits beliebten Bezugsperson geworden.

Diese Wochen waren überraschend entspannt verlaufen. Tatsächlich war genau das eingetreten, was Nami in jener Nacht in Osaka prophezeit hatte: Kaum waren sie wieder in Tokio und in ihrem vertrauten Alltag, hatte sich das drückende Gefühl in ihrer Brust gelegt. Jedenfalls wirkte es von außen so...

Nami war fröhlich. Sie war lebhaft, manchmal herrlich neckisch und lachte genauso oft und unbeschwert wie eh und je. Das Thema Kinder oder der schmerzhafte Wunsch nach einem Baby wurde mit keinem einzigen Wort mehr erwähnt. Sie genoss ihre Arbeit, ihre Unabhängigkeit und jede Sekunde mit Kai im Anwesen.

Doch genau diese Unbeschwertheit stürzte jemanden in tiefe, lautlose Verwirrung: Kai.

Er saß auf der breiten Veranda des Anwesens, ein Glas eiskaltes Wasser in der Hand, und beobachtete Nami, die ein paar Meter weiter im Garten stand und mit einem breiten Lächeln die Blumen goss. Ihre ozeanfarbenen Augen strahlten im Sonnenlicht, und ihr langes, welliges, silbrig weißes Haar bewegte sich sanft im Wind, während sie eine leise Melodie vor sich hin summte.

Kais rubinroter Blick war ununterbrochen auf sie gerichtet. Er fixierte sie mit einer fast schon obsessiven Intensität. Seit ihrer Rückkehr aus Osaka beobachtete er sie quasi rund um die Uhr. Er las jede Nuance ihrer Mimik, analysierte das Timing ihres Lachens, die Frequenz ihrer Schritte, die Art, wie sie ihn küsste.

Als Stratege war er darauf programmiert, Ungereimtheiten zu finden. Er hatte fest damit gerechnet, dass ihre Fröhlichkeit nur eine Maske war... eine Fassade, um ihn zu beruhigen oder sich selbst zu schützen. Er hatte darauf gewartet, dass die Mauern bröckeln.

Doch er fand absolut nichts.

Ihre Freude war echt. Ihr Lachen war rein. Wenn sie sich abends im Bett an ihn kuschelte, spürte er keine Anspannung mehr in ihren Schultern, sondern nur noch die pure, tiefe Geborgenheit. Diese absolute Aufrichtigkeit in ihrem Verhalten brachte Kais sonst so unfehlbaren Verstand an eine völlig neue Art von Grenze: pure Verwunderung. Er konnte es nicht ganz fassen, dass sie diesen tiefen Schmerz so schnell und so reif verarbeitet hatte, einfach nur, weil sie sich für das Hier und Jetzt mit ihm entschieden hatte.

Nami drehte sich plötzlich um, als hätte sie seinen intensiven Blick gespürt. Als sie sah, wie er sie mit verschränkten Armen und leicht zusammengezogenen Augenbrauen finster, aber unendlich aufmerksam musterte, schob sie belustigt die Unterlippe nach vorne.

„Wenn du mich noch länger so anstarrst, Kai, glaube ich glatt, ich habe Erde im Gesicht“, rief sie neckisch herüber, stellte die Gießkanne ab und ging mit federnden Schritten auf die Veranda zu. Kai erhob sich von seinem Stuhl.

Er rührte sich nicht, als sie die Stufen nach oben kam, doch seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen. Erst als sie direkt vor ihm stand und ihn mit einem frechen, funkelnden Blick ansah, hob er langsam eine Hand.

Seine langen Finger legten sich an ihre Wange, der Daumen strich sanft über ihre weiche Haut. Er suchte immer noch nach einem Zeichen von Trauer in ihren Augen, doch er fand nur die tiefe, unerschütterliche Liebe, die sie ihm tagtäglich schenkte.

„Du bist unerträglich fröhlich, mein Schatz.“, raunte seine tiefe Stimme, in der ein seltenes, leise kapitulierendes Amüsement mitschwang.

Nami lachte hell auf, legte ihre Hände auf seine Brust und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen sanften Kuss auf die Lippen zu geben. „Das liegt daran, dass ich glücklich bin, du mürrischer Phönix. Die BBA tut mir gut, die Bewerbungen laufen... und ich habe dich. Warum sollte ich also nicht fröhlich sein?“

Kai schwieg, zog sie aber ein Stück näher an sich und vergrub sein Gesicht kurz in ihrem Haar. Er verstand es vielleicht nicht ganz, aber in diesem Moment war ihm die Logik dahinter auch völlig egal. Sie war hier, sie war glücklich, und sie gehörte ihm. Das war die einzige Strategie, die im Moment zählte.

Als Nami ihr Gesicht an Kais breite Brust lehnte und den vertrauten, beruhigenden Herzschlag unter ihrer Wange spürte, schloss sie die Augen. Sie genoss den festen Griff seiner Arme, die sie hielten, als gäbe es nichts Sichereres auf dieser Welt.

Kai glaubte, sie sei vollkommen unbeschwert.

Er beobachtete sie weiter ununterbrochen, suchte mit seinem messerscharfen Strategenblick nach Rissen in ihrer Fassade, und sie amüsierte sich insgeheim ein wenig darüber, wie sehr sie den sonst so unfehlbaren Ex-Champion damit aus dem Konzept brachte.

Nami war tatsächlich glücklich. Das war keine Lüge und kein Schauspiel. Doch was Kai in seiner rationalen Logik nicht ganz verstand, war die Tatsache, dass Glück und Schmerz im selben Herzen existieren konnten. Der Wunsch nach einem Baby war nicht verschwunden. Er war immer noch da, tief in ihrer Seele verwurzelt, und er würde vermutlich niemals ganz vergehen. Doch Nami hatte einfach für sich entschieden, sich von diesem unerfüllten Wunsch nicht unterkriegen oder die Gegenwart vergiften zu lassen. Sie hatte gelernt, das Thema bewusst beiseite zu schieben.

Sie stand kurz vor ihrem 19. Geburtstag. Sie war am absoluten Anfang ihrer eigenen Karriere, steckte mitten im Bewerbungsprozess für das Beytechnik-Studium und liebte ihre neue Aufgabe in der BBA.

Sie wusste, dass das Leben in Zukunft nicht leichter werden würde. Doch immer, wenn Kai sie hielt, wenn er sie küsste oder sie intim miteinander wurden, überflutete sie eine so unendliche, tiefgreifende Glückseligkeit, dass es ihr jedes Mal aufs Neue vor Augen führte, was genau jetzt, in diesem Moment, zählte: Er. Seine Liebe, seine Nähe, ihr gemeinsames Leben im Ayame-Anwesen. Das war real. Das war ihr Hier und Jetzt.

Kai ahnte es nicht, doch es gab sie... diese ein oder zwei Tage in den letzten drei Wochen, an denen die Mauern für einen kurzen Moment nachgaben.

Es passierte meistens in den frühen Morgenstunden, wenn sie davon träumte, ein Baby im Arm zu halten. Das Gefühl im Traum war so real, so warm und erfüllend gewesen, dass das abrupte Aufwachen eine eisige, stechende Leere in ihrer Brust hinterließ.

In diesen Momenten, wenn der Schmerz sie doch überrollte, stahl sie sich leise aus dem Bett, während Kai noch tief und fest schlief, oder nutzte die Minuten, in denen er bei den Junioren war. Sie weinte unerkannt. Sie ließ die Tränen still fließen, spürte den Verlust dieses ungeborenen Traums und erlaubte sich, diese Trauer ganz für sich allein zu durchleben.

Sie bekam es hin, es in diesen unbeobachteten Momenten über sich ergehen zu lassen, den Schmerz fließen zu lassen, bis er versiegte... und kehrte danach mit einem aufgeräumten Herzen und einem echten, strahlenden Lächeln in den Alltag zurück. Ohne dass er jemals etwas davon merkte. Es war ihr persönliches Opfer für diese Liebe, die ihr alles bedeutete.

Nami löste sich mit einem sanften Lächeln aus der Umarmung und sah zu ihm auf. Ihre ozeanfarbenen Augen funkelten voller Leben.

„Komm schon, Mister Hiwatari.“, neckte sie ihn und zupfte spielerisch an der Kante seiner Lederjacke.

„Wenn wir zu spät zur BBA kommen, fängt Mr. Dickenson wieder an, uns mit seinen alten Geschichten zu belagern, um die Zeit zu überbrücken. Und die Junioren warten auf ihr Training.“

Kai sah sie noch einen langen Moment an, als würde er versuchen, das Rätsel Nami Tachiba endgültig zu entschlüsseln. Doch als er nichts als reine, warme Zuneigung in ihrem Blick fand, gab er sich geschlagen. Ein winziges, fast unsichtbares Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Nach dir“, raunte er und bedeutete ihr mit einer knappen Kopfbewegung, vorzugehen.

Nami ging mit federnden Schritten voran, das silbrig weiße Haar schwang im Takt ihrer Bewegung, und in ihrer Brust wohnte eine ruhige, erwachsene Stärke. Sie war bereit für alles, was kam.

Die Fahrt zur BBA verlief in der gewohnten, beinahe rituellen Ruhe, die Nami an ihren gemeinsamen Fahrten so schätzte. Der kraftvolle Motor von Kais Wagen schnurrte beruhigend, während die Skyline von Tokio an den getönten Fenstern vorbeizog. Nami saß entspannt auf dem Beifahrersitz, blickte hinaus auf die belebten Straßen und genoss die warme Juni-Sonne, die durch die Frontscheibe brach.

Doch auf der anderen Seite der Mittelkonsole sah die Welt ganz anders aus.

Kais Hände lagen fest auf dem Lenkrad, die Knöchel leicht weiß vor Anspannung. Seine rubinroten Augen waren starr auf die Straße gerichtet, doch sein Fokus lag ganz woanders. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich weiter, wie ein Raubvogel auf der Suche nach Beute. Es war nicht so, dass er ihr nicht glaubte. Er hatte ihr Lächeln gesehen, ihr Lachen gehört, ihre Nähe gespürt... und all das war echt gewesen.

Er wusste, dass sie ihn nicht kaltblütig belog. Und dennoch war da etwas. Sein jahrelang geschärfter, beinahe unheimlicher Instinkt schlug bereits seit Tagen Alarm. Es war dieses subtile, nagende Gefühl im Hinterkopf, das ihm zuflüsterte, dass irgendetwas hier ganz gewaltig nicht stimmte.

Als hätte er in einer perfekten Gleichung ein winziges, aber entscheidendes Detail übersehen.

Ein Fehler im System. Doch Kai kam einfach nicht darauf, was es war.

„Kai?“

Namis sanfte Stimme riss ihn mit einem Schlag aus dem Labyrinth seiner Gedanken. Er blinzelte kurz und warf ihr einen flüchtigen Seitenblick zu. Sie hatte sich ein Stück zu ihm herübergedreht, das silbrig weiße Haar fiel ihr weich über die Schulter, und auf ihren Lippen lag ein amüsiertes, liebevolles Lächeln.

„Wieso blickst du denn schon wieder so mürrisch drein?“, fragte sie neckisch und legte den Kopf leicht schief. „Wenn du die Straße noch länger so böse anschaust, kriegt der Asphalt vor Angst Risse.“

Kai schwieg für ein paar Sekunden, bog gekonnt um eine scharfe Kurve und atmete dann tief und schwer durch die Nase aus. Normalerweise hätte er eine solche Frage mit einem knappen Brummen abgetan, doch die Unruhe in ihm war mittlerweile zu real, um sie einfach zu ignorieren. Er entschied sich für die nackte Wahrheit.

„Ich habe das Gefühl, etwas vergessen oder... übersehen zu haben“, raunte seine tiefe Stimme, rau und vollkommen humorlos. Seine Augen verengten sich leicht, während er den Wagen vor einer roten Ampel zum Stehen brachte. „Ich komme nur verdammt noch mal nicht drauf, was es ist.“

Nami zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Du? Etwas vergessen? Das wäre das erste Mal, seit ich dich kenne.“

„Es ist nichts Materielles, Nami“, entgegnete er prompt und wandte ihr nun den Kopf zu. Sein rubinroter Blick fixierte sie mit einer Ernsthaftigkeit, die sie frösteln ließ, trotz der sommerlichen Hitze im Wagen.

„Und genau das ist das Problem. So etwas hatte ich zuvor noch nie. Es ist wie eine innere Unruhe. Als hätte irgendetwas in mir eine Anomalie entdeckt… eine Unstimmigkeit im Ablauf der letzten Woche, die ich aber mit dem Verstand noch nicht greifen kann.“

Er sprach es aus wie ein Analytiker, der einen Systemfehler beschrieb, doch Nami spürte die tiefe, echte Irritation, die hinter seinen Worten lag.

Kai Hiwatari verließ sich blind auf seinen Instinkt... im Kampf wie im Leben. Wenn sein Inneres ihm sagte, dass da ein unsichtbarer Riss in ihrer perfekten Realität existierte, dann ruhte er nicht, bis er ihn gefunden hatte.

Nami schluckte die plötzliche Nervosität hinunter, die bei seinen Worten in ihr aufkeimte. Suchte sein Instinkt nach den Tränen, die sie heimlich vergossen hatte?

Hatte er doch eine Spur ihrer nächtlichen Trauer gewittert? Sie zwang sich, ihr Lächeln aufrechtzuerhalten, legte ihre Hand beruhigend auf seinen Oberschenkel und drückte ganz leicht zu.

„Vielleicht bist du einfach nur urlaubsreif.“, sagte sie mit sanftem, beruhigendem Tonfall, während die Ampel auf Grün sprang. „Du arbeitest viel, das Training mit den Junioren fordert dich… Mach dir nicht zu viele Gedanken. Spätestens in der BBA lenken dich die Kinder sowieso ab.“

Kai sah wieder auf die Straße und beschleunigte den Wagen, doch der Druck in seiner Brust wich nicht. Er nahm ihre Berührung wahr, genoss die Wärme ihrer Hand, aber die Anomalie in seinem Kopf blieb bestehen. Sie war da, unsichtbar und geduldig, und wartete nur darauf, von ihm entschlüsselt zu werden.

Das monumentale Gebäude der BBA ragte vor ihnen in den Sommerhimmel. Als Kai den Wagen auf dem reservierten Parkplatz zum Stehen brachte und den Motor ausschaltete, herrschte für einen Moment eine fast greifbare Stille im Innenraum.

Kai rührte sich nicht. Seine Hände lagen immer noch auf dem Lenkrad, sein Blick starr geradeaus gerichtet. Diese ominöse „Anomalie“, die sein Instinkt gemeldet hatte, wich nicht zurück. Im Gegenteil. Je länger er in Namis Nähe war, desto lauter wurde dieses unterschwellige Rauschen in seinem Kopf. Es war wie ein Frequenzfehler, ein Störsignal, das er nicht einordnen konnte.

Nami beobachtete ihn von der Seite. Das sanfte Lächeln auf ihren Lippen verblasste minimal, als sie sah, wie tief die Falte zwischen seinen Augenbrauen verankert blieb. Sie spürte seine Anspannung, doch sie schob es auf den Stress der letzten Wochen.

„Kai? Alles gut?“, fragte sie leise und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.

Als ihre Handfläche ihn berührte, zuckte ein winziger Impuls durch seinen Körper. Er drehte den Kopf zu ihr. Seine rubinroten Augen verengten sich, als er ihr Gesicht fixierte.

Er atmete unbewusst tief durch die Nase ein. Da war dieser Duft, der sie umgab... vertraut, unendlich süß, und doch… hatte er das Gefühl, dass sich eine Nuance darin verändert hatte.

Seine Augen glitten hinab zu ihrem Hals, zu dem feinen Schlüsselbein, das unter dem leichten Sommerkleid hervorlugte, und weiter zu ihren Händen. Nichts. Keine nervösen Gesten, kein Ausweichen. Sie sah ihn einfach nur mit diesen großen, ehrlichen ozeanblauen Augen an, die vor purer Zuneigung glänzten.

Er verstand es nicht. Und dieses Unverständnis machte ihn, den geborenen Kontrollfreak, regelrecht wütend auf sich selbst.

„Es ist nichts“, raunte er schließlich, und seine Stimme klang noch eine Spur rauer und abweisender als sonst. „Gehen wir rein. Die Junioren warten.“

Nami schmunzelte leise über seine typisch mürrische Art, schnappte sich ihre Tasche und stieg aus.

Als sie gemeinsam durch die automatischen Glastüren der BBA-Zentrale traten, wurden sie sofort von der lebhaften, energiegeladenen Atmosphäre der Trainingshalle empfangen. Das vertraute, metallische Surren von Beyblades, die in den Arenen aufeinanderprallten, und das laute Rufen der Jugendlichen erfüllten den Raum.

„Ah, da sind ja unsere beiden Sterne!“, tönte die vertraute, herzliche Stimme von Mr. Dickenson. Der ältere Herr im eleganten Anzug kam ihnen mit wehendem Gehrock und einem breiten Strahlen entgegen.

„Pünktlich wie die Maurer. Nami, mein Kind, die Auszubildenden in der Technikabteilung haben schon sehnsüchtig auf dich gewartet. Es gibt ein paar Prototypen der neuen Generation, die eine feinfühlige Hand bei der Justierung der Gewichtsringe brauchen.“

„Ich bin schon unterwegs, Mr. Dickenson“, erwiderte Nami gut gelaunt. Sie warf Kai einen schnellen, aufmunternden Blick zu.

„Wir sehen uns später in der großen Halle?“

Kai nickte nur kurz, die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah ihr nach, wie sie mit federnden Schritten und wehendem, silberweißen Haar in Richtung der Werkstätten verschwand.

Wieder sprang sein Instinkt an. Die Art, wie sie ging, wie sie sich bewegte… es wirkte runder, weicher.

~Du bildest dir das ein, Hiwatari~ maßregelte er sich innerlich selbst und biss die Zähne zusammen. Es gab keine logische Erklärung für diese phantomhafte Unruhe in seinem Inneren. Und dennoch blieb dieses Gefühl, dass eine unsichtbare Lawine ins Rollen geraten war, die er mit all seiner strategischen Macht nicht mehr aufhalten konnte.

Während Nami in den Werkstätten der BBA verschwand, ließ Kai sich von Mr. Dickenson in dessen geräumiges, mit alten Beyblade-Trophäen und historischen Fotos dekoriertes Büro führen.

Der Duft von schwerem Mahagoniholz und frisch aufgebrühtem Earl-Grey-Tee lag in der Luft.

Kai saß mit gewohnt unnahbarer Haltung auf dem Ledersessel, die Arme vor der Brust verschränkt, während der ältere Herr mit einem feinen Lächeln den Tee eingoss. Eigentlich hatte Kai keine Geduld für Smalltalk, doch das dumpfe Rauschen in seinem Kopf, diese phantomhafte Unruhe, weigerte sich beharrlich, zu verschwinden.

„Es ist wirklich erstaunlich, Kai“, begann Mr. Dickenson, stellte die Tasse vor dem Ex-Champion ab und blickte aus dem großen Fenster hinab in die Trainingshalle, wo Nami gerade wieder aufgetaucht war, um ein paar der jüngeren Blader zu begrüßen.

„Nami bringt eine ganz wunderbare Energie in dieses Haus. Ich habe selten jemanden erlebt, der eine so natürliche, tiefgreifende Wirkung auf die Junioren hat.“

Kai schwieg, doch seine rubinroten Augen folgten Dickensons Blick. Durch die Glasscheibe des Büros sah er Nami. Sie lachte, kniete sich zu einem kleinen Jungen hinunter und strich ihm aufmunternd über die Schulter.

„Wissen Sie“, fuhr der alte Mann mit sanfter, nachdenklicher Stimme fort, „ich kenne Nami nun auch schon eine ganze Weile. Aber in letzter Zeit hat sich etwas an ihr verändert. Es ist schwer in Worte zu fassen… Sie wirkte früher oft wie ein wilder, ungestümer Wirbelwind. Doch jetzt? Sie strahlt eine ganz neue, tiefe innere Ruhe aus. Eine Reife und Weichheit, die beinahe… mütterlich wirkt. Als hätte sie ein ganz neues Fundament in sich gefunden.“

Mütterlich.

Eine ganz neue, tiefe innere Ruhe.

Die Worte des BBA-Vorsitzenden bohrten sich wie eiskalte Nadeln in Kais Gehirn. Sie hallten in seinem Kopf wider, paarten sich mit dem Bild von Nami da unten, der Art, wie sie ging, wie sie sich bewegte, wie sie lachte…

Und plötzlich, in einem einzigen, markerschütternden Sekundenbruchteil, blieb Kais Herz beinahe stehen.

Es traf ihn mit der Wucht eines Frontalaufpralls. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Das unerträgliche Rätsel, das sein System seit etwas mehr als einer Woche lahmlegte, diese ungreifbare Anomalie.

Auf einen Schlag ergab alles einen rücksichtslosen, mathematischen Sinn.

Er wusste wieder, was er vergessen hatte. Was er übersehen hatte, weil seine eigene, biologische Sicherheit ihn blind gemacht hatte.

Kai kannte Nami nun seit einem Jahr. Sie waren seit fast zehn Monaten ein Paar, teilten sich das Bett im Anwesen, und als geborener Stratege und Analyst, der sie rund um die Uhr las, hatte er sich von Anfang an vollkommen automatisch ihren Zyklus eingeprägt.

Er hatte es immer faszinierend gefunden, wie sich ihr Verhalten, ihre Temperatur und ihre Stimmung um winzige, für Fremde unsichtbare Nuancen änderten. Ihr Zyklus war in dieser gemeinsamen Zeit immer absolut präzise gelaufen.

Wie ein fehlerfreies Uhrwerk.

Und nun rechnete sein Verstand in rasanter, mörderischer Geschwindigkeit zurück.

Osaka. Vor exakt drei Wochen. Genau in dem Zeitfenster, in dem Nami ihren Eisprung gehabt haben musste. Diese hochemotionalen Stunden, in denen sie so verletzlich gewesen war.

Kai starrte durch die Glasscheibe, während ihm der Atem in der Kehle fror. Seine Kiefermuskeln mahlten so hart aufeinander, dass es in seinen Ohren knackte. Seine Berechnungen im Kopf stoppten bei einem unbarmherzigen Ergebnis: Nami war seit über einer Woche überfällig. Und genau seit diesem Tag hatte sich diese subtile, weiche Veränderung in ihre Aura geschlichen, die er einfach nicht hatte zuordnen können, weil er nach psychologischer Trauer gesucht hatte.

Er hatte nach Rissen in ihrer emotionalen Fassade gesucht, während ihr Körper längst eine ganz eigene Sprache sprach.

Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken, während seine Hände sich so fest in die Armlehnen des Sessels krallten, dass das Leder leise knarrte. Es war biologisch unmöglich. Er hatte eine Vasektomie. Er war steril. Die Ärzte hatten es ihm versichert.

Und doch… starrte er da hinunter auf die Frau, die er über alles liebte, während sein ganzer, sonst so unfehlbarer Verstand in den Grundmauern erschüttert wurde.

„Kai? Alles in Ordnung?“, fragte Mr. Dickenson plötzlich besorgt, als er das abrupte, bedrohliche Erstarren des jungen Mannes bemerkte.

Kai hörte ihn gar nicht mehr. Das Rauschen in seinem Kopf war einem ohrenbetäubenden, absoluten Fokus gewichen. Seine rubinroten Augen fixierten Nami, und zum ersten Mal in seinem Leben spürte Kai Hiwatari eine Emotion, die er noch nie zuvor gefühlt hatte:

nackte, fassungslose Überwältigung.

„Kai? Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“, wiederholte Mr. Dickenson seine Frage, und dieses Mal schwang echte Besorgnis in der Stimme des älteren Mannes mit. Kai saß so unbeweglich da, als wäre er aus kaltem Marmor gemeißelt.

Mit einer fast übermenschlichen Willensanstrengung zwang Kai die rasenden Zahnräder in seinem Kopf dazu, langsamer zu laufen. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Nicht hier. Nicht vor Dickenson.

Er atmete einmal tief durch die Nase aus, löste den schraubstockartigen Griff von den Armlehnen des Sessels und stand mit der gewohnten, fließenden Eleganz auf.

„Es ist nichts“, raunte er, und seine Stimme klang so eisig und kontrolliert wie eh und je.

„Ich habe nur an einen geschäftlichen Termin gedacht. Wenn Sie mich entschuldigen würden, Dickenson. Ich muss zum Training.“

Er wartete die Antwort des alten Mannes gar nicht erst ab, sondern drehte sich um und verließ das Büro. Doch als er die Treppen zur Trainingshalle hinunterging, schaltete sein Gehirn in den ultimativen, rücksichtslosen Strategen-Modus. Kai Hiwatari ging keine Risiken ein. Er baute keine Luftschlösser. Er brauchte Beweise.

Sein Plan stand fest, noch bevor er den Fuß auf den Hallenboden setzte: Er würde Nami in den nächsten Tagen ununterbrochen beobachten. Jede Mahlzeit, jede Bewegung, jede Müdigkeitsattacke. Und gleichzeitig würde er das Einzige tun, was absolute mathematische Gewissheit bringen konnte.

Er würde heimlich, an Nami vorbei, einen Termin in einer urologischen Spezialklinik vereinbaren. Ein Spermiogramm. Er musste wissen, ob das Unmögliche passiert war...ob seine Vasektomie nach all den Jahren tatsächlich versagt hatte.

Als er die Halle betrat, fing Nami seinen Blick auf. Sie schenkte ihm ein strahlendes, unbeschwertes Lächeln und winkte ihm kurz zu, bevor sie sich wieder einem der Junioren widmete.

Kai winkte nicht zurück. Er verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich an eine der Säulen und fixierte sie. Von diesem Moment an wich sein rubinroter Blick nicht mehr von ihr. Er beobachtete sie wie ein Falke, der seine Beute belauerte... nur dass in seinen Augen keine Jagdlust lag, sondern eine brennende, fast schmerzhafte Intensität.

Er registrierte nun alles mit der Präzision eines Scanners.

Als Nami sich bückte, um eine Bey-Box aufzuheben, fiel ihm auf, wie behutsam sie die Bewegung ausführte. Als einer der Junioren beim Test-Bladen fast das Gleichgewicht verlor und leicht gegen sie stolperte, spannte Kai sich augenblicklich so heftig an, dass seine Muskeln schmerzten.

Er war kurz davor, dazwischenzugehen, hielt sich aber im letzten Moment zurück.

Beobachten, mahnte er sich innerlich.

~Keine voreiligen Schlüsse~

Auf der Heimfahrt am späten Nachmittag war die Luft im Wagen beinahe elektrisch geladen vor stummer Spannung. Kai lenkte den Wagen schweigend durch den dichten Verkehr von Tokio, während seine Hand auf dem Schaltknauf lag.

Nami saß entspannt auf dem Beifahrersitz, summte leise eine Melodie und blickte aus dem Fenster. Sie schien von der inneren Detektivarbeit ihres Freundes absolut nichts zu ahnen.

„Du bist heute wirklich extrem ruhig, Herr Champion“, bemerkte Nami schließlich lächelnd, ohne den Blick von den vorbeiziehenden Lichtern der Stadt zu wenden. „Hat das Training dich so geschlaucht?“

„Ich habe nur nachgedacht“, erwiderte er knapp. Seine Stimme war tief und vage genug, um keine Fragen aufzuwerfen.

„Über die BBA?“, fragte sie sanft, drehte sich zu ihm um und legte ihre Hand auf seinen Unterarm.

Wieder schoss dieser warme, fast elektrische Impuls durch seinen Körper, wo ihre Haut die seine berührte. Kai hielt den Atem an. Früher hätte er diese Berührung einfach genossen. Jetzt rechnete sein Verstand unbarmherzig:

~Ihre Haut fühlt sich minimal wärmer an als sonst. Erhöhte Basaltemperatur~

„Auch“, erwiderte er knapp und steuerte den Wagen mit gewohnter Präzision in die weitläufige Auffahrt des klassizistischen Ayame-Anwesens.

Als der Motor verstummte, blieb das Paar noch einen Moment stumm nebeneinander sitzen. Nami spürte die unterschwellige, fast greifbare Elektrizität, die von Kai ausging. Sie löste den Sicherheitsgurt, zögerte kurz und sah ihn dann mit einem leicht besorgten Blick an. Sie wollte gerade ansetzen, um ihn zu fragen, was ihn wirklich so tief beschäftigte, als Kai ihr zuvorkam.

Er stellte die Zündung komplett ab, wandte ihr den Kopf zu und fixierte sie mit einem Blick, der zwar intensiv, aber merklich sanfter war als noch in der BBA.

„Geh schon mal vor ins Anwesen, mein Schatz.“, raunte seine tiefe Stimme. „Ich muss noch ein wichtiges Telefonat für Dickenson erledigen. Das kann etwas dauern.“

Nami blickte ihn einen Moment überrascht an... normalerweise regelten sie solche Dinge gemeinsam oder er erledigte es in seinem Büro... , doch dann siegte das tiefe Vertrauen, das sie mit ihm verband. Sie schenkte ihm ein warmes, verständnisvolles Lächeln.

„In Ordnung. Übernimm dich nicht, ja? Ich richte uns schon mal ein kühles Getränk her“, sagte sie sanft. Sie beugte sich zu ihm herüber, gab ihm einen flüchtigen, zärtlichen Kuss auf die Wange und schnappte sich ihre Tasche.

Kai rührte sich nicht, während sie ausstieg, doch seine rubinroten Augen folgten jeder ihrer Bewegungen. Er beobachtete, wie sie mit federnden Schritten die Stufen zur Veranda hinaufging, die schwere Holztür des alten Herrenhauses öffnete und darin verschwand. Erst als die Tür leise ins Schloss gefallen war, entspannte sich die feine Linie zwischen seinen Augenbrauen minimal.

Er war allein.

Kai zog sein Smartphone aus der Tasche der Lederjacke. Seine Finger tippten schnell, kalt und bestimmt auf dem Display. Er suchte nicht nach Firmen-E-Mails. Er suchte nach einer diskreten, privaten urologischen Klinik im Zentrum von Tokio.

Er fand eine, die Express-Auswertungen für Privatpatienten anbot. Keine Wartezeiten, absolute Diskretion. Ein Termin für den nächsten Morgen war schnell gebucht...

Kai steckte das Telefon zurück in die Jackentasche, legte den Kopf an die Lederkopfstütze und sah hinauf zu den nun erleuchteten Fenstern des Anwesens. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein eingesperrtes Tier. In seinem Kopf war es immer noch biologisch unmöglich.

Aber sein Instinkt irrte sich nie. Die nächsten Tage würden die härteste Prüfung seines Lebens werden... denn das Fundament seiner gesamten Realität hatte begonnen, gefährlich zu schwanken.

Am nächsten Tag...

Das leise, monotone Summen der Klimaanlage war das einzige Geräusch, das die drückende Stille im Warteraum der Privatklinik durchbrach. Der Raum war in eleganten, aber sterilen Grautönen gehalten, die Wände behängt mit minimalistischer Kunst, die wohl beruhigend wirken sollte, auf Kai jedoch wie ein schlechter Witz wirkte.

Er saß auf einem der ledernen Freischwinger, die Arme tief vor der Brust verschränkt, die Beine ausgestreckt. Seine Lederjacke hatte er angelassen, als könnte die vertraute, schwere Schicht ihn vor der Realität dieses Ortes schützen. Seine rubinroten Augen fixierten die geschlossene, matte Glastür zum Laborbereich.

Vor weniger als einer Stunde hatte er sich heimlich aus der BBA davongestohlen. Nami war tief in ein technisches Gespräch mit den Junioren vertieft gewesen, umringt von begeisterten Jugendlichen und lachend, während sie einen störrischen Gewichtsring justierte. Sie war vollkommen abgelenkt gewesen.

Kai hatte den Moment genutzt, war wortlos im Trubel untergetaucht und durch den Hinterausgang verschwunden. Eine Ausrede für später würde er schon finden... Darum würde er sich kümmern, wenn es so weit war.

Jetzt zählte nur das Express-Ergebnis, auf das er hier warten musste.

Kai atmete langsam durch die Nase aus. In seinem Inneren tobte ein Krieg, den man seinem unbeweglichen, steinernen Gesichtsauschnitt nicht ansehen konnte.

Sein rationaler Verstand, das Fundament, auf dem er sein gesamtes Leben aufgebaut hatte, hielt eisern an der biologischen Tatsache fest: Er hatte sich vor Jahren einer Vasektomie unterzogen. Er war steril. Die Gleichung war einfach, die Logik unumstößlich.

~Es ist unmöglich~

Doch auf der anderen Seite stand sein Instinkt. Jener unheimliche, raubtierhafte Sinn, der ihn im Beyblade unbesiegbar gemacht hatte und der ihn seit über einer Woche anschrie, dass Namis Körper sich verändert hatte. Dass ihre Regel ausblieb, war kein Zufall. Dass sie diesen neuen, weichen, runden Duft verströmte, war keine Einbildung.

Zwei absolute Wahrheiten prallten in seinem Kopf aufeinander, und eine davon musste heute sterben.

Jede Sekunde auf der Digitaluhr an der Wand zog sich wie zähes Kaugummi. Kai spürte, wie sich die Muskeln in seinem Nacken schmerzhaft verkrampften.

Er war es gewohnt, die Kontrolle zu haben. Er kontrollierte seine Emotionen, seine Kämpfe, seine Zukunft. Doch hier, in diesem hellen, nach Desinfektionsmittel riechenden Warteraum, war er zur absoluten Passivität verdammt.

Er war kein Akteur; er war nur ein Beobachter, der auf das Urteil der Biologie wartete.

Das leise Klicken der Klinke ließ ihn augenblicklich aufhorchen.

Die matte Glastür öffnete sich. Ein älterer Arzt im weißen Kittel, die Züge professionell und neutral, trat heraus. Er hielt eine dünne Klemmmappe in der Hand, auf der in fetten Buchstaben Kais Name prallte. Der Blick des Mediziners suchte den Raum und blieb an der imposanten, düsteren Gestalt des Ex-Champions hängen.

„Mister Hiwatari?“, fragte der Arzt mit gedämpfter Stimme. „Das Express-Spermiogramm ist fertig. Bitte kommen Sie mit in mein Büro.“

Kai stand auf. Seine Bewegung war fließend, beinahe mechanisch. Während er dem Arzt durch den kahlen Flur folgte, spürte er, wie sein Herzschlag sich beschleunigte... ein seltenes, fast vergessenes Gefühl von Adrenalin, das nichts mit einem Bey-Kampf zu tun hatte.

Der Arzt setzte sich hinter seinen großen Schreibtisch und bedeutete Kai mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Kai blieb jedoch stehen. Er baute sich vor dem Schreibtisch auf, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, den Blick starr auf die Mappe gerichtet.

„Sparen Sie sich die Einleitung“, raunte Kais tiefe Bassstimme, schneidend kurz und absolut dominant. „Geben Sie mir einfach die Fakten.“

Der Arzt blinzelte kurz, überrascht von der kompromisslosen Kälte seines Gegenübers, nickte dann aber und schlug die Akte auf. Er rückte seine Brille zurecht.

„Nun, Mister Hiwatari… Ich weiß, dass Sie diesen Test zur Überprüfung Ihrer damaligen Vasektomie angefordert haben. Und ich muss gestehen, die Ergebnisse sind in der Tat äußerst selten, aber medizinisch nicht unmöglich.“

Der Arzt blickte auf und sah Kai direkt in die Augen. „Es ist zu einer Spontanrekanalisation gekommen. Die durchtrennten Samenleiter sind im Laufe der Jahre wieder zusammengewachsen. Ihr Spermiogramm zeigt eine völlig normale, vitale Konzentration an beweglichen Samenzellen.“

Die Worte des Arztes hingen in der sterilen Luft des Raumes.

Für einen Moment hörte Kai absolut nichts mehr. Das Blut rauschte in seinen Ohren wie ein reißender Fluss. Die medizinische Unmöglichkeit war in einer einzigen Sekunde in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus.

Vital. Normal. Zusammengewachsen.

Er war nicht mehr steril. Er war fruchtbar und in diesem exakten Moment fügten sich alle Puzzleteile der letzten drei Wochen mit einer markerschütternden, absoluten Brutalität zusammen.

Osaka. Namis Überfälligkeit. Ihre neue, weiche Aura.

Es war keine Anomalie seines Verstandes gewesen. Es war die Realität.

Nami war schwanger.

Sie trug sein Kind in sich.

Kai stand da, unbeweglich wie eine Statue, während die Welt um ihn herum zu schwanken schien. Seine rubinroten Augen verengten sich und in seiner Brust explodierte ein einziges, unkontrollierbares Chaos aus fassungsloser Überwältigung, Unglauben und einer tiefen, urwüchsigen Erschütterung.