Rückhalt
Rückhalt
Ein paar Stunden später....
Das gedämpfte Klappern von Tabletts und das Gemurmel der Junioren in der Mensa der BBA flauten langsam ab, als die Mittagspause sich dem Ende neigte. Nami und Kai waren bereits auf dem Weg zurück zu den Trainingshallen, um nach den Nachwuchsbladern zu sehen.
Am Ecktisch in der hinteren Ecke der Mensa saßen Max, Ray und Mariah jedoch noch für ein paar letzte Minuten zusammen. Max starrte mürrisch auf den Rest seines Sandwiches, die Arme auf der Tischplatte verschränkt, und sah aus wie ein begossener Pudel, der das Pech hatte, in einen heftigen Sommerregen geraten zu sein.
Das majestätische Pokerface, das er am Morgen aufzusetzen versucht hatte, war längst einer tiefen, besorgten Melancholie gewichen.
Mariah, die genüsslich an ihrem Eistee nippte, beobachtete ihn amüsiert durch ihre Katzenaugen. Sie stieß ihn leicht mit dem Ellbogen an.
„Komm schon, Max. Lass den Kopf nicht hängen und nimm es nicht so schwer. Es hat doch außer uns keiner mitbekommen. Und Hiro Tachiba hat sicher besseres zu tun, als die BBA nach dir zu durchsuchen.“
Max stöhnte leise auf, fuhr sich mit beiden Händen durch das struppige blonde Haar und hob den Kopf. Sein Blick war eine Mischung aus Trotz und purer Verzweiflung.
„Ja, aber mal ehrlich…“, begann er, und seine Stimme sank in ein leises, brummiges Flüstern, als er sich verschwörerisch über den Tisch beugte.
„Ist ein Altersunterschied von sechs Jahren denn wirklich...so schlimm? Ich meine… rein hypothetisch!“
Mariah zog skeptisch eine Augenbraue nach oben, während Ray seine Teetasse abstellte und Max mit einem unendlich gelassenen, aber verdammt scharfen Blick fixierte.
„Überlegt doch mal!“, redete Max sich jetzt fast schon um Kopf und Kragen, die Hände wild in der Luft bewegend.
„Ich bin zwanzig! Ich bin keine dreißig oder vierzig! Midoris vierzehn Jahre sind doch jetzt… ich weiß nicht, das ist doch in der heutigen Zeit nicht mehr so schlimm, oder? In ein paar Jahren kräht da kein Hahn mehr danach. Sie hat gewirkt wie siebzehn! Sie redet wie eine Erwachsene!“
Mariah konnte sich ein kurzes, helles Lachen nicht verkneifen und schüttelte den Kopf.
„Max, das Problem ist nicht, wie alt sie in fünf Jahren ist. Das Problem ist das Jetzt. Sie ist vierzehn. Wenn du sie ins Kino ausführst, bestellst du ihr ein Kindermenü, während du ein Bier trinkst. Merkste selbst, oder?“
Max sank sofort wieder ein Stück in seinem Stuhl zusammen und grummelte etwas Unverständliches in seinen Pulloverkragen.
Ray blieb vollkommen ruhig. Er verschränkte die Arme auf dem Tisch, sah Max direkt in die Augen und sprach mit dieser tiefen, unerschütterlichen Vernunft, die ihn als ehemaligen Anführer der White Tigers auszeichnete. Seine Stimme war frei von Spott, aber von einer messerscharfen Direktheit.
„Max“, sagte Ray gelassen, und ein feines, warnendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
„Es geht nicht nur um die sechs Jahre an sich. Es geht darum, wessen Tochter sie ist. Du redest hier von Hiro Tachiba. Dem Mann, der die Strategien der BBA-Elite mit der Präzision eines Chirurgen berechnet. Er ist Namis Vater... und du hast heute Morgen selbst gesehen, wie Kai reagiert hat.
Kai hält sich normalerweise aus allem heraus, was ihn nichts angeht. Aber als du Midoris Namen erwähnt hast, hättest du mit der Kälte in seinen Augen den gesamten Raum einfrieren können.“
Ray machte eine kurze Pause und klopfte Max beruhigend, aber mit Nachdruck auf die Schulter.
„Midoris vierzehn Jahre sind im Moment eine absolute Tabuzone für dich, mein Freund. Wenn du auch nur im Entferntesten daran denkst, dieses 'hypothetische' Szenario weiterzuspinnen, bevor sie volljährig ist, wird Hiro dich nicht nur aus der BBA werfen lassen. Er wird dafür sorgen, dass du mathematisch so präzise zerlegt wirst, dass dein Beyblade dich nicht mal mehr wiederkennt. Und Kai wird ihm wahrscheinlich noch das Werkzeug dafür reichen. Also: Atme tief durch, vergiss den Flirt und konzentrier dich auf die Junioren. Das ist gesünder für deine Lebenserwartung.“
Max schluckte schwer. Er starrte Ray an, blickte dann zu Mariah, die heftig nickte, und sah schließlich ein, dass er diesen Kampf an allen Fronten verloren hatte.
„Okay, okay… Ich hab’s verstanden“, murmelte er, stand mit einem tiefen Seufzer auf und griff nach seinem leeren Tablett.
„Keine vierzehnjährigen Tachibas für mich. Ich will mein Leben noch ein bisschen genießen.“
„Sag mal, Max…“, warf Ray mit ruhiger Stimme ein, während er seine leere Teetasse auf das Tablett stellte und den blonden Amerikaner aufmerksam musterte.
„Nimmst du den verschobenen Flug nach New York jetzt eigentlich doch wahr? Es wäre ja die perfekte Gelegenheit, ein wenig Gras über die Sache wachsen zu lassen.“
Max hielt mitten in der Bewegung inne. Er stand bereits halb, das Tablett fest in den Händen, und ein gequältes, fast schon trotziges Seufzen entwich seiner Brust.
„Nein“, sagte er und schüttelte den Kopf, während er mürrisch auf den Boden starrte. „Ich habe Mr. Dickensons Angebot für den Posten hier in Tokio gestern Abend schon fest zugesagt und den Vertrag unterschrieben. Es wäre jetzt ziemlich blöd und unprofessionell, einfach feige abzuhauen, nur weil ich… na ja, mich im Alter geirrt habe. Ich muss da jetzt wohl einfach durch.“
Mit hängenden Schultern und einem letzten, frustrierten Brummen drehte Max sich um und lief davon, um sein Tablett wegzubringen.
Mariah sah ihm schmunzelnd nach, bis er durch die Schwingtüren der Mensa verschwunden war.
Als wieder Ruhe am Tisch einkehrte, lehnte sie sich ein Stück vor, stützte das Kinn in die Hände und sah Ray mit einem vielsagenden, fast schon detektivischen Blick an.
„Ray…“, begann sie leise, um nicht von den verbleibenden Junioren gehört zu werden.
„Ist dir heute Morgen eigentlich aufgefallen, wie… merkwürdig Kai sich verhält? Er weicht Nami nicht einen Zentimeter von der Seite. Er klebt heute regelrecht an ihr. Sogar als sie vorhin nur kurz die Kopien aus dem Büro geholt hat, stand er am Ende des Flurs und hat auf sie gewartet. Das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich.“
Ray nickte langsam. Ein wissendes, ruhiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während seine goldenen Augen das verblassende Licht der Mensa einfingen.
„Ich habe es gemerkt. Und nicht nur das. Hast du den Ring an Namis linkem Ringfinger gesehen?“
Mariah nickte sofort eifrig, ihre Katzenaugen weiteten sich.
„Natürlich! Ich wollte es eigentlich direkt zu Beginn ansprechen, weil der ozeanblaue Stein einfach atemberaubend ist und perfekt zu ihren Augen passt. Aber… ich dachte mir, es ist bestimmt nur ein schönes Accessoire. Ein neues Schmuckstück, das sie sich gegönnt hat. Was anderes… kann es doch eigentlich gar nicht sein, oder? Ich meine, wir reden hier von Kai. Der große Kai Hiwatari macht doch keine spontanen Liebesgeständnisse, geschweige denn Anträge an einem ganz normalen Dienstag.“
Ray holte tief Luft, griff nach seinem Tablett und stand auf.
„Bei Kai, Mariah, sollte man niemals das Unmögliche ausschließen. Vor allem nicht, wenn Nami im Spiel ist.“
Die weiteren Stunden am Nachmittag vergingen zäh. Kai hatte seine Rolle als unnahbarer Coach perfekt gespielt, doch im Inneren des 20-Jährigen tobte ein Krieg, den kein Pokerface der Welt dauerhaft verbergen konnte. Die Wucht der Realität hatte ihn eingeholt.
Vaterschaft.
Das Wort allein fühlte sich in seinem Kopf an wie ein Fremdkörper. Er war zwanzig. Er war ein globaler Champion, ein Mann, dessen eigene Kindheit in den eisigen Mauern der russischen Abtei zerstört worden war. Wie sollte er ein Kind großziehen? Was, wenn das Gift seines Großvaters Voltaire tiefer in seinen Genen saß, als er wahrhaben wollte?
Die Verantwortung drückte wie tonnenschweres Blei auf seine Brust.
Als die Junioren eine eigenständige Trainingspause einlegten, trat Kai im Korridor an Nami heran. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter, seine Stimme war tief und klang ungewohnt rau.
„Ich muss kurz was erledigen, Nami. Bin in zwanzig Minuten wieder da.“
Nami sah zu ihm auf. Ihre ozeanfarbenen Augen, die so voller Vertrauen waren, suchten seinen Blick. Sie spürte die unterschwellige Vibration seiner Anspannung, nickte aber sanft.
„Geh nur, Kai. Ich passe hier auf.“
Kai drehte sich um und ging. Er brauchte keine Erledigung zu machen; er brauchte Luft. Er brauchte Abstand von den Stimmen, dem Klacken der Beyblades und dem unaufhörlichen Hämmern seiner eigenen Gedanken.
Er schlug den Weg zum abgelegenen Westflügel des Hauptquartiers ein, stieg die metallenen Wartungstreppen hinauf und öffnete die schwere, rostige Tür, die zum weitläufigen, leicht schrägen Flachdach der BBA führte.
Die Sommerluft hier oben war heiß, aber ein frischer Wind ging. Kai ging ein paar Schritte, suchte sich eine schattige Stelle auf dem warmen Teerpappe-Boden und ließ sich langsam herabsinken. Er legte sich flach auf den Rücken, verschränkte die Arme im Nacken und starrte mit finsterem, gedankenversunkenem Blick in den unendlichen Horizont des Himmels über Tokio. Die Wolken zogen langsam vorbei, unbeeindruckt von dem Chaos in seinem Inneren.
Unten im Trainingsbereich war Ray aufgefallen, dass Kai ungewöhnlich lange wegblieb. Da er seinen langjährigen Teamkollegen besser kannte als die meisten, ahnte er bereits, wo er suchen musste. Kai flüchtete immer nach oben, wenn die Welt unten zu laut wurde.
Das leise Quietschen der schweren Metalltür verriet Rays Ankunft auf dem Dach. Seine Schritte hallten gedämpft, als er über die Schräge ging und schließlich wenige Meter vor dem liegenden Kai stehen blieb. Ray schob die Hände in die Taschen und sah auf ihn herab.
„Ich dachte mir schon, dass du hier oben bist“, sagte Ray ruhig, seine Stimme getragen vom Wind.
Kai bewegte sich nicht um einen Millimeter. Er starrte weiter starr an die Decke des Himmels, die Arme fest im Nacken verschränkt.
„Wenn du gekommen bist, um über Max zu lachen, bist du spät dran“, raunte Kais tiefe Bassstimme, kalt und abweisend wie eh und je.
Ray schmunzelte leise und setzte sich mit etwas Abstand ebenfalls auf den Boden, die Beine angewinkelt.
„Nein. Max leidet unten in der Kabine vor sich hin. Darum geht es nicht.“
Er hielt inne, sah zum Horizont und fügte dann mit einer Ernsthaftigkeit hinzu, die keinen Raum für Ausflüchte ließ:
„Es geht um dich, Kai. Und um den Ring an Namis Finger.“
Ein langes, schweres Schweigen dehnte sich zwischen den beiden Männern aus. Nur das ferne Rauschen der Stadt war zu hören. Kais Kiefermuskel zuckte merklich, während er die Augen für einen kurzen Moment schloss, als würde er versuchen, die Stimmen der Vergangenheit endgültig auszusperren.
Für einen langen Moment atmete er nur den heißen Wind ein, der über das Metalldach strich, als müsste er die Worte erst wie eine schwere Last aus seiner Brust emporheben.
„Ich habe ihr einen Antrag gemacht“, sagte er schließlich.
Die Worte waren leise, beinahe beiläufig in die Weite des Himmels gesprochen, und doch besaßen sie die Wucht eines einschlagenden Beyblades.
Ray, der gerade im Begriff gewesen war, seine Sitzposition zu verändern, verlor für einen Sekundenbruchteil komplett den Halt. Seine Stiefel rutschten auf der leicht schrägen Teerpappe des Flachdachs weg, und er stolperte unfreiwillig ein Stück nach vorn, bevor er sich mit einer schnellen, katzenhaften Bewegung wieder abfangen konnte. Seine goldenen Augen waren so weit aufgerissen, dass das sonst so unerschütterliche Gesicht des White-Tigers-Anführers völlig aus den Fugen geraten schien.
„Du… was?!“, brachte Ray heraus, und seine Stimme klang eine Oktave höher als gewohnt. Er starrte auf den liegenden Kai hinab, als hätte dieser gerade behauptet, sein Bit-Beast Dranzer sei in Wahrheit ein rosa Kanarienvogel.
„Du sagst das einfach so? Als wäre es das Normalste der Welt? Als hättest du ihr vorhin in der Mensa bloß das Salz gereicht?!“
Kai öffnete die Augen wieder. Die rubinroten Iris fixierten Ray mit der gewohnten, messerscharfen Kälte, auch wenn in der Tiefe seines Blicks die Erschöpfung der letzten Stunden mitschwang. Er bewegte den Kopf nicht, zog aber eine Augenbraue in epischem Ausmaß nach oben.
„Zieh nicht so ein dämliches Gesicht, Ray“, raunte Kais tiefe Stimme, trocken und absolut unbeeindruckt von der emotionalen Explosion seines Freundes. „Das passt nicht zu dir.“
Ray schloss langsam den Mund, blinzelte zweimal, um die Realität zu verarbeiten, und ließ sich dann mit einem fassungslosen Kopfschütteln wieder auf den Boden sinken. Das majestätische Pokerface, das er unten in der Mensa gegenüber Mariah noch gewahrt hatte, war endgültig pulverisiert.
„Kai, du hast dich verlobt!“, stieß Ray hervor, während ein fassungsloses, aber unendlich ehrliches Lächeln auf seinen Zügen breitbrach.
„Der unnahbare Kai Hiwatari bindet sich fürs Leben. Dass ich das noch erleben darf. Ich glaube, Max wird ohnmächtig, wenn er das erfährt. Und Tyson… Tyson wird wahrscheinlich versuchen, deine Hochzeitstorte allein aufzuessen.“
Kai stieß ein leises, mürrisches Schnauben aus und sah wieder starr nach oben in die ziehenden Wolken. Die Erwähnung der anderen brachte die Realität der Außenwelt zurück, doch hier oben, im Wind, schrumpfte sie wieder auf ein erträgliches Maß.
Er spürte, wie sich die extreme Anspannung in seinen Schultern durch Rays ehrliche, wenn auch schockierte Reaktion ein klein wenig lockerte.
Ray saß eine Weile schweigend da, während der Wind an seinen langen Haaren zupfte. Er beobachtete das unbewegliche Profil seines Freundes. Die erste Fassungslosigkeit legte sich langsam, doch an ihre Stelle trat die unbändige Neugierde des Strategen.
„Wie kam es überhaupt dazu?“, fragte Ray schließlich leise, und sein Blick bohrte sich in Kais Gesicht.
„Ich meine… wieso ausgerechnet jetzt? Und vor allem…“
Ein spitzbübisches, fast schon ungläubiges Grinsen stahl sich auf Rays Lippen.
„Hast du ernsthaft einen Kniefall gemacht, Kai? Der große Kai Hiwatari auf den Knien vor einer Frau? Das Bild kriege ich im Leben nicht mehr aus dem Kopf.“
Kai bewegte keine Faser seines Körpers. Er starrte weiter starr in den wolkenverhangenen Himmel, doch seine Stimme schnitt die Hitze des Daches mit absoluter Trockenheit.
„Ich liebe sie“, raunte seine tiefe Stimme, kalt und unumstößlich wie ein Fels.
„Das ist Grund genug.“
Ray sah ihn an, und das Grinsen auf seinen Zügen verblasste langsam, abgelöst von einem nachdenklichen, fast schon besorgten Stirnrunzeln. Er kannte Kai gut genug, um zu wissen, wenn dieser eine Mauer hochzog.
Und im Moment war diese Mauer gigantisch.
„Sicher ist es das“, erwiderte Ray ruhig, aber bestimmt.
„Aber du bist Kai. Du überlässt nichts dem Zufall. Ihr seid seit knapp einem Jahr zusammen. Ihr hättet sicher noch ein paar Jahre mit so einem Schritt warten können. Nami ist gerade mal neunzehn, du bist zwanzig. Warum also genau jetzt Nägel mit Köpfen machen, als würde euch die Zeit weglaufen?“
Bei diesen Worten zog sich in Kais Inneren alles zusammen. Das Hämmern in seinem Kopf wurde lauter. Die Wahrheit... Namis Schwangerschaft, die sechste Woche, das winzige Wunder unter ihrem Herzen, das sie bis zum Ultraschalltermin nächste Woche eisern beschützen wollten... lag ihm auf der Zunge.
Aber er durfte und würde sie nicht direkt hinausposaunen. Es war ihr Geheimnis. Ihr verletzlicher, heiliger Raum.
Kais Kiefermuskel mahlte gefährlich. Er fühlte sich so langsam aber sicher massiv in die Enge gedrängt. Die Fragen bohrten genau in der Wunde seiner eigenen, tiefen Zerrissenheit über die Vaterschaft. Er wollte diese Fragen nicht beantworten.
Nicht jetzt. Nicht vor Ray.
Mit einer abrupten, fast schon raubtierhaften Bewegung drehte Kai den Kopf zur Seite und fixierte Ray mit einem Blick aus seinen rubinroten Augen, der so finster und abweisend war, dass die Luft auf dem Dach merklich abkühlte.
„Ich bin eigentlich hier hochgekommen, um alleine zu sein, Ray“, wich er der Frage eiskalt aus. Seine Stimme war eine offene Warnung, keinen Schritt weiterzugehen.
Doch Ray wich nicht zurück. Er hielt dem eisigen Blick stand, atmete tief durch und schüttelte langsam den Kopf.
„Und genau das ist das Problem, Kai“, sagte Ray mit einer unerschütterlichen, väterlichen Sanftheit in der Stimme.
„Du warst schon verdammt lange nicht mehr hier oben auf diesem Dach. Du flüchtest nur hierher, wenn dir die Welt da unten zu eng wird und dein eigener Kopf dich erdrückt. Also sag mir nicht, es ist nichts. Irgendetwas beschäftigt dich ganz gewaltig. Und es ist mehr als nur die Verlobung.“
Das dumpfe, energische Summen eines Vibrationsalarms durchschnitt die angespannte Stille auf dem Dach. Kai griff in die Tasche seiner Hose und zog sein Smartphone heraus. Als sein Blick auf das Display fiel, spürte er eine sofortige Welle der Erleichterung.
Es war die perfekte Ausrede, um dieses bohrende Gespräch, das ihm viel zu nahe ging, augenblicklich zu beenden.
Doch als er die Nachricht von Nami las, verflog die Erleichterung im Bruchteil einer Sekunde und machte einer glatten, messerscharfen Fokussierung Platz.
„Wo bist du? Ich lege mich kurz in dein Büro. Mir ist ein wenig schwindelig...“
Die Worte trafen ihn wie ein physischer Schlag. Sechste Woche. Die hormonelle Umstellung. Die Hitze des Junitages. Seine Beschützerinstinkte schossen sofort auf ein Maximum.
Ohne ein weiteres Wort der Erklärung spannte Kai die Muskeln an und erhob sich mit einer fließenden, raubtierhaften Bewegung vom Boden. Er steckte das Handy zurück in die Tasche und sah auf Ray herab, der ihn aus seinen goldenen Augen aufmerksam und mit ungeminderter Sorge beobachtete.
Kais mürrische, unnahbare Maske war wieder vollkommen an ihrem Platz, härter und undurchdringlicher als je zuvor.
„Ich beende dieses Gespräch an dieser Stelle, Ray“, raunte Kais tiefe Stimme und der Tonfall schnitt jede weitere Diskussion eiskalt ab. Er klopfte sich mit einer knappen Bewegung den Staub von der dunklen Kleidung.
„Und du solltest langsam mal aufhören, wieder den Psychologen zu spielen.“
Ray hob leicht die Hände, als würde er beschwichtigen wollen, doch sein Blick blieb forschend.
„Kai, ich will dich nur nicht abstürzen sehen–“
„Es ist alles bestens“, unterbrach ihn Kai trocken, drehte sich auf dem Absatz um und ging mit schnellen, großen Schritten auf die schwere Metalltür zu.
Er ließ Ray allein auf dem Flachdach zurück, ohne sich noch einmal umzusehen. Seine Gedanken waren längst nicht mehr bei Voltaires Genen oder den Fragen seines Freundes... sie waren ausschließlich im Westflügel der BBA, in seinem Büro, wo Nami auf ihn wartete. Er musste zu ihr, das war das Einzige, was in diesem Moment zählte.
Kai legte den Weg durch die weiten, kühl klimatisierten Korridore des Westflügels mit schnellen, lautlosen Schritten zurück. Trotz des modernen Belüftungssystems der BBA, das die Luft im Gebäude angenehm frisch hielt, brannte in Kais Brust eine ganz andere Art von Hitze.
Seine Züge waren wie aus Stein gemeißelt, als er die Tür zu seinem privaten Büro öffnete, eintrat und sie leise, aber bestimmt hinter sich ins Schloss fallen ließ.
Das Büro war angenehm kühl, die Jalousien hielten das grelle Junilicht draußen.
Auf dem dunklen Ledersofa lag Nami. Sie hatte die Beine leicht angezogen, eine Hand ruhte matt auf ihrer Stirn, während ihr silberweißes Haar sich über das dunkle Polster ergoss. Sie war blass, und ihre Augen waren geschlossen.
Kais mürrische Maske veränderte sich nicht auffällig, doch seine Bewegungen wurden augenblicklich weicher, fast ehrfürchtig. Er überwand den Abstand mit zwei Schritten, hockte sich an die Kante der Couch und legte seine große, kühle Handfläche ohne ein Wort auf ihre Stirn.
Ihre Haut war kühl, aber feucht.
Nami öffnete die ozeanfarbenen Augen und blickte ihn matt an. Ein schwaches, fast schon entschuldigendes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Da bist du ja…“, flüsterte sie.
„Es tut mir leid. Ich weiß auch nicht… im Trainingsraum ist mir plötzlich so schwindelig geworden. Wahrscheinlich habe ich heute Morgen einfach zu wenig getrunken.“
„Sag nichts“, raunte Kai mit seiner tiefen Stimme. Seine Finger glitten von ihrer Stirn an ihre Wange, strichen eine silberne Locke beiseite. Seine Berührung war besitzergreifend, ruhig und von einer stillen Intensität geprägt. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Sechste Woche.
Das biologische Wunder in ihrem Inneren forderte seinen Tribut, und die schiere Verantwortung, sie und das Kind zu schützen, lag wie ein unsichtbares Gewicht auf seinen Schultern. Er wurde nicht panisch, er wurde nur unendlich aufmerksam.
„Bleib liegen.“
Er wollte gerade aufstehen, um ihr ein Glas Wasser zu holen, als es dreimal kurz und verhalten an der Bürotür klopfte.
Kai verharrte in der Bewegung. Seine rubinroten Augen verengten sich leicht und eine eiskalte, unnahbare Barriere legte sich augenblicklich über sein Gesicht.
Er erhob sich zu seiner vollen Größe und stellte sich so strategisch vor das Sofa, dass er Nami mit seinem breiten Körper komplett vor jedem Blick abschirmte.
Die Tür öffnete sich einen Spalt breit, und Ray trat ein.
Kai wurde nicht laut. Er fixierte Ray lediglich mit einem Blick, der so scharf und abweisend war, dass er jede Diskussion im Keim erstickte.
„Ich dachte, ich hätte mich oben auf dem Dach klar ausgedrückt, Ray“, sagte Kai mit einer gefährlich leisen, kontrollierten Stimme.
Ray ließ sich von der eisigen Aura nicht einschüchtern. Seine goldenen Augen wanderten kurz an Kais Flanke vorbei zu der blassen Nami auf dem Sofa. Er schloss die Tür leise hinter sich, blieb aber an der Schwelle stehen. In seinen Händen hielt er eine dampfende Porzellantasse.
„Ich bin dir nicht gefolgt, um zu spionieren, Kai“, erklärte Ray mit einer unerschütterlichen, tiefen Ruhe und hob die Tasse leicht an.
„Ich habe Nami vorhin bevor ich zu dir gegangen bin, auf dem Flur gesehen. Sie war blass. Und da ich weiß, dass der große Kai Hiwatari zwar ein Genie an der Arena ist, aber im Moment vermutlich… andere Dinge im Kopf hat, habe ich das hier mitgebracht.“
Er trat langsam vor, stellte die Tasse auf den Couchtisch und trat sofort wieder zwei Schritte zurück, um Kais Territorium zu respektieren.
„Das ist ein spezieller Kräutertee aus meiner Heimat“, sagte Ray gelassen, während er Kai fest in die Augen sah.
„Er schmeckt ein bisschen herbe, aber er stabilisiert den Kreislauf und vertreibt den Schwindel innerhalb von Minuten. Bei den White Tigers haben wir den immer nach extremen Erschöpfungszuständen getrunken. Es hilft dem Körper, wieder in die Balance zu kommen.“
Kai starrte auf die dampfende Tasse, dann auf Ray. Das Misstrauen wich einer widerwilligen Akzeptanz.
Er trat einen Schritt beiseite.
Nami setzte sich mit Kais Unterstützung langsam auf, stützte sich gegen die Kissen und nahm die warme Tasse entgegen.
„Danke, Ray… das ist wirklich lieb von dir“, sagte sie leise und nahm einen vorsichtigen Schluck.
Ray beobachtete sie aufmerksam, und für einen kurzen Moment strich sein Blick über den prachtvollen, ozeanblauen Ring an ihrer linken Hand, der im Halbdunkel des Büros matt funkelte. Er stellte keine Fragen. Er bohrte nicht nach. Seine scharfe Intuition fügte die Puzzleteile längst zusammen:
Kais plötzliche Verlobung, seine extreme, schützende Nähe seit dem Morgen und Namis plötzlicher Kreislaufwandel im klimatisierten Gebäude.
Ray verstand.
Aber er respektierte ihr Pokerface.
Ray wandte sich wieder an Kai, und seine Stimme nahm den gewohnten, professionellen Tonfall des stellvertretenden Coaches an.
„Max und Mariah fangen an, sich zu wundern, wo ihr bleibt. Max ist immer noch deprimiert wegen der Midori-Sache und Mariah zieht ihn ununterbrochen damit auf. Wenn du jetzt hier drin bleibst, wird Mariah irgendwann reinschauen, um Nami zu holen. Und wir wissen beide, dass Mariah… sehr viele Fragen stellt.“
Kai verschränkte die Arme vor der Brust, die Kiefermuskeln fest angespannt. Er schwieg, doch seine roten Augen fixierten Ray mit einem stummen Einverständnis.
„Ich gehe jetzt wieder vor in die Trainingshalle“, fuhr Ray ruhig fort, und ein feines, absolut loyales Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
„Ich werde den beiden und Mr. Dickenson sagen, dass Nami wichtige Dokumente für ihren Vater sichten muss und du ihr dabei hilfst, weil es vertraulich ist. Ich sorge dafür, dass euch für den Rest des Nachmittags niemand stört. Nimm dir die Zeit, Kai. Bring sie nach Hause, wenn der Tee gewirkt hat.“
Ray nickte Nami noch einmal kurz und respektvoll zu, drehte sich um und ging auf die Tür zu.
Er verlangte kein Danke von Kai... das war es, was jahrelange Teamkollegenschaft ausmachte.
Kurz bevor er die Klinke herabdrückte, ertönte Kais Stimme. Sie war immer noch tief, immer noch rau, aber die abweisende Kälte war verschwunden.
„Ray.“
Ray hielt in der Bewegung inne und sah über die Schulter zurück.
Kai stand neben dem Sofa, eine Hand locker in der Hosentasche vergraben, und blickte ihn starr an. Ein kaum merkliches, kurzes Nicken war alles, was über seine Lippen kam. Ein stummer Schwur der Anerkennung unter Männern.
Ray lächelte ruhig. „Gern geschehen, Kai.“
Mit einem leisen Klicken schloss sich die Tür hinter dem White Tiger. Im Büro kehrte wieder die schützende Stille ein.
Nami atmete tief aus, spürte bereits, wie die wohlige Wärme des Tees ihren Kreislauf beruhigte, und sah zu Kai hoch.
„Ray ist ein wirklich guter Freund.“
Kai setzte sich wieder zu ihr auf die Couch, nahm ihr die halb leere Tasse ab und stellte sie beiseite. Dann zog er sie sanft, aber bestimmt an seine Brust und schlang die Arme um sie.
„Er redet zu viel“, grummelte er tief in ihr silberweißes Haar, doch der feste Druck seiner Arme verriet ihr, wie unendlich erleichtert er über Rays stille Rückendeckung war.
„Aber er hält sein Wort. Wir fahren nach Hause, sobald du dich bereit fühlst.“
Als Ray die schwere Holztür von Kais Büro hinter sich ins Schloss gleiten ließ, blieb er für einen Moment im stillen, kühl klimatisierten Korridor stehen.
Er atmete tief durch und steckte die Hände in die Taschen seiner Hose. Er ging mit langsamen, bedächtigen Schritten zurück in Richtung der Trainingshallen, doch seine Gedanken liefen im Kreis, schneller und unaufhaltsamer als jedes Beyblade in der Arena.
Seine scharfe Intuition hatte die Puzzleteile fast automatisch zusammengesetzt. Kais unheimlicher Beschützerinstinkt, der prachtvolle Diamant an Namis Finger, ihr plötzlicher, schwacher Kreislauf im perfekt temperierten Gebäude... all das schrie nach einer ganz bestimmten, logischen Konsequenz. Einer Konsequenz, die Ray als Erster begriffen hätte.
Doch da war diese eine, massive Wand in seinem Kopf. Ein Fakt, der alles ins Wanken brachte.
~Kais Vasektomie~
Ray hielt mitten im Schritt inne und starrte nachdenklich auf den glänzenden Linoleumboden des Flurs.
Er wusste davon. Kai hatte vor Jahren, nach all den traumatischen Ereignissen, eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Er hatte damals in einer seiner seltenen, beinahe brutalehrlichen Phasen angemerkt, dass die Hiwatari-Blutlinie mit ihm enden würde.
Er wollte niemals zulassen, dass das Gift seiner Familie an eine neue Generation weitergegeben wird oder als Druckmittel gegen ihn verwendet werden kann. Es war ein chirurgischer, endgültiger Schlussstrich gewesen.
Ray schüttelte langsam den Kopf, um den absurden Gedanken zu vertreiben, der sich so hartnäckig in sein Bewusstsein drängte. Und doch… je länger er darüber nachdachte, desto weniger ließen ihn die Puzzleteile los.
Kais Augen oben auf dem Dach. Das war nicht nur die Nervosität eines frisch Verlobten gewesen. Da war eine tiefe, fast schon existenzielle Zerrissenheit in seinen rubinroten Augen gewesen, eine unbändige Schwere, die Ray sich vorhin nicht hatte erklären können und Namis Erschöpfung war kein normaler Schwächeanfall.
Es war eine tief sitzende, biologische Veränderung, die sie mit aller Macht zu verbergen versuchte.
Ray hob den Blick und sah in Richtung der großen Glastüren der Trainingshalle, hinter denen das gedämpfte Klacken der Kreisel zu hören war. Ein leises, ungläubiges Atmen entwich seiner Brust.
~Könnte es sein, dass es trotzdem so ist?~
Konnte die Medizin versagt haben? Ein biologisches Wunder, ein winziger Prozentsatz an Unwahrscheinlichkeit, der ausgerechnet den Mann traf, der sein Leben lang versucht hatte, der Zukunft zu entkommen?
Wenn dem so war, ergab Kais ganzes, völlig untypisches Verhalten der letzten Stunden plötzlich einen messerscharfen, fast schon erschütternden Sinn.
Er verteidigte nicht nur seine Verlobte. Er verteidigte ein Universum, das er niemals für möglich gehalten hatte.
Ray spürte, wie ihm eine Gänsehaut über die Arme lief. Ein tiefes, wissendes Lächeln legte sich auf seine Züge, während er den Weg zu den anderen Blader fortsetzte. Er würde dieses Geheimnis wie seinen eigenen Augapfel hüten.
Denn wenn seine Vermutung stimmte, brauchte Kai im Moment keine bohrenden Fragen, sondern genau das, was Ray ihm gegeben hatte: absolut verlässliche, schweigende Rückendeckung.