Süßes Geheimins
Süßes Geheimins
Das sanfte, goldene Licht des frühen Junimorgens stahl sich durch die schweren Vorhänge des Hauptschlafzimmers im Ayame-Anwesen und legte sich wie ein warmer Schleier über das große Bett.
Nami blinzelte langsam, während das wohlige Gefühl der Sicherheit sie umhüllte. Sie lag eingekuschelt in Kais Armen, sein schwerer, muskulöser Arm lag schützend um ihre Taille und zog sie eng an seine nackte Brust. Sie lauschte dem gleichmäßigen, tiefen Atemzug, der seine Brust hob und senkte.
Es war selten, dass sie vor ihm wach war. Normalerweise war Kai der Erste, den das Licht des Tages weckte, doch heute war es anders. Nami hob leicht den Kopf und beobachtete sein schlafendes Gesicht.
Die sonst so harte, unnahbare Miene war im Schlaf merklich aufgeweicht, doch an der kleinen Falte zwischen seinen Augenbrauen erkannte sie es sofort: Er hatte in der Nacht noch lange gegrübelt. Die Nachricht von der Schwangerschaft, die Geister Voltaires und die plötzliche, monumentale Zukunft mussten ihn bis in die frühen Morgenstunden wachgehalten haben, während sie erschöpft an seiner Seite eingeschlafen war.
Ein unendlich warmes Gefühl der Zuneigung flutete ihre Brust. Sie hob langsam die linke Hand... an der der prachtvolle ozeanblaue Diamant im Halbdunkel matt funkelte... und legte ihre Fingerspitzen sachte an seine Wange. Ganz vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, strich sie über seine markante Kieferlinie, als wollte sie die verbliebenen Sorgen der Nacht einfach aus seiner Haut wischen.
In genau diesem Moment zuckten seine Augenlider. Die rubinroten Augen schlugen auf, sofort klar und fokussiert, ohne jede morgendliche Schläfrigkeit.
Als er ihr Gesicht so nah vor sich sah, verflog die gewohnte Wachsamkeit im Bruchteil einer Sekunde. Ein seltenes, unheimlich charmantes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Noch bevor Nami reagieren konnte, spannte Kai die Muskeln an und schwang sich mit einer fließenden, raubtierhaften Bewegung elegant über sie.
Nami lachte überrascht und leise auf, als sie plötzlich unter seinem warmen Körper begraben wurde. Ihre Hände fanden automatisch den Weg zu seinen breiten Schultern, während sie zu ihm hochblickte.
„Guten Morgen“, hauchte sie mit einem spitzbübischen Funkeln in den Augen.
Kai antwortete nicht. Sein Schmunzeln vertiefte sich, als er den Kopf senkte und seine Lippen sanft an ihren Hals legte. Nami hielt den Atem an, ein wohliges Schaudern lief ihr über den Rücken, als sie die Hitze seines Atems und das sanfte Prickeln seiner Küsse auf ihrer empfindlichen Haut spürte.
Seine großen Hände glitten an ihren Flanken nach oben, hielten sie fest an sich gedrückt, als wollte er sich vergewissern, dass dieser Moment, dass sie und das winzige Wunder unter ihrem Herzen, absolut real waren.
„Du bist wach“, raunte seine tiefe, raue Morgenstimme an ihrem Ohr, bevor er den Kopf wieder hob und sie aus seinen brennenden roten Augen fixierte.
„Schon ein bisschen länger als du“, erwiderte sie lächelnd, strich ihm eine Strähne seines Haares aus dem Gesicht und spürte, wie die Last der vergangenen Nacht in dieser puren Intimität vollkommen von ihm abfiel. Hier, in ihren Armen, gab es keine Zweifel. Nur sie beide.
Nami legte ihre Hände in seinen Nacken und spürte die wohlige Schwere seines Körpers auf ihrem.
„Können wir… noch ein wenig länger im Bett bleiben?“, fragte sie mit leiser, leicht rauer Stimme und blickte ihn bittend an.
Kais rubinrote Augen dunkelten augenblicklich nach. Das seltene, faszinierende Schmunzeln auf seinen Lippen vertiefte sich, während er seinen Kopf wieder senkte.
„Ich hatte exakt dieselbe Idee“, raunte seine tiefe Stimme an ihrer Haut. Seine Küsse wurden intensiver, wanderten von ihrer Schläfe über die Wange hinab zu ihrem Schlüsselbein, und seine großen Hände strichen mit besitzergreifender Langsamkeit über ihre Taille nach oben.
Namis Atem wurde flacher, ihre Brust hob und senkte sich schneller unter seinen Berührungen.
Eigentlich… eigentlich hatte sie mit ihrer Frage bloß gemeint, dass sie sich noch ein wenig an ihn kuscheln und die Ruhe des Morgens genießen wollten.
Aber das hier… das hier war auch mehr als in Ordnung.
Ein vertrautes Prickeln breitete sich in ihrem Bauch aus, und sie schloss die Augen, um sich ganz der Hitze seiner Lippen hinzugeben.
Doch plötzlich veränderte sich die Dynamik im Bruchteil einer Sekunde.
Kai hielt mitten in der Bewegung inne. Seine Lippen verharrten an ihrem Hals, dicht an ihrer pulsierenden Halsschlagader, doch er bewegte sich nicht mehr. Wie ein eisiger Blitz schoss ihm die Erinnerung an den gestrigen Nachmittag durch den Kopf.
Das Badezimmer.
Der Schwangerschaftstest.
Das Baby.
Ein unsichtbarer, mächtiger Widerstand baute sich in seinem Inneren auf. Irgendetwas... eine Mischung aus einer völlig irrationalen Angst, ihr oder dem winzigen, verletzlichen Leben in ihr wehzutun, und der schieren Wucht dieser neuen Verantwortung... hemmte ihn urplötzlich.
Der logische, hypervorsichtige Stratege in ihm hatte die Kontrolle übernommen und die Leidenschaft des Mannes eiskalt abgewürgt.
Seine Muskeln unter Namis Händen spannten sich so stark an, dass sie hart wie Marmor wirkten.
Nami spürte die abrupte Veränderung sofort. Das weiche, heiße Prickeln verflog und wich einer irritierten Stille. Sie öffnete die ozeanblauen Augen und sah zu ihm hoch. Kai hatte den Kopf gehoben; sein Blick war starr auf die Kissen neben ihrem Gesicht gerichtet, die Züge verschlossen und seltsam kontrolliert.
„Kai?“, fragte sie leise, und ihre Stimme war voller Besorgnis. Sie ließ ihre Hand von seiner Schulter an seine Wange gleiten. „Was ist los?“
Kai wandte den Blick nicht ab. Er sah sie stattdessen mit einer ungewohnten, fast schon beschämten Intensität an. Seine rubinroten Augen, die sonst so unbarmherzig und kühl sein konnten, wirkten in diesem Moment verletzlich. Er atmete schwer durch die Nase aus, während seine Muskeln unter ihren Händen noch immer angespannt blieben.
„Ich…“, begann er, und seine tiefe Stimme klang rau, fast ein wenig brüchig, bevor er sich fing und den Tonfall wieder kontrollierte.
„Mein Kopf steht mir im Weg.“
Nami strich ihm sanft mit dem Daumen über die Schläfe, hielt seinen Blick und wartete schweigend, bis er bereit war, die Worte auszusprechen.
„Das da in dir… es ist noch so winzig. Ich habe Angst, dass ich dir wehtue. Oder dem Baby. Ich bin nicht gerade für meine… Vorsicht bekannt, Nami.“
Es war eine ungemein ehrliche, typisch rationale Beichte für einen Mann wie ihn. Kai war ein Kämpfer, ein Stratege, der gewohnt war, mit roher Kraft und absolutem Fokus zu agieren.
Die Vorstellung, dass diese Kraft nun etwas so unendlich Kostbares und Fragiles beschädigen könnte, hatte ihn mitten in der Bewegung regelrecht gelähmt.
Ein tiefes, unendlich warmes Gefühl flutete Namis Brust. Auf ihren Lippen breitete sich ein sanftes, beruhigendes Lächeln aus. Sie spürte, wie viel Liebe in dieser scheinbaren Blockade steckte.
„Kai“, flüsterte sie und griff nach seiner großen, warmen Hand, die noch immer flach auf der Matratze neben ihrer Schulter lag. Sie löste seine Finger vom Stoff und führte seine Hand langsam nach unten, vorbei an ihrer Hüfte, bis sie sie flach auf ihren noch vollkommen flachen Bauch legte. Sie legte ihre eigene Hand schützend darüber und drückte sie sanft an sich.
„Sieh mich an.“
Er hob den Blick und fixierte ihre ozeanfarbenen Augen.
„Du wirst uns nicht wehtun“, sagte sie mit einer unerschütterlichen Gewissheit, die keinen Raum für Zweifel ließ.
„Du bist der vorsichtigste, aufmerksamste Mann, den ich kenne und unserem Baby passiert nichts. Aber… wenn dein Kopf heute Morgen einfach zu laut ist, dann ist das völlig in Ordnung.“
Sie übte einen leichten Druck auf seine Hand aus und zog ihn sanft nach unten. Kai gab dem Zug nach. Er rollte sich von ihr herunter, zog sie aber im selben Atemzug mit einer besitzergreifenden, festen Bewegung eng an seine Seite.
Nami schmiegte sich sofort an ihn, legte ihren Kopf auf seine nackte Brust und schlang einen Arm um seinen Oberkörper, während seine Arme sich wie ein unzerbrechlicher Schutzwall um sie schlossen.
Kai vergrub sein Gesicht tief in ihrem silberweißen Haar und atmete ihren vertrauten Duft ein. Nami spürte, wie die extreme, steinharte Anspannung in seinen Schultern mit jedem Atemzug ein Stückchen mehr wich.
Diese stille, feste Umarmung gab ihm genau die emotionale Erdung, die er nach den stundenlangen, nächtlichen Grübeleien so dringend gebraucht hatte. Die Zweifel verstummten, und was blieb, war die absolute Gewissheit, dass sie diesen Weg gemeinsam gehen würden... Schritt für Schritt, angefangen mit diesem ganz normalen, verrückten Tag in der BBA.
Nami genoss die beruhigende Schwere seines Arms auf ihrer Taille. Das rhythmische Schlagen seines Herzens unter ihrem Ohr war wie ein vertrauter Anker, der die aufgewühlten Gedanken der letzten Stunden endgültig vertrieb. Doch die Erleichterung über seine Ehrlichkeit weckte auch wieder ihren gewohnten, spitzbübischen Humor.
Sie hob leicht den Kopf, stützte das Kinn auf seine nackte Brust und sah zu ihm hoch. Ein amüsiertes, absolut neckisches Funkeln blitzte in ihren ozeanblauen Augen auf.
„Ich kann es immer noch nicht ganz glauben…“, begann sie mit einer spöttisch gedehnten Stimme, während ein breites Grinsen ihre Lippen umspielte, „dass du tatsächlich immer meinen Zyklus im Blick hattest. Kai Hiwatari, du bist und bleibst einfach ein unverbesserlicher, berechnender Stratege. Sogar im Schlafzimmer analysierst du Daten.“
Kai bewegte keine Faser seines Gesichts. Er starrte starr an die Decke des Schlafzimmers, doch der leichte, triumphierende Funke in seinen rubinroten Augen verriet ihn sofort. Er holte einmal tief Luft, bevor seine tiefe Bassstimme in absoluter Trockenheit antwortete.
„Es mathematisch zu erfassen, hatte durchaus seine strategischen Vorteile“, raunte er, als würde er über die Quartalszahlen der BBA sprechen. Er wandte den Kopf leicht zur Seite, um ihren Blick mit einer Intensität einzufangen, die sie augenblicklich erröten ließ.
„Vor allem, wenn wir miteinander geschlafen haben. Es war nie besonders schwer, anhand deiner emotionalen Reaktionen oder der feinen Veränderungen deiner Körperreaktionen präzise zu bestimmen, in welcher Phase des Zyklus du dich gerade befindest.“
Nami blinzelte, und die Hitze schoss ihr augenblicklich bis in die Spitzen ihrer silberweißen Haare. „Kai!“, stieß sie hervor und gab ihm einen leichten, völlig wirkungslosen Klaps gegen die Schulter, während ihr Herz einen verräterischen Sprung machte.
„Es ist die Wahrheit“, fuhr er vollkommen ungerührt fort, und ein winziges, fast unsichtbares Zucken seiner Mundwinkel bewies, wie sehr er ihre Reaktion genoss.
„Du bist wie eine perfekt kalibrierte Arena, Nami. Deine Hauttemperatur ist in bestimmten Wochen minimal höher, deine Berührungen sind fordernder, und deine Stimme verändert sich um Nuancen, wenn du mich ansiehst. Ich wäre ein schlechter Blader, wenn ich solche Details ignorieren würde.“
Nami vergrub ihr brennendes Gesicht stöhnend an seiner Halsbeuge, unfähig, gegen diese eiskalte, faszinierende Logik anzukommen.
„Du bist unglaublich…“, murmelte sie gegen seine Haut, während ihr eigenes Lachen seine Brust vibrieren ließ.
Kai schlang die Arme nur noch ein Stück fester um sie, zog sie enger an seinen Körper und vergrub sein Gesicht in ihrem duftenden Haar. Das strategische Pokerface war für diesen Moment perfekt, doch die tiefe, unerschütterliche Zufriedenheit in seiner Brust war absolut real.
Kai hielt sie noch ein Stück fester umschlungen, während das tiefe, beruhigende Vibrieren seiner Stimme direkt an ihre Haut abgegeben wurde.
„Außerdem“, fuhr er mit der gleichen unerschütterlichen Sachlichkeit fort, als würde er eine hochkomplexe Match-Analyse vortragen, „gab es da sehr deutliche Verhaltensmuster. Du hast mich zum Beispiel immer mit Vorliebe kurz vor deinem Eisprung provoziert. Vor allem, wenn du es darauf angelegt hast, dass ich dich durch das halbe Anwesen jage.“
Ein raues, leises Amüsieren schwang in seiner Stimme mit, als er sich an die Momente erinnerte, in denen sie ihn mit ihren spitzbübischen Bemerkungen so lange gereizt hatte, bis er sie im Flur eingeholt und hart an der Wand genommen hat.
„Und ein paar Tage nach dem Eisprung war das Gegenteil der Fall. Da wolltest du plötzlich ununterbrochen geküsst und einfach nur gehalten werden. Es war unmöglich, diese Rhythmen zu übersehen.“
Nami lag an seine Brust gedrückt und schüttelte fassungslos den Kopf, während ein helles, klangvolles Lachen aus ihrer Kehle drang. Sie sah zu ihm hoch, die ozeanfarbenen Augen voller Bewunderung und sanftem Spott.
„Ich finde es immer noch absolut unglaublich, dass du anhand von so etwas tatsächlich erahnt hast, dass ich schwanger bin, noch bevor ich es überhaupt selber wusste. Du hast mich gestern im Badezimmer angesehen, als hättest du das Ergebnis schon längst schriftlich vorliegen.“
Kai lenkte seinen Blick nach unten und fixierte sie aus den rubinroten Augen mit einer Intensität, die die Luft im Raum augenblicklich verdichtete.
„Weil die Anzeichen eindeutig waren“, sagte er trocken. „Dein Geruch hatte sich verändert. Subtil, aber für mich wahrnehmbar. Und deine Regel war seit Tagen überfällig... das war der offensichtlichste mathematische Faktor. Aber es waren eben noch andere, viel subtilere Dinge.“
Er hob eine Hand und ließ seine Daumenkuppe mit einer fast schon unheimlichen Sanftheit über ihre Unterlippe streichen.
„Du warst in den letzten Tagen zwar gut drauf aber leicht müder als sonst, hast dich nach dem Training schneller zurückgezogen. Und wenn ich dich berührt habe, hat deine Haut anders reagiert. Sensibler.“
Er hielt kurz inne, und der Schatten der tiefen, beschützenden Verantwortung, der ihn die ganze Nacht begleitet hatte, kehrte für einen flüchtigen Moment in seinen Blick zurück.
„Mein Verstand zieht keine voreiligen Schlüsse, Nami. Ich sammle Fakten. Und alle Fakten haben zu demselben Ergebnis geführt.“
Nami seufzte leise, schmiegte ihre Wange in seine Handfläche und genoss die kühle Vertrautheit seiner Haut. Gegen die messerscharfe Logik des Kai Hiwatari gab es eben kein Entkommen... erst recht nicht, wenn er sie so bedingungslos liebte, dass jede noch so kleine Veränderung ihres Körpers sofort in seinem strategischen Gedächtnis abgespeichert wurde.
Kai sah schweigend auf ihre Hand hinab, die noch immer auf seiner Brust ruhte. Sein Daumen strich sachte über die feine Goldfassung des Rings, wo der ozeanblaue Diamant selbst im gedämpften Morgenlicht des Schlafzimmers ein tiefes, feuriges Funkeln abgab.
„Willst du den Ring eigentlich anlassen, wenn wir gleich in die BBA fahren?“, fragte er mit gewohnt tiefer, ruhiger Stimme. Seine rubinroten Augen hoben sich und fixierten ihr Gesicht mit einem Blick, der keinerlei Erwartungshaltung, sondern pure, aufmerksame Offenheit widerspiegelte.
Er wusste genau, was für eine Welle der Aufmerksamkeit dieses Schmuckstück im Hauptquartier auslösen würde.
Nami hielt seinem Blick stand. Ihre ozeanfarbenen Augen leuchteten auf, und ein kleines, unendlich zärtliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Ist es denn in Ordnung für dich?“, fragte sie leise zurück, während sie ihre Finger ein wenig enger in seine schlang.
„Ich würde ihn unheimlich gerne tragen, Kai. Am liebsten würde ich ihn überhaupt nicht mehr abnehmen. Ich bin so unglaublich stolz darauf… stolz auf uns.“
Sie hob die Hand ein Stück an, drehte sie im Licht und betrachtete das prachtvolle Erbe der Minamoto-Blutlinie, das nun ihren Finger zierte. Dann blitzte plötzlich wieder dieses vertraute, spitzbübische Funkeln in ihren Augen auf, das Kai so gut an ihr kannte. Sie sah ihn von unten herauf mit einem amüsierten Grinsen an.
„Und um ehrlich zu sein… es interessiert mich brennend, ob die Leute Kommentare dazu abgeben. Ich will die Gesichter von Ray und den anderen sehen, wenn sie begreifen, was das zu bedeuten hat.“
Kai stieß ein kurzes, mürrisches Schnauben aus, doch das kaum merkliche Zucken seiner Mundwinkel verriet ihn sofort. Er genoss ihre schlagfertige, furchtlose Art.
„Es ist mir völlig egal, was die anderen sagen“, raunte er trocken und drückte ihre Hand noch einmal kurz und besitzergreifend an seine nackte Brust. „Es ist dein Ring. Trag ihn.“
Nami lachte leise auf und schmiegte sich dankbar für einen letzten, kostbaren Moment enger an seine Seite. Die Entscheidung war gefallen. Sie würden das Geheimnis ihrer Verlobung nicht verstecken... sie würden es der Welt genau so präsentieren, wie sie es am Vorabend beschlossen hatten: unumstößlich, stolz und nach ihren ganz eigenen Regeln.
Als sie wenig später das Hauptquartier der BBA betraten, war die Atmosphäre gewohnt geschäftig. Das Klacken von Beyblades, das dumpfe Summen der Trainingsarenen und das Lachen der Junioren erfüllte die weiten Hallen.
Nami hielt ihr Notizbrett fest umschlossen, während sie neben Kai durch den Korridor ging. Sie gaben sich alle Mühe, die gewohnte, professionelle Distanz zu wahren, doch in Kais Aura lag eine neue, unerschütterliche Ruhe, die die mürrische Kälte der letzten Tage vollkommen ersetzt hatte.
Es dauerte nicht lange, bis sie im Aufenthaltsbereich auf die anderen trafen. Max, Ray und Mariah standen an einer der Strategiewände und diskutierten über die neuen Trainingspläne der Junioren.
„Morgen, ihr beiden!“, rief Max gewohnt energisch und winkte mit einem breiten Strahlen.
Nami erwiderte den Gruß mit einem warmen Lächeln, hob die linke Hand, um sich eine silberne Locke aus dem Gesicht zu streichen, und tippte dann bewusst etwas auf ihrem Notizbrett an. Der Diamant blitzte im hellen Neonlicht der Halle unübersehbar auf.
Ray, der gerade an seiner Teetasse nippte, hielt mitten in der Bewegung inne. Seine goldenen Augen verengten sich leicht. Er blickte auf Namis Hand, dann auf das Notizbrett, dann wieder auf die Hand. Ein feines, nachdenkliches Stirnrunzeln legte sich auf seine Züge. Er sagte kein Wort, aber sein Blick wanderte langsam nach oben zu Kai.
Kai fing Rays fragenden Blick mit einer absolut steinernen, gleichgültigen Miene ab. Er verzog keinen Muskel, verschränkte lediglich die Arme vor der Brust und sah starr geradeaus.
Ray hob langsam eine Augenbraue, fixierte den funkelnden Ring noch einmal und trank dann schweigend seinen Tee weiter... das spöttische, aber wissende Lächeln auf seinen Lippen sprach Bände.
Das Katz-und-Maus-Spiel hatte begonnen.
Nami musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht laut loszulachen. Sie wandte sich hastig an Max, um die Aufmerksamkeit umzulenken. „Sag mal, Max… ich wollte dich eigentlich schon gestern fragen. Wolltest du nicht eigentlich diese Woche zurück in die USA fliegen? Dein Vater hat doch in New York auf dich gewartet.“
Max wich ihrem Blick plötzlich merkwürdig geschickt aus, kratzte sich am Hinterkopf und gab ein verlegenes Lachen von sich.
„Ah… ja, also… eigentlich schon! Aber Mr. Dickenson hat mir ein wirklich gutes Angebot gemacht, weißt du? Für die Koordination der Junioren-Liga hier in Tokio. Da konnte ich einfach nicht Nein sagen. Das ist eine riesige Chance!“
Neben ihm prustete Mariah plötzlich los. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und lachte so herzlich, dass die langen Haare wippten.
„Ein gutes Angebot von Mr. Dickenson, ja? Dass ich nicht lache, Max!“
Max lief augenblicklich glühend rot an, bis über die Ohren.
„Mariah! Sei ruhig!“, zischte er hastig und warf ihr einen panischen Blick zu.
„Nichts da, das ist viel zu gut!“, feixte Mariah, sichtlich amüsiert über das absolute Dilemma des blonden Bladers. Sie wandte sich mit blitzenden Augen an Nami.
„Max hat herausgefunden, dass du eine jüngere Schwester hast, Nami. Eine, die Midori heißt.“
Nami blinzelte überrascht. „Midori?“
„Ja!“, rief Mariah vergnügt, während Max am liebsten im Erdboden versunken wäre. „Midori war vor ein paar Tagen kurz hier in der BBA, zusammen mit eurem Vater Hiro. Du warst an dem Nachmittag nicht da, Nami. Aber Max hat sie gesehen. Und er hat nicht nur geredet, er hat regelrecht mit ihr geflirtet und ihr die ganze BBA gezeigt!“
Kai, der bis zu diesem Moment wie eine unnahbare Statue dabeigestanden hatte, lenkte seine rubinroten Augen langsam auf Max. Der Blick war von einer eisigen, fast schon bedrohlichen Intensität.
„Max“, raunte Kais tiefe Bassstimme, und der Tonfall ließ den armen Amerikaner unwillkürlich salutieren.
„Ist dir eigentlich bewusst, wie alt Midori ist?“
Max schluckte schwer, versuchte aber, sich mit einem schiefen, betont lockeren Grinsen zu retten.
„Eyy, kommt schon, Leute! Sie ist siebzehn! Da ist doch überhaupt nichts dabei, wir haben uns nur nett unterhalten! Sie war total süß und–“
Ein lautes, unaufhaltsames Aufbrennen von Gelächter schnitt ihm das Wort ab.
Nami hielt sich den Bauch und lachte so laut auf, dass sich einige Junioren an den Arenen verwundert umdrehten. Sie musste sich am Rand des Tisches abstützen, weil sie sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten konnte.
„Siebzehn?!“, brachte Nami zwischen zwei Lachern hervor, während ihr die Tränen in die Augen schossen.
„Max… hat Midori dir das etwa erzählt?“
Max blinzelte, die totale Verwirrung im Gesicht.
„Äh… ja? Also, sie meinte, sie geht bald auf eine Art College und… warum lachst du so?!“
Nami wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und sah ihn mit unendlichem Mitleid, aber noch größerer Belustigung an.
„Max… Midori ist erst vierzehn. Sie kommt nach den Sommerferien auf eine Hochschule.“
Das gesamte Gesicht von Max entgleiste. Jede einzelne Farbe wich aus seinen Wangen, bis er so blass war wie die Marmorwände des Ayame-Anwesens. Er erstarrte komplett, der Mund stand ihm weit offen, und seine Augen waren so groß wie Beyblade-Discs.
„Vier… vierzehn?“, krächzte er, und seine Stimme überschlug sich beinahe.
Mariah bog sich vor Lachen, und selbst Ray konnte sich nicht mehr halten und prustete seinen Tee fast wieder in die Tasse.
Kai sah den völlig versteinerten Max an, zog eine Augenbraue in epischem Ausmaß nach oben und schüttelte langsam den Kopf.
„Gratuliere, Max. Du hast dich gerade für den Rest deines Lebens in Japan disqualifiziert. Wenn Hiro Tachiba davon erfährt, sorgt er persönlich dafür, dass du die USA nie wieder siehst.“
„Ich… ich wusste das nicht! Ich schwöre, ich wusste das nicht!“, stammelte Max in absoluter Panik, während er hilfesuchend zu Nami blickte, die noch immer leise kicherte und ihre funkelnde Hand beruhigend auf seine Schulter legte.
Inmitten dieses herrlichen Chaos und Max’ absolutem Nervenzusammenbruch spürte Nami, wie Kai unbemerkt seine Hand an ihre Kehrseite legte und sie mit einem sanften, kaum wahrnehmbaren Druck näher an sich zog.
Niemand sah es, aber sie spürte die Hitze seiner Finger. Sie sah zu ihm hoch und fing ein winziges, fast unsichtbares Zucken seiner Mundwinkel ein.